Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

darmstaedter.geschichtswerkstatt.de

Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Isaak Reches zeigt, wo die

Familie im ehemaligen

HKP-Lager gewohnt und

überlebt hat, 2005

Schreiben Plagges an die Heeres-

Unterkunftverwaltung, 1944

Auszug einer Liste der im HKP

eingesetzten Arbeitskräfte, 1944

Tafel 8: Heereskraftfahrpark Ost 562

Im HKP galt der ungeschriebene Grundsatz, alle Arbeitskräfte menschlich zu behandeln.

„Herr Plagge behandelte die Juden selbst in der anständigsten Weise und

achtete darauf, dass dies auch von seinen Untergebenen geschah.“ 3

Diesen Eindruck bestätigt auch Isaak Reches aus den Erzählungen seines Vaters

und aus eigener Erfahrung als jugendlicher Gefangener im HKP. Plagge sorgte

dafür, dass allen Arbeitskräften eine Krankenstation, Medikamente, Lebensmittel

und Arbeitskleidung zur Verfügung standen. Selbst eine Kfz-Mechanikerschule

richtete er ein, die junge Polen vor der Verschleppung zu Zwangsarbeit in Deutschland

schützte. Insgesamt organisierte er den HKP als Schutzeinrichtung und erhielt

gleichzeitig den Eindruck aufrecht, die Zwangsarbeiter würden dringend für

den HKP Betrieb benötigt.

Das HKP-Arbeitslager

Anfang September 1943 setzte Karl Plagge bei der SS-Führung in Riga

durch, für die HKP-Arbeiter ein „geschlossenes Konzentrationslager“

einrichten zu können. Kurz vor der Ghettoliquidierung holte er dort über

tausend Menschen heraus und brachte sie in das neu errichtete Arbeitslager

in der Subocz-Straße.

„Ich fuhr … nachts mit Lastkraftwagen an das Ghettotor, und es

gelang mir mit Hilfe des Judenrats, eine größere Anzahl von Juden

aus dem Ghetto herauszuholen. Eine Auswahl konnte dabei

nicht getroffen werden. Unter diesen Juden befanden sich auch

Frauen und Kinder.“ 4

Das Lager wurde von der SS mit litauischen

Hilfspolizisten bewacht. Für die

Zwangsarbeiter zahlte die Wehrmacht

Leihgebühren an die SS. Bemühungen

Plagges, sie der Wehrmacht zu unterstellen,

scheiterten.

Das HKP-Arbeitslager

Subocz-Straße, 1945

Arbeit und Leben im Lager

Karl Plagge bezog das Arbeitslager in die Versorgung der HKP-Einrichtungen ein. Da es im Lager anfangs

kaum Arbeit gab, entwickelte Plagge neue Arbeitsprojekte, denn „nutzlosen“ Juden drohte die Vernichtung.

„Als man die jüdischen Frauen als nutzlose Esser wegführen wollte, standen plötzlich 100 holländische

Nähmaschinen da und es wurde Wehrmachtszeug geflickt. Es war ein von mir vorbereiteter

Trick, da ich die Entwicklung voraussah. Niemand wagte nun mehr die so organisierte Kriegswirtschaft

zu stören.“ 5

Neben einer Schneiderei gab es eine Tischlerei, eine Schlosserei, eine Schusterei, eine Werkstatt für Feinmechanik,

sogar eine Uhrmacherei. Frauen und Kinder wurden auch in der Küche und in den Gärten beschäftigt,

jüngere Kinder beaufsichtigten Tiere, die zur Verpflegungsergänzung und zur Herstellung von Winterkleidung

für die Wehrmacht gehalten wurden. Schließlich waren alle in den HKP-Werkstätten und im Lager

mit Aufgaben „zum Nutzen der Wehrmacht“ beschäftigt.

Grenzen des Schutzes

Offensichtlich instrumentalisierte Karl Plagge die komplizierten bürokratischen Vorschriften, ließ genaue

Arbeitslisten führen und Berichte anfertigen. So gelang es ihm, hinter den widersprüchlichen

Verantwortlichkeiten von SS, Wehrmacht und Zivilverwaltung seine Schutzbemühungen zu verschleiern.

Damit konnte er die Gefangenen zwar generell schützen, aber einzelne Mordaktionen konnte er nicht verhindern.

Es belastete ihn schwer, dass er bei der „Kinderaktion“ vom März 1944, bei der 246 Kinder und Frauen

aus dem Lager nach Ponary gebracht und getötet wurden, nicht in Wilna war.

– 42 –

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine