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Physik des Fliegens

Geschichte, didaktische Aufbereitung und

Demonstrationsexperimente

Katharina Wirnitzer


Physik des Fliegens

Geschichte, didaktische Aufbereitung und

Demonstrationsexperimente

Diplomarbeit

zur Erlangung des Magistergrades

an der Naturwissenschaftlichen Fakultät

der LEOPOLD-FRANZENS-UNIVERSITÄT INNSBRUCK

vorgelegt von

Katharina Wirnitzer

Innsbruck, April 2002


die Luftfahrtbehörde

im Dienste des Flugsports

Österreichischer Aero-Club • Sektion Hänge- und Paragleiten

Postfach 31 • A – 6345 Kössen

Telefon + Fax 05375/2160

e-mail: j.himberger@tirol.com


Mein Dank gilt.....

� Univ.-Prof. Dr. Josef Rothleitner für seine menschliche Größe und Objektivität

und dafür, dass er mir die Chance gegeben hat, mein Studium abschließen zu

können,

� Ao. Univ.-Prof. Dr. Armin Denoth für die mentale Unterstützung bei den letzten

Prüfungen, für die Ermutigungen, doch in Physik abzuschließen und Diplomarbeit

zu schreiben, für die uneingeschränkte Bereitschaft, mir bei den aufgetretenen

bürokratischen Hürden vor der Ziellinie Studienabschluss zu helfen und mich zu

beraten, für seine großartige Unterstützung beim Verfassen meiner Diplomarbeit,

welche ohne Herrn Denoths maßgebliche Anregungen und Ratschläge und das

durch ihn geschaffene, so angenehme Arbeitsklima niemals so schnell und so

effizient hätte fertiggestellt werden können, ganz einfach für eine Unterstützung,

die weit über die einfache Betreuung einer Diplomarbeit hinausgeht,

� dem Österreichischen Aero-Club, aber hier ganz besonders Herrn Josef

Himberger, Leiter und Vorstand der Sektion Hänge- und Paragleiten des OeAeC,

für die großzügige Unterstützung und seinem Einsatz für die Bereitstellung

wichtiger Daten für das Kapitel III.: Exkurs in die Praxis des Gleitschirmfliegens,

welcher die Etablierung und Gewichtung der Sektion Hänge- und Paragleiten

innerhalb des OeAeC maßgeblich vorantrieb, sowie stets Wegbereiter für

Verbesserungen und Innovationen in unserem Flugsporte war und heute noch ist,

� Herrn Ossi Staud, Referat Flugunfälle des OeAeC, Herrn Martin Jursa, Jursa-

Consulting Bad-Tölz, und Herrn Karl Slezak für ihre Unterstützung und die

Bereitstellung wesentlicher Daten für das Kapitel III.: Exkurs in die Praxis des

Gleitschirmfliegens,

� ganz besonders meinem Mann Gerold für die unendliche Geduld in

computertechnischen Fragen.


Kurzfassung der vorliegenden Diplomarbeit: Physik des Fliegens

Diese Diplomarbeit gibt einen Überblick über die Ursachen und Hintergründe des

Fliegens für Geschwindigkeiten sehr viel kleiner als die Schallgeschwindigkeit, erhebt

aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit bzgl. aller Aspekte und Details zum Thema

Fliegen.

Kapitel I.: Theoretische Grundlagen der Strömungslehre beginnt mit einem kurzen

historischen Abriss, näheren Erläuterungen über die Eigenschaften eines Fluids und

die genauere Betrachtung der Zähigkeit, der Schlüsselgröße des Fliegens.

Anschließend wird unter dem Aspekt der Massenerhaltung auf die

Bewegungsgleichungen für reale und ideale Fluids, sowie auf den Energie-

Erhaltungssatz für stationäre und wirbelfreie Strömungen näher eingegangen,

welche Aussagen über den Strömungsverlauf, z. B. um das Strömungshindernis

Gleitschirm oder Brückenpfeiler, liefern.

Bei näherer Betrachtung des Laplace-Operators stößt man auf seine vielfältigen

Anwendungen in den verschiedenen Disziplinen der Physik (z. B. Änderung des

Geschwindigkeitsgefälles als Ursache für die Wirbelenstehung) wie auch im

täglichen Leben (z. B. Änderung des Gefälles auf dem Weg vom Hafelekar hinunter

zur Seegrube, Wärmeabstrahlung eines heißen Kuchens, Membranschwingung z. B.

einer Trommel oder Pauke). Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der

Reynolds-Zahl, basierend auf verschiedenen Beispielen zeigt ihre große Bedeutung

im Schiffs- und Flugzeugbau. Gleiche Strömungsverhältnisse zwischen Modell und

Strömungsobjekt liegen nur dann vor, wenn für beide Fälle die gleiche

charakteristische Reynolds-Zahl vorliegt; nur eine geometrische Verkleinerung des

Strömungsobjektes alleine genügt nicht.

Kapitel II: Fliegen – Der dynamische Auftrieb, stellt Demonstrationsexperimente vor,

den sog. Flettnerrotor, die schräg angeströmte Platte und zwei verschiedene

Tragflügelmodelle, welche der Veranschaulichung und Vertiefung der durch die

Theorie in Kapitel I. gewonnenen Erkenntnisse dienen sollen. Der Flettnerrotor liefert

eine prinzipielle Erklärung für das Fliegen: eine Zirkulationsströmung ist dazu

notwendig. Die Tragflügelexperimente liefern weitere Aspekte auf die Frage nach der


Physik des Fliegens, z. b. dass durch die Ablösung des sog. Anfahrtwirbels eine

Zirkulationsströmung um den Tragflügel und damit dynamischer Auftrieb entsteht,

was anhand des Wertes von Auftriebs- und Widerstandskraft für verschiedene

Anstellwinkel am Versuchsprofil mittels Diagrammdarstellungen veranschaulicht wird.

Es werden zwei Lösungsverfahren zur Berechnung der Strömungsverhältnisse an

beliebigen Strömungskörpern, die auch im Schulunterricht Anwendung finden

(Mittelwertsatz und konforme Abbildung), vorgestellt.

In Kapitel III: Exkurs in die Praxis des Gleitschirmfliegens, soll aufgezeigt werden,

dass der uralte Menschheitstraum vom Fliegen ag. des Hauptrisikofaktors Mensch

und Pilot durchaus seine Tücken hat.

Unkenntnis eines fremden Fluggebietes, mangelnde Information und

Flugvorbereitung, mangelnde Erfahrung bzgl. der Einschätzung meteorologischer

Bedingungen, Selbstüberschätzung bzw. Fehleinschätzung des eigenen Könnens,

mangelnde Flugpraxis und Flugerfahrung für die vorherrschenden Bedingungen,

Leistungs- und Gruppenzwang sind die Hauptursachen für Flugunfälle im

Gleitschirmfliegen (teilweise natürlich auch in anderen Flugsportarten), wobei die

vorliegenden Daten im internationalen Vergleich beleuchtet werden.


INHALTSVERZEICHNIS

Problemstellung und Zielsetzung dieser Diplomarbeit........................... ...... 1

Motivation: Der uralte Menschheitstraum vom Fliegen ................................ 4

Kapitel I.: Theoretische Grundlagen der Strömungslehre ............................ 8

1. Kurzer historischer Rückblick ....................................................... 9

2. Einführung ................................................................................. 11

3. Eigenschaften eines Fluids ........................................................ 14

4. Zur physikalischen Deutung der Zähigkeit ................................. 18

5. Erhaltung der Masse und die Kontinuitätsgleichung .................. 20

6. Die Navier-Stokes-Gleichung ..................................................... 24

6.1. Der Laplace-Operator ........................................................ 30

6.2. Die Reynolds-Zahl ............................................................. 35

6.3. Potenitalströmungen .......................................................... 41

7. Die Euler-Gleichung ................................................................... 42

8. Die Bernoulli-Gleichung ............................................................. 43

Kapitel II.: Fliegen – Der dynamische Auftrieb ............................................. 46

1. Aerodynamische Grundlagen .................................................... 47

1.1. Der Tragflügel und sein Profil ............................................ 49

1.2. Aerodynamische Kräfte ..................................................... 51

1.2.1. Aerodynamischer Auftrieb und Anstellwinkel .......... 54

1.2.2. Aerodynamischer Widerstand ................................ 56

1.3. Das Ähnlichkeitsgesetz und der Zusammenhang

von Reynolds-Zahl und cW-Wert ....................................... 61

2. Demonstrationsexperimente ..................................................... 64

2.1. Der Flettnerrotor ................................................................ 65

2.2. Die schräg angeströmte Platte .......................................... 70

2.3. Der Tragflügel .................................................................... 74


3. Modellrechnungen ..................................................................... 96

3.1. Die schräg angeströmte Platte als Beispiel für die

Anwendung der Methode des mittleren Potentials ........... 97

3.2. Der in einer Strömung ruhende Zylinder als Beispiel für

die Anwendung der Methode der konformen Abbildung . 100

Kapitel III.: Exkurs in die Praxis des Gleitschirm-Fliegens ....................... 104

1. Praxisbezogene Aspekte der Flugmechanik ............................ 105

1.1. Schwerpunkt und Druckpunkt .......................................... 105

1.2. Gleichförmige und beschleunigte Bewegungen .............. 106

1.3. Die Stabilität des Gleitschirmes ....................................... 107

1.4. Die Leistung eines Gleitschirmes .................................... 108

2. Das Gleitschirmfliegen und seine wesentlichen Merkmale ...... 109

3. Die Flugunfalldaten des Gleitschirmsports im

internationalen Vergleich ........................................................ 113

3.1. Unfallstatistik und –analysen ........................................... 116

3.1.1. Österreich ............................................................. 118

3.1.2. Deutschland ......................................................... 124

3.1.3. Tödliche Gleitschirmunfälle österreichischer,

deutscher und schweizer Piloten im Vergleich .... 132

3.2. Zusammenfassung der Flugunfalldaten

Österreichs und Deutschlands ....................................... 134

Anhang ..................................................................................................... 138

Schrifttum ................................................................................................ 142

Lebenslauf ............................................................................................... 148


Problemstellung und Zielsetzung dieser Diplomarbeit

Der Gleitschirmsport fasziniert mich nun schon seit 12 Jahren und hat mich bis heute

nicht losgelassen, was sich auch darin äußert, dass ich mein Hobby in zweierlei

Hinsicht zum Beruf gemacht habe: einerseits als Paragleit-Lehrerin und andererseits

indem ich meine Diplomarbeit im Studienfach Physik schreibe, und zwar zum Thema

Physik des Fliegens“.

Neben meinem Studium arbeitete ich auch viele Jahre als Fluglehrerin in den

Paragleit-Flugschulen Kössen und Wildschönau-Tirol, wodurch sich mir eine

hervorragende Möglichkeit bot, das Unterrichten in meinen beiden Studienfächern

Sport-Leibeserziehung und Physik zu praktizieren und zu verfeinern.

Ich stieß auf ein vielfältiges Klientel und Publikum, welches sich mir im

konventionellen Schulunterricht niemals bieten kann. Die Palette meiner Flugschüler

reichte durch alle Berufsgruppen, Bildungsniveaus und sozialen Schichten; das heißt

nicht selten bestand eine Gruppe von Grundkursteilnehmern aus einem Konglomerat

von Hausfrau, Tischler, Rauchfangkehrer, Student, Arzt, Absolvent der

Studienrichtung Luft- und Raumfahrt, Manager, Schüler, Großindustrieller,

Geschäftsführer, Handelsvertreter usw.

Einem solch inhomogenen Publikum in einer einzigen Einheit den physikalischen

Bereich der Theorieausbildung und die Grundlagen des Gleitschirmfliegens, die

Aerodynamik eines Paragleit-Grund- sowie Sonderpilotenkurses näher zu bringen

und zu erklären, ohne jemanden zu überfordern bzw. den einen oder anderen zu

langweilen, stellte für mich eine spannende und große Herausforderung dar; denn

nicht nur meine Flugschüler haben (hoffentlich) etwas übers Fliegen gelernt, auch ich

habe die Vielfältigkeit, die eine Lehrertätigkeit auszeichnen kann, kennengelernt.

Basierend auf dieser Inhomogenität einer Gruppe von Flugschülern und aufgrund der

Aerodynamik-Einheiten im Theorieunterricht der Paragleitausbildung hatte ich die

Idee, mit der Diplomarbeit im Studienfach Physik eine Arbeit zu verfassen, welche es

schafft, die wesentlichen Aspekte des Fliegens unter Berücksichtigung, einer auf

eine physikalische Alltagssprache, „heruntertransformierten“ Fachsprache der


Strömungslehre aufzuzeigen und für Physiklehrer wie für Flugbegeisterte

gleichermaßen anschaulich und interessant zu erläutern.

Da sich bei einer ersten Literaturrecherche wie erwartet herausstellte, dass die

verwendete Sprache zumeist für den fluginteressierten Physiklaien mathematisch

und physikalisch zu hochgegriffen ist, ist es nur verständlich, dass ein Nicht-Physiker

in Anbetracht der Tatsache, sich zuerst durch die mathematisch Methoden der

Physik durcharbeiten zu müssen, um sich viel später erst mit dem Wunschgebiet des

Fliegens auseinandersetzen zu können, bald aus Frust über den Berg von scheinbar

nutzloser Mehrarbeit und das Nicht-Verstehen-Können das Interesse an solcherart

Lektüre verliert.

Der Bedarf nach einer Arbeit für den schulpraktischen Gebrauch (für herkömmliche

Schulen sowie Hänge- und Paragleit-Flugschulen), ohne allerdings den Anspruch auf

physikalisch-wissenschaftliche Vollständigkeit erheben zu wollen, wurde durch diese

Literaturrecherche bestätigt.

Um den noch nicht entmutigten und immer noch interessierten Leser nicht

abzuschrecken, wird das Hauptaugenmerk bei der Ausarbeitung der Thematik

Physik des Fliegens“ auf eine „schmackhafte“ Gestaltung und Präsentation

physikalischer Aspekte gelegt.

Die „graue“ Theorie ausgewählter theoretischer Grundlagen der Strömungslehre soll

durch vielfältige und bekannte Beispiele aus der Erlebniswelt des täglichen Lebens,

durch eine Vielzahl an Bildern und eine „abgespeckte“ physikalische Fachsprache

untermalt und plastisch und anschaulich herausgearbeitet werden. Alltagserlebnisse

wie z. B. der Vogelflug, das Baseball- oder Frisbeespielen, eine im Wind flatternde

Fahne, Start und Landung eines Flugzeuges, Gleitschirms oder Deltas sollen für ein

vertieftes Verständnis der Ursache fürs Fliegen dienen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Ausarbeitung dieser Diplomarbeit ist die

didaktisch-pädagogische Aufbereitung strömungstheoretischer Grundlagen, um ein

grundlegendes Verständnis des Fliegens vermitteln zu können. Es soll gezeigt

werden, dass unter Zuhilfenahme einfacher Hilfsmittel, die auch jeder „kleine“ und

„große“ Schüler (fast) immer bei sich hat, wie z. B. verschiedene Stifte, Papier (in

Leistungskursen eventuell auch Millimeter-Papier) und Hausverstand, ganz einfach


Physik getrieben werden kann, und das ohne mathematische Formeln und

großartiges Herumrechnen. Die Verwendung didaktischer Grundsätze und

Methoden, wie z. B. anhand der Wiederholungsmethode bereits bekannte

Stoffgebiete festigen, basierend auf bereits Bekanntem zu neuen Stoffgebieten

übergehen, in kleinen Schritten Neues erarbeiten, ein betrachtetes Problem auf

vielfältige Art und Weise betrachten und so zu einem aus dem Erkenntnisprozess

resultierenden Ergebnis zu kommen usw., soll eine pädagogisch wertvolle und

anschauliche Aufbereitung der Theorie der Strömungslehre, welche die Basis für ein

Verständnis der Physik des Fliegens steckt, gewährleisten, sodass nicht nur ein

Physiklehrer, sondern auch ein breites und fluginteressiertes Publikum ohne

physikalisch-mathematische Vorkenntnisse zu einem Verständnis für die Ursache

des Fliegens kommen kann.


Motivation: Der uralte Menschheitstraum vom Fliegen

Am Anfang war der Mythos...

Einst in alten, alten Zeiten gab es in Athen, ja in ganz

Griechenland keinen größeren Künstler als Dädalus. Er

war Baumeister und Bildhauer und verstand es

wundervoll Erz und Metall zu bearbeiten. Beim Anblick

seiner Bauten wusste man nicht, ob es Menschenwerk oder das Werk eines

unsterblichen Gottes war. Von seinen Statuen sagte man, sie seien wie lebendige

Menschen. Oft konnte man Dädalus zwischen den Säulen halbfertiger Tempel

sehen, umgeben von einer Schar Lehrlinge aus den edelsten Geschlechtern Athens.

Doch der geschickteste seiner Lehrlinge hatte keine vornehmen und mächtigen

Eltern. Es war Talos, des Dädalus armer Schwester Sohn. Hatten die übrigen von

ihren Vätern klingende und ruhmbedeckte Namen geerbt, so machte Talos seinen

Namen selbst berühmt. Schon im Alter von zwölf Jahren erfand er die Töpferscheibe.

Er sah das gezähnte Rückgrat der Fische und verfertigte nach diesem Vorbild die

erste Säge. Es gelang ihm, zwei gleich lange Eisenschenkel durch ein Gelenk zu

verbinden und so den Zirkel zu erfinden.

Einmal, als Dädalus den Bau eines neuen Palastes besichtigte, hörte er, wie Arbeiter

hinter einer Mauer miteinander sprachen. "Dädalus ist der größte Künstler der Welt,

glaubst du nicht auch?" sagte der eine. "Warte nur, Talos wird ein noch größerer

Künstler als Dädalus", sprach der zweite. Das ärgerte Dädalus. Er war gewohnt,

dass niemand seinen ersten Rang unter den Künstlern anzweifelte. Seit der Zeit

mochte er Talos nicht mehr. Der gelehrige Jüngling konnte schon so viel, dass

Dädalus mit Sicherheit seinen künftigen Ruhm vorausahnte. Im Geist sah er schon

den Stern seines eigenen Ruhmes verlöschen. Talos begriff nicht, warum der Onkel

ihm böse war und ihn tadelte. Darum freute er sich, als Dädalus ihn eines Abends zu

einem Spaziergang einlud. Doch der Onkel verbarg seinen Hass nur, um eine

schreckliche Absicht ausführen zu können. Er lockte Talos auf die Athener Burg und

stieß ihn im Dunkel vom Burgwall hinab. Danach stieg er selbst hinunter zum Fuß

des Walles, um den Leichnam des Talos zu vergraben und alle Spuren zu


verwischen. Doch er suchte vergeblich. Die Göttin Athene hatte den Jungen, den sie

um seines Geschicks und Fleißes willen liebgewonnen hatte, im Sturz aufgefangen

und in einen Vogel, einen Kiebitz, verwandelt. Bis heute fürchtet der Kiebitz die

Höhe, fliegt niedrig und nistet am Boden, im Gras und in kleinen Gruben. Er ist

vorsichtig und warnt die Vögel ringsum, wenn Gefahr naht.

Das Verbrechen des Dädalus Verbrechen aber blieb nicht verborgen. Ein verspäteter

Spaziergänger hatte gesehen, was geschehen war und den Täter angezeigt.

Dädalus wusste, dass ihm Strafe drohte, und flüchtete deshalb mit seinem Sohn

Ikaros auf die Insel Kreta. Der Kretische König Minos empfing den berühmten

Künstler voll Freude in seinem Schloss. Er suchte eben einen Baumeister, der ihm

ein besonderes Gefängnis für ein Ungeheuer, den Minotaurus, bauen sollte. Der

Minotaurus hatte den Kopf eines Stieres und den Leib eines riesigen Menschen. Der

grausame König fütterte ihn mit Menschenopfern. Dädalus dachte sich für den

Minotaurus etwas noch nie Dagewesenes aus, ein Labyrinth. Inmitten dieser

finsteren, verschlungenen Gänge sollte das Untier eingeschlossen werden. Dädalus

ging als letzter in das Gängegewirr, um die Zeichen zu entfernen, nach denen man

den Ausgang aus dem Labyrinth finden konnte. König Minos veranstaltete zu Ehren

des Baumeisters ein großes Fest. Doch Ruhm, Ehren und Geschenke konnten in

Dädalus nicht den Wunsch erwecken, auf der Insel zu bleiben. Es gefiel ihm nicht bei

dem grausamen, herrischen König; er hatte Heimweh. Jeden Abend ging er mit

seinem Sohn Ikaros an den Strand und blickte über das offene Meer zum Horizont,

wo in der Dämmerung Himmel und Meer miteinander verschmolzen. Dort, irgendwo

in der Ferne, lag seine Heimat. Anfangs hoffte er, ein Schiff werde kommen, um ihn

in die Heimat zu bringen. Doch kein Schiff wagte es, von der Insel jemanden

fortzuführen, dem der König die Abreise nicht erlaubte. Statt der ersehnten Segel sah

Dädalus stets nur das gleiche Bild: das leere Meer, Felsen und Vogelschwärme über

dem Wasser.

Der berühmte Baumeister beneidete die Vögel um ihre Freiheit. Sie kennen keine

Grenzen und Hindernisse, sie fliegen über Berge und Meere. Tag und Nacht dachte

er an die Vögel und fand keinen Schlaf. Er zeichnete Vogelschwingen, beobachtete

den Flug der Vögel und bereitete heimlich seine Flucht vor. Er beschaffte sich

Federn verschiedener Größe und eines Nachts, allen Blicken verborgen, ging er an

die Arbeit. Mit Leinenfäden band er die Federn, von den kürzesten bis zu den


längsten, zusammen. Dann verklebte er sie mit Wachs und gab ihnen die Form von

Flügeln. Für sich selbst baute er zwei große Schwingen, für Ikaros zwei kleinere.

Befriedigt betrachtete er die vollendete Arbeit. "Dem König gehören die Schiffe",

dachte er, "aber mir gehört die Luft." Am nächsten Tag weckte Dädalus zeitig am

Morgen seinen Sohn Ikaros. Zuerst legte er selbst die Flügel an, breitete die

Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Er lehrte Ikaros, die Flügel zu gebrauchen,

wie Vogeleltern ihre Jungen fliegen lehren. Ikaros bemühte sich, es dem Vater im

Fliegen gleichzutun, und lachte vergnügt, als es ihm gelang, über hohen Bäumen

und steilen Felsen zu kreisen. Dädalus aber belehrte seinen Sohn: "Sei vorsichtig,

Ikaros, flieg nicht zu hoch, die Sonne würde das Wachs auf den Flügeln zum

Schmelzen bringen und dir die Schwingen versengen. Flieg auch nicht zu niedrig,

damit die Meereswellen dir die Flügel nicht mit Wasser benetzen, sie würden zu

schwer werden und dich in die Tiefe ziehen. Fliege weder hoch noch niedrig,

sondern so wie ich in der Mitte, und verliere mich nicht aus den Augen." Dädalus

küsste seinen Sohn und beide erhoben sich in die Lüfte. Dädalus flog voran und

blickte sich ständig nach Ikaros um. Der Sohn flog so, wie der Vater es ihm geboten

hatte.

Tief unter ihnen hielten Hirten schützend die Hand über die Augen, schauten zum

Himmel und meinten: "Das sind sicher Götter vom Olymp, die zur Erde fliegen, um zu

sehen, wie die Menschen leben." Den Fischern am Ufer, die ihre Netze auswarfen,

zitterten die Hände, als sie die Flieger in der Luft gewahrten. Dann breitete sich unter

Dädalus und Ikaros das weite Meer aus. Wenn sie ein Schiff überflogen, hielten die

Ruderer vor Staunen in der Arbeit inne. Die Insel Kreta lag schon weit hinter ihnen,

der Tag war klar, und Dädalus, erfreut über das gute Gelingen des Fluges, gab sich

der Erinnerung an die Heimat hin. Fröhlich schlug Ikaros in der warmen Luft mit den

leichten Flügeln. Gern wäre er höher geflogen, doch solange sich der Vater nach ihm

umsah, wagte er es nicht. Nun vergaß der in Gedanken versunkene Vater, sich nach

dem Sohn umzublicken, und Ikaros nutzte die Gelegenheit. Er stieg höher und höher

und begann vor Freude zu singen. So nahe kam er dem strahlenden Gespann des

Sonnengottes, daß er dessen goldenen Wagen bewundern konnte. Und die Sonne

glühte und brachte das Wachs auf den Flügeln zum Schmelzen. Große gelbe

Tropfen flüssigen Wachses fielen hinab ins Meer. Die Fäden lockerten sich, und die

Federn, die nicht mehr zusammengehalten wurden, ließen Luft durch. Ikaros schlug

noch einmal mit den bloßen Armen und stürzte mit einem Aufschrei in die Tiefen des


Meeres. Das Wasser brachte seinen Mund zum Verstummen, und die glitzernden

Wellenkämme bedeckten sich mit einer Schicht weißer Federn. Dädalus hörte den

Schrei, wandte sich um und rief nach dem Sohn. Niemand antwortete ihm.

Leer war um ihn der unendliche Luftraum, verlassen das weite Meer unter ihm.

Dädalus ließ sich bis dicht an die Wellen hinab und rief und suchte. Er fand nur

verstreute nasse Federn. Der verzweifelte Vater flog zur nächsten Insel, nahm die

Flügel ab und setzte sich ans Ufer. Den ganzen Tag saß er trauernd dort, und am

Abend, als die Sonne ihre tägliche Wanderung beendete, spülte das Meer den toten

Sohn ans Land. Unter dem Sternenhimmel hob Dädalus für Ikaros ein Grab aus. Auf

dem frischen Grabhügel ließ sich ein einsamer Vogel nieder. Es war ein Kiebitz, der

mit seinem Rufen Dädalus an sein altes Verbrechen gemahnte. Wie gehetzt floh

Dädalus von der Insel und flog weit fort von seiner Heimat, nach Sizilien. Dort

errichtete er noch viele wundersame Bauwerke, auch einen künstlichen See und eine

feste Königsburg auf einem hohen Felsen, doch bis zu seinem Tode fand er weder

Glück noch Ruhe. Die Insel, auf welcher er den Sohn begraben hatte, erinnert bis

heute durch ihren Namen an das Schicksal des Ikaros; sie heißt Ikaria. Die See, in

welche Ikaros gestürzt ist, wird seither ebenso das Ikarische Meer genannt.

(vgl. SCHWAB 2001)

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