Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

oldweb.geschichtswerkstatt.jena.de

Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle, weil darüber Informationsmaterial aus dem

Westen zu beschaffen war und die Freunde im Westen über die dortige Presse-Öffentlichkeit

zumindest einen gewissen Schutz vermitteln konnten gegen willkürliche Verhaftungen in

Jena. Negative Presse im Westen war für den SED-Staat, der bis zum Ende seiner Existenz

um außenpolitische staatliche Anerkennung rang, stets ein politisches Debakel, das es mit

allen Mitteln zu verhindern galt.

Operative Bearbeitung durch das MfS nach der Armeezeit

An politischen Aktionen beteiligte sich Matthias Domaschk nach seiner Armeezeit kaum. Es

gab in Jena auch kaum Aktionen, die die staatlichen Organe oder die Kirchenleitung hätten

beunruhigen können. Das änderte sich, als Domaschk mit Rösch die Polenreise 1980 nutzte,

um nach Danzig weiter zu reisen und dort Kontakte zur polnischen Streikbewegung der

gerade neu gegründeten ersten freien Gewerkschaft Solidarność 14 zu suchen. Erkenntnisse des

MfS über diese Reise veranlassten das MfS, Rösch intensiver zu „bearbeiten“. Darüber geriet

auch Domaschk erneut ins Visier. Im Operativen Vorgang „Qualle“, den das MfS gegen seine

Freunde Peter Rösch und Gerold Hildebrand eröffnet hatte, wird er als Person in deren

persönlichem Umfeld aufgeführt. Insgesamt wurden im Eröffnungsbericht vom 9. Juni 1980

35 Akteure als sogenannte Kontaktpersonen aufgelistet, die danach entweder „Mitglieder“ der

Jungen Gemeinde waren oder zum persönlichen Umfeld der bearbeiteten Personen gehörten.

Der Operative Vorgang „Qualle“ gehörte für das MfS neben den Operativen Vorgängen

„Parasit“, „Opponent“ und „Exponent“ zwischen 1980 und 1984 zu den sogenannten

Schlüssel-OV bei der „Bekämpfung und Bearbeitung“ des „feindlich negativen Potentials“

aus der Jungen Gemeinde und dessen Umfeld. 15

Der IM „Klaus Steiner“ lieferte am 10. März 1981 seinem Führungsoffizier, Hauptmann

Roland Mähler von der Kreisdienststelle Jena, einen Bericht über Domaschk, der zum

verhängnisvollen Anlass für die wenige Zeit später erfolgte Verhaftung von Domaschk und

Rösch wurde. In dem IM-Bericht behauptete dieser: „Die Meinung des 'Matz' ist dahin zu

konkretisieren, dass er solche terroristischen Handlungen bzw. die Handlungen solcher 'Roten

14

Die Gewerkschaft Solidarność entstand aus einer Streikbewegung von Arbeitern im Sommer 1980. Auslöser

der großen Streikwelle 1980 waren Preiserhöhungen in Polen für Fleisch am 1. Juli 1980. Die Streiks waren

zunächst lokal begrenzt, griffen dann aber auf das gesamte Land über. In Danzig (Gdańsk) kam es auf der

Leninwerft am 14. August 1980 zum Streik, dessen direkter Anlass die Entlassung der Kranführerin Anna

Walentynowicz, einer bekannten Symbolfigur der Streikbewegung des Jahres 1970 an der Küste, war. Es wurde

ein betriebliches Streikkomitee unter der Führung von Lech Wałęsa gegründet.

15

Vgl. Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena

1970-1989, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 141 ff.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine