Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

gegenüber dem SED-Staat wurde dagegen teilweise geduldet, solange den Gemeinden keine

Konflikte daraus erwuchsen. 13

Die Jugendlichen mussten und wollten ihrerseits unabhängig von staatlichen oder kirchlichen

Vorgaben selbst aktiv werden. Was die Kirchenleitungen dabei aber zumeist nicht im Blick

hatten, war das Bedürfnis der Jugendlichen nach Individualisierung als Reaktion auf den

staatlichen Kollektivismus. Das hieraus resultierende Konfliktpotential einerseits zwischen

Akteuren der Jungen Gemeinde und der Kirchenleitung sowie zwischen den Jugendlichen und

staatlichen Behörden andererseits bestimmte zukünftig maßgeblich das Verhältnis zueinander.

Große Probleme bereitete den kirchlichen Verantwortlichen vor allem die Tatsache, dass die

Jugendlichen sich nicht, wie eigentlich gewünscht, allein in formal religiöse Riten einbinden

ließen. Eine wesentliche Ursache dafür war der Umstand, dass viele nicht religiös gebundene

Jugendliche gerade in der Jungen Gemeinde Stadtmitte einen für sie reizvollen Freiraum

entdeckt hatten. Den wollten sie behalten und verteidigten ihn gegen kirchliche wie staatliche

Ein- bzw. Zugriffe. Die Büchse der Pandora war gleichsam geöffnet. In einem solchen

Umfeld war es eine Frage der Zeit, bis sich politisierende Themen herausbildeten und die

Jugendlichen sie diskutierten. Das „Ersatzforum“ Junge Gemeinde entwickelte sich so recht

schnell zu einem „Politik- und Philosophieklub“. Literatur spielte dabei eine wichtige Rolle,

aber auch die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. So entstanden besonders in

den siebziger Jahren verschiedene Literatur-Kreise innerhalb und außerhalb der Jungen

Gemeinde, wo selbst verfasste Literatur entstand und politische Literatur bevorzugt gelesen

wurde. Die gesellschaftspolitische Bedeutung bzw. Wertung ihrer Interessen durch staatliche

Behörden sowie das MfS war den Jugendlichen zumeist nicht voll bewusst. Zunehmende

Repressionen durch stattliche Stellen und das MfS machte ihnen jedoch schnell klar, dass sie

keineswegs so viel Freiraum hatten, wie sie glaubten. Politisch motivierte Konflikte waren

deshalb vorprogrammiert.

Staatliche Reaktionen und repressive Erfahrungen

Auch Matthias Domschk geriet in den stattlichen Repressionsmechanismus. Ein Auslöser war

die Biermann-Ausbürgerung 1976, nach der er sich aktiv an den Protesten beteiligte und

daraufhin erste konkrete Erfahrungen mit dem MfS machen musste. Verhöre und staatliche

Überwachung griffen unmittelbar in das Leben von Domaschk und den anderen Jugendlichen

ein. Einige wurden von Studium relegiert, Domaschk wurde der Facharbeiterabschluss mit

13 Vgl.: Pietzsch, Henning: Die Evangelische „Kirche im Sozialismus“. Christliche Botschaft versus ideologische

Gleichschaltung? http://www.geschichtswerkstatt-jena.de/archiv_texte/kirche_im_sozialismus.pdf.

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