Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Tafel 8: Heereskraftfahrpark Ost 562

„Nur den Kindermord konnte ich nicht verhindern. Ich war in diesen

Tagen auf Urlaub. Ob er in meiner Anwesenheit gewagt worden

und gelungen wäre, weiß ich nicht.“ 6

Widerstand

Auch im HKP-Lager existierte eine Untergrundgruppe. Ihre Mitglieder

starben bei dem Versuch, während der Liquidierung des Lagers

bewaffneten Widerstand zu leisten.

„SS-Sondereinheiten ... kamen am Montag, 3. Juli. Die 500 Gefangenen,

die kein Versteck gefunden hatten, traten zum Appell

an, wurden nach Ponary gebracht und getötet ... [Da] etwa weitere

„Die Kinderaktion“ – Zeichnung

des 14-jährigen Samuel Bak, 1947

500 fehlten, begannen sie, das Lager systematisch zu durchsuchen und fanden weitere 200 Juden. Sie

wurden auf dem Hof des Lagers erschossen. Unter ihnen waren die Cousine [von Perella Esterowicz],

Eva und ihr Mann Lolek. Lolek hatte ein Gewehr, war in einer Widerstandsgruppe im Lager und

bestand darauf, zum Kampf gegen die Deutschen das Versteck zu verlassen. Widerstrebend begleitete

Eva ihren Mann. Beide ... wurden während der folgenden Schießerei getötet.“ 7

Die Auflösung des HKP-Arbeitslagers

Als die Rote Armee im Juli 1944 Wilna erreichte, musste sich die Wehrmacht und mit ihr die HKP-Einheit

zurückziehen.

„Als der HKP im Sommer 1944 den Befehl erhalten hatte, seinen Sitz nach Ostpreußen zu verlegen,

wollten wir die Juden mitnehmen. Mitten in dem Durcheinander der Räumung erfuhr ich jedoch, dass

ein Räumkommando des SD [Sicherheitsdienst, Red.] im Lager sei und dass dort geschossen werde. Als

ich hinfuhr, wurde mir der Zutritt verweigert. Ich habe erst nachträglich von einem Juden erfahren,

dass es einem Teil gelungen ist, sich zu retten.“ 8

„Handlungsspielräume“

Der Militärhistoriker Wolfram Wette fasste das rettende Verhalten Karl Plagges (anlässlich dessen Ehrung

in Darmstadt im April 2005) folgendermaßen zusammen:

Anders, als es bei den allermeisten der in Wilna stationierten Offizieren, Soldaten und Militärbeamten

der Wehrmacht der Fall war, nahm … Major Karl Plagge jedoch nicht einfach hin, was um ihn herum

geschah. Er traf für sich ganz allein die Entscheidung, den Weg zu gehen, den ihm sein Gewissen

wies, ohne sich Illusionen darüber hinzugeben, welchen Gefahren er sich damit aussetzte. Mit einer

Todesstrafe wegen Feindbegünstigung oder Kriegsverrat waren die Wehrmachtsgerichte der damaligen

Zeit rasch bei der Hand. Es ist besonders darauf hinzuweisen, dass Plagge nicht in der Form

einer einmaligen, spontanen Aktion half, sondern gleichsam ‚mit langem Atem’, also überlegt, kühl

kalkulierend, ausdauernd, über Jahre hinweg, nicht immer erfolgreich, aber doch vielfach. Er hat

das Risiko nicht überdehnt, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten geschickt und klug agiert. An

diesem Beispiel können wir einiges über Handlungsspielräume erfahren, die auch ein Wehrmachtsoffizier

für sich schaffen konnte, wenn er es denn wollte.

• Als Kommandeur des Heeres-Kraftfahr-Parks (HKP) 562 in Wilna … wirkte Plagge darauf hin, dass

in seiner Dienststelle vorrangig jüdische Arbeitskräfte beschäftigt wurden, was diese von den in

bestimmten Abständen durchgeführten Erschießungsaktionen aussparte und sie damit zumindest temporär

aus der Gefahrenzone brachte.

• Er sorgte dafür, dass auch solche Juden eingestellt und damit geschützt wurden, die von der

Kraftfahrzeugreparatur eigentlich gar nichts verstanden.

• Er kümmerte sich darum, dass ‚seine’ jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter medizinisch versorgt

und gut verpflegt wurden. Das konnte nach außen hin jeweils mit dem konformen Argument gerechtfertigt

werden, ohne gesunde und kräftige Menschen könne keine erfolgreiche Arbeit für die Wehrmacht

geleistet werden.

• Er ließ ihm vertraulich zugegangene Informationen über bevorstehende Deportationen nach Paneriai

an die Bedrohten durchsickern, damit diese versuchen konnten, sich in vorbereiteten Verstecken dem

Zugriff der SS und ihrer litauischen Helfer zu entziehen.

• Sehr vorsichtig sein musste Plagge im Umgang mit seinen ‚Kameraden’ … [die] bei Rettungsaktionen

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