Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

oldweb.geschichtswerkstatt.jena.de

Matthias Domaschk zum 30. Todestag - Geschichtswerkstatt Jena eV

„Staatsfeinden“ und den Umgang mit ihnen belegt aber ein Tonbandmitschnitt aus dem Jahr

1982: „Wir sind nicht davor gefeit, daß wir einmal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich

das schon jetzt wüßte, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzer Prozeß. Weil ich ein

Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassung. [...] Das ganze Geschwafel von wegen

nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig

auch ohne Gerichtsurteil.“ 19 Am 13. November 1989 versicherte derselbe Mann vor der

Volkskammer (ein Abgeordneter wirft ein, dass er nicht als Genosse angeredet werden will,

daraufhin Mielke): „Ich bitte um Verzeihung. Das ist doch nur eine natürliche menschliche

Sache. - Das ist doch eine formale Frage (Aufregung im Saal) - Ich liebe - Ich liebe doch alle

- alle Menschen (Lacher im Saal) - Na ich liebe doch, ich setze mich doch dafür ein“ 20

Märtyrer ganz normaler Typ?

War Mathias Domaschk ein Vorbild und Märtyrer oder doch „nur“ ein ganz normaler Typ?

Domaschk, das wurde hier deutlich, war als Jugendlicher ein ganz normaler Typ, der neben

seinem Interesse für politische Fragen und Themen auch ganz normale Jugendinteressen

verfolgte. Über sein Engagement in der Jungen Gemeinde erfuhr er wie viele andere

Jugendliche eine Politisierung. Er stellte Fragen und interessierte sich für Themen, die mit

den Vorgaben der sozialistischen Staatsordnung nicht übereinstimmten. In der Folge erfuhr er

wie viele andere seiner Freunde erhebliche repressive Maßnahmen. Sein Abiturabschluss

wurde ihm verwehrt, was berufliche Nachteile nach sich zog, und er wurde vom MfS zum

„Staatsfeind“ erklärt, mit etlichen Stasi-Verhören überzogen. Die Unterstellungen des MfS,

Domaschk und seine Freunde würden einen politischen Umsturz der Verhältnisse im SED-

Staat planen oder gar durchführen wollen, konnten nur einer krankhaft-neurotisch

begründeten Klassenkampftheorie entstammen, die die Jugendlichen gar nicht begreifen

konnten. Domaschk war wie die meisten Jugendlichen in seinem Umfeld bis zu den erlittenen

Repressionen weder Staatsfeind noch Gegner des Sozialismus. Erst das MfS machte sie zu

dem, was heute zumeist moralisch aufgeladen positiv interpretiert wird, zu Oppositionellen

Geschichte eines politischen Verbrechens in der DDR und die Schwierigkeiten, dasselbe aufzuklären, Erfurt

1996; Praschl, Gerald: Die Stasi, ein Toter und die späte Sühne, in: Super ILLU Nr. 42 vom 12.10.2000;

Schlieter, Kai: Ein Tod in der DDR. Er war ein Hippie, und er lebte in der DDR. Eine schlechte Kombination.

Vor 25 Jahren starb Matthias Domaschk in Stasi-Haft, in taz Magazin vom 8.4.2006, S. I-III, 633 Z.

19 Zitat Erich Mielke am 19.02.1982, Ausschnitt eines Stasi-Tonbandprotokolls auf einer Konferenz hoher Stasi-

Offiziere nach der Flucht von Werner Stiller. Stiller war Oberleutnant der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA)

und nach der offiziellen Darstellung des Bundesnachrichtendienstes Doppelagent für den BND. Er flüchtete

1979 mit zahlreichen geheimen Unterlagen der DDR-Spionageabteilung HVA unter spektakulären Umständen in

den Westen. Seine Flucht aus der DDR gilt bis heute als eine der spektakulärsten Spionage-Affären im Kalten

Krieg.

20 Walther, Joachim: Erich Mielke - Ein deutscher Jäger, Tondokumente für all jene, die hinter die Kulissen des

DDR-Regimes blicken wollen, Deutschlandradio / Der Hörverlag 1997.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine