Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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ausgegeben wurden. Im September und Oktober 1941 wurden „weiße Scheine“, zunächst ohne, dann mit

Stempelaufdruck „Facharbeiter“ ausgegeben, danach „gelbe Scheine“ für Facharbeiter und „rosa Scheine“

für eine begrenzte Zahl von Familienmitgliedern. Wer keinen gültigen Arbeitsschein vorweisen konnte, endete

in Ponary.

„Sie verschleppten nicht alle zur gleichen Zeit, sondern

führten Kategorien ein und unterschieden zwischen

Bevorzugten und Nichtbevorzugten. Die Besitzer

von weißen Arbeitsbescheinigungen hielten

sich anfangs für die Auserwählten, für die Glückli-

Verhör am Eingang

des Ghettos

chen, die am Leben gelassen würden, weil sie für die

Deutschen arbeiteten ... Doch bekanntlich sahen sich

die Glückspilze wenig später betrogen. Die ‚Facharbeiter’-Aufdrucke

wurden eingeführt, und nun

wurden die noch gestern Bevorzugten wie nutzlose

Elemente zum Schlachthof geführt. Anschließend

wurden die neuen Glückspilze mit dem Facharbeiter-Stempel

ebenfalls liquidiert, und die Rolle der

Glückspilze nahmen nun die Besitzer gelber Scheine

ein. So wurden Tausende von Menschen … von den Deutschen nacheinander

zusammengetrieben und erschossen.“ 4

Facharbeiterausweis

Familienausweis

Die Liquidierung des Ghettos

„Die Außenstelle Wilna ist mit sofortiger Wirkung aufzulösen, sämtliche Karteikarten, Aktenmaterial

usw. sind zu vernichten. Die sich im Hausgefängnis befindlichen Inhaftierten sind sofort zu liquidieren.

Die restlichen sich im festen Haus des Ghettos befindlichen Juden sind ebenfalls der Sonderbehandlung

zuzuführen. Sollten etwaige Schwierigkeiten geschehen, ist das Ghetto in die Luft zu

sprengen. Es ist sofort Vollzugsmeldung zu geben. Gez. Schmitz, SS-Hauptsturmführer.“ 5

1941

6. September: Errichtung des „großen“

Ghettos und des „kleinen“

Ghettos; Ernennung eines Judenrats

und einer jüdischen Polizei;

Zwangsarbeit jüdischer „Arbeitsbrigaden“;

„Herren über Leben und

Tod“: Hans Hingst, Franz Murer,

Martin Weiß, Hans Bruno Kittel.

September/Oktober: Räumung des

„kleinen Ghettos“ durch Ermordung

der „unproduktiven“ und

Umsiedlung der „arbeitsfähigen“

Häftlinge in das „große“ Ghetto.

Oktober–Dezember: von 70.000

Wilnaer Juden leben noch ca.

30.000.

1942

Januar: Gründung der Widerstandsorganisation

FPO (Fareynigte

Partizaner Organizatsie).

Juli: Auflösung des Judenrats, alleiniger

Ghettoleiter Jakob Gens.

August: verstärkter Bau von Verstecken

(„Malinen“).

Tafel 5: Das Wilnaer Ghetto

Ghetto Chronik

1943

März: Verlegung von Juden umliegender

Ghettos in das Wilnaer

Ghetto, „Überzählige“ werden in

Ponary ermordet.

April/Mai: Nachrichten vom Aufstand

des Warschauer Ghettos;

zunehmende Flucht zu den Partisanen.

Juli: Verhaftung und Folter von

FPO-Mitgliedern, erpresste Auslieferung

und Freitod ihres Führers

Yitzak Wittenberg; Abba Kovner

übernimmt die FPO-Führung.

Juli/August: Beginn der Liquidierung

des Ghettos mit Transporten

nach Ponary, in KZs und Vernichtungslager.

September: Niederschlagung eines

Aufstandsversuchs der FPO.

14. September: Jakob Gens wird

von der Gestapo verhaftet und erschossen.

Mitte September: Einrichtung von

Arbeitslagern für den Heereskraftfahrpark

Ost, die Pelzfabrik Kailis,

– 27 –

das Militärkrankenhaus und die

Gestapo.

23./24. September: Deportation

fast aller Ghettohäftlinge in KZs in

Estland und Lettland, in das Vernichtungslager

Majdanek und nach

Ponary; in der Pelzfabrik Kailis

verbleiben ca. 1.500, im HKP-Lager

ca. 1.200, ca. 100 Gefangene

in den Lagern des Militärkrankenhauses

und der Gestapo. Etwa

hundert Widerstandskämpfer entkommen

durch die Kanalisation, in

der Stadt versteckte Juden werden

zumeist entdeckt und erschossen.

1944

Anfang Juli: Ermordung fast aller

Gefangener aus den Lagern in

Ponary – ungefähr 250 überleben

im HKP-Lager.

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