Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Tafel 1: Die Suche nach Karl Plagge

Die Suche nach Karl Plagge

Pearl Good, 2005

Eine Rückkehr nach Wilna

Karl Plagges Taten wären nie bekannt, er selbst wäre von Israels Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 2005

nicht als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt worden, hätten ihn nicht Überlebende des Holocaust in Wilna

als ihren Retter im Gedächtnis behalten. Michael Good, Arzt in

Connecticut/USA, unternahm mit Frau, Kindern und den Eltern, Pearl und

William Good, die beide dem Holocaust in Litauen entkommen waren, im

Sommer 1999 eine Reise in das Herkunftsland seiner Familie. Im Verlauf

ihrer Gespräche an den Orten traumatischer Erinnerungen erwähnte seine

Mutter, sie verdanke ihr Leben einem „Major Plagge“.

„Meine Mutter erinnerte sich an ihn als einen älteren Mann; … Sie

kannte niemanden, der tatsächlich mit ihm gesprochen hatte, aber

sie erwähnte das Gefühl der Sicherheit – anders als sonst bei Deutschen

– der jüdischen Arbeiter in seiner Nähe.“ 1

Auch die Begegnung mit polnisch-litauischen Familien, die zur Rettung

seines Vaters beigetragen hatten, ließ Michael Good keine Ruhe. Er begann

nach Plagge zu suchen. Vielleicht wussten Plagges Angehörige nur,

dass er ein Arbeitslager befehligt hatte, nichts aber von der Rolle Plagges

als Lebensretter zahlreicher Juden und ihrer Familien.

Michael, Pearl und William Good,

2005

Frühe Spuren

Bereits vor 1999 gab es Hinweise auf Karl Plagge. In Aufzeichnungen aus dem Wilnaer Ghetto, auch in

Zeugenaussagen in späteren Gerichtsverfahren, wurde sein menschliches Verhalten als Leiter des Heereskraftfahrparks

562 (HKP) in Wilna 1941–1944 gegenüber jüdischen Zwangsarbeitern erwähnt. In Erinnerung

geblieben war Plagges Name außerdem bei Überlebenden in Israel und in Litauen. Über den Freiburger

Hilfsfonds für Holocaust-Überlebende im Baltikum gelangte 2000 ein Bericht der Brüder Reches nach

Deutschland, der eindrucksvoll deren Überlebensgeschichte und Plagges Beitrag hierzu schilderte.

„Ihm schulden unsere Familie und noch 250 andere Menschen großen Dank. Er hat uns gerettet.“ 2

Die Suche beginnt

„Major Plagge, Kommandant einer Kraftwagen-Instandsetzungseinheit in Wilna von 1941 bis 1944“ waren

Michael Goods einzige Anhaltspunkte aus den Erzählungen seiner Mutter und seines Großvaters Samuel

Esterowicz. In einem Internet-Suchbrief bat er um Unterstützung:

„An alle, die es betreffen könnte: Mein Name ist Michael Good. Ich bin der Sohn zweier Überlebender

des Holocaust in Wilna, Polen/Litauen. Ich schreibe mit der Bitte um jede Hilfe, die Sie mir bei dem

Versuch geben können, das Schicksal eines deutschen Wehrmachtsoffiziers namens ‚Major Plagge

aufzuklären. Er trug dazu bei, das Leben meiner Mutter und ihrer Familie während des Holocaust zu

retten ...“ 3

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