Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Erinnerung und Gegenwart

Das Staatliche Jüdische Museum Vilnius wurde zu einem zentralen

Ort der Erinnerung an das jüdische Wilna und dessen Untergang.

Der Freiburger Hilfsfonds „Jüdische Sozialstation“ unterstützt

die „Vereinigung ehemaliger Ghetto- und KZ-Häftlinge“ in Wilna

bei der Betreuung der Holocaust-

Überlebenden in Litauen. Die Darmstädter

Geschichtswerkstatt pflegt

freundschaftliche Kontakte zu den

Überlebenden in Litauen und in anderen

Ländern. Auch von Hamburg,

Das „Grüne Haus“ des

Staatlichen Jüdischen

Museum in Vilnius, 2005

Tafel 12: Ehrungen und Begegnungen

Das Komitee der „Vereinigung ehemaliger

Ghetto- und KZ-Häftlinge“ in Vilnius,

Wuppertal und dem Saarland aus ha-

2005

ben sich freundschaftliche Beziehungen

zu den Überlebenden in Litauen und in anderen Ländern entwickelt.

„Unser Handeln zählt“

Am Ende seines Berichts von der erfolgreichen Spurensuche und unter dem Eindruck der Briefe an David

Greisdorf vom Februar und März 1948 würdigt Michael Good die Persönlichkeit Karl Plagges:

„Nachdem ich diese Briefe gelesen hatte, verstand ich … sie konnten nur von einem Menschen mit

edlen Motiven geschrieben sein. Plagges Bemühen, das Böse um sich herum zu besiegen, war erfolgreich,

und so, wie mein Vater die Bauern in Niemenczyn wieder fand, die sein Leben gerettet hatten,

hatte Plagge die Frucht seiner Mühen in dem Treffen mit seinen früheren Gefangenen gesehen. Er

war kein fehlerfreier Mann. Er mag in die Nazi-Partei eingetreten sein und ihr mit zur Macht verholfen

haben. Er hat vielleicht oder vielleicht auch nicht sein Leben riskiert, weil er sorgfältig auf die

Grenzen seiner Macht achtete. Er hat die Mehrheit seiner Arbeiter nicht gerettet. Aber seinem Herzen

folgend tat er, was er meinte, tun zu können. Er ging nicht den selbstmörderischen Weg des Märtyrers,

er folgte auch nicht wie so viele andere Deutsche dem bequemen Weg der Anpassung. Er suchte

vorsichtig einen neuen Weg, ... der ihn, seine Männer und eine große Zahl seiner Gefangenen durch

den Krieg hindurch am Leben hielt. Seine Worte las ich klar und deutlich: ‚Was ich Ihnen und Ihren

Freunden tun konnte und durfte, war nicht nur eine Selbstverständlichkeit, zu der jeder fühlende

Mensch gegenüber seinem in Not befindlichen Mitmenschen verpflichtet ist …‘ In charakteristischer

Weise bescheiden, spielte er seine Tapferkeit herunter, nannte sie ‚unangemessen‘ im Vergleich zu den

Schrecken, die die Juden in Wilna zu erleiden hatten. Aber wer unter uns auf jene Jahre zurückblickt,

lässt sich nicht täuschen: er rettete auf seine Art Hunderte von Leben und heute leben Hunderte,

vielleicht Tausende dank seines Mutes. Der Talmud lehrt uns, dass die Rettung eines Lebens die

Rettung einer Welt bedeutet. Karl Plagge lehrt uns, dass unser Handeln zählt, dass der, der seinem

Gewissen folgt, eine Welle des Guten auslöst und Leben über die Jahre und Generationen weiterfließen

lässt. Es zeugt von seiner Bescheidenheit, dass Plagge nach dem Besuch bei den Greisdorfs

still nach Hause fuhr. Ohne Fanfarengetön verbrachte er die letzten zehn Jahre seines Lebens in

Darmstadt, geriet in Vergessenheit und verschwand nahezu lautlos aus der Geschichte.“ 2

Um dieses Verschwinden aus der Geschichte zu verhindern, schließt die Ehrenurkunde Yad Vashems vom

14. Oktober 2004 mit den Worten:

„Sein Name soll für immer auf der Wand der Ehrungen im Garten der Gerechten von Yad Vashem,

Jerusalem, eingemeißelt werden.“ 3

„Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

(Talmud)

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