STEINZEUG Information 2006 - Fachverband Steinzeugindustrie eV

fachverband.steinzeug.de

STEINZEUG Information 2006 - Fachverband Steinzeugindustrie eV

Information

STEINZEUG

90% der EU-Bevölkerung

am Kanalnetz

Substanzwerterhalt

in der Zwickmühle

Kanalerneuerung im

Stollenvortrieb

2006

FV ST

Fachverband

Steinzeugindustrie e.V.


Impressum

Herausgeber:

FVST Fachverband Steinzeugindustrie e.V.

Alfred-Nobel-Straße 17

50226 Frechen

Tel.: 02234/507-271

Fax: 02234/507-204

E-Mail: fachverband@steinzeug.com

Internet: www.steinzeug.com

Redaktion:

Bau-Ass. Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick

Heiko Daun

Dr. Gabriele Hahn

Redaktionsbüro Dr. Hahn

Ettighofferstraße 23

53123 Bonn

Tel.: 0228/464189

Fax: 0228/4339261

E-Mail: redaktion@hahn-bonn.de

Satz:

Satz+Layout Werkstatt Kluth GmbH

Erftstadt

Druck:

Das Druckhaus

Beineke Dickmanns GmbH, Kaarst-Büttgen

Zum Abdruck angenommene Beiträge und Abbildungen gehen im Rahmen der gesetzlichen

Bestimmungen in das Veröffentlichungs- und Verbreitungsrecht des Herausgebers über.

Redaktionelle Überarbeitungen und Kürzungen liegen im Ermessen des Herausgebers.


Über die zu verwendenden Rohrwerkstoffe in unseren Kanalnetzen entscheiden

die jeweiligen Betreiber. Grundlegend beeinflusst wird diese verantwortungsvolle

Entscheidung von der Absicht, natürlich nur solche Bauteile einzusetzen,

die auch eine möglichst lange und problemlose Nutzungsdauer

ermöglichen. Ein weiterer Einfluss nehmender Aspekt ist auch die ökologische

Relevanz der Bauteile. Aus Steinzeug werden solche Bauteile gefertigt,

Steinzeugrohre und -systeme erfüllen alle diese Anforderungen, ja sie

nehmen hier eine Spitzenstellung ein. Eigenlob, sagen Sie? Keineswegs! Die

regelmäßigen, unermüdlichen Bemühungen der Wettbewerber, die technischen

Eigenschaften ihrer Materialien mit denen von Steinzeug zu vergleichen,

sprechen eine eindeutige Sprache. Aber der keramische Werkstoff ist

weder vergleichbar mit Kunststoff noch ersetzbar durch Kunststoff; allein die

vielen unterschiedlichen Kunststoffarten sprechen dagegen. Mit Steinzeug

kommt keine zusätzliche Variable in die Entscheidungsfindung, sondern in

Anlehnung an die unveränderten technischen Anforderungen aus Planung,

Bau und Betrieb eine konstante und bekannte Größe.

Normen und Arbeitsblätter unterstützen hilfreich Planung und Bau von

Abwasserleitungen und -kanälen, die Verantwortung für die Materialentscheidung

„übernehmen“ sie jedoch nicht. Allerdings müssen genormte

Bauteile nicht immer auf die Interessen der Anwender stoßen. Europa hat andere

Interessen und deshalb kommt es auf den Inhalt der Norm an und das,

was die Hersteller daraus machen. In die Produktion von Steinzeugrohren

und -systemen wurden und werden zielgerichtet die Anwender von Anbeginn

an mit ihren Interessen berücksichtigt und eingebunden. Nicht nur

national, sondern auch europäisch.

Ingenieure sollten wieder wie Ingenieure entscheiden, Fakten bewerten,

Berechnungen erstellen, Wissen einsetzen und vor allem Oberflächlichkeiten

ausschließen. Das Bauwerk Kanalisation ist zu wertvoll, um aus dem Gefühl

heraus gebaut und betrieben zu werden. Es geht um Verantwortung für die

Zukunft.

Mit der vorliegenden Ausgabe der STEINZEUG Information 2006 wünsche

ich Ihnen eine interessante und nützliche Lektüre,

Ihr

Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick

Geschäftsführer Fachverband Steinzeugindustrie e.V.

Editorial

Entscheidend ist der Werkstoff!

STEINZEUG-Information 2006

1


2

Inhalt

17 What’s new in

Europe/Germany?

Im nationalen und europäischen

Regelwerk hat

sich einiges getan.

Dichtung im Muffenspalt

aus elastifiziertem

Epoxidharz

Boden der Rohrzone

bzw. Rohrauflager

STEINZEUG-Information 2006

10 Wie es um den derzeitigen Stand

und die zukünftige Entwicklung der

Kanalisation in Ungarn bestellt ist, zeigt

ein Vergleich mit Deutschland. Dabei ist

allerdings zu berücksichtigen, dass für

die verschiedensten Parameter in

Ungarn nur Schätz- und Erfahrungswerte

und keine konkreten Daten vorliegen.

63 „Paris par Moulin“ lautete die Wegbeschreibung

für die Kugelpost in die 1870/71 belagerte Hauptstadt.

Vorgegeben war damit der Transport über die Seine.

Materialabtrag

durch Vorfräsen

definierter Muffenspalt

12–20 mm

Rest der Muffenabd.

älterer Bauart

51 Als traditionell,

hochmodern und innovativ

umriss Elk Eckert im Gespräch

das Profil des Weltmarktführers

STEINZEUG Abwassersysteme

in Frechen.

28 Das EDS-Verfahren wird laut

DIN EN 752-5 den Renovationsverfahren

zugeordnet, woraus sich entsprechende

Aspekte zur Wirtschaftlichkeit

ableiten lassen.


43 Unter einer besonderen

Einkaufsmeile braucht

es auch eine besondere

Kanalsanierung. Ganz im

Verborgenen wird in Stollenbauweise

das Kanalnetz

unter der Kölner Hohe

Straße erneuert.

Inhalt

■ Editorial

Entscheidend ist der Werkstoff! 1

■ Verbandsnachrichten

„Rohrleitungen – erfordern Fachkompetenz“ 4

Nachwirkungen in die Zukunft 5

DWA-Seminare/-Tagung: Der FVST „packt mit an“ 8

■ Blickpunkt EU

Kanalisation in Ungarn im Vergleich 10

90 % der EU-Bevölkerung am Kanalnetz 12

CEN – einer für alle … alle für einen – CEN 14

■ Regelwerknews

What’s new in Europe/in Germany? 17

■ Forschung + Technik

Substanzwerterhalt – Wirtschaftliche Notwendigkeit und Belastungsgrenze 19

EDS-Verfahren – Aspekte zur Wirtschaftlichkeit 28

Einsatz von selbstverdichtenden Materialien 33

■ Baustellenbericht/-reportage

Stadtbahnbau – Drei dicke Mädchen mit Tunnelblick beißen sich durch 38

Kölner Hohe Straße – Kanalsanierung ganz im Verborgenen 43

Weimar – Großherzögliche Grüße aus dem Erdreich 46

■ Portrait/Interview

Im Gespräch mit Jens Hölterhoff 48

Zu Gast bei STEINZEUG Abwassersysteme 51

Zu Gast bei Osmose Baukeramik 54

■ Wirtschaft + Recht

Beurteilung der Nutzungsdauer 57

Die neue VOB 2006 59

■ Messen + Kongresse

WASSER + GAS BERLIN 2006 61

Branchentermine im Überblick 62

■ Last Minute

Französische Zinkkugelpost 63

Buchtipp: Kunststoffrohre „in der Mangel“ 64

STEINZEUG-Information 2006

3


4

Verbandsnachrichten

FVST beim IRO 2007

„Rohrleitungen – erfordern

Ingenieurkompetenz“

Am 8. und 9. Februar 2007 öffnet

zum 21. Mal das Institut

für Rohrleitungsbau an der

Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven

seine Tore

zum „Oldenburger Rohrleitungsforum“.

Mit dem gewählten Leitmotiv

„Rohrleitungen – erfordern Ingenieurkompetenz“

haben die Verantwortlichen

ein Thema aufgegriffen,

das seit einiger Zeit an Brisanz und

Sensibilität zugenommen hat, denn:

In den letzten zehn Jahren war in der

Bauwirtschaft ein dramatischer Stellenabbau

zu verzeichnen. Parallel zu

dieser miserablen Beschäftigungssituation

sank verständlicherweise die

Zahl der Studienanfänger in den

Studiengängen des Bauwesens. Mit

Beginn der allmählichen Konsolidierung

der Baubranche wird der seit

einiger Zeit befürchtete Fachkräftemangel

im Ingenieurbereich nun

sichtbar. Verbände, Ver- und Entsorgungsbetriebe,

Hersteller, Ingenieurbüros

und Bauunternehmen

fordern daher für den Rohrleitungsbau,

dass an den Hochschulen besonders

qualifizierte Mitarbeiter mit

Ingenieurkompetenz ausgebildet

werden.

Der Fachverband Steinzeugindustrie

e.V. wird wie gewohnt auch in 2007

mit einem Vortragsblock zum Ol-

STEINZEUG-Information 2006

denburger Rohrleitungsforum vertreten sein. Er greift darin das Leitmotiv des

iro auf, da Kompetenz und Qualifikation auch und gerade in der Verwendung

von Rohrmaterialien eine enorm wichtige Rolle spielen. So wird im Steinzeug-

Vortragsblock das „Herzstück Bauausführung“ im Mittelpunkt stehen – aus

der Sicht des Auftraggebers (Dipl.-Ing. Hartmut Schmidt, Stadtentwässerung

Vortragsblock Steinzeug

9. Februar 2007, 11:00 – 12:30 Uhr

Immer auf der richtigen Seite

„Herzstück Bauausführung“: Welche Anforderungen stellt

der Auftraggeber an sein Planungsbüro?

Referent: Dipl.-Ing. Hartmut Schmidt

Stadtentwässerung Braunschweig GmbH,

Braunschweig

„Herzstück Bauausführung“: Wie erfüllt das Planungsbüro

die Anforderungen des Auftraggebers?

Referent: Dr.-Ing. Olaf Schulz

GKE Consult GmbH, Braunschweig

Wir machen kompetente Ingenieure – als Bachelor

oder Master!

Referent: Prof. Dr.-Ing. Jens Hölterhoff

Hochschule Wismar, Wismar

Moderation: Bau-Ass. Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick

Fachverband Steinzeugindustrie e.V., Frechen

Weitere Informationen zum 21. Oldenburger Rohrleitungsforum erhalten

Sie unter den angegebenen Kontaktmöglichkeiten.


Braunschweig GmbH) und aus der Sicht des Planungsbüros (Dr.-Ing. Olaf

Schulz, GKE Consult, Braunschweig). Im Klartext heißt das: Welche Anforderungen

stellt der Auftraggeber an sein Planungsbüro und wie wiederum erfüllt

das Planungsbüro die Anforderungen des Auftraggebers.

Auf beiden Seiten müssen dafür kompetente Fachleute stehen. Prof. Dr.-Ing.

Jens Hölterhoff, Hochschullehrer im Fachbereich Bauingenieurwesen in Wismar,

sorgt dafür. Er bildet praxisorientierte, kompetente Ingenieure – als Bachelor

oder Master – aus und beschreibt in seinem Vortrag die Ausbildungsinhalte.

Im Gedenken an den Gründer des

KERAMION, Dr. Gottfried Cremer,

dessen Geburtstag sich am 3. Oktober

zum hundertsten Mal jährte, erinnerte

die Stiftung KERAMION/VZK

Frechen e.V. vom 20. August bis 29.

Oktober 2006 mit einer Ausstellung

und einer begleitenden Festschrift an

das Leben und Wirken eines großen

Industriellen, Sammler, Mäzen und

Stifter. Der Fachverband Steinzeugindustrie

e.V. hat mit einem Beitrag in

dieser Festschrift die „Nachwirkungen“

aus dem Lebenswerk Cremers

auf die Gegenwart und Zukunft aufgespürt.

Steinzeugrohre wurden zu allen Zeiten mit dem Ziel eingebaut, möglichst

lange und störungsfreie Betriebszeiten zu ermöglichen. Mit keinem anderen

Werkstoff hat die moderne Kanalisationstechnik eine solche Bandbreite an Erfahrung

gesammelt, kein Bauteil aus Steinzeug hat so regelmäßig seine Planer

und Baumeister überlebt und wechselnde und zum Zeitpunkt seiner Herstellung

zum Teil unbekannte und unvorhersehbare Betriebsbedingungen erfahren.

Diese enormen Leistungen wurden erreicht, da in ständigem Dialog

mit den Bauherren die Produkte angepasst, modernisiert und neu entwickelt

wurden.

Dr. Gottfried Cremer hat die Entwicklung des Werkstoffs Steinzeug unermüdlich

vorangetrieben, die Produktionstechnik mit profunden Fachkenntnissen

modernisiert und damit seitens der Industrie Voraussetzungen geschaffen,

Kontakt

Verbandsnachrichten

Institut für Rohrleitungsbau an der

Fachhochschule Oldenburg e.V.

Ofener Straße 18

26121 Oldenburg

Tel.: 04 41/36 10 39-0

Fax: 04 41/36 10 39-10

E-Mail: ina.kleist@iro-online.de

Zum 100. Geburtstag von Dr. Gottfried Cremer

Nachwirkungen in die Zukunft

Einer Töpferscheibe nachempfunden: das Keramion. Foto: W. Stapelfeldt

Steinzeugrohre und Formstücke erfolgreich

im Abwassermarkt zu positionieren.

Technisches, wirtschaftliches

und umweltpolitisches

Umfeld im

Jahre 2006

Die Abwassertechnik ist ein wesentliches

Element des Umweltschutzes,

weil das Wasser, unser unverzichtba-

STEINZEUG-Information 2006

5


6

Verbandsnachrichten

Kanalisationsnetz

in Deutschland

● 486.159 km

● bis DN 800: 46 % aus

Steinzeug

● 70 % der Kanäle sind älter

als 50 Jahre

● 3 % der Kanäle sind älter

als 100 Jahre

Zahlen und Fakten. Quelle: DWA 2006

res Lebensmittel, hier im Mittelpunkt

steht. Technische Entscheidungen

stehen auf dem Prüfstand

der Finanzierbarkeit, der Wirtschaftlichkeit

und der politischen Akzeptanz.

Gerne wird in diesen Zusammenhängen

der Begriff der „Nachhaltigkeit“

verwendet.

Die Politik hat mit der Gründung des

Bundesministeriums für Umwelt vor

20 Jahren dann auch offiziell den

Schutz der Umwelt zur Chefsache

erklärt. Zurückblickend sind 20 Jahre

eine vergleichsweise kurze Zeit

angesichts der Bedeutung der Umwelt

für die Lebensbedingungen

künftiger Generationen. Das Thema

Energie spielt dabei eine ganz wesentliche

Rolle und steht zunehmend

im Mittelpunkt umweltpolitischer

Diskussionen. Aber auch viele

andere Bereiche mit ökologischer,

ökonomischer und sozialer Relevanz

gehören zu den Inhalten der Umweltpolitik.

Das Unternehmen STEINZEUG Abwassersysteme

GmbH, Frechen, ist

sich seiner Rolle gegenüber der Umwelt

bewusst und stellt sich der Verantwortung

– jeden Tag. Mit den

Steinzeug-Produkten ist es möglich,

Ökologie und Ökonomie zum Nutzen

und Besten aller zu vereinen.

STEINZEUG-Information 2006

Nachhaltigkeit

Was bedeutet „Nachhaltigkeit“? In der Umweltpolitik, aber auch in vielen anderen

Bereichen, wird der Begriff der „Nachhaltigkeit“ vielfach verwendet,

aber auch vielfach missbraucht. Die europäische „Kommission Umwelt“ beschreibt

diesen Begriff unter Verwendung der Definition in der Umweltkonferenz

1992 in Rio de Janeiro als eine

„Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu

riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht

befriedigen können.“

Die Länder der Europäischen Gemeinschaft verwenden den Begriff „Nachhaltigkeit“

unterschiedlich: Die häufig gebräuchliche Definition erfolgt nach

räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen.

In Deutschland kommen folgende Definitionen zum Tragen:

● dauerhaft umweltgerechte Entwicklung

● umweltgerechte Entwicklung

● ökologisch-dauerhafte Entwicklung

● zukunftsverträgliche Entwicklung

● zukunftsfähige Entwicklung

Die eingangs beschriebene Dauerhaftigkeit und Beständigkeit von Steinzeugrohren

von mehr als hundert Jahren macht deutlich, dass unter Verwendung

dieses Werkstoffs die definierten Ziele der „Nachhaltigkeit“ erreicht

werden und dass auch die vorhandenen älteren Netze diese ebenfalls erreichen.

„Nachhaltigkeit“ besitzt zudem eine soziale Komponente, die in der folgenden

Definition mit verwendet wird:

Energieeinsatz zur Herstellung von

Steinzeugbauteilen

Bauteile für den Rohrvortrieb

Großrohre für die Kanalisation

Bauteilfestigkeiten

Materialfestigkeit

Baulänge

Werkseitig hergestellte Rohrverbindungen

Kunststoffanteil an den Verbindungen

Arbeitsbelastungen der Mitarbeiter

Umweltbelastungen aus der Produktion

Tab. 1: Fakten und Entwicklungstendenzen bezüglich der Nachhaltigkeit von

Steinzeugbauteilen in der Kanalisation.

Zeit

1956 – 1981 1981 – 2006 2007 –


„Das Wirtschaften soll sich unter Berücksichtigung ökonomischer

und sozialer Dimensionen an den Grenzen

der Tragfähigkeit des Naturhaushaltes orientieren.“

Die Begriffe „umweltgerecht“ und „nachhaltig“ werden

also durch ökologische, ökonomische und soziale Randbedingungen

geformt, die gleichwertige Bestandteile

dieser Definition sind.

Eine Nachhaltigkeitsbilanz von Steinzeugbauteilen in der

Kanalisation schließt zurückblickend die in Tabelle 1 aufgeführten

Fakten und Entwicklungstendenzen für die

Zukunft ein:

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist bekanntermaßen schon

sehr alt und geht auf die Forstwirtschaft zurück. Für das

Wirken von Dr. Gottfried Cremer für unsere Industrie gelten

die Worte von Hans Jonas zum Prinzip der Verantwortung:

„Handle so, daß Du durch Dein Handeln die Lebensmöglichkeiten

der nächsten Generation nicht einengst

oder beeinträchtigst.“

Innovationen

Die STEINZEUG Abwassersysteme GmbH forscht stetig nach innovativen Produktanwendungen

im Kanalbau und für die Verbesserung der Produktionstechnologie.

Als herausragende Ergebnisse der letzten 25 Jahre sind hervorzuheben:

● Deutliche Erhöhung der Tragfähigkeiten der Rohre mit dem Ziel, grundsätzlich

ein bewegliches Rohrauflager zu ermöglichen; damit sind technische

und wirtschaftliche Erfolge verbunden

● Vergrößerung der Baulänge von 2,00 m auf 2,50 m als Standardbaulänge

für Rohre beim offenen Kanalbau

● Entwicklung, Markteinführung und Markführerschaft bei Vortriebsrohren

aus Steinzeug in nicht begehbaren Nennweiten

● Entwicklung der Schleiftechnik zur werkseitigen Herstellung von Rohrverbindungen

● Ausweitung des Großrohrprogramms bis DN 1400

● Herstellung von Rohren mit Wandstärken von 100 mm bei Großrohren

Verbandsnachrichten

Quelle: Stiftung KERAMION/VZK

Globale Herausforderungen/lokale

Verantwortung

Die Aktivitäten der STEINZEUG Abwassersysteme

GmbH sind seit Jahrzehnten

weltweit ausgerichtet. Mitarbeiter

und Marktpartner stehen

hierzu im stetigen Dialog mit den

Kunden. Steinzeugrohre aus

Deutschland haben dabei einen besonders

guten Ruf. Nur die Kenntnis

der individuellen technischen Erfordernisse

stellen sicher, dass die Produkte

auch die Erwartungen erfüllen;

die technischen und wirtschaftlichen

Anforderungen an die Kanalisation

sind dabei häufig identisch.

STEINZEUG-Information 2006

7


8

Verbandsnachrichten

DWA-Seminare/-Tagung

Der FVST „packt mit an“

Schon seit vielen Jahren ist der

FVST Fachverband Steinzeugindustrie

e.V. in die verschiedensten

Seminare der DWA eingebunden.

Im Herbst diesen Jahres

standen drei Seminare auf dem Programm,

an denen der FVST entweder

mit Fachvorträgen, mit Moderationen

oder mit der fachlichen Leitung

beteiligt war.

Bauen nach Plan

Am 19. Oktober fand unter dem Titel

„Fachgerechte Herstellung von

Abwasserleitungen und -kanälen“

eines der grundlegenden Seminare

der Abwassertechnik in Bremen

statt. Die fachliche Leitung teilten

sich die Herren Flick (FVST) und Möser

(Güteschutz Kanalbau). Die Inhalte

umfassten die Themenbereiche

● Fachtechnische Informationen

zur offenen Bauweise

● Zusammenwirken verschiedener

technischer Regelwerke wie Normen,

Arbeitsblätter und andere

● Klärung der Verantwortlichkeiten

● Qualitätssicherung

Referate und Diskussionen konzentrierten

sich im Kern immer wieder

auf die gleiche Problematik: Wie

können die Planungsziele in der Bauausführung

durchgesetzt werden

und wie kann sichergestellt werden,

dass diese dann konsequent danach

erfolgt? Die Vorträge ließen aber

letztendlich keinen Zweifel zu und

machten folgendes deutlich: Die

Bauausführung muss der Planung

folgen und darf keine eigenen Stan-

STEINZEUG-Information 2006

dards aufstellen. Die statische Berechnung für Abwasserkanäle ist dabei die

Grundlage der Bauausführung, nach der entsprochen werden muss. Die

Randbedingungen während der Bauausführung sind einzuhalten. Diese Situation

darf nicht theoretisch sein, sondern sie muss praktisch umsetzbar

sein. Durchsetzen muss dies die Fachaufsicht. Da die Statik der Rohrleitung

wesentlich durch die Boden- und Einbaubedingungen bestimmt wird, ist es

erforderlich, dies allen Beteiligten besonders bewusst zu machen. Abweichungen

von der Planung während der Bauausführung müssen mit dem Planer

oder dem Bauherrn vorab abgesprochen werden. Selbstverständlich ist

die gütegesicherte Bauausführung unverzichtbar!

Die Diskussion hat allen Teilnehmer immer wieder die tagtäglichen Probleme

und Konflikte im Baugeschehen aufgezeigt. Die besondere Herausforderung

ist die konsequente Durchsetzung der Vorgaben aus der Planung in die

Bauausführung.

Das nächste Seminar ist für den 30. Oktober 2007 vorgesehen.

Unterirdisches Bauen

Am 15. November 2006 stand der „Mikrotunnelbau“, dem in zunehmendem

Maße besonderes Interesse gewidmet wird, auf dem DWA-Seminarprogramm

in Magdeburg. Unter der bewährten Leitung von Dr.-Ing. H.-P. Uffmann

vermittelte dieses Seminar neben der Darstellung der Mikrotunnelbau-

Technologie aus Sicht der Auftraggeber, die Vorstellung des aktuellen Regelwerks,

die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen des Mikrotunnelbaus für den

nicht begehbaren Bereich sowie die technischen Neuerungen beim hydraulischen

Rohrvortrieb.

Aktuelle Untersuchungsergebnisse zur Lastübertragung in der Rohrfuge und

die Analyse von Fehlerquellen wurden ebenfalls vorgestellt. Diesen Part übernahm

– in Vertretung für Dipl.-Ing. K.-H. Flick vom FVST – die RWTH Aachen.

Hintergrund dabei ist: die STEINZEUG Abwassersysteme GmbH hat in der

Vergangenheit zu diesem Thema gemeinsam mit der GFB Gesellschaft zur

Förderung des Baubetriebs e.V. an der RWTH Aachen umfangreiche Forschungen

zum Rohrvortrieb durchführen lassen. Ein herausragendes Ergebnis

dabei ist eine neu entwickelte Messtechnik zur Ermittlung der Fugenspannungen,

der Spannungsverteilungen in den Rohrfugen und der resultierenden

Vorpresskräfte während des Vortriebs.

Hydraulische Planung

Das bereits seit vielen Jahren angebotene DWA-Seminar „Hydraulische Planung

von Abwasseranlagen“ vermittelt die Grundlagen der hydraulischen

Berechnung von Abwasserkanälen und Bauwerken entsprechend den ATV-

DVWK-Arbeitsblättern A 110, A 111 und A 112. Von besonderem Interesse


in diesem Jahr (am 21. November 2006 in Würzburg) waren die aktuellen

Veränderungen durch die Überarbeitung des A 112, das in diesem Jahr als

Entwurf erschienen ist, die Entwicklungen beim Nachweis von Regenwasserbecken

und die praktischen Beispiele innerhalb der Themen. Gerade für die

Anwendung von Berechnungsprogrammen sind die Kenntnisse der Randbedingungen,

der Grenzen und Möglichkeiten, von besonderer Gewichtung.

Dies betrifft die Ermittlung der für die Bemessung maßgebenden Abflüsse,

die Nachweise für ablagerungsfreien Abfluss bei Flachstrecken sowie die Berechnung

hydraulischer Verluste im Einzelfall.

Die Vermittlung dieser Grundlagen steht insbesondere unter der Zielsetzung,

Hilfestellung bei der Überrechnung bestehender Anlagen und bei im Rahmen

der Sanierung auftretender Aufgabenstellungen zu leisten.

Das Seminar wird in 2007 fortgeführt.

Expertengespräch „Schwallspülung“

Seit einigen Jahren gewinnt die Schwallspülung auch bei der Reinigung von

Abwasserkanälen wieder an Bedeutung. Viele Neuentwicklungen drängen

auf den Markt, deren Anbieter oftmals nur über unzureichende Kenntnisse

hinsichtlich der hydraulischen und stofflichen Wirkung von Schwallwellen bei

der Beseitigung von Sohlablagerungen verfügen. Mit einem Expertengespräch,

dass am 3. November 2006 in Darmstadt stattfand, hat die DWA zum

einen das Thema Schwallspülung intensiv beleuchtet und zum anderen die

Weichen für ein neues Vorhaben im Hauptausschuss „Entwässerungssysteme“

gestellt, um Netzbetreibern und Herstellern verlässliche Hilfestellung zu

bieten.

Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick (FVST) führte mit einem ausführlichen Referat in

die Thematik ein und übernahm die Diskussionsleitung.

Weitere Informationen zu den Seminaren unter www.dwa.de

Verbandsnachrichten

4. DWA-Kanalbautage 2007

Die Vorbereitungen zur Organisation

des Fachprogramms der 4. DWA-

Kanalbautage laufen auf vollen Touren.

Der FVST ist selbstverständlich

wieder mit dabei und wird am

27./28. März 2007 in Bochum, das

ist der vorgesehene Tagungstermin/-ort,

die Veranstaltung fachlich

begleiten.

Themenschwerpunkt wird der Baugrund

sein, ohne dessen Kenntnis

die fachgerechte Herstellung von

Abwasserkanälen nicht möglich ist.

Thematisch wird so ein Bogen vom

Baugrund über die Bauverfahrenstechnik

zum Bau von Kanälen in der

offenen und geschlossenen Bauweise

bei unterschiedlichen Randbedingungen,

über den Bau von Großprofilen

bis abschließend zur Begutachtung

und Bewertung der Baugrundverhältnisse

geschlagen. Mit der Einbeziehung

der unterirdischen Bauweise

und deren Bewertung in wirtschaftlicher

und ökologischer Hinsicht

werden die Themen abgerundet.

Die Kanalbautage werden von DWA

und Deutscher Städtetag gemeinsam

organisiert und von den Rohrherstellerverbänden

und der Gütegemeinschaft

Güteschutz Kanalbau

unterstützt.

STEINZEUG-Information 2006

9


10

Blickpunkt EU

Amortisationsschere

Kanalisation in Ungarn im Vergleich

Ungarn gehört mit einer Fläche

von 93.000 km 2 und

rund 10 Mio. Einwohnern zu

den größten der im Mai 2004 der EU

beigetretenen Ländern. Neben Slowenien

und Tschechien gilt Ungarn

im Vergleich zu anderen osteuropäischen

Staaten als sehr fortschrittlich

und modern. Wie es um den Bereich

der Abwasserentsorgung bestellt ist,

zeigt ein Vergleich mit Deutschland.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen,

dass für die verschiedensten Parameter

in Ungarn nur Schätz- und

Erfahrungswerte und keine konkreten

Daten vorliegen. Dennoch bietet

dieser Vergleich einen respektablen

Überblick über den derzeitigen

Stand und die künftige Entwicklung

der Kanalisation in Ungarn.

65 % der ungarischen Bevölkerung

sind bislang an die öffentliche Kana-

Tab. 2

STEINZEUG-Information 2006

derzeitiger

Bestand

künftig zu

realisieren

Tab. 1

Länge

TKm

Ungarn

10 Mio. Einwohner

Anschl.grad

%

lfd. m/E Länge

TKm

Deutschland

82,5 Mio. Einwohner

Anschl.grad

%

lfd. m/E

41,5 65,0 6,4 486,0 95,0 6,2

22,0 22,0 10,0 20,0 2,5 10,0

gesamt in 2015 63,5 87,0 7,3 506,0 97,5 6,3

lisation angeschlossen (siehe auch Tabelle 1). Aus der Gemeindestruktur ergibt

sich, dass der wirtschaftlich erreichbare Höchststand der Kanalisation

nach dem Landesentwicklungsplan bis 2015 mit 87 % angegeben wird; die

Abwasserentsorgung der verbleibenden 13 % soll über lokale Kleinkläranlagen

erfolgen. Da sich die noch zu realisierenden 22 % in dünn besiedelten

Gebieten befinden, ist der Wert des laufenden m/EW hier deutlich höher als

beim derzeitigen Bestand, ist aber dem in Deutschland vergleichbar.

Was das Alter der Kanalisation in Ungarn betrifft, geben die Statistiken nicht

die genauen Auskünfte, die es in Deutschland gibt. Dennoch ist deutlich –

und das spiegeln auch die Erfahrungswerte wider – dass in den letzten 15

Jahren, vorwiegend in kleinen und mittelgroßen Gemeinden, viele Kilometer

Kanal (rd. 55% des Bestandes) neu gebaut wurden.

Der durchschnittliche aktivierte Wert, vergleichbar dem

Buchwert, der Kanalnetze ist mit 30 Euro/lfd. Meter in Ungarn

extrem niedrig (Tabelle 2). Dies hat mehrere Folgen:

Ungarn Deutschland

Kanalgebühren [Euro/m 3] 0,5 2,0

Abwasserbehandlung

[Mm 3 /Jahr]

550 9.400

Umsatz [Mio. Euro] 288 10.400

Amortisation [Mio. Euro/Jahr] 48 4.200

Amortisation/Umsatz [%] 16,7 26+20

Anlagenvermögen [Mio. Euro] 1.540 230.000

Amortisation/Anlagenvermögen

[%]

3,1 1,8

Aktivierter Wert [Euro/lfd. m] 30 450

Amortisation/Umsatz [%] 30 +

Amortisation/Anlagenwert [%] 3

Rekonstruktion/Amortisation [%] 100

Rekonstruktionsdrehzeit [Jahre] 250 !

spez. Rekonstruktionskosten

reell/Buchwert [Euro/Euro]

Tab. 3

700/54


Zustandsbewertung,

Wertschätzung

Werthaltigkeit des aktivierten

Wertes

Lebenserwartungskalkulation

Basis der Amortisationskalkulation

Bewusstheitsgrad über den

Anlagenvermögenswert

Tab. 4

keine oder

nicht relevant

Ungarn Deutschland

hohe Inflation in der

Erweiterungsperiode

keine oder

nicht relevant

vorwiegend

vorhanden

gegeben

EN 13508

ATV-M 149

Steuerges. § 37 Abs. 2 technische Bewertungswerte

beschränkt wertbewusst

wertbewusst

Lebenserwartungsplanung 20–50 Jahre 50–100 Jahre +

Motivation der Regelung WFD-2010

● Niedrige Kanalgebühren

● Theoretisches hohes Verhältnis von Amortisation und Anlagenvermögen

● niedriger Anteil der Amortisationskosten an den Gesamtkosten

Daraus ergeben sich Widersprüche in der Realität (Tabelle 3). Trotz 3 %

Amortisation (gesetzlich keine Amortisation unter 30 Jahre) stehen auf Grund

der vorbeschriebenen Situation nur sehr geringe Mittel zur Verfügung. In der

Praxis ergibt sich damit die Situation, dass bei den vorhandenen Mitteln aus

der Amortisation und unter Beachtung der Kosten für Erneuerung/Rekonstruktion

eine Rekonstruktionsdrehzeit, bezogen auf die Gesamtlänge der Kanalisation,

von 250 Jahren ergibt. Und das würde bedeuten, dass die derzeitigen

Kanäle 250 Jahre halten sollten. Somit ist es nicht verwunderlich, dass

die tatsächlichen spezifischen Erneuerungskosten weit über dem Buchwert

der Kanalisation liegen.

Beim Vergleich der Buchwert- und Lebenserwartungskalkulation von Ungarn

und Deutschland ergeben sich deutliche Abweichungen (Tabelle 4): Diese

resultieren in erster Linie aus der hohen Inflation in Ungarn in den 90er Jah-

Anlagenvermögen

[Mio. Euro]

Amortisation I (20–33

Jahre) [Mio. Euro]

Amortisation II (40–

66 Jahre) bei Neuanlagen

[Mio. Euro]

Umsatz

[Mio. Euro/Jahr]

Tab. 5

derzeitiger

Stand

Neuinvestitionen

Gesamt

1.540 4.000 5.540

48 120 168

48 60 108

288 100 388

Amort. I/Umsatz [%] 16 120 ! 43

Amort. II/Umsatz [%] 16 60 28

WFD-2010,

Eigeninitiative

ren (teilweise über

20 % pro Jahr), die

die aktivierten Buchwerte

schnell dahinschmelzen

lassen. Für

die Kalkulation der

Lebenserwartung der

Kanalleitungen gibt

es keine technischen

Grundlagen und somit

auch keine Differenzierung.

Die Kalkulation

der Amortisation

basiert auf einem

Steuergesetz,

Blickpunkt EU

das keine Amortisation unter 30 Jahren

zulässt. Zurzeit ist es nicht zwingend,

die Amortisation zu verrechnen

und wird auch nicht, oder nur

teilweise, berücksichtigt. Vor allem

beim Neubau in kleinen und mittelgroßen

Gemeinden ist die Belastung

für die Verbraucher aufgrund hoher

Gesamtkosten schon hoch.

Die Wahl der Rohrwerkstoffe richtete

sich bislang überwiegend nach

den kurzfristig vorzunehmenden Investitionen

und nicht nach langfristig

zu berücksichtigenden Betriebskosten

(inklusive Amortisationskosten).

Erst in jüngster Zeit fassen auch

die langlebigen Rohrwerkstoffe wie

Steinzeug Fuß im ungarischen

Markt.

Es ist schon äußerst bemerkenswert,

dass der derzeitige Kanalbestand in

Ungarn (65 % Anschlussgrad) einen

Anlagenwert von 1,54 Mrd. Euro

darstellt und die noch zu tätigenden

22 % eine Neuinvestition von 4 Mrd.

Euro bedeuten (Tabelle 5). Das zeigt

die massive Unterbewertung des Bestehenden

und den enormen Anstieg

der zu berücksichtigenden

Amortisationskosten, v. a. bei den

vom Neubau betroffenen Gebieten.

Mit der Erweiterung respektive Optimierung

der „Ressource Kanal“

und der Erhöhung seiner Lebenserwartung

kann die Amortisationsschere

in Ungarn geschlossen werden.

Kontakt

Károly Kovács

H-1118 Budapest

Higany u. 15

E-Mail:

kovacskpureco@email.hu

STEINZEUG-Information 2006

11


12

Blickpunkt EU

Hoher Anschlussgrad

90 % der EU25-Bevölkerung am Kanalnetz

Anlässlich des Weltwassertages

im März 2006, mit dem auf

Probleme bei der Versorgung

mit sauberem, frischem Wasser und

zweckmäßigen sanitären Einrichtungen

in Entwicklungsländern aufmerksam

gemacht werden sollte,

präsentierte Eurostat (Statistisches

Amt der Europäischen Gemeinschaften)

Daten über die öffentliche Wasserversorgung

und Abwasserbehandlung

in der EU.

Die Anschlussquote an die öffentliche

Wasserversorgung lag in der

EU25 zwischen 70 % und 100 %.

Von den Mitgliedstaaten, für die Daten

verfügbar sind, waren 2002 in

Zypern und den Niederlanden (jeweils

100 %) sowie Frankreich und

Deutschland (jeweils 99 %) alle oder

fast alle Haushalte an die öffentliche

Wasserversorgung 1) angeschlossen.

Weitere sieben Länder meldeten eine

Anschlussquote von 90 % oder

mehr: Dänemark (97 %), Belgien

(96 %), Ungarn (93 %), Slowenien

(91 %), die Tschechische Republik,

Irland und Österreich (jeweils 90 %).

Die niedrigsten Anschlussquoten an

die öffentliche Wasserversorgung

wurden in Estland (72 %), Litauen

(76 %), der Slowakei (84 %) und Polen

(85 %) verzeichnet.

Behandlung der Abwässer

Der Anschluss an eine Kanalisation 2)

ist der erste Schritt zur Beseitigung

STEINZEUG-Information 2006

von Schadstoffen aus dem Abwasser, bevor dieses wieder in die Umwelt eingeleitet

wird. In der EU25 waren 2002 durchschnittlich 90 % der Bevölkerung

an ein kommunales Kanalnetz angeschlossen. In Malta, Luxemburg und Spanien

hatten 100 % der Bevölkerung einen Kanalanschluss, dicht gefolgt von

Öffentliche Wasserversorgung und Kanalisation 2002

An die öffentliche Wasserversorgungangeschlossene

Haushalte (in %)

An kommunale

Kanalisation angeschlossene

Bevölkerung (in %)

EU25 s – 90,0

Belgien 96,4 –

Tschechische Republik 89,8 80,0

Dänemark 97,0 –

Deutschland 99,1* 95,0

Estland 72,0 72,0

Spanien – 100,0

Frankreich 99,4* 82,0

Irland 90,0 93,0*

Zypern 100,0** 35,0***

Litauen 76,0 73,0**

Luxemburg – 100,0**

Ungarn 93,0 62,0

Malta – 100,0*

Niederlande 99,9 99,0

Österreich 89,6 86,0

Polen 85,2** –

Slowenien 90,6 63,0

Slowakei 84,0** 55,0

Finnland – 81,0

Schweden – 85,0

Vereinigtes Königreich – 98,0

– Daten nicht verfügbar

s Schätzung von Eurostat ausgehend von den Mitgliedstaaten, für die Daten verfügbar sind.

* Daten für 2001; ** Daten für 2003; *** Daten für 2000


Abwasserbehandlung 2002

Nicht an die

kommunale

Kanalisation

angeschlosseneBevölkerung

(in %)

An die Kanalisation angeschlossene

Bevölkerung nach Art der Abwasserbehandlung

(in %)

keine

Behandlung

primäre

Behandlung

sekundäre

Behandlung

tertiäre

Behandlung

EU25 s 10 4 – – –

Tschechische Republik 20 8 – – –

Deutschland (2001) 5 2 0 5 88

Estland 28 1 1 24 46

Spanien 0 11 1 62 26

Frankreich (2001) 18 2 2 51 27

Irland (2001) 7 23 41 21 8

Zypern (2000) 65 0 0 0 35

Lettland (2003) – – 2 35 33

Litauen (2003) 27 11 32 7 21

Luxemburg (2003) 0 5 7 66 22

Ungarn 38 5 22 25 11

Malta (2001) 0 87 – – –

Niederlande 1 0 0 14 85

Österreich 14 0 0 – –

Polen (2003) – – 3 25 31

Slowenien 37 30 10 18 5

Slowakei (2003) 45 3 – – –

Finnland 19 0 0 0 81

Schweden 15 0 0 5 80

Vereinigtes Königreich 3) 2 0 1 59 38

– Daten nicht verfügbar.

s Schätzung von Eurostat ausgehend von den Mitgliedstaaten, für die Daten verfügbar sind.

Anmerkung: Für Griechenland, Italien und Portugal sind keine Daten verfügbar.

1) Öffentliche Wasserversorgung bedeutet die Versorgung der Allgemeinheit mit

Wasser, unabhängig davon, ob dafür öffentliche Einrichtungen, private Wasserversorgungsunternehmen

oder Mischformen dieser beiden zuständig sind.

2) Wird das Abwasser von Häusern, die nicht unmittelbar an die Kanalisation angeschlossen

sind, mit Tankfahrzeugen abgeführt, so gilt dies auch als Kanalanschluss.

Haushaltsabwässer, die nicht über eine Kanalisation abgeleitet werden, fließen

meist direkt in die Umwelt (auf Landflächen, in Flüsse, Seen oder das Meer),

manchmal werden sie aber vorher einer chemischen Behandlung unterzogen.

3) Nur England und Wales.

Blickpunkt EU

den Niederlanden (99 %), dem Vereinigten

Königreich3) (98 %) und

Deutschland (95 %). Die niedrigsten

Anschlussquoten wurden in Zypern

(35 %), der Slowakei (55 %), Ungarn

(62 %) und Slowenien (63 %) ermittelt.

Mit einem Kanalanschluss ist noch

nicht sichergestellt, dass das Abwasser

auch behandelt wird. Schätzungen

zufolge wurde in der EU25 das

Abwasser von etwa 14 % der Bevölkerung

entweder nicht gesammelt

(10 %) oder trotz Sammlung nicht

behandelt (4 %). In den Niederlanden

(1 %), dem Vereinigten Königreich3)

(2 %), Luxemburg (5 %) und

Deutschland (7 %) wurde das Abwasser

von weniger als 10 % der Bevölkerung

nicht gesammelt oder

trotz Sammlung nicht behandelt, in

Malta (87 %), Slowenien (67 %) und

Zypern (65 %) hingegen von mehr

als der Hälfte.

Zwar ist nicht die gesamte EU durch

kommunale Kanalisationssysteme

erschlossen, aber Abwasser, das gesammelt

und gereinigt wird, erhält

meist mindestens eine sekundäre

Behandlung. Ausnahmen bilden Irland,

wo 41 % des Abwassers nur einer

primären und 29 % einer sekundären

oder weitergehenden Behandlung

unterzogen wurden, sowie

Litauen (32 % bzw. 28 %).

Deutschland, die Niederlande, Finnland

und Schweden reinigten das

Abwasser von mindestens 80 % ihrer

Bevölkerung in tertiären Behandlungsstufen.

Quelle: http://europa.eu.int/comm/eurostat/

STEINZEUG-Information 2006

13


14

Blickpunkt EU

CEN – einer für alle...

...alle für einen – CEN

Mit steigenden Anforderungen

an den Schutz der

Gesundheit der Bevölkerung

und der Umwelt, gewinnt die

Abwassertechnik zunehmend an Bedeutung.

Durch europaweit gemeinsam

aufgestellte Europäische

Normen werden die in den EU-

Richtlinien festgelegten Anforderungen

konkretisiert. Europäische und

internationale Normen fördern den

weltweiten Handel, die Rationalisierung

und die Qualitätssicherung

und tragen zum Umweltschutz bei.

Sie erleichtern den Zugang der Produkte

auf den europäischen Markt

und unterstützen ihre Akzeptanz in

den EU-Ländern und weltweit.

„Freie Fahrt“ für den

Binnenmarkt

Bereits im Jahre 1986 verlangte die

„Einheitliche Europäische Akte“

u. a., dass innerhalb des gemeinsamen

Binnenmarktes der freie Verkehr

von Waren, Personen, Dienstleistungen

und Kapital gewährleistet

ist. Schon damals war vorauszusehen,

dass insbesondere der freie

Verkehr von Waren und Dienstleistungen

aufgrund der unterschiedlichen

nationalen Vorschriften und

technischen Normen in Europa erhebliche

Schwierigkeiten bereiten

würde. Diese unterschiedlichen

technischen Regeln würden als tech-

STEINZEUG-Information 2006

nische Schranken wirken und Handelshemmnisse darstellen, die es im gemeinsamen

Binnenmarkt zu beseitigen galt.

Um sicherzustellen, dass Produkte den in Europa geltenden gesetzlichen Anforderungen

an Gesundheit und Sicherheit entsprechen, wird die Bezugnahme

auf Normen in einem Gesetzestext als rationeller angesehen als die Ausarbeitung

detaillierter Gesetze.

Harmonisierung ist das Zauberwort

Der sogenannte „Neue Ansatz“ (New Approach) für technische Harmonisierung

und Normung wird als eine wesentliche Voraussetzung zur Steigerung

der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Industrie angesehen. Demzufolge

beauftragte die Europäische Kommission das Europäische Komitee für

Normung CEN (Comité Européen de Normalisation), die erforderlichen

technischen Details zu den wesentlichen Anforderungen der EU-Richtlinien

in harmonisierten Europäischen Normen festzulegen und erteilte dafür Mandate.

Der freie Warenverkehr ist Wirklichkeit geworden. Durch gemeinsame Europäische

Normen werden Handelshemmnisse abgebaut. Verbraucher, Hersteller

und Behörden profitieren gleichermaßen von der Normung durch erhöhte

Sicherheit und Qualität von Produkten oder Anlagen. Mit einer gemeinsamen,

in 29 europäischen Ländern geltenden Norm, lässt sich ein Produkt

besser vermarkten, da man der Leistungsfähigkeit dieser Produkte und

Dienstleistungen vertrauen kann.

Aus der offenen Teilnahme aller interessierten Kreise an der Normungsarbeit,

die aus Vertretern aus Industrie, Handel, Wissenschaft, Verbrauchern und Behörden

bestehen, bezieht die Europäische Normung ihre Anerkennung. Bis

heute wurden über 12.000 Europäische Normen von 277 „Technischen Komitees

(TC)“ im CEN erarbeitet.

Willkommen bei CEN

Zurzeit sind 29 Normungsorganisationen aus ebenso vielen europäischen

Staaten Mitglieder im CEN (siehe http://www.cenorm.be/cenorm/members).

CEN ist ein internationaler gemeinnütziger Verein und wurde nicht von

Regierungen, sondern von nationalen Normungsorganisationen gegründet.

Grundlegende Prinzipien der europäischen Normungsarbeit sind:


● Konsensbasierte Ausarbeitung der Normen

● Offenheit und Transparenz

● Abstimmung mit anderen europäischen und internationalen Organisationen

● nationale Verpflichtung zur Übernahme der Europäischen Normen

Und so geht's

Jeder kann Vorschläge für neue Normen unterbreiten. Im Allgemeinen aber

werden die Vorschläge für neue Normprojekte von nationalen Normungsorganisationen

oder Arbeitsgruppen eines Technischen Komitees eingereicht.

Zur Konkretisierung Europäischer Richtlinien werden durch die Europäische

Kommission oder das EFTA-Sekretariat Mandate zur Ausarbeitung von Europäischen

Normen erteilt. Nach Annahme eines Normprojekts werden alle interessierten

Kreise, wie Hersteller, Planer, Verbraucher, Anwender, Prüfinstitute

und Behörden, über nationale Normungsgremien in die Arbeiten einbezogen.

Nationale Normungsgremien sind ein grundlegender Teil der Europäischen

Normung, um die nationalen Standpunkte darzustellen. Sie delegieren Experten

zu Plenarversammlungen der CEN/TCs und nominieren Experten für

Arbeitsgruppen eines Technischen Komitees. Die Durchsetzungsfähigkeit,

Kompromissbereitschaft und die Fachkenntnis dieser Experten trägt wesentlich

dazu bei, den nationalen Standpunkt in die Europäischen Normen einzubringen.

Normen basieren auf einem Konsens, der zwischen den beteiligten interessierten

Kreisen gefunden wird. Sobald die Diskussion ein gewisses Reifestadium

erreicht hat, werden die Ergebnisse als Norm-Entwurf veröffentlicht

und der Öffentlichkeit zur Kommentierung zur Verfügung gestellt; im Falle

Europäischer Norm-Entwürfe in allen 29 Ländern der CEN-Mitglieder.

Die erhaltenen Kommentare zum Norm-Entwurf werden im zuständigen

Technischen Komitee diskutiert. Nach Konsensfindung wird ein Schluss-Entwurf

erarbeitet, der den nationalen Normungsgremien zur Verfügung gestellt

wird. Diese werden gebeten, dem Schluss-Entwurf zuzustimmen. Wenn

jedoch beispielsweise die Kommentare zum Norm-Entwurf keine Berücksichtigung

fanden, darf dieser auch abgelehnt werden.

Die Annahme als EN erfolgt durch gewichtete Abstimmung der CEN-Mitglieder,

wobei 71 % der gewichteten Stimmen für die Annahme des Schluss-Entwurfes

als Europäische Norm erforderlich sind. Wenn die Europäische Norm

angenommen ist, sind die CEN-Mitglieder verpflichtet, die EN als nationale

Norm unverändert in eine der drei offiziellen CEN-Sprachen oder als Übersetzung

zu übernehmen. Weiterhin müssen sie jede entgegenstehende nationale

Norm zurückziehen. Dies bedeutet, dass eine Europäische Norm in

29 nationale Normen umgesetzt wird.

Nationale Normungsorganisationen dürfen nur CEN-Mitglied werden, wenn

sie u. a. schon 80 % der veröffentlichten Europäischen Normen unverändert

als nationale Norm übernommen haben.

Kompetenz des

CEN/TC 165

Blickpunkt EU

Das CEN/TC 165 „Abwassertechnik“

hat seit seiner Gründung im Jahr

1989 rund 90 Europäische Normen

für diesen Bereich erarbeitet. Im

CEN/TC 165 entstanden diese Normen

im Wesentlichen auf Anforderung

der Industrie, die deren Ausarbeitung

aktiv unterstützt und die Arbeiten

weitestgehend finanziert.

Selbstverständlich ist das TC 165

auch mit Fachleuten aus der Anwendungstechnik

besetzt.

Normen, die im CEN/TC 165 ausgearbeitet

werden, schließen den gesamten

Kreislauf der Abwassertechnik

ein: von der Entstehung des Abwassers,

einschließlich Ablauf des

Oberflächenwassers über den Transport

im Kanalnetz, die Aufbereitung

in der Kläranlage, bis zur Einleitung

des gereinigten Abwassers in Flüsse

oder Seen.

Die Normen enthalten Festlegungen

für:

● Entwässerungsgegenstände

● Entwässerungssysteme innerhalb

und außerhalb von Gebäuden

● Produkte für Abwasserleitungen

und -kanäle sowie deren Entwurf,

Bau, statische Berechnung, Renovierung

und Reparatur

● Abscheider

● Kläranlagen

● Begriffe und Definitionen

Produktnormen, die in materialbezogenen

TCs ausgearbeitet werden,

wie z. B. im CEN/TC 155 „Kunststoff-Rohrleitungssysteme“

und im

CEN/TC 203 „Gussrohre“ müssen

die überwiegend auf die Anwendung

bezogenen Normen des TC

165 für allgemeine Anforderungen

berücksichtigen. Die Arbeit des

CEN/TC 165 hat deshalb Auswirkungen

auf andere TCs, die sich, auf den

Werkstoff bezogen, mit der Nor-

STEINZEUG-Information 2006

15


16

Kontakt

Blickpunkt EU

mung von Produkten für die Verwendung

in der Abwassertechnik

befassen.

Produkte zum Bau von Abwasserkanälen

und -leitungen, Abläufe,

Schachtabdeckungen, Fett- und

Leichtflüssigkeitsabscheider sowie

kleine und große Kläranlagen werden

überall in Europa in Entwässerungssystemen

verwendet. Da sie

Bauprodukte im Sinne der EU-Richtlinie

89/106/EG (Bauprodukten-

Hans-Jochen Kropf

Deutsches Institut für Normung e.V.

Normenausschuss Wasserwesen

(NAW)

Tel.: 0 30/26 01 24 40

E-Mail: hans-jochen.kropf@din.de

Internet: www.naw.din.de

STEINZEUG-Information 2006

richtlinie) sind, wurden und werden dafür harmonisierte Normen (hEN) erstellt,

mit denen die wesentlichen Anforderungen des Mandates M/118

„Produkte für die Abwassertechnik“ und des Mandates M/131 für „Rohre,

Tanks und Zubehör nicht in Kontakt mit Wasser für den menschlichen Gebrauch“

auf das Produkt bezogen umgesetzt werden. Harmonisierte Normen

unter der Richtlinie 89/106/EG sind die Voraussetzung für die CE-Kennzeichnung

dieser Produkte und demzufolge die Grundlage für das in Verkehr bringen

dieser auf den europäischen Markt.

Zwischen Planern, Anwendern und Verbrauchern auf der einen Seite und

Herstellern, Lieferanten oder Behörden auf der anderen Seite, wird Rechtssicherheit

geschaffen, indem auf Normen verwiesen wird.

Harmonisierte Europäische Normen legen die wesentlichen Anforderungen

an Bauprodukte fest, enthalten Verfahren zur Prüfung der deklarierten Produktleistung

und die Bewertung der Konformität. Planer, Anwender und Verbraucher

müssen zukünftig Produkte nach diesen Angaben, entsprechend

der vorgesehenen Verwendung, auswählen.

Der Hersteller erklärt die Konformität des Bauproduktes mit den in der CE-

Kennzeichnung enthaltenen Angaben entsprechend der harmonisierten EN.

Für besonders sicherheitsrelevante Produkte erfolgt dies durch eine unabhängige

dritte Stelle.

Im CEN/TC 165 arbeiten derzeit 16 sogenannte Working Groups (WGs) in

den verschiedensten Aufgabenbereichen der Abwassertechnik.


Der Fachverband Steinzeugindustrie e.V. nimmt die vielfältigen Aufgaben

der Normung sowohl in nationalen als auch in internationalen

Gremien wahr, um Erfahrungen und Fachwissen einzubringen und

um national etablierte Regelungen in europäischen Regelwerken einzugliedern.

Seit der letzten STEINZEUG Information und dem STEINZEUG Update

hat es im Regelwerk einiges Neues gegeben:

CEN r DIN EN 295, Teil 10

Am 1. Januar 2007 endet die Übergangsfrist zur Kennzeichnung mit dem CE-

Zeichen. Danach produzierte Bauteile sind dann mit dem CE-Zeichen zu versehen.

Für den Geltungsbereich der Grundstücksentwässerung ist davon auszugehen,

dass diese Norm dann in der Bauregelliste B des Deutschen Instituts

für Bautechnik geführt wird.

Mit der nationalen Umsetzung in Europa ist die Harmonisierung der Steinzeug-Norm

abgeschlossen. Der Teil 10 der DIN EN 295 Steinzeugrohre und

Formstücke sowie Rohrverbindungen für Abwasserleitungen und -kanäle

erfüllt die Anforderungen der diesbezüglichen europäischen Mandate. Die

technischen Inhalte der Teile 1 bis 7 sind unverändert. Die Fremdüberwachung

der Produkte erfolgt nunmehr auf freiwilliger Grundlage.

CEN r DIN EN 295, Teile 1 bis 7

Die Überarbeitung benötigt mehr Zeit als geplant, ist allerdings jetzt im Fluss.

Die Struktur der Teile 1 bis 7 soll beibehalten werden, die inhaltlichen Änderungen

und Ergänzungen beziehen sich im Wesentlichen auf Teil 1. Derzeit

sind u. a. folgende Punkte in der Bearbeitung:

● Tragfähigkeitsklassen bei DN 700 und größer

● Anpassung der Verbindungssysteme

● Anpassung der Dichtheitsanforderungen an vorhandene Normen

● Erweiterung um technische Lieferbedingungen zum Kanalbetrieb

(Hochdruckspülfestigkeit und Prüfverfahren)

● Technische Eigenschaften für Planung, Bau und Betrieb sowie für Berechnungen

Der deutsche Spiegelausschuss NA 119-05-17 AA bei DIN im NAW beriet bei

seiner Sitzung am 17. Oktober 2006 in Hannover über die Ergebnisse.

Der nächste Schritt ist nun die CEN-Umfrage. Die Ergebnisse werden Mitte

2007 erwartet.

Regelwerknews

Normung – Überprüfung/Überarbeitung/Neuerscheinung

What's new in Europe/in Germany?

CEN r TC 165

Aus der Frühjahrssitzung des TC 165

in Riga ist u. a. darüber zu berichten,

dass die Absicht besteht, für Manschettenverbindungen

eine eigene

Norm zu erstellen. Diese Bauteile

sind derzeit nur in der DIN EN 295,

Teil 4, in Bezug auf die Verwendung

von Steinzeugrohren und Formstücken

genormt. Offen und in Diskussion

ist, welche Arbeitsgruppe innerhalb

des CEN TC 165 mit dem Thema

beauftragt wird.

Das Thema „Rohrstatik“ ist weiterhin

aktuell. Ohne materialübergreifende

europäische technische Regel

entstehen individuelle Lösungen ohne

Anwenderbezug. Derzeit wird eine

CEN-interne Umfrage zur Klärung

der Situation vorbereitet, insbesondere

auch unter Einbeziehung

der neuen Mitglieder bei CEN.

Das TC 165 hat mit der Zusammenlegung

der Arbeitsgruppen WG 42

und WG 43 zur WG 40 die Arbeit gestrafft.

Die neue WG 40 unter der

Leitung von Dr. Irwin, Großbritannien,

befasst sich zukünftig mit Kläranlagen

mit mehr als 50 EW.

DIN r NA 119 05-09 UA 1

Der Arbeitsstand im DIN-Projekt

Prüfverfahren zur Ermittlung der

Hochdruckspülfestigkeit von

Rohrleitungsteilen für Abwasserkanäle

und -leitungen beinhaltet

STEINZEUG-Information 2006

17


18

Regelwerknews

derzeit einen Material- und Praxistest

mit definierten Randbedingungen

zum Versuchsablauf, zur Beschaffenheit

der Prüfkörper, zum

Prüfdruck und zur Spülwassermenge

der Prüfdüsen. Ein wesentlicher Aspekt

ist dabei die Nachvollziehbarkeit

der Prüfung und der Ergebnisse

daraus. Derzeit laufen freiwillige Vorversuche.

Die Steinzeugindustrie ist

über den FVST Fachverband Steinzeugindustrie

e.V. vertreten.

Die Arbeiten sind soweit vorangeschritten,

dass derzeit Hersteller und

Verbände im Rahmen einer Umfrage

zur Zustimmung befragt werden.

Die Ergebnisse sind im Dezember

2006 zu erwarten.

Die Norm soll zukünftig der Ausarbeitung

oder Überarbeitung von

Produktnormen für Abwasserkanäle

und -leitungen dienen. Sie legt Prüfverfahren

zur Ermittlung der Beständigkeit

von neuen Rohren und

Formstücken, einschließlich Verbindungen,

für Abwasserleitungen und

-kanäle gegenüber den Beanspruchungen

bei der Reinigung mittels

Hochdruckspülverfahren fest und

kann auch für renovierte Abwasserleitungen

und -kanäle nach DIN EN

752-5 anwendbar sein.

Die Bauteile werden mit zwei Verfahren

geprüft: Die hydraulischen Belastungen

erfolgen mit einem Spülstrahl

im Rahmen einer Werkstoffprüfung,

die mechanischen Belastungen

erfolgen durch eine Spüldüse

im Praxiseinsatz. Beide Belastungen

sind hinsichtlich der Maße der

Düse und der hydraulischen Randbedingungen

festgelegt. Über die

Spülstrahlleistung können reproduzierbare

Prüfbedingungen geschaffen

werden.

Eine Prüfung mit Geschiebe entfällt.

Solche Beanspruchungen können

über Abriebtests erfolgen (siehe

auch DIN EN 295-3).

STEINZEUG-Information 2006

DWA r Rohrstatik für Vortriebsrohre

Parallel zur Überarbeitung des ATV-DVWK-Arbeitsblattes A 125 Rohrvortrieb

erfolgt in der DWA-Arbeitsgruppe ES 5.4 UA 3 die Überprüfung des ATV-

DVWK-Arbeitsblattes A 161 Statische Berechnung von Vortriebsrohren.

Ein besonderer Schwerpunkt bildet dabei die Berechnung der Vortriebskraft

in Kenntnis der beim Rohrvortrieb entstehenden Verwinklungen der Rohre

in den Verbindungen. Die beim Rohrvortrieb dokumentierten Daten sind mit

den im Rahmen der Dimensionierung der Rohre vor dem Einbau zu Grunde

gelegten Randbedingungen in Einklang zu bringen. Die derzeitige Arbeit

wird durch umfangreiche Vergleichsberechnungen, der Berücksichtigung

grundsätzlicher Randbedingungen aus dem Vortrieb und der materialtechnischen

Daten zum Druckübertragungsmittel bestimmt.

DWA r ATV-DVWK-Arbeitsblatt A 139

Die Überarbeitung des aus dem Jahre 2000 stammenden Arbeitsblattes A

139 Einbau und Prüfung von Abwasserleitungen und -kanälen läuft auf

Hochtouren, fünf Unterarbeitsgruppen (UA 1–UA 5) sind derzeit tätig. Bei der

Sitzung der Arbeitsgruppe ES 5.1 im November 2006 wurden die Ergebnisse

erstmals gemeinsam beraten.

Der FVST ist in den UA 1 und UA 4 vertreten. Festzustellen ist, dass das Zusammenwirken

verschiedener Regelwerke verbessert werden muss, dass

Schnittstellen zur Verantwortlichkeit klarer zu benennen sind und dass Baugrund

und Boden deutlich mehr berücksichtigt werden müssen.

DWA r ATV-DVWK-Arbeitsblatt A 112

Am 30. September 2006 endete die Frist zur Offenlegung des Entwurfs

(Gelbdruck) von A 112 Hydraulische Dimensionierung und Leistungsnachweis

von Sonderbauwerken in Abwasserleitungen und -kanälen. Die

Beratung der Einsprüche erfolgt innerhalb der DWA-Arbeitsgruppe ES 2.2.

Über die Ergebnisse wird in der kommenden Ausgabe berichtet.

DWA r Expertengespräch „Schwallspülung“

Mit dem Expertengespräch nutzt die DWA die Möglichkeit, aktuelle Themen

aufzunehmen und zu prüfen, ob sie in die Regelwerksarbeit mit einbezogen

werden können. Die Meinungsbildung sollte dabei möglichst vielseitig erfolgen.

Am 2. November 2006 fand in Darmstadt ein solches Expertengespräch

zum Thema Schwallspülung statt. Mit der Schwallspülung verbundene Themen

sind u. a.:

● Schwallspülung und die Reinigung von Abwasserkanälen

● Neuentwicklungen maschineller Einrichtungen

● Ablagerungen in Kanälen

● Stofftransport in Abwasserkanälen

● Beseitigung von Ablagerungen

Grundsätzlich fehlen gesicherte Vorgaben in den allgemein anerkannten Regeln

der Technik für die langfristig erfolgreiche Anwendung der Schwallspülung

sowie für den gezielten Einsatz neuer Einrichtungen und deren Spülbetrieb.

Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick vom FVST führte mit einem Referat in die Thematik

der Schwallspülung ein und leitete die Diskussion.


Dank erheblicher finanzieller Aufwendungen in der Vergangenheit hat

die Abwasserentsorgung in Deutschland einen sehr hohen Standard

erreicht. Rund 95 % der Bevölkerung ist an die öffentliche Kanalisation

angeschlossen. Die Länge der öffentlichen Kanäle beträgt rund 500.000

km [1, 2]. Hinzu addieren sich noch die privaten Grundstücksleitungen, die

etwa doppelt so lang sind.

Die Abwasserkanäle in Deutschland haben inzwischen ein beachtliches Alter

erreicht:

● rund 35 % aller Kanäle sind älter als 50 Jahre

● rund 35 % weisen ein Alter zwischen 25 und 50 Jahren auf

● rund 30 % der Kanäle sind jünger als 25 Jahre

Nachdem die Ersterschließung an zentrale öffentliche Abwasserentsorgungsanlagen

bald abgeschlossen sein wird, wird sich die künftige Neubautätigkeit

weitgehend auf die Erneuerung von bestehenden Anlagen konzentrieren.

Künftig werden daher folgende Tätigkeitsschwerpunkte zu erwarten

sein:

● Substanzerhalt, Instandhaltung und Modernisierung bestehender Anlagen

Abb. 1: Prinzip der Nachdeckung bei der Anlagenfinanzierung.

Forschung + Technik

Substanzwerterhalt in der Zwickmühle

Wirtschaftliche Notwendigkeit und

Belastungsgrenze

● Ausbau der dezentralen Abwasserbehandlungsanlagen

● Anpassung der vorhandenen Anlagen

an die künftigen Anforderungen

(z. B. Erhöhung der Reinigungsleistung)

Das wesentliche Augenmerk wird dabei

dem Substanzerhalt gelten. Am

Beispiel der Abwasserkanalnetze werden

nachfolgend, ausgehend von

den Anforderungen und Zielen an

den Bau und Betrieb von Abwasseranlagen,

die Auswirkungen auf die

Auswahl von Erhaltungsstrategien

und deren Finanzierung dargestellt.

Anforderungen

Entwässerungsnetze sind gemäß

WHG nach den jeweils in Betracht

kommenden Regeln der Technik

bzw. dem Stand der Technik zu errichten

und zu betreiben. Die grundsätzlichen

Anforderungen sind in der

DIN EN 752-2 [3] definiert; darüber

hinaus sind die nationalen Regeln

(z. B. Landeswassergesetze, Arbeitsblätter

der DWA und DIN-Normen)

zu berücksichtigen.

Für Maßnahmen zur Wiederherstellung

oder Verbesserung von vorhandenen

Entwässerungssystemen sind

gemäß DIN EN 752-5 [4] „ganzheitliche

Lösungen“ zu erarbeiten, die

alle hydraulischen, baulichen und

STEINZEUG-Information 2006

19


20

Forschung + Technik

umweltrelevanten Aspekte berücksichtigen.

Ein Entwässerungsnetz wird von

mindestens zwei Generationen errichtet

und soll den weiteren Generationen

dienen. Es handelt sich also

um ausgesprochen langlebige Wirtschaftsgüter,

die über mehrere Generationen

betriebssicher und funktionsfähig

sein müssen und die stets

die gesetzlichen Vorgaben erfüllen

müssen. Über den Generationenvertrag

ergibt sich dann auch die Verpflichtung

einer Generation ...

● ... das Entwässerungsnetz in

mindestens so gutem Zustand zu

übergeben, wie sie es übernommen

hat und

● ... dem Gebot der Nachhaltigkeit

zu folgen, damit das Entwässerungsnetz

die vorgesehene Nutzungsdauer

auch erreichen wird.

Die Anforderungen an eine Sanierung

ergeben sich aus der Pflichtaufgabe

einer Gemeinde zur ordnungsgemäßen

Abwasserentsorgung

(Wassergesetze (WG) der Länder,

z. B. Art. 41b BayWG). An ein saniertes

Kanalnetz werden gemäß DIN

EN 752-5 [4] die gleichen Anforderungen

wie an ein neues Kanalnetz

gestellt.

Auch die Eigenüberwachungsverordnungen

der Länder fordern die

Feststellung des Zustandes von Abwasserkanälen

und deren Sanierung

in angemessenen Zeiträumen.

Die rechtlichen und technischen

Anforderungen müssen erfüllt sein

(gesetzliche Regelungen). Die betriebswirtschaftlichen

Ziele dagegen

sollen erfüllt werden. Konkrete

Ziele eines Netzbetreibers können

dabei z. B. das Erreichen eines bestimmten

Zustandes im Sinne der

Gefahrenabwehr, die vordringliche

Reduktion des Fremdwasseranfalls

oder die Steigerung des Substanzwertes

sein.

STEINZEUG-Information 2006

Finanzierung der Abwasserentsorgung

Anlagenfinanzierung

Die Abwasserentsorgung ist als Bestandteil der „Daseinsvorsorge“ eine hoheitliche

Aufgabe der Kommunen. Sie üben diese eigenverantwortlich aus

und nehmen bei Bedarf Leistungen Dritter in Anspruch.

Die Abwasserentsorgung kann von öffentlichen Betrieben (kommunaler Regiebetrieb,

Eigenbetrieb, Anstalt öffentlichen Rechts, Zweckverband) oder

privat organisierten Unternehmen (GmbH, AG) betrieben werden. Die Abwasserbeseitigungspflicht

bleibt jedoch bei der gegenwärtigen Gesetzeslage

ausschließlich bei der Kommune.

Von den öffentlich organisierten Betrieben sind Abwasseranlagen als „nonprofit“-Unternehmen

kostendeckend zu betreiben, die Einnahmen sind dabei

zweckgebunden einzusetzen.

Die Abwasseranlagen werden nach dem Nachdeckungsprinzip finanziert

(Abb. 1). Die erforderlichen Investitionen werden von der Kommune vorfinanziert

und über die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer von den Nutzern

der Anlage über das Abwasserentgelt refinanziert.

Die Gesamtkosten der Abwasserentsorgung sind stark von den örtlichen Gegebenheiten

(Siedlungsdichte, Gewerbe- und Industriebetriebe, Abwasseranfall,

baulichen Rahmenbedingungen etc.) abhängig. Um die Bürgerbelastung

unabhängig von den örtlichen Verhältnissen etwa gleich groß zu halten,

werden den Vorhabensträgern für die Ersterschließung von bestehenden

Siedlungsgebieten Zuwendungen aus allgemeinen Steuereinnahmen

gewährt.

Die Vorhabensträger können die verbleibende Finanzierungslücke entweder

ausschließlich über Abwasserentgelte oder zusätzlich durch Erhebung von

Beiträgen schließen.

Je nach Höhe der Zuwendungen und Beiträge ergeben sich örtlich teilweise

große Unterschiede bei den laufenden verbrauchsbezogenen Abwasserentgelten

(Abwassergebühren). Jedweder Vergleich der Abwasserentgelte ohne

Berücksichtigung der sonstigen Finanzierungsquellen trägt daher keinesfalls

zur Aufklärung der Betriebsverhältnisse bei, sondern führt ausschließlich zu

Missverständnissen und Fehlinterpretationen.

Finanzierungsquellen

Die Erstanschaffung der Anlagen zur Abwasserentsorgung wurde in der Vergangenheit

von der öffentlichen Hand (Zuwendungen der Länder) teilweise sehr

großzügig unterstützt. Derartige Zuwendungen werden für die Erneuerung sowie

Erweiterung durch Erschließung von Neubaugebieten nicht gewährt.

Die Erhebung von Beiträgen für die Erneuerungen ist aufgrund des komplexen

Beitragsrechts nur in Ausnahmefällen (Verbesserungsbeiträge) zulässig,

für die Gebietserweiterungen können sie grundsätzlich nur von den direkten

Anschlussnehmern eingefordert werden. Ihr Anteil an den Gesamtkosten ist

dabei in der Regel sehr gering.

Für den Erhalt und die Erweiterung der bestehenden Abwasseranlagen muss

künftig die Finanzierung ausschließlich von den Anschlussnehmern getragen

werden. Selbstverständlich besorgt der öffentliche Anlagenbetreiber eine


günstige Zwischenfinanzierung durch Kreditinstitute, wodurch die finanzielle

Belastung so gering wie möglich gehalten wird. Nichts desto trotz werden

künftig die Abwasserentgelte schon wegen der fehlenden begünstigten und

direkten Finanzierungen zwangsläufig steigen müssen, sobald Erneuerungen

im größeren Umfang anstehen, die nicht durch Abschreibungen abgedeckt

werden können.

Prinzip der Wirtschaftlichkeit

Jeder Betreiber einer Abwasseranlage ist bestrebt und dazu gehalten, wirtschaftlich

zu handeln. Was ist allerdings unter wirtschaftlichem Bauen und

Betreiben von Kanalisationen zu verstehen? Heißt das,

● billigste Lösungen zu suchen?

● insgesamt preiswerte Lösungen zu wählen oder

● nachhaltig für den sicheren und zukunftsorientierten Betrieb mit Werterhalt

der Anlagen zu sorgen?

Diese Frage können wir nur lösen, wenn wir uns dieser Aufgabe unvoreingenommen

und unbeeinflusst von der täglichen Politik widmen und eine auf

Dauer tragbare Lösung suchen. Kurzfristige scheinbare Erfolge durch „Einsparungen“

an jeder Ecke lohnen sich auf Dauer nicht. Es muss allerdings allen

Beteiligten, von den Entscheidungsträgern bis zum zahlenden Bürger,

klar sein, welche Konsequenzen die gewählte Strategie für den Anlagenbetrieb

nach sich zieht. Nur dann werden wir tatsächlich wirtschaftlich handeln.

Die Praxis, nur die „billigsten“ Lösungen als wirtschaftliches Handeln zu verstehen,

sind „zu einfach“ und führen auf Dauer in eine Sackgasse: „Das Gesetz

der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten“ (John Ruskin,

1819–1900).

Die Wirtschaftlichkeit einer Sanierungsmaßnahme kann mit einer Kostenvergleichsrechnung,

z. B. nach Maßgabe der von der Länderarbeitsgemeinschaft

Wasser (LAWA) aufgestellten Leitlinien [5], geprüft werden. Über die

Barwertmethode wird dabei ein wertmäßiger Vergleich der zu verschiedenen

Zeitpunkten anfallenden Kosten ermöglicht. Die Summe der über den

gesamten Betrachtungszeitraum anfallenden Barwerte entspricht dem Pro-

Abb. 2: Auswirkung der werterhöhenden Maßnahmen auf den Substanzwertverlauf.

Forschung + Technik

jektkostenbarwert. Unter der Voraussetzung,

dass alle verglichenen

Sanierungsalternativen gleichwertig

sind, ist diejenige mit dem geringsten

Projektkostenbarwert zu wählen.

Und hier beginnen die Probleme:

Wie werden Sanierungsalternativen

miteinander verglichen und wann

sind sie als gleichwertig zu betrachten?

Schlicht setzt man auf die Alternative

mit dem niedrigsten Barwert,

ohne andere Kriterien, wie z. B.

Nachhaltigkeit oder Werterhalt, zu

berücksichtigen.

Die Beweggründe für die Wahl einer

bestimmten Lösung sind dabei vielfältig

und haben mit „objektiven“

Kriterien häufig wenig gemeinsam.

Im Folgenden wird der Substanzwerterhalt

als ein Kriterium für das

wirtschaftlich nachhaltige Vorgehen

vorgestellt und seine Anwendung

aufgezeigt.

Substanzwerterhalt

Substanzwert

Der Substanzwert (SW) stellt den

materiellen Wert eines gebrauchten

Wirtschaftsgutes, wie z. B. eines Kanalnetzes

oder einer Haltung unter

Berücksichtigung seines Alters sowie

ggf. vorhandener Mängel dar. Er

wird, in Übereinstimmung mit den

Vorgaben der DWA sowie in Anlehnung

an die Wertermittlungsrichtlinie

WertR 2002 [6], als Sachzeitwert

in jeweils aktuellen Preisen als monetäre

Größe ausgedrückt. Sein Verlauf

ist ein Maß für die zukünftige Entwicklung

der Kanalnetzsubstanz sowie

zur Beurteilung der Nachhaltigkeit

der Sanierungsmaßnahmen.

Einflussgrößen für den Substanzwert

sowie dessen Verlauf sind:

● Schädigung einer Haltung und

damit verbundener, ggf. wiederkehrender

Sanierungsaufwand

STEINZEUG-Information 2006

21


22

Forschung + Technik

● Restnutzungsdauer im Verhältnis

der mittleren Nutzungsdauer einer

gleichartigen Haltung

● Künftig geplante Sanierungen

und deren Einfluss auf den Substanzwert

● Netzerweiterung durch Ersterschließung

Zum Zeitpunkt der ordnungsgemäßen

Erstellung ist der Substanzwert

einer Haltung gleich dem Wiederbeschaffungswert.

Wegen des gebrauchten

Zustandes wird ein entsprechender

Abschlag auf den Wiederbeschaffungswert

notwendig,

um den Substanzwert zum betrachteten

Zeitpunkt zu erhalten. Zum

Zeitpunkt der Außerbetriebnahme

der Haltung ist der Substanzwert

verbraucht und beträgt Null.

Der Wiederbeschaffungswert

(WBW) entspricht den Kosten, die

für ein neues Wirtschaftsgut an gleicher

Stelle mit den gleichen Eigenschaften

zu bezahlen wären.

Der relative Substanzwert (SW rel. )

als Verhältnis von Substanzwert zum

Wiederbeschaffungswert eignet sich

zur Bewertung eines Netzes sowie

zum Netzvergleich.

Als idealer Substanzwert (SW ideal )

wird der dem Alter des Kanalnetzes

angemessene relative Substanzwert

STEINZEUG-Information 2006

wirtschaft. San.-Art

verstanden. Er kann über das Verhältnis des mittleren Netzalters zur Nutzungsdauer

eines weitgehend ungeschädigten Netzes ermittelt werden [7]:

SWideal mittl. Netzalter

= 1 –

WBW ND eines ungeschädigten Netzes

Abb. 3: Relativer Substanzwertverlauf für unterschiedliche Strategien.

Wird der Substanzwertverlauf eines Kanalnetzes in Relation zum idealen

Substanzwertverlauf betrachtet, kann ein dem zunehmenden Netzalter unangemessener

Substanzwertverlust identifiziert werden. Der Verlauf des idealen

Substanzwertes ist nicht konstant. Mit jeder Erneuerungs- bzw. Erweiterungsmaßnahme

verändert sich auch der ideale Substanzwert. Für jede gewählte

Strategie ergibt sich daher ein eigener Verlauf des idealen Substanzwertes.

Durch Sanierungsmaßnahmen kann der ideale Substanzwert der gewählten

Strategie nur asymptotisch erreicht, jedoch nicht überschritten werden.

Das Maß für die zukünftige Entwicklung und Beurteilung des Kanalnetzsubstanzwertes

ist der Substanzwertverlauf. Der Substanzwert verringert sich

naturgemäß altersbedingt. Durch werterhöhende Maßnahmen kann der

Wertverlust jedoch gebremst oder sogar ein Werterhalt erreicht werden

(Abb. 2).

Ziele zum Substanzwerterhalt

Neben dem langfristigen Ziel, einen nachhaltigen Substanzwert von 50 %

des Wiederbeschaffungswertes zu erreichen, soll in jedem Fall durch die gewählte

Sanierungsstrategie kurz- bis mittelfristig gewährleistet werden, dass

sich der Netzzustand im Vergleich zum idealen Substanzwert nicht weiter

verschlechtert [7, 8]. In der Regel wird eine Verstetigung des Substanzwertes

auf einem Niveau von mindestens 50 % des Wiederbeschaffungswertes

angestrebt [9]. Um einem schleichenden Werteverzehr, insbesondere bei jungen

Netzen, vorzubeugen, ist zu prüfen, ob aufgrund der vorliegenden

Schädigung des Netzes bereits bei einem Substanzwert größer 50 % des

Wiederbeschaffungswertes ein dem Alter des Kanalnetzes unangemessen geringer

Substanzwert vorhanden ist.

Ein relativer Substanzwert kleiner SWi deal (oder signifikant unter 50 %) würde

ein Substanzwertdefizit bedeuten.

Ein erheblicher Teil des Kanalnetzes

Erneuerungsstrategie

befindet sich in diesem Fall nicht mehr

im akzeptierten Zustandsbereich. Dadurch

wird kurzfristig eine wesentliche

Erhöhung der Sanierungsleistung bzw.

des -budgets erforderlich (Intervention).

Eine zunehmende Abweichung

vom Idealwert weist darauf hin, dass

die zwecks Funktionserhaltung dringend

erforderlichen Investitionen aufgeschoben

und damit in Form eines

Investitionsstaus in die Zukunft verlagert

werden.


Bei einem relativen Substanzwert signifikant kleiner 50 % wird empfohlen,

kurzfristig Maßnahmen zu ergreifen, die einen weiteren Werteverzehr verhindern

(Intervention). Mittelfristig soll ein relativer Substanzwert von mindestens

50 % angestrebt werden. Wird bei jüngeren Netzen der ideale Substanzwert

um mehr als 25 % unterschritten, wird empfohlen, kurzfristig Maßnahmen

zur Substanzwerterhöhung zu ergreifen, um einem Wertverfall entgegenzuwirken.

Bei alten Kanalnetzen wird der relative Substanzwert stets unter 50 % liegen.

Obwohl eine Steigerung langfristig auf 50 % erforderlich ist, ist eine kurzfristige

Steigerung meist nicht durchführbar. Auch hier wird eine Bewertung

analog zum idealen Substanzwert empfohlen. Bei den alten betrachteten Kanalnetzen

ergibt sich dabei eine untere Grenze bei 75 % des idealen Substanzwertes,

die den Netzbetreiber noch nicht vor unlösbare Aufgaben stellt.

Spätestens bei einer Unterschreitung des idealen Substanzwertes um mehr

als 25 % liegt damit ein erhebliches Defizit und ein dringender Interventionsbedarf

vor.

Substanzwertentwicklung

Die Auswirkungen unterschiedlicher Extrem-Strategien auf den Substanzwertverlauf

sind in Abb. 3 exemplarisch für ein junges, baulich gering geschädigtes

Netz mit hydraulischen Defiziten wiedergegeben. Folgende Sanierungsstrategien

wurden untersucht [7, 8]:

● Wirtschaftlichste Sanierungsalternative

Ziel dieser Strategie ist die Behebung aller Schäden mit dem langfristig geringsten

Mitteleinsatz durch Auswahl des wirtschaftlichsten Sanierungsverfahrens

(Reparatur, Renovierung, Erneuerung). Dabei wurde für Reparaturen

und Renovierungen keine Steigerung des Substanzwertes einer Haltung angesetzt.

● Wirtschaftlichste Sanierungsalternative mit werterhöhendem Einfluss

von Reparaturen und Renovierungen

Ziel wie oben.

● Erneuerungsstrategie

Die Sanierung des Kanalnetzes findet ausschließlich durch Erneuerungsmaßnahmen

statt. Die zeitliche Anordnung der Maßnahmen ist lediglich abhängig

von der Dringlichkeit (Sanierungspriorität SP).

● Reparaturstrategie

Es werden grundsätzlich alle Haltungen, ungeachtet des Wirtschaftlichkeitsvergleiches,

mittels Reparaturverfahren saniert. Hydraulische Defizite bleiben

dabei unberücksichtigt.

● Nichtstun

Es werden weder Reparatur- noch Renovierungs- oder Erneuerungsmaßnahmen

durchgeführt (Feuerwehrstrategie).

Aus Abb. 3 ist ersichtlich, dass mit der wirtschaftlichen Sanierungsstrategie

in diesem konkreten Netz ein nachhaltiger Werterhalt erreicht wird. Die extreme

Erneuerungsstrategie führt zu einer erheblichen Erhöhung des Substanzwertes,

die jedoch in diesem Fall weder notwendig noch wirtschaftlich

ist. Eine Reparaturstrategie gewährleistet einen funktionsgerechten Betrieb,

führt jedoch auf Dauer zu einem Wertverschleiß, der entweder nicht mehr

aufgehalten werden oder nur durch außergewöhnliche finanzielle Belastung

Forschung + Technik

(Neubau?!) wieder in einen ordnungsgemäßen

Zustand gebracht

werden kann.

Wird für Reparatur- und Renovierungsmaßnahmen

ein werterhöhender

Einfluss angenommen, ergab

sich im konkreten Fall auch bei dieser

optimistischen Betrachtung keine

nachhaltige zusätzliche Wertsteigerung,

sondern der Substanzwertverlauf

wird lediglich gering verschoben.

Substanzwerterhalt

Das materielle Substanzdefizit ergibt

sich als Differenz des aktuellen Substanzwertes

und des idealen Substanzwertes.

Wird der Substanzwert

eines Kanalnetzes für eine definierte

Netzerhaltungsstrategie ermittelt,

kann über dessen Verlauf sowie den

Abstand zum idealen Substanzwert

beurteilt werden, ob und inwieweit

ein Substanzwerterhalt oder eine

-verbesserung erzielt wird. Als Basisverlauf

des idealen Substanzwertes

kann die funktionserhaltende Strategie

herangezogen werden. In Abb. 4

sind die möglichen Strategien bei einem

alten Kanalnetz mit und ohne

Substanzwerterhalt dargestellt:

● Keine Maßnahmen

Mit zunehmendem Alter findet ein

Wertverschleiß statt. Durch „Feuerwehrmaßnahmen“

wird die Netzfunktion

notdürftig erhalten.

● Funktionserhalt

Durch Instandhaltungsmaßnahmen

(überwiegend Reparaturen mit einem

Mindestanteil an werterhöhenden

Maßnahmen) bleibt das Kanalnetz

funktionsfähig. Der Abstand

vom idealen Substanzwert nimmt

zu. Ein Werterhalt findet nicht statt.

● Funktionswerterhalt

Der Abstand zum idealen Substanzwert

der Funktionserhaltung wird

verringert bzw. dieser wird erreicht

oder sogar überschritten. Hierbei

STEINZEUG-Information 2006

23


24

Forschung + Technik

wird ein funktioneller Werterhalt angestrebt.

● Relativer Werterhalt

Der Abstand des Substanzwertes

zum idealen Substanzwert wird

nicht verschlechtert. Zwar ist ein

sinkender Substanzwert vorhanden,

es wird jedoch einem überproportionalen

Netzverfall entgegengewirkt.

● Nachhaltiger Werterhalt

Der aktuelle relative Substanzwert

entspricht in etwa dem zum Bewertungszeitpunkt

vorhandenen relativen

Substanzwert.

● Nachhaltige Wertverbesserung

Es wird mittel- bzw. langfristig ein relativer

Substanzwert von 50 % des

Wiederbeschaffungswertes angestrebt

bzw. erreicht.

Ein Werterhalt bzw. eine Wertverbesserung

lässt sich aus Erfahrung je

nach Netzalter und Zustand durch

Abb. 4: Substanzwertverlauf in Abhängigkeit der wertsteigernden Investitionen.

STEINZEUG-Information 2006

eine Erneuerungsrate von rd. 0,6 % bis 1,6 %, bezogen auf die Netzlänge,

erzielen.

Die Funktions- und Betriebssicherheit lassen sich jedoch nicht durch diese Erneuerungsrate

gewährleisten. Hierzu sind weitere planmäßige Instandhaltungsmaßnahmen

erforderlich, sodass sich eine sinnvolle Strategie nur als

Kombination aller Sanierungsarten (Erneuerung, Renovierung und Reparatur)

ergeben kann. Mit optimiertem Finanzmitteleinsatz werden die Funktionsund

Betriebssicherheit bei gleichzeitigem Substanzwerterhalt gewährleistet.

Auswirkung der zeitlichen Umsetzung

Liegt eine Sanierungskonzeption vor, stehen auch alle notwendigen Informationen

zur Beschreibung der künftigen Entwicklung einer Haltung und den

voraussichtlichen Kosten zur Verfügung:

● durchzuführende Maßnahmen und Sanierungskosten

● Zeitpunkte von ggf. notwendigen Wiederholungen von Maßnahmen

● Zeitpunkt der Außerbetriebnahme einer Haltung (Erneuerung oder Erweiterung)

In organisatorischer und finanzieller Hinsicht wird es nicht möglich sein,

sämtliche geplanten Maßnahmen sofort umzusetzen. Aus diesem Grund ist

es erforderlich, für die Umsetzung Zeiträume in Abhängigkeit der Dringlichkeit

von Maßnahmen unter Berücksichtigung folgender Kriterien anzusetzen:

● Die technischen, gesetzlichen und umweltrelevanten Anforderungen an

die zeitliche Umsetzung bei der Beseitigung der festgestellten Mängel sind

einzuhalten.


Abb. 5: Auswirkungen der zeitlichen Umsetzung auf die Gebühren- und

Substanzwertentwicklung.

● Die gewählten Zeiträume sind kritisch mit den zu Grunde liegenden Sanierungsprioritäten

oder Schadensklassen zu vergleichen.

● Die gewählten Zeiträume sollen auch für andere Beteiligte (z. B. beim

Mehrspartenansatz) akzeptabel sein.

● Eine möglichst gleichmäßige Sanierungskostenverteilung sowie Gebührenentwicklung

ist anzustreben.

● Die Umsetzbarkeit im Hinblick auf Bauvolumen und Personalbedarf muss

gewährleistet werden.

Werden die Sanierungsziele über Sanierungsprioritäten definiert, entsteht ein

Zeitplan für die Abarbeitung der vorhandenen Sanierungsprioritäten. Die Erarbeitung

des Zeitplanes stellt einen iterativen Prozess dar, wobei, ausgehend

von der technisch optimalen oder netzbetreiberspezifischen Vorstellung, die

Auswirkungen auf die o. g. Bewertungsmerkmale (Gebühr, Investitionsplanung,

Anforderungen) ermittelt, bewertet und angepasst werden.

Für einen optimalen Betrieb von Abwasseranlagen ist es notwendig, die

rechtlichen und technischen Vorgaben zu erfüllen. Weiteres Ziel ist das Bestreben,

den Werterhalt der Anlage bei minimalen finanziellen Belastungen

der Anschlussnehmer zu erzielen. Diese beiden Ziele lassen sich allerdings

nicht gleichzeitig erreichen. Ein Werterhalt erfordert Investitionen, die

zwangsläufig eine Gebührenerhöhung hervorrufen. Die Gebührenkonstanz

dagegen führt zu einer unangemessenen Verschiebung der notwendigen

Baumaßnahmen im Netz und zu einer Verlagerung der finanziellen Last auf

die künftige Generation durch den entstandenen Investitionsstau (Abb. 5).

Erneuerungsrate

Eine optimale Strategie ergibt sich, wenn die Erneuerungsrate der angesetzten

Nutzungsdauer entspricht und diese mit der kalkulatorischen Nutzungsdauer

übereinstimmt. Auch bei der Sanierung aller Defizite im Kanalnetz

kann es vorkommen, dass der geplante Erneuerungsanteil für das konkrete

Kanalnetz zu gering ist und ein Substanzwertrückgang festgestellt wird oder

der gewünschte Substanzwertzuwachs nicht erzielt werden kann. Ziel ist, einen

für das Kanalnetz optimalen Kompromiss zwischen wirtschaftlicher Ver-

Forschung + Technik

fahrensauswahl und Erneuerungsstrategie

zu erreichen. Gründe für einen

zu geringen Substanzwert bzw.

-verfall können sein:

● es liegt ein überaltertes Kanalnetz

vor

● das Kanalnetz ist stark geschädigt

● der beabsichtigte Sanierungsumfang

ist zu gering

● der Reparaturanteil der Sanierungsmaßnahmen

ist zu hoch

● der Zeitplan für die Umsetzung

der Sanierungen ist zu lang

Da eine Substanzwerterhöhung im

Wesentlichen nur durch Erneuerungen

oder Erweiterungen bzw. Reinvestitionen

geschaffen werden kann,

soll überprüft werden, ob bei der Sanierungskonzeption

zu einseitig auf

Reparaturverfahren gesetzt wurde

(z. B. „Reparaturstrategie“). In diesen

Fällen stehen zwei Gegenmaßnahmen

zur Verfügung:

● Erhöhen der Erneuerungsrate

durch die Formulierung entsprechender

Kriterien

● Berücksichtigung des Substanzwertverfalls

durch Vorsehen der Finanzmittel

für die in der Zukunft erforderlichenReinvestitionsmaßnahmen

Bürgerbelastung

Den wesentlichen Teil der Kosten für

den Bau und Betrieb von Abwasseranlagen

tragen die Bürger als Anschlussnehmer.

Um die Bürgerbelastung

in Grenzen zu halten, verhalten

sich die Anlagenbetreiber bei den

werterhöhenden Investitionen (Erneuerung,

werterhöhende Renovierung)

häufig sehr zurückhaltend.

Bei einem konsequenten kontinuierlichen

Einsatz von 60 % der jährlichen

Abschreibungen für die Neuinvestitionen

hätte der Wert der Abwasseranlagen

gehalten werden

STEINZEUG-Information 2006

25


26

Forschung + Technik

Abb. 6: Reale Gebührenentwicklung eines Kanalnetzes in Abhängigkeit von der Verfahrensstrategie.

können, ohne hierfür die Abwasserentgelte

erhöhen zu müssen [10].

Dies setzt jedoch eine erhebliche

Verlängerung der Refinanzierungszeit

voraus. Eine solche Refinanzierungsstrategie

hat kaum ein Anlagenbetreiber

verfolgt, sodass sich

nun die Frage stellt, wie die zunehmend

notwendigen Werterhaltungsmaßnahmen

finanziert werden

sollen. Bald werden rund 50 %

aller Kanäle älter als 50 Jahre sein. Bei

einem häufig anzutreffenden Abschreibungssatz

von 2 % bedeutet

dies, dass die Hälfte aller Kanäle bereits

refinanziert ist. Dabei stellen

sich die Fragen:

● Was wurde für ihren Werterhalt

getan?

● Wie hoch sind die Raten für die

werterhaltenden Maßnahmen?

Die Abwasserentsorgungsanlagen

sind an sich verhältnismäßig teure

Anlagen. Jährlich werden in der Bundesrepublik

insgesamt rund 6 Mrd.

Euro in die öffentliche Abwasserent-

STEINZEUG-Information 2006

sorgung investiert. Davon entfallen

mit rund 3,1 Mrd. Euro gut die

Hälfte auf die Kanalisation. Trotzdem

muss nach der Umfrage der

DWA wesentlich mehr in die Kanalisation

investiert werden:

● Rund 17 % der Kanäle sind mittelfristig

aufgrund des baulichen

Zustands zu sanieren

● Aus Erfahrung sind weitere 10%

bis 15 % hydraulisch überlastet

Nach [1] werden jedoch aus Kostengründen,

wenn überhaupt,

mehr Reparaturen als werterhaltende

Maßnahmen durchgeführt.

Eine Lösung dieses Problems auf

Dauer wird häufig von der Änderung

der Betriebsform (Umwandlung

der Regiebetriebe in Eigenbetriebe

oder Anstalt öffentlichen

Rechts oder der Beteiligung der

privaten Wirtschaft (PPP) erwartet.

Werden die aus einer generellen

Sanierungsplanung (GSP) ermittelten Investitionsplanungen in die vorhandene

Gebührenkalkulation übertragen und entsprechende Vorkalkulationen

für die kommenden Jahre unter Berücksichtigung von Inflationsrate und

Preissteigerung durchgeführt, kann der künftig zu erwartende Gebührenverlauf

prognostiziert werden. Hilfreich ist dabei die haltungsgenaue Kenntnis

kaufmännischer Angaben wie Anschaffungskosten, Wiederbeschaffungswert,

Restbuchwert und Abschreibungssätze und deren zeitliche Prognose

mit Hilfe der Angaben aus der GSP (Art der Maßnahme, Zeitpunkt der Sanierungen

inkl. der Erneuerungen, angestrebte Zeiträume bei der Umsetzung).

Ziel sollte die Vergleichmäßigung sowie die Vermeidung von extremen

Anstiegen oder Abfällen der Gebühr in bestimmten Perioden sein.

Aus Abb. 6 ist ersichtlich, dass durch konsequent durchgeführte Instandhaltungsmaßnahmen

ausschließlich durch Reparaturen die aktuelle Gebührenhöhe

zwar langfristig gehalten wird, sich der Substanzwert dabei aber stetig

verringert und ein erheblicher Investitionsstau erzeugt wird. Bei einer Erneuerungsstrategie

steigen zwar die Gebühren, der Substanzwert erhöht sich aber

deutlich. Die Belastung bei der wirtschaftlichen Strategie liegt erwartungsgemäß

dazwischen, wobei der reale Gebührenindex über Jahrzehnte auf

rund 1,2 stabilisiert wird.

Zusammenfassung und Schlussbemerkungen

Die Umsetzung der weitgesteckten Forderung der DIN EN 752 an den Bau

und Betrieb von Kanalisationen wird vielerorts nur langfristig möglich sein.

Der Umfang der notwendigen Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen

und die daraus entstehenden finanziellen Zwänge erfordern deshalb eine


Strategie mit konkreten Zieldefinitionen, welcher Zustand im Kanal zu welchem

Zeitpunkt zu erreichen ist. Von einer solchen Strategie wird darüber

hinaus eine wirtschaftliche und langfristige Perspektive für das vorhandene

Anlagevermögen des Kanalnetzes erwartet, die über eine bloße Aufrechterhaltung

des Kanalbetriebes hinausgeht.

Damit die finanzielle Belastung der Bürger stets in Grenzen gehalten wird,

gilt es, Strategien zu entwickeln, die bei einer zumutbaren Bürgerbelastung

(Herstellungs- und Ergänzungsbeiträge, Abwassergebühren) stets die o.a.

Ziele erreichen sowie gesetzliche Vorgaben erfüllen. Der historisch durch Ausbauschübe

geprägte Netzaufbau mit Perioden unterschiedlicher Verlegeund

Materialqualität lässt in der Zukunft starke Schwankungen des erforderlichen

Reinvestitionsbedarfs erwarten, wenn diese nicht durch vorausschauende

Planung verstetigt werden [9].

Wird der Substanzwert auf der Grundlage einer „Generellen Sanierungsplanung“

(GSP) ermittelt, können neben Aussagen zum materiellen Wert des

Kanalnetzes, die Prognose der zukünftigen Entwicklung und damit die

kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen unterschiedlicher Steuerungs-

Parameter untersucht und Vorgaben zur strategischen Umsetzung der Maßnahmen

erarbeitet werden. Die geplanten oder vorhandenen Strategien

(Sanierungsumfang, Zeitplan, Verfahren zur Wahl der Sanierungsart) können

mittels entsprechender Berechnungen auf nachhaltige Substanzwertentwicklung

überprüft werden, um frühzeitig Defizite identifizieren und ggf. die

Kriterien zur Strategiesteuerung anpassen zu können.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine sinnvolle Sanierungsstrategie

nur eine Kombination von Reparatur-, Renovierungs- und Erneuerungsmaßnahmen

sein kann, die mittel- bis langfristig einen Werterhalt des Kanalnetzes

bei mäßiger Gebührenentwicklung gewährleistet.

Nachdem die Abwasserentsorgung als eine kostenrechnende Einrichtung zu

führen ist, muss sich bei uns die Erkenntnis verbreiten, dass wir als Bürger,

Anschlussnehmer und Nutznießer dafür einzustehen haben und nicht von

einem unbekannten „Dritten“ diese Leistung erwarten können. Die aktuelle

finanzielle Belastung ist angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung einer

ordnungsgemäßen, auf Dauer sicher zu betreibenden Abwasserentsorgung

keinesfalls hoch. Wir müssen allerdings erst erfahren, wie wichtig diese Aufgabe

ist, um die Bereitschaft aufzubringen, auch die Kosten dafür tragen zu

wollen. Dann werden wir es auch tun. So lange jedoch versucht wird, diese

Aufgabe als wenig wichtig und vor allem als eine Selbstverständlichkeit abzutun,

werden wir Gefahr laufen, wie häufig in der Geschichte, uns erst dann

eines Besseren zu besinnen, wenn es zu spät ist. Je früher es uns gelingt, den

gegenwärtigen Trend umzukehren,

desto eher werden wir auch die

Chance haben, unseren Nachfahren

so intakte Abwasseranlagen zu übergeben,

wie wir sie von unseren Vorfahren

übernommen haben.

Kontakt

Dipl.-Ing. Nikola Milojevic

Dr.-Ing. Pecher und Partner

GmbH

Ginsterweg 10 a

81377 München

E-Mail:

nikola.milojevic@pecher.de

Forschung + Technik

Literaturverzeichnis

[1] BERGER, C. & LOHAUS, J. (2005):

Zustand der Kanalisation in Deutschland

– Ergebnisse der DWA-Umfrage 2004,

Korrespondenz Abwasser (52) Nr. 5, S.

528–539

[2] BGW/DWA: Informationsbroschüre:

Marktdaten Abwasser 2002, Ergebnisse

der gemeinsamen Umfrage zur Abwasserentsorgung

[3] DIN EN 752-2 (1996): Entwässerungssysteme

außerhalb von Gebäuden,

Teil 2: Anforderungen

[4] DIN EN 752-5 (1997): Entwässerungssysteme

außerhalb von Gebäuden,

Teil 5: Sanierung

[5] Länderarbeitsgemeinschaft Wasser

(LAWA) (2005): Leitlinien zur Durchführung

dynamischer Kostenvergleichsrechnungen,

6. Auflage, Kulturbuchverlag,

Berlin

[6] Bundesministerium für Verkehr,

Bau- und Wohnungswesen (2002):

Wertermittlungsrichtlinie WertR 2002 –

Richtlinien für die Ermittlung der Verkehrswerte

(Marktwerte) von Grundstücken

[7] Pecher und Partner (2005): Entwicklung

einer ganzheitlichen Kanalsanierungsstrategie

für Entwässerungsnetze

Deutschlands (KANSAS), Abschlussbericht

[8] WOLF, M., SYMPHER, K.-J. & MI-

LOJEVIC, N. (2005): Nachhaltige Kanalsanierung

– Auswirkungen unterschiedlicher

Strategien auf Substanzwert und

Abwassergebühr, Sanierungsstrategie,

Schriftenreihe aus dem Institut für Rohrleitungsbau

an der FH Oldenburg (29),

S. 514–529

[9] DWA-M 143 Teil 14 (2005): Sanierung

von Entwässerungssystemen außerhalb

von Gebäuden, Teil 14: Sanierungsstrategien

[10] BELLEFONTAINE, K. (2006): Substanzerhalt

der Kanalisation, Vortrag 3.

Kanalbautage 3./4. Mai 2006, Berlin

STEINZEUG-Information 2006

27


28

Forschung + Technik

EDS-Verfahren

Aspekte zur Wirtschaftlichkeit

Gemäß den Einordnungen

nach Bild 4 des ATV-DVWK-

Merkblattes M 143-1 gehören

die gebräuchlichen Abdichtungsverfahren

in die Verfahrensfamilie

der Reparatur. Der Reparatur

zugeordnet sind nach Bild 3 des genannten

Merkblattes vorrangig örtlich

begrenzte Schäden, wie z. B. Undichtigkeiten

und undichte Rohrverbindungen.

Die Reparatur und im

Allgemeinen damit auch die Abdichtungsverfahren

beheben also punktuell

Schäden und stellen damit den

Sollzustand des Kanals wieder her.

Einordnung des

EDS-Verfahrens

Das EDS-Verfahren (Erneuerung der

Dichtung an Steinzeugrohrverbindungen)

ist, da erst im Juni 2006 publiziert,

in Bild 4 des Merkblattes

M 143-1 nicht genannt. Entsprechend

des Verfahrenskonzeptes gilt

die Definition nach DIN EN 752-5,

Nr. 3.2: „Maßnahme(n) zur Verbesserung

der aktuellen Funktionsfähigkeit

von Abwasserleitungen

und -kanälen unter vollständiger

oder teilweiser Einbeziehung

ihrer ursprünglichen Substanz“.

Das EDS-Verfahren kann daher den

Renovationsverfahren zugeordnet

werden.

STEINZEUG-Information 2006

Auswirkungen von Abdichtungsverfahren

auf die Nutzungsdauer

Für die bestehenden Entwässerungssysteme wurde zum Zeitpunkt ihrer Planung,

also vor xx-Jahren, eine Nutzungsdauererwartung unterstellt. Diese

war, folgend den Planungsanmerkungen der damaligen Baumeister, auf

Langlebigkeit ausgerichtet. Von dieser zu erwartenden Nutzungsdauer zu unterscheiden

ist die Abschreibungsdauer, die nach Inbetriebnahme der jeweiligen

Anlage auf Grundlage der kommunalrechtlichen und -politischen Erwägungen

festgelegt wurde und heute Basis der Gebührenkalkulation ist.

Reparatur

Die normale betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer (das Planungsziel) eines Kanals

wird durch eine Reparaturmaßnahme abgesichert bzw. erhalten. Im Umkehrschluss

bedeutet das: Wird die Reparaturmaßnahme nicht durchgeführt,

ist die normale betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer gefährdet und führt i. d.

R. zu einem früheren Nutzungsausfall = Substanz- bzw. Vermögensverlust.

Damit ist grundsätzlich auch für die Reparaturverfahren ein quantifizierter

wirtschaftlicher Nutzen definierbar, wie er auch im „Entscheidungsprozess

zur Wahl der baulichen Lösung“ nach ATV-DVWK-Merkblatt M 143-1, Bild

3, abgefragt wird.

Renovierung mit EDS-Verfahren

Die Anwendung eines Renovationsverfahrens bedeutet nicht nur die Wiederherstellung

eines technischen Sollzustands, sondern auch die Einflussnahme

auf die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer. Je nach Vorschädigung des Altkanals

bedeutet dies, dass entweder eine neue, zuverlässig prognostizierbare

Nutzungsdauer erreicht wird, oder, dass eine noch nicht vollendete Nutzungsdauer

über das anzunehmende Versagensdatum hinaus verlängert

wird.

Die Anwendung des EDS-Verfahrens stellt an den Zustand des Kanalbestands

die Anforderung der statischen Unversehrtheit, was bedeutet, dass das Altrohr

im Sinne von DWA-A 127 berechenbar ist und als tragfähig nachgewiesen

werden kann. Dies ist i. d. R. mit Abschluss der Zustandsbewertung nach

z. B. DWA-M 149 gegeben. Damit fokussiert sich die Beurteilung der Auswirkungen

des EDS-Verfahrens auf die Frage nach der langlebig sicheren Funktion

1. des Steinzeugrohrs und 2. der neuen Abdichtung.


Verfahren zur baulichen Sanierung

Reparatur

Renovierung

Erneuerung 1)

Ausbesserungsverfahren

Injektionsverfahren

Abdichtungsverfahren

Auskleidungsverfahren

Beschichtungsverfahren

offene

Bauweise

halboffene

Bauweise

geschlossene

Bauweise

Kleinbaugrube

Reparatur von

Hand von innen

Roboterverfahren

Reparatur von

Fugen u. Rohrverbindungen

mit

Abdichtungsstoffen

von Hand

Kurzliner

Innenmanschetten

Auskleidung mit

Rohren

Auskleidung mit

montierten

Einzelelementen

(Montageverfahren)

Verdrängungsverfahren

Aufspritzverfahren

Anschleuderverfahren

Auspressverfahren

Rohrberstverfahren 2)

Pipe-Eating mit

Mikrotunnelbau 2)

Bemannte Verfahren 2)

(Rohrvortrieb, Tunnelund

Stollenbau)

Auskleidung mit

vorgefertigten

Rohren

Auskleidung mit

örtlich hergestellten

Rohren

Auskleidung mit

örtlich hergestellten

und erhärtenden

Rohren

Vollauskleidung

Teilauskleidung

Forschung + Technik

mit

Ringraum

ohne

Ringraum

mit

Ringraum

ohne

Ringraum

Rohrstrangverfahren

(Rohrstrang-Lining) 3)

Einzelrohrverfahren

(Einzelrohr-Lining) 3)

Close-Fit-Verfahren

(Close-Fit-Lining)

Rohrstrangverfahren

(Rohrstrang-Lining) 3)

Wickelrohrverfahren

(Wickelrohr-Lining) 3)

Wickelrohrverfahren

(Wickelrohr-Lining) 3)

Schlauchliningverfahren

(vor Ort härtendes

Schlauch-Lining) 3)

Noppenschlauchverfahren

(Noppenschlauch-

Lining)

1) Erneuerung in der bisherigen Linienführung.

Erneuerung in anderer Linienführung entspricht

dem Neubau und wird daher hier nicht behandelt.

2) Begriffe nach DIN EN 12889 „Grabenlose Verlegung

und Prüfung von Abwasserleitungen und -kanälen“

(Ausgabe 03/2000).

3) Begriffe in Klammern entsprechen denen nach

DIN EN 13566-1 „Kunststoff-Rohrleitungssysteme

für die Renovierung von erdverlegten drucklosen

Entwässerungsnetzen (Freispiegelleitungen) –

Teil 1: Allgemeines“ (Ausgabe 04/2003).

Abb. 1: Übersicht über Verfahren zur baulichen Sanierung von Entwässerungssystemen. ATV-DVWK-M 143-1

STEINZEUG-Information 2006

29


30

Forschung + Technik

Zuverlässigkeit von Nutzungsdauerprognosen

Prognosen von Nutzungsdauern

können im Allgemeinen auf der

Grundlage von „Erfahrung“, ergänzt

durch wissenschaftliche Ansätze, getätigt

werden. Der Faktor „Erfahrung“

schließt die vermutlich zu unterstellende

Brauchbarkeit für den

Zweck eines Werks ein. Je nach Art

der Nutzung können sowohl technische

als auch ökonomische Gegebenheiten

eine Nutzungsdauerprognose

dominieren.

Bei einer Kanalanlage zur Abwasserbeseitigung

darf von einer langfristigen

Nutzungsabsicht ausgegangen

werden. Diese geplante Nutzungsdauer

von Kanalsystemen kann, gestützt

durch die „erfahrene“ Betriebsdauer

des Bestands (Aufbau

der Anlagen in Deutschland ab

1850), durchaus mit einem Wert

> 100 Jahre festgestellt werden.

Die technische Konstruktion der

Kanalsysteme und der Betrieb der

Kanalsysteme sind mit einem solchen

Nutzungsdaueranspruch in Bezug

zu setzen. Gesichtspunkte für

solche qualitativen Überlegungen

sind:

● eingesetzte Rohrwerkstoffe und

deren Abnutzung im Betrieb

● die im regelmäßigen Kanalbetrieb

vorkommenden Konditionen

● die Art und Weise des Einbaus,

insbesondere die Lagerungskonditionen

● die betriebliche Tauglichkeit des

Systems bis zum Nutzungsdauerende

Ohne die breite Palette von Materiallebensdauern

darzustellen ist doch

die allgemeine gesicherte Erfahrung

hervorzuheben, dass das Material

Steinzeug zu den dauerhaftesten

Materialien zählt und gesicherte Erfahrung

für eine Nutzungsdaueraussage

100 Jahre + x vorliegt.

STEINZEUG-Information 2006

Für das EDS-Verfahren kann daher eine Prognose der möglichen Nutzungsdauer

● auf der sicheren Basis des Steinzeugrohres aufbauen

● die genügend bekannten Eigenschaften des Epoxidharzes hiermit kombinieren

● von einer gut steuerbaren Verfahrensausführung ausgehen

Die Prognosevarianz wird im Wesentlichen durch das Material Epoxidharz

und die Ausführung bestimmt.

Bauliche Sanierung erforderlich

örtlich begrenzte

örtlich begrenzte Schäden umfangreiche Schäden

wiederholte Schäden

Reparatur

technisch

möglich?

ja

Reparatur

wirtschaftlich

vertretbar?

nein

Vergrößerung

der Abflusskapazität

erforderlich?

Reparatur Renovierung

Erneuerung

Abb. 2: Entscheidungsprozess zur Wahl der baulichen Lösung. ATV-DVWK-M 143-1

nein

nein Verringerung

der Abflusskapazität

zulässig?

nein

ja ja

nein

Renovierung

technisch

möglich?

Renovierung

wirtschaftlich

vertretbar?

ja

ja

ja

Verringerung

der Abflusskapazität

durch Renovierung?

nein

nein

Sonstige

Kriterien für Renovierung

maßgebend?

ja

ja

nein


Dichtung im Muffenspalt

aus elastifiziertem

Epoxidharz

Boden der Rohrzone

bzw. Rohrauflager

Materialabtrag

durch Vorfräsen

definierter Muffenspalt

12–20 mm

Rest der Muffenabd.

älterer Bauart

Abb. 3 a: Konstruktionsprinzip der erneuerten Dichtung

der Rohrverbindung.

Unter Hinweis auf das Verfahrenshandbuch und die Risikoarmut der Verfahrensanwendung

muss die technische Standfestigkeit des Epoxidharzes zur

bestimmenden Prognosegröße definiert werden. Für Epoxidharze liegen sowohl

die Erfahrungswerte als auch wissenschaftlich begründete Nutzungsdauerwerte

bei über 40 Jahren. Die wissenschaftliche Nachweisführung über

Zeitraffertests gibt keine Hinweise für einen messbaren Abbau von Eigenschaften

infolge Alterung. Für das EDS-Verfahren kann daher die Prognosesicherheit

mit „hoch“ eingestuft werden.

Aspekte von Wirtschaftlichkeitsaussagen

Wirtschaftlichkeit bestimmt sich zunächst aus einem Nutzen bzw. Ertrag oder

auch Erfolg, der vom eigenen Interesse (ggf. persönlichem Interesse) definiert

ist. Betrachtungen hierzu sind überflüssig.

Zu unterstellendes Interesse eines Netzbetreibers

Ein Netzbetreiber, zumal ein öffentlicher Betreiber eines Abwasserkanalnetzes,

wird seine Interessenslage entsprechend seines Betreiberhorizonts aus

den Erfahrungen seines Netzbetriebs, z. B. seit dem Jahr 1900, ableiten. Hierzu

können besonders die Betriebskonditionen und die Langlebigkeit, d. h. eine

langandauernde Nutzungsmöglichkeit, z. B. eines Kanalsystems, kombiniert

mit den Anforderungen des zukünftigen Betriebs (Hydraulik, Abwasseranfall,

Lasten u. a. m.) zählen.

Nutzungsdauererwartung an die Kanalhaltung bestimmt das

Gesamtsystem

Die Nutzungsdauer einer Kanalhaltung bestimmt vorrangig die Erwartung

an das Gesamtsystem. Daneben können aber auch „lokale“ Einflüsse aus äußeren

und betrieblichen Randbedingungen die Nutzungsdauer, insbesondere

die Erwartungen an eine zukünftige Nutzungsdauer, bestimmen.

Die Kanalhaltung ist die maßgebende Einheit der Zustandsklassifizierung und

bildet somit die Berechnungsbasis für alle Modelle einer technisch-wirtschaftlichen

Prognoserechnung.

Forschung + Technik

Abb. 3 b: Sanierte Muffe, bündig mit Rohrinnenwand,

Versatz simuliert.

Spezielle Gesichtspunkte wirtschaftlicher

Auswirkungen

Renovierungsverfahren stellen für

sich genommen einen ihrem technischen

Ergebnis entsprechenden Vorrat

an weiterer Nutzungsdauer einer

Kanalhaltung sicher.

Bei dem am meisten angewandten

Verfahren des Schlauchlinings ist das

technische Ergebnis der ausgehärtete

Liner in einer Tragwerkskombination

mit dem Altrohr. Die zukünftige

Funktion des Kanals bestimmt jetzt

der eingebrachte Liner.

Die Wirtschaftlichkeit eines Renovierungsverfahrens

kann, im Vergleich

zu Reparatur bzw. Neubau, mit anerkannten

Berechnungsverfahren

nachgewiesen werden. Die für die

Renovierung bzw. Reparatur und Erneuerung

aufzubringenden Kosten

und die jeweilige prognostische

Nutzungsdauer (der Nutzen) bestimmten

die Eingangsgrößen dieser

Vergleichsrechnungen.

Wirtschaftliche Auswirkungen

des EDS-Verfahrens

Das EDS-Verfahren bezieht (s. o.) seine

Lebensdauer aus einem weiterreichenden

Vorrat von Nutzungsdauer

STEINZEUG-Information 2006

31


32

Forschung + Technik

des Steinzeugrohres, gekoppelt mit

der erneuerten Dichtung. Fasst man

die erneuerte Dichtung als Bestandteil

des „Bauwerks Kanal“ auf, so

werden die absoluten Kosten der

Verfahrensanwendung als zweitrangig

nach einer Werterhöhung der

Kanalhaltung einzuordnen sein.

Beispielhaft dargestellt:

● Eine Kanalhaltung aus dem Jahr

1956 ist in 2006 zu 62,5 % abgeschrieben,

wenn 80 Jahre Abschreibungsdauer

angesetzt wurden. Die

Renovierung mittels EDS-Verfahren

erlaubt eine weitere Lebensdauerprognose

(Funktionsprognose) von

40 Jahren. Damit errechnet sich eine

Werterhöhung des Kanals um 50 +

40 – 80 = 10 Jahren weitere Nutzung

auf der Kostenbasis 2006. Diese

Werterhöhung bedeutet Vermögenszuwachs,

dessen Abnutzung

über die Abschreibung in Jahreskosten

und Gebührenkalkulation eingehen.

● Eine Kanalhaltung aus dem Jahr

1956 ist in 2006 zu 100 % abgeschrieben,

wenn 50 Jahre Abschreibungsdauer

angesetzt wurden. Die

Renovierung mittels EDS-Verfahren

erlaubt eine weitere Lebensdauerprognose

(Funktionsprognose) von

STEINZEUG-Information 2006

40 Jahren. Damit ist ein Wertzugewinn des Kanals um 40 Jahre weitere Nutzung

auf der Kostenbasis 2006 berechenbar. Dieser Wertzugewinn bedeutet

Vermögenszuwachs, dessen Abnutzung über die Abschreibung in Jahreskosten

und Gebührenkalkulation eingehen.

Die Kosten der EDS-Sanierung können bei den vorgenannten Beispielen sowohl

als Einmalkosten (= Reparaturkosten) als auch als Maßstab für die Werterhöhung

= Vermögenszuwachs gelten, die dann über Abschreibungen abgetragen

werden.

Die Verfahrensweise ist letztlich dem Betreiber – im Rahmen der gesetzlichen/rechtlichen

Vorgaben – freigestellt.

Der Wertzuwachs des Kanals infolge der EDS-Sanierung kann, besonders bei

älteren Kanälen, die direkten Kosten der EDS-Sanierung überschreiten.

Bei noch nicht abgeschriebenen Kanälen ist die zur Restnutzungsdauer hinzuzuschlagende

Nutzungsdauer als adäquater Vermögenswert zu quantifizieren.

Die saldierten Kosten der Verfahrensanwendung im Ausführungsjahr

errechnen sich dann aus „Kosten der Sanierung“ minus Vermögenszuwachs

= reale Kosten.

Zusammenfassung

Die Anwendung des EDS-Verfahrens ist bereits vom technischen Ansatz her

auf einen Hinzugewinn an betriebsgewöhnlicher Nutzungsdauer ausgelegt.

Dieser Hinzugewinn ist seitens des Rohrsystems Steinzeug bei Feststellung

der statischen Unversehrtheit i.d.R. für weit mehr als 100 Jahre Gesamtnutzungsdauer

sicher.

Die Berechnung von wirtschaftlichen

Auswirkungen und damit die Möglichkeit

des Nachweises von „Wirtschaftlichkeit“,

auch im Vergleich mit

anderen Sanierungsverfahren, muss

in jedem Fall den Hinzugewinn an

Nutzungsdauer einbeziehen.

Kontakt

Dipl.-Ing. Hans-Joachim Purde

PURDE, JOHN & PARTNER

85598 Baldham

Tel.: 0 81 06/35 83 15

E-Mail: purde@pjp.de


Aufgrund erschwerter Randbedingungen im städtischen Raum und der

Erkenntnis, dass ein Großteil der Kanalschäden durch mangelhafte

Bauausführung verursacht ist, ergibt sich die Notwendigkeit, für den

Einbau von Rohrleitungen Verfahren und Technologien zu wählen, die diesen

Anforderungen entsprechen. Eine Möglichkeit hierfür ist der Einsatz

selbstverdichtender Materialien (SVM), auch stabilisierte Verfüllmaterialien

genannt. Nach einem Vorschlag der ONR 23131 (Verfüllung von Künetten

mit stabilisierten Verfüllmaterialien (SVM) – Kriterienkatalog für stabilisierte

Verfüllmaterialien) wurden diese Materialien wie folgt definiert:

Selbstverdichtende Materialien oder stabilisierte Verfüllmaterialien

(SVM) sind konditionierte Verfüllmaterialien auf Basis von natürlichen Ge-

Wiederverwendung

des Aushubmaterials

Forschung + Technik

Pilotprojekt

Einsatz von selbstverdichtenden Materialien

Abb. 1: Übersicht über Rohrgraben-Verfüllmaterialien. Vorschlag ONR 23131, 2005

Verfestigung durch Hydratation

ohne Zuschläge

Dämmer

Blitzdämmer

sibopress ®

Rohrgrabenverfüllmaterialien

Verwendung aufbereiteter

Materialien

aufbereiteter

Bodenaushub

Recycling-

Baustoffe

Selbstverdichtende Baustoffe

Verfestigung durch Hydratation

mit Zuschlägen

füma ® Boden

füma ® rapid

Fluremix ®

Verwendung von

Austauschmaterialien

natürliche

Materialien

aus natürl.

Materialien

SVM

aus Recycling-

Baustoffen

Verfestigung durch Bindung

der Bodenteilchen

Weimarer Bau-Mörtel ®

RSS ® -Flüssigboden

Abb. 2: Marktübersicht selbstverdichtender Materialien. Redeker, M., 2005

steinskörnungen oder Recycling-

Baustoffen, die in fließfähigem Zustand

in den Rohrgraben eingebracht

werden und in einem anschließenden

Abbinde- oder Verfestigungsprozess,

ohne Einsatz von

Verdichtungsenergie, eine dem geforderten

Einsatzzweck im Rohrgraben

entsprechende Festigkeit und

Tragfähigkeit erreichen. Dabei bleiben

sie über die gesamte Nutzungsdauer

händisch, d.h. mit Krampen

und Schaufel wieder aufgrabbar.

Diese Materialien bestehen aus folgenden

Inhaltsstoffen:

● Grundmaterial (Sand, Kies, Bodenaushub,

Baustoffrecycling)

● Plastifikator (Bentonitsuspension,

Cellulose)

● Stabilisator (Zement oder Kalk)

● Wasser

Für die Herstellung bestehen folgende

Möglichkeiten:

● Zentrale Herstellung in Mischwerken

(mixed-in-plant)

● Lokale Herstellung vor Ort

(mixed-in-place)

Sie können entweder in Mischwerken

(mixed in plant) oder vor Ort

(mixed in place) hergestellt werden.

Diese Materialien werden flüssig in

den Rohrgraben eingefüllt und verfestigen

sich ohne zusätzliche Verdichtungsenergie

durch Entwässerung

infolge Hydratation mit oder

ohne Zuschläge oder durch Bindung

von Bodenteilchen.

STEINZEUG-Information 2006

33


34

Forschung + Technik

Bedarf an Arbeitskräften

(Baufirma)

Technikbedarf

der

Baufirma

STEINZEUG-Information 2006

Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6

Setzen des

Verbaus

Setzen der

Punktauflager

Eine Übersicht über die derzeit angewendeten

verschiedenen Rohrgrabenverfüllmaterialien

zeigt Abb. 1.

In den letzten Jahren wurden verschiedene

selbstverdichtende Materialien

entwickelt, verwendet und

untersucht. In einer Diplomarbeit an

der Fachhochschule Höxter ist eine

Zusammenstellung und erste Bewertung

der derzeitig verfügbaren Materialien

erarbeitet worden (Abb. 2).

Diese Materialien können in verschiedenen

Bereichen angewendet

werden. Folgende Einsatzbereiche

sind bekannt:

● Kanalbau

● Einbau von Versorgungsleitungen

(Gas- und Wasserleitungen)

● Hinterfüllungen jeglicher Art

● Ringraumverfüllungen von

Schutz- und Druckrohrleitungen

● Gründung auf nicht tragfähigen

Böden

● Verfüllung stillgelegter Tunnelbauten,

Unterführungen, Erdtanks usw.

Rohreinbau auf

Punktauflager

Setzen der

Haltungsbänke

beginnend mit

der „Begrenzungsbank“

(bis über

Sohlhöhe RW)

Anforderungen an selbstverdichtende Materialien

Da jedes Produkt unterschiedlich hergestellt, mit verschiedenen Zusätzen

versehen wird und damit verschiedene Eigenschaften aufweist, müssen Anforderungen

zum Umweltschutz während des Kanalbaus und nach Abschluss

der Maßnahme definiert und erfüllt werden. So dürfen durch das Material

keine nachteiligen Beeinträchtigungen der Bodenverhältnisse und Auswirkungen

auf Boden und Grundwasser erfolgen. Beim Einbau des Materials in

den Rohrgraben muss Folgendes erfüllt werden:

● gleichmäßige Bettung und Einbettung der Leitung

● ausreichende Fließfähigkeit im Leitungsgraben

● schnelle Verfestigung

● keine Entmischung beim Einbau

● gleichmäßige Produktqualität

Hausanschluss 2

(Haltung 2, FÜMA)

4,20 m

BA I 20 m BA II + III 45 m

Abb. 4: Pilotprojekt ZV Hachinger Tal.

Verfüllung der

Rohrleitungszone

der SW-Leitung

bis zu Sohlhöhe

der RW-Leitung

mit Hilfe von

Laser und

Zollstock

1 1 2 – (1) – (1) 2

1 Bagger

Laser SW

1 Radlader

(Rohre holen)

Laser SW

1 Bagger

Laser SW

Ziehen des

Verbaus bis

zur Sohle RW

(da Verbau 2-teilig,

wird der obere

Teil gelöst und

seitlich gelagert)

Laser RW Laser RW 1 Bagger

Hausanschluss 1

(Haltung 1, konventionell)

3,50 m

Sohle RW

Sohle SW

Abb. 3: Bauablauf mit Einbau von SVM. Olaf Stolzenburg, 2004, Firmenunterlagen

1 m 1 m


Technische Daten füma rapid füma boden

Trockenrohdichte in

Abhängigkeit der Sieblinie

Druckfestigkeit

Elastizitätsmodul nach 28 d

nach DIN 18136

Wasserdurchlässigkeit

nach DIN 18130

Nach dem Einbau sind an das Material folgende Anforderungen zu stellen:

● ausreichende Tragfähigkeit, ähnlich dem benachbarten Boden

● leichte Lösbarkeit über die gesamte Nutzungsdauer des Rohrleitungssystems

mit Schaufel, Spaten und Kreuzhacke, ohne Schädigung der Rohrleitung

● Verträglichkeit mit Leitungswerkstoffen

● konstante Druckfestigkeit über die gesamte Nutzungsdauer

● Frostbeständigkeit

● Oberflächen- und Grundwasserbeständigkeit

Der Bauablauf einer Kanalbaustelle unterscheidet sich insbesondere durch

die Herstellung des Rohrauflagers, der Fixierung des Rohres gegen

Auftrieb, der Verfüllung der Leitungszone und des Rohrgrabens. Daher

2,3 m

0,5 m

BA I BA II BA III

FR, Do, 15.09

1,8 – 2,0 kg/dm 3 1,3 – 1,7 kg/dm 3

Entspricht der Bodenklasse

3 – 4 nach DIN 18300

1-1

FB, Mi, 14.09 FB, Fr, 16.09

Entspricht der Bodenklasse

3 – 4 nach DIN 18300

~ 60 N/mm 2 120 bis 150 N/mm 2

durchlässig

10 –4 bis 10 –6 m/s

schwach durchlässig

10 –6 bis 10 –7 m/s

Tab. 1: Materialeigenschaften füma boden und füma rapid Firmenprospekt, 2005

FR

= Füma

Rapid

FB

= Füma

Boden

20 m

25 m

20

m

Abb. 5: Längsschnitt, Einteilung in Bauabschnitte und Einbaubereiche.

Forschung + Technik

ist eine geänderte Ablauforganisation

erforderlich. Ein Beispiel zeigt

Abb. 3.

Projekterfahrungen mit

SVM

Vom Zweckverband Hachinger Tal

wurde gemeinsam mit der Universität

der Bundeswehr München im

Herbst 2005 ein Pilotprojekt zum

Einbau von SVM (füma boden und

füma rapid) durchgeführt, um Erfahrungen

mit dem Einbau, dem Bauablauf,

den Eigenschaften des Materials

und den Kosten zu sammeln.

Hintergrund war zudem, dass bei

dem Projekt z. T. an den Straßen, in

denen der Kanal eingebaut werden

soll, sich Anwesen befinden, die

schlecht gegründet und daher sehr

erschütterungsempfindlich sind. Ein

herkömmlicher Rohreinbau mit Verdichtungsgeräten

hätte mögliche

Schäden zur Folge gehabt. Es wurden

eine Kanalstrecke mit zwei Hal-

Einbau Füma-Flüssigboden, Baustelle Oberbiberg, 15.05.2005, „In-der-Eich-Str.“

2-2 3-3

0,7 m

FR, Mo, 19.09

FB, Fr, 16.09

1,5 m

STEINZEUG-Information 2006

35


36

Forschung + Technik

Auflagerung auf Sandsäcken

BA I

Wasservollfühlung

Sandsack

Abb. 6: Auflagerung auf Sandsäcken.

tungen (insgesamt 65 m) und zwei

Hausanschlüssen (einer mit füma

boden) in diesem Pilotprojekt hergestellt

und untersucht.

Das eingebaute Verfüllmaterial hat

nach Herstellerangaben die in Tabelle

1 gelisteten Eigenschaften.

Um Erfahrungen mit dem Rohreinbau

mit den selbstverdichtenden

Materialien füma boden und füma

rapid zu sammeln, wurden bei der

Kanalbaumaßnahme des Zweckverbands

Hachinger Tal an drei Bauabschnitten

mit zwei Grundstücksanschlüssen

beide Materialien in unterschiedlicher

Weise eingebaut (Abb.

5). Das Rohr wurde auf zwei Arten fixiert

(Abb. 6 und 7).

Die Baumaßnahmen wurden täglich

begleitet, die wesentlichen Ergebnisse

sowohl fotografisch als auch mit

Video festgehalten, Bauzeiten dokumentiert

und bodenmechanische

Untersuchungen vom Institut für Bodenmechanik

der UniBwm in verschiedenen

Zeitabständen durchgeführt.

Folgende Ergebnisse haben sich gezeigt:

● Die Baumaßnahme mit füma boden

und füma rapid ist ohne technische

Schwierigkeiten verlaufen.

● Die Rohrfixierung war sowohl

mit Wasservollfüllung als auch mit

Magerbetonbänken ausreichend. Eine

anschließende TV-Inspektion ergab

keine Mängel.

STEINZEUG-Information 2006

DN 250

0,10 m

● Der Materialeinbau von füma boden und füma rapid war bei Außentemperaturen

von bis zu –3 °C problemlos möglich.

● Der Rohreinbau mit füma boden und füma rapid war ohne zusätzliche

Verdichtung möglich, dadurch wurden Erschütterungen und Beeinträchtigungen

der benachbarten Anwesen vermieden.

● Beim Einfüllen von füma boden und füma rapid in den Rohrgraben war

keine Entmischung des Materials erkennbar.

● Für die Baumaßnahme war infolge der geänderten Rohrauflagerung und

Rohrfixierung eine geänderte Baustellenorganisation/-ablauf erforderlich.

● füma rapid ist nach 30 Minuten betretbar.

● füma boden ist am nächsten Tag betretbar.

● Beide Materialien sind auch nach Wochen mit einer Schaufel lösbar und

bereiten keine Schwierigkeiten bei späteren Anschlüssen oder Aufgrabungen.

● Untersuchungen zur Lagerungsdichte ergaben eine deutliche Zunahme

über die Zeit, wobei die größte Zunahme in den ersten elf Tagen stattfand.

● Die Lagerungsdichte von füma rapid erreichte in den untersuchten Bauabschnitten

mitteldicht bis dicht.

● Die Lagerungsdichte von füma boden erreichte Lagerungsdichten von

locker bis mitteldicht.

Konventionell

( konv.

) / Verfüllen

mit

füma

Material

HK+

HA

konv.

HK+

HA

füma

HK

konv.

HK

füma

HA

konv.

HA

füma

0%

10%

Auflager aus Magerbeton

BA II und BA III

46,

77%

46,

77%

46,

04%

46,

04%

49,

35%

49,

35%

20%

30%

40%

Magerbeton

Abb. 7: Auflager aus Magerbeton.

50%

28,

87%

26,

03%

30,

19%

26,

42%

24,

22%

24,

67%

60%

Erdaushub

Rohreinbau+

Leitungszone

Wiederverfüllen

Einsparpotential

70%

16,

24%

18,

87%

6,

94%

80%

24,

36%

23,

77%

26,

43%

10,

96%

8,

68%

19,

04%

90%

0,15 m

DN 250

0,12 m

100%

Abb. 8: Zeitersparnis beim Einsatz von SVM (HK = Hauptkanal, HA = Hausanschluss).


● Das Entfernen

des Verbaus aus

dem Rohrgraben

bereitete keine

Schwierigkeiten.

● Durch den Einbau

von füma boden

und füma rapid

konnten Zeit-

ersparnisse erreicht werden, obwohl bei den Baustellen der Bauablauf und

die Bauorganisation noch nicht optimiert waren (Pilotprojekt).

Damit hat sich in dem Pilotprojekt ergeben, dass der Einbau von füma boden

und füma rapid technisch ohne Schwierigkeiten verlaufen ist, Zeitersparnisse

erzielt und technische Vorteile bei besonderen Randbedingungen erreicht

werden können.

Die Zeitersparnisse sind in Abb. 8 dargestellt, wobei zu beachten ist, dass die

Zeitersparnisse noch nicht bei einem optimiertem Bauablauf erreicht wurden.

Die Bauunternehmung sowie die Bauleitung haben das erste Mal das

Material eingebaut und daher den geeigneten Ablauf erst erarbeitet.

Diese selbstverdichtenden Materialien kosten aufgrund des aufwändigeren

Herstellungsprozesses, der Zuschlagsstoffe und des Antransportes deutlich

mehr als übliche Verfüllmaterialien. Dies zeigt sich in den Gesamtkosten per

lfm (Tabelle 2). Diesen Kosten stehen dafür technische und wirtschaftliche

Vorteile gegenüber, wie:

● Vermeidung von Erschütterungen

● Nachhaltiges Bauen

– verbesserte Rohrstatik/Bettung

– Vermeidung von Einbaufehlern

– Vermeidung von Oberflächensetzungen

– Verlängerung der Nutzungsdauer

● Verkürzung der Bauzeiten

– Keine Bettungsschicht

– Keine Verfüllung mit Verdichtung Leitungszone

● Reduzierung der Grabenbreite

Zusammenfassung

Konventionelle Bauweise Wiederverfüllen mit Füma

26,3 min/lfm (Sammler)

(Gesamte Baumaßnahme)

247 Euro/lfm (Sammler)

inkl. Schächte o. MwSt.

23,9 min/lfm (Sammler)

(Gesamte Baumaßnahme)

375 Euro/lfm (Sammler)

inkl. Schächte o. MwSt.

Tab. 2: Zeiten und Kosten der Baumaßnahme ZV

Hachinger Tal.

Aus den bisherigen Erkenntnissen und Erfahrungen des vorgestellten Pilotprojektes

ergeben sich folgende wesentliche Punkte:

● Erhöhte Materialkosten

● Verkürzte Bauzeiten

● Erschütterungsfreier Einbau

● Verbesserung der Einbaubedingungen

● Änderungen des Bauablaufes

● Beachtung der Einbauvorgaben (Rohrsicherung, Einfüllvorgang u. a.)

● Prüfung der Materialeigenschaften für vorgesehenen Einsatzzweck

Forschung + Technik

Damit ergeben sich zunächst technische

Vorteile für den Rohreinbau, die

in Einzelfällen auch zu wirtschaftlichen

Vorteilen führen können. Allerdings

sind für differenzierte, gesicherte

Ergebnisse noch weitere Untersuchungen

notwendig.

Das Projekt wurde finanziell durch

die Firma CEMEX unterstützt.

Literaturhinweise

[1] Vorschlag ONR 23131 – Verfüllung

von Künetten mit stabilisierten Verfüllmaterialien

(SVM) – Kriterienkatalog für

stabilisierte Verfüllmaterialien, 1. Februar

2005

[2] Diplomarbeit MICHAEL REDEKER,

FH Höxter: „Einsatz selbstverdichtender

Baustoffe im Kanalbau“, Ausgabe 2. November

2005

[3] Bericht „Einbau von füma boden

und füma rapid, Baustellenbetreuung

Baustelle Oberbiberg“, ZV Hachinger

Tal (April 2006) Prof. Günthert/Prof. Boley,

UniBwM, bisher nicht veröffentlicht

[4] OLAF STOLZENBURG, 2004 RSS ® –

Flüssigboden im Kanalbau – Ein Praxisbericht,

(Firmenunterlagen)

[5] Firmenprospekt CEMEX 2005, füma

boden, füma rapid

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. F. Wolfgang Günthert,

Dipl.-Ing. Darius Cvaci

Institut für Wasserwesen

Professur für Siedlungswasserwirtschaft

und Abfalltechnik

Universität der Bundeswehr

München

85577 Neubiberg

Tel.: 0 89/60 04-21 56

Internet: www.swa.bauv.unibwmuenchen.de

STEINZEUG-Information 2006

37


38

Baustellenbericht/-reportage

Nord-Süd Stadtbahnbau in Köln

Drei dicke Mädchen mit

Tunnelblick beißen sich durch

Auch wenn es nicht gerade

schmeichelhaft klingt: Ihre

Statur ist alles andere als zierlich.

Aber das stört Tosca, Rosa und

Carmen nicht im Geringsten. Auch

nicht, dass die Kölner sie in Anlehnung

an einen Song der Band „De

Höhner“ nur die „dicken Mädchen“

nennen. Denn ganz objektiv betrachtet

sind sie alle drei echte

Schwergewichte. Rosa und Tosca

wiegen 1.020 t, etwa das Gewicht

von zwei Einfamilienhäusern, während

Carmen immerhin noch 574 t

auf die Waage bringt, so viel wie 765

VW-Käfer.

Rosa und Co. sind nämlich die

Schildmaschinen, die die Tunnelröhren

für die im Bau befindliche

Nord-Süd Stadtbahn

in Köln auffahren. Nachdem

die Kanalbauarbeiten – wir

berichteten hierüber in der

Steinzeug Information 2004

– mittlerweile weitgehend

abgeschlossen sind, konnte

Tosca Anfang Juni

dieses Jahres mit der

Auffahrt der Oströhre

des Tunnels vom Bonner

Wall bis zum Kurt-Hackenberg-Platz

beginnen. Am

anderen Ende der Strecke

ging Carmen Anfang Juli in

Dienst, um den Ursula-

STEINZEUG-Information 2006

„Et Schild kütt!“ Zwei Kräne sindnotwendig,umCarmenzu ihremArbeitsplatzzubringen.

Tunnel vom Breslauer Platz bis zur Philharmonie herzustellen. Komplettiert

wurde das Kölner „Dreigestirn“ schließlich durch Rosa, die sich Anfang

August auf den Weg nach Norden machte. Sie wird parallel zu der Tunnelröhre,

die ihre baugleiche Schwester Tosca gräbt, die Weströhre zwischen

Bonner Wall und Kurt-Hackenberg-Platz auffahren.

Dommetropole erhofft sich enorme Vorteile

Für diejenigen, die geographisch in der Domstadt nicht so bewandert sind

und jetzt nur noch Bahnhof verstehen, eine Längenangabe: Die erste Baustufe

der Nord-Süd Stadtbahn erstreckt sich auf rund 4.000 m. Der größte

Teil dieser Trasse, die den dicht bebauten Innenstadtbereich umfasst, verläuft

unterirdisch in zwei eingleisigen, parallel liegenden Röhren. Von den acht

Haltestellen der künftigen Nord-Süd Stadtbahn in der ersten Baustufe sind

sieben unterirdisch geplant; einzig die Haltestelle Marktstraße ist oberirdisch

konzipiert. Damit ist dieses städtebauliche Projekt das derzeit größte

Deutschlands – und dazu eines, von dem man sich in der Domstadt enorme

Vorteile verspricht: schnellere und direktere U-Bahn-Anbindungen, weniger


Autoverkehr und damit verbunden weniger Lärm und Abgase sowie eine Entspannung

der Parkplatzsituation im gesamten Stadtgebiet.

Erste Tunnelröhre fertiggestellt

Einen ersten Teilerfolg in diesem „Jahrhundert-Projekt“ konnte die Kölner

Verkehrs-Betriebe AG (KVB) als Bauherrin bereits verkünden: Am 9. September

war die erste, 260 m lange Tunnelröhre fertiggestellt. Mit einem Außendurchmesser

ihres Schildes von 6,80 m, 24 Vortriebspressen, einer Vortriebskraft

von 44.575 kN und 440 kW (600 PS) hatte sich Carmen ihren Weg

durch das Erdreich gebahnt. Der Stromverbrauch dabei war enorm: Carmen

benötigte ca. 1.200 kW in der Stunde – so viel etwa wie ein europäischer

Haushalt in einem Vierteljahr. Pro Tag schaffte sie im Schnitt zwischen zehn

und zwölf Meter vorwärts. Dabei hielt sie drei Schichten à 13 Mann durchgängig

sieben Tage die Woche auf Trab. Die Statistik bei ihren beiden großen

Schwestern Rosa und Tosca fällt sogar noch beeindruckender aus: Mit

einem Außenschilddurchmesser von 8,40 m und 28 Vortriebspressen verfügen

sie über eine installierte Vortriebskraft von 60.300 kN. Zum Vergleich:

Diesen Schub benötigen 60 Boeing 747 zum Abheben!

Die Wahl der Baumethode

Doch trotz der gigantischen Zahlen: Bei der Wahl der Baumethode musste

die Stadt Köln nicht lange überlegen. Die Dommetropole ist nämlich dicht

bebaut; eine offene Bauweise kam mit Blick auf die Anwohner, Geschäftsleute

und den Innenstadtverkehr nicht infrage. So entschied man sich für das

unterirdische Schildvortriebsverfahren, mit dem man schon im Stadtteil Mülheim

gute Erfahrungen gesammelt hatte. „Die dichte Bebauung und die beengten

Platzverhältnisse sind eine große Herausforderung bei diesem Bauprojekt“,

erklärt die Mediensprecherin der KVB, Gudrun Meyer. Stolz fügt sie

hinzu: „Und trotz Baustellen kann das Alltagsleben weitergehen.“

Bei der Schildbauweise wird ein rundes Schneidrad, der mit Schälmessern

und Meißelrollen bestückte Schild, von einer Maschine rotierend in das Erdreich

vorgeschoben. Die Werkzeuge – bei Rosa und Tosca sind es z. B. 174

Schälmesser und 19 Rollenmeißel – schneiden eine kegelförmige Kontur in

die Erde, die sich einem natürlichen Druckgewölbe im Boden annähert. Dafür,

dass die Ortsbrust stabil bleibt und der darüber liegende Sand und Kies

nicht nachrutschen kann, sorgt die Stützflüssigkeit Bentonit-Suspension, die

vor das Schneidrad gepumpt wird und zusätzlich mit Hilfe von Druckluft den

umliegenden Boden verfestigt.

Eine Förderleitung transportiert die gelöste Erde in Richtung Tunnelausgang.

Wie aus Tübbingen eine runde Sache wird

Zur Auskleidung der Wand werden direkt hinter dem Bohrkopf von einem

sogenannten Ring-Erektor Fertigteile aus Stahlbeton, die Tübbinge, eingesetzt.

Jeweils sieben Tübbinge und ein Schlussstein ergeben einen Ring. So

entsteht langsam, Meter um Meter, der neue Tunnel. Die Schildmaschinen

bewegen sich vorwärts, indem sie sich mit hydraulischen Pressen an dem zu-

Baustellenbericht/-reportage

letzt gefertigten Tunnelring abdrücken.

Auf diese Weise existieren zu

keiner Zeit Hohlräume, in die Erdreich

abstürzen könnte. Allerdings

entsteht ein Ringspalt, der dadurch

zustande kommt, dass die Tunnelröhre

einen wenige Zentimeter geringeren

Durchmesser besitzt als die

Schildmaschine selbst. Dieser Ringspalt

wird jedoch kontinuierlich mit

Zementmörtel verpresst.

Mit dem Fortgang des Tunnelbaus

zeigen sich die Verantwortlichen zufrieden.

„Klar geschehen wie bei allen

Baumaßnahmen ab und an Dinge,

die nicht vorhersehbar waren,

z. B. Hindernisse im Boden. Dies kam

So sieht der geplante Streckenverlauf

der Nord-Süd Stadtbahn aus.

STEINZEUG-Information 2006

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Baustellenbericht/-reportage

bei den Schlitzwandarbeiten öfter

vor. Aber insgesamt gesehen verlaufen

die Arbeiten planmäßig. Zeitweilige

Verzögerungen konnten bislang

immer noch wieder aufgeholt werden“,

zieht Gudrun Meyer Zwischenbilanz.

Schwierigkeiten ohne

Patentrezept

Wie alle anderen Techniken auch,

bringt der Schildvortrieb eine

Schwierigkeit mit sich: So ausgereift

die Methode auch ist, der Abbau

von Boden und die durch den Betrieb

der Tunnelbohrmaschinen verursachten

Erschütterungen führen

zu Veränderungen der Spannungsverhältnisse

im Boden und – damit

einhergehend – zu Verformungen

im Bodengefüge. Es können Setzungsmulden

entstehen, und minimale

Schiefstellungen der Fundamente

können Rissbildungen in den

unmittelbar beeinflussten Gebäuden

hervorrufen. Ob sich die Fundamente

verformungsbedingt verdrehen,

hängt von ihrem Abstand zueinander

ab, von den jeweiligen Senkungseinflüssen

sowie auch von der

Bausubstanz. Ein Patentrezept, das

auf alle Gegebenheiten vor Ort anzuwenden

ist, gibt es demnach

nicht.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen

Umso wichtiger sind die statischen

Prüfungen und Gebäudesicherungen,

die Experten sowohl im Vorfeld

der Schildfahrt als auch während ihres

Verlaufs vornehmen. Dabei beurteilen

sie jedes Haus individuell. Als

erste Maßnahme stehen stets Bodenuntersuchungen

auf dem Aktionsplan,

mit denen die Beschaffenheit

des Untergrundes und dessen

STEINZEUG-Information 2006

Die Abnahmebeteiligten vor dem Schneidrad Carmen (v. l. n. r.): Maschinenmeister

Los Nord Volker Heyder, Dipl.-Ing. Oliver Boiger von der Firma Herrenknecht, der

Projektleiter Arge Nord Dipl.-Ing. Peter Jakobs, der Projektleiter KVB Nord-Süd Stadtbahn

Köln Dipl.-Ing. Karl Bücker, Dipl.-Ing. Hartmut Graf vom Amt für Brücken und

Stadtbahnbau der Stadt Köln, Hajo Kuhlisch von der Bezirksregierung Köln sowie

der Tunnelbauleiter Arge Nord Dipl.-Ing. Stephan Assenmacher.

Festigkeit überprüft werden. Wo erforderlich, führ(t)en die Sachverständigen

auf die Situation abgestimmte Bodenverfestigungsmaßnahmen durch. Eine

andere Untersuchung betrifft die Bausubstanz der Gebäude, die sich im Einflussbereich

der Schildfahrt befinden. Wo Bautechniker und Statiker kritische

Setzungsberechnungen feststell(t)en oder der Zustand es erforderlich

macht(e), wurden und werden Vorkehrungen getroffen. Dabei kann es sich

z. B. zur zusätzlichen Sicherung um Giebelabstützungen zwischen zwei Häusern,

in deren Mitte ein wesentlich niedrigeres Haus steht, handeln oder um

Abstützungen innerhalb eines Hauses.

Um die stattfindenden Bewegungen im Erdreich kontrollieren zu können,

wurden an jedem Haus Messbolzen angebracht. Zusätzlich befinden sich

oberhalb der Schildfahrt im Abstand von rund 25 m weitere Messpunkte. Im

Wirkungskreis von Rosa und Co. sind außerdem Gebäudebeobachter unterwegs,

die alle im Einflussbereich der Tunnelröhre liegenden Häuser regelmäßig

im Abstand weniger Stunden begehen und auf Rissbildungen hin überprüfen.


Trotz der Größe der Tunnelbohrmaschine: Über allem wacht in Köln der Dom.

Vorbildliche Informationspolitik

Von ihrer Notwendigkeit zur Schadensvermeidung einmal abgesehen, die

hohen Sicherheitsstandards haben noch einen positiven Nebeneffekt: Sie geben

den Anwohnern und Geschäftsleuten das Gefühl, dass alles unter Kontrolle

ist. Denn wie der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma bei einer

Tunneltaufe am Bonner Wall Mitte Mai selbst zugab: „Die Vorstellung, dass

diese Kolosse sich durch die Erde unter unserer Stadt und unseren Häusern

hindurch fressen, kann da manchmal schon beängstigend sein.“

Um den Betroffenen ihre Ängste z. B. um die Standfestigkeit der Häuser, den

Lärm und die Erschütterungen, Grundwasserprobleme oder Verkehrsbehinderungen

zu nehmen, hat die KVB eine vorbildliche Informationspolitik ins

Leben gerufen. So wurde als Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Projekt

ein Infocenter am Alter Markt eingerichtet. Zusätzlich erscheinen regelmä-

Stück für Stück und Schritt für Schritt wird aus den Tübbingen eine runde Sache.

Baustellenbericht/-reportage

ßig „AnwohnerInfos“, die den Stand

der Dinge beim Bau der Nord-Süd

Stadtbahn dokumentieren. Wöchentlich

aktualisiert geben zudem

20 Baustellenschilder in der Innenstadt

Einblicke in die einzelnen Baubereiche.

Außerdem waren die Kölner

bei der Namensgebung für die

Tunnelbohrmaschinen – eine alte

bergmännische Tradition – involviert.

500 Bürger nahmen an dem

Wettbewerb teil, dessen Ergebnis die

eingangs erwähnten „Höhner“ sicherlich

gefreut haben mag. Für

Transparenz sorgen zudem die aktuellen

Internetseiten (www.nordsued-stadtbahn.de)

mit Webcams.

Auch bei der Wiedereröffnung des

gesperrten Teilbereichs der Severinstraße,

die mit einem verkaufsoffenen

Sonntag gefeiert wird, will sich

die Kölner Verkehrs-Betriebe AG beteiligen,

indem u.a. das eigene Orchester

aufspielt.

Präventive Unterstützung

für Geschäftsleute

Besonders wichtig ist den Verantwortlichen

allerdings die Existenz

der Gewerbetreibenden. Die Initiative,

die die KVB hier ins Leben gerufen

hat, ist laut Gudrun Meyer bisher

deutschlandweit einmalig: Ge-

STEINZEUG-Information 2006

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Baustellenbericht/-reportage

schäftsleute werden bei schwer wiegenden

Umsatzeinbußen, die im

Zusammenhang mit der Baustelle

stehen, bereits im Vorfeld unterstützt.

Präventive Hilfe also, nicht

erst Entschädigung, wenn das Kind

längst in den Brunnen gefallen ist

und der Händler Konkurs anmelden

muss. Gewerbetreibende müssen

durch die Bilanzen der vergangenen

drei Jahre nachweisen können, dass

sie aktuell Rückgänge zu beklagen

haben. Sind Einbußen absehbar, gewährt

die KVB finanzielle Hilfen in

Form von Vorschusszahlungen oder

STEINZEUG-Information 2006

zinsbegünstigten Darlehen, die auf die gesetzlich begründeten Entschädigungsansprüche

angerechnet werden. „Diese Maßnahme hilft, umsatzschwache

Zeiten zu überbrücken. Und sie wird auch genutzt“, erzählt Gudrun

Meyer.

Auf den Spuren der Vergangenheit

Jeden Tag kommen die Tunnelbohrmaschinen im Untergrund der Domstadt ein

paar Meter voran. Anfang September war bereits die erste, 260 m lange Tunnelröhre

fertiggestellt.

Neben der beeindruckenden Technik gibt es noch einen weiteren Grund für

das Interesse der Kölner an der Baustelle: Man wäre nicht in der Dommetropole,

wenn man nicht von vornherein mit archäologischen Funden hätte

rechnen müssen. Die gesamte Trasse sowie die dazugehörigen Baustellenflächen

sind als Bodendenkmal in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. Der

größte Teil der Strecke wird zwar unterhalb der archäologischen Schichten

gebaut. Eingriffe in diese Schichten sind aber insbesondere im Bereich der

Haltestellen, der Versorgungs- und Anfahrschächte sowie dem südlichen

Streckenabschnitt auf der Bonner Straße

gegeben, der in offener Bauweise

hergestellt wird. Die Eingriffsfläche ist

somit rund 20.000 m 2 groß und befindet

sich vor allem in Bereichen der römischen

bis frühneuzeitlichen Stadtbesiedlung.

Ein echtes Eldorado also

für die mehr als einhundert Archäologen

und Naturwissenschaftler, die sich

bedeutende Zeugnisse von den verschiedenen

Stadtentwicklungsphasen

versprechen. Tosca, Rosa und Carmen

schaffen nun die Voraussetzung dafür,

dass mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme

der ersten Baustufe der

Nord-Süd Stadtbahn im Jahr 2010 ein

neues Kapitel dieser Stadtentwicklung

aufgeschlagen werden kann.

Fotos: KVB/David Rossi


Mit einem

künstlerisch gestalteten

Bauschild werden Bevölkerung

und Gäste von der Steb und der

ARGE Hohe Straße über die aufwendige

Tunnelbaumaßnahme informiert

Es ist ein ganz normaler Tag.

Auch auf der Hohe Straße, wo

mal wieder reger Betrieb

herrscht. Einige Passanten bummeln

gemütlich über die Kölner

Einkaufsmeile und bleiben hier

und da vor den Schaufenstern stehen,

andere wiederum versuchen

sich hektisch an Geschäftsauslagen

und Straßenmusikanten vorbeizuschlängeln.

Viel los ist hier eigentlich

immer zu den Ladenöffnungszeiten.

Erst kürzlich hat eine Studie

des Maklerunternehmens Kemper’s

die Shoppingmeile zur meist-

besuchten Deutschlands gekürt. Mit über 17.000 Besuchern pro Stunde

führt die Hohe Straße die Liste der beliebtesten Geschäftszonen an, noch vor

der Frankfurter Zeil und der Königsstraße in Stuttgart, und – was die Kölner,

die sich seit der Schlacht von Worringen im 13. Jahrhundert mit den Düsseldorfern

nicht so ganz grün sind, am meisten freut – weit vor der nordrheinwestfälischen

Landeshauptstadt (8. Platz).

Wo Besucherströme so stark fließen und Geld in die Kassen der Geschäftsleute

spülen, sind Baustellen natürlich ungern gesehen.

Mit Rücksicht auf Touristen, Anwohner und Gewerbetreibende haben die

Stadtentwässerungsbetriebe (Steb) Köln AöR deshalb ein Projekt in Auftrag

gegeben, das im wahrsten Sinne im Verborgenen durchgezogen wird: Die

Erneuerung des über 100 Jahre alten Kanalrohrsystems Hohe Straße/Salomongasse/Marspfortengasse

in geschlossener Bauweise, speziell in der Kölner

Stollenbauweise. Die Friedrich Wassermann GmbH & Co., Köln, hat für

diese Bauweise mehrere Verfahren entwickelt, erfüllt die hohen Anforderungen

an ein solches Projekt, verfügt über die entsprechenden Qualifizierungsnachweise

und erhielt nach der öffentlichen Ausschreibung den Zuschlag der

Steb Köln AöR in einer Arbeitsgemeinschaft mit der Firma Weitz & Co. aus

Leverkusen.

Dort, wo gut gefüllte Schaufenster verführerisch locken und Besucher entlang

schlendern, wird seit zwei Jahren ca. 6 m darunter in der Erde unbemerkt

von den Passanten gearbeitet.

Baustellenbericht/-reportage

Kölner Hohe Straße – Kanalerneuerung

Ganz im Verborgenen ...

Zeitplan musste überarbeitet

werden

Der Startschuss für diese bemerkenswerte,

5,2 Mio. Euro teure Maßnahme,

fiel im Oktober 2004 mit dem

Bau eines großen Förderschachtes in

der Salomongasse, der einen Durchmesser

von ca. 6 m aufweist. Von

hier aus wurden zentral beinahe

gleichzeitig drei Spritzbetonstollen

in unterschiedliche Richtungen aufgefahren.

Insgesamt belaufen sich

die Vortriebsarbeiten auf den 660 m

Hauptstollen (N-S-verlaufend) und

250 m Querstollen für die Hausanschlüsse.

Hierbei kommen bei drei

bis vier zeitgleich laufenden Vortrieben

10 bis 15 Mineure zum Einsatz.

Nach Fertigstellung der Vortriebsarbeiten

werden noch etwa fünf Monate

lang die Verlegung der Steinzeugrohre

und der Bau der Schachtbauwerke

durch sechs Kanalbauer

durchgeführt. Im Juli diesen Jahres

konnten die Verantwortlichen ein

größeres Zwischenergebnis präsentieren:

Der Bau des nördlichen Teils

des Hauptstollens unter der Hohe

Straße in Richtung Wallrafplatz war

abgeschlossen. Die Fertigstellung

des Südstollens steht unmittelbar

bevor, sodass im Dezember der

Stollenausbau mit dem Einbau der

Steinzeugrohre beginnen kann.

Eigentlich hatte man bei den anfänglichen

Planungen gehofft, dass

STEINZEUG-Information 2006

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Baustellenbericht/-reportage

Beim Austreten und beim Aufprall des erdfeuchten Spritzbetonmörtels

kommt es im Arbeitsbereich der Ortsbrust zu

einer starken Staubentwicklung. Deshalb ist es unerlässlich,

dass die Mineure mit einer entsprechenden Schutzausrüstung

ausgestattet sind und ständig mit Frischluft versorgt werden.

die gesamten Bauarbeiten bis Mitte

2006 abgeschlossen sein würden.

Doch immer wieder sorgen Mauerwerksabbruch

usw. für hohe Stillstandszeiten.

Vor allem aber müssen

die zeitintensiven archäologischen

Arbeiten durch das Römisch-Germanische

Museum in den Bauablauf integriert

werden, da sich die Baumaßnahme

direkt unter dem historischen

Stadtkern der ehemaligen

römischen Hauptstraße, dem „Kardo

Maximus“ – etwa um 50 n. Chr.

ein großer Boulevard in der römischen

Kolonie Colonia Claudia – erstreckt.

Mittlerweile rechnen die Verantwortlichen

für das kommende

Frühjahr mit der Fertigstellung.

Warum Spritzbeton?

Welche Größendimension das Projekt

hat, kommt am besten zum Ausdruck,

wenn man sich die gesamte

Aushubmasse vor Augen hält: 1.300

Lkw sind im Verlauf der Arbeiten damit

beschäftigt, die 8.000 m 3 Aushub

abzutransportieren. Darunter

sind 500 t Mauerwerksabbruch, bei

dem es sich sowohl um römisches

Mauerwerk aus Fundamenten und

STEINZEUG-Information 2006

Abwasserkanälen, aus mittelalterlichen Gebäuderesten als auch aus Schuttauffüllungen

aus mehreren Jahrhunderten handelt.

Dass man sich bei der Wahl des Stollenverbaus für Spritzbeton entschied, hat

gleich mehrere Gründe: kreuzende Leitungen, eine angespannte Verkehrssituation,

die schwierigen Baugrundverhältnisse und archäologische Anforderungen.

Die Verarbeitung von Spritzbeton belastet durch die hier eingesetzte

modernste Technik die Umwelt nur in geringem Maß und ist bei diesen

schwierigen Bodenverhältnissen Voraussetzung für eine fast setzungsfreie

Bauweise. Diese Vorgabe der Steb Köln AöR, bedingt durch die zahlreichen

Versorgungsleitungen oberhalb des Stollens und eine gepflasterte Fußgängerzone,

wurde von den eingesetzten Mineuren mit handwerklichem Können

hervorragend umgesetzt. Es sind auch nach zwei Jahren keine Setzungen

zu erkennen. Insgesamt werden für die Arbeiten fast 200 Sattelzüge mit

etwa 5.000 t Spritzbetonmörtel verarbeitet.

Das Verfahren, das im Grunde auf der Neuen Österreichischen Tunnelbauweise

NÖT basiert und für den innerstädtischen Kanalbau modifiziert wurde,

ist eine Spezialität der Friedrich Wassermann GmbH. Der Spritzbetonstollen

setzt eine gewisse Standfestigkeit der Böden voraus. Beim Stollenvortrieb

wird der anstehende Boden daher abschnittsweise abgebaut und mit einer

Spritzbetonsicherung versehen. Der Vorgang wird so lange wiederholt, bis

der gesamte lichte Stollenquerschnitt – unter der Hohe Straße sind es, abhängig

von der späteren Kanaldimension bzw. dem Gefälle der Steinzeugrohrkanäle

zwischen 3,5 und 7,0 m 2 – freigelegt und gesichert ist. Dann wird

in einem weiteren Schritt die eigentliche Spritzbetonauskleidung mit einer

Mattenbewehrung hergestellt.

Für die nächsten 100 Jahre ...

Zwei Stollenmineure schaufeln das Abbruchmaterial auf

das Förderband. Im Stollenverlauf sind die Kanalprovisorien zu

erkennen.

Die Nennweite der neu einzubauenden Steinzeugrohre beträgt bei einer

Rohrlänge von 2,50 m DN 300 bis DN 600, für die Hausanschlüsse 150 DN.

In Teilabschnitten wird aus hydraulischen Gründen eine Vergrößerung des


Die unterirdische Tunnelverzweigung Hohe Straße/Salomongasse. Hier gehen im

engen Tunnelbogen mit einem Radius von etwa 6 m der Nord- bzw. Südstollen Hohe

Straße ab. Im Stollenscheitel liegen die Be- und Entlüftungsleitungen sowie die Kanalprovisorien.

Ein Mineur transportiert den Stollenabbruch auf einer E-Lok ab.

Querschnitts vorgenommen. Es ist erstaunlich, wie viele der über 100 Jahre

alten Steinzeugrohre noch in einem passablen Zustand sind; manche sehen

sogar aus, als könnten sie noch ein paar Jahre liegenbleiben. 25 % der Hausanschlüsse

müssen definitiv erneuert werden, 25 % sind noch in gutem Zustand.

50 % der Leitungen werden vom Stollen aus überprüft und – je nach

Zustand – erneuert oder auch mit Inlinern saniert.

Ungewöhnliche Arbeitsweisen

Damit Besucher und Gewerbetreibende von den Baumaßnahmen weitgehend

verschont bleiben, nehmen die Bauunternehmen erhebliche Anstrengungen

in Kauf: So wird der Stollenvortrieb nur von einem Förderschacht in

der Salomongasse aus durchgeführt, was zu ungewöhnlich langen Förderwegen

im Stollen führt. 260 m sind es beispielsweise, die die E-Lok mit Lore

von der Salomongasse aus bis zur Schildergasse zurücklegen muss.

Auf der gesamten Strecke werden Betonfertigteilschächte mit Klinkergerinne

gebaut, die an die bereits im Stollen eingebauten Kanalrohre angebunden

werden können. Allerdings bekommen auch hiervon nur wenige Passanten

überhaupt etwas mit: Denn die erforderlichen Schachtbauwerke dürfen

nur morgens bis 10 Uhr und an Sonntagen – zu verkaufsfreien Zeiten also –

gebaut werden. Schließlich will doch in der Domstadt niemand, dass die Hohe

Straße durch Baustellentrubel in der Beliebtheitsskala zurückfällt – womöglich

noch hinter Düsseldorf!

Abb. 1–4: www.manosmeisen.de

Abb. 5: Fachverband Steinzeugindustrie e.V.

Baustellenbericht/-reportage

Voraussichtlich im Frühjahr 2007 soll

die Erneuerung des Steinzeug-Kanalsystems

abgeschlossen sein.

Kontakt

Friedrich Wassermann

Bauunternehmung für Hochund

Tiefbauten GmbH & Co.

Dipl.-Ing. Horst Fischer

50933 Köln

Tel.: 02 21/4 98 76-50

E-Mail: h.fischer@friedrichwassermann.de

STEINZEUG-Information 2006

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Baustellenbericht/-reportage

Sanierung der Wasserversorgung von Weimar-Belvedere

Großherzogliche Grüße aus dem Erdreich

Die Arbeiter staunten nicht

schlecht, als sie im Februar

und März diesen Jahres an

der Wasserzuführung von den Quellfassungen

an der Autobahn A 4 zum

Schirmteich im Schlosspark von Belvedere

Sanierungsarbeiten an einer

Gussrohrleitung vornehmen wollten.

Im Erdreich stießen sie gleich

mehrfach auf die Spuren der Vergangenheit:

Die jetzt einzuziehenden

Kunststoffrohre sind nämlich bereits

die fünfte Generation dieser Rohrleitungsstrecke.

Zunächst wurden

Holzrohre eingebaut, danach Steinzeugrohre

(um 1820), nachfolgend

wieder Holzrohre und um 1870

schließlich gusseiserne Rohre, in die

nun PE-Rohr eingezogen wurde.

Technisches Denkmal

Da es sich um ein technisches Denkmal

handelt, wird das Wasserversorgungssystem

heute noch so betrieben

wie zu seiner Entstehungszeit

nach 1733: Von den Quellfassungen

führt eine 1,7 km lange Rohrleitung

aus Gusseisen zum Behälter und

Schirmteich und von dort zu den

Wasserspielen und Teichen.

„Gekrönte“ Steingutröhren

Von den anfangs verwendeten Holzrohren

fanden die Schachtarbeiter

lediglich die gusseisernen Buchsen;

STEINZEUG-Information 2006

das „Drumherum“ war längst verwittert. Wesentlich „präsenter“ dagegen

waren die Steingutröhren: Sie tragen einen Prägestempel aus dem Jahre

1818, die Initialen Carl Augusts, die Krone sowie das Zeichen G. S. für Großherzogtum

Sachsen. Die Zeichen F. Z. stehen für Steingutröhren aus einer

Fabrik in Zwätzen bei Jena. Weitere gefundene Teilstücke von Tonröhren

stammen aus Großalmerode in Hessen mit einer Prägung CHRI. RUDOLPH

und darunter GROSSALMERODE.

Oft wurden jedoch Holzrohre anstelle der Steingutröhren eingesetzt. So

wurden im Januar 1821 z. B. Mittel bewilligt, mit denen auf Befehl Carl Augusts

die „thönernen Röhren“ entlang der Belvederer Allee wieder durch hölzerne

ersetzt werden sollten.

Know-how für gusseiserne Wasserleitung früh belegt

Gusseisenrohre mit den zu dieser Zeit üblichen Stemm-Muffenverbindungen,

lösten um 1870 ihre Vorgänger ab, aber bereits nach 1820 hatte man

sich das Know-how für die Verlegung gusseiserner Wasserleitungen angeeignet.

Schriftlich festgehalten hatte Ernst Fr. Donage im Dezember 1820 die

Obwohl das Steinzeugrohr schon knapp 200 Jahre im Erdreich „schlummert“, ist

es noch eindeutig zu erkennen.


Quellfassung – Blick in den Innenraum.

Technik samt Maßen, Preisen und technischen Details in seinem Werk „Einige

data zur Veranschlagung einer Wasserleitung von gegossenen eisernen

Röhren hinsichtlich des Eisenaufwandes“.

Mit Äpfeln gegen Frost

Ob Kälte oder Kalk: Zu keiner Zeit waren Wasserleitungen von schädlichen

äußeren Einflüssen gefeit. Anfang des 18. Jahrhunderts gab man sich bei der

Abwehr mangels Alternativen allerdings erfindungsreich: Um die Röhrenfahrten,

wie man die Wasserleitungen damals nannte, in der Winterzeit gegen

Frost zu schützen, wurden sie kurzerhand in Pferdemist eingelegt. Verbote

für Überfahrten zu Carl Augusts Zeiten sollten außerdem Rohrbrüche durch

mechanische Einwirkungen verhindern. Die Verlegetiefe betrug nämlich lediglich

zwei bis vier Fuß (zwischen 50 und 100 cm). Auch die hohe Wasserhärte

führte immer wieder zu Inkrustationen, sodass jetzt eine Sanierung

durch Einziehen von PE-Rohrleitungen entschieden wurde. Die Fundstücke

Baustellenbericht/-reportage

Gruß an die Nachwelt: Großherzog

Carl August hatte sich per Initialen auf

den Steinzeugrohren verewigen lassen.

aller drei Generationen von Röhrenfahrten

befinden sich im Bohrstock

am historischen Gärtnereigelände.

Wer mehr über die Entstehung der

„Röhrfahrt“ wissen möchte, kann

dies in dem Buch „Wasser im Barock,

Geschichte der Wasserversorgung“,

erschienen im Zabern-Verlag 2004,

ISBN 3-8053-3331-5, nachlesen.

Der Co.-Autor Prof. Dr.-Ing. Harald

Roscher konnte dabei auf Unterlagen

der Mitarbeiter des Dezernates

Gartendenkmalspflege der Stiftung

Weimarer Klassik zurückgreifen.

Alle Bilder: Harald Roscher

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Harald Roscher

99425 Weimar

Tel.: 0 36 43/50 13 81

E-Mail: roscher@fh-erfurt.de

STEINZEUG-Information 2006

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Portrait/Interview

Im Gespräch ...

... mit Prof. Jens Hölterhoff

Auf der Jahresmitgliederversammlung

der GSTT German

Society for Trenchless Technology

e.V. im November 2005 im

Congress Center in Hamburg wurde

Prof. Jens Hölterhoff zum neuen Vorsitzenden

des Vorstandes der GSTT

gewählt. Damit wurde er Nachfolger

von Dipl.-Ing. Rolf Bielecki, der dieses

Amt 16 Jahre innehatte und die

GSTT zu einer weltweit anerkannten

Gesellschaft führte. Mit Jens Hölterhoff

ist im Januar 2006 ein erfahrener

Fachmann angetreten, der weiß

wo's langgeht, der sich für die vielen

Vorteile der grabenlosen Technologien

ins Zeug legt: auf politischer

Ebene und auf Bürgerebene. Seine

langjährigen Erfahrungen in der

Baupraxis und seine Ausbildungstätigkeit

an der Hochschule Wismar

sind ihm dabei gelehrige Begleiter.

?

Herr Hölterhoff, Sie sind seit 1. Januar

diesen Jahres Vorstandsvorsitzender

der GSTT German Society for

Trenchless Technology e.V. Worin bestand

und besteht für Sie der Reiz, diese

ehrenamtliche Tätigkeit wahrzunehmen?

J. Hölterhoff: Die grabenlosen

Technologien haben mein Berufsleben

in den letzten 22 Jahren stark

geprägt und ich bin fest davon überzeugt,

dass selbst heute noch eine

Menge getan werden kann, um den

STEINZEUG-Information 2006

Einsatz dieser Technologien zu fördern. Vor allem vor dem Hintergrund, dass

bei den Kommunen, beim Vergleich der offenen und geschlossenen Bauweisen,

nach wie vor nur die direkt zuzuordnenden Kosten eine Rolle spielen.

?

Werden Sie andere Schwerpunkte Ihrer Arbeit legen als Ihr Vorgänger und

wenn ja, wie sehen diese aus?

J. Hölterhoff: Die Situation in der Baubranche hat sich in den letzten 16

Jahren stark gewandelt; vor allem in den letzten Jahren mussten die Unternehmen

starke Einbußen hinnehmen. Diese Entwicklung ist natürlich auch

nicht spurlos an der GSTT vorbeigegangen. In den letzten beiden Geschäftsjahren

konnten die geplanten Einnahmen bei weitem nicht realisiert werden,

sodass ein hoher Fehlbetrag meinen Start überschattet hat. Damit war der

Schwerpunkt meiner Arbeit vorgegeben.

Die Organisationsstrukturen des Vereins bedurften einer grundlegenden Anpassung,

und vor allem die Ausgaben mussten drastisch reduziert werden.

Verhandlungen mit den Gläubigern wurden geführt, mit dem Erfolg eines

erheblichen Forderungsverzichtes. Hier gebührt unser Dank vor allem der

Hamburger Messe Gesellschaft, dem Bauverlag (Springer science+business

media ) und der ISTT. Nach unserer momentanen Planung werden wir bereits

im Jahr 2007 wieder schwarze Zahlen schreiben und uns intensiver unserer

eigentlichen Arbeit widmen können. Ziel unserer Umstrukturierung soll

sein, dass für die Mitglieder ein erkennbarer Nutzen aus der Mitgliedschaft

und den damit verbundenen Beiträgen entsteht. Sponsoring wird zur Deckung

der Kosten in der Zukunft keine Rolle spielen, zusätzliche Einnahmen

werden immer in Verbindung mit zusätzlichen Leistungen stehen.

?

Die geschlossene Bauweise hat sich ja bislang nicht wirklich durchgesetzt;

viel wird noch in offener Bauweise errichtet. Woran liegt das? Fehlt es da an

„Überzeugungsarbeit“, die die GSTT leisten könnte?

J. Hölterhoff: Es muss vor allem Überzeugungsarbeit bei den politischen

Entscheidungsträgern geleistet werden, um die volkswirtschaftlichen Einsparungen

der grabenlosen Bauweise, wie die Vermeidung von Staus, Schonung

der Umwelt und der Wegfall von witterungsbedingten Ausfallzeiten, beim

Vergleich mit der offenen Bauweise zu berücksichtigen.


?

Sie hatten zur diesjährigen WASSER BERLIN eine wunderbare „oben ohne“-

Plakataktion. War die Resonanz darauf spürbar positiv, sodass man eine solche

Aktion bundesweit ausdehnen könnte?

J. Hölterhoff: Wir hatten tatsächlich eine sehr positive Resonanz. Vor allem

die Lokalpresse wurde inspiriert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

An der deutlichen Steigerung der Zugriffe auf unsere Homepage war erkennbar,

dass wir anscheinend auch das Interesse der betroffenen Bürger für das

Thema geweckt haben. Bezüglich einer bundesweiten Aktion haben wir bereits

die ersten Gespräche geführt.

?

Die geschlossene Bauweise hat so viele Vorteile. Warum wird sie Ihrer Meinung

nach nicht häufiger angewendet?

J. Hölterhoff: Siehe oben!

?

Es gibt Vergleichsstudien über die social costs von offenen und geschlossenen

Baumaßnahmen. Warum werden diese so wenig publik gemacht? Gerade

mit den social cost-Faktoren könnte man bezüglich der geschlossenen Bauweise

wunderbar punkten!

J. Hölterhoff: Die von Ihnen angesprochenen Untersuchungen über die

Möglichkeiten der Erfassung der social costs zeigen, dass in angrenzenden

ingenieurtechnischen Tätigkeitsfeldern sinnvolle Ansätze existieren, die auf

Projekte des Leitungsbaues und der Leitungssanierung übertragen werden

können. Ihre Anwendung ermöglicht eine konkrete Monetarisierung dieser

Kostenanteile. Die Ergebnisse zeigen, dass die indirekten Kosten erhebliche

Größenordnungen einnehmen und in exponierten Situationen die entstehenden

direkten Kosten sogar übersteigen können! Indirekte Kosten werden

derzeit in Deutschland den jeweiligen Auftraggebern nur in Ausnahmefällen

angelastet. Sie sind selten zahlungswirksam und werden daher häufig vernachlässigt.

Angesichts der möglichen Größenordnungen erscheint diese

Praxis überdenkenswert. Die indirekten Kosten sollten nicht nur in Entscheidungsgrenzfällen,

sondern generell in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen

einbezogen werden. Für die ausschreibenden Stellen sollten dann finanzielle

Anreize geschaffen werden. Eine Möglichkeit ist die Gebührenerhebung

für die Benutzung von Straßenraum, wie es in Großbritannien bereits seit langer

Zeit praktiziert wird. Ansatzweise gibt’s das auch in Deutschland, z. B. im

Berliner Straßengesetz. Allerdings bedürfen diese Ansätze noch einer gründlichen

Überarbeitung. Die GSTT ist dabei, die GSTT-Information Nr. 11 von

Oktober 1999 „Kostenvergleich offener und geschlossener Bauweisen unter

Berücksichtigung der direkten und indirekten Kosten beim Leitungsbau und

der Leitungssanierung“ zu überarbeiten, um dann mit aktuellen Fakten die

öffentliche Diskussion zu beleben.

?

Sie arbeiten als GSTT auch viel mit der ISTT, bei der die GSTT auch Mitglied

ist, und mit anderen europäischen Nodig-Gesellschaften zusammen. Pflegen

Sie da auch (gemeinsame) Kontakte mit der EU-Kommission und mit europäischen

Normungsgremien, und nehmen Sie da auch beratende Funktionen ein?

Portrait/Interview

J. Hölterhoff: In der Vergangenheit

gab es wenig Kooperationen zwischen

den europäischen STTs. Diese

Zusammenarbeit wird von der ISTT

auch nicht unbedingt gefördert, hier

ist unsere eigene Initiative notwendig.

Zurzeit beschränkt sich unser

Engagement auf einen Normenausschuss

beim DIN Deutsches Institut

für Normung e. V. und vor allem auf

unsere eigenen Informationsschriften,

die wir in Kürze als Buch herausgeben

werden. Das GSTT- Buch wird

jährlich aktualisiert und kann über

den Handel bestellt werden. Die

neueren Informationen werden bereits

zweisprachig, deutsch/englisch

gedruckt.

Mit diesem Plakat warb die GSTT in

Berlin für das grabenlose Bauen.

?

Welche Rolle nimmt für Sie als

Vorstandsvorsitzender der GSTT

der Begriff „Nachhaltigkeit“ ein? Ist er

für Sie eine abgedroschene Floskel oder

könnten Sie sich Nachhaltigkeit übertragen

auf den Bau und Betrieb unserer

Ver- und Entsorgungssysteme vorstellen?

J. Hölterhoff: Nachhaltigkeit ist für

mich keineswegs eine abgedrosche-

STEINZEUG-Information 2006

49


50

Portrait/Interview

Zur WASSER BERLIN 2006 organisierte die

GSTT den Besuch einer „oben ohne“-Baustelle.

ne Floskel und gerade beim Bau von

Ver- und Entsorgungsleitungen sollte

die Nachhaltigkeit eine ganz entscheidende

Rolle spielen. Wir bauen

dann nachhaltig, wenn unser Bauwerk

den Bedürfnissen der heutigen

Generation entspricht, ohne die

Möglichkeiten künftiger Generationen

zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse

zu befriedigen. Gerade aus

dieser Sichtweise bieten besonders

grabenlose Technologien in Verbindung

mit sicheren, langlebigen Baustoffen

sowohl eine ökologische wie

auch eine ökonomische Nachhaltigkeit.

?

Szenenwechsel: Sie sind nicht nur

ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender

der GSTT, sondern in erster Linie

Professor an der Hochschule Wismar

für „Baubetrieb und Verfahrenstechnik“

sowie Mitinhaber der Prof. J.

Hölterhoff & Partner Ingenieursozietät

in Berlin. Die Studentenzahlen im Bauingenieurwesen

haben deutlich abgenommen.

Nach zehnjähriger Rezession

ist das wenig verwunderlich. Wie

sehen Sie die Entwicklung? Wird man

wieder junge Leute für den Beruf begeistern

können, oder werden wir bald

an Fachkräftemangel leiden?

STEINZEUG-Information 2006

J. Hölterhoff: Die schlechte Situation der Branche hat natürlich viele junge

Leute davon abgehalten sich in den letzten Jahren im Bereich Bauingenieurwesen

zu immatrikulieren. Wir spüren allerdings schon wieder einen leichten

Aufwärtstrend. Es hat sich anscheinend bei den Schulabsolventen herumgesprochen,

dass in Kürze die Absolventen eines Bauingenieurstudiums wieder

sehr gefragt sein werden.

?

Sie unterrichten „Baubetrieb und Verfahrenstechnik“. Wie sehen heute die

Vorlesungen dazu aus? Als erfahrener Praktiker haben Sie den Studenten viel

zu bieten. Was ist für die Studenten heute besonders wichtig?

J. Hölterhoff: Neben der praxisnahen Vermittlung fachlicher Qualifikationen

ist es heute aus meiner Sicht ungeheuer wichtig, die Studenten im Bereich

der sogenannten „soft skills“ zu schulen: Präsentations- und Moderationstechniken,

Kommunikation, Teamfähigkeit, Führungsfähigkeit u. Ä. sollten

ein Schwerpunkt der Ausbildung sein. Zusätzlich sollten die Studenten

Englisch in Wort und Schrift beherrschen.

?

Nach welchen Kriterien würden Sie heute einen Studienabsolventen einstellen?

J. Hölterhoff: Nach den eben genannten.

Persönlich gefragt, persönlich geantwortet

● Was ist(sind) Ihre Stärke(n)? Teamfähigkeit, Motivationsfähigkeit

● Was ist(sind) Ihre Schwäche(n)? Kann oft nicht „nein“ sagen!

● Worüber können Sie lachen? Komödie im Kino.

● Worüber können Sie sich aufregen? Staus.

● Worauf könnten Sie auf der berühmten einsamen Insel nicht verzichten?

Ein gutes Buch und ein Glas Wein.

● Wem möchten Sie dort keinesfalls begegnen? Meinem Zahnarzt.

● Haben Sie eine Lieblingslektüre? Im letzten Urlaub: Nachtzug nach

Lissabon.

● Sie haben unerwartet einen freien Tag. Was würden Sie damit anfangen?

Ausschlafen, lange frühstücken, Ausstellung, Kino, schön essen gehen.

● Welcher Ort/Stadt ist für Sie der/die schönste?

Halbinsel Fischland/Darß.

● Welche Persönlichkeit würden Sie einmal gerne treffen? Bill Gates.

● Was ist Ihr Magen- und Leibgericht? Austern, Boeuf bourginon.

● Welchen Beruf würden Sie in einem zweiten Leben ergreifen?

Ich habe bereits meinen Traumberuf.


Portrait/Interview

Zu Gast bei STEINZEUG Abwassersysteme GmbH

Traditionell, hochmodern und innovativ

Die STEINZEUG Abwassersysteme GmbH ist weltweit operierender

Marktführer und Europas größter Hersteller von Steinzeugrohren

und Formstücken mit Produktionsstandorten in Frechen (Nordrhein-

Westfalen), Bad Schmiedeberg (Sachsen-Anhalt) und Hasselt (Belgien). Das

mittelständische Unternehmen mit seinen rund 630 Mitarbeitern wird von

Elk Eckert und Frank Franco vom Standort Frechen aus geführt. Auf die hohe

Qualität der Produkte, auf die kontinuierliche Marktbeobachtung sowie

auf den engen Kundenkontakt legen beide größten Wert. Mit welchen

grundsätzlichen strategischen, strukturellen und organisatorischen Maßnahmen

das im Unternehmen umgesetzt wird und wie sich das Unternehmen

im Markt positioniert und behauptet, erfuhr die Redaktion in einem Gespräch

mit Geschäftsführer Elk Eckert.

?

In der Fachpresse war kürzlich zu lesen, dass sich das Unternehmen STEIN-

ZEUG Abwassersysteme neu aufgestellt hat und unter einer neuen Dachmarke

firmiert. Was muss man sich im Einzelnen darunter vorstellen? Was hat sich

geändert?

E. Eckert: Zwei Firmen – STEINZEUG Abwassersysteme GmbH in Deutschland

und KERAMO-STEINZEUG N.V. in Belgien – jeweils mit grenzüberschreitenden

Aktivitäten, unterschiedlichem Logo, aber innerhalb einer Unternehmensgruppe!

Das klärt nicht auf. Das stiftet eher Verwirrung.

Deshalb war es so wichtig, unter bewusster Beibehaltung der beiden traditionellen

Firmennamen eine neue und einheitliche DACHMARKE zu entwickeln

und einzuführen.

Wo auf der Welt auch immer – das neue Logo vermittelt jetzt

auch visuell unser „one voice“-Marketing. Die verwendeten drei Elemente

Weltkarte, Kreis und parallel aufgestellte Namen symbolisieren die weltweite

Marktführerschaft, das exakt runde Steinzeugrohr, das auch gleichzeitig

als Symbol für den Kreislauf des Wassers steht, sowie die bewusst gewählte

Beibehaltung der beiden bekannten Unternehmensnamen.

?

Die STEINZEUG Abwassersysteme ist Weltmarktführer. Welche Märkte bedient

das Unternehmen hauptsächlich, wo liegen die Schwerpunkte?

E. Eckert: Der Mittelpunkt unserer Aktivitäten verschiebt sich nach Osten.

Außerhalb Deutschlands wächst die Nachfrage nach Steinzeugrohren in EN-

Qualität, besonders in den neuen

EU-Ländern und im Mittleren Osten.

?

Wo und wie „intensiv“ ist das Unternehmen

auf dem osteuropäischen

Markt vertreten? Sehen Sie in

den EU-Beitrittsländern Bulgarien und

Rumänien auch Marktpotenziale?

E. Eckert: Unsere Lieferungen nach

Polen und Tschechien wachsen kräftig.

Beides sind Länder, die durch eigene

Verkaufsteams seit einigen Jahren

betreut wurden. Selbstverständlich

sehen wir in Bulgarien und Rumänien

Marktpotenziale. Die Struktur

unserer Aktivitäten in diesen und

anderen neuen EU-Ländern ist organisiert;

erste Aufträge liegen bereits

vor.

STEINZEUG-Information 2006

51


52

Portrait/Interview

?

Das Unternehmen gehört, wie

man heute sagt, zu den global

playern. Wie sieht diese weltweite

„Präsenz“ aus, sprich, wie ist dabei

der Vertrieb organisiert/strukturiert?

E. Eckert: Das ist eine unserer

schwierigsten Aufgaben im weltweiten

Vertrieb. Wollen wir Nachfrage

erzeugen, dann muss in neue Märkte

investiert werden. Das bedeutet

eine Entscheidung zwischen eigener,

aber dennoch jeweils nationaler

„manpower“. Oder es bedeutet das

Übertragen der Beratungs- und Vertriebsaufgaben

auf Spezialfirmen/

Agenturen oder Allianz-Partner in

den einzelnen Zielländern. Das heißt

also: Je nach Markterfordernis und

Entwicklungsgrad der Zielmärkte

mit Blick auf unsere Produkte strukturieren

wir unseren weltweiten Vertrieb,

wobei eine wichtige Konstante

die Umsetzung unserer Ziele und

Vernetzung aller Aktivitäten gewährleistet:

Das sind unsere Senior Verkaufsmanager

für die einzelnen Regionen:

● Peter Peters für Deutschland

● Christian Weidinger für Mittelund

Osteuropa

● Ronny Neys für West- und Südeuropa

● Helmut Jürges für Übersee

Sie sind Botschafter unseres Unternehmens,

Teamleader, Motivatoren,

Impulsgeber und Ratgeber für Verkaufsteams

und Kunden. Sie sind

aber gleichzeitig auch Seismographen

für Entwicklungen, seien es

Wachstums- oder auch Gefahrenpotenziale.

Zusammengefasst heißt das: In entwickelten

Märkten mit stetiger

Nachfrage sind wir „direkt“, in neuen

Zielmärkten am Anfang „indirekt“

aufgestellt, wobei die Vertriebsverantwortung

immer beim

Verkaufsmanagement verbleibt.

STEINZEUG-Information 2006

?

Haben Sie je daran gedacht, auch im Ausland, also in Übersee, zu produzieren?

E. Eckert: Aus logistischer Sicht ist das nicht erforderlich. Jedoch mit Blick

auf unsere Wettbewerbsfähigkeit kann das Sinn machen. Eines unserer Unternehmensziele,

die Sicherung der Arbeitsplätze, spricht allerdings dagegen.

Kurz: Überlegungen gibt es, aber aktuell keine konkreten Schritte. Vertriebsallianzen

mit Produzenten im Mittleren und Fernen Osten gibt es dagegen

sehr wohl.

?

Sind Fachmessen (im In- und Ausland) für Ihr Unternehmen eine Plattform,

neue Märkte zu erschließen?

E. Eckert: Durchaus, wenn Charakter der Messe und Zielmärkte in unserem

Interesse liegen.

?

Wie hoch ist Ihre Jahresproduktion, wie hoch ist der Umsatz?

E. Eckert: Es werden jährlich gut 250.000 t in den drei Werken hergestellt.

Das entspricht einem Jahresumsatz von gut 100 Mio. Euro.

?

Sie bieten Ihren Kunden – so steht es im Prospekt und auch im Internet – zusätzlichen

Service an. Wie sieht der in der Praxis aus, was ist konkret damit

gemeint?

E. Eckert: Unsere Teams beraten auf allen Feldern rund um den Kanalrohrbau.

Konkret handelt es sich um Systemfragen, wie z. B. Druck- oder Gefälleleitungen,

Misch- oder Trennverfahren, Verlegung im offenen Graben oder

im unterirdischen Rohrvortrieb. Ferner stellen wir Berechnungen zu Statik,

Hydraulik oder Wirtschaftlichkeit zur Verfügung. Schließlich begleiten wir unser

Produkt von der Herstellung über den Transport bis zum Einbau und zur

Bauabnahme mit fachmännischem Rat.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch die STEINZEUG-Seminarreihen zu

all diesen Themen und die Beteiligung an externen Veranstaltungen mit

Fachreferaten, Moderations- und Diskussionsbeiträgen sowie regelmäßig erscheinende

Fachveröffentlichungen aus unserem Haus.

?

Das in Ihrem Hause neu entwickelte Keramische Hausanschlusselement

C100-150 erreichte im kürzlich abgeschlossenen IKT-Warentest in allen

„Disziplinen“ die Bestnote „SEHR GUT“. Was bedeutet dieses hervorragende Ergebnis

für das Unternehmen, was bedeutet es für Sie als Geschäftsführer?

E. Eckert: Diese Neuentwicklung belegt konkret unsere Botschaft: STEIN-

ZEUG ist nicht nur ein traditioneller, sondern gleichzeitig ein hochmoderner

und innovativer Rohrwerkstoff. Das Entwicklungspotenzial der Keramik ist bei

weitem noch nicht ausgeschöpft. Mein Geschäftsführer-Kollege, Frank

Franco, unsere Führungskräfte und ich haben die feste Absicht, die Branche

auch in Zukunft mit neuen Entwicklungen herauszufordern.


Hier laufen die Fäden zusammen: Die Zentrale des Unternehmens in Frechen bei

Köln.

?

Was sind Ihre wichtigsten Verkaufsargumente für Steinzeugrohre?

E. Eckert: Eine aktuell und bundesweit vom IKT durchgeführte Markt-Umfrage

bei den deutschen Netzbetreibern – die Ergebnisse werden in Kürze

veröffentlicht – ermittelte diese Rangfolge der Argumente, die bei der Wahl

des Rohrmaterials angewendet werden:

1. Hohe Lebensdauer 5. Verformungsrisiko

2. Korrosionsbeständigkeit 6. Biegefestigkeit

3. Beständigkeit gegen HD-Reinigung 7. Niedrige Einbaukosten

4. Umweltfreundlichkeit 8. Niedrige Materialkosten

Dieses Ergebnis spricht für sich selbst und vor allem für Steinzeug.

?

Mit dem Werkstoff Steinzeug werden immer wieder noch Begriffe wie „althergebracht“,

„unmodern“, „verstaubt“ etc. assoziiert. Wie räumen Sie mit

diesen Vorurteilen auf? Was haben Sie dem entgegenzusetzen und womit überzeugen

Sie für den Werkstoff Steinzeug?

E. Eckert: Schauen Sie auf meine Antwort zum Thema Neuentwicklungen!

Zu nennen sind aber auch die Erweiterung der Rohrnennweiten im Großrohr-

und Vortriebsrohrbereich mit DN 1400 – die ersten Rohre werden gerade

erfolgreich gefertigt, eine Weltneuheit – oder auch verbesserte physikalische

und chemische Materialkennwerte durch veränderte Rezepturen.

?

In welchem Kontext spielt für Sie das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle?

E. Eckert: Nachhaltigkeit spielt für uns in unserer Vision, unserer Mission

aber auch in unseren Firmenleitsätzen eine Rolle. Kurz zusammengefasst

kann ich das so darstellen:

Unsere Vision:

● Wasser ist Leben. Dieser Verantwortung stellen wir uns.

Unsere Mission:

● Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen.

● Umweltschutz ein Selbstverständnis als Beitrag zur Generationengerech-

Portrait/Interview

tigkeit. Das leisten wir mit unseren

Produkten.

Unsere Firmenleitsätze:

● Wir stehen zu unserer Verantwortung,

eine intakte Umwelt zu erhalten.

● Wir wissen, dass die Kanalisation

wichtiger Teil des Gewässerschutzes

und der Gesundheitspolitik ist.

All dies ist für uns Nachhaltigkeit.

Denn wir alle im Unternehmen erstreben

mit unseren Produkten

größtmögliche Nachhaltigkeit in sozialer,

ökologischer und ökonomischer

Hinsicht.

?

Ist in naher Zukunft mit weiteren

Produktneuheiten aus dem Hause

STEINZEUG zu rechnen?

E. Eckert: Aber ja! Lassen Sie sich

mittelfristig überraschen.

?

Was bedeutet für Sie die Mitgliedschaft

im Fachverband Steinzeugindustrie

e.V.?

E. Eckert: Unser Unternehmen stellt

Rohre her, verkauft und distributiert

diese. Wir haben sozusagen unser

Ohr am Markt und unsere Finger am

Puls des Kunden. Was jedoch die

Entwicklung und Veränderung der

Rahmenbedingungen in der Wasserwirtschaft

angeht – da kennt sich der

Fachverband besser aus. Der Fachverband

bündelt die Ergebnisse dieser

Entwicklungen, vernetzt Informationsstränge

aus Deutschland

und Europa, kommuniziert mit relevanten

Regierungsstellen und Nicht-

Regierungsorganisationen auf

Europa-, Bundes-, Länder- und kommunaler

Ebene. Und er vertritt die

wirtschaftlichen und sozialpolitischen

Interessen unserer Branche.

Davon profitieren alle Mitglieder des

Fachverbandes, auch unser Unternehmen.

STEINZEUG-Information 2006

53


54

Portrait/Interview

Zu Gast bei Osmose Baukeramik

Steinzeug ist „ein gutes Gefühl“

Westerwälder Elektro Osmose

Müller GmbH &

Co. KG ist der vollständige

Name eines Familien geführten

Unternehmens im Westerwälder

Örtchen Staudt nahe Montabaur,

dessen Erfolg sich seit über 90 Jahren

auf den Werkstoff Steinzeug gründet.

Was es mit diesem Namen auf

sich hat, welchen Stellenwert die

Unternehmenstradition und -erfahrung

einnimmt und wie sich das Unternehmen

im heutigen Markt präsentiert

und aufgestellt hat, erfuhr

die Redaktion in einem Gespräch mit

den Geschäftsführern Dipl.-Kfm.

Werner Müller und Dipl.-Wirt.-Ing.

Dirk Zühlke.

?

Die Familie Aloys Josef Müller hat

1924 von der Graf-Schwerin-Aktiengesellschaft

in Berlin das Werk und

die dazugehörige Tongrube „Timpel“

gekauft. Was wurde dort damals produziert?

W. Müller: 1915 wurde die Westerwälder

Elektro Osmose in der bergrechtlichen

Geschäftsform einer

Tongewerkschaft gegründet. Man

stellte nach dem Osmose-Verfahren

einen veredelten und gereinigten

Ton, den „Osmo-Ton“ her und verkaufte

ihn vorwiegend an die Elektroporzellanindustrie.

STEINZEUG-Information 2006

?

Warum wurde gerade dieses Werk gekauft?

W. Müller: Meinen Großvater, Aloys Josef Müller, interessierte nur die Tonlagerstätte

mit der Tonbelehnung „Timpel“, nie die Produktion der Firma.

Das Belehnungsrecht auf Ton ist ein altes Bergrecht und ist heute noch gültig.

Insgesamt haben wir hier am Standort Staudt zu der Belehnung „Timpel“

zwei weitere Belehnungen. Eine davon wurde erworben, eine weitere

gepachtet.

?

Kommen Sie heute, nach so vielen Jahren, noch ohne Zukauf aus?

W. Müller: Es ist möglich, alle heute hergestellten Produkte mit Tonen aus

der eigenen Grube herzustellen. Aber wir kaufen 25 % Fremdtone aus der Region

hinzu.

?

Wie entwickelte sich das Unternehmen nach dem Kauf 1924 bis heute?

W. Müller: Von Beginn an bis in die 60er Jahre wurden hier ausschließlich

Steinzeugrohre bis DN 250 in 1 m Länge hergestellt. Heute produzieren wir

Rohre DN 100 bis DN 200 in den Baulängen 1 m, 1,25 m und 1,50 m; In

Zukunft möchten wir auch die Baulänge 2 m produzieren. Dazu stellen wir

auch die entsprechenden Formstücke her.

Aber zurück zur Historie: Um unseren Tunnelofen voll auszulasten, sind wir

Die beiden Geschäftsführer Werner Müller (links) und Dirk Zühlke (rechts).


1968 auch in den Hochbau eingeschwenkt: mit der Produktion plastisch gepresster

Schamotte-Schornsteinrohre. Das war dann unser zweites Standbein.

Vor ca. sechs Jahren haben wir dieses zweite Standbein mit der Produktion

von isostatisch gepressten Schamotte-Schornsteinrohren erweitert. Mit

diesem besonderen Pressverfahren genießen wir eine Sonderstellung im

Markt, diese Technologie beherrschen insgesamt nur drei Hersteller in

Deutschland.

1973 startete dann die Produktion von salzglasierten Spaltplatten in einem

Kammerringofen, 1978 von glasierten Spaltplatten im Tunnelofen. 1973 ist

also der Beginn der Fliesenproduktion – unser drittes Standbein. In allen drei

Bereichen vermittelt Steinzeug ein gutes Gefühl.

?

Sie bieten also heute drei verschiedene Produkte aus dem Rohstoff Ton an:

Steinzeugrohre, Schamotte-Schornsteinrohre und Feinsteinzeugfliesen. Auf

welchem „Pferd“ sitzen Sie ruhiger? Ändert sich das im Lauf der Jahre?

W. Müller: Im Lauf der Jahre hat sich die Gewichtung der drei Standbeine

immer wieder verändert. 1968 haben wir 100 % Umsatz mit Steinzeugrohren

und Formstücken gemacht; heute sind es ca. 6 % und 83 % des Umsatzes

erreichen wir mit Fliesen.

D. Zühlke: Man kann Ihre Frage, auf welchem Pferd sitzen Sie ruhiger, so

nicht beantworten. Es gibt saisonal, aber auch über die Jahre verschiedene

Phasen, wo das eine Produkt sich besser, das andere schlechter entwickelt.

Man hat so mit den drei Standbeinen immer einen gewissen Ausgleich.

W. Müller: Das Pferd „Steinzeugrohre“ war über mehr als 80 Jahre ein sehr

nützliches und auch ertragreiches Pferd. Es hat damit auch nie Probleme gegeben,

wir haben uns immer um Solidität über all die Jahre bemüht. Wir sind

halt ein Familien geführtes Unternehmen, unser innovativer Punkt zeigt sich

in den drei Standbeinen ...

D. Zühlke: ... und der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Als Familienunternehmen

ist auch eine größere Verbundenheit mit den Produkten vorhanden.

?

Fokussieren wir uns auf die Steinzeugrohre. Wo und welche Märkte bedienen

Sie?

W. Müller: Primär bedienen wir den Inlandsmarkt und hierin aus Frachtgründen

einen Radius von ca. 300 km. Das ist unser Schwerpunkt. Wir beliefern

allerdings auch das benachbarte Ausland, wie Belgien, Luxemburg

und Frankreich. Im nächsten Schritt werden wir uns auch in Richtung Osteuropa

orientieren, etwa nach Polen und Tschechien, dort verfügen wir über

Vertreter.

?

Sehen Sie in Osteuropa auch Marktpotenziale?

D. Zühlke: Unser Absatz hat also seinen Schwerpunkt ganz klar in Deutschland,

aber in Richtung Osten sehen wir für uns auch Entwicklungspotenzial.

Wir verfügen über einen Fliesenvertrieb in Osteuropa, v. a. in Tschechien und

Portrait/Interview

Polen, der auch an Steinzeugrohren

und Schamotte-Schornsteinrohren

interessiert ist. Die müssen sich aber

erst einmal mit den beiden Produkten

vertraut machen, um die richtigen

Händler ansprechen zu können.

Auch als kleiner Marktteilnehmer sehen

wir in Osteuropa Potenzial für

uns.

W. Müller: Auch in Deutschland sehe

ich noch Potenzial.

Die Produktion von Schamotte-Schornsteinrohren

ist das zweite Standbein des Unternehmens.

?

Wie viele Vertriebsleute haben

Sie?

W. Müller: Wir haben ca. 25 Partner

im Vertrieb.

?

Sind Fachmessen für Ihr Unternehmen

eine Plattform, neue

Märkte zu erschließen?

W. Müller: Fachmessen sind für uns

ganz klar ein Thema. Da liegt die Gewichtung

aber ganz deutlich beim

Produkt Fliese. Dennoch: Auf den

Fliesenmessen sind unsere beiden

anderen Produkte immer in irgendeiner

Form dabei, als Produkt zum

Anfassen oder in Form von Bildern.

Darauf werden wir auch angesprochen.

STEINZEUG-Information 2006

55


56

Portrait/Interview

D. Zühlke: Aber hier möchte ich

schon differenzieren: Auf einer Fliesenmesse

erschließen wir natürlich

keine neuen Märkte für Steinzeugoder

Schamotte-Schornsteinrohre!

Im Ausland sieht das anders aus.

Dort ist man auf einer Baumesse offen

für alle möglichen neuen Produkte.

In Tschechien etwa wird man

eben nicht nur auf Fliesen, sondern

auch auf alle möglichen anderen

Steinzeugprodukte angesprochen.

Hier kann man schon eher von

Markterschließung sprechen.

?

Wie ist der Vertrieb der Steinzeugrohre

strukturiert?

W. Müller: Der Vertrieb wird ausschließlich

über den Fachhandel abgewickelt.

Wir können nur die Nischen-Strategie

fahren. Und das

funktioniert sehr gut. In den Tiefbauabteilungen

des Baustoffhandels sitzen

absolute Vollprofis, gut ausgebildete

Fachleute, die sich bestens auskennen.

Bedauerlicherweise gibt’s

inzwischen zu wenig Baustoffhändler.

Wir müssen uns darüber klar werden,

wie es in 10 oder 20 Jahren aussieht,

wenn diese Entwicklung so

weitergeht. Wenn es immer weniger

gute Händler gibt, die unsere Rohre

bevorraten und verkaufen.

?

Was sind Ihre Verkaufsargumente

für Steinzeugrohre, was ist für Sie

am Werkstoff Steinzeug so überzeugend?

W. Müller: Für die Baufachhändler

brauche ich keine Verkaufsargumente,

die wissen, dass Steinzeug ein

hervorragendes Rohrmaterial ist.

Aber für jeden anderen sind meine

Argumente pro Steinzeug: Steinzeug

hat einfach jede Menge chemische

und physikalische Eigenschaften,

die überzeugend sind, und die-

STEINZEUG-Information 2006

Hochmodern ist die Produktionsstraße Fliesen, das dritte Standbein von Osmose

Baukeramik.

se Eigenschaften halten über Jahrhunderte. Ein Steinzeugrohr kann ich nach

100 Jahren Betrieb ausgraben und es ist immer noch voll funktionstüchtig.

Steinzeug ist eben ein Werkstoff, der überzeugt! Wenn hohe Anforderungen

gestellt werden, hat Steinzeug als alleiniger Werkstoff seine Daseinsberechtigung.

Weshalb werden sonst in Saudi Arabien, in Ägypten usw. hohe Investitionen

in Steinzeugwerke getätigt? Weil der Werkstoff maßgebend ist. Weil

das Produkt Steinzeugrohr überzeugt und weil es den dortigen hohen Anforderungen

standhält. Wir werfen Gutes über Bord und sagen, modern sind

Kunststoffrohre. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Argumente für den Werkstoff

Steinzeug beim Bau und Betrieb dauerhafter und sicherer Kanäle sind

einfach überzeugend und haben Zukunft.

?

Was bedeutet für Sie die Mitgliedschaft im Fachverband Steinzeugindustrie

e.V.?

W. Müller: Alle europäischen Steinzeugrohrhersteller gehören meiner Meinung

nach in den Fachverband Steinzeugindustrie. Alle zusammen bedienen

nämlich einen nicht unerheblichen Markt in Deutschland, und wir haben

auch immer noch Wachstumsmärkte in Deutschland. Es ist kurzsichtig, sich

nicht in dem Verband zu organisieren. Außerdem kann man unmittelbaren

hohen Nutzen daraus ziehen: aus dem Informationsaustausch, aus der Normungsarbeit

und auch aus speziellen Veranstaltungen. Die gemeinsame Basis

ist das gute Produkt Steinzeugrohr, für das wir Hersteller doch alle „kämpfen“.

D. Zühlke: Und da ist die Gesprächsebene die Plattform Fachverband Steinzeugindustrie

genau die richtige! Da treffen sich alle Hersteller, da treffen sich

ja auch Teile der Zuliefererindustrie, d. h., wenn's auch um technische

Schwierigkeiten und Lösungen geht, ist man dort im absoluten richtigen Gremium.

Das gemeinsame Ziel, das Produkt Steinzeug im Markt nach vorne zu

bringen, sehe ich als Basis für den Fachverband. Es geht doch bei der Verbandsarbeit

letztendlich um grundsätzliche Fragestellungen, die z. B. auch

in die verschiedenen Normungsausschüsse hineingetragen werden, wo für

das Produkt jemand auch kämpft und arbeitet. Das ist für mich Sinn und

Zweck des Fachverbandes.

W. Müller: Die Gewichtung des Verbandes spielt natürlich auch eine große

Rolle. Je mehr Hersteller dort vertreten sind, umso größer ist die Gewichtung.

Und deswegen kann man nur ein Ziel verfolgen: Möglichst alle in ein Boot.


Beim Neubau eines Abwasserkanals ist die Bestimmung seiner betriebsgewöhnlichen

Nutzungsdauer zunächst relativ klar: Sie wird vorgegeben;

die Festlegungen zu Planung, Bauausführung und Betrieb müssen

sicherstellen, dass das Ziel erreicht wird.

Der Begriff „betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer“ nach DWA-Arbeitsblatt A

133 beschreibt den Zeitraum, in dem das Wirtschaftsgut mit einiger Sicherheit

bei üblicher Nutzung für den Betrieb brauchbar sein dürfte. Diese Beurteilung

muss insbesondere bei langlebigen Anlagegütern, zu denen die Kanalisation

unstrittig zählt, unter Abwägung des Einzelfalls erfolgen. Die hierzu

notwendigen technischen und wirtschaftlichen Informationen sowie die

notwendigen Erfahrungen stehen in unterschiedlichem Umfang bereit.

Mit der Übergabe des Anlageguts in den Bestand erfolgt die Festlegung der

Abschreibungszeit, die dann in die Gebühren einfließt.

Für die Arbeiten im Bestand gelten zur Beurteilung und Ermittlung der betriebsgewöhnlichen

Nutzungsdauer von Einbauteilen ganz andere Randbedingungen.

Ohne Kenntnis des Ist-Zustands des Rohr-Boden-Systems und

Wirtschaft + Recht

Beurteilung der Nutzungsdauer

Lang – länger – am längsten?

der betrieblichen Beanspruchungen

können keine gesicherten Aussagen

erstellt werden. Die umfassende Zustandserfassung

ist daher unverzichtbar

und dringend erforderlich.

Voraussetzung dafür sind notwendigerweise

die Kenntnisse hinsichtlich:

● Baugrund, Untergrundverhältnisse

(Tragfähigkeit des Bodens, Setzungen,

natürlicher Boden, Auffüllboden,

Grundwasser, Senkungen)

● Statische Belastungen (Verkehrsbelastungen

und Änderungen

daraus, Übereinstimmung Statik

und Bauausführung)

● Einbaubedingungen der Bauteile

(Auflagerung der Rohre, Einbettung

der Rohre, Zustand der Einbettung)

● Bauausführung (Offener Einbau,

Mikrotunnelbau, Rohrvortrieb,

Stollenbau)

● Betriebsbedingungen im Abwasserkanal

(Beschaffenheit des

Abwassers und Rohrmaterial, Untergrund-/Bodenbeschaffenheit,Betriebsbedingungen,

inkl. Verschleiß)

Das DWA-Arbeitsblatt A 133 weist in

Anhang D „Abschreibungszeiten“

auf diese Situation hin (siehe Tabelle,

Auszug DWA-Arbeitsblatt A 133).

Bei Arbeiten im Bestand kann nicht

etwa das angewandte Sanierungsverfahren

isoliert vom vorhandenen

Altrohr beurteilt werden, sondern

nur zusammen mit ihm! Eine Ausnahme

gibt es für die Erneuerungs-

STEINZEUG-Information 2006

57


58

Wirtschaft + Recht

Ausgewählte Eingangsgrößen

zur Festlegung

der betriebsgewöhnlichen

Nutzungsdauer

Einbaubedingungen Abnahmekriterien für

Bauwerk und Boden,

Kontrolle der Bauausführung

Bauausführung Offene Bauweise, geschlossene

Bauweise

Baugrundverhältnisse Gründung; Tragfähige

Böden, nichttragfähige

Böden; Grundwasserverhältnisse/

-beschaffenheit

Baustoffe Technische Eigenschaften

Betriebsbedingungen Abwasserbeschaffenheit;Abflussverhältnisse

Bauwerk Umsetzung der

Planung

Auszug DWA-Arbeitsblatt A 133.

STEINZEUG-Information 2006

Kriterien beim Neubau Kriterien bei der Bewertung

im Bestand

Kenntnisse über das Tragwerksystem

Rohr/Boden

Offene Bauweise, geschlossene

Bauweise

Ergebnisse von Boden-/Grundwasseruntersuchungen;Sondersituationen

(u. a. Bergbau)

Zustandserfassung mit Kanal-TV

und weiteren Methoden;

Technischer Verschleiß

Abwasserbeschaffenheit; Abflussverhältnisse;Beanspruchungsdauer

und -intensität; Art der Bedienung

und der Pflege; Äußere

Belastungen des Bauwerkes

Kenntnis der wirtschaftlichen

Entwertung durch technischen

Fortschritt, Kenntnis des natürlichen

Verschleißes; Kenntnis

individueller Umstände

verfahren. Die Angabe einer vom

Altrohr isolierten Nutzungsdauer ist

absolut ungenügend und auch nicht

nachvollziehbar, da sie grundsätzlich

von der technischen (Rest)-Nutzungsdauer

der jeweiligen Haltung

abhängig ist. Dies gilt natürlich auch

für andere Verfahren, die vom Zustand

des vorhandenen Altrohres

abhängig sind!

Das beantwortet auch die Frage, warum

Nutzungsdauern nicht im technischen

Regelwerk niedergeschrieben

sind: Weil sie grundsätzlich von

zahlreichen Parametern abhängig

sind. Materialtechnische Angaben

alleine reichen bei Weitem nicht aus.

Den Praxistest für Freispiegelkanäle

im Labor gibt es nicht.

Kontakt

Bau-Ass. Dipl.-Ing. Karl-Heinz Flick

Fachverband Steinzeugindustrie e.V.

Alfred-Nobel-Straße 17

50226 Frechen

Tel.: 0 22 34/5 07-2 71

E-Mail: fachverband@steinzeug.com


Im Oktober diesen Jahres ist die umfassend aktualisierte Vergabe- und Vertragsordnung

für Bauleistungen (VOB) als Gesamtausgabe neu erschienen.

Sie enthält den Teil A (DIN 1960), in dem die EU-Richtlinie über die Koordinierung

der Verfahren zur Vergabe öffentlicher Bauaufträge und zur Koordinierung

der Zuschlagserteilung sowie das ÖPP-Beschleunigungsgesetz umgesetzt

werden. Ebenfalls überarbeitet ist Teil B (DIN 1961) sowie Teil C mit

19 fachlich und 19 redaktionell überarbeiteten ATVen und der gänzlich neu

aufgenommenen ATV DIN 18322 Kabelleitungstiefbauarbeiten und der ATV

DIN 18459 Abbruch- und Rückbauarbeiten. Im Folgenden sind stichpunktartig

die wichtigsten Änderungen dieser neuen VOB 2006 zusammengestellt.

Die VOB bleibt damit der Maßstab für solide Bauverträge im öffentlichen und

privaten Bereich.

A. Überblick über das neue Vergaberecht (VOB 2006)

I. Wesentliche Änderungen der Vergabeverordnung

1. Erhöhung der Schwellenwerte

Im Kommunalbereich gelten neu folgende Schwellenwerte:

● 5,278 Mio. Euro statt bisher 5 Mio. Euro im Baubereich

● 211.000 Euro statt bisher 200.000 Euro im Bereich der VOL- und VOF-

Vergaben

● 422.000 Euro statt bisher 400.000 Euro bei Auftragsvergaben durch Sektorenauftraggeber

2. Neuregelung über elektronische Vergabe

Die bisherige Regelung über die elektronische Angebotsabgabe wird aufgehoben.

Diese Regelung findet sich zukünftig in § 21 Nr. 1 VOB/A und § 21

Nr. 1 Abs. 2 VOL/A.

3. Schätzung der Auftragswerte, § 3 VgV

II. Die neuen Regelungen der VOB/A

1. Die Schwellenwerte und Arten der Vergabe

In der neuen VOB/A sind die Schwellenwerte an die EU-Vorgaben folglich angepasst.

Bauaufträge werden nach § 3 a Nr. 1 c) VOB/A auch im Wettbewerblichen

Dialog vergeben.

Wirtschaft + Recht

Wichtige Änderungen in allen Teilen

Die neue VOB 2006

2. Eignung der Bewerber und

Bieter, § 8 a VOB/A

Das Ermessen des Auftraggebers bei

der Entscheidung über einen Ausschluss

von Bewerbern und Bietern

vom Vergabeverfahren wegen Unzuverlässigkeit

wurde deutlich eingeschränkt.

3. Nachweis der Eignung,

§ 8 VOB/A

Als Nachweis der Eignung (Fachkunde,

Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit)

ist auch die vom Auftraggeber

direkt abrufbare Eintragung in

die allgemein zugängliche Liste des

Vereins für die Präqualifikation von

Bauunternehmen (Präqualifikationsverzeichnis)

zulässig.

4. Nachweis der Erfüllung von

Qualitätssicherungsnormen und

Normen für Umweltmanagement,

§ 8 a VOB/A

Auftraggeber können gemäß § 8 a

Nr. 11 Nachweise der Erfüllung von

Qualitätssicherungsnormen und

Normen für Umweltmanagement

verlangen.

5. Gleichwertigkeit technischer

Spezifikationen bei der Leistungsbeschreibung,

§ 9 VOB/A

§ 9 VOB/A erlaubt es, technische

Spezifikationen durch eine Bezugnahme

auf Normen zu formulieren.

Diese Bezugnahme ist gemäß § 9 Nr.

STEINZEUG-Information 2006

59


60

Wirtschaft + Recht

6 Abs. 1 nun mit dem Zusatz „oder

gleichwertig“ zu versehen.

Zudem wird die Beweislast umgekehrt:

ab sofort trägt der Auftragnehmer

die Beweislast für die Erfüllung

der Anforderungen der in Bezug

genommenen technischen Spezifikation

und dass die der Norm

entsprechende Bauleistung den Leistungs-

oder Funktionsanforderungen

entspricht.

6. Vergabeunterlagen, § 10 a

VOB/A

§ 10 a VOB/A sieht bezüglich der Bekanntmachung

der Zuschlagskriterien

wesentlich ausführlichere Anforderungen

vor.

7. Grundsätze der Ausschreibung

und Informationsübermittlung

Den Grundsätzen der Ausschreibung

in § 16 VOB/A wurden Grundsätze

der Informationsübermittlung

hinzugefügt.

8. Anforderungen an Teilnahmeanträge,

§ 16a VOB/A

Neu eingefügt wurden §§ 16 a und

16 b VOB/A, die die Anforderungen

an Teilnahmeanträge bestimmen.

Kontakt

Ax/Schneider & Kollegen

Büro Rhein-Neckar

69141 Neckargemünd

Tel.: 0 62 23/86 58-20

Internet:

www.ax-schneider-kollegen.de

STEINZEUG-Information 2006

9. Angebotsfristen, § 18 a VOB/A

Die VOB/A sieht nun eine Kürzungsmöglichkeit für Angebotsfristen im Offenen

Verfahren in § 18 a Nr. 1 Abs. 4, 5 vor.

10. Wertung der Angebote, § 25 a VOB/A

Die Regelung der Wertung der Angebote wurde u.a. im Hinblick auf staatliche

Beihilfen erweitert.

11. Nichtberücksichtigte Bewerbungen, § 27 a VOB/A

Auf Verlangen sind den nicht berücksichtigten Bewerbern oder Bietern unverzüglich,

spätestens jedoch innerhalb einer Frist von 15 Kalendertagen die

Gründe für die Nichtberücksichtigung ihres Angebots mitzuteilen.

12. Inhalt der Vergabevermerke, § 30 a VOB/A

§ 30 a VOB/A sieht nun bestimmte Mindestinhalte für den Vergabevermerk

vor.

13. Neue Vergabeart: Der Wettbewerbliche Dialog

Der Wettbewerbliche Dialog ist bereits durch das ÖPP-Beschleunigungsgesetz

vom 8. September 2005 in § 101 Abs. 5 und 6 GWB sowie in § 6 a VgV

umgesetzt worden.

Überblick über das neue Vertragsrecht (VOB/B 2006)

I. Die Änderungen der VOB/B 2006

● Klarstellende Hervorhebung zum Pauschalvertrag (§ 2 VOB/B)

● Anwendung von Teilen A, B, C bei Weitervergabe (§ 4 VOB/B)

● Entschädigung des AN bei Verletzung der Mitwirkungspflicht des AG

(§ 6 VOB/B)

● Kündigung im Insolvenzfall (§ 8 VOB/B)

● Verjährungsfrist (§ 13 VOB/B)

● Verjährungsfrist bei maschinellen und elektr. Anlagen (§ 13 VOB/B)

● Abschlagszahlungen zu vereinbarten Zeitpunkten (§ 16 VOB/B)

● Einwendungen gegen die Prüffähigkeit (§ 16 VOB/B)

● Beginn der Frist für den Vorbehalt (§ 16 VOB/B)

● Keine doppelte Fristsetzung vor Einstellung der Arbeiten wegen Verzug

des AG (§ 16 VOB/B)

● Erläuterungen zum Sperrkonto (§ 17 VOB/B)

● Bemessungsgrundlage bei Berechnung des Sicherheitseinbehalts im Hinblick

auf § 13 b UStG (§ 17 VOB/B)

● Einführung eines Verfahrens zur Streitbeilegung (§ 18 VOB/B)


Vom 3. bis 7. April 2006 stand Berlin im Mittelpunkt der europäischen

Wasser- und Gaswirtschaft. Mehr als 26.000 Fachbesucher aus 42 Ländern

informierten sich über die technologischen und energiepolitischen

Entwicklungen der Branche. „Besonders erfreulich ist die wachsende

Zahl der internationalen Aussteller, Fachbesucher und Delegationen,“ so Dr.

Christian Göke, Geschäftsführer der Messe Berlin GmbH. Eine optimistische

Grundstimmung unter Ausstellern und Fachbesuchern prägte die WASSER

BERLIN/GAS BERLIN 2006, wie Umfragen zeigen. Dazu trug der gestiegene

Anteil an internationalen Fachbesuchern um 5 % auf 20 % wesentlich bei.

630 Aussteller aus 30 Ländern (187 aus dem Ausland) präsentierten in sechs

Hallen innovative Produkte und Dienstleistungen thematisiert nach Schwerpunkten.

Die begleitenden internationalen Kongresse mit ihren Partnerveranstaltungen

waren ebenso ein starker Anziehungspunkt für die Fachbesucher. Über

700 Teilnehmer und zu allen Veranstaltungen insgesamt 5.498 Teilnehmer

Auf Herz und Nieren geprüft: Mit einem ausgeklügelten Messsystem wird die

Rohrbelastung beim Rohrvortrieb online überwacht.

Messen + Kongresse

WASSER + GAS BERLIN 2006

Spürbare Aufbruchstimmung

nutzten die Chance zum Wissenstransfer.

Berlins Microtunneling-

Baustellen

Besonders erfolgreich war das 5. InternationaleRohrleitungsbausymposium

mit 13 Baustellenbesichtigungs-Touren

in verschiedenen Teilen

der deutschen Hauptstadt mit

rund 400 Teilnehmern. An sechs der

angefahrenen Baustellen wurden

Rohrvortrieb, Pipe Eating und doppelschalige

Bauweisen in Wasserschutzzone

II vorgeführt, bei denen

STEINZEUG-Rohrsysteme zum Einsatz

kamen. Eine herausragende

Vorführung bot dabei die „Online-

Überwachung der Rohrbelastung

beim Rohrvortrieb“ (Baustelle Semmelweißstraße,

Berlin-Altglienicke),

ein Überwachungssystem, dass am

Institut für Baumaschinen und

Baubetrieb der RWTH Aachen aktuell

entwickelt wurde. Die Besucher

hatten hier die einmalige Gelegenheit,

einen Teil des Einbaus der

insgesamt 1.100 m langen Vortriebsstrecke

(DN 800-Vortriebsrohre)

mit der parallelen Online-Überwachung

der zulässigen Vortriebskräfte

bei Rohrabwinkelungen zu

besichtigen.

Aber auch zwei weitere Vortriebsprojekte

sowie der doppelschalige

Bau von Schmutzwasserkanälen in

STEINZEUG-Information 2006

61


62

Messen + Kongresse

Wasserschutzzone II und eine Pipe-

Eating-Baustelle, fanden großes Interesse

bei den Besuchern.

Im Rahmen der Baustellenbesichtigung

hatte die GSTT die Fach- und

Lokalpresse zu einem gesonderten

Baustellenbesuch im Rahmen ihrer

Imagekampagne „Wir bauen oben

ohne Störung“ eingeladen. An der

Startgrube einer Vortriebsstrecke mit

STEINZEUG-Vortriebsrohren DN

600 in der Potsdamer Straße, erläuterte

Prof. Jens Hölterhoff, Vorstandsvorsitzender

der GSTT, die

Imagekampagne, mit der die ökologischen

und ökonomischen Vorteile

der unterirdischen Bauweise auch

den Bürgern verdeutlicht werden

soll.

2007

Branchentermine im Überblick

Im Rahmen ihrer Imagekampagne „Wir bauen oben ohne Störung“ lud die GSTT

zum Baustellenbesuch in die Potsdamer Straße ein.

Water Middle East 2007 22.01.–24.01.2007 Bahrain

ENVIRONMENT 2007 28.01.–31.01.2007 Abu Dhabi

21. Oldenburger Rohrleitungsforum 08.02.–09.02.2007 Oldenburg

TERRATEC 2007 05.03.–08.03.2007 Leipzig

Mediterranean NO-DIG 2007 10.09.–12.09.2007 Rom

STEINZEUG-Information 2006


Frankreich würdigte die Kugelpost mit einer Europa-Marke.

Während der Belagerung

von Paris im Deutsch-

Französischen Krieg

1870/71 waren rund zwei Millionen

Menschen in der Seine-Metropole

von der Außenwelt abgeschnitten.

Es gab weder Kontakt zum unbesetzten

Teil Frankreichs noch zu den

nach Bordeaux geflüchteten Mitgliedern

der Regierung. Mit Heißluftballonen

und Brieftauben gelang es

zwar, zahlreiche Sendungen aus Paris

in das unbesetzte Frankreich zu

schleusen, die Verbindung in umgekehrter

Richtung war allerdings von

allerhand Zufällen abhängig und nahezu

unmöglich.

Seltener Kugelpost-Beleg mit Postwertzeichen, die während

der Belagerung in Paris gedruckt wurden.

Schwebend unter Wasser

Last Minute

(Ab)Wassertransport

Französische Zinkkugelpost

Der einzig sichere und von Windrichtungen unabhängige

Weg schien mit der Strömung der Seine zum Ziel zu führen:

Eine Reihe von Erfindern und Tüftlern machte sich ans Werk,

eine Lösung des Problems zu finden, sprich einen „Weg“ zu

finden, um Post unbemerkt via der Seine durch den dichten Belagerungsgürtel

nach Paris zu bringen. Die meisten Vorschläge wurden vom Generalpostmeister

Rampont abgelehnt, sie erwiesen sich in seinen Augen als undurchführbar.

Nur der von den Erfindern Delort, Robert und Vonoven eingebrachte

Vorschlag fand praktische Verwendung, jedoch keinen Erfolg im gedachten

Sinne – weder für die potenziellen Postadressaten, noch für die Erfinder:

Es handelte sich um verzinkte und wasserdicht verschließbare kleine Kugeln

(ca. 20 cm Durchmesser), die maximal 600 Briefe á 4 g aufnehmen konnten.

Die Verschlusskappen der Kugeln wurden verlötet und mit Wachs gegen eindringende

Feuchtigkeit versiegelt. Durch einen gut durchdachten Mechanismus

sollten diese Kugeln wenig unter dem Wasserspiegel in der Schwebe gehalten

werden und dadurch für den Feind unsichtbar bleiben; als „Transportmittel“

der Kugeln war nämlich das Wasser der Seine ausersehen.

Als Sammelstelle für die neue Zinkkugelpost wurde von der französischen

Post die Stadt Moulins im Departement Allier (südöstlich von Bourges) bestimmt;

die für diese Beförderungsart vorgesehenen Briefe mussten mit „Paris

par Moulins“ gekennzeichnet sein.

Kugelpost, frankiert mit geschnittenen Postwertzeichen.

Deutlich zu lesen: par Moulins.

STEINZEUG-Information 2006

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64

Last Minute

Entwurf einer Postkugel, der 1870 vom Generalpostmeister

abgelehnt wurde.

Das Unternehmen

misslingt

Mit vier Kugeln startete das infolge

der Beendigung der Belagerung nur

27 Tage dauernde Unternehmen

„Paris par Moulins“ am 4. Januar

1871. In Moulins wurden die Briefe

Buchtipp

Kunststoffrohre „in der Mangel“

Mehdi Farshad, Professor an

der ETH Zürich, hat mit

dem Buch Plastic Pipe

Systems – Failure Investigation

and Diagnosis eine vollständige Zusammenstellung

über Kunststoffrohre

und ihre Fehler erarbeitet. Er stellt

methodische Untersuchungen zur

Erkennung und Identifizierung der

Fehler sowie deren Ursache vor. Die

systematische Darstellung von Rissen,

Beulen, Verformungen und Ver-

STEINZEUG-Information 2006

Ballonpost-Beleg

mit typischer

Stempelung

in die Kugeln verpackt

(deshalb auch „Boules de

Moulins“ = Kugeln von Moulins

genannt), zur Ortschaft Braye-sur-

Seine verbracht und dort der Seine anvertraut.

Das Porto für einen Zinkkugelbrief

betrug 1 Franc. Davon beanspruchte die französische

Post zunächst nur 20 Centimes, 80 Centimes

sollten den Erfindern zukommen. Da man jedoch

hinsichtlich der Ankunft der Briefe doch Zweifel

hegte, erhielten die Erfinder für jeden „angekommenen“

Brief nur 40 Centimes Vorschuss, die restlichen 40 Centimes sollten

nach Ankunft der Kugeln in Paris ausgezahlt werden – wozu es

niemals kam. Denn: Von den insgesamt 55 abgelassenen Kugeln (mit

rund 40.000 Briefen) traf keine einzige an der Tag und Nacht besetzten

Auffangstelle am Place Port-à-Anglais in Paris ein.

Erst im Mai 1871 wurde die erste Kugel gefunden, viele sanken auf den Seinegrund,

andere blieben im Ufergestrüpp hängen oder passierten Paris unbemerkt.

Bis heute sind nicht einmal 20 der ehemals 55 abgesetzten Kugeln

entdeckt worden, die bisher letzte 1969 in der Nähe von Rouen.

Dennoch: Die erhalten gebliebenen Zinkkugeln mit ihren außergewöhnlichen

Inhalten sind seltene Dokumente einer äußerst ungewöhnlichen Postbeförderung.

Alle Abb. freundlich zur Verfügung gestellt

von Christian Alt, Redakteur „postfrisch“, Gütersloh.

änderungen, Blasen und Delaminationen, Spannungskorrosion,

Abrieb und Hindernissen ist

erstmalig und umfassend gelungen. Der Autor

hat – basierend auf seinen umfangreichen praktischen

Erfahrungen und Materialuntersuchungen

– ein für die Anwendung von Kunststoffrohren

hilfreiches Buch aufgelegt. Die konstruktiv kritische Herangehensweise

wird durch eine gute Lesbarkeit unterstützt. Der Planer findet Kriterien zur

Werkstoffwahl und umfangreiche Hinweise zu Einflüssen, die die Nutzung der

Rohrleitung bestimmen.

1. Ausgabe 2006, Verlag Elsevier, 224 Seiten, 99,95 Euro zzgl. Versandkosten.

Zu beziehen unter: www.nodig-books.com

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