Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

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Karl Plagge - Darmstädter Geschichtswerkstatt

Die Plagge-Gruppe und Yad Vashem

Dieser Suchbrief erreichte ein Jahr später auch Salomon Klaczko

in Hamburg. Dessen Geschäftspartner Jörg Fiebelkorn, Oberstleutnant

der Bundeswehr a.D., erhielt vom Bundesarchiv und der Stadtverwaltung

Darmstadt endlich vollständig Auskunft zur Person

Plagges: Karl Plagge, geboren am 10. Juli 1897, Heimatadresse:

Darmstadt, Hoffmannstraße 22, Diplom-Ingenieur, verheiratet mit

Anke, geb. Madsen, gestorben am 19. Juni 1957, keine Kinder, eine

unverheiratete Schwester, weitere Familienangehörige nicht be-

Michael Good an seinem Schreibtisch in kannt. Die Ehefrau und Plagges Schwester waren inzwischen ver-

Durham/Connecticut storben. Michael Good und seine Mutter, Jörg

Fiebelkorn und Salomon Klaczko sowie William

Begell aus New York und Simon Malkes aus

Paris, Überlebende aus Wilna, schlossen sich

nun zur „Plagge-Gruppe“ zusammen, sammelten

Erinnerungen anderer Überlebender und

wollten Plagges Ehrung als Retter jüdischen

William Begell, Simon Malkes, Salomon Klaczko, Jörg Fiebelkorn Lebens durch die israelische Gedenkstätte Yad

Vashem erreichen.

„Wenn Plagge keine Familie als Träger der Erinnerung an ihn hatte, dann war es die Pflicht der

HKP-Überlebenden und deren Nachkommen, doch irgendeine Art von Erinnerungsstätte zu schaffen.

…“ 4

Entscheidende Archivfunde

2001 kam die Plagge-Gruppe in Kontakt mit Marianne Viefhaus, damals

Leiterin des Archivs der Technischen Universität Darmstadt. Marianne

Viefhaus fand im TUD-Archiv nicht nur das Abschlussdiplom Plagges als

Ingenieur aus dem Jahr 1924, sondern auch Belege über seine spätere

Berufstätigkeit in den „Hessenwerken“ in Darmstadt. Im Hessischen

Staatsarchiv Wiesbaden entdeckte sie seine Entnazifizierungsakte von

1947. Sie machte den Patensohn und eine Cousine Plagges ausfindig, von

denen sie wertvolle Informationen zu Plagges Biographie erhielt. Ihr Kontakt

zu Wolfram Wette, Militärhistoriker an der Universität Freiburg, und

zu Margot Zmarzlik vom Freiburger Hilfsfonds für Holocaustopfer im

Baltikum förderte die Überlebensgeschichte der Brüder Reches aus Wilna

zu Tage.

Yad Vashem – Ablehnung und Zustimmung

Zweimal lehnte Yad Vashem einen Antrag auf Plagges Ehrung ab, weil nicht feststehe, dass er bei seinem

Verhalten ein Risiko eingegangen sei. Die Mosaiksteine fügten sich jedoch schließlich zu einem solch überzeugenden

Gesamtbild zusammen, dass Israels Holocaust-Gedenkstätte Karl Plagge 2004 als „Gerechten

unter den Völkern“ anerkannte. Die Plagge-Gruppe hatte weitere Nachweise für sein Rettungsverhalten

nachreichen können. Von Gewicht waren

insbesondere von Irina Guzenberg im Litauischen

Zentralarchiv aufgefundene und vom Jüdischen

Museum in Wilna 2002 veröffentlichte Dokumente,

die Plagges Bemühen um Schutz für die

Margot Zmarzlik (Freiburger

Hilfsfonds) und Tobias Jafetas

(Vereinigung ehemaliger Ghettound

KZ-Häftlinge in Litauen),

2006

Tafel 1: Die Suche nach Karl Plagge

ihm zugewiesenen jüdischen Zwangsarbeiter do-

kumentieren. Bedeutsam waren außerdem

Zeugnisse, wonach Plagge im Juli 1944 beim

Abzug der deutschen Armee die Gefangenen

vor deren Übernahme durch die SS gewarnt

hatte und damit einer größeren Anzahl von ihnen

die Flucht und das Überleben ermöglichte.

– 7 –

Marianne Viefhaus mit Karl

Plagges Diplom-Urkunde, 2002

Irina Guzenberg (l.),

Mitarbeiterin des Jüdischen

Museums in Vilnius, 2005;

Eliezer Greisdorf (r.) fand im

Nachlass seines Vaters Briefe

von Karl Plagge

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