Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Tafel 10: Die Überlebenden

nun der Augenblick gekommen war, den wir alle fürchteten und für den wir in unserem Stockwerk

fieberhafte Vorkehrungen getroffen hatten.“ 2

Vovka Gdud/William Good

Vovka Gdud, geboren 1924, wuchs in einer Kleinstadt bei Wilna auf. Im Juli

1941 überlebte er eine Massenerschießung in Ponary. Wenig später wurden

seine Mutter und sein Bruder Motl mit allen Juden seines Heimatstädtchens

umgebracht. Vovka und sein Vater Dov konnten sich in den Wäldern mit Hilfe

von Bauern bis zur Befreiung 1944 verstecken. Er gelangte über ein DP-Lager

nach Italien, wo er Medizin studierte und seine spätere Frau Perella Esterowicz

kennen lernte. Sie wanderten nach Kalifornien (USA) aus, wo Vovka sich als

Arzt niederließ. Das Ehepaar Pearl und William Good lebt heute noch dort.

Samuel Bak

Mit seinen Eltern kam er 1943 in das HKP-Lager; bereits im Ghetto hatten die künstlerischen

Fähigkeiten des 9-Jährigen Aufsehen erregt. Sein Vater schmuggelte ihn nach

der „Kinderaktion“ aus dem Lager, seine Mutter konnte fliehen. Mit ihr überlebte er,

verborgen in einem Kloster; der Vater wurde kurz vor der Befreiung ermordet. Samuel

Bak wanderte über das DP-Lager Landsberg/Lech mit Mutter und Stiefvater nach

Israel aus. Sein seither entstandenes Lebenswerk ist von der Verarbeitung der traumatischen

Erinnerungen geprägt. Samuel Bak, der heute in Boston/USA lebt, nennt Karl

Plagge eines seiner „Überlebenswunder“.

Simon Malkes

Simon Malkes, 1927 geboren, arbeitete mit seinem Vater, einem Automechaniker,

im HKP. Seine Mutter arbeitete in der Schneiderei des Lagers

und erkrankte einige Monate vor der Befreiung so schwer, dass sie operiert

werden musste. Plagge brachte sie getarnt in einem Krankenhaus für die

„arische“ Bevölkerung unter, wo sie überlebte. Simon und sein Vater erlebten

die Befreiung in der gleichen Maline wie die Familie Esterowicz. Er studierte

später in München Elektrotechnik und lebt heute im Ruhestand in Paris.

„Mein Vater sprach mit Major Plagge und unserem deutschen Aufseher

Grammer in der Reparaturwerkstatt (einem anständigen Menschen)

Vovka (l.) und Dov Gdud,

1945

Samuel Bak, 2006

Simon Malkes

1947 (l.) und 1990 (r.)

ebenso wie mit Kolish, dem jüdischen HKP-‚Chef’. Das Ergebnis war positiv: Major Plagge brachte

meine Mutter im Stadtkrankenhaus unter. Er war der einzige, der die Macht und Autorität hatte, so

etwas zu erreichen.“ 3

Eliezer/Lazar Greisdorf

Eliezer Greisdorf lebt heute in Kanada und gehört mit Eltern, Bruder und Onkel

zu den HKP-Überlebenden. Versteckt in einer Kiste überstand er die „Kinderaktion“.

Die Bilder der Leichenberge im Hof des Lagers, die die SS zurückgelassen

hatte, haben ihn sein Leben lang verfolgt. Im Nachlass seines Vaters

fand er Briefe von Karl Plagge an seinen Vater.

„Es war während unserer Gefangenschaft im HKP, als meiner Familie

gewahr wurde, dass Plagge ein ungewöhnlich anständiger Soldat war.

Bei mehreren Gelegenheiten kam er zur Inspektion des Lagers und um mit

uns zu sprechen ... Während dieser Besuche wurde bekannt, dass er immer

Eliezer/Lazar Greisdorf

1947 (l.) und 1990 (r.)

wieder die Verantwortlichen im Lager anwies, dass es keine Grausamkeiten oder Bestrafungen geben

sollte, solange er da war.“ 4

Wilhelm Beigel/William Begell

Als 16-jähriger Zwangsarbeiter in einer HKP-Werkstatt, schaffte Wilhelm Beigel in der Nacht vor der Auflösung

des HKP-Lagers die Flucht über die Schlosserei. Er hat, so William Begell, Karl Plagges warnende

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