Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

Matthias Domschk zum 30. Todestag

Christlicher Märtyrer oder ganz normaler Typ?

Am 12. April 1981 kam Matthias Domaschk unter bis heute ungeklärten Umständen in der

Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Gera ums Leben. 1

Inzwischen ist das Schicksal von Domaschk 2 weit über Thüringen hinaus bekannt. Neben der

privaten Erinnerung wurden Leben, Wirken und Tod von Domaschk von verschiedener Seite

beschrieben und wissenschaftlich untersucht. 3 Zwei Sichtweisen bildeten sich dabei heraus

und prägen bis heute die Erinnerung vieler Zeitzeugen: Domaschk, der Märtyrer im

christlichen Raum und Domaschk, der „ganz normale Typ“, der Opfer der Willkür des MfS

der DDR wurde.

Ein Foto aus dem Jahr 1990 zeigt die Berliner Zentrale MfS nach ihrer Erstürmung. Vor der

Absperrung steht ein Volkspolizist. An die Wand des Gebäudes im Innenhof der ehemaligen

Stasizentrale in Berlin Magdalenenstraße haben Demonstranten den Schriftzug gesprüht: „Ihr

habt Matthias Domaschk ermordet.“ 4 Der Spruch blieb dort bis 1992 zu sehen.

Vorbild für das Widerstehen?

Schon kurz nach dem Tod von Matthias Domaschk stellte das MfS fest: „In den Freundes-

und Bekanntenkreisen des 'Matz' wird dieser jetzt allgemein als Märtyrer angesehen und man

fühlt sich wieder in der Meinung bestätigt, dass die 'Stasi' sehr willkürlich mit den Bürgern

unseren Staates umgeht und wenn es darauf ankommt, auch über Leichen geht“. 5 Jahre später,

am 9. April 2002, wurde Domaschk auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie

Berlin im Gedenken an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus aus dem Raum

1 Die „Reste“ der ehemaligen Stasihaftanstalt in Gera beherbergt heute die „Gedenk- und Begegnungsstätte im

Torhaus“. Im Herbst 1997 wurde der Verein „Gedenkstätte Amthordurchgang“ e. V. gegründet. Auch an das

Schicksal von Domschk wird hier erinnert, im Internet unter http://www.torhaus-gera.de/verein.html.

2 Internetressourcen zu Matthias Domaschk: http://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Domaschk und

http://www.jugendopposition.de/index.php?id=632.

3 Ellmenreich, Renate: Matthias Domaschk. Die Geschichte eines politischen Verbrechens in der DDR und die

Schwierigkeiten, dasselbe aufzuklären, Erfurt 1996; Neubert, Ehrhart: Geschichte der Opposition in der DDR

1949-1989, Berlin 1998; Fuchs, Jürgen: Magdalena, MfS, Memfisblues, Stasi, Die Firma, VEB Horch und

Gauck, Berlin 1998; Scheer, Udo: Vision und Wirklichkeit. Die Opposition in Jena in den siebziger und

achtziger Jahren, Berlin 1999; Matthias Domaschk. In: Horch und Guck, Sonderheft I, 2003; Pietzsch, Henning:

Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970-1989, Köln, Weimar,

Wien 2005; Klier, Freya: Matthias Domaschk und der Jenaer Widerstand, Berlin 2007.

4 Schlieter, Kai: Ein Tod in der DDR. Er war ein Hippie, und er lebte in der DDR. Eine schlechte Kombination.

Vor 25 Jahren starb Matthias Domaschk in Stasi-Haft, in taz Magazin vom 8.4.2006, S. I-III, 633 Z.

5 MDA Berlin, MfS, AP 1097/81, Bl.183; Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der

kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970-1989, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 133 ff; Scheer Udo: In einem Anfall

von Depression. Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006 , S 368 f.


des Protestantismus zum Vorbild für das Widerstehen gegen die SED-Diktatur erhoben. 6 Mit

dabei war die ehemalige Lebensgefährtin von Domaschk, Renate Ellmenreich geb. Groß. Sie

hielt einen Vortrag zu Leben und (Nach-)Wirken von Domaschk. Anwesend waren auch sein

damaliger Freund und Weggefährte Peter Rösch sowie der Autor. Anlass der Veranstaltung

war die Vorstellung des Sammelbandes „Widerstehen - Wirkungsgeschichte und aktuelle

Bedeutung christlicher Märtyrer“ von Björn Mensing und Heinrich Rathke. 7 Vier Jahre später,

im Jahr 2006, wurde Domaschk in einer weiteren Buchveröffentlichung der Evangelischen

Verlagsanstalt Leipzig als Märtyrer des 20. Jahrhunderts vorgestellt. 8 Der ehemalige

Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und Stellvertretende

Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Christoph Kähler, vertrat

dabei die Ansicht, Domaschk sei zu Recht in eine Dokumentation über evangelische Märtyrer

des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden, weil ihm in der DDR seine im christlichen

Glauben wurzelnde Kritik am SED-Staat vorgeworfen wurde. 9

War Matthias Domaschk, war „Matz“, wie ihn seine Freunde nannten, Vorbild und

christlicher Märtyrer, wie in den Veröffentlichungen 2002 und 2006 ausgeführt wurde, oder

doch einfach „ nur ein ganz normaler Typ“, wie Renate Ellmenreich 2005 in der

Filmdokumentation „Tod im Stasiknast“ darlegte: „Natürlich war er kein Held. Aber er hat

trotzdem gute Sachen gemacht. Natürlich war er kein Martyrer, er hätte sich das nie

vorgestellt. Und trotzdem hat sein Tod in vielen Menschen etwas ausgelöst, was auch weitere

Entwicklung beschleunigt hat oder angeregt hat.“ 10 Der ehemalige Pfarrer Walter Schilling

stellte klar, er, „Matz“, war kein Held, aber sein Tod hatte eine Wirkungsgeschichte. 11

6 09. April 2002, 19.00 Uhr, Vorbilder für das Widerstehen? Gedenken an die Opfer von Nationalsozialismus

und Stalinismus aus dem Raum des Protestantismus. Veranstalter: Evangelische Akademie zu Berlin; Matthias-

Domaschk-Archiv; Evangelische Kirchgemeinde Charlottenburg-Nord, Ort: Evangelisches Gemeindezentrum

Berlin Plötzensee, Heckerdamm 226, Berlin 13627.

7 Mensing, Björn; Rathke, Heinrich Hg.: Widerstehen: Wirkungsgeschichte und aktuelle Bedeutung christlicher

Märtyrer, Leipzig 2002. Für dieses Buch haben Heinrich Rathke und Björn Mensing mehr als 280

Kurzbiographien deutschsprachiger evangelischer Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus recherchiert.

8 Schultze, Harald; Kurschat Andreas Hg.: „Ihr Ende schaut an…“, Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts,

Leipzig 2006, zu Matthias Domaschk ab S. 619 f., Zweitauflage 2008.

9 „Kähler erinnert an Märtyrer aus der DDR - Auch Kähler und Wanke sprachen sich für deutliche

Solidaritätsbekundungen mit bedrängten Gemeinden aus. In der DDR-Zeit seien Besuche aus dem Westen eine

große Ermutigung gewesen. Kähler - auch stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender - erinnerte an den

Feinmechaniker Matthias Domaschk (1957-1981), der als Mitglied der Jungen Gemeinde Jena unter bis heute

ungeklärten Umständen in Stasi-Haft starb. Man habe ihm seine im christlichen Glauben wurzelnde Kritik am

SED-Staat vorgeworfen. Domaschk sei zu Recht in eine Dokumentation über evangelische Märtyrer des 20.

Jahrhunderts aufgenommen worden, so Kähler. Wanke mahnte zum „langen Atem“. Die Kirche lebe, während

mit Nationalsozialismus und Kommunismus zwei totalitäre Weltanschauungen zusammengebrochen seien.“

Internetplattform der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) mit Sitz in Bad Blankenburg (Thüringen) vom

18.10.2006, URL: http://www.ead.de/nachrichten/nachrichten/einzelansicht/article/nigerianer-deutschland-istim-glaubensurlaub.html

(Stand 27. Dezember 2010).

10 Filmdokumentation „Tod im Stasiknast. Warum starb Matthias Domschk? Film von Andreas K. Richter und

Tom Franke im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks für die ARD, gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung

zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, 2005.


Jugend in Jena

Matthias Domaschk erlebte zunächst eine ganz normale Jugend in der DDR. Die einzige

Besonderheit war sein „Hineingeraten“ in das jugendkulturelle Umfeld der kirchlichen

Jugendarbeit, der Offenen Arbeit 12 , unter dem Dach der Ev. Kirche in Jena, was sein

Lebensschicksal bestimmen sollte. Hier lernte er nicht nur Gleichgesinnte kennen. Es bestand

die Möglichkeit, sich auszuprobieren und die vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse

in Frage zu stellen. Seit Mitte der siebziger Jahre gehörte er zu jenem Umfeld Jugendlicher in

Jena, die in kirchlichen Räumen, also unter dem Dach der Kirche, Platz fanden, um dort

jugend- und zeitgemäße Bedürfnisse auszuleben. Seine „religiöse Familienmitgift“ erhielt er

mütterlicherseits. Hieraus erwuchs ein Hineinwachsen in das kirchliche Jugendleben der

Kirchengemeinde in Jena, zunächst in der Gemeinde in Alt-Lobeda, wo er die Vikarin und

spätere Lebensgefährtin Renate Ellmenreich kennenlernte. Diese Verbindung und sein

Bedürfnis nach Abgrenzung von den Eltern waren es, die den jungen Domaschk empfänglich

machten für religiöse und politische Inhalte. Etwas später ging er dann in die Junge Gemeinde

Stadtmitte (JG Stadtmitte), wohin ihn Renate mitnahm. In der JG Stadtmitte lernte er

zahlreiche Jugendliche kennen, mit denen er sein Lebensgefühl teilte. Sie strebten nach

Eigenständigkeit, Mündigkeit und freiem Denken - Bedürfnisse, die dem Ideal einer kollektiv

ausgerichteten sozialistischen Persönlichkeit widersprachen. Das machte die Junge Gemeinde

Stadtmitte in Jena insgesamt für viele Jugendliche zu einem attraktiven Ort.

Verhältnis Kirche – Jugend

In der evangelischen Kirche fanden die Bedürfnisse der zumeist atheistisch geprägten

Jugendlichen beschränkte Annahme im Kontext der aktuellen Interpretation christlicher

Werte, aber auch weil sie inzwischen durch den staatlich organisierten Atheismus erheblich

an Mitgliedern im SED-Staat eingebüßt hatte. Der Zulauf von nicht religiös gebundenen

Jugendlichen entsprach daher dem Ziel einer Neuausrichtung der evangelischen Kirche. Ein

„Nachwuchs“ an jungen Christen war wünschenswert und willkommen, solange die

Jugendlichen die kirchlichen Glaubenssätze und Strukturen nicht in Frage stellten. Kritik

11 Ebenda. Für Schilling waren die von ihm betreuten Jugendlichen Unruhestifter, die sich gegen staatliche und

gesellschaftliche Bevormundung wandten und auch kirchliche Strukturen und religiöse Inhalte in Frage stellten.

Seine Jugendarbeit verlangte keine religiösen Bekenntnisse, sondern schaute auf den Einzelnen und seine

Fähigkeit zu eigenmächtigem Handeln. Vgl. Eisert-Bagemihl, Lars; Kleinert, Ulfried Hg.: Zwischen sozialer

Bewegung und kirchlichem Arbeitsfeld. Annäherung an die Offene Jugend(-)Arbeit, Evangelische

Verlagsanstalt, Leipzig 2002, S. 84.

12 Vgl. Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena

1970-1989, Köln, Weimar, Wien 2005.


gegenüber dem SED-Staat wurde dagegen teilweise geduldet, solange den Gemeinden keine

Konflikte daraus erwuchsen. 13

Die Jugendlichen mussten und wollten ihrerseits unabhängig von staatlichen oder kirchlichen

Vorgaben selbst aktiv werden. Was die Kirchenleitungen dabei aber zumeist nicht im Blick

hatten, war das Bedürfnis der Jugendlichen nach Individualisierung als Reaktion auf den

staatlichen Kollektivismus. Das hieraus resultierende Konfliktpotential einerseits zwischen

Akteuren der Jungen Gemeinde und der Kirchenleitung sowie zwischen den Jugendlichen und

staatlichen Behörden andererseits bestimmte zukünftig maßgeblich das Verhältnis zueinander.

Große Probleme bereitete den kirchlichen Verantwortlichen vor allem die Tatsache, dass die

Jugendlichen sich nicht, wie eigentlich gewünscht, allein in formal religiöse Riten einbinden

ließen. Eine wesentliche Ursache dafür war der Umstand, dass viele nicht religiös gebundene

Jugendliche gerade in der Jungen Gemeinde Stadtmitte einen für sie reizvollen Freiraum

entdeckt hatten. Den wollten sie behalten und verteidigten ihn gegen kirchliche wie staatliche

Ein- bzw. Zugriffe. Die Büchse der Pandora war gleichsam geöffnet. In einem solchen

Umfeld war es eine Frage der Zeit, bis sich politisierende Themen herausbildeten und die

Jugendlichen sie diskutierten. Das „Ersatzforum“ Junge Gemeinde entwickelte sich so recht

schnell zu einem „Politik- und Philosophieklub“. Literatur spielte dabei eine wichtige Rolle,

aber auch die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. So entstanden besonders in

den siebziger Jahren verschiedene Literatur-Kreise innerhalb und außerhalb der Jungen

Gemeinde, wo selbst verfasste Literatur entstand und politische Literatur bevorzugt gelesen

wurde. Die gesellschaftspolitische Bedeutung bzw. Wertung ihrer Interessen durch staatliche

Behörden sowie das MfS war den Jugendlichen zumeist nicht voll bewusst. Zunehmende

Repressionen durch stattliche Stellen und das MfS machte ihnen jedoch schnell klar, dass sie

keineswegs so viel Freiraum hatten, wie sie glaubten. Politisch motivierte Konflikte waren

deshalb vorprogrammiert.

Staatliche Reaktionen und repressive Erfahrungen

Auch Matthias Domschk geriet in den stattlichen Repressionsmechanismus. Ein Auslöser war

die Biermann-Ausbürgerung 1976, nach der er sich aktiv an den Protesten beteiligte und

daraufhin erste konkrete Erfahrungen mit dem MfS machen musste. Verhöre und staatliche

Überwachung griffen unmittelbar in das Leben von Domaschk und den anderen Jugendlichen

ein. Einige wurden von Studium relegiert, Domaschk wurde der Facharbeiterabschluss mit

13 Vgl.: Pietzsch, Henning: Die Evangelische „Kirche im Sozialismus“. Christliche Botschaft versus ideologische

Gleichschaltung? http://www.geschichtswerkstatt-jena.de/archiv_texte/kirche_im_sozialismus.pdf.


Abitur versagt, weil er mit seiner „antistaatlichen Haltung“ gegen den sozialistischen Staat

angeblich nicht würdig sei, die „ganze Fürsorge“ des SED-Staates zu erhalten. Die

Jugendlichen hatten die „Geduld“ des SED-Staates herausgefordert. Entsetzt mussten sie

wahrnehmen, dass sie auf Grund ihres Engagements wie Verbrecher behandelt wurden. Der

SED-Staat und dessen Vertreter waren nicht bereit, mit den Jugendlichen in einen Dialog zu

treten, ihre Fragen ernst zu nehmen oder auch nur anzuhören. Die Jugendlichen waren fortan

„Staatsfeinde“ und wurden auch so behandelt. Dies führte in der Folge zu einer nachhaltigen

Politisierung der Jungen Gemeinde. Alle Versuche des SED-Staates, mit Hilfe von

Repressionen und auch kirchlicher Mitarbeiter diese Entwicklung zu stoppen, scheiterten. Die

äußerst ambivalente Haltung vieler kirchlicher Mitarbeiter gegenüber den Jugendlichen

verstärkte zusätzlich die Wahrnehmung der Jugendlichen, sie seien schutzlos der staatlichen

Willkür ausgesetzt. Wie sich später nach Öffnung der MfS-Akten herausstellte, waren

zahlreiche Kirchenmitarbeiter als Inoffizielle Mitarbeiter im Dienst des MfS. Sie hatten den

Auftrag „staatsfeindliche Aktivitäten“ zu verhindern und die Kirchenleitung dazu zu

bewegen, die politisierten Jugendlichen aus den Räumen der Kirche zu verdrängen. Ziel war

es, die Gruppen zu spalten und die aktivsten Akteure als so genannte „Rädelsführer“

strafrechtlich zu verfolgen. Teilerfolge belegten diese Strategie.

Matthias Domaschk zog sich nach den zahlreichen repressiven Erfahrungen zwischen 1975

und 1977 weitgehend aus dem aktiven Umfeld der Jungen Gemeinde zurück, beschränkte sich

vor allem auf freundschaftliche Kontakte. Ein Grund dafür war auch die Einberufung zur

Nationalen Volksarme im Herbst 1977. Es war eine oft angewandte Strategie des MfS,

„auffällig“ gewordene Jugendliche über diesen Weg zum Zwecke der „Disziplinierung“ aus

dem bisherigen sozialen Umfeld „herauszubrechen“. Als Domaschk im April 1979 nach Jena

zurück kam, hatte sich zudem vieles in der Jungen Gemeinde verändert. Viele neue junge

Leute waren hinzugekommen, viele alte Freunde blieben inzwischen der Jungen Gemeinde

fern, hatten Ausreiseanträge gestellt oder waren durch staatliche Zwangsmaßnahmen in den

Westen abgeschoben worden. Domaschk knüpfe nach seiner Armeezeit dort an, wo er

freundschaftliches Verhältnis gepflegt hatte und ging wieder in die Junge Gemeinde. Mit

einem Kreis alter Freunde reiste er 1980 nach Polen, um dort die inzwischen in den Westen

ausgereisten alten Freunde zu treffen. Mit dabei war auch sein Freund Peter Rösch, der

inzwischen zu einem wichtigen Wortführer in der Jungen Gemeinde geworden war und den

das MfS in einem Operativen Vorgang (OV) bearbeitete. Solche Treffen spielten für die

Junge Gemeinde bis zum Untergang der DDR eine wichtige Rolle. Die Kontakte dienten nicht

nur der „Pflege“ alter Freundschaften, sie spielten für die kommenden politischen


Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle, weil darüber Informationsmaterial aus dem

Westen zu beschaffen war und die Freunde im Westen über die dortige Presse-Öffentlichkeit

zumindest einen gewissen Schutz vermitteln konnten gegen willkürliche Verhaftungen in

Jena. Negative Presse im Westen war für den SED-Staat, der bis zum Ende seiner Existenz

um außenpolitische staatliche Anerkennung rang, stets ein politisches Debakel, das es mit

allen Mitteln zu verhindern galt.

Operative Bearbeitung durch das MfS nach der Armeezeit

An politischen Aktionen beteiligte sich Matthias Domaschk nach seiner Armeezeit kaum. Es

gab in Jena auch kaum Aktionen, die die staatlichen Organe oder die Kirchenleitung hätten

beunruhigen können. Das änderte sich, als Domaschk mit Rösch die Polenreise 1980 nutzte,

um nach Danzig weiter zu reisen und dort Kontakte zur polnischen Streikbewegung der

gerade neu gegründeten ersten freien Gewerkschaft Solidarność 14 zu suchen. Erkenntnisse des

MfS über diese Reise veranlassten das MfS, Rösch intensiver zu „bearbeiten“. Darüber geriet

auch Domaschk erneut ins Visier. Im Operativen Vorgang „Qualle“, den das MfS gegen seine

Freunde Peter Rösch und Gerold Hildebrand eröffnet hatte, wird er als Person in deren

persönlichem Umfeld aufgeführt. Insgesamt wurden im Eröffnungsbericht vom 9. Juni 1980

35 Akteure als sogenannte Kontaktpersonen aufgelistet, die danach entweder „Mitglieder“ der

Jungen Gemeinde waren oder zum persönlichen Umfeld der bearbeiteten Personen gehörten.

Der Operative Vorgang „Qualle“ gehörte für das MfS neben den Operativen Vorgängen

„Parasit“, „Opponent“ und „Exponent“ zwischen 1980 und 1984 zu den sogenannten

Schlüssel-OV bei der „Bekämpfung und Bearbeitung“ des „feindlich negativen Potentials“

aus der Jungen Gemeinde und dessen Umfeld. 15

Der IM „Klaus Steiner“ lieferte am 10. März 1981 seinem Führungsoffizier, Hauptmann

Roland Mähler von der Kreisdienststelle Jena, einen Bericht über Domaschk, der zum

verhängnisvollen Anlass für die wenige Zeit später erfolgte Verhaftung von Domaschk und

Rösch wurde. In dem IM-Bericht behauptete dieser: „Die Meinung des 'Matz' ist dahin zu

konkretisieren, dass er solche terroristischen Handlungen bzw. die Handlungen solcher 'Roten

14

Die Gewerkschaft Solidarność entstand aus einer Streikbewegung von Arbeitern im Sommer 1980. Auslöser

der großen Streikwelle 1980 waren Preiserhöhungen in Polen für Fleisch am 1. Juli 1980. Die Streiks waren

zunächst lokal begrenzt, griffen dann aber auf das gesamte Land über. In Danzig (Gdańsk) kam es auf der

Leninwerft am 14. August 1980 zum Streik, dessen direkter Anlass die Entlassung der Kranführerin Anna

Walentynowicz, einer bekannten Symbolfigur der Streikbewegung des Jahres 1970 an der Küste, war. Es wurde

ein betriebliches Streikkomitee unter der Führung von Lech Wałęsa gegründet.

15

Vgl. Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena

1970-1989, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 141 ff.


Brigaden' mit Gewalt für den einzigen Ausweg in unserer Gesellschaft bei der Beseitigung

der herrschenden Missstände sieht. [...] Wenn ich (Domaschk, d. A,) die Möglichkeit hätte

eine solche Gruppe aufzumachen, dann würde ich es tun. [...] Der 'Matz' seinerseits versuchte

immer wieder den Reiprich auf seine Positionen zu ziehen und wie mir schien, auf eine um

den 'Matz' organisierte Gruppe aufmerksam zu machen. Dies sind von mir vage

Vermutungen.“ 16

Diese aktuelle Information und „vagen Vermutungen“ des IM wurden schließlich zum

entscheidenden Anlass, Peter Rösch und Mathias Domaschk am 10. April 1981 während einer

Reise nach Ost-Berlin aus dem Zug heraus auf dem Bahnhof in Jüterbog zu verhaften. Nach

einer ersten langen Nacht der Verhöre wurden beide in einem bereits entkräfteten Zustand in

die MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera überführt, wo weitere Verhöre bis zum frühen

Morgen des 12. April folgten. Die angeblich vorgesehene Entlassung am Vormittag erlebte

Domschk dann nicht mehr. Er war tot. Peter Rösch dagegen wurde nach Jena entlassen. 17

Der Tod von Matthias Domaschk – Ohnmacht und Radikalisierung

Die Jenaer Szene war geschockt, als sie vom Tod Domaschks erfuhr. Neben Entsetzen und

einem Gefühl der Resignation machten sich aber auch Wut und Aggression breit. Als

Synonym steht dafür der Ausruf einer Teilnehmerin der Beerdigung während der Trauerfeier

auf dem Jenaer Nordfriedhof, die vom MfS „begleitet“ wurde: „Ihr sollt in unseren Tränen

ersaufen!“ Der Tod von Matthias Domaschk bewirkte die politische Radikalisierung der

Jungen Gemeinde und ihres Umfeldes. Er war ein Impuls, sich vor dem Hintergrund der

militärischen Nachrüstung in Ost und West Anfang der achtziger Jahre konsequent für den

Frieden einzusetzen und führte zur Gründung der Jenaer Friedensgemeinschaft im März 1983.

Warum und wie Matthias Domschk zu Tode kam, wer dafür verantwortlich war und ist, wird

von den hauptverantwortlichen MfS-Mitarbeitern bis heute verschwiegen. Der MfS-Legende,

Domaschk habe Suizid begangen, widersprechen nach wie vor zahlreiche Indizien. Ein

vorsätzliches Tötungsdelikt konnte jedoch in einem juristischen Verfahren, dass im Jahr 2000

seinen Abschluss fand, nicht belegt werden. 18 Erich Mielkes Einstellung als Chef des MfS zu

16 Vgl. OV „Opponent“, MfS Reg.-Nr. X/231/80, IM „Klaus Steiner“, Tonbandabschrift vom 23.03.1981, Bd.

XII, BStU, Bl. 305-306; Scheer, Udo: Vision und Wirklichkeit, S. 203 ff.; Reiprich, Siegfried: Der verhinderte

Dialog, S.149.

17 Zu den genauen Vorgängen vgl. Vgl. Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der

kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970-1989, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 133 ff.

18 Malzahn, Claus-Christian: „Ihr sollt in Tränen ersaufen“. Über den ungeklärten Tod eines DDR-Dissidenten,

in: Spiegel Nr. 20 vom 17.05.1993, S. 11 ff., sowie in: Spiegel online vom 29. April 2007 unter:

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,480071,00.html; Ellmenreich, Renate: Matthias Domaschk. Die


„Staatsfeinden“ und den Umgang mit ihnen belegt aber ein Tonbandmitschnitt aus dem Jahr

1982: „Wir sind nicht davor gefeit, daß wir einmal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich

das schon jetzt wüßte, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzer Prozeß. Weil ich ein

Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassung. [...] Das ganze Geschwafel von wegen

nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig

auch ohne Gerichtsurteil.“ 19 Am 13. November 1989 versicherte derselbe Mann vor der

Volkskammer (ein Abgeordneter wirft ein, dass er nicht als Genosse angeredet werden will,

daraufhin Mielke): „Ich bitte um Verzeihung. Das ist doch nur eine natürliche menschliche

Sache. - Das ist doch eine formale Frage (Aufregung im Saal) - Ich liebe - Ich liebe doch alle

- alle Menschen (Lacher im Saal) - Na ich liebe doch, ich setze mich doch dafür ein“ 20

Märtyrer ganz normaler Typ?

War Mathias Domaschk ein Vorbild und Märtyrer oder doch „nur“ ein ganz normaler Typ?

Domaschk, das wurde hier deutlich, war als Jugendlicher ein ganz normaler Typ, der neben

seinem Interesse für politische Fragen und Themen auch ganz normale Jugendinteressen

verfolgte. Über sein Engagement in der Jungen Gemeinde erfuhr er wie viele andere

Jugendliche eine Politisierung. Er stellte Fragen und interessierte sich für Themen, die mit

den Vorgaben der sozialistischen Staatsordnung nicht übereinstimmten. In der Folge erfuhr er

wie viele andere seiner Freunde erhebliche repressive Maßnahmen. Sein Abiturabschluss

wurde ihm verwehrt, was berufliche Nachteile nach sich zog, und er wurde vom MfS zum

„Staatsfeind“ erklärt, mit etlichen Stasi-Verhören überzogen. Die Unterstellungen des MfS,

Domaschk und seine Freunde würden einen politischen Umsturz der Verhältnisse im SED-

Staat planen oder gar durchführen wollen, konnten nur einer krankhaft-neurotisch

begründeten Klassenkampftheorie entstammen, die die Jugendlichen gar nicht begreifen

konnten. Domaschk war wie die meisten Jugendlichen in seinem Umfeld bis zu den erlittenen

Repressionen weder Staatsfeind noch Gegner des Sozialismus. Erst das MfS machte sie zu

dem, was heute zumeist moralisch aufgeladen positiv interpretiert wird, zu Oppositionellen

Geschichte eines politischen Verbrechens in der DDR und die Schwierigkeiten, dasselbe aufzuklären, Erfurt

1996; Praschl, Gerald: Die Stasi, ein Toter und die späte Sühne, in: Super ILLU Nr. 42 vom 12.10.2000;

Schlieter, Kai: Ein Tod in der DDR. Er war ein Hippie, und er lebte in der DDR. Eine schlechte Kombination.

Vor 25 Jahren starb Matthias Domaschk in Stasi-Haft, in taz Magazin vom 8.4.2006, S. I-III, 633 Z.

19 Zitat Erich Mielke am 19.02.1982, Ausschnitt eines Stasi-Tonbandprotokolls auf einer Konferenz hoher Stasi-

Offiziere nach der Flucht von Werner Stiller. Stiller war Oberleutnant der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA)

und nach der offiziellen Darstellung des Bundesnachrichtendienstes Doppelagent für den BND. Er flüchtete

1979 mit zahlreichen geheimen Unterlagen der DDR-Spionageabteilung HVA unter spektakulären Umständen in

den Westen. Seine Flucht aus der DDR gilt bis heute als eine der spektakulärsten Spionage-Affären im Kalten

Krieg.

20 Walther, Joachim: Erich Mielke - Ein deutscher Jäger, Tondokumente für all jene, die hinter die Kulissen des

DDR-Regimes blicken wollen, Deutschlandradio / Der Hörverlag 1997.


und Widerständlern gegen das SED-Regime. Man muss dahingehend dem MfS ja fast schon

dankbar sein, wenn es über die eigene Person eine Verfolgungsakte anlegte. Es erleichtert

eine aus der politischen Gegenwart heraus gespeiste Opfer- bzw. Heldenzuweisung.

Im Fall Domaschk sind zahlreiche Dokumente verschwunden. Die vorhandenen Akten aber

bieten genug Einsicht in die Praxis einer Diktatur und die staatlich organisierte politische

Verfolgung von jungen Menschen, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, sich der

entmündigenden und allumfassenden „Fürsorge“ des SED-Staates zu entziehen, Fragen zu

stellen und sich engagieren zu wollen. Domaschk aus einer solchen Perspektive als

(christlichen) Märtyrer zu bezeichnen, scheint gewagt. Eine solche Zuweisung kann, wenn

schon, dann nur symbolischen Charakter haben. Das Leben und Schicksal von Domaschk

waren für die zurückgebliebenen Freunde in Jena auch aus einer tief empfundenen

Verzweiflung heraus ein Katalysator für einen polischen Aufbruch mit Mut und Stärke, der

das Ende des SED-Regimes mit bewirkte. Diese Folgen konnten die damals Beteiligten

allerdings nicht absehen. Noch Viele verloren unter dem repressiven Druck ihre Heimat, ihr

Zuhause, wurden durch staatliche Organe sowie das MfS menschlich entwürdigend behandelt

und zu Staatsfeinden erklärt. Der SED-Staat, der sich aus einer Logik des Klassenkampfes

heraus so seine „Feinde“ selbst schuf, ging auch deshalb unter.

Resümee

Bis heute steht Domaschk symbolisch für den Mut eines Teils der damals jungen Generation

in der DDR, die nicht mehr bereit war, ein „vorgesetztes“ Leben von der Wiege bis zur Bahre

hinzunehmen - eine Generation, die nur die DDR und bestenfalls einige sozialistische

Bruderländer kannte, in ihr aufwuchs und den Anachronismus der Diktatur ablehnte. Die

Beschäftigung mit der Geschichte dieser Generation und mit Matthias Domaschk kann die

gegenwärtige Jugendgeneration daran erinnern und dazu auffordern, sich in der demokratisch

verfassten Gesellschaft zu engagieren, unbequeme Fragen an die etablierte Gesellschaft zu

stellen, sich aufzulehnen gegen einen bürgerlichen Opportunismus und Widerspruch zu

leisten gegen politische wie soziale Ungerechtigkeiten. Dieses Recht haben die jungen

Menschen von heute, und sie sollten lernen, dies zu nutzen und zu verteidigen. Denn sie

bestimmen, wie die Gesellschaft von morgen aussehen wird.

Dr. Henning Pietzsch | Historiker | Projektleiter der Geschichtswerkstatt Jena e. V.

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