Welchen Naturschutz wollen wir? - beim DNR

dnr.de

Welchen Naturschutz wollen wir? - beim DNR

SYMPOSIUM

Welchen Naturschutz

wollen wir?

Von der Zukunftsfähigkeit

verschiedener Naturschutzstrategien

Umweltzentrum Schloss Wiesenfelden

13. ­15. September 2007


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Impressum

Herausgeber:

Deutscher Naturschutzring

Dachverbandder deutschen Natur-und

Umweltschutzverbände(DNR) e.V.

Am Michaelshof 8-10

Telefon: 0228/359005

Fax: 0228/359096

E-Mail:info@ dnr.de

Internet: www.dnr.de

Titelbild:

Günter Moser

Fotos:

Gerlinde Hoffmann,Prof. Dr.Manfred Niekisch,Andreas Retzer,

BeateSeitz-Weinzierl,Archiv(daviscreativ media)

Abbildungen:

Prof. Dr.RainerBlanke, Karl-Friedrich Sinner

Redaktion:

verantwortlich:Helga Inden-Heinrich(DNR)

DorisRohde (DNR)

Manfred Groß, Politologe

Tagungskonzept:

Dipl.-TheologinBeate Seitz-Weinzierl

Layout:

Astrid Malzahn,davis creativmedia,Bonn

Druck:

DruckereiEberwein, Wachtberg-Villip

Copyright: DNR, Bonn,2008

DieVeranstaltungwurde gefördertdurch die

Deutsche BundesstiftungUmwelt(DBU)


Inhalt

Welchen Naturschutz wollenwir? Seite4

Gedanken zu einer Biodiversitätsstrategie fürDeutschland

HubertWeinzierl,PräsidentDeutscherNaturschutzring

Welchen Naturschutz wollenwir? Seite10

Prof. Dr.WolfgangHaber

Naturschutzund Evolution Seite24

Prof. Dr.Gerhard Kneitz

Sicherungdes Nationalen Naturerbes–die Rolle der DBU Seite26

Dr.Fritz Brickwedde,Deutsche BundesstiftungUmwelt

Naturschutzund Armutsbekämpfung: Überforderungoder Notwendigkeit? Seite30

Prof. Dr.ManfredNiekisch,VizepräsidentDeutscher Naturschutzring,

RegionalCouncillor IUCN

Mitden Menschen fürdie Menschen: Biodiversitätsschutz in Ökosystemen Seite35

Dr.ChristofSchenck,Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Menschund Naturim21. Jahrhundert Seite44

Prof. Dr.Michael Succow,Michael Succow Stiftung

DerKampf um dieFläche: LandschaftsschutzcontraNaturschutz Seite46

HubertWeiger

Wieviel Wildnisbraucht dasLand? Seite48

Prof. Dr.RainerBlanke, Bundesamtfür Naturschutz

Naturschutzneu gedacht –zehn Wünsche Seite54

Dipl.TheologinBeate Seitz-Weinzierl,Umweltzentrum Wiesenfelden

Kultur braucht Wildnis Seite63

Till Meyer, Journalist

Bericht ausdem wilden Bayerwald Seite73

Literarische Reportagedurchden halbwilden Wald zwischen Donauund Moldau

Herbert Pöhnl,Journalist, Schriftsteller

Dynamische Veränderungen in Fichtenwäldern undvon Fichten dominierten Seite74

Waldökosystemennach Störungen durchWindwurfund Borkenkäferbefall

Karl FriedrichSinner, Leiter desNationalparksBayerischerWald

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Welchen Naturschutz wollen wir?

Gedanken zu einer Biodiversitätsstrategie

für Deutschland

Hubert Weinzierl

Dies ist eine Frage, die angesichts drama-

tischer Umweltzerstörungen, vor allem auch

desKlimawandels, hochaktuell ist.

Mit dieser Runde höchst angesehener Fach-

leutewollenwir aufStandortsuchegehen mit

dem Ziel Denkanstöße für eine zeitgemäße

Positionierung der Umweltbewegung zuge-

ben.

Die Ergebnisse des Symposiums sollen als

Zukunftsperspektiven in die aktuelle Diskus-

sion um einenationaleBiodiversitätsstrategie

eingebrachtwerden. Nachdemdie Bundesre-

publik Deutschland imMai 2008 Gastgeberin

derVertragsstaatenkonferenz zurKonvention

über die biologische Vielfalt ist, werden un-

sere Positionen vor der Fachwelt besonderes

Augenmerkerfahren.

Unstrittig ist, dass wir im Laufe der letzten

Generation im technischen Umweltschutz in

Deutschland viel erreicht haben. Tatsache ist

aber auch, dass uns die Großstrukturen der

Energie- und Wirtschaftspolitik, der Landnut-

zung, der Siedlungsentwicklung und des Ver-

kehrswesens derart überrollt haben, dass der

klassische Naturschutz, derArtenschutz,die bi-

ologische Vielfaltauf derStrecke geblieben sind

unddas Netzwerk desLebenszerrissen ist.

Der Schwund der Biodiversität geht allen

Konferenz-Marathonszum Trotzunverändert

weiter. Allein inEuropa sind bis zu 40% der

Pflanzenarten durch Wirtschaftswachstum

undKlimaveränderungbedroht.

In denletzten 50 Jahren warendurch anthro-

pogene Einflüsse bedingte Biodiversitätsver-


luste auf allen Ebenen sohoch wie noch nie

in der menschlichen Geschichte. So wurde in

den 30Jahren von 1950 bis 1980 mehr Land

in Kulturflächen umgewandelt als in den 150

Jahren zwischen 1700 und1850.

In den letzten 100 Jahren waren die Ausster-

beratenvon Artenetwa100-mal größer alsdie

natürlichen Aussterberaten inden Zeiten da-

vor. Fürdie Zukunftwerdensogar Aussterbe-

ratenprognostiziert, die1.000 bis 10.000-mal

größer sind.

Von den in Deutschland vorkommenden Bio-

toptypen sind 69%gefährdet(BfN2004).

In Deutschland sind ca. 48.000 Tierarten be-

kannt. Von den einheimischen Tierarten sind

36% ausgestorben oder verschollen (BfN

2004). MitdiesenZahlen erreicht Deutschland

mitdie höchsten GefährdungsrateninEuropa.

Ein bedeutendes Problem ist dabei die Frag-

mentierung der Landschaft durch Straßen-

bau und Siedlung. Nur noch wenige zusam-

menhängende naturnahe Landschaften sind

erhalten geblieben. Das Wandern von Indivi-

duen zwischen Populationen ist damit stark

erschwert.

Die Nährstoffbelastung durch diffuse Einträ-

ge aus der Luft und Einbringung durch land-

wirtschaftliche Düngungist global wieauchin

Deutschland eine der wichtigsten negativen

Einflussgrößen aufdie Biodiversität.

DerKonfliktzwischenden kurzfristigen,öko-

nomisch orientierten Nutzungsinteressen

und Biodiversität ist nach wie vor ungelöst.

Deswegen gilt als größte Herausforderung

die Reform der internationalen Handels- und

Umweltregulierungen.

Betroffen sind vor allem die aktuellen WTO-

Verhandlungen, insbesondere dieReformdes

Agrarsektors und der damit verbundenen

Notwendigkeit zur Reform der gemeinsamen

EU-Agrarpolitik.

Bei der nächstes Jahr in Bonn stattfindenden

9. Vertragsstaatenkonferenz der CBD dürfte

vor allem der potentielle ökonomische Wert

genetischer Ressourcen eine wichtige Rolle

in derglobalen Kompromissbildungzwischen

Industrie- undEntwicklungsländernspielen.

Konflikte gibt es über die Teilhabe anden po-

tentiellen Vermarktungsgewinnen. Dies ist

derKerndes Streitsumeinen „gerechten und

fairen“Vorteilsausgleich.

Diese Zahlen stammen von fleißigen amt-

lichen Dienststellen, diese „Panikmache“

betreibtjetzt anstattder Umweltverbände be-

reitsdie Politik.

Die Biodiversität wird neben der Klimafrage

zur zweitwichtigsten Säule künftiger Nach-

haltigkeitspolitik. Umso dringender ist die

Vorlageeiner nationalen Biodiversitätsstrate-

gie, mit der wir uns 2008 vor den Fachleuten

derWeltfamiliesehen lassen können.

Diese Strategie muss sowohl mit den Anfor-

derungen der Biodiversitätskonvention als

auchmit derBiodiversitätsstragie derEUvoll

kompatibelsein.

ZumBeispiel müssen Instrumentewie dasVer-

schlechterungsverbot im Rahmen der WRRL

und NATURA 2000 für die relevanten Hand-

lungsfelder konsequent umgesetztwerden.

Nach einhelliger Schätzung der EU-Kommis-

sion, des Europäischen Parlamentes und der

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Bundesregierung sind dafür etwa 6,1 Milliar-

den Euro jährlich erforderlich, die schwer-

punktmäßig aus der 1. und 2.Säule der EU-

Agrarreformumzuwidmensind.

Als Vorhut für diese Diskussion ist im April

2007 dersogenannte Indikatorenbericht 2006

erschienen, in dem die Artenvielfalt sozu-

sammengefasstwird:

Der Wert für die Artenvielfalt lag im Jahr 1990

deutlich unter den Schätzwerten, die für die

Jahre 1970 und 1975 angenommen werden. In

den folgenden 15Jahren hat sich der Indika-

torwertdagegen kaum noch verändert. Im Jahr

2005 lagerbei 74%des Zielwertsfür 2015.Eine

Zielerreichung zumvorgegebenenZeitpunkt ist

angesichts der Entwicklung inden letzten Jah-

ren ohne zusätzliche Anstrengungen nicht ab-

sehbar.

Die Veränderung des Klimas, die wesentlich

durch die Emission von Treibhausgasen ver-

ursacht wird, verschiebt bereits heute die

Verbreitungsgebiete vieler Arten und beginnt

– besonders aufgrund heißer und trockener

Sommer – die Landschaften in Deutschland

umzuformen. Der vom Menschen verursachte

Klimawandel könnte zukünftig die Artenvielfalt

sowie das Artenspektrum durch Einwanderung

und Aussterben von Tier- und Pflanzenarten

stark verändern.

Bemerkenswert und hoffnungsvoll erscheint

mir, dass der Abschnitt „Artenvielfalt“ imIn-

dikatorenbericht derNachhaltigkeitsstrategie

unter dem Kapitel „Generationengerechtig-

keit“ angesiedelt ist. Das führt mich zu einer

vergessenenArt,nämlichder ArtMenschhin,

derich beimeinerVisionvom Naturschutzim

21. Jahrhundert den größten Stellenwert bei-

messe.

Generationengerechtigkeit ist eben kein rein

monetärer Vorgang, denn auch Blumenwie-

sen und Schmetterlinge, Vogellieder und

Waldbäche sind schließlich Teil zukünftiger

Rente. Was hätten künftige Generationen von

mehr Wohlstand, wenn dieser in einer zer-

schundenen Umwelt versandet und Körper

undSeele davon krank werden.

Heimat heute bedeutet eben eine Wertedis-

kussion, welche wir zwei Generationen lang

durch Wachstum und materiellen Wohlstand

ersetzthaben.

Wir sollten uns daher der spirituellen Kraft

besinnen, welche die mystische Wurzel des

Naturschutzes war und wir sollten ein neues

Menschenbild inden Mittelpunkt rücken um

angesichts des globalisierten Egoismus und

des brutalen Neodarwinismus dieser Tage

den Mut zur Emotion und zum Anderssein

wieder zu entdecken.

Das setzt eine Solidargemeinschaft zwischen

MenschenundMitgeschöpfenvorausunderfor-

dert dieneuePhilosophie einesNaturschutzes,

derdie Hände vonder Naturlässt undihr einen

ganzanderen Stellenwertzumisst.

Natürlich wissen wir Bescheid über die Be-

deutung der Artenvielfalt für Medizin, für

Ernährung usw. Aber was ist Natur wirklich

wert? Dafür gibt es keine Preise wie für Au-

tos, Klamotten oder Elektronikgeräte. Wer

könnte sagen, was der Duft der Lindenblüten

oder dasLiedeiner Nachtigall wert sind?Der

Versuch, solche Lüste inGeld zuübertragen

istetwasoabsurdwie dieFrage nach unseren

Emotionen überhaupt: Denn Naturschutz ist

letztlicheineFrage derLiebe.

Die Schöpfung hat also einen Eigenwert. Da-

her lautet meine Vision: Wir sollten also wie-


der viel mehr den Mut zur Wildnis beweisen

und uns nicht mit ein paar „Biotopen“, als

Landschaftsalmosen sozusagen, abspeisen

lassen.

Das bedeutet einige Korrekturen inunserer

Denkweise: Die Entrümpelung des agrar-

politischen Märchens vom Landwirt als

Landschaftspfleger gehört ebenso dazu wie

das Eingeständnis bei uns Naturschützern

selbst, dass manche Pflege-Ma-

nie letztlich dem anthropozentri-

schenWunschdenken entspricht,

die Natur so zu bewahren, wie

wir sie gerne haben möchten. So

verstandener Naturschutz aber

ist letztlich auch eine Form von

untertan-machen-wollen.

Ist esdenn nicht schrecklich, in

einem Lande zu leben, in dem

einjeder Quadratmeter „Lebens-

raum“ technokratisch verplant

ist, sei esals Wirtschaftsraum

und als Entwicklungsachse, als

Nutzfläche und Baugebiet oder

seiesneuerdings alsZugeständ-

nis „an die Ökologie“ eben auch

als „Pflegebereich“ oder „Bio-

top“.Die Natur wird quasi in die

geschlossene Anstalt gesteckt

oder an dasSozialamtder Schöp-

fung überwiesen.

Dieser Denkweise sollten wir

die Überlegung entgegensetzen,

dass auch die Sukzession ein

schutzwürdiges Gut ist und dass

wir auch Freiräume für die Evo-

lution offen halten sollten.

Warum ergreifen wir beispiels-

weisenichtdiehistorischeChance

angesichts der agrarpolitischen

Situation in Mitteleuropa einige Brachla-

gen einfach sich entwickeln, sich wiederbe-

walden, einfach sein zu lassen? Oder inden

Flusslandschaften ein paar hunderttausend

Hektar Auen zum Schutz gegen Hochwässer

entstehenzulassen.

Ist das Entstehen von Haselnusshecken, Bir-

kendickungen, eines Wacholderhanges oder

eines Erlenbruches denn ein Unglück, auch

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wenn das zum Artenwechsel führt. Entsteht

nichtwundervollerneuer Laubwald nach dem

Borkenkäfer-Zusammenbruch in denHochla-

gen- Fichtenwäldern.

Wenn wir das Recht der Wildnis wieder mehr

respektieren, müssen wir manches statische

Naturschutz-Management zugunsten des

ewigen Fließens und des Wiedererstehens

ausder Endlichkeit aufgeben.

Vielleicht sollten wir daher wieder etwas

gespüriger werden für Lebensabläufe, viel-

leicht müssen wirauchunser Naturschützer-

Verhältniszur Naturneu überdenken im Sinne

einer Zukunfts-Ethik, die der Landschaftsge-

ometrie entsagt und sich dem Sein und Sein-

Lassen zuwendet.

Ohne anthropozentrisches gegen biozen-

trisches Denken auszuspielen. Aber in der

eher spirituellen Ahnung, dass wir eine ge-

meinsame Erde, ein gemeinsames Lebewe-

sensind.

Mut zur Wildnis, das ist auch der Mut zur

Selbstbeherrschung. Zum Schauen statt zum

Tun. Das Nicht-Einmischen indie ganz ande-

ren. Nichtstun als Naturschutz. Der Respekt

vor Heiligtümern, das Hintanstellen unserer

arteigenen Arroganz gegenüber demRestder

Schöpfung.

Dann wird uns plötzlich klarer, warum zum

Wesendes WaldesauchLuchs und Wildkatze

gehört, selbst wenn wir sie nicht zuGesicht

bekommen. Dass die Biberspäne am Ufer

dem Fluss ein Stück Geheimnis zurückgeben

und der Flügelschlag eines Apollofalters den

Heidehangheiligt.

Wildnisist eine Absage an dieOrdnung, an das

typisch deutsche, soschreckliches Verplant-

Werden eines jeden Quadratmeters und an

die Vertreibung der letzten Geheimnisse und

Märchen ausder unsumgebendenWelt. Wild-

nis ist eine Kultur wider das geradlinige Den-

ken, wideralle„du darfst,dusollst, du musst“

-Zwänge mit denen Staatsmacht und Religi-

onenunsereSeelenwildnissegerodet unddie

kreatürlicheGespürigkeitflurbereinigt haben.

Aus der Wildnis lebendiger Herzen haben sie

disziplinierteKulturmenschen geformt, deren

Fäden zumLebendigenzuzerreißen drohen.

DeshalbmussWildniskeinUrwald, kein Wild-

fluss, kein Wolfsgeheulsein.

Wildnis ist überall, wo wir sie zulassen: Im

chemiefreien Hausgarten, in Wäldern, in de-

nender Luchsgeduldetwirdoderineiner Ge-

sellschaft,die Wildnisdenken lässt.

DieseGesellschaft,inder wirleben istseitder

Aufklärung, das sind immerhin ein Dutzend

Menschengenerationen lang, dem Irrtum

nachgelaufen, den Geist von der Seele abzu-

koppeln und so ist unsere rechte Gehirnhälf-

te hoffnungslos verkümmert. Deshalb fällt

uns auch das Gespräch mit Bäumen oder die

Liebe zuSchmetterlingen so schwer. Und es

wird evolutionärer Zeitläufe bedürfen, diesen

Generationen-Irrtum zu überwinden.

Vielleicht kommt esaber auch viel schnel-

ler; denn je größer der globalisierte Leidens-

druck der Wildnis-Ferne wird, umsomehr

wächst dieChanceeines seelischenQuanten-

sprunges: Nicht „zurück zur Natur“, sondern

„heim in dieWildnis“.

Dorthin, wo wir sein dürfen, wie wir sind, le-

ben, lieben,essen,trinken,schlafen, faul und

schwach sein, beten, lachen und tanzen. Wild

sein undeinfach leben.

Wildnisist also eine Denkweise.

Wildnis ist die Lust, den Garten Eden nicht zu

mähen, sonderngelassenauf dasParadieszu

warten,Wildnisist Träumenstatt Aufräumen,


ist das Gespräch mit der Natur statt über die

Natur.

Globalisierung und Klimaveränderung sind

die Eckpfeiler eines Paradigmenwechsels,

derzur Herausforderung füreinen neuenKul-

turentwurfwird.

Vor diesem Hintergrund bekommt die Frage

WelchenNaturschutz wolltenwir?“ eine neue

Dimension: Brauchen wir nicht auch Brach-

flächen aufdenen sich neue gesellschaftliche

Kulturen entwickeln können, sowie die Suk-

zession zuneuen Tier- und Pflanzengesell-

schaften führt?

Der Begriff Wildnis ist mit neuen Inhalten zu

füllen, Wildnis wird zum Ort der Sehnsucht

unddes Aufbruchs.

Wildnisist überallwowir sie zulassen.

Damit wird „Wildnis“ zur Überlebensphiloso-

phie undzur Gesellschaftspolitik.

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Welchen Naturschutz wollen wir?

Wolfgang Haber

1. Einleitung

Im Oktober 2006 habe ich in einem Vortrag in

Berlin, der im Dezemberheft 2006 von „Stadt

+Grün“ abgedruckt wurde(Haber 2006), har-

te undgrundsätzliche Kritik an Gesetzgebung

und Praxis des deutschen und europäischen

Naturschutzes geübt. Ich war auf heftigen

Widerspruch gefasst, erhielt aber zumeiner

Überraschung viel Zustimmung, und sogar

Hubert Weinzierl als Präsident des Deut-

schen Naturschutzrings lobte meine Ausfüh-

rungen. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er im

Interesse der Sache meine Kritik konstruktiv

aufgenommenhat undsie mitzum Anlass für

dieses Symposium gemachthat.Esist an der

Zeit, über Ziele und Maßnahmen im Natur-

schutz neu und grundsätzlich nachzudenken,

seine Geschichte kritisch zureflektieren und

ihn auch indie Zusammenhänge einer glo-

balisierten Welt unter Aspekten nachhaltiger

Entwicklungsinnvolleinzufügen.

2. Naturschutz durch Kritik –

auch an Begriffen –stärken!

MeineKritik soll –das betone ichausdrücklich

gleich zuAnfang –den Naturschutz stärken

undihm vorallem zu breiteremgesellschaft-

lichen Ansehen verhelfen. Dazu müssen frei-

lich seine Fehleinschätzungen, Sackgassen

und Selbstgefälligkeiten aufgezeigt werden.

Naturschutz ist heute notwendiger denn je,

aber auch schwieriger denn je durchzuset-

zen. Naturschutzund Naturnutzung sind zwei

Seiten derselben Münze, die die menschliche

Existenz auf der Erde symbolisiert. Dies ist

allerdings ein „Janus-Symbol“, weil man von

jederSeite derMünze in eine andere Richtung

blickt. Wenn Naturschutz zukunftsfähig sein

soll, müssen wir uns dazu durchringen, un-

sere Blicke immerwiederauch umzuwenden.

Wenn ichbei meinen folgenden Ausführungen

alsÖkologe vonnüchternerbiologischerRati-

onalität ausgehe, heißt das nicht, dass ich die

auch in Empfindungen undGefühlenwurzeln-

den, kulturbedingten Aspekte missachte. Im

Gegenteil, ich halte Naturschutz insgesamt

für eine Kulturaufgabe (Markl 1986) –aber

sie muss auch ökologisch, also naturwissen-

schaftlich zu rechtfertigenund tragfähig sein,

weil sie sonstscheitert.

Und dasei gleich zuAnfang inaller Deutlich-

keit festgestellt,dassein Naturschutz, dersich

im Gewandder „Biodiversität“auf denArten-

schutz konzentriert oder einengt, ökologisch

nichttragfähig ist. EinExistenzrecht allerbe-

stehendenArten nichtnur zu fordern, sondern

sogar mit detaillierten (Verbots-)Vorschriften

durchzusetzen, läuft allen ökologischen Er-

kenntnissen zuwider. Denn mit diesem von

uns Menschen gesetzten Existenzrecht für

alle Arten setzen wir uns inGegensatz zu

sämtlichen anderenLebewesen, diejainihrer

Lebensweise das Existenzrecht anderer Ar-

ten nicht berücksichtigen können (Herrmann

2003). Mit solchem Vorgehen verwandeln wir

die Natur in einen botanischen und zoolo-

gischen Garten, wo jedes Individuum von uns

behütetund gepflegt wird.Schon dieschlichte

Frage, womit wir denn diese Individuen er-

nähren, führt uns ins Dilemma –von unserer

eigenenVersorgungganzzuschweigen.

Die Komplexität unseres Seins und unserer

Welt, deren Erkenntnis wir der Forschung

verdanken, und die mit jedem Forschungs-

resultat weiter zunimmt, zwingt uns – um

sie auch nur gedanklich zu bewältigen –zu

Vereinfachungen mit entsprechenden Be-

griffen, wie z.B. Biodiversität. Inihnen liegen

Stärke und Schwäche zugleich. Ihre Stärke

beruht in der Vereinigung vieler Einzelheiten

in einemübergreifenden,auf denerstenBlick

einleuchtenden, ja suggestiven Konzept oder


Bild; ihre Schwäche liegt darin, dass genau

diese vielen Einzelaspekte imBild überdeckt

werden und esvieldeutig machen. Dies er-

scheint aber wieder als Stärke, weil Vieldeu-

tigkeit die allgemeine Zustimmung zum Bild

erleichtert –sie bedeutet aber den kleinsten

gemeinsamen Nenner, wie es Loske (2007)

für „nachhaltige Entwicklung“ gezeigt hat.

Doch wenn es um konkrete Entscheidungen

in einerEinzelfrage geht –und daraufläuft es

letztlichimmer hinaus! –muss das einigende

Gesamtbild zerlegt werden und die Einigkeit

verschwindet. Soergeht esuns mit „Natur-

schutz“: In allgemeinen Umfragen nach sei-

ner Notwendigkeit erfährt erfast hundert-

prozentige Zustimmung –doch inkonkreten

Entscheidungsfällen mitInteressenkonflikten

wandeltsie sich oftinerbitterten Streitbis zu

langwierigen Gerichtsverfahren und lebens-

langen Feindschaften.

3. Zur Bedeutung von Natur,

Umwelt und Schutz

Die Antwort auf die Frage, welchen Natur-

schutz wir wollen, fordert eine Gegenfrage:

Was ist die „Natur“, die es zu schützen gilt?

Ist esdie wilde, gezähmte, gestaltete, kulti-

vierte, intakte, unbelebte, lebende, nutzbare,

unberührte Natur? –sindesihr Haushalt, ihre

Leistungen, ihre Vielfalt, Schönheit oder Ei-

genart? Nicht einmal diese Begriffe sind klar:

wann ist z.B. eine Natur „intakt“? Davon ab-

gesehenbetreffen dieseFragennur dieNatur

„umuns herum“;aberesgibtaucheineNatur

„in uns“ Menschen (Kahn 1999), sogar eine

doppelte: eine biologische und eine geistige,

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dieimmer in Konflikt stehen.Nur diegeistige

SeitedieserDoppelnatur veranlasst unsüber-

hauptzum Naturschutz –die biologischeSeite

in derRegel nurzur Naturnutzung.

Wir haben es nicht einmal geschafft, „Natur“

und „Umwelt“ genauer zuunterscheiden, ob-

wohl die Ökologie uns dies seit Uexküll (1931)

lehrt: „Umwelt“ braucht immer ein Bezugs-

lebewesen, „Natur“ aber nicht. Das heißt,

jedes Lebewesen findet in der Natur „seine“

Umwelt, schneidet sie sich sozusagen aus ihr

heraus und überschneidet sie, inder Regel

konfliktträchtig, mit den Umwelten anderer

Lebewesen. Die Ökologie sucht sowohl nach

den spezifischen Umwelten der Organismen

als auch nach den Gemeinsamkeiten dieser

vielen Umwelten.Die Mehrzahl derMenschen

istnur an ihrereigenen, also der menschlichen

Umwelt interessiert–und fürdie habensie ja

die Natur in mehreren irreversiblen Haupt-

schritten gewaltig verändert. Aber „mensch-

liche Umwelt“ ist wieder soein Sammelbe-

griff, denn die kulturellen und individuellen

Präferenzen können sehr verschieden sein.

JederOrganismus, auch jederMenschist ge-

netisch ein Unikat, das sich niemals wieder-

holt(Bachmann 2004).

Und was bedeutet „Schutz“ als zweiter Wort-

teil von Naturschutz? Nach geläufigem Ver-

ständnis heißt es, dass dem Gegenstand des

Schutzes nichts Schädliches angetan werden

darf –ersolljasobleiben wieerist.Darfihm

aber etwas Gutes angetan werden? Das führt

zum Zwillingspartner des Schutzes, zuPfle-

ge oder Hege,verbunden mitAufsicht. Da be-

ginnen weitere Probleme, wenn nämlich die

Schutzobjekte Lebewesen sind oder enthal-

ten, dieauf Schutzmaßnahmen reagieren,zum

Beispiel sich bei guter Pflege so vermehren

und ausbreiten, dass sie zur Plage werden –

für sich selbst, für andere Organismen oder

für uns Menschen. Ich empfehle auch einen

inhaltlichen Vergleich einiger mit der Nach-

silbe„-schutz“ gebildeter Begriffewie Natur-

schutz, Tierschutz, Pflanzenschutz, Umwelt-

schutz, Landschaftsschutz, Denkmalschutz.

Alle meinen „Natur“,aberimmer eine andere

–und sie gelten übrigens alle der Natur „um

unsherum“. Brauchteseigentlichauch einen

Schutz der „Natur inuns“? Die Frage möge

sich jederMenschselbstzubeantworten ver-

suchen.

4. Von irreversiblen Naturveränderungen

zur landschaftlichen

Natur

Nun zur historischen Entwicklung: Natur-

schutz ist, wiegesagt, eine nur demMenschen

zukommende Eigenschaft und wird dann

wirksam, wenn der Mensch die biologischen

SeiteseinerNatur dergeistigen unterordnet–

zunächstnur ausreinenNutzenserwägungen.

Man schützt, um zu nutzen, und darf das zu

Nutzende nicht ausnutzen.Dochschondie ur-

zeitlichen Jäger und Sammler haben dies in

der Konkurrenz ihres somenschlichen Stre-

bens nach Mehr missachtet und Nahrungs-

ressourcen erschöpft. Aber als Menschen,

begabt mit Intelligenz, konnten sie sich den

harten Regelungskräften der Naturorganisa-

tion entziehen, die ja jede Population, die ihre

Ressourcenbasis übernutzt, beschränkt oder

gar ausmerzt. Dieses vermieden die Men-

schenvor rund 10.000 Jahren durchÜbergang

zur Landwirtschaft. Und das ist der folgen-

schwerste, irreversible,nie wieder ausgleich-

bare Eingriff in die Natur gewesen! Denn von

nunanunterschieden dieMenscheneinewilde

voneiner domestizierten Naturals ihrerneu-

en Lebensgrundlage, diezwaraus derwilden

Natur stammte, aber nun ständig gegen sie

verteidigt, also Schutz erhalten musste. Zu


gleich war dies auch der schwerwiegendste

und sogar doppelte Verstoß gegen die biolo-

gische Vielfalt: DieMenschenreduziertenihre

Nahrungsbasis auf eine sehr kleine Auswahl

von Pflanzen und Tieren –und hielten diese,

vor allem die für die quantitative Grundver-

sorgungals optimal erkanntenAckerpflanzen

(Getreide) inmöglichst reinen Beständen. In

diese drang die wilde Natur immer wieder in

Form von Unkräutern und Schädlingen ein –

dieseBegriffeentstandenerstjetzt!–,vor de-

nen sie geschützt werden müssen; hier liegt

der Ursprung des Wortes Pflanzenschutz.

Nichts lagden frühen Landwirten wohl ferner

alsdas,was wirheute Naturschutzals Schutz

der wilden, spontanen Natur nennen, und sie

hätten auch nicht das geringste Verständnis

für Biodiversität gehabt, hätte es dieses Wort

damals schon gegeben (Haber 2007a). Wir

müssen uns immer wieder vor Augen halten,

dass diese Grundeinstellung mit Landwirt-

schaft verbundenund bisheute,jaauchinZu-

kunft wirksamist!

Wie konnte aber Naturschutz überhaupt ent-

stehen? Soparadox es klingt: Erist letztlich

demErfolgder Landwirtschaft zu verdanken,

die mehr produzierte, vor allem imAcker-

bau, alszuihrer Selbstversorgung nötigwar.

Dieses Mehr ermöglichte die Existenz einer

wachsenden Gruppe von Nicht-Landwirten,

die sich in geschlossenen Siedlungen nie-

derließen und die weitere kulturell-zivili-

satorische Entwicklung der Menschen in

Richtung urbaner Lebensweise übernah-

men. Seitdem ist die bis dahin ziemlich ein-

heitliche Menschheit irreversibel geteilt in

Produzenten von Nahrungs- und anderen

Rohstoffen undinderen Verbraucher(Konsu-

menten)–oder ganzkurzgesagt:inLandund

Stadt –die aber in einemgegenseitigen,wenn

auch ungleichgewichtigen Abhängigkeitsver-

hältnis stehen. Wohlgenährte, materiell gut

versorgte und gebildete Städter mit Muße,

denMühen eigenerNahrungserzeugungent-

zogen und entfremdet, blickten oder gingen

aus den Städten hinaus „aufs Land“ und fan-

den es„schön“. Maler hielten es in Bildern

fest (inChina schonim6.Jahrhundert v.Chr.)

und machten damit aus Land „Landschaft“.

Dies istein kulturellerVorgang. Er beruht auf

einer„genießenden“Sicht vonaußen aufoder

in dasLand, erklärtabernicht oder kümmert

sich nicht darum, wie Landschaft als Gestalt

oder Bild zustande kommt: nämlich durch

Landnutzung unddadurch bedingte(oftunbe-

wusste)Landgestaltung.

Aber die Betrachter empfanden die Land-

schaft „draußen“ zugleich auch als „Natur“.

weil dort jaimGegensatz zum künstlichen,

gebauten GebildeStadt natürlichesLeben die

Fläche beherrscht. Grünende und blühende

Pflanzen, auch wenn sie vom Menschen ge-

züchtetund angebaut sind, vom Getreidehalm

über die Wiesenblume bis zum Waldbaum,

Tierealler Artenvon derKuh über denSingvo-

gelzur Biene, allesdas wird mitNatur gleich-

gesetzt. So kann man die Landschaft draußen

eben auchals „Natur“ empfinden, underneut

gelangtman zu demBildder zwei Seiten einer

Münze.

5. Abscheu vor „Wildnis“

Aber „wilde“Natur wurdeüberhaupt nichtge-

schätzt, eher gefürchtet, und bekämpft –sie

galt viele Jahrhunderte lang als „Unkultur“.

Aus der ersten großen Naturgeschichte der

Neuzeit, der 36-bändigen „Histoire naturelle“

(erschienen 1749-1786) von Georges Buffon,

die Linné wie Kant, Lamarck und später Dar-

win sehr beeinflusste, sei dazu ein Absatz

über „Wildnis“ zitiert (aus Valsangiacomo

1998,S.75-76):

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»Dort liegt ein wüster Erdstrich, eine trau-

rige, von Menschen nie bewohnte Gegend,

deren Höhen mit dichten schwarzen Wäldern

überzogen sind. Bäume ohne Rinde, ohne

Wipfel, gekrümmt,odervor Alterhinfällig und

zerbrochen;andereinnochweitgrößererZahl,

an ihrem Fuße hingestreckt, umauf bereits

verfaulten Holzhaufen zumodern, ersticken

undvergraben dieKeime,die schonimBegriff

waren, hervorzubrechen. Die Natur... scheint

hier schon abgelebt; die Erde, mit den Trüm-

mern ihrer eigenen Produkte belastet, trägt

Schutthaufen, anstatt des blumigen Grüns,

und abgelebte Bäume, die mit Schmarotzer-

pflanzen, Moosen und Schwämmen, den un-

reinen Früchten derFäulniss,beladen sind. In

allen niedrigen Theilen dieser Gegend stockt

todtes Wasser, weil esweder Abfluss noch

Richtung erhält; das schlammige Erdreich,

das weder fest noch flüssig, und deshalb un-

zugänglich ist, bleibt denBewohnern derErde

und des Wassers unbrauchbar. Sümpfe, die

mit übel riechenden Wasserpflanzen bedeckt

sind, ernähren nur giftigeInsekten, unddienen

unreinen Thieren zum Aufenthalt. Zwischen

diesen Morästen und den verjährten Wäldern

auf der Höhe, liegt eine Art Heiden und Grä-

sereien, die unsern Wiesen in nichts ähnlich

sind. Die schlechten Kräuter wachsen dort

über die guten weg, und ersticken sie. Esist

nichtder feineRasen,den manden Flaum der

Erde nennen könnte,nicht eine beblümte Aue

... es sind rauheGewächse,...die ... eine grobe,

dichte, und mehrere Schuhe dichte Watte bil-

den. KeineStrasse,keine Gemeinschaft,nicht

einmal die Spur von einem verständigen We-

senzeigt sich in dieser Wüsteney.«

Derdeutsche NaturforscherJohann Reinhold

Forster–erbegleiteteJames Cook aufseiner

zweitenWeltumsegelung 1772-1775–hat die-

se Ausführungenvon Buffon alsEinleitungfür

sein Werk „Ein Blick indas Ganze der Natur“

(1780) verwendet. Am Ende des 18. Jahrhun-

dertsist dasUrteilder Menschenalsoeindeu-

tig: Natürliche,wilde Naturist scheußlich,nur

die kultivierte Natur ist schön! Selbst Rous-

seausberühmter Ausspruch „Zurück zur Na-

tur“ meinte nicht eine wilde und unberührte

Natur nach heutigen Vorstellungen, sondern

eine ländliche, bäuerlich genutzte Natur, als

Gegensatzzur „gestylten“Natur derhöfischen

Gesellschaft.Die Aufklärung des18. Jahrhun-

dertsmit ihrerWende zurRationalitätbetonte

denKampfgegen dieWildnis, derden Begriff

„Landeskultur“ hervorbrachte und auch eine

Wurzel des Konzepts der Landesverschöne-

rung vonGustavVorherr war(Däumel 1963).

Bei aller Wertschätzung für „Wildnis“, neben

Biodiversität heute eines der Lieblingsthe-

men des deutschen Naturschutzes, sollten

wirnicht vergessen, dass BuffonsAuffassung

gerade in der ländlichen Bevölkerung, aber

auch bei vielen Städtern keineswegs ganz

überwunden ist! Ich möchte aber auch nicht

missverstanden werden: Wir brauchen Wild-

nis, sowohl als Bezugsgrundlage unserer

Zivilisation als auch als prägendes Naturer-

lebnis –aber wir sollten sie auch realistisch

einschätzen (Haber 2007b).

6. Romantische Zuwendungen

zur Natur

Wie alle großen geistigen Umwälzungen er-

zeugte auchdie Aufklärung ihre Gegenbewe-

gung in Form dergefühlsbetonten Romantik,

in der nun auch langsam eine positive Zu-

wendungzur „Wildnis“und mitihr erste nicht

von reinen Nutzenerwägungen getragene

Schutzbestrebungen aufkamen (Erz 1990).

Sie galten zuerst Objekten der unbelebten

Natur (Drachenfels, Teufelsmauer), dann

Waldstücken(Kubany/Boubín-„Urwald“)und,


vor allem in USA, spektakulären, schönen,

wild oder unberührt erscheinenden Land-

schaften. Diese Entdeckungen erfüllten die

jungeNationmit Stolzund solltenseinenBe-

wohnern gemäß ihrem Verfassungsauftrag

des „pursuit ofhappiness“ zur Freude (en-

joyment ofpeople) dienen. Nach dem Vorbild

des Central Park in New York wurden diese

Landschaften als „Parke“ bezeichnet und

dann noch mit dem Zusatz „national“ verse-

hen (Runte 1979). Daraus entstand der Be-

griff „Nationalpark“, den ein ganz Unbefan-

gener wohl nicht mit Naturschutz verbinden

würde. Dennoch dient diese Institution der

Erhaltung eines geographisch abgegrenzten

„Stücks Natur“ von landschaftlicher Dimen-

sion, aber mit dem ausdrücklichen Zweck

einer erlebnisreichen (später auch beleh-

renden) Nutzung durch Besucher, denen

möglichst wenige Einschränkungen aufer-

legt werden. Nationalparke sind also gemäß

ihrer Entstehung ein grundsätzlich neuer

Landnutzungstyp mit einem Kompromiss

zwischen Schutz und Nutzung, bei dem Nut-

zung (durch Besucher) geringere Priorität

hat–alsoein Naturschutzfür dieMenschen!

Aber Nationalparke entstanden stetsaus Ini-

tiativenvon „oben“ undvon Außenstehenden,

nicht von Ansässigen, und treffen daher fast

überallauf derenz.T. harteWiderstände.

7. Zur Naturschutz­Entwicklung

in Deutschland

In Deutschlandverlief dieEntwicklung anders.

Alsimaufkommendentechnisch-industriellen

Zeitalter Städtewachstum, Industrialisierung

undVerkehrserschließung, vorallem aber die

Intensivierungder Land-und Forstwirtschaft

dieLandschaft immerschneller undradikaler

zu verändernbegannen,entstand–wiederum

in den Städten,alsonicht an denOrten desGe-

schehens!–die Gegenbewegungdes Heimat-

schutzes.Sie verbandunter demEinflussder

Romantik ästhetische Motivationen mit Re-

spektierung des ländlich-kulturellen „Erbes“

undregionalerIdentifizierungund geht zurück

auf den Berliner Musikwissenschaftler Ernst

Rudorff (1840-1916). Von seinem Landhaus

beiHannoververfolgteermit Bestürzung den

radikalen Wandel im Erscheinungsbild des

Landes mit zunehmender Monotonisierung

und Beseitigung charakteristischer Struk-

turen. Dies motivierte ihnum1880dazu, dem

Heimatschutz den Naturschutz an die Seite

zu stellen(Knaut1990).Erscheinungsbild und

Gestalt des ländlichen Raumes sollten vor

weiteren Veränderungen, d.h. befürchteten

weiteren Verlusten geschützt werden und so

bleiben, wiesie damals waren.

Rudorffs Ideen fanden im städtischen Bil-

dungsbürgertum großen Widerhall, aber

enthielten drei schwere Fehleinschätzungen.

Naturschutz“ warein falsches Wort.Was vor

Rudorffs Augen verloren ging, war nicht die

„Natur“,sondern warenVielfalt, Eigenartund

Schönheit einer „Kultur“landschaft! Ebenso

falsch wardie Auffassung derLandschaft als

quasi öffentliches Gut, die die Interessen der

privaten Landbesitzer missachtete, und (was

man damals freilich kaum wissen konnte) die

Ignorierungdie derLandschaft undNaturder

innewohnenden vom Menschen oder von Na-

turkräften bewirkten Dynamik die freilich in

einerZeitrascher Industrialisierungund Ver-

städterung einen besonderen Höhepunkt er-

reichte. Auch deren Triebkräfte wurden ver-

kannt: Die Ernährungssicherung durch volle

Ausschöpfung der Produktivität der Böden

und zugleich Rationalisierung der Landwirt-

schaft waren vorrangiger politischer Wille,

zumal diese durch „Landflucht“ in die Städ-

te ständig anMenschen (Arbeitskraft) verlor

unddennochmehr leistenmusste.

15


16

Schon imjungen Naturschutz gab esunter-

schiedliche Ziele –weil der Begriff von „Na-

tur“ so unklar war. Eine Richtung verfolgte

dieSchaffunggroßflächigerSchutzgebiete für

besondere Naturschönheiten nach dem Vor-

bild der Nationalparke der USA. Die andere

Richtung strebte dagegen nur einen kleinflä-

chigen Schutz für einzelne Naturbestandteile

alsNaturdenkmale an.Auchhier wählte man,

analog zu „Park“, einen kulturellen Begriff.

Aber die Naturschutzidee wurde überra-

schend schnell politisch relevant und bereits

1906 zur Staatsaufgabe, 1919 sogar schon zu

einem Verfassungsziel der Weimarer Repu-

blik erhoben. Tatsächlich aber war –und das

blieb bei der 100-Jahrfeier 2006 unerwähnt

– der staatliche Naturschutz im Vergleich

zur personell und finanziell viel mächtigeren

staatlichen Landwirtschaftsverwaltung, die

die von Rudorff bekämpfte Landnutzungs-

Modernisierung weiter vorantrieb, eine auf

„kleinster Flamme“ betriebene Aktivität mit

der geringstmöglichen Personal- und Haus-

haltsausstattung; denn Naturschutz durfte

nach dem damaligen politischen Dogma „die

weitere Ausprägung der agrarisch-industri-

ellen Moderne nicht behindern“ (Frohn 2006,

S. 122). Er betrieb daher die kleinflächige

Schutzstrategie einer „Naturdenkmalpfle-

ge“, obwohl für Naturdenkmäler nicht einmal

eine praktikable Definition gefunden wurde

(Frohn 2006, S.93) (und damit eine „Traditi-

on“ begründete, die sich bis heute fortsetzt).

Dagegen bemühten sich private Initiativen

um die Schaffung von großen Naturschutz-

parken (Frohn 2006, S.114 f.) –hatten damit

aber nur inder Lüneburger Heide umWilse-

de Erfolg. Schon damals zeichnete sich eine

zunehmende biologische Orientierung des

Naturschutzes ab, indem sich das Interesse

vonder Landschaft,die Rudorff im Sinn hatte

unddie er eben fälschlich „Natur“ (wenn auch

mit dem Zusatz „landschaftlich“) nannte, nun

immermehr aufden Schutz schönblühender

Pflanzen undinteressanter,seltenerTierarten

verlagerte, und zwar vor allem mit Verbots-

vorschriften. Schon 1922 erschien in derZeit-

schrift „Naturschutz“ (Vorläufer von „Natur

und Landschaft“) eine eindringliche Warnung

vor einem Naturschutz, der fast ausschließ-

lich auf Verbote setzt und so die Natur den

Menschen entfremdet (v. Boxberger 1922).

Dass auch im Interesse an den Arten eine

starke ästhetische Motivation steckte, fand in

der biologischen Argumentation weniger Be-

achtung.

8. Gesetzliche Regelungen des

Naturschutzes und ihre Problematik

Erst 1935 wurde ein deutschlandweites

(Reichs-)Naturschutzgesetz erlassen. Es

sollte laut §1„dem Schutz undder Pflege der

heimatlichen Natur in allen ihren Erschei-

nungen“ dienen, doch esreduzierte diese in

den Einzelbestimmungen des Gesetzes auf

die lebende Natur, vor allem den Arten- und

Gebietsschutz, undberücksichtigte ihre unbe-

lebten Bereiche (Luft, Wasser, Grundgestein,

Relief) nicht. Sie wurden 35 Jahre später die

Objekte deseigenständigenUmweltschutzes.

Damals stecktedie Ökologie noch in denKin-

derschuhen, und eine ganzheitliche Auffas-

sung von belebter und unbelebter Natur war


ebenso wenig geläufig (der maßgebende Be-

griff „Ökosystem“ wurde jaerst imgleichen

Jahr 1935 eingeführt) wie das Wissen um

den steten Wandel der Natur, so dass sich

die von Anfang an statische Einstellung im

Naturschutz verfestigte und bis heute vor-

herrscht. Dochbezog dasGesetzin§19auch

die „Landschaft“ als Schutz- und Pflegeob-

jektein.Damitkam sie,durchaus in Rudorffs

Sinn,indie Zuständigkeitdes Naturschutzes,

derseitdem gesetzlich mit„Landschaftspfle-

ge“verknüpft ist.

Das allgemeine Ziel des Schutzes der Natur

„in allen ihren Erscheinungen“ des 1935er

Gesetzes wurdeimneu konzipiertenBundes-

naturschutzgesetz(BNatSchG)von 1976 durch

die inseinem §1genannten vier Einzelziele

präzisiert, nämlich(Formulierungen derNeu-

fassungvon 2002):

1. Leistungs- undFunktionsfähigkeitdes Na-

turhaushalts,

2. Regenerationsfähigkeit und nachhaltige

Nutzungsfähigkeitder Naturgüter,

3. Tier-und Pflanzenwelt einschließlichihrer

Lebensstättenund Lebensräume,

4. Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie Er-

holungswert vonNatur undLandschaft.,

Diese sind zu„schützen, zupflegen und zu

entwickeln“ und, „falls erforderlich, wieder-

herzustellen“, um sie „auf Dauer zusichern“.

Dies ist, salopp gesagt, ein „Bauchladen“,

aus dem sich jeder das Passende auswählen

kann. Eswurden also neue Widersprüchlich-

keiten, vor allem für den Gesetzesvollzug,

begründet, weil die vier Ziele und die vier

Maßnahmen nicht nur nicht übereinstimmen,

sondern sich zum Teil widersprechen, und

obendrein in idealistischen, unbestimmten

Rechtsbegriffen formuliert sind. Das Gesetz

schreibt daher ihre gegenseitige Abwägung

vor (obwohl ihre Bezifferung eigentlich eine

Rangfolge angibt), und dies inder wiederum

idealistischen Erwartung, dass sie rational

und frei von subjektiven Einzelinteressen er-

folge –inWirklichkeit aber erzwingt sie, und

zwar bereits innerhalb des Naturschutzes,

Kompromisse nach unterschiedlichen Priori-

täten und Kostenaspekten. Davon abgesehen

ging esnach wie vor einseitig umdie belebte

Natur, denn die unbelebte Natur war inzwi-

schen Gegenstand des so genannten „Um-

weltschutzes“ geworden. (Die von Name und

Inhalt her gesehen beispielhafte Sonderent-

wicklung des „Landeskulturgesetzes“ der

DDR verdientErwähnung, weil sie diesen Ge-

gensatzüberbrückte;sie kann aber hier nicht

weiter behandeltwerden.)

Unter dem Einfluss bisheriger Naturschutz-

Tradition, und gestützt auf damals vorherr-

schende (heute aber z.T. überholte) ökolo-

gische Begründungen wie Gleichgewicht,

Stabilität undVielfalt, kamesinder Praxis zu

einerzunehmenden Betonung desBNatSchG-

Zieles Nr.3als Naturschutz„im engeren“ oder

sogar im eigentlichen Sinne. Die emotional

sehr wirksame Aufstellung Roter Listen von

gefährdeten oder vom Aussterben bedrohten

Arten gab dem Artenschutz hohe Priorität.

Ihmwurdendie übrigenZieleals Naturschutz

„imweiterenSinne“oft geradezu untergeord-

net. Aspekte der Gestaltung, Ästhetik oder

Kultur sind im BNatSchG kaum berücksichtigt

17


18

(auch weil sie wegen ihres politischen Miss-

brauchs durch den Nationalsozialismus ge-

miedenwurden) –obwohl Ziel Nr.4jaVielfalt,

Eigenart und Schönheit (von Natur und Land-

schaft) anspricht. Damit kam es zu wachsen-

den Bewertungsgegensätzen über Natur und

Landschaft, nicht nur zwischen Landschafts-

architekten und Naturschutzvertretern, son-

dern bisindie Öffentlichkeithinein.

9. Biologische Vielfalt –ein

Danaergeschenk?

In den 1980er Jahren wurden die Arten-

schutz-Orientierung des Naturschutzes, aber

auch die begrifflichen Unklarheiten noch ge-

steigert, als in den USA eine Diskussion über

„Vielfalt“ aufkam und schließlich von „natür-

licher“auf „biologische“Vielfalt“,oft verkürzt

auf „Biodiversität“ präzisiert, aber eingeengt

wurde. Diesen Begriff machte der berühmte

Ameisenforscher, Soziobiologe und Biophi-

lie-Verfechter Edward O. Wilson (1988, 1995)

–ein, ähnlich wie Rudorff, „eloquenter Indivi-

dualvirtuose“ (Dierssen 2002) –inkurzer Zeit

zu einem Leitmotiv des Naturschutzes und

auch der fast gleichzeitig erfundenen „Nach-

haltigen Entwicklung“. Beide Begriffe fanden

in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft un-

erwartet große Aufmerksamkeit, obwohl sie

sich einer genauen Definition entziehen und

fast beliebig interpretierbarsind.

Biodiversität wurde 1992 politisch und recht-

lichzweifachrelevant:aufinternationalerEbe-

ne durch die auf der UN-Konferenz inRio de

Janeiro beschlossene internationale Konven-

tionüberBiologische Vielfaltund, unabhängig

davon, aufder Ebeneder Europäischen Union

(EU) durch den Erlass der „Richtlinie zur Er-

haltung der natürlichen Lebensräume sowie

der wild lebenden Tiere und Pflanzen“ (FFH-

Richtlinie), die eine schon 1979 erlassene

Vogelschutz-Richtlinie ergänzt und verstärkt.

Im Gegensatz zur Konvention, die Biodiversi-

tät als eine Ressource ansieht und neben der

ErhaltungauchihreNutzung unddie gerechte

Verteilung der damit erzielten Gewinne re-

gelt,ist dieEU-Richtlinie ausschließlich ihrem

Schutz gewidmet. InEuropa, und damit auch

in Deutschland, erweist sich die fehlende

Abstimmung zwischen Konvention und FFH-

Richtlinie als Hindernis für die Umsetzung.

Der Einfluss des FFH-Schutzdenkens ist in

Europa so stark, dass der Name der Kon-

vention oft fälschlich, selbst inseriösen wis-

senschaftlichen Veröffentlichungen mit „zum

Schutz der biologischen Vielfalt“ (statt „über

biologische Vielfalt“)zitiertwird!

Biodiversität scheint sogar den Begriff

Natur(schutz) zuersetzen, wie z.B. der aktu-

elle Entwurfder deutschen„NationalenStra-

tegie zur biologischen Vielfalt“ zeigt. Es ist

aber ökologischfalschund irreführend, wenn

die Vielfalt der unbelebten Natur –obwohl sie

ja Grundlage und Auslöser der Vielfalt des

Lebens und seiner Anpassungsstrategien

ist –einfach ausgeklammert wird! Wider alle

Erkenntnissewirddamitder Fehler desdeut-

schenNaturschutzrechtsseit1935wiederholt

undperpetuiert.

10. Artenvielfalt statt

Biodiversität?

Davon abgesehen ist Biodiversität, vor allem

für die Anwendbarkeit imUmgang mit Natur,

schlecht definierbar;nicht einmal in derKon-

vention ist dies wissenschaftlich einwandfrei

gelungen (Haber 2003, 2007c). Dies verführt,

nach dem Vorbild der „Roten Listen“, zuih-

rer Einengung auf die (vermeintlich) leichter

erfassbare Artenvielfalt, die ihrerseits noch

aufreine Artenzahlen reduziertwird–und die

Irreführung verstärkt (Hoffmann et al. 2005).


Denn diese lassen sich nur teilweise ermit-

teln: Über zwei Drittel aller Arten entfallen

auf Kleintiere sowie Algen und Pilze, die nur

wenige Spezialisten kennen; und viele wei-

tere Organismengruppen, vor allem Gräser,

Habichtskräuter, Orchideen oder Himbeeren,

bestimmte Insekten und vor allem die ökolo-

gisch wichtigen Pilze und Mikroorganismen

sind einer Arten-Aufgliederung gar nicht zu-

gänglich. Davonabgesehen habenArten (oder

allgemein: taxonomische Einheiten) in der

Natur auch ganz verschiedene Bedeutungen

und sind in einem Ökosystem oder einer

Landschaft mitganzunterschiedlichenAntei-

lenvertreten,die eine summarische,auf reine

Zahlen reduzierteWertung ausschließen.

Noch wesentlicher ist, dass die Wirklichkeit

der Natur gar keine Arten kennt, sondern

nur Populationen von einander ähnlichen

Lebewesen, die, um ihre Identifizierung zu

ermöglichen, von darauf spezialisierten Bi-

ologen (Taxonomen) auf Grund der Ähnlich-

keiten jeweilseiner „Art“zugeordnetwerden.

Diese existiert also nur in Bestimmungsbü-

chern und in den Köpfen der Taxonomen, die

je nach ihren oft sehr unterschiedlichen Zu-

ordnungskriterien z.B. aus einer Insekten-

Populationvon 10.000 Individuensozwischen

100 und 7000 Arten „schaffen“ können. Im

übrigenist selbst in derBiologieund Ökologie

die genaue Definition der Begriffe „Art“ und

„Population“ umstritten, worüber die leich-

te Erkennbarkeit (und Wertschätzung) vieler

Arten höherer Pflanzen und Tiere wie z.B.

Rotbuche, Kornblume, Wolf, Braunbär oder

Steinadler hinwegtäuscht. Eine Befürwor-

tung der Biodiversitäts-Erhaltung allein nach

Zahlen und Aussterberaten von Arten oder

mit der Begründung, dass zwei Drittel oder

gar mehr aller Arten noch gar nicht bekannt

undbeschrieben seien,oderdasspro Tagzwi-

schen10und weit über 100Arten aussterben,

ist ebenso eindrucksvoll wie unsachlich, weil

Artenzahlen aus den genannten Gründen bis

um 5-6 Größenordnungen schwanken kön-

nen. Ich fordere jeden, der die täglichen Ar-

ten-Aussterberaten zitiert, zur Nennung von

wenigstens 5-10 dieser Arten und womöglich

noch zu AngabenüberihreBedeutung fürNa-

tur und Mensch auf –und habe noch niemals

eine Antworterhalten!

11. Wieviel biologische Vielfalt

brauchen wir –warum und wo?

Wozu „brauchen“ wir biologische Vielfalt, in-

wiefern ist sie uns von Nutzen? Der Ökologe

muss nüchtern feststellen, dass dieEvolution

des Lebens zwar unzählige Arten hervorge-

brachthat,sie alle aber,ebensowenig wiedie

Naturansich, „braucht“;denn Lebenist auch

mit wenigen Arten auf einem weniger kom-

plexen Niveau möglich, ja der Planet käme

sogar ohne Leben aus. Auf eine bestimmte

Vielfalt(undzwarnicht nurbiologische)ange-

wiesen istaberder Mensch,wenn er gutoder

akzeptabel existieren will.Wie groß oder hoch

dieBiodiversität fürdiesenZweckseinmuss–

wissenschaftlich formuliert: wodie Schwelle

ihrer für den Menschen nachteiligen Unter-

schreitung liegt –kann nicht beweisbar oder

gargerichtsfestermittelt werden (Hoffmann-

Krolletal. 1999).

Hier liegt die grundsätzliche und wohl nicht

lösbare Problematik der normativen Qualität,

die der Biodiversität schlechthin zugemessen

wird. Man versucht, ihr zu entgehen, indem

man „sicherheitshalber“die pauschale, fast

kreationistisch anmutende Erhaltung der ge-

samten Biodiversität mit allen Arten fordert

–aberstillschweigend einräumt, dass dies (1.)

praktischnicht umsetzbarist unddass(2.)die

für den Menschen gefährlichen oder nur lä-

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stigen Artensowie (3.) regionalauch alle „inva-

sivenFremdarten“davonausgeschlossensind.

Auch der Raumbezug wird dabei übergangen.

Denn wenn Biodiversität in einer Gemeinde,

in der Heimatregion, in einer Naturraum-Ein-

heit, einem Land, einem Kontinent wie Euro-

pa oder auf der ganzen Erde betrachtet wird,

erhält man jeweils ganz andere Ergebnisse

undBewertungen (Hoffmann-Kroll et al.1999,

S. 11). Dennoch werden immer mehr und de-

tailliertere Forderungenund Vorschriften zum

Schutz von Arten erhoben bzw. verkündet. In

Europa beruft man sich dabei vor allem auf

den Artenschutz-Teil der FFH-Richtlinie und

wendet ihn sogar auf einzelne Individuen z.B.

vonWölfen,Bären,FeldhamsternoderAdlern

an.Wie schonerwähnt, bedeutet dies im End-

effektdie Verwandlungunserer Landschaft in

einen großen zoologischen und botanischen

Garten.Arten sind gewiss brauchbareIndika-

toren biologischer Vielfalt, und die Vielfalt der

Arten ist auch die populärste Form der Biodi-

versität und wird daher oft mit dieser gleich-

gesetzt, zumal über sie mehr Informationen

vorliegen als z.B. über genetische, struktu-

relle, physiologische, morphologische oder

landschaftliche Vielfalt–aberesist falsch,sie

alle einfach als Funktionsträger im „Netz des

Lebens“zubezeichnen.

Keinen Zweifel kann es an der ästhetischen

Bedeutung der biologischen Vielfalt geben.

Vielfältige Erscheinungsbilder in der Natur,

die Fülle von Arten, Lebensräumen und Er-

scheinungsformen bereichern das Leben des

Menschen, sind Gegenstand von (geisteswis-

senschaftlicher!) Forschung und Erkenntnis,

steigern das Lebensgefühl, tragen zur Le-

bensfreude bei. Auch wenn es möglich sein

sollte, bei einer Erhaltung der notwendigsten

Funktionen und eines energetischen Erhal-

tungsminimums zu existieren, ist es wesent-

lich erstrebenswerter, dies imLuxus anre-

gender ästhetischenVielfaltals in karger und

öder Monotonie zu tun (Hoffmann-Kroll et al.

1999).

12. Nur Lebensraumschutz

erhält dauerhaft die Vielfalt

Meine kritischen Anmerkungen zur Biodiver-

sitätund vor allemzum Artenschutzbedeuten

nicht, diesen zu vernachlässigen oder gar bei-

seitezuschieben.ImGegenteil,wir müssen al-

lestun,umden viel zu raschenArtenschwund

zu bremsen –aber völlig verhindern können

wir ihn nicht. Einen gegebenen Artenbestand

auf Dauer zu erhalten, ist wegen des evolu-

tionären Wandels grundsätzlich nicht mög-

lich. Die beklagenswerten, ja alarmierenden

Artenverluste der letzten 100 Jahre beruhen

aber nur zu einem geringen Teil auf direkter

Verfolgung und bewusster Ausrottung von

Arten und Individuen, sondern hauptsächlich

auf dem Schwund ihrer Lebensräume infolge

vonBevölkerungszunahme, Landnutzungund

Verstädterung. Wenn man dem bewährten

Grundsatz folgt, Problemlösungen bei der

Ursache anzusetzen, kann die bestmögliche

Strategie zur Erhaltung von Biodiversität nur

dieErhaltung(oder Neuschaffung) derVielfalt

der Lebensräume sein. (Im Englischen wird

die FFH-Richtlinie daher konsequent nur als

„Habitats-Directive“ bezeichnet.) Zu diesen

Lebensräumen gehören, und das erfordert

Überwindung reinen Naturschutzdenkens,

alle Räume oder Flächen auf der Erde, das

heißtnicht nur die fürein Netzwerk wieNatu-

ra 2000 ausgewähltenFlächen,sondern auch

alle vonihm durchzogenen Nutzflächen.

DiewissenschaftlichenGrundlageneiner sol-

chen Strategie sind längst vorhanden, und

zwar in Gestalt meines vor 35 Jahren formu-

lierten Konzepts der „Differenzierten Land


nutzung“ (Haber 1971,1972, 1998), ergänztvon

Erz(1980)mit seinem anschaulichen„Dreieck

der Nutz- und Schutzflächen-Verteilung“,

und erweitert von Plachter & Reich (1994)

mit ihren der Vielfalt der Landschaft dienen-

den sechs Leitbildern (vgl. Haber 2006). In

mehreren seiner Gutachten hat der Rat von

Sachverständigen für Umweltfragen (SRU)

auf die Wichtigkeit und Tragfähigkeit einer

differenzierten Landnutzung, auch für einen

dauerhaften Naturschutz, hingewiesen. In

die gleiche Richtung zielen die Bemühungen,

den problematischen Fortschritts-Indikator

„Bruttosozialprodukt“ durch eine umwelt-

ökonomische Gesamtrechnung zu ergänzen,

wenn nichtzuersetzen, in dieselbstverständ-

lich auch die biologische Vielfalt einzube-

ziehen ist. Eine dafür maßgebende Untersu-

chung (Hoffmann-Kroll et al. 1999) beweist,

dass dies nurimZusammenhangmit derBo-

den- bzw. Landnutzunggelingt, undempfiehlt

mehrfach die differenzierte Landnutzung als

beste geeignete Umsetzungsstrategie dafür.

Auch in USA, wo es seit über 25 Jahren ein

eigenesArtenschutzgesetz (EndangeredSpe-

cies Act) gibt,ist erkanntworden, dass Arten-

schutz nur über Lebensraumschutz gelingen

kann (Franklin1993),

AufdieserGrundlage lässtsichaucheinegute

und für beide Seiten fruchtbare Zusammen-

arbeit zwischen Naturschutz und Landwirt-

schaft erreichen. Nur sie ermöglicht einen

dauerhaft erfolgreichenVertragsnaturschutz,

wie ihn Schumacher (2007) beispielhaft auf-

gebaut und umgesetzt hat. Er hat damit auch

gezeigt, dass dieser Weg einem hoheitlichen

Naturschutz, dernur Verboteals Mittel kennt,

weit überlegen–und zukunftsfähigist.Selbst-

verständlich gehörtauch diederzeit so betont

geforderte „Wildnis“ voll in diese Konzepte!

Sie schließen auch nicht aus, dass für einzel-

ne Arten zusätzlich besondere Erhaltungs-

maßnahmen vorgesehen müssen.

13. Naturschutz im Kontext der

Kulturlandschaft

Seit 1935 ist der Naturschutz auch für die

„Landschaft“ und ihre Pflege zuständig. Di-

ese gesetzliche Verknüpfung der Begriffe

Natur und Landschaft muss ernst genom-

men werden, und dafür bietet das Konzept

„Kulturlandschaft“ mit dem Motiv „Natur als

Kulturaufgabe“ die einzig tragfähige Grund-

lage. Kulturlandschaft ist der Ausdruck einer

durch angepasste Nutzung („Kultivierung“)

von Menschen gestalteten Natur und damit

unsere eigentliche Umwelt, in die wir dann

auch die Umwelten der anderen Lebewesen,

mit ihnen biologische Vielfalt und Wildnis

als „Natur“schutz einbeziehen können und

müssen. Nur ein Naturschutz „im weiteren

Sinne“, der in Zusammenarbeit aller Res-

sorts und Akteure die oben genannten vier

Ziele des BNatSchG über Einzelinteressen

hinaus ganzheitlich verfolgt, kann das Span-

nungsfeld zwischen statischem Schutz und

dynamischem Wandel sowie eine dauerhaft

überzeugende Verknüpfung rationaler und

emotionaler Aspekte bewältigen. Nur dieser

Weg führt zur Vereinbarkeit von Biodiversi-

tätund Kulturlandschafts-Entwicklung, dieja

ebenfallsdem Vielfaltsprinzipfolgensoll.

Aber ihre Umsetzungwirdsichstets aufzwei-

gen müssen nach Traditionen, Kulturver-

ständnissen und nach den natürlichen Gege-

benheiten, dieimmer undüberall verschieden

sind und weder starren Vorschriften noch

Einengungengehorchenkönnen. Wirmüssen

auch offen sein für eine Kombination muse-

al-bewahrender und völlig neu gestalteter,

aber auch sozial und ökonomisch tragfähiger

Landschaftsbereiche. Viele historische (wie

21


22

sie das BNatSchG bezeichnet) oder „gewach-

sene“ Kulturlandschaften (wie sie das Raum-

ordnungsgesetz nennt –wieder ein Beispiel

unabgestimmter Begriffe!) können, da sie

heutigen Nutzungsweisen einfach nicht mehr

entsprechen, nur inForm von Freilichtmu-

seen erhalten werden. Das ist nicht abschät-

zig aufzufassen, sondern stellt eine hoch-

wertige kulturelle Aktivität zur Vermittlung

lehrreicher Zeugnisse früheren Umganges

mit der Natur dar. Viele dieser Kulturland-

schaftenmitZwergstrauchheiden,Niederwäl- dern,Feuchtwiesen,manuellen Torfstichenin

Hochmooren oder Weinbergen anTalhängen

wären allerdings, und das darf nicht ver-

schwiegenwerden, unterden heutigen Natur-

schutz- bzw. FFH-Vorschriften niemals ent-

standen! Auch dies zeigt die Problematik von

deren Vereinbarkeit mit einer ganzheitlichen

Einstellungzur Kulturlandschaft.

Allerdings sind auch diese Strategien in der

Umsetzung nicht frei von Dilemmata. Zum

einen ist jede Landnutzung, vor allem die für

die menschliche Existenz unentbehrliche

land- und forstwirtschaftliche Nutzung, seit

jeher aufSchaffungmöglichst rationeller,d.h.

gleichmäßiger Bewirtschaftungsbedingungen

ausgerichtet und verstößt damit prinzipiell

gegen Diversität jeden Typs. Dem kann eben

nur eine Vielfalt der Nutzungen entgegen-

wirken! Zum anderen nehmen Ausdehnung

undIntensitätder Landnutzungenzu, weil die

Zahl und die Ansprüche der Menschen stei-

gen –und das kann nur auf Kosten der au-

ßermenschlichen Biodiversität gehen. Diese

Situation erfordert vom Naturschutz, der als

Grundlage aller Nutzungen absolut notwen-

digist,sorgfältigabwägende Entscheidungen

unter Berücksichtigung der gesellschaft-

lichen Wertepluralität (die auch ein Ausdruck

von Vielfalt ist!). Nur dann erhält er die brei-

te gesellschaftliche Grundlage und das tiefe

Verständnis, die erfür seine Ziele und sein

Ansehen benötigt. Durch einseitiges Verfol-

genvon FFH-Zielen mitrigorosen pauschalen

Forderungen zur Erhaltung von Artenvielfalt

und Artenzahlen, das kulturellen, sozialen

und ökonomischen Traditionen, Rechten und

Bedürfnissen (und sogar dem Wortlaut der

FFH-Richtlinie in Absatz 3der Präambel und

in Artikel 2) widerspricht, verliert der Natur-

schutz dasVerständnis unddie Unterstützung

derGesellschaft.Erdegradiertsichdamitvon

einer umfassenden Kulturaufgabe zueinem

„Fach“, wie essich indem leider gängig ge-

wordenen Wort „naturschutzfachlich“ zeigt.

WirMenschenhaben ja seit jeher jedemStück

der Erdoberfläche, einschließlich der Ozea-

ne, einen oder mehrere Zwecke zuerkannt,

deren Spannweite vom Desinteresse über

absoluten Schutz, gelegentliche und dauer-

hafte Nutzung bis zu harten Nutzungsein-

griffen reicht. Auch Naturschutz und Wildnis

sind solche Zweckzuweisungen! Die heute oft

geforderten Mehrzweck-Zuweisungen (Multi-

funktionalität)setzenvoraus, dass dieZwecke

miteinander vereinbar sind und auch die Set-

zung vonPrioritäten erlauben.Angesichtsder

Dynamik von Natur und Gesellschaft muss

dieZweckzuweisung, auchbei längerfristigen

Festsetzungen, flexibel sein. Und alle Zweck-

zuweisungen, vor allem die Landnutzungen,

müssen auch mit Gestaltung verbunden sein,

damit sie nicht nur ökologisch funktionieren,

sondern auch unseren ästhetischen Erwar-

tungen entsprechen.

In diesem Zusammenhang lohnt auch ein

Blick indie Verfassung. Wie schon erwähnt,

ist der seinerzeit noch junge Naturschutz

–obwohl als staatliche Einrichtung nur auf

„kleinster Flamme“ betrieben –schon 1919

im damaligen Deutschen Reich in die Ver


fassung aufgenommen worden. Inderen Ar-

tikel 150 ist festgelegt: „Die Denkmäler der

Kunst, der Geschichte und der Natur sowie

die Landschaft genießen den Schutz und die

Pflege des Staates“. Die entsprechende Vor-

schrift imGrundgesetz des Nachfolgestaats

Bundesrepublik Deutschland –die übrigens

erst 1994, 45Jahre nach seiner Gründung,

alsArtikel 20a eingefügtwurde!–lautet: „Der

Staat schützt auch inVerantwortung für die

künftigen Generationen die natürlichen Le-

bensgrundlagen und die Tiere im Rahmen

der verfassungsmäßigen Ordnung durch die

Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz

und Recht durch die vollziehende Gewalt und

die Rechtsprechung“.Man hat sich also, und

zwar 1994,als Naturschutzbereits weithinnur

als biologische Vielfalt aufgefasst wurde, mit

„natürlicheLebensgrundlagen“ aufeinen weit

gefassten Begriff geeinigt, der inerster Linie

mitden Zielen Nr.1und 2in§1BNatSchG (si-

eheAbschnitt 8) übereinstimmt.

14. Ausblick

Die internationale Konvention über biolo-

gische Vielfalt und die FFH-Richtlinie der EU

haben zweifellos neue strategische Ansät-

ze im Naturschutz begründet. Die wissen-

schaftlichen Schöpfer ihrer Grundgedanken,

die Fachleute, die sie in Rechtsvorschriften

undKommentareausarbeiteten,die Politiker,

die ihnen aus intuitiver Sympathie oder aus

Überzeugung mehrheitlich zustimmten –sie

alle habenaberdie Problemeder Umsetzung

unddes Vollzugs ebenso unterschätztwie die

Einbeziehung der Ansätze in die komplexe,

heterogene gesellschaftlicheWirklichkeitdes

21. Jahrhunderts. Ob sie deren Herausforde-

rungen, die letztlich immer ökonomisch und

finanziellbestimmt sind, standhalten können,

isttrotz ernsthafterBemühungen zu ihrerBe-

wältigung eine offene Frage und ein politisch

schwer lösbares Problem. Was Konvention

und FFH-Richtlinie wirklich erreichen wer-

den, bleibt also zweifelhaft. Beide bestehen

jetzt 15Jahre und sollten jaerreichen, dass

derArten-und Lebensraumschwundbis 2010

gemindert wird –für die EUsoll erbis dahin

sogar gestoppt sein. Bis zu diesem Termin

bleiben noch drei Jahre –doch ein genereller

Stopp ist nicht erkennbar, und woran sollte

manihn überhauptfestmachen können?

DieFrage „WelchenNaturschutz wollen wir?“

erlaubt keine eindeutige und kurze Antwort.

Damit müssen wir uns wohl abfinden. Man

kann aber auch die grundsätzlichere Frage

stellen: „Warum Naturschutz?“ Dafür wie-

derhole ich die Antwort, die ich vor Jahres-

frist inmeiner Gedenkrede für Wolfgang En-

gelhardt vorgetragen habe (Haber 2007b) und

dieich für ebenso einfach wie vielleicht rich-

tungweisend halte: Wir schützen nicht „die“

Natur, sondern zwei Naturen, nämlich eine,

die uns trägt, und eine, die uns gefällt. Die

Geschichte des menschlichen Umgangs mit

der Natur imAuf und Abder Bedürfniserfül-

lungen zeigt, dass „trägt“, also Erfüllungder

materiellen Grundbedürfnisse, die Voraus-

setzung für „gefällt“ ist und bleiben wird. An

dieser Dualität entscheidet sich letztlich Na-

turschutzund mitihm das„gute Leben“.Sind

wir uns immer klar darüber, welcher Anteil

vonNaturschutz, seiesimGewandvon biolo-

gischer Vielfalt oder von Wildnis, jeweils auf

welche Kategorie entfällt? Nur dann können

wir absehen, wound wie Prioritäten gesetzt

werden.

23


24

Naturschutz und Evolution

Gerhard Kneitz

Deutschlandhat eine bis tief ins19. Jahrhun-

dert reichende Naturschutzgeschichte. Viel-

seitige Definitionen des Naturschutzes liegen

vor, wieetwa„Naturschutzumfasstintegrierte

Maßnahmen zur Erhaltungund Förderungder

natürlichen Lebensgrundlagen (Naturgüter),

von Pflanzen und Tieren wildlebender Arten

undihrer Lebensgemeinschaften,zur Sicher-

ung von Landschaften und Landschaftsteilen

in ihrerVielfaltund Eigenart“ (LIPPERT 2000)

oder in denVorgaben desBNATSCHG2000.

1992 tauchte anlässlich der Welt -Konferenz

für Umwelt und Entwicklung inRio ein Be-

griff auf, der bis dahin nur eine gewisse Be-

deutung für Fachbiologen hatte: der Begriff

der Biodiversität. Im„Übereinkommen über

die biologische Vielfalt“ wurde er mit dem

Begriff der Nachhaltigkeit (Sustainability)

bedeutungsvoll und weltweit gesellschafts-

fähig. Über 170 Staaten unterzeichneten

mittlerweile diese Konvention über die Va-

riabilität der lebenden Organismen jeglicher

Herkunft und der ökologischen Komplexe

(Gemeinschaften), zu denen sie gehören. Im

Zentrum der Betrachtungen stehen also die

Vielfalt der Ökosysteme, der Lebensgemein-

schaften, der Arten und der genetischen

Vielfalt innerhalbeiner Art. DieSchätzungen

zur weltweiten Diversität belaufen sich auf

mehrere Millionen Arten. Genaueres weiß

man etwa über die regionale Artenvielfalt in

Deutschland: 45 000 Tierarten, 28 000 Pflan-

zenarten. Mit Mikroorganismen leben in un-

serem mitteleuropäischen Lebensraum ca.

75 000 Organismenarten, die zu einem en-

gen Netz des Lebens verknüpft sind und die


Grundlage für die menschliche Existenz im

weitesten Sinne bilden. Bei näherer Erfor-

schung wird auch das Entwicklungskonzept

dieser Artenvielfalt sichtbar, die Evolution,

daszudem den Eigenwertder Artenbegrün-

detund denMenscheneinschließt.

Welch ein erhabener Vorgang, der über viele

Millionen Jahre zusich stetig verändernden

Artenstrukturen führt und sich etwa in

der Schönheit eines Knabenkrautes, eines

Schwalbenschwanzes, eines Wanderfalken

oder des Menschen visualisiert. WILSON

(1995) spricht vom Wunder des hauchdün-

nen Lebensfilmes an der Oberfläche unseres

Planeten.AbMitte derachtziger Jahredieses

Jahrhunderts fand der Diversitätsbegriff im

Zusammenhang mit dem rapiden Artenrück-

gang weltweite Aufmerksamkeit und 1992

Eingang indas Übereinkommen über die bio-

logische Vielfalt(CBD).

Der zunächst streng naturwissenschaftliche

Begriffstelltdie Verteilung derIndividuen ver-

schiedener Artenauf Flächen oder in Raum-

einheiten in Form von Dominanzstrukturen

oder Diversitätsindizes (z.B.nachSHANNON

oder MARGALEF) dar, derenGüte von derta-

xonomischen Arten -Kenntnis und von der

Erfassungsmethode abhängt. Sie wird na-

türlich mit Artengruppen arbeiten, die sicher

undgut bekanntsindund nachIndikationsziel

ausgewähltwerden.

In der Präambel der CBD wird festgestellt,

dass die Biodiversität im Bewusstsein des

Eigenwertes der Arten und die Bedeutung

der Evolution für die biologische Vielfalt er-

arbeitet werden. Inder CBD wurde erstmals

der Eigenwert der biologischen Vielfalt und

der Aspekt der Evolution indie internationa-

le Gesetzgebung eingeführt: ein großer Fort-

schritt. Die 2007 vom Bundesministerium für

Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

derBundesrepublikDeutschland verabschie-

dete „Nationale Strategie der Biologischen

Vielfalt“ bestätigt dieseVorgehensweise.

Als 1836 CHARLES DARWIN von seiner be-

rühmt gewordenen Weltreise auf der Beagle

nach England zurückkehrte, las er das von

MALTHUS 1798 geschriebene Werk: “AnEs-

sayonthe principleofPopulations“ undstell-

te die Bedeutung von Mangelfaktoren für das

Entstehenvon Mannigfaltigkeitenheraus.

Er verarbeitete sie in seinem Hauptwerk „Über

dieEntstehungvon Artendurch natürliche Se-

lektion“ (1859) zurThese vonder biologischen

Auslese, wobei er zwei Voraussetzungen als

notwendigerachtete:

1. Die Individuen einer Tier- oder Pflanzen-

art sind nicht völlig gleich, sie variieren.

Nur die erblichen Variationen spielen für

dieEvolution eine Rolle.

2. Alle Organismen haben eine Überproduk-

tion an Nachkommen...Es muss daher

eine relativ große Sterblichkeit existieren,

da die Individuendichte bestimmter Arten

über vieleGenerationenhinweginder Re-

gel mehr oder weniger konstant bleiben.

Es kommtzum „struggle of life“und zu ei-

nernatürlichen Auslese (Selektion).

Die sich daraus ergebenden Folgerungen für

Naturschutzaspekte sind bisher wenig un-

tersucht (STREIT 1990), eröffnen aber neue

Aspekte. Sehr überzeugend indiesem Werk

die Ergebnisse von Untersuchungen zur life-

historyund evolution vonEchsendurch HEN-

LE. Verwiesen sei indiesem Zusammenhang

auch auf das Lehrangebot „Evolution, Biodi-

versität und Biogeographie“ von Kollegen J.

PFADENHAUERinFreisingodervon Kollegen

K.P. SAUERinBonn.

Biodiversität und Evolution hängen eng zu-

sammen (KNEITZ2007).

Die sehr kritischen Bewertungen des Biodi-

versitätskonzeptes von W. HABER (2006) er-

scheinen miraus dieser Sichtverfrüht.

25


26

Sicherung des nationalen Naturerbes ­

die Rolle der DBU

Fritz Brickwedde

Meinesehr geehrtenDamen undHerren,

die Sicherung des Nationalen Naturerbes ist

eine der wichtigsten Naturschutzaufgaben.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

wird dabei durch Übernahme von Flächen

eine wichtige Rolle spielen. Ich möchte Sie

darum über den aktuellen Umsetzungsstand

informieren.

Der Startschuss hierfür fand in Form eines

durch die DBU geförderten Vorhabens der

Strategiegruppe Naturschutzflächen des

DNR statt. Die DBU förderte von März 2004

bis März 2005 das Vorhaben „Langfristige

Finanzierungsansätze zur Sicherung des

Nationalen Naturerbes“. Ziel des Projekts

war die kritische Sichtung von Finanzie-

rungsinstrumenten, die Recherche und Be-

schreibung in Frage kommender Flächen

und die beispielhafte Entwicklung von Fi-

nanzierungs- und Organisationsmodellen.

Hieraus ergab sich, dass für 125.000 ha des

Nationalen Naturerbes dringender Hand-

lungsbedarfbesteht. Glücklicherweise hatdie

Politik entsprechend reagiert: Die Sicherung

des Nationalen Naturerbes wurde politisch

fixiert, indem eszum Bestandteil des Koaliti-

onsvertrags von CDU,CSU undSPD vomSep-

tember 2005 wurde. Hierin wurde festgelegt,

dass Bundesflächen mit gesamtstaatlich re-

präsentativerBedeutung, diedem Nationalen

Naturerbe gerecht werden, ineiner Größen-

ordnungvon 80.000 bis 125.000 ha unentgelt-

lich an die Länder oder aneine Bundesstif-

tung (vorzugsweise DBU) übertragen werden

sollen. Damit verbunden war ein sofortiger

Verkaufsstopp zur kurzfristigen Sicherung

derFlächen.

In Abstimmung zwischenBMU (BfN), Ländern,

BImA, BVVG undLMBVwurde schließlicheine

Flächenkulisse festgelegt.

Für folgende gesamtstaatlich repräsentative

Naturschutzflächen im Eigentum der öffent-

lichen Hand wurde Handlungsbedarf ermit-

telt:

21.000 ha entfallen auf BVVG-Flächen, ehe-

mals volkseigenen Flächen in den neuen

Bundesländern. Viele dieser Flächen sind

als Naturschutzgebiet bzw. Schutzgebiet

von europäischer Bedeutung (FFH- bzw.

Vogelschutzgebiet) ausgewiesen.

Das GrüneBand, also dieFlächen an derehe-

maligen innerdeutschen Grenze, macht 9.000

ha aus. Es stellt mit1.393kmden längstenBi-

otopverbundDeutschlands dar.

4.000 ha bestehen aus Bergbaufolgeland-

schaften, die aufgrund ihrer Großflächigkeit

und Unzerschnittenheit sowie der Nährstoff-

armut zuRefugien vieler Offenlandarten ge-

worden sind.

66.000 ha schließlich sind Militärflächen, die

aufgrund ihrerGroßflächigkeit undStörungs-

armut naturschutzfachlich bedeutsam sind.

Typisch sind hier nährstoffarmeSandtrocken-

rasen, Heiden und Moore, große Waldflächen

und weitgehend natürliche Fließgewässer

undSeen.

Insgesamt macht dies 100.000 ha. Zusätzlich

sollen in einer zweiten Phase weitere 25.000

ha folgen.

Fürdie DBUspielen verschiedene Gründe eine

Rolle, Flächen des Nationalen Naturerbes zu

übernehmen. Primäres Ziel ist die aktive Si-

cherung von Flächen, umeinen bundesweit

relevanten Beitragzum Erhalt desNationalen

Naturerbes zu leisten. Dies bedeutet, den

naturschutzfachlichen Wert der Flächen zu

erhalten bzw. zu verbessern, wozu esgeeig-

neterManagementpläne bedarf. Dasdazuer-

forderliche Monitoring wird seitens der DBU

entwickelt. Ein weiteres Ziel ist es, zusätzlich

Forschungsvorhaben zum besseren Ver-

ständnis natürlicher Entwicklungsprozesse

in allenLebensräumender Naturerbeflächen


anzuregen. Über ein breites Bildungsangebot

und eine intensive Öffentlichkeitsarbeit wird

die DBU zusätzlich die Initiative ergreifen,

Verständnis für Naturschutzthemen imGe-

nerellen und für die geplanten Maßnahmen

zu gewinnen. Parallel dazu wird die DBU

Partizipationsprozesse in den Gebieten der

Naturerbeflächen initiieren, um ihr Natur-

schutzengagement vor Ort zu erläutern und

um Akzeptanz, Unterstützungund Beteiligung

fürden Naturschutzzuwerben.

Vom Bund wurden uns in den Ländern Ba-

yern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpom-

mern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen,

Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt

undThüringenknapp 50.000 Hektarzur Über-

tragung angeboten. Wir sind derzeit intensiv

damit beschäftigt, alle Flächen durch Be-

suche kennen zu lernen, alle wichtigen Daten

zusammenzutragen und auszuwerten und in

Abstimmung mitden jeweiligen Ländern, dem

Bundesamt fürNaturschutz undder Bundes-

anstalt für Immobilienaufgaben (BImA) die

naturschutzfachlichen Leitbilder der Flächen

zu diskutieren. Durch die im Haushaltsbe-

schlussfestgelegteÜbernahmevon Personal

auf der einen Seite und teilweise erheblichen

Munitionsbelastungen und Altlasten der Flä-

chen auf der anderen Seite ist der Prüfungs-

aufwand, wiesichleicht nachvollziehen lässt,

sehr hoch.Wir sind trotzdem davonüberzeugt,

dass wir zeitnah diesen Prozess abschließen

und mit der Übertragung beginnen können.

Sollte dies gelingen,wäreein erster wichtiger

Schritt getan, umdieses große Projekt des

Naturschutzes erfolgreich indieser Legisla-

turperiode abzuschließen.

IchmöchteIhnen nuneinzelneLiegenschaften

kurzbeispielhaftvorstellen.

Typischerweise befinden sich auf den Trup-

penübungsplätzen durch Nutzung ent-

standene Offenlandbereiche mit Heideflä-

chen, wie beispielsweise in der Glücksburger

Heide(Sachsen-Anhalt).

Beispiele für Wald- und Wasserlebensräume

sind die Liegenschaft Prora auf der Insel Rü-

genund dieLaubwälderrundumden Kleinen

Jasmunder Bodden.

Innerhalb einzelner Liegenschaften be-

finden sich schützenswerte Tierarten mit

internationalem Schutzstatus. Auf der Lie-

genschaft Prora ist dies beispielsweise der

Schwarzstorch, der störungsarme, unzer-

schnittene Waldgebiete benötigt.

Die größte Liegenschaft, die der DBU an-

geboten wurde, ist der Eggesiner Forst. Die

27


28

Altwarper Binnendünen stellen hier interes-

sante Sandtrockenstandorte im Norden der

Liegenschaft dar.Der AhlbeckerSeegrundist

das größte intakte Hochmoor. Neben Offen-

landbereichenprägenimSüden ausgedehnte

wertvolle Buchenwälder, aber auch Moor-

wälder die Liegenschaft. Dominierend sind

allerdings dieKiefernwälder, dieinnaturnahe

Laubmischwälderüberführt werden müssen.

In Niedersachsen wurden der DBU zwei Lie-

genschaften angeboten, eine davon ist Alten-

walde (Cuxhaven). Diese Fläche wird durch

Beweidung mit Konikpferden und Heckrin-

dern offengehalten. Aufgrund einesLIFE-Pro-

jekts besteht imGebiet ein gut strukturiertes

Wege-bzw.Tourismuskonzept.

Lassen Sie mich nun noch auf die Einzelziele

fürdie Flächennäher eingehen.

Liegenschaftsweise werden Leitbilder er-

stellt, die anschließend mittels konkreter

Managementpläne realisiert werden. Prin-

zipiell gilt hierbei, dass Wälder in Naturent-

wicklungsgebiete zu überführen sind, das

heißt, im Vordergrund steht die Einstellung

waldbaulicher Maßnahmen bzw. die Nut-

zungsaufgabe. Die Dauer bis zur Nutzungs-

einstellung hängt dabei von dem Ausgangs-

zustand der Wälder ab: Jenaturferner der

Waldbestand ist, desto länger dauert der

Umbau bis zur Nutzungseinstellung. Wir ge-

hendavon aus, dass Laubwälder unmittelbar

der Naturentwicklung überlassen werden.

Zur Umwandlung von Kiefernbeständen in

naturnahe Laubmischwälder hingegen kann

es notwendig sein, dass waldbauliche Ein-

griffe durchzuführen sind, um besonders die

Naturverjüngung vonLaubbaumartenzuför-

dern.

Neben den Waldbereichen gibt es auf den

Flächen ausgedehnte Offenlandbereiche.

Diese sind auf Truppenübungsplätzen auf-

grund der militärischen Nutzung entstanden

bzw. erhalten worden. Ohne diese Nutzung

werden die Flächen schnell verbuschen und

bewalden. Hier sind zwei Ziele denkbar. Da

viele seltene Arten andiese offenen Lebens-

räumeangepasst sind, sind dieseBereiche ei-

nerseits durch Pflege (künstlich)offen zu hal-

ten, da ohne regelmäßige Pflegemaßnahmen

der Walddie Flächen in kurzerZeitzurücker-

obert. Hierfür kommen unterschiedliche Me-

thoden in Frage. So stehen verschiedene For-

men der Beweidung sowie der Mahd und des

Brandeszur Verfügung. Andererseits können

im Sinne der Störungsarmut der großräumig

unzerschnittenen Lebensräume Flächen teil-

weiseauchder temporären Sukzessionüber-


lassen werden. Diese Bereiche werden nach

einiger Zeit wieder inihren ursprünglichen

offenen Zustandzurückgeführt.

Auch für die Umweltbildung bieten sich mit

der Übernahme der Flächen vielfältige Mög-

lichkeiten, das Thema Naturerbe aufzuberei-

tenund erlebbar zu machen.

Um diese Aufgaben durchzuführen, wurde

unter dem Dach der DBU eine gemeinnützige

GmbH gegründet: dieDBU-NaturerbeGmbH.

Derzeit müssen für alle Liegenschaften in

Abstimmung mit dem Bundesamt für Natur-

schutz, den Ländern und der Bundesanstalt

für Immobilienaufgaben (Bundesforst) natur-

schutzfachliche Leitbilder erstellt werden.Di-

eseLeitbilderwerdenTeildesÜbertragungs- vertrags sein.

Für die Liegenschaftsverwaltung ermitteln

wir die Kosten und Erlöse (Personalkosten

sowie die Aufwendungen für Grundsteuer,

Verkehrssicherung,etc.bzw.Erlöseaus Holz-

verkauf, Jagd etc.). Speziell imBereich des

Offenlands müssen beiden Landesvertretern

Informationen zuvorhandenen Kartierungen

und Kosten der Pflegemaßnahmen sowie zu

Managementmaßnahmen abgefragt werden.

Des Weiteren werden in Verhandlungen

mit dem Bund die Übernahmeverträge vor-

bereitet. Parallel dazu werden die vorhan-

denen Altlasten, Kampfmittel und baulichen

Anlagenermittelt bzw. beurteilt.

Teilweise sind diese Aufgaben bereits erle-

digt.EinzelneSchritte stehen unsnochbevor.

Hinsichtlichder offenenFragenbezüglich der

Übernahme von Personal- und Sanierungs-

kosten binich zuversichtlich,dassein füralle

Seiten gangbarer Weg gefunden wird und die

DBU einen wichtigen Beitrag zur Sicherung

desNationalenNaturerbes leistenkann.

Ichbedankemichfür Ihre Aufmerksamkeit.

29


30

Naturschutz und Armutsbekämpfung:

Überforderung oder Notwendigkeit?

Manfred Niekisch

Schwierige

Begriffsbestimmungen

Die ersten Schwierigkeiten bei der Behand-

lung der Beziehungen zwischen Naturschutz

undArmutsbekämpfung ergebensichbereits

bei der definitorischen Erfassung beider Be-

griffe. Die Frage was „Natur“ eigentlich ist,

kann zwar beschreibend beantwortet wer-

den beispielsweise mit den Begriffen von bi-

ologischer Vielfalt, Lebensprozessen, natür-

lichen Ressourcen,naturnahenLandschaften,

doch geht das Verständnis, was Natur und

Naturschutz sind, dochweitauseinander.Bei-

spielsweise gelten anthropogen überformte

Landschaften wie artenarme Nadelwälder

oder Getreidefelder mit Klatschmohn und

Kornblume vielen Menschen durchaus als

Natur, währendsie aber nursehr bedingt oder

gar nicht Gegenstand der Naturschutzarbeit

sind. Derartige Diskussionen enden meist in

der Feststellung, dass Naturschutz eben der

Schutz der Natur sei und der Begriff „Natur“

kaum objektivfassbar ist, ebenso wieder Be-

griff„Landschaft“etwas beschreibt,das allein

in derSicht desMenschen, im Kopf entsteht.

Auch wenn „Armut“ auf den ersten Blick viel

besser definierbar erscheint, stellt sich doch

schnell heraus, wie sehr dieser Zustand von

den Bezugsgrößen, vom Umfeld abhängt. Die

früher und noch immer bei der Weltbank und

anderen Finanzeinrichtungen gebräuchliche

grobe Definition der „Schallgrenze“ von Ar-

mut bei weniger als einem US-Dollar pro Tag

undKopferweist sich schnellals völlig unzu-

reichend, da sie beispielsweise Subsistenz-

wirtschaften ohne monetäre Mittel nicht rich-

tig erfassen und bewerten lässt imVergleich

zu armenGruppen in Industriegesellschaften.

Auch die inzwischen sehr komplexen Indika-

torenpakete zur Erfassung und Definition von

Armutlassensehr viel Raum fürInterpretati-

on undFehlinterpretation. Armutwirdgrund-

sätzlich gemessen im Bezug auf den Zustand

und die Standards der menschlichen Gesell-

schaft in einem politisch oder geografisch

definierten Raum. Der Mangel ansozialen,

kulturellen, materiellenChancen undMitteln,

ein Leben zu führen, das gewissen Minimal-

standards entspricht, oder der Ausschluß

von einem Minimum an akzeptablen Lebens-

bedingungen, wie sie in einem Land gelten,

sind im Zusammenhang mit einer Umorien-

tierung der Definition von Armut, weg vom

rein monetären Maß, angemessenere und

umfassendere Beschreibungen und entspre-

chen einerstärker ökologischen, holistischen

Sichtweise,zeigenabernach wievor diegroße

Relativitätdes Begriffs.

Nun können und sollen sich diese Ausfüh-

rungen aber nicht damit befassen, die Be-

griffe „Armut“ und „Natur“ beziehungswei-

se „Armutsbekämpfung“ und „Naturschutz

umfassend zubeschreiben oder gar neu zu


definieren. Jedenfalls wird deutlich, dass wir

es mit Begrifflichkeiten zu tun haben, die in

breitem Maße Raum lassen für subjektive In-

terpretationen.

Für die Zwecke dieser Abhandlung sollen

als „Armutsbekämpfung“ all die Maßnah-

men verstanden werden, die von staatlichen,

kirchlichen oder privaten Institutionen mit

Mitteln und Strategien der Entwicklungszu-

sammenarbeit durchgeführt werden, umden

Lebensstandard von Menschen amExistenz-

minimum zuverbessern. „Naturschutzwird

entsprechend verstanden als die Summe der

Maßnahmen, welche das Ziel haben, die na-

türliche Biodiversität, lebende Ressourcen

und die Systeme, in die sie eingebunden sind,

in einem imökologischen Sinne funktionsfä-

higen Zustand und –auf die Umweltdienstlei-

tungen für den Menschen bezogen –inihrer

„Leistungsfähigkeit“ zu erhalten.Der Bestand

natürlich vorkommender, wildlebender Tier-

und Pflanzenarten ist hier ein Indikator. Nur

um derKlarheitwillensei daraufhingewiesen,

dass die Lieferung von Lebensmitteln usw.

nicht als Maßnahme der Armutsbekämpfung

gelten kann, dasie diese nicht nachhaltig lin-

dert, sondern im Gegenteil invieler Hinsicht

kontraproduktive Auswirkungen auf die sozi-

alen und wirtschaftlichen Gegebenheiten mit

sich bringt. Solche „humanitären“ Aktionen

sind nur zur Pufferung von akuten, katastro-

phalen Ereignissentauglich.

Armut und Naturzerstörung

bedingen sich wechselseitig

Schon lange hat sich die Erkenntnis durch-

gesetzt, dass Armut gleichermassen Ursa-

che für die Folge von Naturzerstörung ist.

Im Zuge der Entstehung und Umsetzung

der Konvention über Biologische Vielfalt

(Convention on Biological Diversity, CBD)

wurde vielfach und auf ganz unterschied-

lichen Ebenen, jedenfalls weltweit deutlich,

wie eng die Zusammenhänge zwischen dem

Rückgang der biologischen Vielfalt und der

Verschlimmerung der Armutssituation sind,

beziehungsweise wie bedeutsam esfür die

Bekämpfung von Armut ist, dass die Biodi-

versität erhalten wird. Während inden In-

dustrienationen Krisenzeiten oft gar nicht

erst entstehen, weil aufgrund der Weltwirt-

schaftsstrukturen, über Importeund techno-

logische Verfahren Ausweichmöglichkeiten

gegeben sind, sind Menschen vor allem in

ländlichen Räumen der Entwicklungsländer

und insbesondere solche in Subsistenzwirt-

schaft, unmittelbar und ohne Alternativen

von intakten Böden, sauberen Gewässern,

einem entsprechenden Klima und der ge-

wachsenenbiologischenVielfaltabhängig.

Im Jahre 2005 legten NABU, MISEREOR, der

Evangelische Entwicklungsdienst, WWF so-

wie Naturland gemeinsam die Studie “Öko-

logische Landwirtschaft – ein Beitrag zur

nachhaltigen Armutsbekämpfung inEntwick-

lungsländern“ vor und zeigen darin auf, dass

ökologischer Landbau imVergleich zur kon-

ventionellen Landwirtschaft dieArmut besser

bekämpfen kann. Die Studie belegt, dass die

ökologische Landwirtschaft einen wichtigen

Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten kann

undsie langfristig entscheidende Vorteile ge-

genüber der konventionellen Landwirtschaft

bietet. Soverringert sie die Abhängigkeit der

armen Bauern von teuren Betriebsmitteln,

gewährleistet eine höhere Ertragssicherheit

und mindert die Krisenanfälligkeit armer

Haushaltebei gleichzeitiger nachhaltigerNut-

zung dernatürlichen Ressourcen.

Sind Konflikte vorgegeben?

Insofern gehen die Zielsetzungen des Natur-

schutzes undder ArmutsbekämpfungHandin

31


32

Hand beziehungsweise überschneiden sich.

Doch Naturschutz hat sehr viel weiter ge-

hende Ansprüche. Dazu gehören der Schutz

vonWildnisgebieten,indenen dasWirkendes

Menschennicht spürbarwird, dieEinrichtung

und das Management intakter Schutzgebiete

mit dem Ziel der Erhaltung von natürlichen

Landschaften mit deren möglichst gesamt-

em Artenspektrum, der restriktive Schutz

vor allem bedrohter Arten, etwa vor der Be-

jagung oder dem internationalen Handel,

die Vernetzung von intakten Naturräumen

durch Einrichtung von Pufferzonen und öko-

logischen Korridoren, indenen Entwicklung

zwar zugelassen ist, aber unter dem Primat

der Unterstützung der Schutzziele steht, und

so weiter. Schon andiesem Ausschnitt von

möglichenNaturschutzmaßnahmen und-zie-

lenwirddeutlich, dass sich hier im konkreten,

praktischen Bereich Konflikte mit den Maß-

nahmen der Armutsbekämpfung ergeben.

Die wichtigsten Konfliktlinien und –potentiale

seien hier aufgezeigt: Naturschutz kommt

nichtohneRestriktionenaus,daerimInteres-

se der Erhaltung von Naturgütern reglemen-

tierend gegen Übernutzung und illegale Ent-

nahme einschreiten muß, doch zwingt Armut

zur Nutzung der verfügbaren Ressourcen.

Weiterhin ist Naturschutz auf Langfristigkeit

ausgerichtet, daerdie natürlichen Ressour-

cen dauerhaft erhalten will („Nationalparke

sind für die Ewigkeit“), doch lässt Armut kei-

nen Aufschub von Nutzung zu und muss so-

fort gelindert werden. Ein weiterer Punkt ist,

dass fachgerechter und wirkungsorientierter

Naturschutzplanvollvorgeht,wohingegenAr-

mut zuImprovisation und Spontanität zwingt.

Besonders komplex ist die wesentliche Be-

gründung der Notwendigkeit und Legitimität

desSchutzesder Naturmit demintrinsischen

Wert von Naturgütern. Ganz imUnterschied

dazu steht, dass Armutgeradezudazuzwingt,

primär oder ausschließlich den Nutzwert zu

sehen.

Gemeines und Trennendes

Das Ziel des Naturschutzes, die biologische

Vielfaltdauerhaft zu erhalten,deckt sich letzt-

endlich mit dem Ansatz der Armutsbekämp-

fung,die natürlichenRessourcenimInteresse

dauerhafter Nutzbarkeit zu bewirtschaften.

Insofern legt Naturschutz die Grundlagen für

nachhaltige Armutsbekämpfung. Ohne Natur-

schutz kann dauerhafte Armutsbekämpfung

also nichtfunktionieren.Umgekehrtkann Na-

turschutzohneArmutsbekämpfung aber ohne

weiteres funktionieren, wenn Armut nicht die

Ursacheder Bedrohung natürlicherRessour-

cenist.Großindustrielle Agrarprojekte wieder

SojaanbauinSüdbrasilien,welche weiträumig

Cerradound Amazonaswäldervernichten, die

Zerstörung der Mangroven für kommerzielle

Shrimp-Produktion, Palmölplantagen und

Holzeinschlag inden Regenwäldern für die

Exportwirtschaft und große Staudammpro-


jekte liefern zahlreiche Beispiele und Belege,

dass Armut keineswegs immer die Ursache

für die Bedrohung von biologischer Vielfalt

undnatürlichen Landschaften ist.

Allerdings istesinweitenTeilenvor allemder

Tropen in der Tat die Armut von Kleinbauern

undLandlosen,welchedie Hauptbedrohungs-

ursache für „Natur“ darstellt. Hier kann (zu-

mal restriktiver) Naturschutz auf Dauer nur

erfolgreich sein, wenn über Maßnahmen der

Armutsbekämpfung die Gründe für die De-

gradierung von Biodiversität und Flächen

beseitigt werden. Positive Effekte aus der

unmittelbaren Naturschutzarbeit für die Be-

seitigung von Armut, wie etwa das Entstehen

von Arbeitsplätzen oder neuen Einkommens-

quellen ausder Einrichtungund touristischen

Nutzung von Nationalparken sind der Ideal-

fall, aber nicht überall, nicht ohne weiteres

undnicht im nötigenUmfangautomatischge-

gebenbeziehungsweisedarstellbar.

Insofern kann, aber nicht immer muß Natur-

schutz ein Beitrag zur Armutsbekämpfung

sein. Dies zeigt sich auch bei klassischen

Instrumenten des Naturschutzes, den in-

ternationalen Konventionen. Restriktiver

Artenschutz über das Washingtoner Arten-

schutzübereinkommenkann,wie im Falledes

Managements undVerkaufsvon wildlebenden

„Zier“-pflanzen, viele Anreize und Möglich-

keiten zu geregeltem Einkommen schaffen,

dieseaberauch–etwaimFalle desElfenbeins

–zugunsten längerfristiger Ziele (vorüberge-

hend) beschneiden oder unmöglich machen.

Bei der Bonner „Konvention zum Schutze

wandernder wildlebender Tierarten“ kann

etwa im Falle der Albatrosse oder des Eu-

ropäischen Fledermausabkommens EURO-

BATS kein Armutsbezug hergestellt werden.

Ganz anders ist dies aber bei der inder sel-

ben Konvention gelisteten Saigaantilope, de-

ren weitestgehend zusammengeschossenen

Bestände im Falle ihrer Erholung durchaus

wieder eine Verbesserung der Lebensbedin-

gungen der lokalen Bevölkerung durch ge-

regelte Jagd mit sich bringen können, wozu

Naturschutzmaßnahmen Voraussetzungsind.

Diese wenigen Beispiele mögen genügen um

zu illustrieren, dass Naturschutz und Ar-

mutsbekämpfungoft,abernicht zwangsläufig

Hand in Handgehen undauf kurze Sichtsogar

gegenläufig sein können.

Außerdem gibt es natürlich weite Teile und

Kernanliegen der Armutsbekämpfung, deren

Naturschutzbezug nur auf sehr mittelbarem

Wege oder garnicht hergestellt werden kann.

Dazu gehören etwa dieBekämpfung von städ-

tischer Armut und HIV-Aids, die allgemeine

medizinische Versorgung und die Alphabeti-

sierung.

Chancen und Risiken

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass Natur-

schutzinstrumente und -strategien keines-

wegs immer geeignet sind, Armut zulindern.

Hinzu kommt, dass im Falle des Einsatzes

von Naturschutzmaßnahmen zur Armuts-

bekämpfung ein Scheitern dem Naturschutz

angelastet wird, auch wenn es darin begrün-

det liegt, dass hier falsche Erwartungen

bestanden oder die Befrachtung von Natur-

schutzinstrumenten mit armutslindernden

Aufgaben schlichtweg eine Überforderung

darstellt. Auch in der deutschen staatlichen

Entwicklungszusammenarbeit, keineswegs

aber nurhier,besteht nach wievor dieGefahr,

dass Armutsbekämpfung Vorrang erhält vor

langfristigem Ressourcenschutz,was auspo-

litischerund populistischer, auchhumanitärer

Sichtweise verständlich ist, aber langfristig

eher nicht zielführend sein kann. Ressour-

cenbezug in derEntwicklungspolitik, dasVer-

33


34

stehen von Naturschutz als Entwicklung im

ländlichen Raum mit Landnutzungsplanung,

derEinrichtung von Agroforstsystemen,Wild-

tierbewirtschaftung, auch ökologische Kaf-

feeverarbeitung, Partizipationund ganz allge-

mein nachhaltige Ressourcennutzung,wie sie

in denPufferzonendes Biosphärenreservates

Rio Platano in Honduras praktiziert werden

oder wie sie im Mekongdelta Vietnams gera-

de entwickelt werden, sind dagegen konkrete

Beispiele aus der aktuellen deutschen staat-

lichen Entwicklungszusammenarbeit, mit

denen Armutsbekämpfung und Naturschutz

erfolgreichpraktiziertodergeplant werden.

Besonders erfolgreich wurden diese Ver-

knüpfungen manifest bei der Ausweisung von

Indigenen-Territorien im brasilianischen Ama-

zonasgebiet. Hier be- bzw. entstehen in unter-

schiedlichen Ausweisungsstadien 198 Territo-

rien fürinsgesamt nur71.000 Indigene aufeiner

Gesamtfläche von 46.118.320 ha. Der Wert für

den auch imengeren Sinne verstandenen Na-

turschutz liegt auf der Hand, selbst wenn im

Focus dieser Maßnahmen die Sicherung der

Rechte traditioneller Gemeinschaften stand.

In Naturschutzkreisen inner- und außerhalb

Brasileins stößt dies durchaus auch auf Kri-

tik, da hier sehr viel größere Flächen, als sie

für den eigentlichen Regenwaldschutz durch

NationalparkeoderandereFormennach dem

Naturschutzrecht zur Verfügung stehen, in

die Verwaltung der Indianer und der für sie

zuständigenBehörde FUNAI gelegt sind.

Die Dimensionen erkennen!

Statt die Chancen zuerkennen, solche Flä-

chen, die für den institutionalisierten Natur-

schutz nie erreichbar wären, über andere

Strategien, nämlich als Indigenen-Territorien

zu sichern, denken nicht wenige berufliche

und ehrenamtliche Naturschützer hier allzu

konservativ und „konservierend“. Angesichts

der global rapide zunehmenden Armut, des

Bevölkerungswachstums und der weiter-

gehenden Degradierung von Natur muß der

Naturschutz seine entwicklungspolitischen

Dimensionenund denArmutsbezug erkennen

undwahrnehmen.

Gewissermaßen spiegelbildlich dazu do-

miniert inden Kreisen der –armutsbezo-

genen–Entwicklungszusammenarbeitnach

wie vor der humanitäre Gedanke losgelöst

von ökologischen Sichtweisen und ökosy-

stemarem Denken. Die biologische Vielfalt

und das Klima, in welches die Evolution den

Homo sapiens hineingeführt hat, müssen

als die nicht verhandelbaren Grundlagen al-

len menschlichen Wirtschaftens und damit

auch armutslindernder Maßnahmen wahr-

genommen und bewahrt werden. Es ist im

Interesse dauerhaft wirksamer Armutsbe-

kämpfung also unerlässlich, dass die damit

sich befassenden Institutionen, gleich ob

staatlich, kirchlich oder privat, den ökolo-

gischen Kontext ihrer Arbeit erkennen und

zumAusgangspunktihrer Strategien undIn-

strumentemachen.


Mit den Menschen für die Menschen:

Biodiversitätsschutz in Ökosystemen

Christof Schenck

Aufder ersten Umweltkonferenz derVereinten

Nationen1992inRio wurdeeineinternationa-

le Konventionzur BiologischenVielfaltverab-

schiedet. Die CBD –Convention onBiological

Diversity, zu deutsch: das Übereinkommen

zurBiologischenVielfalt, dasbishervon knapp

170Staaten und der EU unterzeichnet wurde.

Damit verpflichten sich die Regierungen, die

natürliche Biodiversität zu erhalten,sie nach-

haltig zunutzen und die Erträgnisse aus den

genetischen Ressourcen fair zu teilen. Nach-

haltig heißt hier, dass die heutige Generati-

on, die Möglichkeiten künftiger Generationen

nicht einschränkt. Die Biodiversität oder Bi-

ologische Vielfalt bezieht sich auf drei Ebe-

nendes Lebens aufder Erde: Die Vielfaltder

genetischen Informationen, die Artenvielfalt

von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen

und die Vielfalt der Ökosysteme. Biologische

Vielfaltumschreibtdamitdas gesamteLeben

auf der Erde, die lebendigen Ressourcen und

ihre Wechselwirkungen mit den unbelebten

Bestandteilen, die dynamische, sich verän-

dernde Bibliothek des Lebens. 1992 hatte die

Staatengemeinschaft erkannt, dass dieErhal-

tung der Biodiversität zur zentralen Umwelt-

aufgabe der Menschheit geworden war, nicht

weil es um den Schutz der schönen Natur

geht,sondern weil unseraller menschenwür-

diges Leben, und wohl auch unser Überleben

davonabhängt.

DieVielfaltderNaturistdieGrundlageunseres

Lebens und der globalen wirtschaftlichen

Entwicklung. Sie ist Vorbild für technische

Innovationen und trägt zum Klimaschutz

bei. 40 Prozent des weltweiten Handelsvolu-

mens bauen darauf auf, die natürlichen Le-

bensgrundlagen zu nutzen, 10.000 bis 20.000

Pflanzenarten werden weltweit für Arzneien

verwendet. Wälder,sauberesWasserund der

Schutz des Klimas sichern den Lebensunter-

35


36

halt von etwa 600 Millionen Menschen inden

Entwicklungsländern. Die Leistung von Arten

und Ökosystemen, von der Bestäubung der

Kulturpflanzen bis zur Abfallbeseitigung und

Reinigung von Wasser und Böden sind unbe-

zifferbar. Wir sind selbst Teil der Natur und

haben eine starke Affinität zu Tieren und in-

takten Lebensräumen.Die Biologische Vielfalt

ist das Kapital dieser Erde, entstanden in3,5

Milliarden Evolution und mit jeder ausgerot-

teten Art schmälern wir die Ertragsbasis und

die Möglichkeiten für freie Entscheidungen

kommenderGenerationen.

Von Hot Spots und Endemiten

Biodiversität ist auf der Erde sehr ungleich

verteilt. Esgibt die tropischen Regenwälder

undKorallenriffe mitden höchsten Artendich-

ten, artenarme Wüsten und Eisregionen und

Gebiete mit besonders vielen endemischen

Arten, Arten die nur ineiner eng begrenzten

Region vorkommen und sonst nirgends. Will

man Biodiversität insgesamt erhalten, dann

muss manalles berücksichtigen: Gene,Arten

und Ökosysteme. In den letzten zwanzig Jah-

ren gab es eine Reihe von Untersuchungen,

Modellen und Strategien zur Erhaltung der

Biodiversität. All diesen Ansätzen liegt die

Erkenntnis zugrunde, dass es nicht gelingen

kann, alles überall zuschützen. Die finan-

ziellen Mittel sind knapp, die Zeit drängt. Es

galt Schwerpunkte zu setzen. Jenach Auto-

rengruppewurdendiese mehr aufbesonders

bedrohte Regionen gelegt, repräsentative

Ausschnitte gewählt, kleinere oder größere

Einheiten gebildet, marine Ökosysteme hin-

zugenommen oder ausgeschlossenoderdem

Wildnischarakter, das heißt einem geringen

menschlichen Einfluss, eine besondere Be-

deutung beigemessen. Gemeinsam ist den

Ansätzen, dass sie alle versuchen Biodiver-

sität sichtbar zumachen. Vielfarbige Karten

der Erde zeigen die bedeutsamen Regionen

für die Erhaltung der Bibliothek des Lebens.

Federführend bei der Entwicklung neuer,

globaler Naturschutzstrategien waren und

sind amerikanischenWissenschaftler unddie

großen Naturschutzorganisationen wie Con-

servation International (CI), Wildlife Conser-

vation Society(WCS),der WorldWideFundfor

Nature (WWF)oderBirdLifeInternationalmit

HauptsitzinCambridge.

CI orientiert sich an 34 sogenannten „hot

spots“, Gebieten unter großem Druck mit

besonders vielen Arten oder vielen ende-

mischen Arten. Die hot spots haben bereits

mehr als 70Prozent ihrer natürlichen Vege-

tation eingebüßt und es leben dort die Hälf-

te aller Pflanzenarten der Erde und 42 Pro-

zent aller terrestrischen Wirbeltiere, obwohl

alle hot spots zusammen nur 2,3 Prozent der

Landmasseder Erde umfassen.Auf ganzwe-

nigRaum findet sich einGroßteilder Biodiver-

sität. Weil man sich mit den hot spots auf die

besonders gefährdeten Gebiete konzentriert,

aber auch Regionen schützen will, die enorm

wichtigsind, aber noch nichteinen so starken

Verlust ihrer natürlichen Vegetation aufwei-

sen, hat CIden hot spot Ansatz noch umfünf

wichtige Wildnisregionen und sieben biodi-

versitätsreiche marine Gebiete ergänzt. Ins-

besondere bei den Wildnisregionen handelt

es sich um große, weitgehend unzerstörte

Gebiete, deren natürliche Vegetation zumehr

als70Prozent intaktist undinden denenna-

türliche Prozesse weitgehend unbeeinflusst

vomMenschenablaufen.

Das Konzept des WWF basiert auf den Le-

bensraumtypen der Erde. Eswird zwischen

14 terrestrischen, 4Süßwasser-, und 3mari-

nen Lebensraumtypen unterschieden. Für all

diese übergeordneten Lebensräume werden

repräsentative Ökoregionen ausgewählt, die


es zu erhalten gilt. Zwar enthält ein einziger

Lebensraumtyp, der tropische Regenwald,

wahrscheinlich dieHälfte allerArten derErde,

aber beim WWFKonzeptgingesauchdarum,

diesen Lebensraumtypund vor allemauchdie

andere Hälfte der Arten und ihre Lebensräu-

me mit zuberücksichtigen. Insgesamt wer-

den 238 Ökoregionen aufgelistet. Ähnlich wie

beim CI Ansatz spielen derArtenreichtumund

der Endemismus (das exklusive Vorkommen

vonArten)bei derAnalyse eine wichtige Rolle.

Hinzu kommen die taxonomische Einheit (ob

neben den Arten Gattungen, Familien oder

Ordnungenbetroffensind),außergewöhnliche

ökologische oder evolutive Phänomene (wie

große Herdenwanderungen) und die globale

Seltenheit eines bestimmten Lebensraum-

typs.

Auch die New Yorker WCS geht von den ter-

restrischen Ökoregionen des WWF aus und

klassifiziert fürdiese die10Prozent dergröß-

ten und natürlichsten Lebensräume. Dabei

wurden auch menschliche Siedlungen, die

Bevölkerungsdichte, Zerschneidungen durch

Straßen und Eisenbahnlinien und andere

menschliche Einflussnahme mitberücksich-

tig. Die 568 „last ofthe wild“ Gebiete bieten

nach der Analyse von WCS ganz besonders

gute Bedingungen für den Naturschutz. Auf-

grund ihres noch relativ guten Zustandes

kann es gelingen mit diesen Regionen einen

repräsentativen Ausschnitt der weltweiten

Biodiversität zu erhalten.

Die primär auf den Schutz von Vögeln ausge-

richtete Organisation Bird Life International

hat 218 so genannte „endemic bird areas“

(EBA) klassifiziert, indenen mindestens zwei

Vogelarten vorkommen, die esnur dort und

sonst nirgends auf der Welt gibt. Dabei ste-

hen die Vögel stellvertretend für viele ande-

re Tiere und Pflanzen. Tatsächlich gibt es

eine Überlappung von 70% mit den Gebieten,

in denen weltweit bedeutende endemische

Pflanzen vorkommen. DieEBAsumfassen4,5

Prozentder Landmasse derErde. Wiebei den

anderen Konzepten zeigt sich auch hier, dass

es möglichist,auf einemkleinen Teil derErd-

oberfläche den Großteil der Gene, Arten und

Ökosysteme zu erhalten.

So unterschiedlich die verschiedenen An-

sätze imDetail sind, so ähnlich ist doch das

Gesamtergebnis.Sobeinhalten alle hotspots

mindestens eine Global 200 Region und in 31

hotspots findet sich mindestens eine EBA. 60

Prozent der Global 200 Regionen und 78 Pro-

zent der EBAs überlappen sich mit den hot

spots. Die höchste Übereinstimmung gibt es

im Tropengürtelder Erde.Dortfindensichdie

artenreichstenLebensräume,die Gebietemit

den meisten Pflanzen, Vögeln und anderen

Tieren und dort ist auch die Bedrohung am

stärksten. Die Konzentration der weltweiten

Biodiversität ist einerseits eine große Chan-

ce, wenn es gelingtdiese Gebietezuschützen,

andererseits birgt dies auch ein besonderes

Risiko.Wenn derSchutzmisslingt,ist der Ver-

lust überproportional hoch.

Wichtig bei der Anwendung der Biodiversi-

täts-Konzepte ist, dass manstets dieErdeals

Ganzes im Blick behält. Wählt man den be-

trachtetenAusschnitt zu kleinund untersucht

zum Beispiel die Kreuzotter inDeutschland

als Reptilienart, so kommt man zum Ergeb-

nis, dass sie bei uns als stark gefährdet in

der Roten Liste geführt wird. Allerdings ist

die Kreuzotter neben der Bergeidechse das

Reptil mitder weltweit weitestenVerbreitung,

von Westeuropa über Skandinavien bis hin

zum östlichen Ende des gemäßigten Asiens.

Deutschland trägt für die Kreuzotter keine

37


38

besondere Bedeutung. Anders sieht eszum

Beispiel beim Rotmilan aus: Von den impo-

santen Greifen brütet immerhin mehr als 50

Prozent des Weltbestands in Deutschland.

Genauso irreführend ist die Annahme, eine

vielfältige Kulturlandschaft hätte die Biodi-

versität gegenüber einem dort natürlich vor-

kommenden,relativartenarmenBuchenwald

gesteigert. Dies stimmt nur für den kleinen

Ausschnitt, global gesehen ist die Aussage

falsch. Die Arten der Kulturlandschaft waren

entweder in geringer Dichte im Buchenwald

bereitsvorhanden,odersindaus anderenGe-

bieten eingewandert.Das heißtnicht,dassdie

Erhaltung artenreicher Kulturlandschaften

nicht sinnvoll ist. Häufig ergeben sich in die-

sen ästhetisch ansprechenden Landschaften

Ersatzlebensräume für Arten, deren natür-

liche Habitate vernichtet wurden. Kultur-

landschaften basieren auf den Leistungen

des Menschen und sind in diesem Sinne als

kulturelles Gut schützenswert. Sie sind aber

keine dynamischen Naturlandschaften, von

denen esimmer weniger gibt. Der Mensch

hat weltweit Gene, Arten und Ökosysteme

vernichtet, aber nicht bereichert. Umge-

kehrtkann dasBiodiversitäts-Konzept jedoch

auf jeder Raumgröße angewandt werden.

Ist man beispielsweise als Politiker nur für

Deutschland zuständig, dann kann man auch

in Deutschlanddie wichtigstenLebensräume,

endemische Arten und besonders gefährdete

Regionenbenennen undden Schutz aufdiese

Gebietekonzentrieren.

Die große Krise

Das derzeitige Wachstum beträgt 80Millio-

nenMenschenpro Jahr undder Scheitelpunkt

wird wohl erst in 50 Jahren beieiner Gesamt-

zahlvon9MilliardenMenschenerreichtwer- den. 99 Prozent der Bevölkerungszunahme

findet in den Entwicklungsländern statt. Der

größte Teil der Menschheit wird auch zukünf-

tig inAsien leben. Die mit knapp vier Milliar-

den Menschen bevölkerungsreichste Regi-

on der Erde wächst bis 2050 voraussichtlich

um weitere 1,3 Milliarden. Dabei wird China

als Land mit der weltweit höchsten Bevöl-

kerungszahl bald von Indien abgelöst. Noch

größer ist das prozentuale Wachstum auf

dem afrikanischen Kontinent: Bis zur Mitte

des Jahrhunderts wird sich die Bevölkerung

Afrikas von heute 924 Millionen Menschen

auf fast zwei Milliarden verdoppeln. Damit

steigt der Anteil Afrikas an der Weltbevölke-

rung von heute 14,1 Prozent auf 21,6 Prozent

im Jahr 2050. Vor allem die Menschen inden

Industrieländern hinterlassen einen beson-

ders großen „ökologischen Fußabdruck“. Er

gibt die Fläche an, die notwendig ist, um den

gegenwärtigen Verbrauch einer Bevölkerung

an Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Rohstoffen

und Energie zu decken und ihre Abfall- und

Kohlendioxidproduktion aufzunehmen. Die

USAhattenbeispielsweiseimJahr 2001 einen

ökologischen Fußabdruck von 9,5 Hektar pro

Person. Gleichzeitig beträgt die „biologische

Kapazität“, also die zur Verfügung stehende

Menge annatürlichen Ressourcen der Regi-

on,abernur 4,9Hektar. DieUSA verbrauchen

demnach fast doppeltsovieleRessourcen, wie

ihre Region bereitstellen kann. ImGegensatz

dazu istder Ressourcenverbrauchpro Person

in den Entwicklungsländern noch sehr viel

niedriger: In Afrika beträgt der ökologische

Fußabdruck nur 1,2 Hektar pro Person, bei

einer Biokapazität von 1,3 Hektar. Mit knapp

20 Prozent der Weltbevölkerung sind die In-

dustrieländer heute für zwei Drittel des glo-

balen Energiekonsums verantwortlich. 1995

trug beispielsweise jeder US-Amerikaner

mehr als 16.000 mal soviel wie ein Somalier

zur globalen CO2-Emission bei. Expotentielle

Wachstumsraten ergebensichsomit nicht nur


aus dem Bevölkerungswachstum, sondern

auch aus dem berechtigten Anspruch an ei-

nenhöherenLebensstandardinden heutigen

Entwicklungsländern.

Eine einzige Art, Homo sapiens, hat weit rei-

chende globale Veränderungen verursacht.

Mehr als 50 Prozent der tropischen Regen-

wälder istabgeholzt oder verbrannt, dieHälf-

te der globalen Feuchtgebiete existiert nicht

mehr, Menschen nutzen 54Prozent der ver-

fügbaren Süßwasservorkommen, 58Prozent

der Korallenriffe gelten als gefährdet, in der

Karibik sind bereits 80 Prozent der Riffe zer-

stört, dieFischereiflottenliegenmit ihrenKa-

pazitäten 40Prozent über einer nachhaltigen

Nutzung, 25 Prozent aller Meeresfischbestän-

de sind gefährdet, 35 Prozent allerMangroven

wurden in denletzten 20 Jahren vernichtet,80

Prozent der Grasländer sind von Bodenerosi-

on bedroht.Die weltweiteBestandsaufnahme

derVereinten Nationenzum Zustandder Öko-

systeme kam im Jahr 2005 zu dem Ergebnis,

dass sich bereits 60Prozent der Ökosysteme

in einem Zustand fortgeschrittener oder an-

haltender Zerstörung befinden. Die Ausster-

berate der Pflanzen und Tiere hat sich um

mindestens den Faktor 100 beschleunigt. Ein

Massensterben der Arten hat eingesetzt. 113

Vogel- und 83 Säugetierarten sind bereits

nachweislich verschwunden, 11 Prozent aller

Vogelarten, immerhin mehr als 1.000 Arten,

sollen den Berechnungen zufolge, dieses

neue Jahrhundert nichtüberleben.12Prozent

derPflanzenarten stehtein ähnliches Schick-

salbevor. Vonrund40.000 untersuchten Arten

klassifizierte dieWeltnaturschutzorganisation

IUCN mehr als16.000 Artenals gefährdetein,

darunter mehr als 1.000 Säugetierarten und

mehr als 1.200 Vogelarten. Paläontologen

malen zusätzlich ein düsteres Bild: Ihre Un-

tersuchungen hatte ergeben, dass komplexe

Ökosysteme wie Korallenriffe oder Tropen-

wälder mehrere Millionen Jahre zur Regene-

ration benötigen.

Klima im Umbruch

Hinzu kommt der menschengemachte Kli-

mawandel als eine der größten Herausfor-

derungen an die Menschheit. Die Zahlen sind

erdrückend: Seit 1861, dem Beginn systema-

tischer meteorologischer Aufzeichnungen,

stieg die global gemittelte Temperatur um

0,6 Grad (+/- 0,2 Grad). Das ist die stärkste

Temperaturerhöhung während der letzten

1.000 Jahre auf der nördlichen Erdhalbku-

gel. Der Meeresspiegel erhöhte sich imver-

gangen Jahrhundertum10bis 20 Zentimeter.

Die Schneebedeckung der Nordhemisphäre

sank seit 1960 um 10 Prozent. Die arktische

Meereseisdecke nahm in der Stärke um40

Prozent ab. Ursache sind die Treibhausgase,

erzeugt durch die Nutzung fossiler Energien,

durch Rodung, Ackerbau und Viehzucht. Die

Konzentration an Kohlendioxid nahm seit der

Industrialisierung um30Prozent zu. Die Me-

thankonzentration hat sich mehr als verdop-

pelt. Für beide Gase findet sich inden letzten

420.000 Jahre keine vergleichbare hohe Kon-

zentration.Dickstoffoxid nahmum17Prozent

zu und erreichte einen Wert, wie er in den

letzten 1.000 Jahren nicht auftrat. Die Pro-

gnosen für die Zukunft sind dramatisch: Bei

unverändertem Verhalten wird bis zum Jahr

2100 miteinem Temperaturanstieg von1,4 bis

5,8 Grad gerechnet. Der Meeresspiegel wird

zwischen 10 und 90Zentimeter steigen, Kü-

stenregionen und tief gelegene Inselstaaten

werden überflutet, Wüsten breiten sich aus,

Gletscher schmelzenweiterab. Bereitsheute

ist der Klimawandel eine der Hauptursachen

von Naturkatastrophen, wie beispielsweise

Hochwasser, Stürme und Trockenperioden.

EinDrittel allerTier-und Pflanzenartenkann

39


40

aufgrund des schnellen Klimawandels aus-

sterben.

Anhand von vier Bespielen der Projektarbeit

der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt

sollen aktuelle Probleme vor Ort erläutert

werden undMöglichkeiten füreinen Biodiver-

sitätsschutz mit den Menschen für die Men-

schenaufgezeigtwerden.

Virunga­Nationalpark Kongo

Der Nationalpark umfasst 7.900 Quadratki-

lometer, dreißig mal sogroß wie der Natio-

nalpark Bayerischer Wald. Mit den Rwenzori

Mountains Nationalpark (Uganda), dem Parc

Nationaldes Volcans (Ruanda)und demMga-

hingaGorilla Nationalpark(Uganda)grenzter

an weitere wichtige Schutzgebiete. Der Nati-

onalpark wurde 1925 als erster Nationalpark

Afrikas eingerichtet und ist gleichzeitig auch

das älteste Weltnaturerbegebiet der UNESCO

auf dem Kontinent. Allerdings findet er sich

bereits seit 13Jahren auf der Liste der „ge-

fährdeten Naturerbegebiete“. Die Landschaft

istüberaus vielfältig,die Höhenstufung reicht

von 800 auf mehr als 5.000 Meter, es finden

sich dort afroalpine Vegetation, Bergwälder,

Tiefland-, Trocken,- Feuchtwald, Savannen,

Flüsse und Feuchtgebiete. Der Park ist Hei-

mat von circa 350 Berggorillas, immerhin 50

Prozent derWeltpopulation,Flachlandgorillas

und Schimpansen. Zusätzlich finden sich dort

mit 32Amphibien-, 30 Vögel-, 25 Säugetier-

artenbesonders vieleendemische Arten. Der

Park gilt alsGlobal200 Region,CIHot spot und

EndemicBirdArea(Bird Life). DieZoologische


GesellschaftFrankfurtistseitderÄravonProf.

BernhardGrzimekinden1950erJahrenimGe-

biet aktiv. Seit 2003 gibteswiederein größeres

Programm miteigener Projektleitung vorOrt.

Die Region imUmfeld des Parks gehört zu

denGebietenmit derhöchstenBevölkerungs-

dichte. Im Durchschnitt leben dort 480 Men-

schen pro Quadratkilometer. Ackerbau auf

den nährstoffreichen vulkanischen Böden ist

dafürdie Grundlage. Illegale Rodungals Sied-

lungs- und Anbaufläche sowie die Holzkohle-

gewinnung, die ein geschätztes Handelsvo-

lumen von mehr als 20Millionen Dollar pro

Jahr aufweist, sind die größten konstanten

Gefahren.Hinzu kommtaktuell eine sehr pre-

käre Sicherheitslage mit kriegerischen Aus-

einandersetzungen, ethnischen Konflikten

und Machtansprüchen zur Exploration von

Bodenschätzen. Mehr als 100 Park-Ranger

mussteninden letztenzehn Jahren im Dienst

ihr Leben lassen. Indiesem Jahr wurden be-

reitsmehr als10Gorillasgezielt umgebracht,

um denParkzuschwächen,Wildfleisch zu be-

kommen oder Tiere zuhandeln. Inden Nach-

barländern Uganda und Ruanda existiert ein

gut organisierter Gorilla-Tourismus zuhabi-

tuierten Gorilla-Gruppen, bei dem ein Grup-

penbesuch pro Person 500 Dollar kostet und

auf eine Stunde beschränkt ist. Danach kann

ein einziger Gorilla pro Lebenszeit mehr als

vier Millionen Dollar „erwirtschaften“. Die

Tiere könnten eine herausragende nachhal-

tige Entwicklung der Regionen ermöglichen,

eine Vielzahl an Arbeitsplätzen gewährlei-

sten und mit dem Lebensraumschutz öko-

systemare Leistungen wie Regulation des

Wasserregimes und Klimas, die auch für die

Landwirtschaft sehr bedeutsamsind, sicher-

stellen. Ohne die Hilfe der Weltgemeinschaft

(UN Friedesntruppen, „green forces“) wird

die Sicherung des Gebiets und der letzten

Berggorillasnicht gelingen.

Serengeti­Nationalpark

Tansania

Das Serengeti-Ökosystem beherbergt das

größte Wandersystem von Landsäugetie-

ren auf der Welt und die höchste Dichte an

Großraubtieren.Esist eineinzigartigesWild-

nisgebiet mit weltweiter Bedeutung beim

Safari-Tourismus. Im 45 Kilometer-Umfeld

des Nationalparks lebt über eine Millionen

Menschen. Die Bevölkerungszahl und die

Bedürfnisse der Menschen nehmen stark

zu. Zusätzlich haben sich die Gnuherden von

dem Jahrhunderteinbruch durch die vom

Menschen eingeschleppte Rinderpest erholt,

sind zahlenmäßig auf mehr als 1,2 Millionen

Tiere angewachsen und beanspruchen Wan-

dergebiete außerhalb der Schutzzonen. Der

Nationalpark selbst wird zunehmend Opfer

des eigenen Erfolgs. Der Touristenstrom

steigt kontinuierlich, die Parkeinnahmen

liegen bei mehr als 10Millionen Dollar, der

erzeugte Umsatz bei mehr als 570 Millionen

Dollar. Es gibt inzwischen starke Bestre-

bungen, die restriktive Politik des „high co-

stslow impact“, desexklusiven, zahlenmäßig

begrenzten, hochpreisigenTourismuszuver-

lassen und deutlich mehr Betten im Gebiet

zur Verfügung zu stellen. Die würde nicht

nur die natürlichen Ressourcen gefährden,

sondern auch das exklusive Wildniserleb-

nis, das Alleinstellungsmerkmal, vernichten.

In der Serengeti sind jetzt intelligente und

partizipative Landnutzungskonzepte gefragt,

die die Ansprücheder Menschen mitden Le-

bensnotwendigkeiten der Wildtiere verbin-

den und räumlich anpassen. Damit kann ein

geeignetes Pufferzonensystem entstehen.

Der Nationalpark muss als Wildnisgebiet

besiedlungsfrei bleiben und die touristische

Nutzung muss sich ander Ressourcensiche-

rung und dem Wildniserlebnis orientieren.

41


42

Zur langfristigen finanziellen Absicherung

weltweit herausragender Gebietesindsoge-

nannte „trust funds“, gebietsbezogene Stif-

tungen, mit internationalen Mitteln gespeist,

notwendig.

Bale­Nationalpark Äthiopien

Der Bale Nationalpark in Äthiopien umfasst

220.000 Hektar und die Höhenzonierung

reicht von1.600 bisauf 4.300Meter.Esfindet

sich dort das größte, zusammenhängende

afro-alpineGebiet. DerEndemismusgradist

sehr hoch. Inden Bale Bergen kommen 17

der 31endemischen Säugetiertarten Äthio-

piens(78 Arteninsgesamt in Bale)und 6der

16 endemischen Vogelarten (284 Arten ins-

gesamt in Bale). In den Bergen entspringen

drei der größten Flüsse des somalischen

Tieflands. ImPark selbst leben 15.- 40.000

Menschen, die aufgrund ihrer Viehhaltung,

Ackerbau, Abholzung und Trockenlegung

vonFeuchtgebietenden Park undseine öko-

systemaren Leistungen, die überwiegend

das Wasserregime betreffen, langfristig

gefährden. Von der Wasserspeicherwir-

kung der Bale Berge, der Sumpfgebiete und

besonders der Harenna-Wälder hängt das

Überlebenvon 12 MillionenMenscheninden

somalischen Tiefebenen ab. Zusätzlich sind

die Bale Berge auch die Heimat des extrem

seltenen Äthiopischen Wolfes. Von circa 500

noch lebenden Tieren kommen 300 inden

Bale Bergen vor.

DieBale Bergezeigen ganz besonders, dass

bei einem modernen Naturschutz große

Räume betrachtet werden müssen.Kurzfri-

stige, durchaus verständliche Interessen,

müssen gegenüber langfristigen Sicher-

heiten abgewogen werden und die Entwick-

lungsmöglichkeiten bestimmter Gruppen

darf das Überleben einer Vielzahl von Men-

schen nicht gefährden. Der Bale National-

park,seinewichtigen Feuchtgebiete unddie

Wälder werden auf Dauer nur Bestand ha-

ben, wenn der Park weitgehend siedlungs-

frei wird. Das Beispiel zeigt deutlich, wie

vorausschauende Entwicklungshilfe As-

pekte des Natur- und Ressourcenschutzes

berücksichtigen sollte und wie eng heute

Biodiversitätsschutz, Armutsbekämpfung,

Friedenssicherung und Erhaltung der na-

türlichen klimatischen Bedingungen mitei-

nander verknüpft sind.

Truppenübungsplätze in

Deutschland

In Deutschland besteht für den Naturschutz

primär ein Flächenproblem. In eine an-

thropogen geprägte Landschaft mit Sied-

lungs- und Verkehrsflächen, sowie intensiver

Land- und Forstwirtschaft sind verinselte,

kleine Schutzgebiete hineingestreut. Mehr

als Zweidrittel der Naturschutzgebiete sind

unter 50Hektar groß, terrestrische National-

parke weisen eine Durchschnittsgröße von

nur 21.000 Hektar auf. Obwohl sich Wald auf

einem Drittel der Fläche ausdehnt, gedei-

hen dort häufig standortsfremde Baumar-

ten, der Totholzanteil ist sehr gering und die

Bäume werden inder Regel imJugendsta-

dium gefällt. Ganze Lebensgemeinschaften,

von den holzbewohnenden Käfern bis zu den

höhlenbrütenden Vögeln sind sehr selten ge-

worden oder fehlen ganz. Dynamische, alte

Wälder mit natürlichen Abläufen finden sich

auf weniger als 0,8 Prozent der Waldflächen.

Truppenübungsplätze sind meist großflä-

chig, unzerschnitten und abgelegen und

weisen eine ungerichtete, unregelmäßige

Nutzung auf. Sie sind ideale Ergänzungs-

flächen für neue Wildnisgebiete. Allerdings

ist esnotwendig dort konsequent den Wild-


nisansatz zuverfolgen und die natürliche

Sukzession zuzulassen, auch wenn dies mit

der Bewaldung von Offenlandflächen ein-

hergeht. Damit können diese Flächen einen

entscheidenden Beitrag zur Verringerung

des größten Defizits in Deutschland, dem

Vorhandensein dynamischer,totholzreicher

Wälder,leisten.Umdiese Zielezuerreichen

und Biodiversitätsschutz auch inDeutsch-

land zu verbessern, ist esnotwendig dem

Wildnisansatz zu weiterer gesellschaft-

licher Akzeptanz zuverhelfen. Auch hier-

bei ist die Gesellschaft eines der reichsten

Länder der Erde gefragt, umlangfristige

finanzielle Absicherungen, zum Beispiel in

Form von Stiftungen oder Nationalparks zu

gewährleisten.

Welchen Naturschutz wollen

wir –welchen Naturschutz

brauchen wir?

Mitden AusführungenzuBeginnund denBei-

spielen aus Afrika und Deutschland sollten

einige wichtige Elemente des heute notwen-

digenNaturschutzes aufgezeigt werden:

• Biodiversitäts-Vorranggebiete müssen

unbedingt gesichert werden (dabei muss

derRaumbezug beachtetwerden!)

• Die großen, globalen Aufgaben der

Menschheit (Armut, Frieden, Klima, Bio-

diversität) müssen stärker vernetzt und

aufeinanderabgestimmt werden.

• Wir müssen große Räume sichern umna-

türliche Prozessezulassenzukönnen. Wir

brauchen Wildnisgebiete, auch imSinne

der Biodiversitätskonvention (Schutz von

Ökosystemen).

• Insbesondere sollen nutzungsfreie Natio-

nalparks in Biodiversitätskerngebieten als

Welterbe erhalten werden.

Naturschutz muss die Bedürfnisse der

Menschen berücksichtigen, es gilt geeig-

nete Pufferzonen zuentwickeln, für Ak-

zeptanz zuwerben und nachhaltige Nut-

zung alsPrinzip zu verankern.

• Für Deutschland gilt, dass es auch ein

„Kehren vor der eigenen Haustüre“ geben

muss. Auch in einem dicht besiedelten

Land können Wildnisgebiete wieder ent-

stehen. Gleichzeitig ist aber auch mehr

internationales Engagement unbedingt

notwendig.

43


44

Mensch und Natur im 21. Jahrhundert

Michael Succow

Die wachsenden Bedürfnisse einer wachsen-

den Menschheit zu befriedigen und gleichzeitig

die Funktionstüchtigkeit des Naturhaushaltes

als Basis für unser Fortbestehen zu erhalten,

stellen für die Zukunftsfähigkeit der mensch-

lichen Gesellschaft eine immer größere He-

rausforderung dar.

In diesem Dilemma wird der Schutz der Natur

nicht allein um der Natur willen sondern im

ureigensten Interesse der Menschheit von fun-

damentaler Bedeutung. In einer anthropogen

bedingt sich global dramatisch verändernden

Welt werden Fragen der Sicherung von Sta-

bilität und Kontinuität von Naturprozessen im-

mer mehr zu einer Überlebensfrage.

Die Funktionstüchtigkeit der Biosphäre un-

serer Erde -als Lebensraum von uns Men-

schen -wird entscheidend durch die bislang

(noch) nicht genutzten, noch nicht abgewan-

delten Ökosysteme gewährleistet. In ihnen

entstehen keine systemfremden Stoffe, keine

belastenden Abfälle. Hier gehören Recycling

und Kohlenstofffestlegung, Grundwasserbil-

dung und Kühlung, Mehrung der Bodenfrucht-

barkeit und ständige Erhöhung der Biodiversi-

tät im Ergebnis evolutionärer Prozesse zu den

Grundleistungen. Hier brauchen wir nicht zu

„renaturieren“.

Der Schutz der Natur, d.h. des Naturhaus-

haltes, ist als Grundprinzip bei all unseren

Handlungen im Umgang mit der Natur zu inte-

grieren. Bei allen Formen der Landschaftsnut-

zung muss der Erhalt bzw. die Wiederherstel-

lung der Funktionstüchtigkeit der Ökosysteme

Priorität haben. Es gibt keinen Grund, den Na-

turschutz, also die Sicherung unserer Lebens-

grundlagen, als Konfliktfeld der Gesellschaft

zu kultivieren!

Ein Schlüssel zur Zukunftssicherung wäre,

endlich die grundlegenden ökologischen

Leistungen der natürlichen Ökosysteme zu

honorieren, d.h. sie in unser Preissystem

einzubeziehen, denn sie werden im Ergebnis

zunehmender anthropogener Veränderung/

Zerstörung immer knapper. So bekämen die

durch den Menschen nicht materiell genutzten

Naturräume ihren Wert an sich. Weil dies der-

zeitig (noch) nicht der Fall ist, brauchen wir für

natürliche Ökosysteme weiträumige Schutz-

gebiete, in denen bewusst auf jede materielle

menschliche Nutzung und Gestaltung ver-

zichtet wird.

Der überwiegende Teil der Naturschutzgebiete

in Deutschland, wie in ganz Mitteleuropa, be-

findet sich derzeit jedoch in „Pflegenutzung“

zum Erhalt historischer, oftmals den Stand-

ort degradierender Nutzungsformen oder bei

Wäldern in Nutzungsformen, die im Vergleich

zu ungeschützten Räumen lediglich etwas

naturverträglicher sind. Großflächige Schutz-

gebiete, die ganz der Eigendynamik der Natur

überlassen bleiben, sind bislang Ausnahmen.

Wir brauchen beides, dauerhaft tragfähige

umweltgerechte Formen der Landschaftsnut-

zung mit stabilen sozialen Strukturen im länd-

lichen Raum und zum andern Natur in Eigen-

dynamik, die nicht unserem Herrschaftswillen

unterworfen ist, in der ihr „Kapitalstock“ un-

angetastet bleibt.

Das vorrangige Ziel des staatlichen (und eines

zunehmend privaten Naturschutzes) muss es

daher sein, Naturentwicklungsgebieten (neu-

er Wildnis) mehr Raum zu geben. Die jetzt für

Deutschland eröffnete Möglichkeit zur Schaf-

fung eines Nationalen Naturerbes bietet damit

erstmals eine angemessene Basis. Minde-

stens 5%der Landesfläche sollten nutzungs-

frei sein.

Der Erhalt bzw. das Zulassen von Natur in Ei-

gendynamik -also Wildnis –ist zumindest für

das westliche Europa eine neue Naturschutz-

strategie, die mittlerweile tief in das Bewusst-

sein der Menschen greift. Unser Jahrhundert

ist stärker als je eines zuvor geprägt von einer


fortschreitenden Kultivierung und Vernichtung

alles Natürlichen, von einer noch nie da gewe-

senen Naturentfremdung. Andererseits aber

auch von einer wachsenden Sehsucht nach

unberührter, unreglementierter Natur, nach

einem Miteinander von Zivilisation und Wild-

nis.

Wildnis, also Landschaft, die aus sich heraus

existiert, braucht den Menschen nicht, aber der

Mensch der technisierten Welt braucht Wildnis

auch als Maß und um sei-

ner Demut willen.

Wildnis ist ein alternatives

Modell zur urbanisierten

Welt. In einer Zeit zuneh-

menderOrientierungslo- sigkeit und Entwurzelung

können wir in Anbetracht

unverletzter, „heiler“ Na-

tur zu geistig-seelischem

Wohlbefinden, zu künst-

lerischer Inspiration, zu

Hoffnung, aber auch zu

Ehrfurcht vor der Natur,

zu Religiosität, zu neuer

Bescheidenheit finden.

In diesem Sinne ist Wild-

nis kein Luxus, sondern

hat Teil der Kultur eines

Volkes zu sein. Hier können wir von vielen Ent-

wicklungsländern lernen.

Üben wir uns im Erhalten und im Haushalten,

gewähren wir der Natur Raum, geben wir ihr

Zeit -umunserer eigenen Zukunft willen!

Wie wahr erscheint mir der Ausspruch von

Kurt Biedenkopf (2006): „Ein Volk, das die

Stimme seiner Ahnen nicht hört und die Inte-

ressen seiner Nachkommen nicht achtet, hat

keine Zukunft“.

45


46

Der Kampf um die Fläche

Landschaftsschutz contra Naturschutz

Hubert Weiger

Entkoppelt vom Bevölkerungszuwachs ist

ein anhaltend hoher Flächenverbrauch

zusammen mit zunehmender Nutzungsin-

tensivierung in Bayern festzustellen. Die

Landschaftszerschneidung steigt weiterhin

dramatisch an.Sokommt es zu zunehmender

Flächenkonkurrenz zwischen Naturschutz

und landwirtschaftlichen Nutzflächen. Zu-

dembedrohennachwachsendeRohstoffe und

die international hohe Nachfrage nach land-

wirtschaftlichen Produkten die Ambitionen

desNaturschutzes.

Biogasanlagen haben zu einer massiv

steigenden Nachfrage nach Fläche geführt.

In Deutschlandwie in Bayern stehen beieiner

nach sozialen undökologischenKriterien aus-

gerichtetenAgrar-und Handelspolitiknahezu

keine zusätzlichen Flächen für den direkten,

gezielten Anbau von „Energiepflanzen“ in der

Land- und Forstwirtschaft zu Verfügung. Es

gilt, zunächst ökologisch sinnvolle und ener-

giesparende Flächennutzungen zu fördern,

bevor eine Energie verschwendende land-

wirtschaftliche Intensivproduktion noch auf

den Energiesektor ausgeweitet wird. Ener-

giepotenziale sind für den Bund Naturschutz

bei ohnehin anfallenden Reststoffen

(z.B. Landschaftspflegeprodukte, Industrie-

resthölzer, Altholz) vorrangig zuerschließen.

Beieiner direkten energetischenHolznutzung

sind Potenziale nur in einer für das jeweilige

Waldgebiet spezifisch festgelegten Menge zu

nutzen. Maßstab hierfür ist eine ökologische

Waldwirtschaft ohne Nachteile für die nach-

haltige Waldqualität und insbesondere die

natürliche Artenvielfalt.

International steigt die Nachfrage nach Ver-

edelungsprodukten (zum Beispiel China).

Es kommt häufiger zu weltweit relevanten

Missernten auf anderen Kontinenten, was

insgesamt zueiner höheren Nachfrage nach

landwirtschaftlichen Produktenführt.Hier ist

dieEUzukritisieren,denn durch EU-Subven-

tionen der Landwirtschaft wird Überproduk-

tion gefördert, die inEuropa den Flächen-

verbrauch ausweitet und dazu führt, dass

Landwirtschaftsprodukte aus Entwicklungs-

und Schwellenländern nicht konkurrenzfähig

sind.

Insgesamt werden inBayern 17,2 ha/Tag an

Land verbraucht. Das bedeutet, dass der

Flächenverbrauch in Bayern alle 20 Monate

einmal die Fläche der Stadt Nürnberg, also

gut10.000 ha beträgt.Negativbeispielefür ex-

orbitanten Flächenverbrauch sind die Indus-

triegebiete Marktredwitz oder Gersthofen.

Oft werden Gebiete trotz hoher Leerstände

ausgewiesen. Diefreie Landschaft wird damit

demAusverkaufgeopfert.

Doch man könnte den Landverbrauch mit

veritablen Alternativen reduzieren und sodie

Landschaftretten.Dochist in derBevölkerung

noch kein Bewusstsein für den dramatischen

Flächenverbrauchfestzustellen.Niemandwill

Projekte mit „autofreiem Wohnen“, obwohl

diese Projekte architektonischund ökologisch

ausgereift undattraktiv sind.

Welche Landschaft wollen wir uns leisten?

Ein Steuerungsmittel sind die Subventionen.

Daher fordert der Bund Naturschutz bei der

EU-Förderungkeine Kürzungbei der2.Säule.

Die Agrarförderung unterscheidet zwisch-

en zwei Säulen: die Produktionsförderung

(Direktförderungen) als 1. Säule sowie die

Ländliche Förderung als 2.Säule. Während

aber die 1.Säule weiterhin ansteigen wird,

wird die 2.Säule gekürzt! Doch die 2. Säule

ist aus mehreren Gründen unverzichtbar: für

das Einkommen der Bauern, die von der 1.


Säulekaumprofitieren;für benachteiligte Re-

gionen; für Agrarumweltprogramme; für den

Vertragsnaturschutz; für die Finanzierung

derNATURA2000;für dieKulturlandschafts-

pflege; für die Dorferneuerung; für Waldum-

weltprogramme; und für die Umsetzung der

Wasserrahmenrichtlinie.

AuchderWaldistvonhöheremNutzungsdruck

bedroht. Der Staatswald wird brutal ökono-

misiert, der Förster wird zum Waldmanager.

Man verfolgt falsche Vorbilder aus Skandi-

navien und Österreich. Es wird eine Massen-

produktion von Schwachholz angestrebt, um

die drastisch erhöhten Gewinnerwartungen

zu erreichen. Daherkommt es zunehmendzu

massiven Schäden durch flächige Nutzungen

bis hin zum Kahlschlag, zu Bodenschäden

durch billige Holzernten mit schwerem Gerät

undzuVerbissschäden.

Der Bund Naturschutz verfolgt daher fol-

gende Ziele: Erstens soll der Flächen-

verbrauch drastisch reduziert werden.

Zweitens wird ab 2010 kein neuer Flächen-

verbrauch angestrebt. Drittens soll der

bayerische Gesamtverkehrsplan und der

Bundesverkehrswegeplan neu orientiert

werden. Insbesondere ist dabei der Bau der

Transrapidstrecke zum Flughafen München

entschieden abzulehnen. „Flächenbahn

statt Transrapid“ muss das Motto lauten.

Viertens bedarf es einer Umkehr bei der

Wohngebiets- und Gewerbeflächenpolitik.

Fünftens schließlich muss eine ökologische

Steuerreform zugunsten einer ökologischen

Flächenverbrauchssteuer auf den Weg ge-

bracht werden. Insgesamt bedarf eseiner

vernünftigen Rahmensetzungvon Seiten der

Politik ebenso wie eines Wandels des Be-

wusstseins derBevölkerung.

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48

Wie viel Wildnis braucht das Land?

Rainer Blanke

Spricht man in Deutschland von Wildnis,

muss man sich von der Vorstellung trennen,

dass es sich um Gebiete handelt, wie man

sie aus Zentralafrika, Brasilien oder Kana-

da kennt. Die international verwendete Defi-

nition von Wildnis in Anlehnung andie IUCN

beziehtsichauf einausgedehntesursprüngli-

ches oder nur leicht verändertes Gebiet, das

seinen ursprünglichen Charakter bewahrt

hat und eine weitgehend ungestörte Lebens-

raumdynamik und biologische Vielfalt auf-

weist. Damitsindmenschliche Aktivitäten, die

zu Veränderungen gravierender Art führen,

ausgeschlossen.

Gebiete, die diese Definition erfüllen, sind

in Deutschland gar nicht oder nur in kleinen

Bruchstücken zufinden. Das heißt, entschei-

det man sich für Wildnis, muss man diese

zunächst entwickeln (Wildnisentwicklungs-

gebiete). Hierzu sind ausgedehnte Land-

schaftsräume geeignet, deren ökologische

Rahmenbedingungen noch ausreichend sind

oder soweit wieder hergestellt werden kön-

nen, dass natürliche oder naturnahe Ent-

wicklungsprozesse weiterhin oder zukünftig

ablaufen können. Eine für mitteleuropäische

Verhältnisse vereinfachte Definition kann

z.B. sein: Wildnisgebiete sind Gebiete, in de-

nen gravierende menschliche Einflussnahme

weitgehend ausgeschlossen wird, mit der

Zielsetzungeiner dynamischenEigenentwick-

lung vonbzw.zunatürlichenÖkosystemen.

Bei der Diskussion über die Notwendigkeit

von Wildnisgebieten hat sich in Naturschutz-

kreisen inzwischen der Standpunkt durch-

gesetzt, dass neben naturschutzfachlich

wertvollen Kulturlandschaften mit hoher Bi-

odiversität Wildnisgebiete erforderlich sind,

um spezielle Arten, Biotope und vor allem

die Entwicklungsprozesse innerhalb der Na-

turzuerhalten. Spätestensdurch denBeitritt

zur Convention onBiological Diversity (CBD)

ist Deutschland eine Verpflichtung eingegan-

gen, die biologische Vielfalt inihrer gesamt-

en Breite zu erhalten. Das bedeutet, es sind

besondere Instrumente erforderlich, umalle

die Elemente zuerhalten, die eng aneine un-

gestörte Dynamikinden speziellenÖkosyste-

men gekoppelt sind. Hier sind besonders die

Arten zunennen, die an natürliche Gewässer

und deren Dynamik gebunden sind, wie sie

sich in derEntstehungvon Auensystemen und

Fließgewässern mit stark variierenden Ufer-

formen darstellt.

Selbst dort, wo die natürliche Dynamik zer-

stört wurde, lässt sie sich in relativ kurzer

Zeit wieder herstellen, wenn nur der poli-

tische Wille und die Akzeptanz vor Ort vor-

handen sind. Die vorhandenen Möglichkeiten

dokumentiert beispielhaft die Thur in der


Schweiz, die wie die meisten unserer mittel-

europäischen Flüsse begradigt wurdeund de-

ren Ufer zur Verhinderung einer natürlichen

Dynamik befestigt wurden. Nach langen Ver-

handlungen und viel Überzeugungsarbeit vor

Ort haben Naturschutz und Wasserbau ein

gemeinsames Konzept entwickelt, das zum

Ziel hatte, die natürliche Flussdynamik zu-

nächst auf25kmwiederzuzulassen. Nach der

Aufhebungstarrer Uferbefestigungenzeigten

sich bald die ersten natürlichen Kiesinseln,

auf denen schon bald der Flussregenpfeifer

(Charadrius dubius) brütete, der aus diesem

Teil der Schweiz verschwunden war. Auch

bislang verschwundene Fischarten wie z.B.

die Nase (Chondrostoma nasus) tauchten bald

wieder auf. Lebensräume für Jungfische un-

terschiedlicherArten bildeten sich.Einen wei-

terenFortschritt brachten unvorhergesehene

Hochwasserereignisse, die natürliche Steilu-

fer modellierten, in denen z.B. wieder Brut-

möglichkeitenfür Eisvögel bestehen.Scharen

von territorialen Prachtlibellen-Männchen

(Calopteryx splendens) dienen als Indikatoren

für einen wieder naturnahen Zustand des

Fließgewässers.

Genauso wichtig wie die Dynamik bei Bin-

nengewässern ist diese selbstverständlich

auch bei marinen Küsten. Eines der letzten

Beispiele für eine noch funktionierende Dy-

namik inDeutschland ist das Wattenmeer an

einzelnen Stellen der Nordsee, z.B. auf den

friesischen Inseln. Diese Dynamik bildet die

unbedingt notwendige Basisfür diehohema-

rine Biodiversität und die besonderen hier zu

findenden Lebensformen. Das betrifft auch

Arten, die sich nur zeitweise indiesem Le-

bensraum aufhalten,aberinihrem Zyklus auf

dessen Nahrungsreichtum angewiesen sind.

Hier ist die größte Herausforderung die Len-

kung des Tourismus, der einer der entschei-

denden Gründe für den besorgniserregenden

Rückgang von Arten wie z.B. der Zwergsee-

schwalbe (Sternaalbifrons) unddes Seeregen-

pfeifers (Charadrius alexandrinus) darstellt.

Wichtige dynamische marine Strukturen sind

auch die unterschiedlichen Ausbildungen von

Steilküsten, die inder Form von Felsen (z.B.

Helgoland) über Kalkkliffe (z.B. Rügen) bis zu

den labilsten und der Dynamik amstärksten

unterworfenenSandkliffen reichen.

Ein spezielles dynamisches Ökosystem bil-

den auch die Moore, von denen es leider in

Deutschland nur noch wenige Rudimente

gibt. Hier isteserforderlich, durchRenaturie-

rungsmaßnahmen größereHoch- wieNieder-

moore indie Entwicklungsphase zubringen.

In Deutschland wurden die meisten Moore

durch landwirtschaftliche Nutzung und Aus-

beutungfür dieTorfproduktionzerstört. Es ist

an sich unvorstellbar, dass diewenigen Moore

in Deutschlandzum Teil noch weiter abgebaut

werden, weil hier langfristige Abbaugeneh-

migungen noch Gültigkeit haben. Zusätzlich

wendet sich die Torfindustrie vermehrt den

großräumigen natürlichenMoorsystemen un-

serer baltischen Nachbarstaaten zu, um die

Bedürfnisse desMarktes zu befriedigen. Hier

istesunbedingt erforderlich, dieVerbraucher

darüberaufzuklären,dassz.B.für gartenbau-

liche Zwecke kein Moor mehr abgebaut wer-

den muss, sondern naturschutzfreundliche

Ersatzstoffe hergestellt werden, die den sel-

benZweckerfüllen.

Auch im Hochgebirge sollte esüber die Ein-

richtung weiterer Wildnisgebiete möglich

sein, eine Dynamik zuzulassen, zuder auch

der Klimawandel verstärkend beiträgt. Einen

sehr strikten Kurs hinzunatürlicher Dynamik

haben unsere Schweizer Nachbarn inihrem

Nationalpark eingeschlagen. Für sie stellt

49


50

das Prinzip „Wildnis zulassen“ ein ernstzu-

nehmendesZiel dar. DieLandschaft oberhalb

derBaumgrenze wird sehr starkvon dendort

weidenden Rothirschen und Gämsen gestal-

tet, aufdie einabsolutes Jagdverbot gilt.

Von sehr großer Bedeutung sind Wildnisge-

biete inWäldern, wovorrangig parallel ab-

laufende Sukzessionsvorgänge unterschied-

licher Stadien zu einer hohen Biodiversität

führen. Vor allem die Endstadien der Wald-

entwicklung sind von ungestörten Sukzessi-

onen abhängig. Sie bilden die Grundlage für

aus Naturschutzsicht besonders wertvolle

Lebensgemeinschaften wie z.B. die Totholz-

bewohner. Hier gibt es keine Alternative zur

Einrichtungvon Wildnisgebieten.

Wald-Wildnisgebiete sind darüber hinaus

auch dort notwendig, woesArten zu schüt-

zen gilt, die wegen ihrer Störanfälligkeit oder

großen Reviergröße besondere Verhältnisse

brauchen, wie z.B. Schwarzstorch (Ciconia

nigra), Luchs (Lynx lynx) und Wildkatze (Felis

silvestris). Auch für Arten, über deren Ansied-

lung in der Natur man nachdenkt und über

deren Auswirkungen auf Kulturlandschaften

noch nicht ausreichende Erfahrungen vorlie-

gen, wie z.B. der Wisent (Bison bonasus), sind

vermutlich Wildnisgebiete die geeigneten Le-

bensräume. Es istnur folgerichtig, mitgroßen

Weidegängern, wie z.B. dem Wisent, wenig-

stens ansatzweise einen der Faktoren, die zu

einer natürlichen Dynamik imWald gehören,

wieder einzuführen. Neben dem Wisent sind

auchKoniksgeeignet, durchLandschaftsver-

änderung über Mosaikbildung die Biodiversi-

tätzuerhöhen. Wichtigdabei ist, dass beiden

Politikern der notwendige Mut und in der Be-

völkerung vor Ort die notwendige Akzeptanz

fürderartige Maßnahmen vorhandensind.

Ein interessantes Experiment planen Forst-

behörden in NRW. In einem Gebiet, wo durch

den Sturm Kyrill große Freiflächen entstan-

den sind, soll durch die Einführung von Wi-

senten überprüft werden, ob dadurch diese

Freiflächen erhalten oder sogar noch ausge-

dehnt werden, und dadurch das angestrebte

Lebensraummosaikentsteht.

Nach diesen Beispielen für die inhaltlichen

Erfordernisse für Wildnisgebiete stellt sich

dieFrage,wie viel Wildnisgebrauchtwird, um

die genannten Anforderungen zu erfüllen. In

der Vergangenheit wurde von Wissenschaft-

lern und Naturschutzorganisationen ein Wert

von 10%der Fläche Deutschlands gefordert.

Wenn man bedenkt, dass es bis heute erst

nach enormem Druck der EU-Kommission in

Deutschlandgelungen ist, 14 %der Fläche als

Natura 2000-Gebiete einzurichten,dann kann

man prognostizieren, dass die Bundesländer


niemals bereit und auch teilweise nicht in

der Lage sein werden, 10 %ihrer Fläche als

Wildnisgebiete einzurichten. Wenn auch da-

vonausgegangen wird,dassvon denFFH-Ge-

bieten, die ca. 9,3 %der Fläche Deutschlands

einnehmen, 48%Lebensraumtypen des An-

hangs Iund davon wiederum 60%natürliche

oder naturnahe Typen sind (Tabelle 1), wäre

ein Wert von 1-2%für die Bedürfnisse der

gemeldeten FFH-Gebiete vorzusehen.

Tabelle 1: FFH­Richtlinie

FFH-Gebiete:ca. 9.3%der FlächeDeutschlands

davonca. 48 %LebensraumtypenAnh.IFFH-RL

davon ca.60%der Flächenatürliche oder naturnaheTypen

in Deutschlandwirdalleine zurErfüllung der

FFH-RL einAnteilvon rd.1-2 %der Flächemit

natürlicherEntwicklung benötigt.

In seinem Entwurf zur Entwicklung einer nati-

onalen Biodiversitätsstrategie nennt das BMU

2%als Zielvorstellung für den Anteil von Wild-

nisgebietenander Landesfläche.Esist fraglich,

ob damitein ausreichenderAnteilanden betrof-

fenen Ökosystemen erfasst werden kann. Für

die genannten Bedürfnisse ist es realistisch,

langfristig einenWertvon 3-6%anzustreben.

In Tabelle2wirdeineBilanzerstellt, wiegroß

derAnteilanWildnisgebietenzur Zeit ist.

Tabelle 2: Flächen,die als(potentielle)

Wildnisgebiete angesehen werdenkönnen

Naturschutzgebiete ca.0,3 %

Naturwaldzellen 0,085 %

Nationalparke (Wildnisgebiete) 0,25%

Biosphärenreservate (Kernzonen, die nicht

zugleichNPsind)


52

Tabelle 3: Möglichkeitenzur Steigerungdes Wildnisanteilsander Landschaft

Nationalparke Vordem Hintergrund, dass vieledeutsche Nationalparke noch nicht

50 %Kernzonenanteile enthalten,geschweige denn 75 %wie für

IUCN-Kategorie II angestrebt wird,mussder Wildnisanteildeutlich

erhöhtwerden.Essolltemehr Mutaufgebrachtwerden,auf gravierendeManagementmaßnahmen

zu verzichten.

Biosphärenreservate Möglichkeitenbestehen auchnochbei Biosphärenreservaten, die nur

zumTeildie fürdie UNESCO-Anerkennungnotwendigen3%Kernzonenanteile

erreicht haben. BeieinigenBiosphärenreservatenbietetes

sich an,den Wildnisanteilauf 6%der Flächezuerhöhen.

Naturparke DiesesindinAnbetrachtder Tatsache, dass sie ca.25%der Fläche

Deutschlands einnehmen,für dieEntwicklung vonWildnisgebieten

besonderswichtig.Invielen Naturparkenfehlen (größere)Wildnisgebietenochvöllig.

Vordem Hintergrunddes neuverabschiedeten

„Petersberger Programms“ solltenalleNaturparke prüfen,obnicht

die Möglichkeitbesteht, TeilezuWildniszuentwickeln.

Truppenübungsplätze und

Bergbaufolgelandschaften

Die Tatsache, dass durch den Klimawandel

größere Verschiebungen des Siedlungsge-

biets verschiedener Arten auftreten, macht

es erforderlich, dass die einzelnen Wildnis-

gebiete inDeutschland durch Korridore oder

zumindest durch Trittsteine verbunden sind.

Hierdurch sowie zusätzlich durch Querungs-

hilfen wieGrünbrücken muss eingenetischer

Austausch zwischen den einzelnen Wildnis-

gebieten gewährleistetbleiben.

Zusammenfassende Tatsachenund Visionen

zu Wildnisgebieten

1. Wildnisgebiete sind auch in Deutschland

möglich, müssen jedoch überwiegend erst

entwickelt werden.

2. ZurEntwicklung einesausreichend großen

Anteils anWildnis gehören neben der Exper-

tise Mut, Entschlossenheit und Verbündete in

Hier liegen großeMöglichkeiten fürWildnisentwicklungsgebietein

den Bereichen, in denen nicht aufder Grundlagevon Ansprüchen

bestimmter prioritärerFFH-Lebensraumtypenkonkrete Pflegemaßnahmen

erforderlich sind.

Moore Dort,wonochgrößere Restevorhanden sind, solltendiese renaturiert

unddann der natürlichenEntwicklung überlassen werden.

Wälder Ausder Tatsache, dass derzeit nur ca.0,5 %der WaldflächeohneNutzung

sind, leitet sich die Erkenntnisab, dass dringend eine Erhöhung

desAnteils,indem natürliche Sukzessionzugelassenwird, erforderlich

unddurchaus auch möglichist.

Hier solltendie öffentlichenWaldbesitzerVorbild sein,umeinen Beitrag

zurErreichung der Zieleder CBDzuleisten.

derGesellschaft.Anzustreben sind langfristig

3-6%der Landesfläche.

3. Wildnis und hohe Biodiversität müssen

keineGegensätzesein.

4. Durchdie Tätigkeitvon Megaherbivoren,die

ebenso wieUnwetter, Feuerund Kalamitätenzu

einem mosaikartigen Ökosystem führen, wird

dieBiodiversität in Wildnisgebietenerhöht.

5. Die ganze Spannbreite der für Deutsch-

land möglichen Biodiversität (einschl. der

bereits hier ausgestorbenen Arten) lässt sich

durch dieVerbindungvon Wildnisgebietenmit

naturnahen Kulturlandschaften erzielen.

6. Die Wertigkeit von Wildnisgebieten wird

durch ein effektives Verbundsystem erhöht.

Das erhält angesichts des zunehmenden Kli-

mawandelseineimmer größereBedeutung.

7. Vor dem sich abzeichnenden Konflikt zwi-

schen den Nutzungsansprüchen der Biomas-


se-Produzentenfür dieerneuerbare Energie-

Gewinnung und den Anstrengungen, Flächen

für Naturschutzzwecke aus der Produktion

zu nehmen oder zu extensivieren, müssen

Eckpunkte für eine nachhaltige Landnutzung

aufgestellt werden, die beide Ansprüche be-

rücksichtigen.

8. Mit den gleichen Anstrengungen, mit de-

nen versucht wird, terrestrische Wildnisge-

biete zuentwickeln, muss auch angestrebt

werden, „marine Wildnisgebiete“ einzurich-

ten, bei denen es darauf ankommt, die im-

mensen menschlichen Aktivitäten, die auch

aufalleMeeresgebiete einwirken, wenigstens

gebietsweise zurückzunehmen, umauch hier

natürliche Dynamikzuzulassen.

9. Wildnisgebiete bieten die Möglichkeit zu

wichtiger Forschung, deren Ergebnisse auch

für die Entwicklung von Naturschutzstrate-

gien unverzichtbar sind. Dazu gehört z.B. ein

umfassendes, effektives Monitoring.

10.Wildnisgebiete sind geeignet, positive

Emotioneninder Gesellschaft hervorzurufen,

die für die Akzeptanz von Naturschutz sehr

förderlich sein können. Das bedeutet aber

auch, Wildnismussauf klug geplante Artwe-

nigstens partiell erlebbar sein und auch ver-

mitteltwerden.

53


54

Naturschutz neu gedacht –zehn Wünsche

Beate Seitz-Weinzierl

Um Naturschutz neu zu denken, ist eszu-

nächst einmal notwendig, die Grundfrage zu

klären: Bezieht sich der Naturschutz nur auf

die äußere Natur oder wird der Mensch als

Teil derNatur miteinbezogen.

Entscheidet man sich dafür, den Menschen

miteinzubeziehen – was für ein modernes

Verständnis von Naturschutz unerlässlich

ist – hat diese Entscheidung eine enorme

Tragweite.

DieFrage nach derNatur desMenschenmuss

demzufolge geklärt werden und welchen

Stellenwert Gefühle in unserem allgemeinen

Menschen-, Welt- und Naturverständnis ein-

nehmen.

Ich wünsche mir einen Naturschutz, der sich

mitden Erkenntnissen der modernen Neuro-

wissenschaften beschäftigt.

Washat Naturschutz mitder modernen Hirn-

forschung zutun? Immenschlichen Gehirn

treffen Natur und Geist aufeinander. Die mo-

derne Hirnforschung gibt Einblick indas fas-

zinierende Wechselspiel zwischen den Funk-

tionen unseres Organismus und all dem, was

wirfühlen unddenken.

Frederic Vester,Biochemiker undExperte für

Umweltfragen, hat in seinem viel beachteten

Bestseller-Buch „Denken, Lernen, Verges-

sen“ dieseVorgänge im Gehirn beschrieben.

Dieses Buch ist 1978 erschienen und wurde

vorallem in derBildungsszeneheftigstdisku-

tiert. Mit seinem „biologisch sinnvollen Ler-

nen“ hatereiner neuenPädagogik undDidak-

tikzum Durchbruch verholfen.

Er stellte darin die wesentlichste Erkenntnis

dar, dass kein Gefühl, kein Gedanke für sich

allein existiert, sondern immer von biolo-

gischen Vorgängen inunseren Körperzellen

begleitet wird. Jeder Versuch, geistige Pro-

zesse von biologischen abzutrennen, müssen

der Natur der Sache widersprechen. Jeder

Versuch, den Geist isoliert zubetrachten, be-

freitihn also nichtetwa, sondernverstümmelt

ihn, weil mandamit seinelebendige Grundla-

ge verleugnet und ihm so seine eigentlichen

Entfaltungsmöglichkeitenentzieht.

Wenn wir also davon ausgehen, dass der

Mensch ein Teil der Natur ist bzw. die Na-

tur ein Teil vom Menschen, dann ist auch die

menschliche Doppelnatur von Körper und

Geist, die sich immenschlichen Gehirn ab-

spielt, derspannendste Dreh-und Angelpunkt

fürden Naturschutz.

Dortmischensichdie Ur-Bildervon derNatur

mit den emotionalen Grundstimmungen und

entwickeln sich zu Denkweisen und Verhal-

tensmustern.

Undaus diesen wilden Vernetzungen vonphy-

sischen und psychischen Faktoren wird auch

unser Verhalten gegenüber der Natur ge-

prägt, was infolge auch für den Naturschutz

vonzentraler Bedeutungist.

Ich wünsche mir einen Naturschutz, der

diese Doppelnatur desMenschen wahrnimmt

undmit ihrumzugehen weiß.

Konrad Lorenz und andere Verhaltensfor-

scher haben immer wieder auf die evolutio-

nären Wurzeln von Psyche und Geist hinge-

wiesen.

Zum Beispiel geht Irenäus Eibl-Eibesfeld von

evolutionsgeschichtlich bedingten Verhal-

tensmustern wie Imponiergehabe, Eß- und

Sexualtrieb, Sammler- und Jägerverhalten

aus, dieunser VerhaltennochinhohemMaße

prägen.

Die pralle Wildnis ist also noch in uns, sie

schlummert in unserem Unbewussten als


Erbe unserer archaischen Natur, die sich in

unserenSehnsüchten, Traumbildern,Leiden-

schaften,Ängstenwiderspiegelt.

Dass solche Verhaltens-Urmusterinuns wirk-

samsind, kann manschon beieinem banalen

Autokauf feststellen: DieEntscheidungfür ein

bestimmtes Fahrzeug wird meist durch ganz

irrationale Motive getroffen.

Die moderne Hirnforschung bestätigt, dass

90 Prozent unserer Handlungen unbewusst

von unterschwelligen Gefühlen und Motiven

gesteuertsind.

Wenn also der Naturschutz erfolgreich sein

will, d.h.wenn er möglichst viele Menschen

dazu bringen will, die Vielfalt der Arten zu

achten undzuschützen, dannsollten sich Na-

turschützer schnellstens mit den neuesten

Erkenntnissen der Neurowissenschaften be-

fassen.

Ich wünsche mir einen Naturschutz, der die

Bedeutungvon Gefühlen in Bezugauf die Na-

turwahrnehmung erfasst.

Luc Ciompi, ein Vertreter der Affektlogik,

weist auf die große Bedeutung von Gefühlen

in unseremVerhältnis zurNatur hin. In seinen

Forschungsarbeiten beschäftigte er sich vor

allem mit den Wechselwirkungen von Gefüh-

len, Denken undVerhalten.

Noch bisvor kurzemwäredie vorherrschende

Meinunggewesen, Gefühlehättenimwissen-

schaftlichen Diskurs nichts zusuchen. Ent-

55


56

sprechendeinseitig,kopflastigsei auchunser

Menschenbild beschaffen mit tiefen Folgen

fürunser Naturverständnis,soCiompi.

Aus der aktuellen Hirnforschung kämen aber

deutlicheBelegedafür,dass

Denk-und FühlzentrenaufsEngste ineinander

verflochten sind; dass es affektfreies Denken

überhauptnicht gibt -nicht einmal in derNa-

turwissenschaft undMathematik.

Auch unsere Einstellungenzur Naturseien von

positiven oder negativen Grunderfahrungen

geprägt, die letztlich den Keim zu komplexen

Denk- und Verhaltensweisen -„Vorurteilen“

-des Erwachsenenaltersabgeben,beispiels-

weiseintiefsitzenden Empfindungen wieGe-

borgenheit oder Angst oder Gleichgültigkeit

demNaturhaften gegenüber.

Ein effektiver Naturschutz hätte demnach

die Aufgabe, die positiven Gefühle wie Freu-

de,Lustund Liebegegenüber derNatur nach

Kräften zufördern –zumal solche Gefühle

eine besondere Eigenschaft haben –sie wir-

ken hochgradig ansteckend! Von ihnen, und

von nirgends sonst, stammen dieelementaren

Kräfte,welcheallePsycho- wieSoziodynamik

und sicherlich auch den Naturschutz voran-

treiben.

Ich wünsche mir einen Naturschutz, der sich

in dieGeistesgeschichte einzuordnen weiß.

Der Naturschutz, sowie wir inkennen, ist

noch ein sehr junges Phänomen. Der Begriff

Naturschutz“ wurdeerstmalsimJahre1888

von Ernst Rudorff (1840-1916), dem Begrün-

der der Heimatschutzbewegung in Deutsch-

land geprägt.

Mit der Industrialisierung, Technisierung und

Rationalisierungder Welt wurdedie Naturzur

Materie, zum Rohstoff degradiert. Das Aus-

schalten der natürlichen Rhythmen der Jah-

reszeiten, derTageszeiten tatein übriges, um

derNatur die Achtungzuentziehen.

Noch bis in dieMitte des19. Jahrhundertshin-

einwar in Europa derUmgangdes Menschen

mitder Naturvon naturphilosophischem, my-

thischemund religiösemDenken geprägt, das

die Natur als Teil des Kosmos und den Men-

schenals Teil derNatur begriff.

Dasabendländische Denken begann voretwa

2500 Jahren mit einer naturorientierten Phi-

losophie der Vorsokratiker, nämlich mit der

Philosophie des Wassers. Die naturphiloso-

phischen Traditionen bildeten einen zentra-

len Bestandteil des westlichen Denkens. Ihre

Blütezeiten erlebten sie in der Renaissance

undinder Romantik.

Inzwischen ist das mythologisch-naturphi-

losophische Betrachten der Natur nahezu

verloren gegangen und das naturwissen-

schaftlich-technische Denken hat sich als

Leitwissenschaft unserer Tage etabliert. Wir

tun uns deshalb heute so schwer, die Natur-

elemente und die einzelnen Arten in ihrer

symbolischen Ganzheit zu begreifen, ge-

schweige denn sie zu lieben.

Auch wenn sich die Geschichte nicht mehr

zurückdrehen lässt, so ist esdoch sinnvoll,

diese naturphilosophischen Traditionen, das

Denken der Ahnen, ins Bewusstsein zurufen

undindas naturwissenschaftlich-ökologische

Denken zu integrieren.

Das dies möglich ist, zeigt beispielsweise der

englische Wissenschaftler James Lovelock.

Er hatMedizin, Chemie undBiophysik studiert,

hatals erster diezerstörerischeWirkungvon

FCKW fürdie Ozonschichtentdeckt.


Lovelock hatdie berühmte ganzheitliche Gaia-

Philosophieentwickelt, dieden Planeten Erde

als ein sich selbst regulierendes, lebendes

Wesenbetrachtet. Er schufdamit eine umfas-

sendeSicht aufden Planeten Erde,die sowohl

naturwissenschaftliche, als auch philoso-

phische undspirituelle Dimensionenhat.

Natürlich können wirnicht zurückfallen in eine

mythologische Bewusstseinsstufe, doch wir

können Weisheiten aus alten Kulturen auch

neben naturwissenschaftlich-technischen

Fakten gelten lassen.

Es sind die geistigen Schätze unserer abend-

ländischen Geschichte, die wir nicht brach

liegen lassen sollten. Ich denke z.B. andie

Weisheitsschriften des Homer. Er hat die Bi-

odiversität ineiner Hymne an Mutter Natur

formuliert, grandiosergeht’snicht mehr!

Ich wünsche mir einen Naturschutz, der in

der Empathie und inden Mit-Gefühlen die

Voraussetzungen fürein ökologisch-soziales

Wertebewusstsein erkennt.

Zu denaufregendstenErgebnissen vonempi-

rischen Studien zum Thema Umweltwissen/

Umweltverhalten zählt die Erkenntnis, dass

kaum ein Zusammenhang zwischen Umwelt-

wissen undUmwelthandeln besteht.

Wer viel über die Umwelt weiß, verhält sich

nicht umweltbewusster als der, der weniger

weiß. Außerdem kommen fast alle Studien zu

demErgebnis,dassMännermehrüberdieUm-

welt wissen als Frauen, aber dass bei Frauen

das Umweltengagement und die persönliche

Betroffenheit größer istals beiMännern.

Nimmt mandiese Erkenntnisse ernst, so stel-

len sie eine gewaltige Herausforderung an

eine Bildungfür Nachhaltigkeitdar.

Scherzhaft gesagt, könnte man die Schluss-

folgerung ziehen: Macht euch nicht so viel

Mühe mit kopfgesteuerten Tagungen, moti-

viertlieber mehr Frauen,dann siehtdie Sache

mitder Nachhaltigkeitbesseraus!

Aufjeden Fall solltenwir über ganz neue For-

men der Kommunikation nachdenken. Weg

vonden herkömmlichenMethoden und

Vermittlungsformen,die bishervor allemdas

Bildungsbürgertumerreicht haben.

Ichwünsche mireinen Naturschutz mitinno-

vativen Kommunikations- und Lernkonzep-

ten.

Ichwünsche mireinen Naturschutz, derinei-

ner zeitgemäßen Bildung die Schlüsselrolle

füreinenachhaltige Entwicklungsieht. Bereits

im Aktionsprogramm der Umweltkonferenz

in Rio, in derAgenda21, Kapitel36, wurdedie

Bildung als eine „unabdingbare Vorausset-

zung zur Schaffung eines ökologischen und

ethischenBewusstseins“ gesehen.

Werinder Bildungerfolgreichseinwill, muss

sich aber zwangsläufig mit der Vergeblich-

keit vonBelehrungenauseinandersetzen.Wir

müssen vielmehr auf den Bauch zielen, um

denKopfzuerreichen.

Denn wie aus den aktuellen Erkenntnissen

der Neurowissenschaften bekannt, sind es

dieGefühlslagen, Gewohnheiten, unbewusste

Einflüsse und Wertpräferenzen, die ein weit-

aushöheresGewicht habenals dieInformati-

onenüberForschungsdaten.

Gute Tippsfür einezeitgemäßeBildungsindin

derAgenda21(Kapitel 36)zufinden: Empfohlen

wird beispielsweise eine „kooperative Bezie-

hung zuden Medien, populären Theatergrup-

57


58

pensowie derUnterhaltungs- undWerbebran-

che“zupflegen undvon derenErfahrungenmit

derBeeinflussung von öffentlichen Verhaltens-

undVerbrauchsmusternzulernen.

Nur so können wir mit unserem Anliegen

einer nachhaltigen Entwicklung eine Brei-

tenwirkung erzielen. Warum werden diese

Empfehlungen aus der Agenda 21von den

Naturschutz-Verantwortlichen nicht ernster

genommen?

Und warum hat bei vielen Umweltbewegten

alles, was nicht naturwissenschaftlich aus-

gerichtetist,wie z.B. derEinsatz vonTheater,

bildender Kunst, Poesie, Spiel, Tanz, Musik

immer noch den Geruch des Fachfremden,

Unnützen, Esoterischen, Marginalen imGe-

gensatzzuden ökologischenFachthemen?

Schließlich könnten auch solche Aktivitäten

nachhaltige Erlebnisse schaffen,worausKre-

ativität für neue Lebensweisen und Kraft für

ökologisches Engagementerwachsen.

Wir müssen also überlegen,

wie wir an diese berühmte

90-Prozent-Bewusstseins-

ebene im Menschen, die ihn

prägt, herankommen.

Dazu bedarf esneuer Formen

der Kommunikation. Mit dem

klassischen Akademiestil und

dem konventionellen Schulsy-

stem können wir die Zukunft

nichtmeistern.

Ich wünsche mir einen Natur-

schutz,der Wildnisgebiete als

Lernorte der Bildungfür nach-

haltige Entwicklung nutzt.

Wildnisgebiete sind ideale

Lernorte,umFragennach den

Werten, dem Sinn des Lebens

und des Lebensstils anzusto-

ßen.

Angesichts der Erhabenheit

der Natur erlebt der Mensch

seine eigene Begrenztheit. Die ungeheure

Macht der Naturgewalten und die Schön-

heit der Schöpfung lehrt ihn das Staunen,

Demut und vielleicht auch den Glauben an

einen Schöpfer, der all dies geschaffen hat.

Er erfährt sich als Teil der Natur, eingebun-

den inetwas Größeres, den Kosmos. Begeg-

nungen mit wilder Natur machen erfahrbar,


dass Wildniseinen Eigenwerthat jenseitsvon

menschlichen Zwecksetzungen.

Wildnis als Ort des konsumfreien Genießens

stellt außerdem die Werte der Leistungs-

und Konsumgesellschaft in Frage: Zeitdruck,

Wachstumswahn undKonsumorientierung.

Wildnis befreit von zivilisatorischen Zwän-

gen und gesellschaftlichen Normen.

DerMenschbraucht Wildnisals Gegenpol zur

lähmendenZivilisation.

Diese Frage nach einem einfachen Lebens-

stil, der glücklich macht, findet sich bereits

bei Henry David Thoreau im19. Jahrhundert,

demamerikanischenWildnisphilosophen und

Aussteiger, der seine Lebensphilosophie in

diePraxisumsetzte.

Er lebtevon 1845 bis1847abgeschiedeninei-

nerHütte im Waldbei ConcordimStaat Mas-

saschusetts, um sich in fröhlicher Muße der

lebendigen Wildnis jenseits von Zivilisation

und Konsum hinzugeben. Erliebte die Ein-

samkeitals Ortder Inspirationund derinten-

sivenGefühle.

Schließlich entstand dort auch sein weit ver-

breitetesWerk„Waldenoderdas Lebeninden

Wäldern“,das zumKultbuch fürGenerationen

vonNaturfreundenvor allemim20. Jahrhun-

dert wurde.

Die Ausstrahlungskraft des viel beschwo-

renen„wilderness spirit“, derweitere große

amerikanische Naturschützer wie Ralph

WaldoEmerson,JohnMuiroderAldoLeopold

prägte, hat die Naturfreunde und Umwelt-

bildner inDeutschland inzwischen erreicht.

An vielen Orten keimt die Wildnisidee auf.

Kein Wunder, dass die Schriften des be-

kanntenamerikanischenUmweltpädagogen

Joseph Cornell zuden meist verwendeten

Büchern in der Naturpädagogik-Szene zäh-

len.

Es lohnt sich also in vieler Hinsicht, solchneue

Ansätze einer Wildnispädagogik in die Praxis

umzusetzen. Sie gehen weit über das reine

Naturerkunden hinaus bis hin zur Wertebil-

dung und zur Vermittlung eines nachhaltigen

Lebensstils. Bisher wurden die persönlich-

keitsbildenden Potenziale der Begegnung mit

wilder Naturweitunterschätzt.

Ichwünsche mireinen Naturschutz,der offen

istfür eine moderne Mystik.

Von Karl Rahner stammt der bekannte Satz:

„Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein

oder nicht sein.“ In Abwandlung dazu möchte

ichdie Theseformulieren:„DerNaturschützer

der Zukunft wird ein moderner Mystiker oder

erfolglos sein.“

Die Ökologiebewegung hat zu lange überse-

hen, dass die Umweltkrise auch eine Krise

des Menschen ist und zugeistig-seelischer

Armut geführt hat. Grünkaputt=Seele kaputt

lautet die Kurzformel einer unterkühlten In-

dustrie- und Leistungsgesellschaft, die see-

lische Frostschäden bei den Menschen hin-

terlassenhat.Mit demEntwässernder Moore

wurde auch das Grundwasser unserer Seele

abgegraben.

Die sogenannten angeblich „Zeit sparenden“

Maschinen haben sich als Zeit- und Raum-

raffmaschinen entpuppt. Statt Ruhe und Ge-

lassenheit haben sie noch mehr Hektik und

Beschleunigung in den Alltag gebracht. Die

natürlichen Rhythmen werden außer Kraft

gesetzt, dieNachtzum Taggemacht, derWin-

ter zum Sommer, Entfernungen über Ozeane

zumKatzensprungverkürzt.

Die Reduzierung der Gegenwart, d. h. dem

59


60

Fühlen Raum undZeitzurauben –diesscheint

das krasseste ökologische Problem unserer

Zeit zu sein.

Tennessee Williams hat es einmal so formu-

liert: „Bald wird esgleichgültig sein, ob man

glücklich oder unglücklich ist, weil man für

keines vonbeiden Zeit habenwird.

Kein Wunder, dass die Zahl der psychisch

Kranken und Ausgebrannten inunserer Ge-

sellschaft ständig steigt. Allein in der BRD

werden über 2,5 Milliarden für Psychophar-

maka ausgegeben.

Hier drängt sich die Frage auf: Wie kann die

Natur des Menschen geschützt werden? Für

immermehr Menschenist eine moderneMy-

stik im Sinnevon mehr Zeitwohlstandund Le-

bensqualität einWeg ausdiesemDilemma.

In derMystikgehtesnicht um Vergeistlichung

und Askese, sondern umdie Suche nach in-

tensivem Leben, um eineArt alternativeForm

vonLust.

Mystisch sein in einem modernen Sinn heißt

für mich, nicht in Gegensätzen zu denken,

Phänomene ganzheitlich zu erfassen,offen zu

sein für Neues, Veränderungen zuzulassen,

dasGroße im Kleinenzuentdecken.

Zu denGeheimnissen derMystik gehört auch,

dass Gegensätze zusammenfallen können,so

dass beispielsweise Genuss undVerzicht kein

Widerspruchseinmüssen.

Insofern wird die Mystik zum Akt der Befrei-

ung von herkömmlichen Denkstrukturen und

Verhaltensweisen.

Spirituell sein, lebendig sein, wach sein, auf-

merksam sein –all dies drückt Vitalität aus

und gibt die Kraft, mit den Dunkelheiten des

Lebens besser umzugehen.

Spirituell sein heißt, den Zauber und die

Klopfzeichen derSeele in denDingender Na-

tur wahrzunehmen, die Schöpferkraft insich

selbst zuentdecken und von ihr beflügelt zu

werden.

Wenn wiralsoinBezug aufNaturschutzetwas

Wesentliches in den Herzen der Menschen

erreichenwollen, genügt es nicht, blasse Mo-

ralforderungen zu stellen. Wir sollten viel-

mehr eine Gegenkultur der Lust mit tieferer

Befriedigunganbieten, dieweitüberdie hedo-

nistischen Kataloglüste wieEssen,Autos,Sex

undFitness hinausreicht.

Mitdem PrinzipLustmeine ichdie Lebendig-

keit, die Leidenschaft und die Kraft, die sich

als Begleiterscheinung von sinnvollem, en-

gagierten und produktiven Handeln einstellt.

Es istdie Gegenkultur derFaszinationdes Le-

bendigen, der Lebensfreude durch intensive

Naturerlebnisse.

Gerade in der Tradition der Mystik wird deut-

lich, dass nicht die Moral die entscheidende

Rollespielt, sonderneinetiefe,erfüllendeEr-

fahrungder Sinnhaftigkeitdes Seins.

Diese mystische Suche ist nicht nur inder

christlichen Tradition zufinden, auch welt-

licheSuchernacheinem höherenLebenssinn,

wieetwader amerikanische Wildnisphilosoph

HenryDavid Thoreau, zählen dazu.

So schreibt er in seinem Buch „Walden oder

das Leben in den Wäldern“ dass ernicht in

die Wälder ging umdem Leben zuentsagen

und spartanisch zu leben, sondern erwollte

das Leben intensiv leben: „Ich zog indie Wäl-

der, weilich bewußt leben, michnur mitden we-

sentlichen Dingen des Lebens auseinanderset-

zen und zusehen wollte, ob ich das nicht lernen

konnte,was es michzulehrenhatte,umnicht auf

dem Sterbebett einsehen zu müssen, dass ich

nicht gelebt hatte.Ich wollte nicht dasLeben,das


kein Leben war, denn das Leben ist zukostbar;

noch wollte ich Entsagung üben, wenn esnicht

unumgänglich war. Ich wollte tief leben, alles

Mark des Lebens aussaugen und sostandhaft

undspartanisch leben,umalles, wasnicht Leben

war, davonzujagen.“

Eine mystische Ökologie hatnichtsmit Askese

und Steinzeit zu tun. Es geht um eine tiefere,

befreitere Form des Lebens und eine neue

Schöpfungsspiritualität, wie sie auch inder

jüdischen Tradition des Chassidismus oder

in der buddhistischen Haltung der Achtsam-

keit vor allem Lebendigen wiederzufinden ist

–und insofern auch einer Globalisierung auf

geistiger Ebenegerecht wird.

Ich wünsche mir einen Naturschutz mit ei-

ner Ethik, die der Natur des Menschen ent-

spricht.

Immer mehr Menschen vertreten die Über-

zeugung, dass ein ökologischer Bewusst-

seinswandel ohne ethische oder religiöse

Wertenicht möglichist.

Der Journalist Franz Alt bringt es in seinem

Buch „Der ökologische Jesus“ auf den Punkt:

„JedeReligionwirdohneökologische Ethik so

langweilig werden, wie die Umweltbewegung

ohne ethische Dimension erfolglos bleiben

muss.“

Doch wie muss eine Ethik aussehen, die

einem modernen Naturschutzverständnis

entspricht?

Spätestens seit der Umweltkonferenz 1992

in Rio ist klar, dass Fragen der Umwelt, der

sozialen Gerechtigkeit und der Ethik un-

trennbar miteinander verbunden sind. Auch

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht inder

Umweltethik „eine unverzichtbare Grundlage

jeglicherUmweltpolitik“. Umweltethik istalso

politikfähiggeworden.

Doch ethische Haltungen können nicht

erzwungen werden, sie wachsen mit der Er-

fahrung und Wahrnehmungsfähigkeit eines

Menschen.

Ich greife auf Albert Schweitzer zurück, den

unorthodoxen Denker in der afrikanischen

Wildnis. Er hat die ethischen Formeln „Ehr-

furcht vor dem Leben“ und „Leben inmitten

von Leben, das leben will“ geprägt, die sich

ausseinenErfahrungenmit derwildenNatur

entwickelt haben. Der vielbegabte Arzt, The-

ologe, Philosoph und Musiker beschreibt mit

seiner bildreichen Sprache die Eigenart sei-

nerEthik im Bild derWildnis:

„Die Ethik istnicht einParkmit planvollange-

legten undgut unterhaltenen Wegen, sondern

eine Wildnis, in der jeder sich, von seinem

Pflicht- und Verantwortungsgefühl angetrie-

benund geleitet,seinenPfadsuchen undbah-

nenmuß.“ (KPh III,4.Teil, 371)

Ethik sieht erals Aufgabe, als Suchvorgang,

als Ausschau halten nach dem richtigen Pfad

und nicht als ein für allemal festgesetztes

dogmatisches Regelwerk.

Im Zeichen der Wildnis überschreitet der

Philosoph Schweitzer die Grenze der europä-

ischen Philosophie hin zur Weltphilosophie,

dieGrenzeeiner zwischenmenschlichenEthik

hin zueiner Ethik der Verantwortung für al-

lesLebendige. Demnach trägt jederEinzelne

nichtnur eine persönliche,sondern aucheine

überpersönliche Verantwortung. Insofern

geht die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

über diegewöhnliche Ethik hinaus.

Welchein Kontrastzuder Welt desPhilosophen

61


62

Immanuel Kant, der Zeit seines Lebens Kö-

nigsberg nicht verlassenhat,und dermeist im

„gepflegten“ Umfeld seinen philosophischen

Entwürfenfrönenkonnte. AussolchemKontext

ist auch der Kant’sche Satz nachzuvollziehen:

„Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus

derNatur,sondern schreibt sie dieser vor.“

Kein Wunder, dass dieGeschichteder europä-

ischen Ethik zur Geschichte ihres Scheiterns

wurde. Denn nurwer diephysische Naturdes

Menschen, seine Bedürfnisse, beachtet, hat

eine Chance, ihn zuethischem Verhalten füh-

renzukönnen.

Der prozesshafte Charakter einer Wildnis-

Ethik, wie sie Albert Schweitzer entworfen

hat, istoffen füreineEntwicklung nach vorne.

Insofern auch eine Einladung und Heraus-

forderung an uns, sie auf die Verhältnisse

unserer Zeit zuübertragen und schöpferisch

weiter zu entwickeln.

Wiealsoder Wildnisgedankeimmer mehr als

Naturschutzstrategiegesellschaftsfähigwird,

so wird auch der prozesshafte Charakter ei-

nermodernenEthik,die sich an denErkennt-

nissen der Neurowissenschaften orientiert,

einem ganzheitlichen Naturschutzverständ-

nisentgegenkommen.

Wir brauchen eine neue Ethik, die auch die

Schattenseite des Menschen mitleben lässt

undauchschwächeren Naturenzueinem Er-

folgserlebnis verhilft –sozusagen eine Ethik

fürTeilzeitheilige.

Die Theologen hatten damit nie ein Problem,

weil sie die Sündhaftigkeit in ihrem Men-

schenbildvorausgesetzt haben. DieÖkologen

müssen sich da noch über ihr Menschenbild

Gedanken machen.

Ich wünsche mir einen interdisziplinären

Naturschutz,der vieleMenschenbegeistert.

Ein zukunftsfähiger Naturschutz muss

gleichzeitig naturwissenschaftlich sowie gei-

steswissenschaftlich verankert sein. Beide

Erkenntniswege sind unausweichlich auf-

einander angewiesen: Ohne unzureichende

naturwissenschaftliche Grundlage laufen die

Geisteswissenschaften Gefahr,die biologische

Erdungzuverlieren undohneden geisteswis-

senschaftlichen Hintergrund verlieren sich

dieNaturwissenschaften in einemeinseitigen

Reduktionismus.

Naturschutz braucht eine zeitgemäße Philo-

sophie,die interdisziplinär ausgerichtet ist.

In dem Wort Begeisterung steckt das Wort

„Geist“. Menschenkönnenwir nichtalleinmit

Zahlen undFaktenbewegen. Deshalbsinddie

wilden Vernetzungen vonNatur-,Geistes-und

Humanwissenschaften,von biologischer Viel-

falt und kultureller Vielfalt sowichtig für ei-

nenzukunftsfähigen Naturschutz.

Gebt der Natur ihre Seele zurück! Erde, Tiere

undPflanzensollennicht weiter alsObjekte der

Ausbeutung dienen.Die Erde istunsereMutter,

sagen die Indianer. Und Homer hat schon vor

3000 Jahren die biologische Vielfalt ineinem

Hymnusandie Mutter Erde gepriesen. Vondie-

semfreundschaftlichen Geistden Mitgeschöp-

fengegenübersollten wiruns beiunseren Na-

turschutz-Vorhaben ansteckenlassen.

Ich wünsche Ihnen die schöpferische „Grün-

kraft“, die „Veriditas“, der Heiligen Hildegard

von Bingen, um dem ganzen Wahnsinn der

Welt positivzubegegnen.


Kultur braucht Wildnis

Till Meyer

Ich möchte mich herzlich für die Einladung

bedanken und mit einem etwas altmodischen

Satz beginnen:

Es istmir eine großeEhre!

DieVerdienstemeinerVorrednerimdeutschen

undauchiminternationalenNaturschutzsind

riesig. Einige Namen werden sicherlich in die

Naturschutzgeschichte eingehen. Da werde

ichesschwer haben, irgendwo dazwischen ei-

neneigenen,kleinen Pfosteneinzuschlagen.

Mein Pfosten heißt Wildnis und Kultur. Etwas

Erfahrung indiesem Mix konnte ich durch

das Projekt „Ballett und Wildnis“ sammeln,

welchesich 2003 angestoßen hatte.

Herr Weinzierl, Sie waren ja dabei, als diese

Begegnung der besonderen Art zum ersten

Mal stattfand, alswir unsamLusen getroffen

hatten, wovon einer Seite Ihre Gruppe, eine

Presseexkursiongekommenwar undvon der

andere Seite der Ausflug des Bayerischen

Staatsballetts.

Bereitsein Jahr danachkam es zu den ersten

Aufführungen von sogenannten „Wildnischo-

reographien“ des Bayerischen Staatsballetts

auf einer Freiluftbühne imbayerischen Wald.

In diesem Sommer 2007 schließlichdebütierte

dieTruppeimNationalpark Berchtesgaden.

Das zuständige Referat imUmweltministeri-

um musste sich Anfangs in Bezug zuBallett

und Wildnis die oder andere ungemütliche

Fragen anhören: etwa: „Auf welchen Drogen

seid ihrdenn?“

Es war sicher nicht immer leicht darzustel-

len, warumrenommierte Repräsentanten der

Hochkultur sich auf einmal mit dem Thema

Wildnisbefassten.

Dabei ist das doch alles eigentlich sehr nahe

liegend:

Ein Staatsballett, eine Staatsoper, ein National-

theateristdasAushängeschildfürdieLeistungen,

die ineinem Bundesland auf dem Sektor der

Hochkultur erbracht werden.

Ein Nationalpark wiederum ist das Aushän-

geschild für die Leistungen eines Landes zum

Schutz seiner Natur, zur Bewahrung seiner lan-

destypischen Artenausstattung.

Was lag also näher, als nach einer großen

gemeinsamen Schnittmenge zusuchen. Der

Rahmen und die Protagonisten sollten nichts

Geringeres leisten als ein Schlaglicht auf das

ThemaWildniszuwerfen.

Die Inwertsetzung von Wildnis durch die

Hochkultur wurde übrigens durchaus wahr-

genommen: das Bayerische Staatsballett

wurdekürzlichdurch dieinternationale WILD

Foundation zum beurkundeten Internationa-

lenBotschafter derWildnisgekürt.

63


64

Das Thema dieser Veranstaltung heißt, Wel-

chen Naturschutzwollenwir?

Wie passt die Kultur in diese Fragestellung?

Warumbedarfdie Kultur derWildnis?

Nun ist Kultur ein etwas dehnbarer Begriff

(Man denke andas Wort Kulturbeutel). Oder

an ein Zitat des ehemaligen Generalinten-

danten der Bayereischen Staatsoper, August

Everding, der gesagt hat: „Kultur kommt von

urbarmachen.

Für meine Zwecke – umIhnen einen kurzen

Überblick zugeben über die Verzahnung von

Wildnisund Kultur –beschränkeich mich auf

die Geisteswissenschaften;und zwar in erster

Linie aufLiteratur, Philosophie, derGeschich-

te und Kunstgeschichte, die Rechtslehre und

dieSoziologie.

Ich habe daeinige vor Schreck geweitete Au-

gengesehen!

Aber keine Angst, es soll hier nicht darum

gehen, einenökophilosophischen Diskurs an-

zuzettelnoderihnen denWildnisbegriff in der

Lyrik oder der Rechtslehre des 19. Jahrhun-

dertszuerörtern.

Ichmöchtevielmehr miteinigen wenigenBei-

spielen zeigen, welche Rolle die Geisteswis-

senschaften in Deutschland bei der Geburt

derWildnis-Ideehatte.

Eine Kerndisziplin der Geisteswissen-

schaften ist für mich die Geschichte. Ein Zitat

vonHenryDavid Thoreauvorweg, welchesSie

vielleicht noch nicht kennen:„DieAufgabedes

Historikers besteht nicht darin, herauszufin-

den, waswar,sondern wasist.

Es geht auch ein bisschen umdie Standort-

bestimmung, welche Bedeutung Wildnis in

derdeutschen undmitteleuropäischenKultur

hat.

Angeregt durch die aktuelle Diskussion um

eine Neujustierung der Schutzgebietskate-

gorie Wildnisdes IUCN,möchteich Standort-

bestimmung in einen internationalen Kontext

betten.

Ich beginne mit meiner Spurensuche in Mün-

chen und bei der Ästhetisierung der wilden

Bergwelt. Man braucht einen halben Tag in

der Alten und inder Neuen Pinakothek zu

verbringen, umsich der Diagnose des Geo-

graphen Werner Bätzing anzuschließen, der

eingroßerKenner derAlpen ist:

Bätzing schreibt: Bis weit indie Neuzeit hin-

ein hatten die Alpen als montes horribles, als

„Schrecken erregende Berge“ nicht die ge-

ringste Anziehungskraft. Ende des Mittelal-

ters werden sie zum ersten Malvon Künstlern

für würdig gehalten, auf Gemälden abgebil-

det zuwerden, aber sie blieben bis Ende des

18. Jahrhunderts Hintergrundstaffage. Dann

wurden die Alpen auf einmal „entdeckt“ als

ästhetischschönempfunden.

Es gibt noch andere Indizien für diesen Wan-

del. ZurgleichenZeit, alsdie Bergeabgebildet

wurden in ihrer wilden Schönheit, rückt auf

den Gemälden ein vorher kaum beachtetes

Motiv inden Vordergrund: Todholz, alte, tote,

morsche,knorrige Bäume.

Besonders anschaulich wird dies auf einigen

Baumstudien im Englischen Garten, die der

Maler Johann Georg Dillis imAuftrag Kur-


fürstKarlTheodor 1793 ausführte.

Diese sind frühe Bespiele der Ästhetisierung

des Mottos Natur Natur sein lassen. Offenbar

gabesdamalsimEnglischenGartennochkei-

ne Pflichtzur Verkehrssicherung. Denn heute

hätte esDillis sicher schwer, soein Motiv im

EnglischenGartenzufinden.

Woherkommt dieseHinwendungzur Naturim

Endedes 18.Jahrhunderts?

Eine vonvielen Antwortenhatte derPhilosoph

Immanuel Kant.

Der glaubte nämlich, dass dem Menschen ein

Dranginnewohnt,sichwilderNatur auszusetzen,

um dadurch in sich ein Gefühl der Religiosität

zu erzeugen, welches nach dem Verschwinden

Gottes durch dieAufklärung entbehrlich gewor-

denist.

In einem Aufsatz mit dem Titel „Beobach-

tungen zu frühen künstlerischen Rezeption

desEnglischenGartens“heißt es:

„Die Bereitschaft, Natur unverfälscht und

ursprünglich zu erleben war literarisch im

Sturm und Drang und in der Frühromantik

vorbereitetworden.

Das Stichwort ist gefallen: Romantik. Ich bin

Prof. Haber sehr dankbar,dassergesterndie

Rolleder Romantiker positivbewertethat.

In der Epoche der Romantik, soder Brock-

haus, wurden breite Teile der Gesellschaft

empfänglichfür,wie es heißt, die„Pathoswir-

kungder wilden Landschaften.“

Das waren also die historischen Anfänge der

Sehnsucht nach Wildnis in Deutschland und

Europa. Die Sehnsucht nach Wildnis hat ei-

nen philosophisch-ästhetischen Unterbau;

und dieser wird oft mit den Begriffen des Er-

habenen undvon Katharsis beschrieben.

Katharsis, das ist, wie Sie wissen, die Läute-

rung, dieBesinnungnach einemergreifenden

Erlebnis.

WiepassteKatharsis in diedamalige Zeit?

Der Zeitgeist –sagen wir mal um 1850 –war

geprägt von mancherlei Irrungen und Wir-

rungen.Das können wirnicht nur beiHeinrich

Heinenachlesen.

DiefranzösischeRevolution hatte denMonarchen

abgeschafft und die Säkularisation den lieben

Gott. Die deutsche Revolution war in die Hose

gegangen und der Deutsche Wald war auf dem

besten Wege durch Forst-Mathematikdes Johann

Heinrich von Cotta der Entzauberung anheim zu

fallen.

Eine Orientierungslosigkeit hatte sich breit

gemacht –Beate würde wahrscheinlich von

einer gewissen Fahlheit des Lebensgefühls

sprechen; aber auch Arroganz der neuen

Wissenschaften,die allesbisherdagewesene

negierten, oder neu interpretierten, erschüt-

tertedie Menschen.

Es warendie Romantiker,die dasGeheimnis-

volle, Unergründliche und Erhabene zurück-

holten und es zelebrierten. In ihrer Musik, in

ihre Lyrik und Prosa und natürlich in ihren

Gemälden.

Es waren die Romantiker, die zur Mäßigung

mahnten, die zur Rückbesinnung aber auch

zum Neuaufbruch in eine geläuterte,beschei-

denere Gesellschaft aufriefen; eine Gesell-

schaft,die nichtgegen,sondern mitder Natur

lebensollte.

65


66

DieRomantiker warenesschließlich auch,die in

verstaubtenBiedermeier-Stubendie Fensterauf-

rissen und die Gesellschaft mit der Vielfalt exo-

tischerGestade konfrontierte.

Dochwas bringt unsdiese Rückschauheute?

Als vormaliger Redakteur bei Natur bzw. Na-

tur und Kosmos ist mir natürlich schnell klar

geworden, dass man mit einem Themenvor-

schlag über dasErhabene in der Natur keinen

Blumentopf gewinnen würdekönnen.

DasThema hatmichabertrotzdemnicht los-

gelassen,überall binich darauf gestoßen,bei

dem Schriftsteller Erich Kästner etwa, der

schriebt. „Wenn mansoganzalleinimWalde

steht, begreift man nur sehr schwer, warum

maninBüround Kino geht“,

(...)oderbei denPhilosophenMax Horkheimer

und Theodor Adorno, von denen sich mir fol-

gender Satz insGedächtnisgebrannthat:

„Aber die vollends aufgeklärte Welt strahlt im

Zeichentriumphalen Unheils. DasProgrammder

Aufklärung wardie Entzauberung derWelt.“

Wir haben da also einen ganzen Motiv-Kom-

plex fürdie SehnsuchtnachWildnis:

Es geht nicht um Ablehnung, aber es geht um

eine Relativierung der Errungenschaften der

Moderne, es geht um eine Läuterung, eine

Besinnung des Individuums angesichts des

Erhabeneninder Natur, in derWildnis.

Das ist heute noch soaktuell wie vor 200, 150,

100odervor 50 Jahren.

Ein sehr eindrucksvolles Beispiel für die Ak-

tualität durfte ichamRande des 7.World Wil-

dernessCongress in Port Elisabeth Südafrika

erleben, Anfang November 2001.Ich standan

derHaltestelle zu demZubringerbus vom Ho-

telzum Kongressgebäude.

Ich fragte einen amerikanischen Delegierten,

der mit mir ander Haltestelle stand, warum

denn Wildnis bei den Amerikanern so hoch in

Kurs steht.

SeineAntwort verblüfftemich:

„Wildernessisabout restraint“

Dasmussman sich malauf derZunge zerge-

henlassen!

„Wildernessisabout restraint“

Wildnis für viele Amerikaner heißt also Zu-

rückhaltung, heißt Einschränkung, heißt

Selbstbeherrschung.

DerDelegierte,mit demich mich unterhalten

hatte, war, wie ich später erfuhr, Wayne Frei-

mund, Professor für Naturschutz und Sozio-

logieander Universität vonMontana.

Also könnten seine Worte eine gewisse Aus-

sagekraft für das soziologische Profil der

Amerikaner haben.

Es soll hier aber nichtumdie Naturauffassung

der Amerikaner gehen, sondern um den Na-

turbezug desMenschenals Kulturleistung im

Allgemeinen. Ich tue dies aber über die Um-

wege des Amerikanischen Wildnissystems,

weil dieses durch ein amerikanisches Bun-

desgesetz –den Wilderness Act –eine ver-

allgemeinerbareRechtsnormbekommenund

deswegen –ich darf das so ausdrücken –für

denIUCNdurchaus Modellcharakter hat.

Diese Verallgemeinerbarkeit eines Wertkon-

textes in einer Rechtsnorm hat von Alaska

bis Hawaii Gültigkeit, das ist meines Erach-

tens eine nichtzuunterschätzende Kulturlei-

stung.

Dass Wildnis inAmerika und bei vielen Ame-

rikanern so hoch in Kurs steht, hat durchaus

politische Auswirkungen.

Ich verweise auf die Kontroversen um Arctic

National Wildlife Refuge im Norden Alaskas,

fürdas bereitsGeorgeBushSeniorgroße Er-

schließungsplänehatte. Immer wieder, jahr-

zehntelang, bis heute, hat der amerikanische

Wähler und der amerikanische Kongress der

Bushfamilie einen Strich durch die Rechnung

gemacht, und das, wie die Wildnis-Gegner


sagen: nur wegen ein paar Karibus und Eis-

bären...

Aldo Leopolds berühmter Satz „Wildnis be-

deutet eine Absage an die biotische Arroganz

des Homo Sapiens“ hat durch das amerika-

nische Wildnis System eine geographisch-

demoskopischeMatrix bekommen.

Auch wenn Leopold mit diesem Satz sicher

nicht nur den amerikanischen Homo Sapiens

gemeint hat, lässtsichsichersagen:

Die amerikanische Kultur hat Wildnis nötig;

ich füge hinzu, hat Wildnis bitter nötig. Lässt

sich dies aber auch für andere Kulturen sa-

gen?

Ich bleibe aber noch ein bisschen bei dem

Wildnissystem in Amerika. Die Selbstbe-

schränkung, die Zurückhaltung bei der Res-

sourcennutzung findet eineEntsprechung auf

derEbene derFreizeitnutzungvon Wildnis.

Beides ist, wieebengesagt, juristisch festge-

zurrt indem so genannten WildernessAct der

die rechtliche Grundlage des National Wilder-

ness PreservationSystem bildet.

In diesen Wildnis-Gebieten darfes–ein biss-

chen vereinfacht ausgedrückt –keine Stra-

ßen, keineGebäude,keine Autos, keineMoun-

tainbikes, keine Hubschrauberlandungen,

keineMotorschlittenund Dübelinden Felsen

geben.

Dafür aber sind Kanus, Reit- und Packpferde

und das Kampieren unter freiem Himmel

erlaubt, den Besuchern sollen laut „Wilder-

ness Act“ „außergewöhnliche Möglichkeiten“

geboten werden, „Stille und Einsamkeit zuge-

nießen,“ und, sie müssen, wie es dort heißt,

Gelegenheit bekommen, „ursprünglichen

und unbeengten Freizeittätigkeiten“ nachzu-

gehen. In vielen Wildnisgebieten ist sogar die

Freizeit-Jagd möglich.

Ein paar Zahlen: Zurzeit stehen in USA 702

Wildnisgebiete unter staatlichem Schutz. Mit

43,4 Millionen Hektar umfassen sie rund fünf

Prozent derLandesfläche. DieLiegenschaften

des US Nationalparkservice umfassen 34,1

Millionen Hektar, wovon 59als Nationalparke

ausgewiesensind.

Auf17,4MillionenHektarüberlappensichNa-

tionalparke undWildnis.

Oder sie grenzenaneinander, wieman hier an

dem Greater Yellowstone Ecosystem sehen

kann.

Die unterschiedlichen Farben bedeuten un-

terschiedliche Zuständigkeiten unterschied-

licher Bundesbehörden, wie dem National

Park Service, dem Fish and Wildlife Servive,

demBureauofLandManagement.

Das besondere an den Wildnisgebieten ist,

dass sie nichtvon der Hauptstadt Washington

ausbestimmtwerden.

Sieentstehen –BottomUp–,alsoauf Initiati-

ve derlokalen Bevölkerungund lokalerNGOs.

Allerdings werden sie von Washington, durch

denUSKongressdurch einBundesgesetzge-

schützt. DieseKonstellation verleiht derame-

rikanischen Wildnisidee eine gewisse Dauer-

haftigkeit.

Dafür das Amerika verglichen mit Europa so

eine relativjunge Nation ist, hatdas Land viel

ErfahrungimNaturschutz.

Oder, ich möchte es noch ein bisschen vari-

ieren. Amerika hat lange Gelegenheit, um im

Naturschutz Fehler zumachen und hat aus

diesen Fehlernpragmatischgelernt.

Man kann das amerikanische Wildnissystem

durchaus als ein ausgereiftes Naturschutz-

system bezeichnet, welches gleichzeitig die

Naturund dieRechteder Menschenschützt.

Mit dem so genannten „Wildnismanagement“

versucht man sich an dieser sicher nicht im-

mereinfachenQuadratur desKreises,indem

u.a. an dieEigenverantwortung desmündigen

Bürgers appelliertwird.

67


68

Es bleibt aber nichtbei demAppell, es gibt

aucheinige guteingeführte Praktiken, mitde-

nendas Naturschutzziel Wildniserreichtwer-

densoll.

Eines dieser Methoden ist unter dem Ab-

kürzung LAC (Limits of acceptable change)

bekannt. LAC bedeutet –wenn ich esinder

gebotenen Kürze richtig wiedergebe –dass

man sich zunächst einmal Gedanken macht,

welche ökologischen Auswirkungen mensch-

licher Freizeitaktivitäten tolerierbar bar sind

undwelchenicht.Und zwar individuell, Gebiet

für Gebiet, bevor man zu rigorosen Maßnah-

mender Besucherlenkunggreift,

Es geht aber nicht nur um ökologische Aus-

wirkungen.

LAC macht sich auch noch eine andere,

höchst subtileMethodeder Besucherlenkung

zu nutze; und zwar lang bevor sie irgendwel-

che ökologischen Schäden anrichten. Wild-

nisfreunde in Amerikahaben nämlichoft eine

großeIntoleranz gegenüber anderenWildnis-

freunden. Wildnisfreunde vermeiden jede Art

von Rummel, und sie beharren auf ihr Recht

aufStilleund Einsamkeit.

EinMittelumdieszuerreichensinddie Listen

an denTrailheads, an denensichdie Hiker auf

Listen einund austragensollen. So kann man

sofort erkennen, wie viele Leute sich bereits

in dem Gebiet befinden und seit wann unter-

wegssind.

Eine weitere Management Instrument zum

Schutz der Wildnis heiß LNT, Leave NoTrace.

Man darfalles machen, nur keineSpurenhin-

terlassen.

Eine Kampagne, die von Sponsoren unter-

stützt wird, ist unter LNT.org im Internet zu

erreichen. BeiLNT geht es auch darum, touri-

stischeWildniskompatibilitätmit derrichtigen

Ausrüstung zu erreichen.

SogibtesbeispielsweisetragbareFeuerstellen,

damitman wirklich keineSpurenhinterlässt.

In der Wildnis müssen natürlich auch die Be-

hörden Zurückhaltungüben, das gilt natürlich

auch für Behörden. Wenn der Forest Service

in Wildnisgebiet die Wanderwege pflegt und

freischneidet, dann darf dies nur mitHandsä-

gen geschehen, wozu eseigene Handbücher

desForestServivegibt. Eine Motorsägewäre

in einemWildnisgebietein Stilbruch.

Das Ganze ist, wenn Sie sowollen, natürlich

irgendwie„romantisch“

Doch wie hängen aber nun die Nationalpark

Idee, die Wildnisidee und die Sehnsucht nach

Wildnis der europäischen Romantiker mit-

einander zusammen?

Undwie –bitte schön–tangiertdas dieprak-

tischeNaturschutzarbeitinBayern,Deutsch- land und Mitteleuropa? Sind das alles nicht

doch verschiedene paar Stiefel?

Wenn man die Instrumentarien der Geistes-

wissenschaft –insbesondere die der Zeitge-

schichte —zuRatezieht,wirdesüberdeutlich,

dass sich dieDinge nicht voneinandertrennen

lassen.

Am Beispiel der Amerikanischen Nationalpar-

kidee lässt sich das augenfällig zeigen! Hier

an diesem Rednerpult wurde schon mehr-

mals einSatzdes BritischenBotschaftersder

USA, James Bryce aus dem Jahr 1913 zitiert,

der nämlich sagte, dass Nationalparke Ame-

rikas besteIdeeseien.

Abgesehen davon, ist dieser Satz genau ge-

nommen eine feine Gemeinheit gegen die

Amerikaner. Stellen Sie sich vor, der Ameri-

kanische Botschafter würdeden Nationalpark

BayerischenWaldals diebeste ErfindungBa-

yernsbezeichnen.

Inhaltlich stimmt der Satz, dass die National-

parke Amerikas beste Idee sind sicher, nicht,

zumindestsichernicht so ganz.

Der Yellowstone Nationalpark, gegründet

1872, war der erste Nationalpark Ameri-


kas. Wenn wir über dieses Datum ein zeitge-

schichtliches Raster legen und nach Europa

blicken, dann befinden wir uns etwa inder

letztenPhase derRomantik.

GleichzeitigfindetindieserZeiteineder größ-

ten Auswanderungswellen statt, die die Welt

je gesehenhat.Zwischen1820und 1920 wan-

derten ca.5,5 MillionenDeutsche –insgesamt

über 30 Millionen Europäer nach Amerika

aus.

Natürlich nahmen dieseMenschenihreSehn-

süchte, ihre ganze kulturelle Hausapotheke

mit nach Amerika. Amerika, insbesonde-

re Amerikas urwüchsige Natur, wurde zum

„Projektionsfeld“ für die Sehnsüchte Europä-

ischerRomantiker.

Wasdabei herauskam, kann manunter ande-

remanden Gemälden der Hudson RiverSchool

sehen. Ihr bekannter Vertreter war, Albert

Bierstadt, einAuswanderer ausDeutschland,

der von der romantischen Schule umCaspar

DavidFriedrich geprägt war.

Übrigens wurden einigeder Bilder derHudson

RiverSchool genutzt, um dieCongress Abge-

ordnete von der dringend gebotenen Unter-

schutzstellung der grandiosen Landschaften

in denRocky Mountainszuüberzeugen.

Die europäischen Romantiker spielten also

eine starke,wenn auch indirekte Rollebei dem

Beginnder NationalparkIdeeinAmerika.

Wir müssen auch bedenken, dass Amerika

noch eine viel zu junge Nation war, umwirk-

lich von Amerikanern zu sprechen. Die mei-

sten Weißen in Amerikades 19.Jahrhunderts

waren Europäer inder zweiten und dritten

Generation.

Der Satz, dass National Parks Amerikas be-

ste Idee seien, relativiert sich dadurch deut-

lich. Die wirklichen Amerikaner, die Indianer,

hatten keineBedeutung beider Gründung der

ersten Nationalparke.

Im Gegenteil, sie warendabei sogarimWege!

Als der Yellowstone Nationalpark gegründet

wurde, übernahm den Part der Nationalpark

Ranger zunächst die US Cavalry, die nichts

Besseres zu tunhatte alseinigeFamilienver-

bändeeinheimischer Shoshonenaus demGe-

biet desParks zu evakuieren.

Dies war, ich darf das so sagen, ein Geburts-

fehler derNationalparkIdee.

Ein weiterer Fehler, wohl eher ein Webfehler

als ein Geburtsfehler der Nationalparkidee

warder früheMassentourismusund die Kom-

merzialisierung.

Wie sie sehen hatte der Roosevelt Arch, der

Haupteingang desYellowstone Nationalparks,

beinahedie Dimensiondes Triumphbogensin

Paris und war von Anfang an für mehr kon-

zipiert, als nur den einsamen Reitersmann

durchzulassen. Er trägt dieInschrift zumNut-

zenund derErbauung derBevölkerung.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ge-

gen viele Touristen in Nationalparke ist nicht

dasGeringste einzuwenden, auch nichtgegen

Kommerzialisierung. Auch die beiden baye-

rischenNationalparke könntenmit Sicherheit

mehr Touristenvertragen.Und es seiden Na-

tionalparke auch vergönnt, dadurch mehr Er-

löse zu erwirtschaften.

Wasaber, wenn TouristenihreAnsprüche aus

derZivilisationmit in dieWildnis nehmen wol-

len?

Werdann Stille undEinsamkeit sucht–für mich

ist das die beste Vorrausetzung für Katharsis

und das Erlebnis des Erhabenen – ist oft eher

fehl am Platze.

Auch die Möglichkeiten, wie esheute in den

Wildnis-Richtlinien heißt, „ursprünglichen

und unbeengten Freizeittätigkeiten“ nach-

zugehen, sind in Nationalparke naturgemäß

begrenzt.

Aldo Leopold – auch er war übrigens ein

Spross deutscherEinwanderer –suchtenach

Alternativen. Leopold arbeitete damals als

69


70

Forstinspektor fürden US Forest Service.

Es gelang ihmschließlich,seinenArbeitgeber

dazu zu überreden, in New Mexiko ein Wild-

nisgebieteinzurichten. Sein bestechendesAr-

gument: Wildnis ist eine Form der Landnut-

zung, die bei nicht wenigen Menschen beliebt

ist; also sollte der Forest Service auch die

Nutzmöglichenvorhalten!

1924 war esdann soweit. Das erste Wildnis-

gebiet der USA und weltweit, das nach be-

sonderen Kriterien unter staatlichen Schutz

gestellt wurde.

1935 begründeteLeopold zusammen mitzwei

Mitstreitern die Wilderness Society, die sich

Jahrzehnte lang um die gesetzliche Veran-

kerung des Wildnisschutzes bemühte. Das

war übrigens dasselbe Jahr, indem Leopold

Deutschlandbesucht hat, um Jagd, Forstwirt-

schaft undNaturschutz kennen zulernen.

Erst 1964, vierzig Jahre nachdem das erste

Wildnisgebieteiner Regierungsbehördeabge-

rungen worden war, bekamWildnisinAmeri-

ka einenRechtsstatusdurch dieRatifizierung

desWildernessActs, der übrigens vonPräsi-

dent Johnsonunterzeichnet wurde.

Das Gesetz war aber von Kennedy auf den

Weg gebracht, dann kam aber das Attentat

vonDallasdazwischen.

Diese geschichtlichen bzw. kunstgeschicht-

lichen Zusammenhänge sind ist zwar alle

recht beeindruckend, aber was geht uns in

Deutschland die Rechtssprechung der Ame-

rikaneran?

Wie die meisten von Ihnen wahrscheinlich

wissen –und Dr.Blankehat ja auch noch ein-

mal darauf aufmerksam gemacht – gibt es

eine eigene Wildniskategorie desIUCN.

Als ich vor Jahren die grüne Broschüre des

IUCN mit den Schutzgebietskategorien in die

Hand bekam, war ich nicht wenig erstaunt,

dass einige der Formulierungen fast wörtlich

mit den mit den Formulierungen des Wilder-

ness Acts übereinstimmten.

Beim IUCN heißt esetwa: governed primarily

by the Forces ofNature, beim USWilderness

Act IUCN heißt es, affected primarely by the

forces of nature. Hauptsächlich den Kräften

der Naturunterworfen.

Im Wilderness Actist dieRedevon outstanding

opportunities for solitude, genauso ist esbeim

IUCN formuliert: outstanding opportunitiesfor

solitude.Besondere MöglichkeitenEinsamkeit

zu erleben.

Istdas einZufall? Anfangs hatteich mich zwar

darübergewundert,die Sacheaberdann doch

nichtweiterverfolgt.

Bei der Klärung dieses rätselhaften Zufalls

war mir dieser Mann behilflich: Bill Bain-

bridge,Südafrikanerund Veterander Interna-

tionalen Wildnisbewegung.

Wie ich von ihm am Rand des 8.Wildnis Kon-

gresses erfuhr, wurden bereits aufgrund ei-

nerResolutionbeim3.World Wilderness Con-

gress inSchottland1983wichtigeInhaltedes

US Wilderness Acts von der „Internationalen

Naturschutz Union“ IUCN übernommen und

in dieneu gegründete Schutzgebietskategorie

1b überführt!

In vielen Ländern, darunter Österreich,

Schweiz undItalien istWildnis, istdie Schutz-

kategorie Wildnis bereits anerkannt. So ist

es –zumindest theoretisch–auchbei unsim

altenEuropaangekommen–dasszum Schutz

von Wildnis auch der Schutz von Stille und

Einsamkeit gehört!

Für mich ist dies eine ganz bemerkenswerte,

viel zu wenigbeachtete Tatsachedes interna-

tionalen Naturschutzes:

Stille undEinsamkeit sind einanerkanntesNa-

turschutzziel!

Wir Romantiker wissen ja: Stille und Einsam-

keit sind dieerste Vorraussetzung fürKathar-

sis, undumzur Besinnung zu kommen.


Inzwischen wurde diese Schutzgebietska-

tegorie Wildnis weiter verfeinert und steht

nun, wie Sie vielleicht wissen, beim Welt Na-

turschutzkongress in Barcelona imnächsten

Jahr erneut zur Debatte. Hier sehen Sie die

erste Seite eines entsprechenden Diskussi-

onspapiersvom vergangenenAugust.

Die letzte Fassung können Sie sich aus dem

Internetherunterladen,wenn sie ichbei www.

wildernesstaskforce.organmelden.

Wie sie hier sehen können, sind imVergleich

zum amerikanischen Wilderness Act, etwas

andere Prioritäten gesetzt, bzw. getauscht

worden. Die ökologische Bedeutung wurde

deutlich herausgearbeitet.

Gleichzeitig wird aber auch die Rolle der

einheimischen Bewohner gestärkt und der

Schutz relevanter kultureller Werte hervorge-

hoben. Dies ist der vorerst letzte Stand einer

Entwicklung, die seit Jahrzehnten andauert.

Diese Entwicklung lässt sich auf einen Nen-

ner bringen: Die Internationalisierung der

Wildnisideeist in vollem Gange!

Maßgeblich beteiligt am Zustandekommen

der internationalen Wildnisdebatte ist der In-

ternationale Wildniskongress, der die Super-

lative fürsichbeansprucht,die ältesteöffent-

lich zugängliche internationale Naturschutz

Veranstaltungder Welt zu sein.Der ersteKon-

gress fand inJohannesburg, Südafrika (1977)

statt. Ich hatte Gelegenheit, sowohl 2001 in

Port Elizabeth als auch 2005 inAnchorage zu

sein. Präsident dieses Kongresses ist bereits

seit Jahren derAmerikanerVance Martin.

Anlässlich –und jetztschließtsichder Kreis–

der Aufführungen von Ballett und Wildnis hat

Bayern besuchte Vance Martin auch die bei-

den Nationalparkdirektoren gesprochen, um

sich aus erster Hand darüber kundig zu ma-

chen was man sich inBayern unter Wildnis

vorstellt.

Im Vorfeld des letzten Wildniskongresses in

Anchorage,Alaska, fand auchein mehrtägiger

Lehrgang zu internationalen Wildniskonzep-

tenstatt.

Ich war dann wie vom Schlag gerührt, als

wir gleich amersten Tag über die Service-

Leistungen vonWildnisgebietensprachen und

derLehrgangsleiter Al Kossdas Wort Sublime

als eine konkrete, wenn auch nicht greifbare

Service-Listung von Wildnisgebieten be-

schrieb.

Sublime ist das Erhabene. Und inDeutsch-

land hatteich mich geniert, diesen Begriffzu

verwenden(...)

In den darauf folgenden Tagen hatte ich dann

Gelegenheit, einige der Einstellungen, Vor-

stellungen undWünschzuerfahren,die Men-

schen inChina, Nigeria, Polen und Südafrika

mit dem Thema verbanden. Esgab natürlich

Unterschiede, esgab aber auch etliche Über-

schneidungen.

Eine Haupt-Schnittmenge der verschiedenen

Wildnis-Vorstellungen des Lehrgangs, lässt

sich folgendermaßenzusammenfassen:

• Wildnis istein Prädikatfür touristischbeson-

ders attraktive Landschaften mit landesty-

pischerArtausstattung.

• Wildnis ist aber gleichzeitig ein Verhinde-

rungs-Instrument gegenMassentourismus.

• Und Wildnis lässt indigenen VölkernRaum für

Entwicklung.

Man kann also beinahesagen:

Wildnis ist also eine formidable eierlegende

Wollmilchsau.

Jedenfalls lässtsichsagen: Wir befinden uns

in einerwirklichviel versprechenden Entwick-

lungsphaseeiner Marke Wildnis.

In dieser Marke Wildnis stecken, wie ich ge-

zeigthabe, Jahrzehnte derEntwicklung,Jahr-

zehnte der Diskussionen auf internationaler

Ebene. Deswegen bin ich überzeugt, dass die

Marke auchfunktioniert.

71


72

Die Probe aufs Exempel konnte ich mit Hil-

fe des Bayereischen Staatsballetts machen:

Hier schließt sich erneut der Kreis.

Seit Beginndes Projekteskonnteich mehr als

ein gutes Dutzend der Tänzer, Tänzerinnen

zum Thema Wildnis befragen und was die

Künstler damit verbanden.

Ich zitiere Beispiele, die durchaus nicht unty-

pisch sind für Wildnisauffassung der jungen

Künstler im Staatsballettund sicherlich darü-

berhinaus:

Pavla Micolavci ausKroatien sagtemir:

„In der Wildnis kommen mir Fragen zum Le-

ben, Fragen, die mir inder täglichen Routine

des Stadtlebens wohl gar nicht in den Sinn

kommen würden“.

VincentLoermann ausHolland meint:

„In Wildnis merkt man auf einmal, dass wir

uns ansoviele Dinge gewöhnt haben, die Lu-

xus sind und die wir absolut nicht brauchen.

Es ist eine tolle Erfahrung, wenn man erlebt,

wie wenig wir doch brauchen, um wirklich

glücklichzusein“.

In diesen Worten steckt nichts weniger als

der Kulturauftrag der modernen Wildnisbe-

wegung:

Wildnis lässt die Menschen zur Besinnung

kommen.


Bericht aus dem wilden Bayerwald

Literarische Reportage durch den halbwilden

Wald zwischen Donau und Moldau

Herbert Pöhnl

73


74

Dynamische Veränderungen in

Fichtenwäldern und von Fichten

dominierten Waldökosystemen

nach Störungen durch Windwurf und Borkenkäferbefall

Karl Friedrich Sinner

Lusen –Böhmerweg ISchutzhütte

Ausmaß undVerlauf desBorkenkäferbefalls

Seit 1988 wurden im Rachel-Lusengebiet des

Nationalparks mehr als 4000 ha Fichten-

bestände durch Borkenkäfer zum Absterben

gebracht (Abb. 1).Die höchsten Absterberaten

wurden zwischen 1995 und 2000 beobachtet.

Außer inder Managmentzone sind Bekämpf-

ungsmaßnahmen (Einschlag und Abfuhr be-

fallener Bäume) unterlassenworden.

Derartige Massenentwicklungenvon Borken-

käfern traten in den 1990er Jahren zeitgleich

auf der gesamten Nordhalbkugel auf. Für die

nordost-bayerischen Mittelgebirge liegen hi-

storischeBelegevon flächigem Borkenkäfer-

befall in denJahren 1870ff und1929ffvor.

...undseinewahrscheinlichen Ursachen

Als Erklärungsansatz für dieses Phänomen

werden Depositionenund Klimawandeldisku-

tiert, welche sehr gegensätzliche Wirkungen

auf die Vitalität von Fichten und die Populati-

onsdynamikder Insekten zeitigten:

• Die Winterstürme 1990 und viele kleinere

Stürme danach erzeugten große Men-

gen anumgeworfenen oder geschädigten

Fichten, die als initiale Bruthabitate die

Massenvermehrung der Borkenkäfer er-

möglichten.

• Der starke Erwärmungstrend seit den


Abb. 1: Abgestorbene Fichtenbeständeim

Rachel–Lusengebietdes Nationalparks.

LinkeOrdinate: ha a­1, rechteOrd.: ha ku­

mulativ.

1990ernindenMonatenAprilundMaiführte

zurVerfrühung deserstenSchwärmflugs.

• Der starke Erwärmungstrenddes gesam-

tenSommerhalbjahrsseitden1990ernre- duzierte die witterungsbedingten Ausfälle

an Borkenkäfernund verlängertedie Fort-

pflanzungsperiode.

• Warme undtrockeneSommer(1992,1995,

1998, 2003) verminderten dagegen die Vi-

talitätvon Fichten.

• eine Reihe warmer Sommer (mglw. auch

die Erholung vom Säurestreß aus der At-

mosphäre) haben zur Häufung von Blüh-

und Samenjahren geführt. Die hohen En-

ergiekosten für das Fruchten könnten zu

Lasten der Pathogenabwehr gegangen

sein.

Daraus läßt sich schließen, daß Witterungs-

bedingungen und Klimatrends, die der Bor-

kenkäferpopulation nützen, für Altbestände

von Fichten, dieankühl-feuchte Bedingungen

angepaßt sind, nachteilig sind, nicht aber für

derenVerjüngung.

Abb. 2: Derbholzbiomasse(m3 ha­1)von

lebenden undabgestorbenen Fichten im

Rachel–Lusengebiet(R­L) undimFalken­

stein­Rachelgebiet(F­R) desNationalparks.

Erst durch Windwürfe und die Borkenkä-

fermassenentwicklung erfolgte eine tief-

greifende Veränderung des überwiegend

bewirtschafteten Waldes hinzueiner eher ur-

waldartigen Verteilung (Abb. 2) aus lebender

Holzbiomasse (58%) sowie stehendem (29%)

und liegendem Totholz (13%). Noch imJahr

1991,20Jahrenach der Gründung des Natio-

nalparks,lag derTotholzanteilbei wenigerals

10% der gesamten Holzbiomasse von etwa

456m3ha-1. Dies entsprachdem Zustandim

75


76

Falkenstein-Rachelgebiet im Jahr 2002 sehr

genau: fünf Jahre nach Eingliederung inden

Nationalpark lag dort der Totholzanteil bei


Abb. 4: Veränderungen der ELLENBERG–

Zeigerwerte in betroffenenFichtenbestän­

den in Hang­ undHochlagen *p


78

Kleinstandorten wie “Stammkontakt” und

“verrottendes Holz”, die nur 8.3% des Wald-

bodens ausmachen. Daneben beeinflussen

Abb. 5: Zusammensetzungder

Baumartenverjüngung (> 20 cm hoch)

in den Hochlagen .

Bodenqualität, Höhenlage, Exposition, das

Absterbejahr des Fichtenaltbestands und die

Deckung v.a. von Calamagrostis villosa die

Verjüngungdichte. Zusammenfassend ergibt

sich das Bild, daß natürliche Störungen wie

Windwurf und Insektenbefall die Verjüngung

derHochlagen-Fichtenbeständefördern.

Rachel­

Lusengebiet

Falkenstein­

Rachelgebiet

Untersuchungen zur Biodiversität von In-

sekten im Nationalpark zeigten, daß Ips ty-

pographus die Biodiversität erhöht, indem

er Lücken und damit innere Ränder imWald

schafft.Die größte Zahl vonArten derTotholz-

käfer, Wanzen, Bienen und sozialen Wespen

wurden in diesen Habitaten gefunden,ebenso

die größte Anzahl an hochspezialiserten Ar-

ten, dieimgeschlossenen Wald fehlten.

Vergleichsstudien im benachbarten Böhmer-

wald ergaben, daßvielereliktische undende-

mische Bodenspringschwänze ihr Habitat im

Fichtenaltbestand haben. Siesindauchimab-

gestorbenenBestand zu finden,nicht aber auf

Kahlschlagflächen.

Borkenkäfer gelten im Wirtschaftswald als

Schädlinge. Aus ökologischer Sicht ist Ips ty-

pographus eine Schlüsselart fürBiodiversität,

indemerBäume tötetund damitStrukturviel-

falt im Waldschafft.

Gesamt Sumava

Nationalpark

Fläche(ha) 13300 10950 24250 68520

HöchsteErhebung

(m)

Niedrigster

Punkt(m)

1453

Großer Rachel

1337 Lackaberg 1379Plechý

666 600 568


Länge: • 37km

Breite: • 4-7km

Eigentümer: • Freistaat Bayern

Management: • Staatsministerium fürUmwelt, Gesundheit undVerbraucherschutz

Naturraum: • BayerischerWald

Geologie: • Granitund Gneis

Böden: • Überwiegend saureBraunerden bis Podsole, sandig-lehmig,skelettreich;

mineralische undorganische Naßböden auf22%,Blocküberlagerungauf

7%der Fläche

Klima: • zwischenwestlicher undöstlicher Klimaprovinz

• bis zu 150Tagen Schneebedeckungbis 2.5MeternHöhe

• Jahresmitteltemperatur zwischen 3.0°CinTalungen undKammlagen und

6,5 –7°Cinden Hanglagen

• Jahresniederschlägezwischen1100and 2500 mm,mit der Höhenlage

zunehmend

Vegetation: • Waldökosystemeauf 98 %der Fläche

• 2%Übergangs- undHochlagenmoore, Zwergstrauchheiden

Waldgesellschaften:

• verschiedene Assoziationendes Luzulo-Fagion, gemischte Bergwälder mit

den HauptbaumartenFichte, Tanneund Buche sowieBerg- undSpitzahorn,

Esche,Bergulme undEibeauf 64 %der Fläche

• natürliche Fichtenwälder (Bazzanio Piceetum)inspätfrostgefährdetenTallagen

undauf sehr sauren Naßböden (17%der Fläche)

• natürlicher Bergfichtenwald(Soldanello Piceetum)oberhalbvon etwa 1100 m

Höhenlagemit Bergahornund Vogelbeere (17%der Fläche)

79


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Autorenverzeichnis

Prof.u.Dir.Dr. habil. Rainer Blanke

Fachbereichsleiter Ökologie und

Naturhaushalt

Bundesamtfür Naturschutz

Konstantinstraße110

53179Bonn

BlankeR@bfn.de

Dr.-Ing. E.h. FritzBrickwedde

GeneralsekretärDeutsche

BundesstiftungUmwelt

An derBornau2

49090Osnabrück

www.dbu.de

Prof.Dr. Dr. h.c.WolfgangHaber

Lehrstuhl fürLandschaftsökologie

derTUMünchen

Wissenschaftszentrum Weihenstephan

85350Freising

wethaber@aol.com

Prof.Dr. GerhardKneitz

Institut fürEvolutionsbiologie und

ÖkologieBonn

Privat:

HansGebhardtStr.40

97280Remlingen

bund.g-kneitz@t-online.de

Till Meyer

Journalist

Balanstraße 211

81549München

till.m@arcor.de

Prof.Dr. ManfredNiekisch

VizepräsidentDeutscher Naturschutzring

RegionalCouncillor IUCN

Bernhard-Grzimek-Allee 1

60316Frankfurt am Main

manfred.niekisch@stadt-frankfurt.de

Herbert Pöhnl

Steinäcker 38

94234Viechtach

poehnl@t-online.de

Karl FriedrichSinner

Leiter derNationalparkverwaltungBayerischerWald

FreyungerStr.2

94481Grafenau

poststelle@npv-bw.bayern.de

Dr.ChristofSchenck

Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Alfred-Brehm-Platz 16

60316Frankfurt

www.zgf.de

Prof.Dr. MichaelSuccow

MichaelSuccow-Stiftung

ZumSchutzder Natur

GrimmerStr.88

17489Greifswald

info@succow-stiftung.de

Dipl.-TheologinBeate Seitz-Weinzierl

Leiterin desUmweltzentrumsSchloss Wiesen-

felden

StraubingerStraße5

94344Wiesenfelden

bw@bund-naturschutz.de

Prof.Dr. HubertWeiger

Vorsitzender BundNaturschutz in Bayern

Bauernfeindstr.23

90471Nürnberg

hubert.weiger@bund-naturschutz.de

HubertWeinzierl

PräsidentDeutscher Naturschutzring

SchlossWiesenfelden

94344Wiesenfelden

Hubert.Weinzierl@dnr.de

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