Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

darmstaedter.geschichtswerkstatt.de

Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Tafel 10: Die Überlebenden

Ansprache am 1. Juli 1944 sein ganzes Leben als einen Akt der Humanität und

Tapferkeit in Erinnerung behalten. Begell emigrierte in die USA, wurde Kernphysiker

und lebt heute als Verleger in New York.

Michael Schemiawitz

Michael Schemiawitz war bei der Ghettoräumung mit seiner Mutter in einer

Maline entdeckt und in das Gestapo-Hauptquartier gebracht worden. Er er-

wartete, mit seinen Schicksalsgenossen in Ponary erschossen zu werden, wur-

de aber mit über hundert anderen Männern von Plagge befreit und in das HKP-Lager

gebracht. Er überlebte dank Plagges Warnung vor der Lagerauflösung und emigrierte

nach Israel.

Isaak und Josif Reches

Im September 1943 war Isaak Reches zwölf, Josif knapp drei Jahre alt, als sie mit

ihren Eltern von Karl Plagge in das HKP-Lager gebracht wurden. Ihr Vater, gelernter

Dachdecker und Klempner, war im HKP Vorarbeiter. Die beiden Brüder überlebten

die „Kinderaktion“ vom März 1944 und – abenteuerlich versteckt in selbstgebauten

Malinen, in denen sie beinahe erstickten – mit den Eltern auch die Lagerauflösung im

Juli 1944. Isaak wurde Arzt, Josif Elektroingenieur. Sie leben heute als

Rentner in Vilnius.

„Der erste Soldat, den mein Vater erblickte, war ein einfacher russischer

Soldat ... [Dieser] war bei unserem Anblick erschüttert. Er hatte

nicht erwartet, überhaupt noch lebendige Menschen zu treffen …

Nach dem Krieg versuchte mein Vater intensiv herauszufinden, was

mit diesem Mann [Plagge, Red.] geschehen war, der ungefähr 300

Juden das Leben rettete … Er war ein deutscher Wallenberg.“ 5

Steve Rotschild-Galerkin

Als 10-Jähriger kam Steve mit Mutter und jüngerem Bruder in das HKP-

Lager. Sie überlebten und emigrierten nach Kanada. Steve erinnerte sich an

einen talentierten Jungen, der vermutlich ermordet worden sei. Seine Befürchtung

hat sich durch den Kontakt zu Michael Good 2005 als unbegründet

herausgestellt. Der Junge von damals, der inzwischen weltbekannte Maler

Samuel Bak, hatte überlebt.

Wilhelm Beigel, 1943 (l.),

William Begell, 2005 (r.)

Michael Schemiawitz,

2005

Isaak (l.) und Josif Reches

Steve Rotschild-Galerkin

1945 (l.) und 2007 (r.)

Marek Swirski berichtet:

„Als er eines Tages nach der Arbeit die Küche verließ, durchsuchte ein SS-Offizier einige wenige

Juden und fand bei meinem Vater und einem Zweiten ein wenig Essen versteckt … Der SS-Mann

wurde wütend und begann zu brüllen. Er zog seine Pistole … als Plagge plötzlich die Szene sah und

… den SS-Mann aufforderte, ihm die Juden zu übergeben … Plagge … nahm die zwei Juden in die

nahe Kaserne. Er schlug seine Peitsche auf den Tisch und forderte die Juden auf, laut zu schreien

und dann ihre Gesichter mit einem Rasiermesser blutig zu schneiden. Die beiden Juden … wurden

dann der SS vorgestellt, die ihnen erlaubten zu gehen und ins Ghetto zurückzukehren.“ 6

„Wie überlebten wir, obwohl doch so viele Tausende

starben?“ (Michael Good) 7

– 53 –

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine