Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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erwarten wollte, denn das einmal Erlebte hat sich in das Bewusstsein eingegraben und bleibt bestehen,

aber in einer anderen Form als es die heutige Politik, Literatur und Zeitgeschichte sieht.“ 1

Das Schweigen nach 1945

Nach einer kurzen Phase des Aufklärungsschocks stand in der Nachkriegsgesellschaft für die Mehrheit der

Deutschen beim Rückblick auf das „Dritte Reich“ Vergessen, Verdrängen und Relativieren im Vordergrund.

Für die Verbrechen waren „Hitler, Himmler & Co.“ verantwortlich – „selbst hat man ja nichts tun können“,

so die verbreitete Selbstentlastung. Mitschuld einzugestehen war die Ausnahme, und Widerstand gegen die

Nationalsozialisten wurde vielfach als „Vaterlandsverrat“ denunziert. Das galt auch für den Rettungswiderstand.

„Gerade weil sie in der Regel nicht den Führungseliten angehörten, sondern einfache Menschen

waren, wirkten die Helfer und Retter nach 1945 wie ein Spiegel, der für jedermann die unangenehme

Frage bereithielt: ‚Und was hast Du getan?’“ 2

Entnazifizierung

Wie alle NSDAP-Mitglieder musste Karl Plagge von seiner Firma wieder entlassen werden und sich einem

Entnazifizierungsverfahren stellen. Er legte der Darmstädter Spruchkammer, vor der er angeklagt war, einen

ausführlichen „politischen Lebenslauf“ vor.

Zahlreiche Angehörige seiner ehemaligen

Wehrmachtseinheit wurden als Zeugen gehört,

ebenso Kurt Hesse, der Inhaber der Hessenwerke.

Das Verfahren endete 1948 mit Zustimmung

Plagges mit der Verurteilung als „Mitläufer“,

der untersten Stufe der Belastung.

Maßgeblich waren nicht nur die Aussagen über

Auszug aus der

Spruchkammerakte,

1948

seine Abkehr vom Nationalsozialismus noch vor

Kriegsbeginn und über seinen Einsatz für die

Juden in Wilna, sondern ganz besonders das

überraschende Erscheinen einer aus Stuttgart

angereisten Zeugin. Sie sollte im Auftrag von

HKP-Überlebenden aus dem DP-Lager in

Ludwigsburg Karl Plagge suchen, ihm Dank

überbringen und Hilfe anbieten.

„In dem Anerbieten der Verschleppten des Lagers Ludwigsburg ist

der Beweis erbracht, dass der Betroffene in ungewöhnlichem Maße

die damals der Vernichtung Preisgegebenen vor dem Tode bewahrte

und ihnen auch sonst jedmögliche Hilfe angedeihen ließ.“ – „Wie

die Bekundungen des Zeugen Hesse beweisen, hat er trotz seiner

Zugehörigkeit und formellen Belastung zur Nazibewegung nie den

Boden der Menschlichkeit und Toleranz verlassen.“ 3

Brief Plagges an David

Greisdorf vom 20.2.1948

Tafel 11: Wehrmachtsoffizier und Held?

Entlassung Plagges, 1945

Einstellung Plagges nach Abschluss

des Spruchkammerverfahrens,

1948

Zweifel und Selbstbefragung

In einem Brief an seine Frau, geschrieben kurz vor dem Abzug aus Wilna im

Juni 1944 und von der Zensur nicht entdeckt, spricht Karl Plagge von seinen

inneren Konflikten:

„ ...der schlimmste Konflikt ist der, dass all dies [der Aufbau des HKP,

Red.] in absolutem Gegensatz zu dem steht, was führende Männer wollen

und erstreben: Herren sein, … die Knute fühlen lassen, den Osten unterjochen

und uns untertan machen. ... Und wie anders, wie gänzlich verschieden

sehe ich die Dinge.“ 4

Im gleichen Brief erwähnt er selbstkritisch seine Mitgliedschaft in der NSDAP

und seine Abkehr von der Partei: er könne nun einmal zu einer „Politik der

Massenschlächterei“ nicht ja sagen, vielmehr sehe er, „dass das ein Irrsinn

ist und dass das alles zu einem Trümmerhaufen werden muss“

– gerade als ehemaliger Nationalsozialist fühle er sich verantwortlich für alles,

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