Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Das Wilnaer Ghetto

Modell des „größeren“ Ghettos, angefertigt von Ghettogefangenen im Auftrag der Gestapo

Die Errichtung des Ghettos

Das Wilnaer Ghetto wurde auf Gestapobefehl am 6. September 1941 errichtet. Zuvor waren die jüdischen

Bewohner der Altstadt aus ihren Häusern geholt und zum großen Teil ermordet worden. Die Juden aus der

Stadt wurden in das nun leerstehende Judenviertel getrieben, wo schließlich nahezu 40.000 Menschen in

zwei getrennten Quartieren zusammengepfercht wurden. Den brutalen Umständen der Zwangsumsiedlung

fielen bereits Tausende zum Opfer. Das so genannte kleine Ghetto wurde im Oktober wieder aufgelöst,

nachdem die „nicht produktiven“ Gefangenen ermordet und die „arbeitsfähigen“ in das „große“ Ghetto umgesiedelt

worden waren.

„Die Gestapo trieb uns mit Geschrei und Drohungen in die Strashuna-Straße … Drei hohe Backsteinmauern

blockierten alle Ausgänge der Straßen, die das Ghetto mit dem Rest der Stadt verbunden

hatten. Die Deutschen hängten ein Plakat an den Zaun, das folgende Warnung an den Rest der

Bevölkerung trug: SEUCHENGEFAHR.“ 1

Judenrat – Jakob Gens – Ghettopolizei

Der von der Gestapo eingesetzte Judenrat hatte die Befehle der Besatzer auszuführen, das Ghetto zu verwalten

und Ordnung zu gewährleisten. Letztlich diente er, wie Judenräte in anderen Ghettos, der Beihilfe zur

schrittweisen Vernichtung. Im Juli 1942 wurde der zunächst mit Honoratioren besetzte Judenrat vom Leiter

der Ghettopolizei, Jakob Gens, abgelöst. Neuer Polizeichef wurde Saul Dressler. Gens besaß das Vertrauen

der Gestapo. Er verfolgte eine Politik des Tauschhandels, die zur schleichenden

„Selektionsmethode“ wurde: Herausgabe einer Anzahl von Opfern, dafür Verschonung

der restlichen Ghettogefangenen. Letzten Endes scheiterte Gens mit

seiner Kollaborationspolitik und wurde kurz vor der Liquidierung des Ghettos

von der Gestapo erschossen. Das Urteil Überlebender über Jakob Gens fällt

zwiespältig aus. Einige würdigen ihn als tragische Figur, andere halten ihn für

Jakob Gens,

Ghettoleiter

Tafel 5: Das Wilnaer Ghetto

einen Verräter. Die jüdische Ghettopolizei hatte u.a. die Ghettotore zu bewachen

und die Arbeitskolonnen zu kontrollieren, denen vor allem das Mitbringen

von Lebensmitteln streng verboten war. Häufig misshandelten sie ihre eigenen

Saul Dressler,

Polizeichef

Leute, weil die Gestapo von ihnen Strafmaßnahmen erwartete und sie ihr eigenes Leben

retten wollten. Ihre Mitglieder waren häufig korrupt, kassierten geschmuggelte Ware und trieben bei „Aktionen“

die Opfer zusammen. Einzelne Polizisten leisteten hingegen Hilfe für Verfolgte und Mitglieder des

Widerstandes.

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