Die Baustelle - Diakonie Mitteldeutschland

gcDMtfZ7e4

Die Baustelle - Diakonie Mitteldeutschland

Mitteldeutschland

Baustelle Diakonie

Bericht 2006 / 2007

Diakonisches Werk

Evangelischer Kirchen in

Mitteldeutschland e. V.

Umbruch

und

Aufbruch

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 1


2 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Baustelle Diakonie

Umbruch und Aufbruch

Wo der HERR

nicht das

Haus baut,

so arbeiten

umsonst, die

daran bauen.

Psalm 127,1


Diakoniebericht 2007 / 2008

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 3

Inhalt

Der Vorstand

4 Baustellen gibt es überall ...

OKR Eberhard Grüneberg

8 Soziale Arbeit in der

Rekonstruktion

Kathrin Weiher

13 Ein Palazzo mit Notwohnungen

Dr. Andreas Lischke

Neue Geschäftsstelle

16 Die Baustelle

20 Die Oberbürgermeisterin

26 Der Gemeindepfarrer

30 Der Bauleiter

34 Der Polier

37 Der Architekt

Baustelle Diakonie

18 Die nach den Sternen greifen

23 Vom Dienstleister zum

Systemlieferanten

24 Mit intelligenter Technik

gegen das Vergessen

28 Wissende Eltern,

gesunde Kinder

31 Licht und Luft

35 „Wir bauen Menschen auf“

38 Jahresabschlüsse

39 Impressum

Impressionen vom Umbau der neuen

Geschäftsstelle in Halle / Saale in der

Merseburger Straße 44


4 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 SeitenthemaDer

Vorstand

Eberhard Grüneberg

Baustellen gibt es überall ...

Und gebaut wird immer. Der Einsatz

von Schaufel, Kelle und Pinsel ist alles

andere als profan. Seit alters her

ist Bauen ein wichtiger Bestandteil

menschlicher Kultur. Hier werden

Kunstwerke und Lebensräume geschaffen,

Nutzen und Symbolik gleichermaßen

hergestellt und über Generationen

vererbt. Kultureller und

technischer Fortschritt findet seinen

gesellschaftlichen Ausdruck immer

in Bauwerken. Kaum etwas ist so

Identität stiftend wie ein umbauter

Wir thematisieren, bei der

verbreiteten Neigung zum

sozialen Billigbau, die Statik

unserer Gesellschaft.

Raum. Räume stehen für Schutz,

Gemeinschaft, Bewahrung und Innovation

und nicht zuletzt auch für

das religiöse Leben. Die ältesten

Bauwerke der Menschheit sind Altäre.

Das Alte Testament der Bibel

ist voll von ausführlichen, erstaunlich

detaillierten Baubeschreibungen

zum Tempel (König Salomo) oder

zum Wiederaufbau der zerstörten

Mauer in Jerusalem (Nehemia). Jesus

war Zimmermann …

Dass sich unser Diakoniebericht

dem Thema Bauen widmet, ist vor

dem Hintergrund der Veränderungen

in der Diakonie Mitteldeutschland

wohl nahe liegend. Doch es geht in

diesem Bericht nicht nur um den

Umbau der neuen Geschäftsstelle in

Halle, um die Geschichte eines Gebäudes,

sondern auch um strukturelle

Veränderungen im Dachverband.

Vor diesem Hintergrund haben

wir uns auch in beispielgebenden

Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland

umgesehen. Auch hier

wird in allen Bereichen der sozialen

Arbeit und in allen Regionen geplant,

um- und ausgebaut. In der Summe

zeigt damit dieser Bericht insbesondere

spannende und interessante

Innovationen, die Bereitschaft und

Fähigkeit, sich veränderten Rahmenbedingungen

anzupassen und

dabei das eigentliche Ziel der Hilfe,

die Zuwendung zu den Menschen,

nicht aus den Augen zu verlieren.

Deshalb handelt dieser Diakoniebericht

vom Aufbruch, von der Gestaltung

neuer Bewegungsräume und

von Zuversicht.

Natürlich reden wir beim Thema

Umstrukturierung auch von der Notwendigkeit

des Sparens, der Konzentration

und der Konsolidierung.

Innerhalb dieser Veränderungen zeigen

sich aber auch neue Formen

des öffentlichen und privaten Engagements,

für die wir die Diakonie als

ebenso erfahrenen wie innovativen

Partner vorstellen wollen. Projektarbeit,

Zusammenarbeit im Gemein-


wesen, bürgerschaftliches Engagement

und Spendenmarketing

gewinnen für uns ganz konkret eine

wachsende Bedeutung. Ehrenamtliche,

Verwaltungen und Unternehmer

interessieren sich für neue Formen

der Zusammenarbeit und

wollen die Arbeit der Diakonie gezielt

unterstützen. Hier gilt es, Türen

zu öffnen und neue Räume der Begegnung

zu schaffen.

Auch die Evangelischen Kirchen,

deren Werk die Diakonie Mitteldeutschland

ist, befinden sich in

einem weit reichenden Umbauprozess.

In der neuen Verfassung der

Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland,

der Vereinigung aus

Thüringer Landeskirche und der Kirchenprovinz

Sachsen, hat die Diakonie

in guter Weise Platz gefunden.

Es wird deutlich, dass Diakonie im

Auftrag der ganzen Kirche steht und

Der Vorstand

diakonische Arbeit ein integraler und

eigenständiger Bestandteil der Arbeit

unserer Kirche ist. Die Kreisdiakonischen

Werke und Einrichtungen

bekommen bei den Kirchlichen

Diensten, Einrichtungen und Werken

einen eigenen Absatz und die diakonischen

Gemeinschaften, deren

ausdrückliche Erwähnung mehrfach

gefordert wurde, sind mit einbezogen.

Im Frühjahr 2009 wird die Diakonie

Mitteldeutschland angekommen

sein in einer neuen Geschäftsstelle

im Zentrum unseres Verbandsgebietes.

Damit wird ein letzter wesentlicher

Schritt in der 2004 beschlossenen

Fusion von ehemals

drei Diakonischen Werken vollzogen.

Mit der zentralen Geschäftsstelle

an einem Ort wird die Arbeit

effizienter und erkennbarer gestaltet.

Die Entfernungen nach Salzwe-

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 5

del, Sonneberg, Lauchhammer und

Heiligenstadt sind vergleichbar. Für

gute Erreichbarkeit sorgt die Infrastruktur

der nach Zahl der Einwohner

größten Stadt innerhalb der Diakonie

Mitteldeutschland. Ein

zentraler Standort trägt zum Zusammenwachsen

der bislang von unterschiedlichen

Kulturen geprägten

Dienststellen Dessau, Eisenach und


6 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 SeitenthemaDer

Vorstand

Magdeburg bei. Für unsere Mitglieder

wird die Geschäftsstelle erst

dann als eine einheitliche Organisation

unter einem Dach erlebbar. Und

auch für die Mitarbeitenden selbst,

die sich in ihrer eigenen Lebens- und

Berufsplanung abermals vor ganz

neuen Herausforderungen sehen,

bietet sich nun die Chance, eine einheitliche

Dienstleistungskultur zu

gestalten.

Die neue Dienststelle in Halle bedeutet

für alle einen Neuanfang: für

Mitarbeitende, für Mitglieder, für Kooperationspartner

und für unsere

Verhandlungspartner in der Landespolitik

und in Verwaltungsorgani-

sationen in Sachsen-Anhalt und

Thüringen.

Wenn der Umbau eines alten Hauses

die Bildvorlage für diesen Diakoniebericht

bietet, dann lohnt es sich,

die wechselvolle Nutzung des Gebäudes

zu betrachten. Dr. Andreas

Lischke gibt spannende Einblicke in

die Geschichte der einst prunkvollen

Fabrikantenvilla, die danach Teil

eines Kriegsgefangenenlagers war,

später Notwohnungen auswies und

zuletzt von der Ausländerbehörde

der Stadt Halle genutzt wurde. Kaum

ein Haus in Halle dürfte so direkt und

anschaulich für die wechselvolle Sozialgeschichte

in einer mitteldeutschen

Großstadt stehen.

Und eben auch über den sozialen

Umbau einer Gesellschaft ist dann

zu reden, der in den letzten Jahren

zu einer Großbaustelle wurde. Hier

wurden sehr zügig Veränderungen

geschaffen, die von vielen zu Recht

als Benachteiligung erlebt werden.

Nun fordern wir mit Augenmaß und

Klarheit Korrekturen ein und thema-

tisieren, bei der verbreiteten Neigung

zum Billigbau, die Statik unserer Gesellschaft.

Kathrin Weiher geht in ihrem

Beitrag näher darauf ein.

„Wenn der Herr nicht das Haus baut,

so arbeiten umsonst, die daran bauen.“

Dieses Bibelwort aus dem Alten

Testament gilt von jeher nicht nur als

Zunftweisheit der Bauleute, sondern

vor allem als Richtschnur für jene,

die sich auf das Abenteuer des gemeinsamen

Gestaltens und Veränderns

einlassen, die Räume schaffen

wollen, die über den Moment und

über das Unmittelbare hinaus

Sicherheit und Stabilität bieten.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg,

Vorstandsvorsitzender der

Diakonie Mitteldeutschland

vorstand-vors@diakonie-ekm.de


Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 7


8 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 SeitenthemaDer

Vorstand

Kathrin Weiher

Soziale Arbeit in der Rekonstruktion

Auf mich üben Häuser seit frühester

Kindheit eine besondere Faszination

aus. Gern habe ich mitverfolgt, wenn

mein Vater mal wieder auf irgendeiner

kahlen Fläche seine Projekte

verwirklichte. Einfamilienhäuser,

Doppelhäuser, Mehrfamilienhäuser

und Supermärkte. Es war immer

wieder die Ehrfurcht davor, wie

Wirklichkeit gestaltet wurde und einen

Sinn erhielt.

Später habe ich mich besonders zu

baufälligen oder alten Häusern hingezogen

gefühlt. Sie haben nicht

nur eine Gestalt; sie haben eine Geschichte

– eine Seele. Was gibt es

eigentlich schöneres im Leben eines

Menschen als etwas aufzubauen,

das Bestand hat, etwas das über

das eigene Leben hinaus bleibt? Für

mich ist es fast noch schöner, etwas

wiederaufzubauen, den Sinn, die

Würde, die Achtung und die Funktion

zu aktualisieren.

Da passt durchaus die Analogie zur

Altenhilfe. Wir haben es mit Menschen

zu tun, die durch Krankheit

oder Alter eingeschränkt sind und

oftmals das Tempo unserer Zeit

nicht mehr durchhalten können.

Doch schauen wir in ihre Gesichter,

so sehen wir Spuren eines lange gelebten

Lebens, tiefe Einsichten und

Erfahrungen, oft eine interessante

Lebensgeschichte. Wie schön ist

es, dafür einzutreten, dass diese

Menschen mit Würde und Achtung

behandelt werden.

Wir haben besonders auch in Mitteldeutschland

wunderschöne Städte

und sehen Bauwerke, die Zeitzeugen

sind von der Zeit weit vor uns;

aber auch von der Zeit, die wir miterlebt

haben. So verbindet die Baulichkeit

durch Rekonstruktionen und Renovierungen

verschiedenste Etappen

der Vergangenheit und schafft so einen

Zustand, der alles überwindenden

und vereinigenden Gegenwart – ohne

Unterschiede zu beseitigen. Darin

scheint mir eine wunderbare Gestaltungsmöglichkeit

zu liegen.

In allen sozialen Handlungsfeldern

der Diakonie Mitteldeutschland geht

es darum, auf Unterschiede zwi-

schen Menschen wertschätzend

einzugehen und eine unserer Zeit

gemäße Gegenwart zu bauen. Junge,

alte, behinderte, kranke, einsame,

benachteiligte, verwahrloste,

unglückliche, deutsche und ausländische

Menschen mit unterschiedlichsten

Lebenswelten und Lebenserfahrungen

ganz individuell zu

beraten, zu betreuen, zu pflegen, zu

fördern und in ihrem Sein wahrzunehmen.

Damit gestalten wir unsere

Gegenwart hin zu Integration und

Inklusion ohne Gleichmacherei. In

jedem Standard, jeder Vergütungs-


vereinbarung, jedem Hilfebedarfssystem,

jedem Gespräch mit Klienten,

Angehörigen und Kostenträgern wird

unsere diakonische Grundhaltung,

die die Würde eines jeden Menschen

achtet, spürbar.

Bauwerke sind imposant, herrlich,

abstoßend, mächtig, einladend, beschützend.

Sie dienen Menschen

zum Wohnen, wohlfühlen, arbeiten,

zu verschiedenartigster Freizeitgestaltung

und zur Selbstverwirklichung.

Bauwerke können Gemeinschaft

und Kommunikation fördern,

sie können aber auch isolieren und

ausgrenzen. Bauwerke können Geborgenheit

vermitteln und ein Stück

Heimat sein, sie können aber auch

Orte sein, an die Menschen nicht zurückdenken

möchten.

In der Diakonie Mitteldeutschlands

habe ich unterschiedlichste Bauwerke

kennen gelernt. Neue Wohnformen

im Betreuten Wohnen für alte

Menschen und beispielhafte Wohnmodelle,

die behinderten Menschen

mehr Selbständigkeit und Freiheit

ermöglichen. Förderschulen, die

bestmöglichste Förderung bieten

und vom Baulichen her offen und

sonnig wirken. Werkstätten für behinderte

Menschen, die ein breites

Spektrum von Tätigkeiten von kreativ

bis landwirtschaftlich, von handwerklich

bis technisch im Angebot

haben. Neubauten aber auch Sanierungsobjekte,

die den sozialen Anforderungen

ausgesprochen gut gerecht

werden. Cafes, Kommunikationsplätze,

Sportanlagen und Gemeinschaftsräume,

die gute Möglichkeiten

für ein Miteinander bieten. Häufig

auch Einrichtungen und Angebote,

die ganz ländlich oder mitten in der

Stadt liegen und auch dadurch

Wahlmöglichkeiten für den einzelnen

Menschen schaffen. Es gibt auch

tolle Verbindungen alter Bausubstanz

mit modernsten Ideen zum Bei-

Der Vorstand

spiel bei einer trilingualen Grundschule

und Kindertagesstätte. Doch

gibt es auch noch Einrichtungen, die

weiterhin Finanzmittel brauchen, um

investieren zu können.

Ganz klar und deutlich ist in allen sozialen

Arbeitsfeldern zu erkennen,

dass es immer wieder neue Entwicklungen

gibt und Baulichkeiten neuen

fachlichen Erkenntnissen und individuellen

Bedürfnissen angepasst

werden. Es gibt nicht mehr nur das

eine Hilfsangebot, in das sich alle zu

fügen haben. Es gibt auch nicht

mehr die eine Pflegesatzfinanzierung,

sondern unterschiedlichste

Modelle vom Pflegesatz bis hin zur

Fachleistungsstunde, von der Abrechnung

über die Sozialversicherungsträger,

die für das Klientel ein

Buch mit sieben Siegeln ist, bis hin

zum persönlichen Budget. Neue Bedürfnisse

erfordern fachlich und

auch baulich neue Konzepte. Die

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 9

Der Stein, den die Bauleute

verworfen haben, ist zum

Eckstein geworden.

Psalm 118,22

Diakonie Mitteldeutschland befasst

sich derzeit im Kontext der Liga der

Freien Wohlfahrtspflege in beiden

Bundesländern und in den zuständigen

Fachverbänden intensiv mit

dem recht neuen Thema der alt gewordenen

behinderten Menschen.

Charakteristisch ist für alle Bauwerke,

dass sie in Gemeinschaft

entstanden sind. Es braucht Menschen

mit Ideen oder gar Visionen,

denen es gelingt andere Menschen

für ihre Ideen zu begeistern, denn oft

sind es andere, die das Projekt visualisieren

und finanzieren müssen.

Ein fester, geeigneter Grund muss

gefunden werden; dabei sind Bedürfnisse

nach einer bestimmten

Lage und oft auch einer bestimmten

Infrastruktur zu berücksichtigen.

Auch die Altenheime, Behindertenheime

und Kinder- und Jugendheime

der Vergangenheit waren Bauwerke,

die als „Gemeinschaftsproduktion“


10 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Der Vorstand

entstanden und auch sie waren Ausdruck

ihrer Zeit. Menschen mit Mitte

Vierzig und älter, ob aus West oder

Ost, kennen noch die großen Schlafsäle,

die Gemeinschaftsduschen,

oftmals den autoritären Stil und den

Zwang zum Konformismus.

Es wurde Hilfe geleistet – oftmals

wurden die beteiligten Menschen als

Objekt der Hilfe betrachtet. In den

Anfängen wurde mit einfachen Mitteln

und oft nur gering qualifizierten

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

gearbeitet. Doch auch diese Hilfe

war besser, als nicht zu helfen.

Mit wachsendem gesellschaftlichem

Wohlstand standen auch für soziale

Arbeit mehr Mittel zur Verfügung.

Die Individualisierung als gesellschaftliche

Tendenz führte dazu,

dass aus Hilfeempfängern Beteiligte

wurden und aus Objekten Subjekte,

die Mitbeteiligungsrechte hatten.

Der soziale Bereich wurde ein immer

wichtigeres Arbeitsfeld und von den

dort tätigen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter wurden immer mehr

Qualifikationen verlangt. Das Hilfs-

und Unterstützungsangebot wurde

gleichermaßen ausdifferenzierter,

um individuellen Bedürfnissen und

Bedarfen gerecht zu werden.

Durch Privatisierungs- und Kommunalisierungstendenzen

geraten auch

diakonische Einrichtungen finanziell

unter Druck. Kindergärten werden

vereinzelt rekommunalisiert. Werkstätten

für behinderte Menschen

speziell in Thüringen erleben Senkungen

ihrer Entgelte. In der Altenhilfe

werden Leiharbeit und Outsourcing

immer mehr zu Themen, mit

denen sich die Diakonie Mitteldeutschland

befassen muss. Für

den Vorstandsbereich Soziale Dienste

ist damit insbesondere bei Verhandlungen

mit Kostenträgern, die

stärkere Einbeziehung juristischer

und wirtschaftlicher Kompetenz von

großer Wichtigkeit.

Einen Versuch, dennoch einen qualitativ

hohen Standard festzuschreiben,

stellen die Qualitätsentwicklungs-

und -umsetzungsprozesse

auf allen Ebenen dar. In unseren

Fachverbänden der Altenhilfe, der

Behindertenhilfe und der Kinder-

und Jugendhilfe existieren dazu

Fachgruppen und Handreichungen

oder werden derzeit bearbeitet.

Ebenso wichtig ist es Leistungstypen

zum Beispiel in der Behindertenhilfe

endlich festzuschreiben, um

Rahmenverträge zu konkretisieren

und Standards zu etablieren. Einrichtungen

und Dienste brauchen

verlässliche Rechtsgrundlagen.

Entwicklungen im Personalbereich

dürfen nicht dazu führen, dass Standards

unterlaufen werden. Der Entwicklung

in der Altenhilfe, dass immer

mehr Menschen unter Demenz

leiden und Pflegekräfte aufgrund

des zeitlichen Drucks nicht mehr allen

Anforderungen gerecht werden

können, ist ein wenig – und auch

kostenorientiert – durch das Pflegeweiterentwicklungsgesetz

auf Bundesebene

Rechnung getragen worden.

Mit Fortbildungen qualifizierte

Menschen können ergänzend bezahlt

in der Betreuung eingesetzt

werden. Sicher eine Entlastung, aber

nur verantwortbar, wenn eine regelmäßige

Anleitung und Begleitung

dieser Kräfte erfolgt – wir bringen

uns ein, um das abzusichern.

In der Behindertenhilfe sind Tendenzen

erkennbar, dass unter dem

Stichwort Inklusion besondere fördernde

Einrichtungen wie zum Beispiel

Förderschulen und Werkstätten

verändert werden sollen. In welchem

Maße und mit welcher Zielsetzung,

das wird die Diakonie Mitteldeutschland

im Zusammenwirken mit Einrichtungen

und Fachverbänden kritisch

beobachten.

Sanierungen, Rekonstruktionen, Renovierungen

oder gar Neubauten

sind sicher zu fördern, denn Stillstand

ist Rückschritt. Doch die Entwicklungen

sollten den wirklichen

Bedürfnissen der Menschen angepasst

sein und nicht von anderen

Zielsetzungen geleitet werden. Bauen

wir also gemeinsam an unserer

Zukunft als Diakonie Mitteldeutschland

in den sozialen Arbeitsfeldern.

Kathrin Weiher

Vorstand Soziale Dienste

vorstand-sd@diakonie-ekm.de


Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 11

Blow-up an der Marktkirche Halle im Juli 2007.

Suchet der

Stadt Bestes

und betet für

sie zum

HERRN.

Jeremia 29,7


12 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Einblicke

Stadtarchiv Halle

Im Stadtarchiv Halle lagern einige

Bauakten zur Merseburger Straße

44. Die Bauaufsicht war im späten

19. Jahrhundert eine Aufgabe der

Polizeiverwaltung, erläutert Archivleiter

Ralf Jakob (rechts).

Die Zeichnung oben dokumentiert

den ersten Erweiterungsbau des

Wohnhauses von Fabrikbesitzer

August Wernicke.


Eine lückenlose Geschichte der Nutzung

der Merseburger Straße 44

lässt sich schwer rekonstruieren.

Doch ein Blick in die Akten im Stadtarchiv

weist ebenso auf eine interessante

Historie hin, wie die baulichen

und denkmalpflegerischen Untersuchungen

auf der Baustelle. Aus einer

Fabrikantenvilla im mediterranen

Palazzostil mit verschiedenen historisierenden

Anklängen, wie sie in der

Architektur des 19. Jahrhunderts

verbreitet sind, entsteht nun ein

moderner Verwaltungsbau, dessen

Fassade zwar denkmalgerecht gestaltet

ist, der aber im Inneren rational,

zweckentsprechend und möglichst

wirtschaftlich genutzt werden

soll.

Die Entstehungsgeschichte des

Wohnhauses und etwas später des

Zeichensaales fällt in die Zeit der

größten wirtschaftlichen Blüte

Halles. Der Fabrikant August Wernicke

gehört zu jenen Gründerpionieren

in der Saalestadt, die aus einer

Reparaturwerkstatt für Land- oder

Industriemaschinen einen florierenden

Industriezweig entwickelten, der spätestens

zur Jahrhundertwende der

halleschen Maschinenindustrie Weltruhm

eintrug.

Angefangen 1871 mit einer Kesselschmiede

entwickelt Wernicke ein

Werk für Brauerei- und Brennereianlagen

und stattet ganze Zuckerfabriken

mit eigenen Patentanlagen

aus.

1879 findet sich in den Bauakten ein

erster Antrag, nach dem ein ein-

Der Vorstand

Andreas Lischke

Ein Palazzo mit Notwohnungen

faches schmales Ziegelgebäude in

eine repräsentative Villa umgebaut

werden soll. Das Haus steht seitlich

zur damaligen Merseburger Straße,

die noch kurz zuvor Merseburger

Chaussee heißt. Ein großes Eingangsportal,

Stuckelemente und

Dachverzierungen sind Zeugen der

neuen Zeit und Ausdruck des offenbar

schnell gewonnenen Reichtums.

Vor dem Haus befindet sich ein Garten,

der in Verlängerung nach Westen

direkt in den Fabrikhof übergeht.

Eigentümer, Meister und Vorarbeiter

lebten praktisch auf dem Fabrikgelände.

Eine eigene, gedruckte Arbeitsverordnung,

die jedem Arbeiter

ausgehändigt wird. „Kein Arbeiter

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 13

wird angenommen, welcher nicht

sofort der Ortskrankenkasse für die

Arbeiter der Maschinenfabriken,

Dampfkesselfabriken und Eisengießereien

in der Stadtgemeinde Halle

a. S. beitritt.“ Die Arbeitszeit ist von

früh 6 Uhr bis abends 6 Uhr festgelegt.

Insgesamt werden zwei Stunden

Pause gewährt. „Maßgebend ist

[…] die Fabrikuhr.“

Ab 1891 wird eine große Erweiterung

der Villa geplant. Sei es, weil

der Platz für Familie und Angestellte

nicht mehr reicht, oder weil der Bedarf

an Repräsentation steigt. Bis

1895 entsteht im stumpfen Winkel

zur bestehenden Villa ein großer Anbau,

der sich nun mit imposanter

Straßenbau in der Merseburger

Straße um 1920


14 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Der Vorstand

Fassade zur Straße hin zeigt – mit

Wintergarten, Balkon und großem

Treppenhaus.

Ein Jahr später fügt Wernicke an seinen

hölzernen Gartenpavillon einen

großen Zeichensaal an, der nun Garten

und Fabrikgelände trennt und in

die kunstvolle Gestaltung der Wohngebäude

einbezogen wird. Das Fabrikgelände

wird erweitert, ein großer

Schornstein in den Fabrikhof

gesetzt. Wernicke ist mit 63 Jahren

anscheinend auf dem Höhepunkt

seines Schaffens. 1898 wird die Maschinenfabrik

in eine Maschinenbau

Aktiengesellschaft umgewandelt.

Die Geschäftsführung übernimmt

der Ingenieur Alfred Haacke.

Offenbar ist es spätestens ab 1910

um die AG nicht gut bestellt. In einer

Akte von 1914 ist davon die Rede,

dass die Fabrikhallen vier Jahre nicht

genutzt wurden. Das Gutachten bezeichnet

die Villa sogar als unbe-

wohnbar. Die preußische Militärverwaltung

„requiriert“ das Gelände

und richtet ein Offiziersgefangenlager

ein. Die ausführliche Dokumentation

zum Einbau von frostsicheren

Latrinen lässt vermuten, dass man

um eine angemessene Behandlung

der Gefangenen bemüht war.

Im Jahr 1917, zwei Jahre nach dem

Tod August Wernickes, übernimmt

die erfolgreiche Nachbarfabrik Wegelin

& Hübner die Maschinenbau


AG und nimmt die Produktion in den

Fabrikhallen wieder auf. Für die Fabrikantenvilla

und den Zeichensaal

wird 1922 eine neue Nutzung beantragt.

In den Folgejahren wird der

Zeichensaal zu einem Sechs-Familien-Haus

für Mitarbeiter der Firma

umgebaut. In der Villa werden Notwohnungen

eingerichtet. Offenbar

beginnt damit schon in den zwanziger

Jahren die städtische Nutzung

der Villa. In einer Akte aus 1955 wird

Der Vorstand

ausgesagt, dass bereits vor dem

Krieg ein Abbruch der einst reich verzierten

Villa geplant gewesen sei.

Im zweiten Weltkrieg bleibt die Bausubstanz

der Stadt Halle weitgehend

verschont. Die gezielte Bombardierung

von Industrieanlagen trifft aber

auch die Merseburger Straße, die

Anfang der fünfziger Jahre Stalin-

Allee und spätestens 1961 Lenin-Allee

heißt.

Das Haus bleibt erhalten, doch mit

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 15

der Sanierung 1955 verliert die Fassade

die meisten Schmuckelemente.

Fortan zeigt sich das Vorderhaus, in

dem später auch Verwaltungsbüros

der Wohnungswirtschaft Halle eingerichtet

werden, im typischen

DDR-Rauhputz-Grau.

Drei nebeneinander liegende Fabriken,

die um 1900 in Konkurrenz

zueinander produzierten, wurden zur

VEB Maschinenfabrik Halle/Saale

zusammengelegt, die bis in die

neunziger Jahre hinein produzierte.

In die Villa und den Zeichensaal zog

nach der Wende das Jugendamt mit

dem Allgemeinen Sozialen Dienst

und das Sozialamt mit der Aussiedler-

und Asylbewerberbehörde ein.

Der einstige Garten Wernickes bot

als grüner Innenhof noch immer ein

wenig Rückzugsraum und Geborgenheit.

Dr. Andreas Lischke

Theologischer Vorstand

vorstand-theol@diakonie-ekm.de


16 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Die Baustelle

Oktober 2008

Haus 2, der ehemalige Zeichensaal, wird vor

allem Büroräume für den Bereich Soziale

Dienste aufnehmen. Im Erdgeschoss entsteht

ein Tagungs- und Andachtsraum, der mit

Trennwänden variabel verändert werden kann.

Ich will

meine

Wohnung

unter euch

haben,

und will

euch nicht

verwerfen.

3. Mose 26,11


Im Haus 1 verbindet das Atrium, dessen

Dach auf zwei Säulen ruht, die drei Etagen

miteinander. Das Haus wirkt offener und

man bekommt Sichtkontakt zum Innenhof

und dem alten Zeichensaal.

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 17

Die Wände waren in der Gründerzeit bunt

bemalt und reich verziert. Stuck, Ornamente

und Schmiedearbeiten wurden zum Teil schon

nach wenigen Jahren verdeckt oder zerstört.

Ein kleiner Teil der Ausstattung soll möglichst

erhalten werden.


18 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Baustelle Diakonie

Die nach den Sternen greifen

Marienstift Arnstadt geht neue Wege der Integration

Wer hier arbeitet, will hoch hinaus.

„Jeder hier soll erleben können,

dass er dabei ist. Es geht nicht um

Sollerfüllung, sondern um Hilfe

durch gemeinsame Arbeit.“, erklärt

Jörg Hilbrecht, der das „Johannes-

Falk-Projekt“ im Marienstift Arnstadt

leitet. Erstaunt registriert der Besucher,

welche Ziele sich eine solche

leistungsferne Gemeinschaft dennoch

setzen kann. Auf einem 10.000

Quadratmeter großen Hangareal arbeiten

in dem Projekt Menschen, die

man vor allem als bedauernswerte

Verlierer einer nutzen- und gewinnorientierten

Gesellschaftsordnung

ansieht – bestenfalls als Hilfeempfänger.

Die Beschäftigten hier am

Arnstädter Floraweg wollen und

können mehr. Und greifen buchstäblich

nach den Sternen. Seit Monaten

bauen sie eine Sternwarte wieder

auf, die zu DDR-Zeiten jungen Tech-

nikern diente. Der kleine Rundbau

hat die typische drehbare Kuppel einer

Sternwarte, eine verschließbare

Öffnung für das Fernrohr und einen

behindertengerechten Zugang. Alle

Mechaniken können mit Handkurbeln

betrieben werden. Das besondere

an dieser Sternwarte sind

sicher nicht die astronomisch-technischen

Möglichkeiten. Vielmehr ist

es eine Form der Integration, die in

der sozialen Arbeit in Thüringen wohl

ihresgleichen suchen muss. Die

Männer und Frauen, die hier Schaufel,

Kelle und Harke schwingen, haben

meist eine mehr als gebrochene

Biografie. Alkohol- und drogenabhängig,

straffällig, behindert in Folge

von Sucht – kaum jemand sieht für

diese Menschen Perspektiven auf

einem Arbeitsmarkt, der schon von

den Gesunden und Leistungsfähigen

hart umkämpft ist.

Gleich neben der Sternwarte wird

eine Gartenbaufläche intensiv bewirtschaftet.

Hier wachsen Kartoffeln,

Salatköpfe, Möhren und Gurken,

die als frische Saisonware an

die Arnstädter Tafel ausgegeben

werden. Während Menschen mit einer

seelischen Behinderung in der

Gartenarbeit wertvolle Lebenshilfe

finden, gewinnen Tafelkunden ein

Stück mehr Lebensqualität mit der

Frischware im Einkaufsbeutel. Eine

ebenso eigenständige wie überzeugende

Wertschöpfungskette der sozialen

Hilfe, die hier in hohem Maße

auf Gegenseitigkeit beruht.

Mitten in der Anbaufläche erhebt

sich ein 18 Meter hoher Stahlturm.

Früher übten sich hier Jugendliche

im halbmilitärischen Funkbetrieb.

Lange suchte Hilbrecht nach einer

neuen Nutzungsform. Jetzt steht

fest: aus dem Funkturm wird ein

Nistturm. „Schwerter zu Pflugscharen“,

sagt Hilbrecht lachend. Funksignale

wird es aber wieder geben:


Webcams werden in den Brutkästen

installiert und Bilder von der Aufzucht

in das künftige Kinderheim

übertragen. Letzteres soll das Gelände

bald komplettieren. Das orthopädische

Kinderheim (Friedrich-

Behr-Haus) des Marienstifts soll am

Fuß des Hanggrundstücks einen

neuen Platz bekommen. 32 Kinder

und Jugendliche werden hier künftig

auf dem Grundstück wohnen und

dann auch das Heranwachsen der

Jungvögel in den Brutkästen an Computermonitoren

verfolgen können.

Die Sternwarte werden sie sich teilen

– zum Beispiel mit den 500 Schülern

der Emil-Petri-Schule. Die Förderschule

mit ihrem Einzugsgebiet

weit über den Ilm-Kreis hinaus beherbergt

eine Montessori-Grundschule,

ein integratives Förderzentrum

und eine Förderberufsschule.

Die Sternwarte, die für das höhenverstellbare

Fernrohr noch auf Spendengelder

angewiesen ist, wird sicher

eine große Nachfrage erleben.

Jörg Hilbrecht ist dankbar für die

Unterstützung durch die ARGE im

Ilm-Kreis und durch Privatfirmen,

ohne die bestimmte Bauleistungen

gar nicht hätten ausgeführt werden

können. Mit der Volkssternwarte

Kirchheim gibt es eine enge Kooperation,

sodass auch Sternendeuter-

Know-how verfügbar ist. Etwa 300

Menschen werden jährlich in der

Straffälligen- und Eingliederungshilfe

im Marienstift Arnstadt betreut, 20

Pädagogen und Anleiter stehen dafür

zur Verfügung. „Für uns gibt es

keine Kostensätze und keine Bestandsgarantien.

Wir müssen immer

wieder neu schauen, dass wir dafür

Projektförderungen oder Auftraggeber

finden.“, erklärt Jörg Hilbrecht.

Warum das Projekt nach Johannes

Falk benannt wurde, der nachweislich

kein Astronom war? Der Sozial-

Baustelle Diakonie

reformer gilt als Begründer der modernen

Kinder- und Jugendsozialarbeit.

Anfang des 19. Jahrhunderts

hat der Theologe und Schriftsteller

in Weimar die Waisen der Befreiungskriege

von der Straße geholt

und mit ihnen den maroden Lutherhof

als Heimstatt ausgebaut, hat Jugendlichen

eine Ausbildung geboten

und sie in Arbeitsstellen vermittelt.

Das ist Hilbrechts Vorlage: „Wir weinen

zusammen, wir lachen zusam-

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 19

men, wir schwitzen und wir frieren

zusammen – so soll es sein.“

Wenn das Fernrohr hoffentlich im

Herbst installiert werden kann, suchen

die, die hier nach den Sternen

greifen, die nächste Verbindung zu

Johannes Falk. Dann wollen sie am

Firmament den Asteroid 48480

Falk=1991 YK1 sichten, der seit seiner

Entdeckung vor 17 Jahren den

Namen des Sozialreformers aus

Weimar trägt.


20 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Neue Geschäftsstelle

Die Oberbürgermeisterin

Interview mit Dagmar Szabados

Was bedeutet es für Sie persönlich,

dass die Diakonie Mitteldeutschland

nach Halle zieht? Sie

haben sich ja selbst sehr dafür

eingesetzt.

Die Diakonie ist seit Anfang der neunziger

Jahre ein starker Partner in der

sozialen Arbeit unserer Stadt und ist

natürlich gewachsen aus der Zeit vor

1990. Es gibt auch aus der Wende-

zeit gute gemeinsame Erfahrungen.

Die Diakonie ist nicht ein „Import“,

sondern eine gewachsene Institution

in Halle, zu der ich auch immer einen

guten Zugang hatte. Ich denke da vor

allem auch an die Verantwortungsträger

in der Stadtmission Halle, an

das Krankenhaus Martha-Maria in

Dölau, das Diakoniewerk in der Lafontainestraße.

Hier erlebe ich bis

heute enge Verbindungen.

Nun kommt der Dachverband in

die Saalestadt um von hier aus

die sozialpolitische Lobbyarbeit

zu forcieren in Sachsen-Anhalt

und Thüringen. Was bedeutet es

Ihnen, dass eine Landesinstitution

nach Halle kommt?

Ich habe mich tatsächlich sehr dafür

eingesetzt und geschaut, dass in

der Stadtverwaltung alle Ampeln auf

grün gestellt wurden, weil ich meine,

dass Landesorganisationen nicht

immer nur in den Hauptstädten angesiedelt

sein müssen. Gerade in

der Bundesrepublik und in unseren

eher kleinen Ländern in Mitteldeutschland

ist es wichtig, eine

Konzentration nicht nur in den Landeshauptstädten

zu haben. Eine

Stadt wie Halle mit dieser Tradition

und Geschichte rechtfertigt durchaus

auch den Sitz von landesweiten

und länderübergreifenden Institutionen.

Die evangelische Kirche und

die Diakonie sind Vorreiter für eine

Entwicklung, die auch auf anderen

Ebenen jetzt unbedingt einsetzen

muss. Ich meine die staatlichen Ebenen

der drei mitteldeutschen Länder,

die enger zusammengehen sollten.

Unternehmen machen uns das vor

und auch die Diakonie Mitteldeutschland

hat uns das vorgemacht.


Es gibt inzwischen in Halle ja

auch Erfahrungen mit solchen

Institutionen. Da ist der MDR

Hörfunk, die Regionaldirektion

der Bundesagentur für Arbeit, die

Deutsche Rentenversicherung,

das Netzwerk der Universitäten

und Forschungseinrichtungen.

Was bringt das für eine Stadt wie

Halle? Wie wirkt sich das auf die

Entwicklung tatsächlich aus?

Ich erlebe, dass es ganz, ganz wichtig

ist, dass solche überregionalen

Einrichtungen da sind. Schauen Sie

auf die Leopoldina, die Deutsche

Akademie der Naturforscher, so eine

Institution hebt das Renomee einer

Stadt. Deshalb werbe ich dafür und

zeige auch, dass Halle Potenzial hat,

dass hier Landes- und auch Bundeseinrichtungen

gut angebunden

sind, sich wohl fühlen können und

gut vernetzt sind. Welche Stadt hat

schon solche Netzwerke, wie sie

sich zeigen in unseren Themenjahren

„Halle an der Saale – Antworten aus

der Provinz“. Die Antwort aus der

Provinz heißt: Wir sind gut vernetzt,

wir wissen voneinander, wir bündeln

und wir unterstützen uns gegenseitig.

Das ist das Signal: Wenn ihr hierher

kommt, findet ihr eine gute

Landschaft mit guten Vorteilen, mit

einer aktiven Bürgergesellschaft.

Die Diakonie Mitteldeutschland

hat sich in den letzten Jahren

immer wieder aktiv zur sozialen

Lage in Mitteldeutschland

geäußert und dabei auch mit

Sorge auf die Negativzahlen der

Stadt Halle hingewiesen. Hier vor

allem mit Blick auf die prekären

Lebenslagen von etwa 30 Prozent

der Kinder und Jugendlichen, die

Neue Geschäftsstelle

auf Sozialgeld angewiesen sind.

Fürchten Sie ein wenig die

künftigen Diakonie-Meldungen

aus der nahen Beobachtung?

Nein, absolut nicht. Ich habe es lieber,

man redet miteinander als übereinander.

Und wie ich die Spitzen

der Diakonie Mitteldeutschland kenne,

weiß ich, dass hier nicht hinter

dem Rücken, sondern im offenen

Dialog geredet wird. Dafür stehe ich

ganz zur Verfügung. Ich habe auf

manche Zahleninterpretation eine

andere Sicht. Aber solche Sachen

klärt man miteinander. Und wenn ich

Sachen übersehen habe, auf die

mich die Diakonie Mitteldeutschland

hinweist, dann bin ich auch gern bereit,

mir die Fragen genauer anzusehen.

Bestimmte Dinge auch noch

einmal mit einem diakonischen Blick

zu sehen, kann nicht schaden. Ich

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 21

Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados ließ

zur Mitgliederversammlung im Oktober 2007

„Lockmittel“ verteilen; Hallorenkugeln für alle

bin da dialogbereit und freue mich

auch darauf.

Das heißt, es wird auch möglicherweise

eine Austauschebene

und kurze Wege zwischen der

Stadt Halle und dem Diakonie-

Landesverband geben?

Kurze Wege auch deshalb, weil wir

ab Januar mit Tobias Kogge eine

neuen Beigeordneten für Jugend,

Schule, Soziales und kulturelle Bildung

haben, der als „Kind“ der Diakonie

gesehen werden kann. Natürlich

bin auch ich als frühere

Beigeordnete für Soziales weiter an

einem Austausch interessiert. Mit

Herrn Kogge haben wir aber jemanden,

der in zuvor Sachsen sehr

gut mit der Wohlfahrtspflege vernetzt

war und er kommt aus dem

diakonischen Hintergrund. Da hoffe


22 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Neue Geschäftsstelle

ich im Austausch miteinander, dass

wir noch Anregungen bekommen für

unsere soziale Arbeit in der Stadt.

Die Merseburger Straße ist nicht

unbedingt die attraktivste Straße

der Stadt aber eine mit bewegter

Geschichte. Zu Ihrer Zeit als

Beigeordnete war in der Merseburger

Straße 44 auch die Sozialverwaltung

der Stadt angesiedelt.

Wie haben Sie das Haus in

Erinnerung und wie sehen Sie

jetzt die Entwicklung dieses

Hauses?

Das Haus gehörte ja der Halleschen

Wohnungsgesellschaft. Die Stadt

brauchte Anfang der 90er Jahre für

die vielen Asylbewerber einen Ort

der guten Betreuung und einen Anlaufpunkt.

Das Haus bot sich damals

für den Bereich Ausländer- und Asyl-

wesen an, weil der Hof- und Grünbereich

für Wartezeiten und Gespräche

attraktiv war. Später gab es

eine Konzentration der Sozialverwaltung

in der Südpromenade und

auch nicht mehr diesen quantitativen

Bedarf. Ich freue mich heute,

dass wir hier ein Stück Stadtreparatur

mit dem Sitz einer renommierten

Organisation verbinden. Die Diakonie

wird dort auch sichtbar sein und

verzieht sich nicht in eine lauschige

Ecke. Sie ist damit mitten in der

Stadt, aber nicht im Villenviertel. Die

Diakonie Mitteldeutschland ist damit

mittendrin in einem durchmischten

sozialen Umfeld. Und die Diakonie

nimmt sich eines Hauses an, dass

dem Verfall ausgesetzt war. Da nehmen

Sie eine Verantwortung wahr,

die über die engere soziale Aufgabe

hinausreicht und die auch das Gesunden

einer Stadt im Blick hat.

Wie wird sich denn dieses Viertel

um die Merseburger Straße

entwickeln, das ja über mehr als

einhundert Jahre immer geprägt

ist von Industrie- und Wohnbebauung?

Wird es städtebaulich

eine stärkere Anbindung an die

nahe Innenstadt geben?

Ja, ganz gewiss. Es gibt ein integriertes

Stadtentwicklungskonzept,

das hebt gerade auf diese alten Industriebrachen

im Viertel ab. Stück

um Stück wird hier das Gebiet entwickelt.

Mitunter gibt es Probleme,

weil manchmal die Eigentumsverhältnisse

nicht geklärt sind. Gerade

aber dieses Areal ist als Entwicklungsgebiet

ausgewiesen und gehört

in unserer Stadtentwicklung zu

den wichtigsten Gebieten. Die Diakonie

Mitteldeutschland hatte hier

eindeutig einen guten Blick. Was Sie

in Ihrer neuen Dienststelle jetzt baulich

tun, diese Verbindung von alter

Architektur und neuen Elementen –

das wird ein Hingucker.

Frau Oberbürgermeisterin,

herzlichen Dank für das Gespräch.

Baum pflanzen während des Richtfestes an der

neuen Geschäftsstelle, 24. Oktober 2008;

links Dr. Reinhard Schunke, Ministerialdirigent

im Sozialministerium im Land Sachsen-Anhalt,

hinten v. l.: Bürgermeister Dr. Thomas Pohlack,

OKR Eberhard Grüneberg und Dr. Heinrich

Wahlen, Geschäftsführer der HWG;

ganz rechts: Frank Heinze, Geschäftsführer der

GP Schuppertbau


Eine Kiste mit Nieten und Blechen

zum Montieren. Vom Auftraggeber

angeliefert. Abholung nächste Woche.

Fertig. – So läuft das in Oschersleben

nahe Magdeburg schon lange

nicht mehr. Die Werkstatt für behinderte

Menschen des Matthias-Claudius-Hauses

ist neuerdings eingebunden

in einen komplexen Herstel-

lungsprozess, in dem inzwischen

viel wirtschaftliche Eigenverantwortung

gefragt ist. „Könntet ihr nicht

selbst die Lagerhaltung übernehmen?“,

war die erste Frage, mit der

die Auftraggeber – führende Produzenten

von Schutzhelmen verschiedener

Art – an die Oschersleber

herantraten. Auch ein Hersteller aus

der Möbelbranche fragte an, ob die

Baustelle Diakonie

Werkstatt neben der Montage von

Lattenrosten auch Lagerkapazitäten

vorhalten kann. Die Lagerhalle wurde

vor vier Jahren gebaut und die

nächste Anfrage ließ nicht lange auf

sich warten. Jetzt ist die Werkstatt

des Matthias-Claudius-Hauses auch

selbst zuständig für den Materialeinkauf

und ist spätestens damit Partner

und Teil der Geschäftsstrategie

seiner Auftraggeber geworden.

Doreen Trensch leitet die Werkstatt

in Oschersleben, ist seit zehn Jahren

dabei und sieht in der heutigen Situation

einen echten Paradigmenwechsel.

„Für den Kunden gibt es

einerseits eine Entlastung, andererseits

können wir viel besser steuern,

wie die Arbeit bei uns im Haus ab-

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 23

Vom Dienstleister zum Systemlieferanten

Werkstatt für Behinderte organisiert Produktion selbst

läuft.“ Dafür mussten aber profes-

sionellere Strukturen aufgebaut werden.

Ein vernetztes Rechnersystem

verbindet die Lagerhaltung mit der

Produktion und der Buchhaltung.

Der Einkauf von Einzelteilen erfolgt

inzwischen europaweit. Ist das überhaupt

noch eine Arbeit für Menschen

mit Behinderungen? „Wir brauchten

ja schon immer Gruppenleiter und

die Einrichtung der Arbeitsplätze

nach den Bedürfnissen unserer behinderten

Mitarbeiter. Im Grundsatz

hat sich daran nichts geändert.“, erklärt

Doreen Trensch. „Doch der

Wert der Tätigkeiten ist auch in der

Perspektive unserer behinderten

Mitarbeiter gestiegen. Es stärkt das

Selbstbewusstsein zu wissen, dass

man an wesentlichen Teilen der Produktherstellung

mitarbeitet. Unsere

Leute sind stolz darauf, das erfahren

wir täglich.“

330 Menschen mit Behinderungen

arbeiten im Matthias-Claudius-Haus

in Oschersleben, dazu gibt es etwa

100 Mitarbeitende in der sozialen

Begleitung und in der Verwaltung.

Wie sieht die Zukunft aus auf diesem

Weg der Spezialisierung? „Unser

Ziel bleibt ja in erster Linie die Förderung

von Menschen mit Behinderungen

– bis hin zur Vermittlung in

den ersten Arbeitsmarkt hinein. Das

heißt für uns auch, die Modernisierung

in der Werkstatt weiter voranbringen.“


24 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Baustelle Diakonie

Mit intelligenter Technik gegen das Vergessen

Umbau in Waltershausen ist Bundesmodellprojekt

Der Kühlschrank gibt Signale an ein

Handy; das Flurlicht passt sich im

Farbspektrum der Tageszeit an; die

Dusche spielt meditative Musik und

Meeresrauschen ein; eine Matratze

wiegt den müden Körper nicht nur in

den Schlaf, sondern auch dessen

Gewicht, um die Daten dann per

Funk an den Computer zu übertragen.

Was vor wenigen Jahren noch

als Mischung aus technikverliebter

Spinnerei und Überwachungs-Autokratie

galt, ist inzwischen innovative

aber selbstverständliche technische

Hilfe in der Begleitung von alten und

häufig altersverwirrten Menschen.

Das gilt zumindest für das Diakonische

Altenzentrum Sarepta in

Waltershausen, das im Rahmen

eines Bundesmodellprojektes zu

einem „intelligenten“ Heim umgebaut

wurde.

„Sowohl für unsere Bewohner, als

auch für die Mitarbeiter, bringt der

Umbau enorme Erleichterungen.“,

erklärt Heidrun Schönfeld, die Leiterin

des Diakonischen Altenzentrums.

„Letztlich haben wir jetzt sogar mehr

Freiheiten für die desorientierten Bewohner,

weil vieles im Haus sicherer

geworden ist. Wir müssen nun nicht

mehr jeden Schritt beobachten.“

Heidrun Schönfeld reflektiert und erklärt

sehr präzise, warum moderne

Technologien auch in der sozialen

Arbeit alles andere als menschenfeindlich

sind. Noch heute geht es

ihr unter die Haut, wenn sie davon

erzählt, wie im Frühjahr 2006 ein an

Demenz erkrankter Bewohner unbemerkt

das Haus verließ. Nach Stunden

der verzweifelten Suche kam

ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera

zum Einsatz und der alte Mann

wurde in einem Straßengraben gefunden.

Seit kurzem tragen desorientierte

Bewohner einen kleinen Chip an einer

Halskette und über Funk-Bewegungsmelder

gibt es auf dem Handy

der Stationsschwester Warnsignale.

So kann sie nachsehen, ob sich der

Betreffende nur die Beine vertritt

oder in Gefahr begibt. Eine WLAN-

Rufanlage in jedem Zimmer und

Brandmelder über dieses moderne

Funknetz komplettieren den neuen

Sicherheitsstandard. Künftig soll

über das Funk-Datennetz auch die

Pflegedokumentation direkt in den

PC im Schwesternzimmer übertragen

werden. Kurze Wege und weniger

Bürokratie sind ein gewollter Effekt,

der auch der eigentlichen

Pflege- und Sozialarbeit zugute

kommen soll.

Für die Geräte in den offenen Wohnküchen

gibt es mit dem „Serve@

Home“-Konzept ebenfalls neue Sicherheitsfunktionen.

Lässt jemand

die Kühlschranktür offen, gibt es


ebenso eine Warnmeldung, wie bei

einem Defekt im Geschirrspüler. Induktionskochfelder

verhindern, dass

sich jemand am Kochfeld verbrennt.

„Das sind alles Funktionen, die man

genauso auch Zuhause einbauen

kann. Viele Angehörige pflegen Demenzkranke

in den eigenen vier

Wänden und haben vor allem mit

den bis dahin unbekannten Tücken

eines Alltags des Vergessens große

Probleme.“ Heidrun Schönfeld beschäftigt

sich seit vielen Jahren mit

dem Thema Demenz und ist inzwischen

eine weit über die Landesgrenzen

hinaus gefragte Expertin

auf diesem Gebiet. Christliche

Nächstenliebe und moderne Technik,

Bibel und Systemkonfiguration

– für Heidrun Schönfeld nur Varianten

ihrer Verantwortung als Heimleiterin

in der Diakonie.

Und die Gefahren der modernen

Technik? Kein Klagen über Fremdbestimmung

und Überwachung,

entnervend piepende Geräte mit

Fehlermeldungen, die kein menschliches

Hirn entschlüsseln kann? „Intelligente

Technik unterstützt den

Menschen, passt sich den Anforderungen

an und arbeitet unmerklich.“,

erklärt Heidrun Schönfeld am Beispiel

der Beleuchtung in Fluren und

Gemeinschaftsräumen. Statt langer

Flure, die vormals per Schalter nur

zwischen sehr hell oder dunkel zu

unterscheiden waren, schalten sich

nun in einzelnen Abschnitten Lampen

selbsttätig ein und aus, die sich

mit ihrer Farbtemperatur dem aktuellen

Tageslicht anpassen. „Das hat

auch einen ökologischen Aspekt:

das Sonnenlicht steuert den Bedarf.“

Inzwischen gehören auch einige Bewohner

zur deutschlandweit noch

kleinen Gruppe der Älteren, die

Computer und Internet nutzen. Ein

heute 94jähriger hat bei seinem Ein-

Baustelle Diakonie

zug zur Bedingung gemacht, dass

er seinen PC mitbringen kann und

auf seinem Zimmer einen Internetanschluss

erhält. Dank des WLAN-

Systems nun kein Problem mehr.

Wer noch nicht auf seinem Zimmer

surft, nutzt die „Evo Care“-Stationen

in einem Gemeinschaftsraum. Unter

Anleitung einer Ergo-Therapeutin

können an den Computern Programme

genutzt werden, die das

Gedächtnis und Bewegungsabläufe

trainieren. Jeder Nutzer kann auf einer

Chipkarte seine individuellen

Fortschritte speichern und später

wieder abrufen.

Ein Besuch in Japan hat der freundlichen

Heimleiterin, die alle 80 Bewohner

mit Namen anspricht und

ohne klingelndes Handy durchs

Haus geht, gezeigt, welche Möglichkeiten

moderne Netzwerktechnik in

der Altenpflege noch bietet. Dort

kann der Gang zur Toilette nicht nur

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 25

mit dem täglichen Wiegen, sondern

auch ganz nebenbei zum Beispiel

mit einer Urinuntersuchung verbunden

werden. Warum solche Technologien

noch nicht stärker genutzt

werden? „Die Industrie ist zögerlich

– die Nachfrage ist noch nicht so

hoch. Die Technik ist inzwischen

verfügbar, doch die Systemanpassung

ist derzeit noch sehr kostenintensiv.“

Heidrun Schönfeld ist dankbar

für die finanzielle Unterstützung

durch die Bundesregierung und den

Freistaat Thüringen. Dafür reist sie

jetzt durch die Republik und erklärt

Politikern, Ingenieuren und Pflegefachleuten,

wie es sich lebt und arbeitet

in einem „intelligenten“ Heim.


26 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Neue Geschäftsstelle

Der Gemeindepfarrer

Gerry Wöhlmann: Kirche öffentlich machen

Es mag Zufall sein oder Fügung oder

einfach selbstverständlich: in der

evangelischen Kirchengemeinde, zu

deren Gebiet die neue Geschäftsstelle

der Diakonie Mitteldeutschland

gehört, wird soziale Arbeit groß

geschrieben.

Damit ist nicht nur die Kindertagesstätte

im Gemeindehaus gemeint.

Pfarrer Gerry Wöhlmann zählt allein

fünf Alten- und Pflegeheime in seinem

Pfarrbereich. „So eine Konzentration

gibt es in der Stadt nicht noch

einmal.“ Hinzu kommt die Bahnhofsmission,

mit der die Johannesge-

meinde seit Jahren gemeinsam einen

Gottesdienst direkt in der Kuppelhalle

des Hauptbahnhofes feiert. „Das

ist Aufgabe der Kirche, sich öffentlich

bekannt zu machen. Nicht, weil

wir Geld oder neue Mitglieder brauchen,

sondern weil das Zeugnis Jesu

Christi in die Welt drängt.“

Und noch etwas verbindet den Diakonie-Landesverband

mit der nahen

Johanneskirche: Wenn Gerry Wöhlmann

die Baustelle der Diakonie

Mitteldeutschland in der Merseburger

Straße betritt, dann trägt er noch

den Staub einer anderen Baustelle

an den Füßen. Im Oktober 2008

wurde in der Johanneskirche der

Abschluss der „Kirche des Jahres“

2006 / 2007 gefeiert. Damit ist aber

noch längst nicht beendet, was mit

dem Landestitel in Sachsen-Anhalt

vor allem öffentliche Aufmerksamkeit

fokussieren soll: die Rettung von

in ihrer Bausubstanz bedrohten Sakralbauten.

In einer Zeit, in der die „Ent-Weihung“

von Kirchen kein Tabu mehr

ist, durfte auch der neugotische

Backsteinbau der Johanneskirche

im alten Süden von Halle wenig

Hoffnung auf Fortbestand hegen.

Und noch vor zehn Jahren hätte niemand

geglaubt, dass hier ernsthaft

an einer Wiederbelebung gearbeitet

werden könnte. Schließlich lag die

Kirche spätestens seit 1978 in einer

Art Wachkoma. Von da an diente

das Gotteshaus als Lagerraum für

die Materialien der kreiskirchlichen

Baubrigade. Eine Betonrampe ermöglichte

Lastwagen die Zufahrt in

das Kirchenschiff, Strahler wurden

an die Emporen geschraubt, Werkstätten

eingerichtet. Der Vereinbarung

zum Erhalt der Gebäudesubstanz

kamen die Bauleute kaum oder

gar nicht nach.

1883 hatte ein Kirchbauverein mit

der Grundsteinlegung für einen Sakralbau

begonnen, der in dem damals

schnell wachsenden Gründerzeitviertel

den vielen zugezogenen

Arbeitern und Angestellten eine

geistliche Heimat bieten sollte. Der

schlanke, hoch aufstrebende Turm


konnte nur mühsam mit den fast

gleich hohen Industrieschornsteinen

konkurrieren. Wohnen und Arbeiten

an einem Ort hieß damals die stadtplanerische

Perspektive. Noch bis

kurz nach der Einweihung blieb die

Johanneskirche ein Teil der innerstädtischen

Ulrichsgemeinde. Zwei

Jahre nach der Ausgründung gehörten

mehr als 10.000 Personen,

30 Jahre später mehr als 30.000

Mitglieder zur Johannesgemeinde.

Es waren gute Zeiten. Vor allem

Bauvereine sorgten für ein schnelles

Wachstum im Stadtteil. Die quadratischen

Grundzüge der Gründerzeitstraßen

wurden in den dreißiger

Jahren aufgelöst, die Industriebetriebe

wichen weiter nach Süden

aus. Um die Kirche entstand eine eigenwillige

Architektur, die den kleinen

Platz eingrenzte. Aus der Vogelperspektive

ist die Kirche der kleinere

Teil eines Kreuzes, das auf einer aus

geschwungenen Häuserzeilen angedeuteten

Weltkugel steht.

Zu DDR-Zeiten verringert sich die

Zahl der Gemeindeglieder auf 1.200,

die Kirche verfällt zusehends. Heiligabend

1977 wird in der Kirche der

vorerst letzte Gottesdienst gefeiert.

Bis 1989 findet die Arbeit der drei

Gemeindepfarrer für die nun etwa

1.000 Christen vor allem im großzügigen

Gemeindehaus statt, das ausreichend

Platz bietet.

Die Wende macht es möglich. 1991

wird das Turmdach restauriert. 1993

kann das Kirchendach zumindest

repariert werden. Da hat sich der

Schwamm schon im ganzen Kirchenschiff

ausgebreitet. Fußboden,

Bänke und die Hochzeitsstühle sind

nicht mehr zu retten, Emporen, Treppen

und Orgel sind schwer befallen.

Die ersten provisorischen Reparaturen

bringen wieder Leben in das

Gotteshaus. Trauungen, Taufen und

Konfirmationen gibt es seit 1995

Neue Geschäftsstelle

wieder in der Kirche, seit 2000 finden

in der warmen Jahreszeit auch

die Sonntagsgottesdienste wieder

hier statt. Nach 23 Jahren feiert man

auch wieder die ersten Christvespern

in der Kirche – mit 1.500 Besuchern.

Nach einigen Vakanzjahren

lässt Gerry Wöhlmann sich 1999 auf

die Herausforderung mit einer „Baukirche“

ein und baut vor allem an der

Gemeinde. Die wächst durch Zuzug,

Taufen und Wahlgemeindeanträge

kontinuierlich. Von 1.000 auf heute

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 27

1.500 Gemeindeglieder, 30 bis 40

Taufen pro Jahr inbegriffen.

„Unser Stadtteil wird derzeit wieder

attraktiver. Die großen, lichten Innenhöfe

mit den Grünflächen, die

schon in den dreißiger Jahren als

Gemeinschafts- und Erholungsflächen

angelegt wurden, werden wieder

neu genutzt. Auch die Stadt hat

hier familienfreundlich investiert und

wertet die Quartiere mit Spielplätzen

und Grünflächen auf.“


28 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Baustelle Diakonie

Wissende Eltern, gesunde Kinder

In Zeitz wird ein neues Angebot aufgebaut

„Kinder sind unsere Zukunft, Prävention

geht vor Intervention, Kinderschänder

wegsperren für immer,

starke Eltern – starke Kinder.“ Keine

Sonntagsrede ohne Worte rund um

Kinder und Kindeswohl. Die Arbeit

für Kinder und Familien findet jedoch

in der Regel von Montag bis Freitag

statt. So auch in der Familienberatung

der Diakonie in Zeitz. Integriertes,

vernetztes Handeln kennzeichnet

die innovative Arbeit der

wenigen Frauen und Männer, die hier

Nancy Pflug

hunderte von Familien begleiten. Die

Erziehungsberaterin Dr. Sylvia Klose

ist eine von ihnen: „Die Menschen

kommen mit allen Problemen zu uns

und es werden immer mehr. Unsere

Angebote sprechen sich herum, unsere

Zusammenarbeit mit Ämtern,

Einrichtungen und Ärzten funktioniert

reibungslos.“ Ganz sicher werden

Erziehungsberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung,

ambulante

Frauenberatung, Schuldnerberatung,

also Beratung in allen Lebens-

Dass die Kosten für eine Erziehungsberatung

lediglich ein

Hundertstel eines Heimplatzes

ausmachen, dürfte auch den

Verantwortlichen in Naumburg

und Magdeburg bekannt sein

lagen entsprechend gewürdigt. Sylvia

Klose lacht bitter: “Wir haben

allein im abgelaufenen Jahr in 170

Fällen Erziehungsberatung geleistet,

der Bedarf ist doppelt so hoch. Doch

Land und Landkreis glauben ihre

Hausaufgaben gemacht zu haben.“

Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation

zehn Fachkräfte pro

2.500 Kinder- und Jugendliche

empfiehlt, ist der Burgenlandkreis

überzeugt, dass weniger als die

Hälfte ausreicht. Darunter leidet vor

allem ein Bereich, der jeden Sonntag

als besonders wichtig hervorgehoben

wird: „Prävention, in die

Schulen gehen, im Vorfeld aufklären,

im Vorfeld beraten. Das alles können

wir kaum noch leisten“, bedauert die

Psychologin Klose. Dass die Kosten

für eine Erziehungsberatung lediglich

ein Hundertstel eines Heimplatzes

ausmachen, dürfte auch den

Verantwortlichen in Naumburg und

Magdeburg bekannt sein.

Doch wer im sozialen Bereich tätig

ist, muss immer auch Optimist sein.

Und so soll jetzt zusätzlich die „entwicklungspsychologische

Beratung

von Eltern mit Babys und Kleinkindern“

aufgebaut werden. Die Diplompädagogin

Nancy Pflug hält dieses

Angebot, dass in fünf Bundesländern

bereits umgesetzt wird, für richtungsweisend:

Die entwicklungspsychologische

Beratung ist ein wichtiges,

niedrigschwelliges Konzept, das hilft,

Verhaltensauffälligkeiten und Ent-


wicklungsstörungen zu verhindern.

Wir unterstützen Eltern in Problemsituationen,

das Verhalten ihrer Kinder

richtig zu deuten, erklären Ursachen

und helfen Bindungsschwierigkeiten

zu vermeiden.“

Die Beratung, wie sie Nancy Pflug

beschreibt, dauert nur wenige Sitzungen:

“Zentrales Element ist eine

Videobeobachtung von Mutter oder

Vater mit ihrem Baby, beziehungsweise

Kleinkind, die wir dann gemeinsam

auswerten. So können wir

allen Beteiligten deutlich machen,

an welchen Stellen welches Verhalten

der Eltern zu welchen Reaktionen

beim Kind führt oder warum

sich Kinder auffällig verhalten.

Grundsätzlich setzen wir da an, wo

sich die Eltern richtig verhalten und

‚übersetzen’ gleichzeitig das Verhalten

des Kindes. Das stärkt das Wis-

Baustelle Diakonie

sen und damit die Erziehungskompetenz

der Eltern.“

Um diesen wichtigen Baustein zwischen

Schwangerschafts- und oder

späterer Erziehungsberatung anbieten

zu können, hat sich Nancy Pflug,

zum Teil auf eigene Kosten, in der

entwicklungspsychologischen Beratung

fortbilden lassen, die in der

Kinder- und Jugendpsychiatrie der

Uniklinik Ulm entwickelt wurde.

Theoretisch könnte sie schon im

Januar mit dem Projekt beginnen.

Doch Sachsen-Anhalt hängt bei der

Förderung weit zurück. Während

Thüringen zumindest die flächendeckende

Weiterbildung gefördert hat,

herrscht in Sachsen-Anhalt noch

Funkstille. „Im Ministerium wurden

wir wohlwollend empfangen, doch

Unterstützung gibt es derzeit nicht.

Wir hoffen jetzt auf eine Stellenfinan-

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 29

zierung durch den Landkreis.“ Denn

die derzeitige Auslastung in der Familienberatung

in Zeitz lässt keine

weiteren Kapazitäten zu. Hier kann

Nancy Pflug nur auf die alten Bundesländer

verweisen, in denen die

wichtige Beratung auch finanziert

wird. Die Vorteile der Beratung liegen

für Nancy Pflug auf der Hand:

“Wir können den Eltern, die im Umgang

mit ihrem Kind unsicher sind,

die Angst nehmen. Und starke Eltern

haben starke Kinder, was viele unnötige

Folgekosten vermeiden hilft.“

Das sagt sie an einem Freitag. Beim

Landesfamilientag Sachsen-Anhalt

Anfang September in Zeitz waren

übrigens alle des Lobes voll für das

Projekt. Das war an einem Sonntag.

Krabbelgruppe in einer Diakonie-

Beratungsstelle in biblischer Kombination:

Adam und Eva (Frühjahr 2007)


30 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Der Bauleiter

Volker Herrmann

Neue Geschäftsstelle

„Eine besondere Baustelle ist das

hier deshalb schon, weil es sich um

ein Denkmal handelt. Hier wird ein

Stück der Stadtgeschichte von Halle

aufgearbeitet. Jeden Tag gibt es

neue Herausforderungen, oftmals

werden bis dahin versteckte Sachen

gefunden, sei es eine historische

Stuckdecke, eine besondere Bemalung

oder auch ein Bauwerkschaden,

mit dem wir nicht gerechnet

hatten.

Den ursprünglichen Zustand kann

man nicht wieder herstellen und wir

müssen der künftigen Nutzung gerecht

werden. Da gibt es auch ein-

ander widersprechende Vorschriften

im Denkmalschutz und zum Beispiel

im Brandschutz oder in anderen Sicherheitsfragen.

Aber zumindest

vom Ursprungscharakter des Hauses

vor allem in der Außenansicht wollen

wir möglichst viel erhalten.

Wenn ich über die Baustelle gehe,

habe ich die Pläne im Kopf und eine

klare Vorstellung von dem, wie es

einmal aussehen wird. Hier entsteht

ein schönes Bürogebäude. Die Diakonie

als künftige Nutzerin weiß,

was sie will und braucht. Damit erlebe

ich hier im Baugeschehen eine

gute Partnerschaft.“


Licht und Luft

Neue Hospize in Dessau und Neustadt / Harz

Farbige Fassaden, schöne Grünflächen,

eine freundliche Ausstattung

in lichten Zimmern – man sieht es

diesen Häusern nicht an. Es sind

Häuser des Sterbens, gleichwohl

eines würdigen, begleiteten und

nach bester Möglichkeit auch friedvollen

Sterbens. Im Dezember letzten

Jahres wurde das Hospiz in Dessau

eröffnet, Ende 2008 wird das

Hospiz in Neustadt/Harz in Nordthü-

Baustelle Diakonie

ringen bezugsfertig sein. Baulich haben

beide Häuser vieles gemeinsam.

Der Außenanstrich ist farbig und

freundlich, die Wege innen sind kurz,

ganz bewusst unterschieden von

Krankenhausfluren und jedes Zimmer

verfügt über eine Terrasse. In

Neustadt wird diese für einige Zimmer

später nachgerüstet. Für die

Gäste ist die Verbindung nach draußen

sehr wichtig, weiß Schwester

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 31

Anja Schneider, Hospizleiterin in

Dessau: „Wenn ein neuer Gast

kommt, öffnen wir vorher weit die

Türen zur Terrasse. Alle verstehen

dies als Signal: ‚Ich bin hier nicht gefangen,

hier ist alles offen.’ Das ist

für viele das schönste Willkommen.“

Auch die Situation der Pflegekräfte

wurde in der Planung berücksichtigt.

Die kreisförmige Anordnung der

Zimmer ermöglicht kurze Wege.


32 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Baustelle Diakonie

Empfang, Schwesternzimmer und

Pflegeräume sind zentral angelegt

und werden zum Teil vom Dach her

beleuchtet. In das Haus wurde eine

zentrale Sauerstoffversorgung eingebaut,

die Leitung kommt aus dem

benachbarten Krankenhaus der Anhaltischen

Diakonissenanstalt. Viele

Krebsleidende sind in den letzten

Lebenswochen auf Sauerstoffversorgung

angewiesen. Die ist hier

völlig geräuschlos möglich.

Schwester Anja zieht nach dem ersten

Jahr eine durchweg positive Bilanz.

Sowohl die Zusammenarbeit

mit den Pflege- und Krankenkassen,

also auch der Austausch mit den inzwischen

sieben kooperierenden

Hausärzten funktioniert sehr gut.

„Hospizarbeit ist auch Öffentlichkeitsarbeit.

Das Thema Tod und

Sterben gehört wieder stärker in unseren

Alltag hinein.“ Ergibt sich hier

ein besonderer Auftrag für christliche

Träger? Werden beim Thema Sterbebegleitung

der Glaube und die Seelsorge

zum Alleinstellungsmerkmal in

der Hospizarbeit? Pfarrer Torsten

Ernst, Vorstand im Hospiz-Förderverein

in Neustadt, will daraus keine

Missions- oder Bekenntnisfrage machen.

„Vielleicht sind wir Christen

aber einfach verrückt genug, so et-

Aktenstudium in Dessau,

rechts Schwester Anja Schneider

was zu wagen. Denn mit Hospizarbeit

bleibt man definitiv immer auf

Spenden angewiesen.“

In Dessau funktioniert die Unterstützung

bereits recht gut. Häufig leisten

die Gäste und deren Familien einen

Spendenbeitrag. Nach gesetzlicher

Regelung müssen Hospize einen Eigenanteil

von zehn Prozent erbringen

– sei es durch Trägeranteile oder

Spenden. Das Anhalt-Hospiz ist eine

Gesellschaft, die von fünf Diakonischen

Einrichtungen in der Evangelischen

Landeskirche Anhalts getragen

wird. Zudem bestehen

Kooperationen zum Beispiel mit der

Paul-Gerhard-Stiftung in Wittenberg.

In Dessau arbeitet man bereits mit

fünf Ehrenamtlichen. Jeden Donnerstag

trifft man sich in dem blauen

Rundbau zum Hospiz-Cafe, ein Angebot

zum Gespräch oder einfach

nur zum Ausspannen für Gäste, Angehörige

und Trauernde. „Das wird

sehr gut angenommen. Trauernde

machen zum Beispiel die Erfahrung,

dass sie nach einer gewissen Zeit in

der Familie kaum noch über ihren

Verlust reden können. Die Leute

können es einfach nicht mehr hören.

Bei uns kann man reden, ohne sich

schlecht dabei zu fühlen.“

Die Idee, in Neustadt ein Hospiz zu

gründen, geht auf Mitarbeiter im

Evangelischen Krankenhaus in dem

kleinen Ort im Südharz zurück.


Bereits 2002 gab es erste Überlegungen,

erzählt Klinikseelsorger

Torsten Ernst. Hans-Christoph

Wisch, der künftige Hospizleiter im

„Haus Geborgenheit“, berichtet,

dass man sehr schnell auch einen

Draht zur evangelischen Kirchengemeinde

gefunden hat. Auch, weil

man von der Gemeinde ein Grundstück

brauchte, um das gesamte

Bauvorhaben realisieren zu können.

Inzwischen wird das Hospiz auch

von katholischen Christen und von

umliegenden Gemeinden unterstützt,

Träger ist das Diakoniekrankenhaus

Harz in Elbingerode. Auf etwa 1.000

Quadratmeter Fläche entstehen

zwölf Einzelzimmer, zwei Gästezimmer

für Angehörige, ein großes

Wohnzimmer mit offener Küche und

ein „Raum der Stille“. Auch hier gilt

das Prinzip „Licht und Luft“. Die Arbeit

in einem Hospiz ist für Torsten

Ernst, der in Thüringen die Landesarbeitsgemeinschaft

Hospiz leitet,

Baustelle Diakonie

immer auch Seelsorge. „Palliativmedizin

heißt Arbeit an den Symptomen,

heißt Schmerzlinderung. Einzig in der

seelsorgerischen Zuwendung zum

Menschen kann ich hier noch ein

Stück aufbauend wirken.“ Die etwas

provokante Frage, ob er sich auf seine

neue Aufgabe freue, beantwortet

der Pflegeexperte und Sozialarbeiter

Hans-Christoph Wisch prompt mit

Ja: „… weil ich ein super Team an

meiner Seite weiß. Hospizarbeit ist

eine gelebte Idee und kein Job!“

Wer als Gast in ein Hospiz kommt,

muss Kriterien erfüllen und Bedingungen

akzeptieren. Dazu gehört

die unheilbare, fortschreitende Erkrankung

und damit der medizinisch

absehbare Tod. Der Kranke und seine

Familie akzeptieren, dass im

Hospiz auf künstliche Lebensverlängerung

und Wiederbelebung verzichtet

werden. Geprüft wird vorher

auch, ob die häusliche Pflege und

Versorgung noch zumutbar ist.

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 33

Anja Schneider: „In ein Hospiz zu

gehen, ist ein ganz schwerer Schritt.

Das Sterben wird hier nicht schöner,

nur weil es ein schönes Haus ist.

Und ein Zuhause können wir nicht

ersetzen. Aber viele unserer Gäste

blühen hier noch einmal auf, erleben

Gemeinschaft und eine familiäre

Umgebung.“

Beratung auf der Baustelle in Neustadt,

Hans-Christoph Wisch (links) und Torsten Ernst


34 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Der Polier

Jens Herrmann

Neue Geschäftsstelle

Der Polier ist der erste, der am Morgen

die Baustelle betritt und der

letzte, der am Abend geht. Jens

Herrmann zwinkert mit den Augen

und legt sein breites Lächeln auf,

denn in Arbeitsstunden mag er das

im Moment nicht umrechnen.

Herrmann ist häufig auch der erste,

der die immer wieder neuen Überraschungen

auf der Baustelle in Augenschein

nimmt. Wenn Handwerker

Farbschichten, Gewölbe,

ungewöhnliche Stuckverzierungen,

Bodenpflaster oder im Fußboden

versenkte Badewannen freilegen, ist

Jens Herrmann immer dabei. „Das

sieht man so gehäuft nicht alle Tage,

das kann ich auch nach vielen Jahren

auf dem Bau sagen.“ Dann müssen

häufig die Arbeitsabläufe neu

organisiert werden, muss nachgebessert

oder anders geplant werden.

„Wenn dieses Haus fertig ist, wird es

toll aussehen.“, ist sich Herrmann

sicher. Die Baustelle ist anspruchsvoll,

doch letztlich birgt jedes Projekt

seine Eigenheiten – auch Überraschungen

sind auf dem Bau Routine.

„Aber natürlich – man lernt niemals

aus.“


„Wir bauen Menschen auf“

Jugendwerkstatt Bauhof überwindet Insolvenz

Die Jubiläumsfeier war schon überschattet

von schweren Gewitterwolken.

15 Jahre ihres Bestehens feierte

die Jugendwerkstatt Bauhof im

September 2007. Da war das Wort

Insolvenz schon zumindest hinter

vorgehaltener Hand zu vernehmen.

Die Jugendwerkstatt Bauhof wurde

im September 1992 in Trägerschaft

des Evangelischen Kirchenkreises

in Halle gegründet. Der Name sollte

zum einen die lange Tradition des

Reparaturbetriebes für die Franckeschen

Stiftungen und die Martin-

Luther-Universität aufgreifen, zum

anderen wollten sich die Verantwortlichen

vor allem dem neuen

Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit,

der abgebrochenen Berufsausbildungen

und des Lehrstellenmangels

widmen. Sehr schnell wurde

die Jugendwerkstatt Bauhof nicht

nur zu einem Zentrum der Berufsförderung

und der Integration von Asylbewerbern

und Migranten, sondern

auch zu einer Themenwerkstatt für

die Saalestadt. Gespräche und Ausstellungen

zu politischen Themen,

zeitgeschichtliche Auseinandersetzungen

mit dem Nationalsozialismus,

der DDR-Vergangenheit und

der Wende, Aktionen, Kulturangebote

und Bildungsreisen prägten

bald auch das städtische Leben in

Halle. Der Bauhof wurde eingebunden

in die von den Franckeschen

Stiftungen initiierten Themenjahre

Baustelle Diakonie

„Halle an der Saale – Antworten aus

der Provinz“ und schufen in der

Tischlerei die passenden Symbole,

die die Antworten aus der Provinz

plastisch werden ließen und manchmal

auch bis ins Ausland transportierten.

Das alles musste in Frage gestellt

werden, als die Finanzierung, die

sich vor allem auf Projekte stützte,

immer häufiger in Frage gestellt oder

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 35

gar gestrichen wurde, als Gelder immer

später zur Auszahlung kamen

und mit der Einführung von Hartz IV

nach anderen Förderregeln vergeben

wurden.

Immer wieder versucht der Kirchenkreis,

die Bedrohung der diakonischen

Einrichtung durch Zuschüsse

und Darlehen abzuwenden – bis

die kirchliche Finanzaufsicht Auflagen

machte, da die Risiken für den


36 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema Baustelle Diakonie

Kirchenkreis selbst als zu groß erschienen.

Am 29. November, knapp zwei Monate

nach der Jubiläumsfeier, waren

alle landesweiten Medien zur Pressekonferenz

erschienen. So eine

Meldung ist auch für Nachrichtenprofis

eine Seltenheit – eine Sozialeinrichtung

meldet Insolvenz an. Die

Tendenz in der Berichterstattung ist

eindeutig: Der Bauhof soll überleben.

Ein Fernsehgottesdienst des

ZDF am 9. Dezember in den Franckeschen

Stiftungen wird genutzt,

um zu Spenden aufzurufen. Die Insolvenz

wird zur Mobilmachung. Ein

fünfstelliger Spendenbetrag, Unterstützungszusagen

der ARGE und

der Franckeschen Stiftungen, öffentliche

Solidaritätsbekundungen.

Anfang Februar 2008 wird das Insolvenzverfahren

eröffnet. Jetzt beginnt

die Suche nach konkreten wirt-

schaftlichen Lösungen. Die Projekte

werden weitergeführt, doch Kündigungen

von Mitarbeitenden sind

unvermeidlich, die Lehrlingsausbildung

soll zum Lehrjahresende im

Sommer auslaufen, die Tischlerei

und die Malerausbildung stehen

damit vor dem Ende. Ein halbes Jahr

später ist wohl das schlimmste

überstanden, der Insolvenzplan wird

angenommen. Neuer Träger wird

der Diakonieverbund Kyffhäuser

(Bad Frankenhausen), die finanziellen

Probleme sind vorerst überwunden.

Dagmar Reinisch, neue

Geschäftsführerin neben Martina

Hoffmann, die seit 2005 die Geschicke

des Bauhofes geleitet hatte,

äußert sich zuversichtlich, auch

wenn im Herbst 2008 noch nicht

viel über die Zukunftspläne gesagt

werden kann: „Die Jugendwerkstatt

Bauhof bleibt ein Ort der Hilfe für

Jugendliche und Erwachsene, ein

Ort der Bildung und Wegweisung,

ein Ort mit ‚Charakter’, an dem die

Ideen von August Hermann Francke

weiterleben.“ Unter dem Motto „Wir

bauen Menschen auf“ finden sich

heute unter dem Dach der Jugendwerkstatt

Bauhof eine Beratungsstelle,

ein Jugendmigrationsdienst,

die Möbelbörse, ein Service für

Landschaftsarbeiten, die Fahrradwerkstatt

„Rad & Tat“, eine kleine

Schlosserei und eine Holzwerkstatt.

Es gibt Schulverweigererprojekte,

die Arbeit mit Lernbehinderten, Berufsorientierung

für Migranten und

die Mitarbeit in einer Kompetenzagentur.

Für die Geschäftsführung steht im

Herbst 2008 die nächste Veränderung

an. Martina Hoffmann wird ihre

Arbeit aufgeben, um sich der Unterstützung

ihrer Mutter und ihrer

Schwiegermutter zu widmen. Jeweils

an zehn bis 14 Tagen im Monat

wird sie deshalb von Halle nach

Bayern pendeln, um zwei Haushalte

zu versorgen und Pflegeleistungen

zu organisieren. „Ich möchte den

beiden alten Damen ihren Lebensabend

so gestalten, wie sie ihn sich

wünschen. Das können sie nur mit

meiner Hilfe.“ Martina Hoffmann fällt

der Abschied nicht leicht, doch sie

geht mit dem guten Gefühl, dass

die Jugendwerkstatt Bauhof kein

Pflegefall mehr ist.

oben links: BILD am 30. November 2007

August 2008: Freude über den gelungenen

Übergang. V. l. Horst Koth (Elbingerode, neu

im Aufsichtsrat), Dagmar Reinisch, Superintendent

Eugen Manser, Martina Hoffmann,

Prof. Reinhard Turre (ehem. Vors. Aufsichtsrat),

Norbert Otte (Geschäftsführer Diakonieverbund

Kyffhäuser) und Dr. Lucas Flöther

(Insolvenzverwalter).


Der Architekt

Matthias Prinich

Umbau und Sanierung kosten 3,5 bis 4 Millionen

Euro, die von der Stadt Halle, dem Land

Sachsen-Anhalt und aus Bundesmitteln finanziert

werden. Die Diakonie Mitteldeutschland

kauft die sanierten Gebäude zum Festpreis von

knapp 1,4 Millionen Euro von der Eigentümerin,

der Halleschen Wohungsgesellschaft (HWG).

Neue Geschäftsstelle

„Das ist ein wichtiges kulturhistorisches

Zeugnis der regionalen Industriegeschichte.“,

erklärt Matthias

Prinich mit Bestimmtheit. Der Architekt

hat die Planungen für den Umbau

in der Merseburger Straße 44

angefertigt und ist auch während

des Baugeschehens im ständigen

Austausch zwischen Generalunternehmer,

Auftraggeber und der Diakonie

Mitteldeutschland als künftige

Nutzerin. Die Verständigung zwischen

den verschiedenen Projektpartnern

bedeutet viel Zeiteinsatz

und manchmal auch Geduld. Kaum

ein Tag vergeht, an dem Matthias

Prinich nicht in Sachen Sanierung

Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 37

der Fabrikantenvilla und des Zeichensaales

unterwegs ist. „Um ein

Denkmal als Verwaltungsgebäude

nutzen zu können, braucht es auch

moderne Elemente. Das ist hier die

besondere Herausforderung.“ Vor

allem das Atrium, der verglaste Eingangsbereich,

der drei Geschosse

offen miteinander verbindet, gibt

dem Haus ein ganz neues Gepräge.

Für Prinich bedeutet so ein Umbau,

dass im Erscheinungsbild auch Inhalte

transportiert werden – maßgeschneidert

für die künftige Nutzung.

Deshalb sind auch in der Farbgestaltung

des Hauses die Diakoniefarben

berücksichtigt.


38 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Jahresabschlüsse

2006 und 2007

in Tausend Euro

Erträge

Aufwendungen

Aktiva

Anlagevermögen

Umlaufvermögen

Summe

Passiva

Eigenkapital

Sonderposten

Rückstellungen

Verbindlichkeiten

Summe

2006 2007

13.926

14.112

16.564

13.883

30.447

17.508

2.831

1.866

8.242

30.447

(aus Prüfungsbericht, verbehaltlich

Beschlussfassung durch Mitgliederversammlung

am 30. Oktober 2008)

13.623

14.317

14.096

14.344

28.440

16.823

1.623

1.809

8.185

28.440


Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 39

Herzlichen Dank an das Stadtarchiv

Halle für die freundliche und

umfangreiche Unterstützung

bei den Recherchen!

Impressum

Herausgeber

Diakonisches Werk

Evangelischer Kirchen in

Mitteldeutschland e. V.,

Der Vorstand

Redaktion / Layout

Frieder Weigmann (V.i.s.d.P.)

Heike Meinhardt

Texte

Christian Stadali (S. 28)

Frieder Weigmann (wenn

nicht anders gezeichnet)

Fotos / Bildnachweis

Franck. Stiftungen (S. 36)

Ralf Lehmann (S. 20, 22, 37)

Thomas Meinicke (S. 26)

mz-web.de/luftbilder (S. 27)

Anja Schneider (S. 31, 32)

Christian Stadali (S. 28)

Stadtarchiv Halle (S. 13, 14)

Doreen Trensch (S. 23)

Frieder Weigmann

Druck

impress Druckerei, Halle

Erscheinungsdatum

30. Oktober 2008


40 Diakonie Mitteldeutschland 2007/2008 Seitenthema

Diakonisches Werk

Evangelischer Kirchen in

Mitteldeutschland e. V.

info@diakonie-ekm.de

www.diakonie-mitteldeutschland.de

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