Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Anton Schmid

Feldwebel Anton Schmid, am 9. Januar 1900 in Wien geboren, war 1941 Leiter der

Versprengten-Sammelstelle der Wehrmacht in Wilna. In den Werkstätten dieser Dienststelle

versteckte er jüdische Zwangsarbeiter. Er brachte Juden in Sicherheit, transportierte

Waffen und Mitglieder des Widerstands. Nach seiner Entdeckung wurde er

von einem Kriegsgericht abgeurteilt und im April 1942 hingerichtet. Seit 2000 trägt

eine Bundeswehrkaserne seinen Namen.

„Die Taten von Anton Schmid zählen zu den verblüffendsten und seltensten Episoden

in der Geschichte dieser Zeit.“ 6

Retterinnen und Retter aus Litauen

Wenigen deutschen Rettern in Uniform stehen viele Litauer, Polen und Russen gegenüber, die Juden halfen.

Das Jüdische Museum in Vilnius hat bis 2007 die Namen von mehr als 700 Retterinnen und Rettern dokumentiert

– Bauern und ehemalige Nachbarn, Angehörige der Mittelschicht ebenso wie Priester und Nonnen,

Handwerker und Akademiker. Sie bauten Verstecke, fälschten Papiere, organisierten Fluchtwege oder gaben

jüdische Kinder als ihre eigenen aus. In zahlreichen Fällen unterstützten sie auch den jüdischen Wider-

stand. Drei Beispiele:

Ona (Anna) Simaite, Bibliothekarin an der Universität Wilna, versteckte jüdische

Flüchtlinge, gründete eine illegale Hilfsorganisation zur Rettung jüdischer Kinder und

versorgte Familien im Ghetto und in Arbeitslagern mit Lebensmitteln und gefälschten

Papieren. Sie rettete das Manuskript von Grigorij Schurs Ghetto-Tagebuch „Juden in

Wilna“, das sie unter den Dielen der Universitätsbibliothek versteckte. 1944 wurde sie

verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Nach der Befreiung lebte

sie in Israel und Frankreich.

„Anna Schimaite war ein wunderbarer Mensch. Wenn sie ins Ghetto oder in die

Blöcke von Kailis kam, war das wie ein Sonnenstrahl in der Finsternis.“ 7

Helene Holzman war Deutsche und lebte mit ihrer Familie während der deutschen

Besatzung 1941 bis 1944 in Kaunas. Ihr litauisch-jüdischer Mann und eine ihrer Töch-

ter wurden getötet, die Tochter Margarete und

zahlreiche Kinder aus dem Ghetto konnte sie retten.

Nach dem Krieg lebte sie in Deutschland.

William Good trifft 1999 die Familien Paszkowski

und Gasperowicz wieder, die mit ihrem

Mut dazu beigetragen haben, ihn und seinen

Vater zu retten.

Diplomaten als Helfer

Chiyune Sugihara war 1939/40 japanischer Kon-

sul in Kaunas. Entgegen der Anweisung seiner

Tafel 9: Retterinnen und Retter

Familie Paszkowski mit William

Good (r.), 1999

Regierung stellte er im August 1940 für ungefähr 6000 litauische, deutsche und polnische

Juden Transitvisa aus.

„Sie waren Menschen und brauchten Hilfe. Ich bin froh, in mir Stärke für die

Entscheidung gefunden zu haben, sie ihnen zukommen zu lassen … Es gab sonst

keinen Ort, wo sie hingehen konnten.“ 8

Unterstützung bei der Suche nach einem Zielland fand Sugihara bei dem niederländischen

Konsul Jan Zwartendijk.

„ ...ein humaner Schachzug“

„Um den frühen Abend – am 1. Juli 1944 gegen 19.00 Uhr – war es noch hell

und Major Plagge versammelte eine Gruppe von HKP-Bewohnern, um zu ihnen

Anton Schmid

(1900–1942)

Ona (Anna) Simaite

(1899–1970)

Helene Holzman

(1891–1968)

Chiyune Sugihara

(1900–1986)

zu sprechen. Es war keine offizielle Rede, die Leute scharten sich einfach um ihn. Plagge sagte: ‚Sie

alle haben wohl gehört, dass sich die Front nach Westen bewegt und dass es Aufgabe des HKP ist,

immer eine gewisse Zahl Kilometer hinter der Front zu arbeiten. Deshalb wird der HKP aus der

Kampfzone verlegt. Damit werden auch Sie, Juden und Arbeiter, evakuiert. Es ist natürlich anzuneh-

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