Intuitive Benutzbarkeit als Usability-Ziel - ekphorie.de
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1.1 Wer spricht wann von „intuitiv“?<br />
Das Wort „intuitiv“ kommt bei verschie<strong>de</strong>nen<br />
Gelegenheiten zur Sprache,<br />
wenn das Zusammenspiel von Mensch<br />
und Technik beschrieben wird. Wir hören<br />
es von Herstellern interaktiver Systeme<br />
<strong>als</strong> Eigenschaftswort zur Charakterisierung<br />
von Interfaces, häufig mit einem<br />
werben<strong>de</strong>n Hintergrund. Wir hören<br />
es auch von Benutzern während o<strong>de</strong>r<br />
nach <strong>de</strong>r Benutzung interaktiver Systeme,<br />
häufig gepaart mit <strong>de</strong>r Enttäuschung,<br />
dass eine „intuitive“ <strong>Benutzbarkeit</strong><br />
nicht gegeben sei.<br />
Die Frage, ob User „intuitive“ Interfaces<br />
wünschen, weil sie ihnen von <strong>de</strong>r Werbung<br />
versprochen wer<strong>de</strong>n o<strong>de</strong>r ob es<br />
umgekehrt ist, ist schwer zu entschei<strong>de</strong>n.<br />
Bei einer historischen Analyse lassen<br />
sich Hinweise dafür fin<strong>de</strong>n, dass die<br />
Vermarktung von grafischen User-Interfaces<br />
bei ihrer Einführung mit einem<br />
vermehrten Gebrauch <strong>de</strong>s Wortes „intuitiv"<br />
einhergeht. Wichtiger ist die Frage,<br />
wie <strong>Usability</strong>-Experten mit <strong>de</strong>m heute<br />
allgegenwärtigen Wunsch nach „intuitiv“<br />
benutzbaren Interfaces umgehen.<br />
Auf <strong>de</strong>r einen Seite sind Wünsche von<br />
Seiten <strong>de</strong>r User selbstverständlich ernst<br />
zu nehmen, auf <strong>de</strong>r an<strong>de</strong>ren Seite kann<br />
<strong>de</strong>r Sprachgebrauch von Werbetreiben<strong>de</strong>n<br />
nicht unkritisch übernommen wer<strong>de</strong>n.<br />
Das Einfließen <strong>de</strong>s Wortes „intuitiv“<br />
in <strong>de</strong>n öffentlichen Diskurs einer noch<br />
jungen Berufsgruppe muss kritisch betrachtet<br />
wer<strong>de</strong>n. Insbeson<strong>de</strong>re dann,<br />
wenn das Wort „intuitiv“ nicht hinreichend<br />
expliziert wird, son<strong>de</strong>rn <strong>als</strong> interpretativ<br />
offenes Zauberwort eingesetzt<br />
wird.<br />
1.2 „Intuitiv“ <strong>als</strong> Prädikat<br />
Ob ein User-System-Interface 1 <strong>als</strong><br />
„intuitiv“ (und damit positiv) o<strong>de</strong>r umge-<br />
1 Motiviert durch eine persönliche Mitteilung<br />
von Wolfgang Dzida sprechen wir<br />
von „User-System-Interfaces“ und nicht<br />
von „User-Interfaces“, um <strong>de</strong>utlich zu ma-<br />
kehrt <strong>als</strong> „nicht intuitiv“ (und damit negativ)<br />
bewertet wird, kann nicht von<br />
<strong>de</strong>m Interface selbst abhängen, son<strong>de</strong>rn<br />
davon, ob bei ihm eine Passung<br />
zwischen <strong>de</strong>n Gewohnheiten <strong>de</strong>r User<br />
und <strong>de</strong>n Funktionen <strong>de</strong>s Systems hergestellt<br />
wird (vgl. Hurtienne et al.<br />
2006). Wenn eine solche Passung<br />
zwischen <strong>de</strong>r Verhaltensspezifikation<br />
<strong>de</strong>r User und <strong>de</strong>r Verhaltensspezifiktion<br />
<strong>de</strong>s Systems erzeugt wur<strong>de</strong>, spricht<br />
nichts dagegen, sie mit bestimmten<br />
Begriffen auszuzeichnen.<br />
Eine Auszeichnung mit <strong>de</strong>m Prädikat<br />
„intuitiv“ ist seit <strong>de</strong>n von Jef Raskin<br />
geäußerten Einwän<strong>de</strong>n zumin<strong>de</strong>st<br />
kritisch zu betrachten (Raskin 1994).<br />
Raskin weist nachdrücklich darauf hin,<br />
dass das Konzept eines „intuitiven“<br />
User-System-Interfaces bei näherer<br />
Hinsicht nicht haltbar ist. Das Konzept<br />
beruhe auf <strong>de</strong>r Vorannahme, dass<br />
ohne vorangegangene Lernprozesse,<br />
ohne Vorerfahrung bzw. ohne je<strong>de</strong><br />
Überlegung mit einem Interface umgegangen<br />
wer<strong>de</strong>n kann – und sei damit<br />
ein Wunsch<strong>de</strong>nken. Er schlägt vor, bei<br />
<strong>de</strong>r Beurteilung von Interfaces auf <strong>de</strong>n<br />
Begriff „intuitiv“ zu verzichten und<br />
statt<strong>de</strong>ssen von „vertrauten“, „bekannten“<br />
o<strong>de</strong>r „gewohnten“ Interfaces zu<br />
sprechen (Raskin 1994).<br />
Ein Gefühl <strong>de</strong>r „Vertrautheit“ kann auf<br />
verschie<strong>de</strong>nen Wegen erreicht wer<strong>de</strong>n.<br />
Nach Raskin wird <strong>de</strong>r Umgang<br />
mit Interfaces insbeson<strong>de</strong>re dann <strong>als</strong><br />
„intuitiv“ erlebt bzw. beschrieben, wenn<br />
die größten Lernerfolge in <strong>de</strong>r Anfangsphase<br />
liegen. Nämlich genau<br />
dann, wenn das Subjekt über früher<br />
erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten<br />
verfügt, die umstandslos angewen<strong>de</strong>t<br />
wer<strong>de</strong>n können. Ist <strong>de</strong>r Verlauf <strong>de</strong>s<br />
Lernprozesses beim Umgang mit ei-<br />
chen, dass das Interface <strong>als</strong> ein Januskopf<br />
betrachtet wer<strong>de</strong>n muss, bei <strong>de</strong>m<br />
es um das Zusammenwirken von User<br />
und System sowie von System und User<br />
geht.<br />
nem Interface durch geringe Erfolge in<br />
<strong>de</strong>r Anfangsphase und schnellere Erfolge<br />
im weiteren Verlauf geprägt, ist <strong>als</strong>o<br />
zum Beispiel ein beson<strong>de</strong>res Verständnis<br />
für einen komplizierten Zusammenhang<br />
erfor<strong>de</strong>rlich, wird das Prädikat „intuitiv“<br />
im heutigen Sprachgebrauch eher<br />
nicht verwen<strong>de</strong>t. Das Prädikat scheint<br />
für „einfache“ Anwendungen reserviert<br />
zu sein, mit <strong>de</strong>nen auch Anfänger bereits<br />
erfolgreich umgehen können.<br />
Dass gera<strong>de</strong> die Einfachheit <strong>de</strong>r Handhabung<br />
von User-System-Interfaces mit<br />
<strong>de</strong>m Prädikat „intuitiv“ gekennzeichnet<br />
wird, ist nicht selbstverständlich. In <strong>de</strong>m<br />
mittlerweile <strong>als</strong> Klassiker gelten<strong>de</strong>n<br />
Buch von Jens Rasmussen zur Interaktion<br />
von Mensch und Technik (Rasmussen<br />
1986) fin<strong>de</strong>t sich beispielsweise<br />
eine gänzlich an<strong>de</strong>re Verwendung <strong>de</strong>s<br />
Prädikats. In Anlehnung an das Stufen-<br />
Mo<strong>de</strong>ll <strong>de</strong>r Gebrü<strong>de</strong>r Dreyfus zum Erwerb<br />
von Fertigkeiten wer<strong>de</strong>n „intuitive“<br />
Handlungen <strong>als</strong> Kennzeichen <strong>de</strong>r höchsten<br />
Stufe von Expertentum betrachtet<br />
(Dreyfus & Dreyfus 1980).<br />
Anfänger können lediglich mit Situationsmerkmalen<br />
umgehen, die unabhängig<br />
vom Nutzungskontext erkannt wer<strong>de</strong>n,<br />
d.h. immer in gleicher Weise auftreten<br />
und auch immer gleich zu behan<strong>de</strong>ln<br />
sind. Auf <strong>de</strong>m Weg zum Expertentum<br />
bieten dann in <strong>de</strong>r nächsten Stufe feste<br />
Regeln eine Orientierung, bevor sie im<br />
fortgeschrittenen Stadium durch situativ<br />
gültige Regeln ersetzt wer<strong>de</strong>n. Ist <strong>de</strong>r<br />
Einbezug <strong>de</strong>r Situationen ohne Aufwand,<br />
d.h. ohne eine zeitaufwändige<br />
kognitive Analyse möglich, gelingt nach<br />
einer längeren Phase <strong>de</strong>r Einübung <strong>de</strong>r<br />
qualitative Sprung zum Expertentum und<br />
damit zu einem „intuitiven“ Han<strong>de</strong>ln und<br />
Entschei<strong>de</strong>n (Experten lösen keine Probleme,<br />
schlicht <strong>de</strong>shalb weil ihnen keine<br />
begegnen.). Auf diesen „intuitiven“ Anteil<br />
<strong>de</strong>r menschlichen Intelligenz berufen<br />
sich die Gebrü<strong>de</strong>r Dreyfus wenn sie das<br />
Wesen <strong>de</strong>r menschlichen Expertise in<br />
Abgrenzung zu „Expertise“ in Experten-<br />
2 Dieser Text ist vorläufig. Er ist nicht abschließend korrekturgelesen. Sowohl Inhalt wie Schreibweise mögen sich noch än<strong>de</strong>rn.<br />
Bei Zitaten bitte beachten. Im Zweifel gilt die spätere Druckfassung. 2009-06-29, h.