Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Tafel 11: Wehrmachtsoffizier und Held?

was geschehe. Die Briefe an Rechtsanwalt Raphael Strauß, einen Anwalt in Wiedergutmachungsverfahren,

und an David Greisdorf reflektieren Plagges Auseinandersetzung mit den Ereignissen in Wilna und mit seiner

eigenen Rolle. Er habe, schrieb er an Strauß 1956, eher „in einer unauffälligen Weise, aus dem Stillen

und Dunklen, vielleicht als ‚negativer Held’ [gehandelt]. Mein Mut war vielleicht nur vorwärtsgerichtete

Angst, nicht vor mir bestehen zu können, oder Scham …“ 5

Karl Plagge im Urteil von HKP-Überlebenden

Einige Überlebende bewerten Plagges Rolle zurückhaltend. Manche bezweifeln die Selbstlosigkeit von Plagges

Motiven und vermuten, es sei ihm vor allem um die Funktionsfähigkeit des HKP-Betriebs im Interesse der

Wehrmacht gegangen. Manche können sich auch heute noch nicht vorstellen, dass ein Deutscher Juden

retten wollte. Für viele der Überlebenden ist Karl Plagge aber als Retter ihres Lebens ein Held:

„Er ist und wird es immer bleiben, in meinen Augen und in den Augen und Herzen aller Juden, die aus

dem HKP entkamen, der gerechte Mensch, der Mann, der verdient, als solcher in Yad Vashem geehrt

zu werden.“ 6

Manche vergleichen ihn mit Oskar Schindler und Raoul Wallenberg, ohne zu übersehen, dass er weder

Geschäftsmann war, noch die Möglichkeiten eines Diplomaten besaß. Für sie zählt, dass er sich vor die

jüdischen Zwangsarbeiter und ihre Familien gestellt und sie, wo er konnte, vor Übergriffen der SS geschützt

hat.

Die Pest

Aus einem Brief Karl Plagges an Rechtsanwalt Raphael Strauß vom 26. April 1956:

„Ich weiß nicht, ob Sie das Buch von Albert Camus ‚Die Pest’ kennen. In diesem Buch wird die

Geschichte eines Arztes, Dr. Rieux, geschildert, der in einer Stadt wohnte, in der plötzlich die Beulenpest

ausgebrochen war. Für den Fall, dass Sie dieses Buch gelesen haben sollten, möchte ich Ihnen

sagen, dass es mein Bemühen war und ist, diesem Dr. Rieux in etwa nachzueifern. Als ich das Buch

nach dem Kriege zum ersten Mal las, war es mir, als lese ich meine eigensten Gedanken, die mir

während des Krieges immer und immer wieder durch den Kopf gingen. Das Schicksal der unglücklichen

Juden und der Schmerz, den diese Menschen erdulden mußten, war mir nie anders erschienen,

als was es in Wirklichkeit war, nämlich eine empörende Schmach. Aber diese Empörung richtet sich

nicht in dem gleichen Maße, wie es der politische Mensch empfindet, gegen die Menschen, die sich

zum Werkzeug gemacht hatten und zu Mördern wurden. Ich konnte die Grenzen, wo die Schuldkategorie

dieser Menschen begann oder endete, nicht erkennen und gehörte selbst im weiteren Sinne

als Deutscher mit dazu. Vor dieser Pest gab es keine Insel. Man mußte die Schmach mit ansehen,

wobei nur die Wahl blieb, Gott zu hassen oder zu lieben, der alle diese Dinge zugelassen

hat. Hier lag für mich der Anlaß zur Revision meiner religiösen Weltanschauung

und ich setzte mich dagegen zur Wehr, eine Schöpfung zu lieben, in der Menschen

gemartert und sogar Kinder vergast werden und die die Menschen schuldig werden

ließ, wie es hier geschah. Wenn die Weltordnung durch den Tod bestimmt war, so war es

vielleicht besser für Gott, nicht an ihn zu glauben und dafür mit aller Kraft gegen den

Tod anzukämpfen, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo Gott schwieg. Wenn

es auf Erden nur noch ‚Geißeln und Opfer’ geben sollte, dann war es Pflicht, nicht auf

der Seite der Züchtiger zu stehen, sondern die Partei der Opfer zu ergreifen.“ 7

Albert Camus:

Die Pest

„ … denn ich bin im Grunde kein ‚Held’, sondern ein recht

ängstlicher Mensch …“ (Karl Plagge) 8

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