Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Tafel 6: Holocaust in Litauen

Holocaust in Litauen

Familie Jocheles, ca. 1940. Von den Angehörigen haben nur Fania Brancovskaja-

Jocheles (kniend links) und eine Cousine (stehend, 2. v. links) überlebt

Die Juden Litauens 1941

In Litauen lebten im September 1939 ca. 150.000 Juden. Mit dem Anschluss der Stadt und Region Wilna,

weißrussischer Gebiete und mit jüdischen Flüchtlingen aus Polen, Deutschland, Österreich und der

Tschechoslowakei kamen etwa 90.000 hinzu. Berücksichtigt man die Deportation nach Sibirien von mehreren

Tausend noch im Juni 1941 und die gelungene Flucht einiger weiterer Tausend mit den sowjetischen

Truppen, so lebten in Litauen beim deutschen Einmarsch ungefähr 230.000 Juden.

„Litauen 1941 – das war der Holocaust im Holocaust. In den wenigen Monaten nach dem deutschen

Überfall auf die Sowjetunion vom 22. Juni bis Ende des Jahres waren die Juden des Landes bis auf

Reste ermordet – über 200.000 Männer, Frauen und Kinder. Die Vollständigkeit, Schnelligkeit und

Grausamkeit des litauischen Anteils an der Shoa haben in der Geschichte des Völkermords im deutsch

besetzten Teil Europas während des Zweiten Weltkrieges nicht ihresgleichen: Auf einem verhältnismäßig

kleinen Territorium lassen sich an die zweihundert Vernichtungsstätten nachweisen.“ 1

Der Weg in die Vernichtung

Der Weg in die Vernichtung begann mit der Absonderung der Juden von der übrigen Bevölkerung: Armbinde,

Judenstern, Entrechtung, Demütigung, Sammelstellen, Isolierung in Ghettos. Das Morden begann. Als Erste

wurden die Vertreter und Sprecher der Gemeinden und die jungen Männer umgebracht.

„Den ganzen Juli durchkämmten litauische Polizisten und deutsche SS-Offiziere die Straßen und

nahmen kräftige, junge jüdische Männer fest. Man sagte ihnen, sie würden für Arbeitseinsätze benötigt.

Tatsächlich aber wurden sie nach Ponary gebracht und erschossen. Während der ersten Juliwoche

1941 wurden 300 führende Personen der Jüdischen Gemeinde und mehr als 500 junge Männer

auf diese Weise gefangen und getötet … Bis August 1941 hatten die Nazis die politische Führung der

Jüdischen Gemeinde vernichtet und dadurch auch die Fähigkeit, irgendwelchen physischen Widerstand

zu leisten.“ 2

Neuntes Fort Kaunas

Die alte zaristische Festungsanlage wurde von der deutschen Besatzung

zwischen Juni 1941 und Sommer 1944 zu Massenerschießungen

von ungefähr 30.000 Juden jeden Alters genutzt. Die meisten Menschen

stammten aus Kaunas, aber auch Deportierte aus Deutschland

und Frankreich waren unter ihnen. Im Verlauf eines einzigen Massakers

Ende Oktober 1941 ermordeten SS und litauische Helfer ungefähr

– 30 –

Befestigungsanlage im IX. Fort,

Kaunas, 2005

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