Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Selbstbehauptung

Schon wenige Tage nach Errichtung des Ghettos machten sich

jüdische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller, Lehrer, Wissen-

schaftler und Mediziner an den Aufbau einer Gegenkultur. Päda-

Herman Kruk,

Leiter der

Ghettobibliothek,

1944 ermordet

gogen gründeten Schulen, Ärzte bauten ein Basissystem

der Gesundheitsvorsorge und Krankenhilfe

auf, und unter Herman Kruk entstand eine Leihbibliothek.

Ein Theater, eine Musikschule und wissenschaftliche

Vereinigungen entstanden. Erhalten gebliebene

Plakate zeugen von der Vielfalt der Veranstaltungen.

Diese Gegenkultur wurde zum Symbol

eigener Würde inmitten von Demütigung und

Todesdrohung.

„Zukünftige Historiker und Forscher werden ständig über das

Wunder der Kultur im Wilnaer Ghetto nachdenken.“ 2

Die Herren über Leben und Tod

Die Organisatoren der Judenvernichtung hatten Namen und Gesicht:

„Der Gebietskommissar von Vilnius und Sturmbannführer der SA, Hans Christian

Hingst, war Chef der räuberischen Zivilverwaltung, die hohe Kontributionen

von den Juden einforderte. Obersturmführer Rolf Neugebauer leitete die Gestapo

und die Sipo (Sicherheitspolizei, Red.) in Vilnius. SS-Oberscharführer Horst

Schweinberger war Vorgesetzter der (litauischen, Red.) Mörder und

leitete bis 1942 die Erschießungen in Paneriai (Ponary, Red.) …

SS-Hauptscharführer Martin Weiß war Chef der Gefängnisse von

Vilnius und ab 1942 Leiter der Sonderkommandos. Er wurde der

Hans Bruno

Kittel

Träger des Kulturlebens und Mitglieder der

in den 1930er Jahren entstandenen

Künstlergruppe „Jung Wilne“ (hintere

Reihe, 1. und 2. von rechts: Shmerke

Kaczerginski und Abraham Sutzkever)

Einladung zum 48.

Arbeiterauditorium

am 20.6.1943

‚Herr von Paneriai’ genannt. Bruno Kittel, der vor dem Krieg Filmschauspieler und

Saxophonist gewesen war, leitete das Judenreferat der Gestapo. Sein Vertreter war August

Hering ... Der erst 29 Jahre alte Franz Murer war Referent für Judenfragen beim

Gebietskommissar.“ 3

(l.): Hans Christian Hingst,

(r.): Franz Murer

Tafel 5: Das Wilnaer Ghetto

Martin Weiß

Hans Christian Hingst

Vorher SA-Kreisleiter in Neumünster, 1941–1944 Gebietskommissar

für Wilna-Stadt, Schicksal nach 1945 unbekannt.

Martin Weiß

1903 geboren, Handwerksmeister aus Karlsruhe, Chef eines

SS-Sonderkommandos in Wilna, für zahlreiche „Aktionen“

verantwortlich, 1950 als Mörder und Mordgehilfe zu

lebenslangem Zuchthaus verurteilt.

Franz Murer

Landwirt aus der Steiermark, SS-Offizier, Adjutant von Hingst, den Überlebenden als „Schlächter von Wilna“

im Gedächtnis, 1963 in einem skandalösen Strafprozess in Graz freigesprochen.

Hans Bruno Kittel

1922 in Österreich geboren, ursprünglich Schauspieler und Musiker, SS-Oberscharführer, im September

1943 grausamer Liquidator des Wilnaer Ghettos, nach dem Krieg untergetaucht.

Arbeitsscheine und Aktionen

Die arbeitsfähigen Gefangenen hatten innerhalb und außerhalb des Ghettos Zwangsarbeit zu verrichten. Sie

lebten unter unmenschlichen Bedingungen und in ständiger Angst vor überfallartigen „Aktionen“, bei denen

immer neue Opfer festgenommen und zur Ermordung nach Ponary, dem nahe Wilna gelegenen Ort der

Massenerschießungen, gebracht wurden. Als Instrument der schrittweisen Dezimierung der Ghettogefangenen

dienten in kurzen Abständen zugeteilte, immer neu markierte Arbeitsscheine, die jeweils in geringerer Zahl

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