Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Tafel 6: Holocaust in Litauen

9.000 Menschen, die Hälfte von ihnen Kinder. Im Herbst 1943 musste im Rahmen einer zentral angeordneten

Aktion ein Sonderkommando jüdischer Häftlinge die Leichen der ermordeten Menschenmassen exhumieren

und verbrennen, um die Spuren der Verbrechen zu beseitigen. Den eingesetzten 70 Häftlingen gelang

die Flucht, nur die Hälfte von ihnen überlebte.

„Sie hatten das Kleinghetto [in Kaunas, Red.] umstellt und angefangen, alle Menschen aus den Häusern

zum Sajungoplatz zu treiben. Dort führte Hauptsturmführer Alfred Tornbaum zusammen mit dem

litauischen Luftwaffenmajor Simkus eine Selektion durch. Jene mit ‚Lebensscheinen’ oder anderen

Arbeitsausweisen wurden zusammen mit ihren Familien ausgesondert und an einem Ort versammelt.

Alle anderen trieb man streng bewacht über die Sameterchaussee in das Neunte Fort.“ 3

Ponary bei Wilna

In einem Waldstück bei Ponary, vor dem 2. Weltkrieg ein Ausflugsort südlich von Wilna, hatte die sowjetische

Verwaltung 1940 Gruben für Öltanks vorbereitet.

Dort wurden zwischen Juni 1941

und Juli 1944 von SS, Gestapo und litauischen

Hilfstruppen etwa 100.000 Menschen

ermordet: ungefähr 70.000 Juden, 20.000

sowjetische Kriegsgefangene, 10.000 Polen,

auch einige hundert Litauer. Die Opfer wurden

in Fußmärschen, auf Lastwagen und in

Bahntransporten herangeschafft, mussten

sich entkleiden, wurden gruppenweise an die

Gruben herangeführt und dann erschossen.

Einige Opfer, die nicht tödlich getroffen

wurden, entkamen und konnten von dem

Grauen berichten. Auch von Wehrmachts-

Ponary 1941: in einer Erschießungsgrube (Aufnahmen eines

Wehrmachtssoldaten)

angehörigen, die Mordaktionen beobachtet

haben, liegen Augenzeugenberichte vor.

Augenzeugen

„Links und rechts am Rand des Exekutionsgrabens standen etwa 20 bis 25 männliche Zivilisten, die

schwer bewaffnet waren … Hernach mussten die Leute das Hemd um den Kopf binden, dass sie nicht

sehen konnten, was mit ihnen geschieht. Nachfolgend mussten sich die Delinquenten in Reihe aufstellen

und die Hände auf die Schultern des Vordermanns legen … Die Gruppe ist dann mit

Maschinengewehrfeuer erschossen worden. Delinquenten, die nicht sofort tot waren, sind mit Gewehren

von den herumstehenden Zivilisten erschossen worden … mein Kamerad H. aus K. sagte:

‚Das wird sich noch bitter rächen’.“ 4

„Als wir nach Ponary kamen, war da ein riesiges Massengrab. Zwei Maschinengewehre standen vor

dem Lastwagen. Das erste, was sie uns befahlen, war, dass wir nicht sprechen, schreien oder uns

bewegen durften. Sie forderten einen nach dem anderen auf, vom Lastwagen zur Grube zu gehen und

schossen jedem von rückwärts in den Kopf … Als ich an die Reihe kam fiel ich kurz bevor der

litauische Henker schoss … Das nächste Opfer fiel auf mich … am Ende schossen sie mit dem Maschinengewehr

in die Grube und töteten die, die sich noch bewegten … ich wurde bewusstlos … Als ich zu

mir kam und mich vom Blut der Toten überströmt aus der Grube rettete, bemerkten mich zwei Wachen.

Sie schossen auf mich, trafen mich aber nicht. Voller Panik grub ich mich unter dem Drahtzaun nach

außen … Keiner der Menschen in unserer Umgebung glaubte mir, außer meinem Vater. Er sagte: ‚Sie

werden uns alle töten’.“ 5

Tötungsbilanz

Unter der deutschen Besatzung wurde nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Litauens – weit über

200.000 Menschen – ausgerottet. Regie führte von Riga aus die SS-Einsatzgruppe A, speziell das in Kaunas

stationierte Einsatzkommando 3 unter der Führung des SS-Standartenführers Karl Jäger. An mehr als 200

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