Klinische Störungsbilder im Kontext von Beratungs - Diakonie Leipzig

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Klinische Störungsbilder im Kontext von Beratungs - Diakonie Leipzig

Klinische Störungsbilder im Kontext von Beratungs- und Hilfeprozessen

Sind (Besorgnis erregende) Krankheitszeichen zu erkennen? Wann und wie sollte/ muss dies angesprochen werden?

Was bedeutet es für die Arbeitsbeziehung, wenn der Berater fürsorglich wird? Droht die Reduktion auf diesen pathologischen

Fokus? Welche Gesundheit stärkenden Aspekte werden wie vermittelt und gelebt?

Die Ausgangssituation

Zentral aber nicht selbstverständlich, sondern wie alles Gute immer wieder aufzufrischen, ist der

gegenseitige Respekt, die Wertschätzung, die Achtung, die tatsächliche Begegnung auf Augenhöhe,

die auf der Selbstachtung der Beteiligten basiert.

Psychisch Kranke werden gesellschaftlich unverändert stark stigmatisiert und ausgegrenzt. Eine

psychische Krankheit ist weiterhin eine „doppelte Krankheit“, die eigentliche und die des Stigmas.

Wenn ein Klient im Beratungsgespräch möglicherweise erstmals auf Symptomatik angesprochen

wird, kann dies beängstigen, „ich bin doch nicht verrückt“, „muss doch nicht in die Klapse“?! Ein

imaginierter Rollentausch kann helfen, die richtigen Worte in passender Form zu formulieren. Hier

geht es um menschliche Grundbedürfnisse: verbunden, wertvoll und frei zu sein. Die explizite

Thematisierung, z.B. „dass es bestimmt schon viel Überwindung gekostet hat, überhaupt zu kommen“,

kann die Achtung dieser Bedürfnisse signalisieren.

Auswirkungen seelischen Leids auf den Beratungs- und Hilfeprozess

Auch das individuelle Eingehen auf bekannte Klienten ist nicht selbstverständlich. Wir neigen dazu,

Menschen die wir kennen, weniger aufmerksam zuzuhören, weil wir davon ausgehen, dass sie

sich wiederholen, dass wir wissen, worauf sie hinaus wollen.

Wenn Menschen Beratungs- und Hilfsangebote in Anspruch nehmen, haben sie oft, aber nicht

immer, einen Leidensdruck. Mancher weiß vielleicht nicht, dass er psychisch nicht gesund ist, hat

nur eine vage Ahnung, dass etwas nicht in Ordnung ist. Scham kann hier schnell zu Schrecken

und Rückzug führen. Was gesellschaftlich als psychisch gesund oder krank gewertet wird, ist

innerhalb einer breiten Norm durchaus diskutabel; es geht um Weltanschauungen, philosophische

Fragestellungen. Das Unwissen über Faktoren, die die psychische Gesundheit unterstützen und

auch über Krankheitssymptome ist auch in professionellen Kreisen weit verbreitet. Krankheitsentstehungs-

und entsprechend Behandlungsmodelle sind schulenabhängig, damit auch monetär

geprägt. Diese Bandbreite der Wertungsmöglichkeiten sollte nicht zu Beliebigkeit führen, eindeutige

Symptome als Normvariante zu verkennen. Häufige Merkmale seelischer Krisen sind Labilität,

Verletzlichkeit, Reizoffenheit, Überforderung, oft einhergehend mit körperlicher Symptomatik wie

rasche Ermüdbarkeit Kopfschmerzen etc. Die Notwendigkeit, diese zu benennen, steigt mit der

Ausprägung und dem Eindruck, dass durch ihre Verkennung Gefahr droht.

Für das professionelle Setting kann die Haltung der Berater an die „Klientenzentrierte Gesprächsführung“

angelehnt sein (Carl Rogers. Abgewandelt auch als „Motivierende Gesprächsführung“).

Empathie, Echtheit und Akzeptanz können Klienten bei der Selbstaktualisierung unterstützen.


(Eher peinlich wirken monotones bestätigendes Grummeln und papageienartiges Nachsprechen.)

Den Klienten auf seinem Weg zu begleiten bedeutet auch, sein Tempo zu akzeptieren. Wir Helfer

wollen Selbstwirksamkeit erleben, Erfolge sehen. Es kann auch ein Fortschritt sein, eine Abwärtsbewegung

zu stoppen oder zu entschleunigen, Leidenswege zu begleiten. Bei chronischen

Erkrankungen kann auch das drohende „Wegnehmen“ von Symptomen Angst auslösen. Bei

„pathologischem Sammeln“ kann es z.B. im Einzelfall mehr um alltags-taugliche Teilaspekte als

um „Heilung“ gehen. Krankheitssymptome werden z.B. aus tiefenpsychologischer Sicht als Ausdrucksmittel

zugrunde liegender Konflikte gesehen, ihr Auftreten damit als Ausweg, sich weniger

mit diesen auseinander setzen zu müssen. („primärer Krankheitsgewinn“).

Oftmals kann eine vorsichtige Bemerkung, z.B. dass jemand erschöpft wirkt, als ernsthaftes

Interesse eine Arbeitsbeziehung stärken, als Einladung verstanden werden, als Bereitschaft, die

Sorgen des anderen zu spüren und bereit zu sein, sich auf diese einzulassen. Dies kann sogar als

Prophylaxe gegen Suizidalität wirken. Auch bei selbst verletzendem Verhalten ist es hilfreich,

Erstaunen und Sorge deutlich zu formulieren und keine falsche Vorsicht zu üben (echte Ich-

Botschaft).

Neben Selbsttötungsgedanken sind viele andere Themen z.B. rund um Aggressivität und Sexualität

meist schambesetzt. Eine Brücke kann gebaut werden, indem Klienten Gedanken zum Bejahen

oder Verneinen vorformuliert werden, evtl. auch über den Umweg, „Ich kenne einen Klienten, der

dachte immer wenn er über einen Bahnsteig ging, dass er jemand anderen in die ankommende

Straßenbahn schubsen könnte.“ (typischer Gedanke bei einer Zwangsstörung)

Auch das gemeinsame Aufsuche eines Therapeuten oder einer Einrichtung kann erforderlich werden,

damit diese Hilfe in Anspruch genommen wird. („niedrigschwellig“) Manche Klienten sind in

derart schwierigen Situationen, dass auch praktische Hilfen, Telefonnummern gemeinsam heraus

zu schreiben, wichtig sind.

Nicht nur bei schambesetzten Themen ist der Gesprächsrahmen wichtig: Welche Schutzräume hat

ein Gespräch: wie sehr bin ich bei der Sache? Die Identifikation von eigenen Stressoren ist wichtig.

Gibt es zum Beispiel einen Erwartungsdruck des Trägers bezüglich Fallzahlen? Störungen durch

Telefon? Welche Atmosphäre finden Klienten beim Eintritt vor? Vertrauensvolle Inhalte werden oft

erst nach einem (möglicherweise auch zeit-) intensiven Gespräch mitgeteilt.

Der Berater als Diagnosegerät/-medium

Wenn wir als Professionelle uns Sorgen um Klienten machen, dann aus unserer sehr individuellen

Perspektive heraus, mit unseren eigenen biographischen Hintergrund (Konstruktivismus). Oftmals

ist es schwer, intuitive Eindrücke für sich und andere in Worte zu fassen. Unsere Wahrnehmung

von unseren Mitmenschen können wir mit einem Ultraschallgerät vergleichen. Da wir nicht TÜV-

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geprüft werden, müssen wir selbst unsere Eichung stetig im Auge behalten: Haben wir ein ähnliches

wie das vom Klienten geschilderte Problem selbst erlebt (z.B. verlassen worden zu sein)?

Wichtig für die Professionalität ist vor allem die Ehrlichkeit gegenüber uns selbst. Wo sind unsere

Grenzen? Wo brauchen wir Intervision? Welche Beratungen geben wir besser an andere weiter?

Das Belastende an der Beratungstätigkeit kann sein, „full contact“, also oft sehr nah, sich als Person

einbringen zu müssen, sich professionell als Person auch für Menschen zur Verfügung zu stellen,

die man privat meiden würde. Dieser Spagat, den wir unserer Psyche zumuten, sollte immer

wieder auch entspannt werden. Wo müssen wir uns schon im Prozess abgrenzen, wo reicht die

anschließende Verarbeitung?

Auch in meiner Rolle als Profi habe ich die gleichen Gefühle wie im Privaten: Menschen machen

mir Freude, Angst, ekeln mich, machen mich wütend und auch traurig etc. Und die Klienten

spüren diese Wirkung auf uns oft auch, wenn wir sie professionell zu filtern versuchen, durch

unsere Körpersprache, oft lang bevor verbale Kommunikation beginnt.

Professionelle dürfen wie alle anderen auch seelische Krisen (gehabt) haben, sollten darüber und

über die Auswirkung auf ihre professionelle Tätigkeit kritisch reflektieren können. (z.B. bei Eva Jaeggi

gut beschrieben) Gefährlich für alle Beteiligten wird es meist nur, wenn wir diese kritische Reflektion

über unsere eigenen Anteile ausblenden, also unsere eigenen Erfahrungen „agieren“, wenn wir

uns zum Beispiel nach einer Trennung ungerecht behandelt gefühlt haben und uns diesbezüglich

einseitig mit Klienten solidarisieren anstatt zu helfen, dass er seine Perspektive ergänzen kann.

(Helfer-Syndrom).

Hilfreiche Techniken:

„Vernetzen“: Klienten unterstützen, mit anderen in Kontakt kommen, Verbundenheit/ Geborgenheit

ermöglichen, „Hilfe zur Selbsthilfe“. Oft fokussieren wir Profis zu sehr auf die professionellen Hilfsangebote.

Lob, gemeinsame Freude über Fortschritte/ Erfolge: Die deutsche Form der Anerkennung ist oft

eine zurückhaltende wie es sich in „nix gesagt, ist genug gelobt“ ausdrückt. Es wird oft zur Defizitorientierung

(statt Ressourcen-) geneigt, auf die Dinge geschaut, die „noch nicht perfekt“ sind, natürlich

ein Sisyphos-Unterfangen. (Auch das Gesundheitswesen ist von Krankheits- und nicht von Gesundheitsorientierung

geprägt. Viel mehr Menschen verdienen ihr Geld dadurch, Symptome zu bearbeiten als Krankheiten zu

vermeiden.) Andere Kulturen kennen aktivere, lebhaftere Ausdrucksformen für gemeinsame Freude

über Fortschritte. Wie wir im Umgang mit Kindern, den Seismographen der Gesellschaft, lernen

können, ist authentische positive Verstärkung (s. auch Tripple P) sowohl für den Empfänger aber

auch für denjenigen, der sie äußert, eine Bereicherung, „cheerleading“ wird dies manchmal auch

genannt.

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Diese Anerkennungskultur kann sich nur durchsetzen, wenn sie auch im Team miteinander gelebt

wird. Schreiben Sie sich als Team ihre Grundüberzeugungen auf, als lebendige Arbeitsgrundlage,

als gemeinsame Verbindlichkeit, als „gemeinsamer Kompass“, auch für neue Kollegen. Pflegen

Sie miteinander eine Kultur, wie sie sie auch gegenüber Klienten leben wollen mit Professionalität,

Gelassenheit, Humor …

Erwartungshaltung/ Zusammenfassung: Bei aller Offenheit, die eine gute Beratung charakterisiert,

ist es hilfreich, die Erwartungshaltung möglichst rasch zu erfassen und auch explizit als fragendes

Angebot zu formulieren. „Was der Klient sich erhofft? Wie ist sie auf Sie aufmerksam geworden?

Hat sie Erfahrungen mit anderen Hilfsangeboten? Was sollte auf keinen Fall passieren? Wodurch

könnte der Klient sich verprellt fühlen? Was müsste passieren, damit der Klient die Einrichtung am

Ende des Prozesses anderen empfiehlt?“

Eine Zusammenfassung und eventuell ein Ausblick am Ende des Gesprächs verdeutlicht dem

Klienten, dass etwas erreicht wurde, man nicht „einfach nur gesprochen“ hat, was aber zum Beziehungsaufbau,

zur Beziehungspflege auch seine Berechtigung haben kann.

Nähe-Distanz-Übungen: wie sieht ein Problem aus der Perspektive eines anderen aus? Also: was

würde ein Freund empfehlen? Wie wird in 1,2, 10 Jahren auf die Problematik zurück geschaut

werden? Man kann noch genauer (Mikroskop) auf ein Problem schauen, eine genaue Beschreibung

ist oft hilfreich oder auch aus der Ferne (Fernrohr), um zu sehen, was es in der Nähe eines

Problems noch gibt.

Faktenwissen und Kenntnisse über die soziale Infrastruktur gibt Sicherheit und sollte im Team

systematisch gesammelt und aktualisiert werden: z.B. Gefahrenfaktoren für Suizidalität (Einsamkeit,

Suizidversuche in der Vorgeschichte/ in der Familie, schwere Erkrankung, Sucht…).

Skalierung: „Wie intensiv auf einer Skala von 1 bis 10 würden Sie die Einschränkung einschätzen?“

Kann für die Beobachtung des Verlaufs hilfreich sein.

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