josef gabriel rheinberger briefe und dokumente seines lebens

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josef gabriel rheinberger briefe und dokumente seines lebens

JOSEF GABRIEL RHEINBERGER

BRIEFE UND DOKUMENTE SEINES LEBENS

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Herausgegeben von

Harald Wanger und Hans-Josef Irmen

PRISCA VERLAG, VADUZ

1985


© 1985 by PRISCA VERLAG, VADUZ

(Prisca Verlag, Vaduz, Fürst Johannesstrasse 25, FL-9494 Schaan)

Alle Rechte vorbehalten I Printed in Liechtenstein


-

Rheinbergers Wohniirnmer in MUnchen an der

I1irsccnstrasse (heute Rhcinhcrgcr-Strassc).

Zcitgcnössischc Photographic.

H


Vor wor t

Im Dezennium 1884 bis 1894 steht der Kompomist Josef Gabriel

Rheinberger auf dem Höhepunkt seines Schaflens. Seine

Werke werden nicht nur in Deutschland gehört, auch aus vielen

europäischen Ländern und aus den Vereinigten Staaten

von Amerika treffen Erfolgsmeldungen em. Es sind nicht

zuletzt seine Schüler, die Rheinbergers Namen in alle Welt

tragen. Trotz dieser weitreichenden Erfolge erwachsen dem

Komponisten vor allem auf dem Gebiete der Kirchenmusik

Schwierigkeiten, und der 1867 zur "Hebung und Reinerhaltung

der katholischen Kirchenmusik" gegründete "Allgemeine

Cäcilienverein" bereitet Probleme. Man findet in Rheinbergers

Kirchenmusik, besonders in semen Messen, liturgische

Mängel in der Textbehandlung und zu weitliche Stellen

in der znusikalischen Faktur. Die meisten seiner Messvertonungen

wurden für den deutschen Cäcilienvereins-Katalog

als nicht geeignet erklärt. Der kirchenmusikalische

Streit zwischen festgefahrenen historistischen Positionen

und lebendigem Künstlertum findet semen Niederschlag in

Dokumenten und Brief en.

Im persönhichen Bereich reisst der Tod von Verwandten und

Kollegen grosse Liicken, und das Ableben der Gattin am letzten

Tag des Jahres 1892 hinterlässt eine tiefere Wunde,

als es Rheinbergers konventionelle Todesanzeige ahnen lässt.

Die Vereinsamung, die in früheren Dokumenten schon angedeuteL

ist, wird trotz der wachsenden Erfolge als Komponist

und Lehrer immer spürbarer.

Eine grosse Zahi der in der Bayerischen Staatsbibliothek

in München und im Josef Rheinberger-Archiv in Vaduz aufbewahrten

Brief e sind Mitteilungen ehemaliger Schüler.

Die meisten von ihnen sind zwar rührende Zeugnisse treuer

Anhànglichkeit und Dankbarkeit, doch ist ihr Inhalt für

Rheinbergers Biographie unwichtig. Es musste deshalb wieder

eine Auswahl getroffen werden, die nur wichtige Beispiele

dieser Korrespondenz - etwa von Josef Renner jun.

oder Walter Petzet - für diese Dokumentensammiung berück-


sichtigte. mi übrigen irde bei der Edition wie in den

vorangegangenen Bänden verfahren: Die Briefe und Dokumente

erscheinen irn vollen Wortlaut, und nur vereinzelt

wurde gekürzt, urn bei der Fülle des Materials den Urnfang

dieser Veröffentlichung nicht mit Unwesentlichem

zu belasten. Selbstverständlich wurden diese Kürzungen

wieder stets gekennzeichnet.

Wie schon bei den früheren Bänden 1st auch bier erneut

alien zu danken, weiche die Herausgabe dieser Dokurnentensammiung

ermöglichten: der Bayerischen Staatsbibliothek

in München und Dr. Robert Münster, dem Josef Rheinberger-

Archiv in Vaduz, der Fürstiichen Regierung in Vaduz, der

Heimatgerneinde des Komponisten, Vaduz, der Gerneinde Schaan

und, em weiteres Mal, der "Stiftung fürstl. Kommerzienrat

Guido Feger" Vaduz, ohne deren Grosszügigkeit diese Edition

nicht möglich ware.

Schaan (Liechtenstein), im Winter 1985

Die Herausgeber


ANHANG:

BRIEFE UND DOKUMENTE

6. Teil:

13.12.1884 - 3.1.1893

Franziska Rheinberger - v.Hoffnaass

"Die Entstehung unserer Ballade Montfort"

Fanny von Hoffnaass "Der lichte Stein"

Eduard Stocker "Licht- und Schattenbilder

aus dem Musikieben der Gegenwart"

J.G.E.Stehle "Die Messen von Rheinberger

(op. 151) und Pembaur (op. 39)

in: Der Chorwächter 1888, 13. Jg.

"Rheinbergers Orchestermesse opus 169"

in: Der Chorwächter 1893, 18. Jg.

Rheinberger - Zwei Orgelgutachten

Katalog der Bibliothek Josef Rheinberg

er 5

"Sehnsucht" - Fanny's letztes Gedicht


Mitte November 1884 fanden in MUnchen drei grol3e Konzerte

der Herzoglich Sachsen - Meinigenischen Hofkapelle

unter ihrem Dirigenten Hans von Bülow statt; dazu zwischen

dem 2. und 3. Konzert am Vormittag des 18. November

vor geladenem Publikum eine Matinee, deren erster

Teil Rheinberger's Tongemälde "Wallenstein", op. 10, unter

Bülows Leitung gespielt, ausfüllte.

In dieser Zeit arbeitete Rheinberger sein Oktett JWV 132,

das er im Sommer 1861 in Vaduz komponiert hatte, um: die

Besetzung wurde um eine Flöte zum Nonett erweitert, der

2. Satz ("Romanze") gegen em neukomponiertes Adagio ausgetauscht

und die Satzreihenfolge neu festgesetzt (vgl.

op. 139). Alte Erinnerungen an Vaduz klingen in diesem

Werk wieder auf als Zeichen dafür, dat3 der Komponist sich

auf der Höhe seiner Karriere seiner tiefen Bindung an

seine liechtensteinische Heimat bewuf3t wird.

Kaum von seinem jahrelangen Handleiden genesen, greift

er zur Feder und schreibt an semen Bruder in Vaduz:

13.12.1884

Mein lieber David!

Dein letzter Brief erinnert mich daran, daB ich Dir

schon ewig lang nicht mehr geschrieben habe; erst war

ich fast em haib Jahr gar nicht im Stande zu schreiben,

und nun, wo es wieder so ziemlich geht, habe ich

eben mehr Noten als Buchstaben geschrieben. Die Hand

ist nun in Genesung und mit vier Narben gezeichnet,

zwei auf der Aut3en-, zwei auf der Innenfläche. Zum

Schreiben brauche ich eine elgene Haltung der Hand,

die natürlich in Folge der vieljährigen Krankheit sehr

kraftlos ist. Besonders der Zeigefinger muB noch beim

Klavierspielen pausiren. Aber ich muB selbst mit solchen

Halbheiten zufrieden sein. Doktor Nussbaum zeigt

sich in der ganzen Angelegenheit semen Kollegen tiberlegen.

Hoffentlich bleibt es nun definitiv bei dieser

Besserung. Die Nachrichten über den Regierungswechsel

in Vaduz haben uns sehr interessirt - mögen dieselben

nur auch immer so gUnstig lauten! Von Peter hatten wir

vor em paar Wochen Nachricht; er schien mit seiner

Gesundheit nicht ganz zufrieden. Nun man muB auch nicht

angstlich sein; ich huste auch seit meiner Brustfellentztindung

1866 - und zwar in der FrUhe sehr heftig,


-2-

mache mir aber langst nichts mehr daraus. I...!

Prof. v. Schafhäutl halt trotz seiner 82 Jahre gesund

und frisch seine Vorlesungen, nachdem er jeden Morgen

schon urn 1/2 6 Uhr der hi. Messe im Herzogspital anwohnt.

Er hat sich em freundlich- chronisches Lachen

angewöhnt, selbst bel Vernehrnung der traurigsten Nachrichten.

Em beneidenswerthes Alter. Sein Zimmer ist

beständig auf 20-22° Reaumur geheizt, well er behauptet,

in München sei noch Niemand "an der Hltz" gestorben.

I...!

Nun wunschen wir Euch fröhliche Weihnachten, Dir einen

glücklichen Davidstag und guten Neujahrsanfang! I...!

Tausend Grti8e von Eurem Bruder

Josef Rheinberger.

Die Kontakte zum Rheinland werden von den Rheinbergers

in München welter gepflegt.

Anfang Januar wurde Ferdinand Hhller operiert, Fanny

findet tröstende Worte:

München 23. Jan. 1885

Sehr geehrter Herr v. Hiller.

Da ich Ihnen irn neuen Jahr 1885 noch keinen GruB geschickt,

auch noch nicht gedankt für Ihre letzte Sendung

"aus der Krankenstube", die uns, wie Alles aus

Ihren geist- und gemüthvollen Erinnerungen theuer war,

so zögere ich nicht, Ihnen heute die wärmsten GrüI3e

von Franz Lachner und uns zu senden. Vor einer Stunde

waren wir zusarnmen irn kleinen Odeonssaal, urn das neue

Orgel-Orchester-concer von Rheinberger zu hören, und

wenn Sie nicht ernpfunden haben, wie sehr wir Sie (Freitags

5-6 Uhr) zu uns gewünscht haben, so gibt es kein

Ahnungsvermögen! Auch Vincenz Lachner war dabei, und

die beiden alten Herren sahen sehr befriedigt aus über

die Musik. Franz Lachner sagte sogar:"Sie ist so frisch

und kräftig, daB Hiller davon gesund werden rnül3te, wenn

er sie hören könnte."

Kurz - wir haben Ihrer in echter, herzlicher Freundschaft

gedacht und bekiagten, daB Sie nicht bei uns sein

konnten. - Auf der neuen Gewandhausorgel soil jüngst


-3-

dieses Concert in Verbindung mit dem Orchester gut gekiungen

haben; es giebt sogar in Leipzig Enthusiasten,

welche an den Componisten eine "Orgel-Elegie" dichten.

Wir lesen fleil3ig die Berichte über Coin, aber Ihr Name

fehit urn so rnehr dabei! - Wie schön, daJ3 wir noch

vor Thorschluf3 mit Ihnen sein durf ten; wir werden diese

glucklichen Tage nie vergessen. Vielleicht gehen

wir im Frühling zu "Christophorus'naCh London und streifen

dann COin. Doch das Plänemachen hat selten eine reale

Consequenz.

Mein Mann hat kürzlich em Nonett für Streich- und Biasinstrurnente

beendet und hat jetzt rnehrere sechsstimmige

Motetten mit Orgelbegleitung geschrieben, von denen

schon einige in der HofcapeiIe gesungen wurden. Die

letzte, die ich hOrte, "Dextera Domini fecit virtutem"

hat mich sehr ergriffen, weil sie über die irdischen

Gefühlsgrenzen hinaus kiingt und eine sehr lichte Hoffnung

in die Seeie bringt, denn je alter man wird, desto

weniger wirkliche Ruhe giebt alies Zeitliche. Der Geist

läI3t sich nicht täuschen, und keine Entzückung kann ihm

das Heirnweh stilien, nur em fester Glaube, eine echte

Liebe, eine kiare Hoffnung auf Unsterbiichkeit; nicht

die mesguine Unsterbiichkeit, die von der Laune des

später geborenen Capeilmeisters abhängt, ob und wie er

das Werk des Vorgängers aufführen will. Im ewigen Geist

ist alies grol3, und im Seingedenken trdste ich rnich über

so manche Kleinigkeit unserer Zeitgenossen. Sursum corda,

singt unsere Kirche aile Tage so herzlich. Diesen Wunsch

rufe ich auch Ihnen zu und hoffe aufrichtigst, daB Ihre

Leiden Ihnen keine zu unerträgiichen Fesseln auferlegen.

Wenn ich Jahre lang so recht elende, schmerzvolie Nächte

hatte, dann dachte ich daran, wie sich auch der Leib die

Auferstehung verdienen muI3 - wenn auch in anderer Gestalt.

Drum mdchte ich Sie im Geist mit den Händel-Messias-Tönen

umrauschen und Ihrer Seele eine recht wahrhafte TrOstung

geben kOnnen!

Mein Mann grül3t Sie tausendmal und wünscht Ihnen von Herzen

soviel Kraft, daB Sie wieder em Werk schaffen, an

dem wir uns aile erfreuen kOnnen.

In steter Dankbarkeit Ihre ergebene Fanny Rheinberger.


Ferdinand hillier antwortet:

Köln, 9.2.1885

Verehrte Frau.

Mir däuchte als hätte ich Ihnen auf Ihren letzten langeren

Brief einige dankende Zeilen geschickt, vielleicht

babe ich es aber nur vorgehabt. In meinem Kopf

herrscht em jammervolles Durcheinander. Zu Vielerlei

und doch so wenig, so Entferntes macht sich nebeneinander

breit; und ich weif3 nie, ob es Montag oder Dienstag

ist; Uber diese ganze Periode meines Daseins möchte

ich am Liebsten ausrufen:"Schwamm drüber!" hätte

ich nur einen so mächtigen Schwamm! Ich gestehe Ibnen,

ich war neidisch, als ich in Ihrem lieben Brief las von

den Concerten Ihres Gatten und von der Gegenwart Unseres

Franz I. Keinen Ton bore ich, keine Note schreibe

ich, von Zeit zu Zeit k6mmt em Musiker und sieht nach,

ob ich noch dabin, und wenn er diese GewiBheit erlangt

hat, geht er zufrieden seinem Geschäfte nach.

KOnnte ich die Dinge mit Ihren gläubigen Augen ansehen,

mü2te ich mich ja freuen flber jeden neuen elenden Tag,

der mir zu Theil wird, aber wie weit bin ich davon entfernt.

Ich bin eigentlich erbittert, indignirt, daB uns

armem hUiflosen Menschenvolk solche Leiden auferlegt

sind, für die uns bei unserem schwachen Verstande jeder

vernünftige Grund mangelt. Denn die Nothwendigkeit ist

kein Grund, sie 1st em Factum. Ich habe dievolle tJberzeugung,

daB wenn Brutus den Caser nicht ermordet hätte,

ich jetzt nicht auf meinein Straf-Lehnstuhl Wochen und

Monate absä2e. Ich will auch gem zugestehen, daB hinter

den Einrichtungen des Kosmos alles mOgliche Gute, Weise,

SchOne verborgen sein kann, nur schade, daB wir zu dumm

sind, eine Einsicht gewinnen zu kOnnen. Die allergrO2ten

Geister wul3ten Vorsehung und Freiheit, Thatkraft und

Macht des Gesetzes nicht zu vereinigen. Ich bin nun em

sehr kleiner Geist und babe wenig Kraft, mich über meine

Leiden zu ergeben. Ich lasse mir's gefallen, setze mich

hin und sage:tDa! nun macht, was Ihr wolit." Das war

oder ist ja eine Art von "Confession"; alizu wOrtlich

müssen Sie es aber doch nicht nebmen. Wir Künstler, wir


-5-

glauben wenigstens an die Existenz des Schönen und suchen

etwas davon in einer oder der andern Weise hinzustellen,

und daI3 wir was wollen und theilweise können,

1st das Beste, das uns zu Theil geworden. Wenn nun Elner,

wie z.B. R/heinberger/, obendreineine Frau hat,

ausgeschmuckt mit allem, was erheben und beglucken kann,

so habe ich nichts dagegen, wenn er die sämintlichen

Psalmen Davids in Musik setzt. Nun ade, stets Ihr

getreuer

Ferdinand Hiller.

Samuel de Lange (1840-1911), Dirigent des Kölner Mannergesangvereins

und Lehrer am Konservatorium richtet

folgende Bitte an Rheinberger:

Köln, 11. Febr. 1885

Lieber Freund!

I...! Ich babe, seit ich in Köln bin, einen SchUler, der

mir eigentlich wie em Sohñ lieb 1st; er hat ausserordentlich

viel Talent und hat sich zu meiner grossen Freude

gut entwickelt; er ist jetzt 20 Jahre, hat in meinen

Klassen das Conservatorium absolvirt und das Stipendium

der Mozartstiftung in Frankfurt erhalten. In den guten

musikalischen Traditionen erzogen, geht sein Wunsch dabin,

sich jetzt unter Deiner Leitung welter auszubilden,

und melne Bitte ist die, ihn gut aufzunehmen und ihn

weiterzubringen,wie ich Uberzeugt bin, dass Du es im

Stande bist zu thun. Der JUnglich heisst: August von

Othegraven; sein Wunsch nun geht dahin, nicht das Conservatorium

zu besuchen, sondern Privatstunden zu nehmen.

Hauptsächlich componirt er und will später kapellmeistern;

ich vermuthe, dass er sich der Oper zuwenden

wird. Er spielt tUchtig Klavier, nur fehlt ibm zum Solisten

die Freude am Glänzen, auch die Freude am technischen

tiben, die ich auch nie besessen. Als Mensch 1st

er sehr solide und liebenswilrdig.

WUrdest Du die Cute haben, mir mit elnem Wort zu melden,

ob Du Dich in der angedeuteten Weise für ihn interessiren

kannst und magst, ob er vielleicht den Sommer in Kreuth

verleben kann, oder ob Du vorziehst, dass er erst zum


-6

nächsten Winter nach München kommt. Schreibe mir auch,

ob Du ihn auch als Klavierschüler Ubernehmen möchtest,

sonst wirst Du ihn empfehlen an einen rnusikalischen,

nicht virtuosen Lehrer. Ich hoffe, Du wirst zusagen

und die Ftihrung des jungen Freundes Ubernehmen./. .1

Er muss sich zum MilitHr stellen und könnte dadurch bis

im Mai bier zurückgehalten werden, m6chte auch diesen

Winter noch bei mir arbeiten. Seine sociale Stellung,

vielmehr die seiner Eltern, ist eine bescheidene, scm

Vater frUher PrEsident des NEnnergesang-Vereins, besitzt

kein Vermögen.

Hof fend, bald eine freundliche Zusage zu erhalten, bleibe

ich mit herzlichem Gruss von Háus zu Haus

Dein

S. de Lange.

Rheinberger nahrn Othegraven als privaten Kontrapunktschüler

an.

Auch Philipp Woifrum, seit 1884 UniversitEtsmusikdirektor

in Heidelberg, wendet sich ratsuchend an semen

ehernaligen Lehrer:

Hochverehrter Herr Professor!

Verzeihen Sie, da2 ich Sie mit einigen Zeilen belEstigen

mu2. Sie halten aber meiner AnhEnglichkeit zugute,

daI3 ich in Allem, was mein Fortkonirnen betrifft, Sie urn

Rat frage. Herr Franz Wlillner in Köln fragt, "im Vertrauen",

bei mir an, ob er bei der Wiederbesetzung der

sich im Sonimer erledigenden Lehrstelle für Orgel, Harmonielehre

und Contrapunkt am Conservatorium in Köln auf

mich rechnen könne. Er meint, es würde da so gut bezahit,

wie in MUnchen und Dresden, ich könnte hEufig öffentlich

spielen, hEtte einen reizenden Kreis Elterer und jünge.rer

Musiker urn mich./. . .1

Ich sage Ihnen of f en, da2 ich nicht gerne schon wieder von

hier weggehe so ins Ungewisse hinein, daB ich nach Norddeutschland

garnicht und nach RheinpreuBen fast ebenso

wenig inkliniere, daB es mir, der ich früher nie aus

Bayern hinauskam, schon fast schwer wurde, hier einzugewöhnen.

Ich möchte aber nicht eher eine bestiinrnte Antwort

geben, ehe Sie mir gütigst gesagt haben, wie sie


-7-

über die Sache denken. Sie waren stets so freundlich

gegen mich, daa ich annehmen darf, Sie werden mir meine

Bitte erfflhlen.

Unter vielen Empfehlungen an Sie, die gnädige Frau und

ihre Frau Mama bin ich Ihr stets dankbar ergebener

Ph. Woifrum.

Heidelberg, 14.2.1885

Franz WUilner (1832-1902), seit 1884 Leiter des Konservatoriums

und der GUrzenichkonzerte zu Köln, schreibt in

dieser Angelegenheit an Josef Rheiriberger:

Verehrter Herr Kollege!

Ich suche für das hiesige Conservatorium einen mögllchst

tUchtigen Lehrer für die Orgel. Ich habe zunächst an

Wolfrum gedacht. Aber der 1st in Heidelberg so gUnstig

gesteilt, da2 er schwerlich zu haben sein wird. Können

Sie mir unter Ihren früheren SchUlern einen recht tüchtigen

Lehrer empfehlen? Könnte derselbe auch Contrapunkt

und Liturgie übernehmen, so könnte ich ihn auf Ca. 2000

Mark und drUber stellen. Vielleicht können Sie mir recht

bald em Wort sagen?

In Berlin habe ich am 30. Januar die Ouvertüre zur ttbe_

zähmten Widerspnstigen" mit sehr gutem Erfolg zur Aufführung

gebracht. Dieselbe 1st seitdem em RepertoirestUck

des philharmonischen Orchesters geworden.

GrUBen Sie vielmals Ihre Frau Gemahlin und seien Sie

selbst aufs herzlichste gegrUh3t von Ihrem treulichst

ergebenen Franz WUllner.

Cöln, den 20.2.1885

Melne Frau lä8t bestens grUl3en.

Rhemnberger empfiehlt Wolfrum, auf WUllners Angebot zu

verzichten und Woifrum bedankt sich mit folgenden Zeilen:


-8-

Sehr verehrter Herr Professor!

Ihnen für Ihren freundlichen Rat und der gndigen Frau

für die gUtige Ubermittlung desselben meinen hrzlichsten

Dank. Ich dachte mir auch, da6 es besser sei, wenn

ich hier bliebe. Hier kann ich auch arbeiten und mir vormusiciren

lassen; in Mannheim und Carlsruhe kann ich

ebensoviel NovitEten hören wie in Köln.

Die Bearbeitung des letzten Quintett-Satzes hat sich bis

heute verz6gert in Folge vielfacher anderweitiger Arbeiten.

So wurde ich z.B. für das neue badische offizielle

Präludienbuch der prot.Kirche mit 54 Coralvorspielen

geplagt, die ich nun glflcklich hinter mir habe. Prof.

Fail3t in Stuttgart ist die oberste "Zensurbehörde". Ich

babe mich bei einigen Präludien ineiner Haut so energisch

gewehrt, dal3 er nun nicht mehr wagt, Wünsche seines pedantisch-kritischen

Herzens laut werden zu lassen.

In den letzten 4 Wochen mu2te ich die Geschichte des Kirchenliedes

zu Ende bringen; dieses Ende bestand in den

beiden letzten Jahr-100! Zu diesem Zwecke muf3te ich die

beidenletztenBände Winterfeld durchlesen, ausziehen und

andre Literatur damit vergleichen und Ca. 150 Seiten Vortrag

schreiben.

Ich danke Gott, dal3 ich jetzt diese Orgel einmal heruntergespielt

babe, und dal3 jetzt Ca. 7 Wochen Ferien kominen.

Da will ich den Musiker in mir wieder vollstandig zu Worte

kommen lassen.

Letzten Montag hatte ich bier mit Wihan Concert; ich spielte

StUcke von J.S. Bach zum wabren Vergnügen der Leute.

Das hat mir riesigen SpaB gemacht, denn Bach ist dem Namen

nach höchstens bei einigen Professoren bekannt. Der

akademische Musikdirektor Boch hat in seinem Leben nichts

von Bach aufgeführt, jedenfalls aus Bescheidenheit - damit

die Leute nicht meinen, er sei der Componist der

ttzopfigent Stücke und Johann Sebastian Bach wgre verdruckt

und müsse heil3en: Johann Sebastian Boch. Verzeihen Sie

diese schlechten Witze!

Ich spielte noch eine Novität: Variationen op. 24 von Edward

Grieg, die mir während des Studiums em groBes Vergnügen

machten und deren Reproduction kein kleines Stuck

Arbeit bedeutet. In der nordischen Musik (Grieg steht

ganz auf dem Boden der norwegischen Volksmusik) ist so


-9-

etwas Melancholisches, Eigenartiges, das mich immer wieder

fesselt. - Ich erlaube mir, das Programm mit einer

Besprechung in der Heidelberger Zeitung Ihnen zu schikken.

Die Kritik soil von einem Professor stainmen.

Nun freue ich mich sehr, Sie bald wieder sehen zu diirf

en! Mit vielen Empfehlungen an Sie und die gnädige Frau

bin ich Ihr dankbarst ergebener Wolf rum.

Heidelberg am 6.3. 1885

Am 10. März 1885 wagt Hermann Levi im Rahmen der Konzerte

der Musikalischen Akademle die Urauffiihrung der VII.

Symphonie von Anton Bruckner in Miinchen. Dieses wichtige

musikalische Ereignis koumientiert Theodor Goering in

der Augsburger Abendzeitung (Der Sammier Nr. 30.: 12.3.85)

München, 11. März. Das gestrige Akademle-Konzert brachte

uns in seiner zweiten Abtheilung em höchst merkwürdiges

Ereignis in Gestalt einer neuen Sinfonie aus E-dur von

Anton Bruckner. Wer ist Bruckner? f rug man sich im Publikum,

als das Programm erschienen war. Das Gerücht bezeichnet

ihn als einen alten Herrn und Organisten aus

Wien; was über sein Werk verlautete, war sehr widersprechender

Art; auch wissen wir ja, dass man sich in solchen

Dingen zumeist nur auf seine eigenen Ohren verlassen kann.

Auf etwas Besonderes musste man aber doch gefasst sein,

denn es kommt (berechtigter Weise) just nicht alle Tage

vor, dass sich die Pforten unserer Musikalischen Akademie

dem Werke eines unbekannten Komponisten öffnen, sofern

derselbe nicht etwa em Sohn unserer Stadt, oder zum mmdesten

em Zogling unseres Konservatoriums ist. Sagen wir

es gleich, dass sich die Neugierde inStaunenwandelte beim

Anhören des Werkes. Wie war es moglich, dass eine soiche

Sinfonie geschrieben werden konnte, als Nr. 7 ihres Stammes,

von einem Manne, von dem man garn{cfitweiss! Es passieren

doch merkwurdige Dinge! Wenn bei uns zu Lande em

Musiker geboren wird, dem wirklich etwas Neues und Eigenthümliches

einfällt, und weicher der Vorzeigung als Wunderkind

glückllch entgangen ist, so wird derselbe ganz gewiss

als Konservatorist schon em berUhmter Mann, dessen Ruhm


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an urbi et orbi verkUndet. In dem Musikiande par excellence

aber, in Oesterreich, scheint es landesübliche

Spezialitat zu sein, dass man die Talente zu hohen Jahren

kommen 1sst, bevor man sie in den heutigen Tags so

billigen Lorbeer einbettet./. . .1

/Folgt eingehende Wurdigung der Komposition/.

Die Aufnahme des Werkes war eine glänzende, weiche sich

am Schiuss zu einer wahren Exstase steigerte; allerdings

war selbige zum Theil provoziert und wirksam unterstützt

von einem kleinen Häuflein getreuer Schüler, welche den

Tondichter zur Auffuhrung seines Werkes von Wien aus hierher

begleitet batten. Das Ueberraschendste war vielleicht

der Anblick des Komponisten selbst, welcher auf dem Podium

dem Publikum Dank zuwinkte: em spärlich behaarter,

jovialer, alter Herr, mit einem Charakterkopf la Eduard

Grtitzner (nmlich dessen Klosterherren), dem gewiss niemand

zutrauen würde, dass er als biederer Organist so sehr

von den Pfaden Job. Sebastian Bach's abweicht, um sich der

graussigsten Revolution in die Anne zu werf en.

Offensichtlich verhielt sich Rheinberger Bruckner gegen-

Uber ablehnend. Bruckner schrieb am 19. Juni 1885 an Theodor

Helm, dem Musikkritiker der "Deutschen Zeitung",

tiber Heinrich Vogels begeisterte Reaktion (Rheinberger

hatte seit der Uraufftihrung seiner Oper "Die sieben Raben"

mit dem Sänger Heinrich Vogel zusammengearbeitet) und

erwähnte: "Wegen Hofkapellm/eister/ Rheinbergers Benehmen

gegen mich 1st Vogel sogar von der Hofkapelle ausgetreten".

(In: Musik I,1;S.31.)

Der Verleger Robert Forberg aus Leipzig fragt am 2. April

1885 bei Rheinberger an:

"Wtirden Sie sich bereit finden lassen, mir einige kleinere

Stücke für Orgel zu schreiben, und wtirden Sie mir ferner

gestatten, aus den Orgel-Sonaten einzelne Sätze apart zu

veröffentlichen?"

Fanny Rheinberger kommentiert diesen Brief mit olgender


Margina lie:

Nach einer Stunde hockte er schon dort am Schreibtisch

urn eine Qrg'elskizze zu machen. Arg ist! Ostersonntag!

Die Orgel ist doch seine Liebe.

[rn Hal 1885 steilte Rheinberger darauf seine 9. Orgelsonate,

op. 142, fertig und widmete sie Alexandre

Guilmont in Paris; Robert Forberg druckte sie noch im

gleichen Jahr. Anfang Juli 1885 beendete der Komponist

zurn 25jahrigen Jubliäum des Münchener Akademischen Gesangvereins

noch die Baliade für Männerchor und Blechorchester

"Die Rosen von Hildesheirn" nach einem Text

seiner Frau.

Vinzenz Lachner wendet sich damais mit folgender Empfehiung

an Rheinberger:

Hochgeehrter Herr Hofkapellmeister!

Em junger Mann Namens Robert Kahn begibt sich nach

München urn das dortige Musikwesen kennen zu lernen,

hauptsEchiich aber und auf meinen besondern Rath, urn

wo moglich das Interesse und Wohiwollen des Meisters zu

gewinnen, dern wir so viele Werke vollendeter Reife und

klassischer Gediegenheit zu verdanken haben. Der Gedanke

stand bei mir fest, als ich der Reihe nach mehrere mir

noch unbekannter Compositionen, darunter das Kiarinetten-

Quartett in C und die Toccata in C moll in trefflicher

Ausführung hier in Karisruhe und endlich das unvergieichlich

schöne Orgelkonzert im Odeonssaaie zu MUnchen geh6rt

hatte.

Nachdem sich nun die AusfUhrbarkeit dieses Gedankens emgestelit

hat, erlaube ich mir Ihnen den noch nicht voile

19 Jahre zEhlenden jungen Mann in kurzen ZUgen vorzuführen.

Kahn, der Sohn eines Banquier aus Mannheim, hatte bei

mir etwa 2 Jahre lang mit dem einf. Contrapunkt beginnenden

Unterrlcht. Als ich ihn darauf an die Hochschule

zu Berlin und zu Fr. Kiel brachte, hatte er bereits eine

grol3e Anzahl von PrEludien und Fugen, Lieder, Sonaten,


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Klavier-Stücke geschrieben, die durchweg em ungewöhnliches,

gesundes Talent verriethen. Ebenso versuchte

er sich mehrfach in Orchester-Compositionen, deren

Technik er sich überraschend schnell angeeignet hatte.

In Berlin hielt er das Tempo stetigen Fortschreitens

em und componirte neben den Aufgaben in der höhern

Kontrapunktik eine Reihe von Vokal- und Instrumentalsachen,

worunter Variationen für Orchester, die in der

Hochschule mit ailgemeiner Acclamation aufgeführt wurden.

Jede weitere Begrundung erscheintUberflüssig, wenn

Sie die grol3e Gewogenheit eintreten lassen wollen, sich

von ihm eine seiner Arbeiten vorspielen zu lassen, oder

einen Buck darauf zu werfen.

Semen Charakter betref fend kann ich mit besonderer Genugthuung

konstatiren, da8 er keinen Zug jenes dem semitischen

Kain so häufig anklebenden vorlauten, eitlen

und aufdringlichen Wesens an sich trägt, sondern sich

bescheiden, gemessen und unbestechlich wahrheitsliébend,

leider aber auch etwas unbeholfen zeigt.

Meine Bitte geht nun nicht etwa dahin, dem jungen Mann

schon Unterricht angedeihen zu lassen, sondern ihm Ihr

Wohlwollen dadurch zuwenden zu wollen, dat3 er Sie von

Zeit zu Zeit besuchen und sich Urteil und Rath in seinem

musikalischen Schaffen ausbitten dürfte, was bei

der Neigung unserer componirenden Jugend zu Ausschreitung

und Uebertreibung zum wahren Segen meinem Schützling

gedeihen würde.

Der treffliche junge Mensch 1st mir zum Gegenstande der

Neigung und Fürsorge geworden, dal3 ich als gewichtigen

Fursprecher Bruder Franz /Lachner/ gebeten habe, Ihnen

selbst den jungen Kahn vorzustellen, nachdem er sich

von dessen Würdigkeit flberzeugt haben wird.

In aufrichtiger Verehrung Ihr ergebenster

Karlsruhe 25.Mai 1885

Vinzenz Lachner.


- 13 -

Neben den kompositorischen Arbeiten und semen musikpadagogischen

Aufgaben an der Kgl. Musikschule hatte Rheinberger

vor allem an den hohen Festtagen des Kirchenjahres

nach wie vor em umfangreiches Repertoire als Kapellmeister

für Kirchenmusik zu betreuen. So führte er in der

Karwoche und zu Ostern 1885 folgende Werke auf:

Palmsonntag, den 29. März 1885,10.30 Uhr:

Missa Dixit Maria, 4stimmig

Graduale: Tenuisti, 5stinnnig

Passio, Responsorien, 4stimmig

Of fertorium: Improperien, 4stimmig

Mittwoch, den 1. April 1885, 16 Uhr:

Matution Responsorien, 4stinimig

Benedictus, 5stimmig

Gründonnerstag, den 2. April 1885, 11 Uhr:

Messe in F, 4stimmig

Graduale: Christus factus est, 4st.

Of fertoriuin, Tenebrae, 4stimmig

Nachmittags, 16 IJhr:

Matutin, Responsorien, 4stimmig

Benedictus, doppelchorig

Abends, 19.30 Uhr:

Miserere

Karfreitag, den 3. April 1885, 10 Uhr:

Passlo, Responsorien, 4stitnmig

Adoramus Nr. I in a-moll, 4stimmig

Popule ineus, 4stitnmig

Vexilla regis, c-moll, Sstimmig

Nachinittags, 16 Uhr:

Matutin, Responsorien, 4stinnnig

Benedictus, 5stitnrnig

Has ler

Aiblinger

Vittoria

Casali

Pales trina

Lachner

Lot t I

Ett

M. Haydn

Pales trina

Hand 1

Al legri

Vittoria

Perti

Vittoria

Aib linger

Pales trina

Lachner


Abends, 19.30 Uhr:

- 14 -

Stabat mater, Nr. II in g-moll, op.l38, Rheinberger

für Chor, Orgel und Streichorchester zum

ersten Mal in der Hofkapelle

Karsamstag, den 4. April 1885, 11 Uhr:

Kyrie (Choral), Gloria, Sanctus, Benedic- M. Haydn

tus, 4stimmig

Laudate u. Magnificat, 4st. mit Orgel Pitoni

Nachmittags, 16 Uhr:

Comp let

Abends, 19.30 Uhr:

Auferstehungs-Prozession Pange lingua Ett

Ostersonntag, den 5. April 1885, 11 Uhr:

Messe in F, 8stimmig Siciliani

Graduale: Haec dies, 5stimmig Lachner

Of fertorium: Terra tremuit, 8stimmig Rheinberger

Nachmittags, 16 Uhr:

Vesper

Qstermontag, den 6. April 1885, 11 Uhr:

Trinitatis-Messe in C-dur KV 167 Mozart

Graduale: Jubilate, Sstimmig Aiblinger

Of fertorium: Terra tremuit, 8stimmig Rheinberger

Anerkennend Hu2ert sich die "Augsburger Abendzeitung"

(Nr. 42, 9.4.1885)

Die Charwoche hat im hiesigen öffentlichen Musikieben

eine kurze, wohlthatige Pause gebracht, nur unterbrochen

von den zahlreichen, zum Theil sehr schönen Kirchenmusiken,

an welchen sich der Nensch umsomehr erfreuen

und erbauen mag, als sie - den Kritiker Gott sal


- 15 -

Dank nichts angehen.

Es 1st elner der Vortheile einer katholischen Stadt, dass

sie den Musikfreund die sonst so selten gebotene Gelegenheit

gibt, in grösserer. Aiswahl und zu wiederholten Malen

die eigens für den Gottesdienst geschriebenen MusikstUcke,

besonders der alten Meister, kennen zu lernen. Wer im protestantischen

Norden unseres Vaterlandes aufgewachsen ist,

dem blieb diese reiche Literatur so gut wie verschlossen.

Höchstens dass man einmal die berühmtesten Stücke - em

Crucifixus von Lotter, em Stabat Mater von Pergolese oder

eine Motette von Palestrina - von einern Oratorienverein im

Konzertsaal vortragen hört; von den Uebrigen, wie auch von

den Kirchenkompositionen der älteren und neueren deutschen

Meister, eines Michael Haydn, Ett, Franz Lachner, weiche

wahre Perlen enthalten, erfährt man garnichts. her kann

man diese Musik an ihrer natürlichen StEtte, in der Kirche

hören, wo sie, in der richtigen todten und lebendigen Urngebung,

eine ganz andere künstlerische Wirkung macht, als bel

der unnatUrlichen Verpflanzung in den nüchternen, weltilchen

Konzertsaal. Und wenn man schon in gewöhnlicher Zeit

allsonntäglich eine schöne Messe hören kann, so werden bei

den Kirchenfesten in allen bedeutenden Kirchen grössere Anstrengungen

gemacht, urn dem Cottesdienst eine wUrdige musikallsche

Ausstattung zu Theil werden zu lassen. Der Vorrang

gebUhrt natürlich der Allerheillgen-Hofkirche, wo die kgl.

Vokalkapelle unter Rheinbergers Leitung und unter Mitwirkung

erster Solokräfte unserer Oper klassische und neuere Werke

mit wahrhaft mustergültiger Voilkoinmenheit aufführt. Auch

diesmal war wieder eine reiche Fülle gediegener Kompositionen

geboten, von denen ich, als lebenden Komponisten angehörig,

nur em 5-stimmiges Benediktus von Lachner und em

Stabat Mater von Rheinberger erwähnen will. Unter den übrigen

Kirchen ragt In musikalischer Hinsicht die Bonifaziuskirche

hervor, in welcher u.a. am Charfreitag der Oratorienverein

em Misere von Max Zenger vortrug. Als wtirdigen Abschluss

der Feiertagsmusik führte man gestern /Ostermontag,

6.4.1885/ in der Hofkirche elne instrumentierte Messe von

Mozart auf.

(Dr. Theodor Goering)


- 16 -

Aufschlussreich für Fannys und ihres Gatten Gesundheitszustand

ist em Brief, den Johann Nepomuk Nussbaurn, Hausarzt und Freund

der Rheinbergers, an Fanny richtete.

M/ünchen/ Samstag, 24.5.85

Verehrteste Frau Rheinberger

Soeben erhalte ich Ihren Brief und rnöchte ihn vor Ihrern lieben

morgendlichen Erscheinen schon etwas näher betrachten mit Ihnen.

Ihre 3 Fragen beantworten sich dann materiell und objektiv so:

Sie können ohne Gefahr für Ihren Ehernann denselben verlassen

und nach Wildbad gehen.

Er ist in keiner ernsten Gefahr, weil der Zeigefinger heilt.

Man kann die Düsseldorfer Reise risquiren, wenn er die Hand

nicht mit Dirigiren anstrengt.

Aber, aber, aber

Glauben Sie, dass Ihr Organismus genest und sich kräftigt, wenn

Sie mit Ihrer unnachahrnlichen Sorgfalt und Liebe für Ihren Ehemann

von ibm getrennt leben, sich Tag und Nacht urn ihn sorgen,

sich mit allerlei Gespenstern von Verschlimmerung seines Leidens

quälen?

Ich fUrchte, Ihre Restauration dürfte sehr karg ausfallen.

Glauben Sie so stark zu sein und die Sorgen von Ihrem Körper

abhalten zu können?

Das ist sehr zu bedenken, Wildbad wird gut thun, die Trennung

aber nicht.

Ihr aufrichtiger Freund

Nus sbaum.

Im Sommer 1885 reisten Josef und Fanny Rheinberger in die

liechtensteinische Heirnat und wohnten in der alten Schlosswirtschaft

in Vaduz, wo er sicham 2.9.1885 im Gästebuch verewigte:

-

M

-''a

11U%1 94t/


- 17 -

Die Eindrilcke in dern alten Gemäuer der Ruine des Vaduzer

Schlosses veranlal3ten Rheinberger und seine

Frau im darauffolgenden Winter "Montfort, eine Rheinsage

für Soli, Chor und Orchester" zu dichten bzw.

zu komponieren. Em Gedicht, das dem Autograph der

Partitur in der Bayerischen Staatsbibliothek in

MUnchen beiliegt, erläutert die Entstehung des Werkes

(s. Anhang):

Zur Entstehung unserer Bailade Montfort.

Viel düstre Tage zählt das Leben.

in mancher Zeit verlöscht der Hoffnung Leuchte,

Und Schmerz bringt das Erwachen jeden Morgen.

Dann ist's der Frühling, der mit jungem Grün

Mit Blüthenduft und Amseisang

Des Herzens bange Einsamkeit

Noch schmerziicher empfinden

Und sehnlich denken iäI3t an Herbstesstürme,

Die mit dem Jagen weikgewordner Biätter

Mit wildem Rauschen durch den kaiten Forst

harmonischer zum eignen Grimme Stimmen.

Nicht so, als wir zur letzten Sormnerwende

In deiner Heimath weilten. Weif3t du noch?

Es war em Tag - der schönste wohi des Jahres;

Des Lenzes Hoffnung hatte sich erfüiit.

Kein Wöikchen stand am Himmel - tiefes Blau

Zog über Berg und Halde. 0 Valduisch,

Der Heimath "sül3es Thai!"

Wir saf3en auf dem Eichenstamm im Moose,

Zur Linken war das aite Försterhaus,

Genüber zog der grüne Buchenwald,

An dem schon manch Gezweig mit Geib sich fárbte

In steile Höh hinauf zum "wiiden SchloI3,"

Und iieI3 die Pracht tins ahnen stiller Pfade.

Zur Rechten hob der Faiknif3

Sein kühnes Feishaupt in die klaren Lüfte,

Tief unten zog die Fiut des jungen Rheins.

An Bäumen hing viei saft'ge Frucht

Und neben grüner Matte stand em Feld

Von gold'gem Mais, durch dessen schianke Halme

Der Südwind raschelnd sein Geheimnii3 hauchte,

Wozu verständnif3voll die Kolben nickten.


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Aus all der Lebenspracht der Schöpfung

Von tausendfachem Chore der Cycaden

Durchzirpt, erhoben sich die Quadern

Des alten Rämerthurmes riesig stark.

Er hat den runden Festsaal überdauert,

Aus dessen Höhlen jetzt der Himmel schaut.

Zerfallen ist die Burg,

Am Römerthurme zersprangen die Geschosse,

Wildrothe Reben schlingen sich hinauf.

Und dort der Garten, dessen Erkerbrüstung

Vom tiefen Abgund trennt, wo du, der Knabe

Hinabgeträumt ins Rheinthal, tief im Herzen

Die schlummernden Gesänge später Jahre -

Denkst Du daran? Wie herrlich ist dief3 Alles!

Die Sage zieht vorüber an der Seele

Und zaubert liebliche Gestalten

Aus ihrem Reich. Ich seh' dich sinnend stehn

Als lauschtest du verborgnen Harmonien.

Und so wie du - em haib Jahrtausend ist's,

Stand mit der Laute hier der deutsche Sänger

Am Brückenthor und sang von hoher Minne.

Und ist mit ihm der Kiang verstummt?

o nein! erwache Spätgeborner,

Greif in die Saiten, finde uns em Lied

Aus Montfort's Tagen, hol' sie aus dem Grab

Die Ritter, die hier glänzend eingezogen,

Beleb' das Burgfràulein mit frischem Hauch,

Entlocke die Gefangnen ihrer Haft

Und laB uns mit der Eichen altem Rauschen

Der Kunde längst vergangner Tage lauschen,

Dein Lied umranke froh den greisen Thurm

Wie Epheu übergrünend Kampf und Sturm.

Ja, künde, liegen wir vom Grab umfangen

Wie treu das Herz an deinem Heim gehangen.

(Zur Erinnerung an den 3. September 1885 bei SchloB

Vaduz.)

München. Franzisca Rheinberger

HoffnaaB.


- 19 -

Samuel de Lange sendet einen Abschiedsgrul3 aus seinern

Kölner Wirkungskreis an Rheinberger:

Köln, 29.Sept.1885

Lieber Freund!

Der junge v. Othegraven, von dern ich Dir vor einigen

Monaten schrieb, wird Dir diese Zeilen Uberbringen mit

meinem Gruss. Ueber ihn brauche ich nichts weiter beizufUgen.

Ich bin überzeugt, dass er sich selbst empfehlen

wird und dass Du grosse Freude an ihm haben wirst.

Er wird Dir meine soebene Pedalstudien überreichen. Ich

hoffe, Du wirst sie praktisch finden und einfUhren.

Heute 1st mein letzter Tag in Köln. Morgen friih fahre

ich nach Den Haag in Holland, wo ich eine Dirigentenstelle

übernommen habe. Vielleicht sehen wir uns zunächst

da. Wenn der Verein es kann, wird zunächst Deine

schöne Osterhymne aufgeführt, vielleicht auch Grösseres.

Es ist em gemischter Chor & Orchester.

Wenn ich langere Zeit da bin, schreibe ich einmal in

Ruhe, hoffe auch von Dir etwas Uber meinen musikalischen

Sohn zu erfahren.

Herzliche GrUsse von Haus zu Haus in Treue Dein

S. de Lange.

Philipp Woifrum bittet urn eine Kornposition:

Heidelberg, am 24.9.85

Hochverehrter Herr Professor!

Ich möchte mir hiedurch erlauben, Sie mit einer Bitte

zu behelligen, an deren gUtiger Erfüllung mir sehr viel

liegt. Seit einigen Tagen bin ich vom GroBherzog zum

akadeinlschen Musikdirektor ernannt, obwohl der alte Boch

nicht zurtickgetreten 1st. Das 1st für mich elne Aufforderung,

alles aufs Jubiläum bezügliche Musikalische

ohne Boch, der ja jetzt wohi zurücktreten muB, zu ordnen.Die

Sitzungender Jubiläumscommission, deren Nitglied

ich schon seit 1/2 Jahr bin, haben längst begonnen


- 20 -

und wurde da bereits der Rahmen für den musikalischen

Tell fest gefugt. Danach konmien am 1. Tag em kirchliches

StUck für Orchester und Chor (ich werde in den

nächsten Wochen das von mir componirte "GroIe Halleluja

von Klopstock" einreichen) und das Halleluja von Händel

in der Kirche zur Auffuhrung bringen.

Am 2. Tag - bel der rein akademischen Feier der Doctorpromotion

- sollen vor der Aula auf deren Gallerie,

die sehr beschrHnkten Raum hat, entweder em Mannerchor

a capella oder em Männerchor mit einfacher Blechmusikbegleitung

die Feier verherrlichen. Für diesen

MHnnerchor, der vom akademischen M.G.V. reproducirt

werden wUrde, möchte ich Ihre LlebenswUrdigkeit, sehr

verehrter Herr Professor, in Anspruch nehmen. Ich weiB,

es 1st eine sehr kUhne Bitte; aber die Aussicht auf

Erfolg bei Ihnen, der sie gegenwartig dem Männergesang

das Schönste schenkten und schenken, ist alizu verlokkend

für mich, als daB ich ihn nicht wagen soilte.

Möchten Sie die gro2e, grof3e Freundlichkeit haben, mir

und meiner Kapellmeisterangelegenhejt und der Universität

Heidelberg einige Minuten Ihrersokostbaren Zeit

zu widmen? Die Universität, die Studenten, die ganze

Männerchorwelt und ich wären Ihnen zu gröl3tem Danke verpflichtet.

Bitte recht herzlich, Herr Professor, erfUllen

sie meine und unser Aller Bitte!

Ganz von ungefahr ist mir em Gedicht in die Hand gekonimen,

das noch nie componirt 1st und mir für den genannten

Zweck wie geeignet erscheint. Ich erlaube mir

eine Abschrift beizulegen, vielleicht findet es in Ermangelung

von Besserem auch Ihren Beifall! Es 1st von

Max Reiny und findet sich bei Maximilian Bern, Deutsche

Lyrik seit Goethes Tode; Leipzig, bei Ph. Reclam.

Ich. woilte in diesen Ferien bestijnmt nach MUnchen kommen

und mit Walters das Qumntett in etwas erneuter Gestalt

studiren. Nun 1st meine Herreise nach Heidelberg

plötzlich nothwendig geworden. Franz WUllner möchte

mich wiederholt nach Köln ziehen als Nachfolger S.

de Lange (Orgel), bletet für die "Professur am Conservatoriuni"

3000 Mk, und stellt inir neben Concerten etc.

auth. die Direktion des Kölner Männergesangvereins in

Aussicht (1200 14k.). Das hat nun viele Schreiberejen

und Lauferelen zur Folge gehabt und auch den Erfolg,


- 21 -

daB ich Einsicht nehrnen konnte von dem guten Willen des

Ministeriums, mich bier zu halten.

Ich will mit Walters zwischen 12. und 22. November in

Leipzig (Gewandhaus) spielen und werde es nun so machen,

daB ich einige Tage vor jener Zeit in München eintreffe

und probe. Vielleicht bittet Herr Walter bei Ihnen urn

einige empfehlende Worte an Reinecke oder einen Ihrer

Leipziger Bekannten. Darf ich meine Bitte dazufUgen?

Verzeihen Sie, hochverehrter Herr Professor, meine grot3e

Freiheit. Unter vielen Empfehlungen an Sie und die gnädige

Frau Ihr dankbar ergebener Schüler

Ph. Wolfrurn.

Am 26.9. schreibt Rheinberger wunschgemal3 einen vierstimmigen

Männerchor "Vorwärts" (WoO 12), Text von

Max Remy, zur Fiinfhundertjahrfeier der Universitt

Heidelberg. Wolfrum antwortet begeistert:

Hochverehrter Herr Professor!

Meinen herzlichsten ergebensten Dank dafiir, daB Sie

überhaupt auf meine Bitte und den eingesendeten Text

eingegangen sind, und daB Sie (was eben auch nur Ihnen

m6glich 1st) in so unbegreiflich kurzer Zeit meinen

Wunsch erfüllt haben. Meine näheren Bekannten unter

den Mitgliedern der Jubiläumscomrnission sind wie ich

entztickt von dieser wertvollen Acquisition; sie ist bereits

in Händen des Vorsitzenden.

DaB ich Alles einsetzen werde, urn die Composition Ihren

Intentionen gemäB aufzufUhren - davon dUrf en Sie, hochverehrter

Herr Professor, überzeugt sein. Ubrigens ist

die Composition so unmittelbar packend, daB sie die

schlechteste AuffUhrung nicht verwiisten kann.

In Folge meines Hierbleibens wurde mir auBer Ihrer freundlichen

Zustimmung auch noch eine "klingendet' Anerkennung

von nicht unbeträchtlicher Höhe als Gehaltszulage, sowie

em sehr liebenswilrdiges Schreiben aus dem Ministerium

zu Teil.

Mein Bach-'Verein, den ich hier im Sommer gründete, blüht

und gedeiht und wird im 1. Concert Bachs "Ich hatte viel


- 22 -

Bekümmernis" und Beethovens Messeop. 86 bringen.

Bleiben Sie, hochverehrter Herr Professor, freundlich

gesinntlhrem dankbaren ehemaligen Schfller

Heidelberg 2.10.85

Ph. Wolf rum.

Felix Alexandre Guilmant (1837-1911), dem Rheinberger

seine 9. Orgelsonate widmete, bedankt sich mit folgenden

Zeilen.

Meudon (Seine-et-Oise)

10, Chemin de la Station

Le 2 octobre 1885.

Cher Monsieur,

Je vous suis bien reconnaissant de m'avoir ddi& votre

dernire Sonate /op. 142/ pour l'orgue. J'ai lu cette

belle oeuvre et je la jouerai avec un tres grand plaisir

dans mes concerts.

Permettez-moi aussi, cher Monsieur, de vous dire cornbien

j'aime votre huitime sonate en mi mineur! C'est

ainsi que celle qui m'est ddiê, uns magnifique composition;

la Passacaille est superbe.

Lorsque je reprendai mes concerts au Trocadro, a Paris,

le printemps prochain, je compte rejouer votre beau concert

qul a &tê si bien accueilli lean dernier, et cette

fois j'y intercalerai la cadence que vous m'avec envoyêe.

Peut4tre, d!ici au inois d'avril, êcrivez-vous quelque

chose pur orgue et orchestre, et je serais fort content

de le savoir af in de l'excuter. Mon orchestre se compose

habituellement des instruments a cords et des Hautbois,

employes par Handel dans ses concerts.

Veuillez de nouveau agrer mes plus sincares remerciments

et croyez-nioi, cher Monsieur, avec les sentiments les plus

distingues

A Mr. J. Rheinberger

Votre tout dêvou&

Alex. Guilinant.


- 23 -

Wenig beachtet wurde bislang der Elnflu2, den Rheinberger

mittelbar durch seine amerikanischen SchUier auf

das Musikieben der Ostküste der USA ausllbte, gait es

doch in den 70cr und 80cr Jahren ais unabdingbare Voraussetzung

für elne Karriere als etablierter Musiker an

amerikanischen Musikinstituten bei Rheinberger in München

studiert zu haben.

Em Beispiel, dem sichweitereanfügen lassen, 1st Horatio

William Parker (1863-1919), der 1881-84 in München

Rheinbergers Schüler war, dann unter Dvorak als

Lehrer am Natlonal-Konservatorium wirkte und als Organist

und Chordirektor in New York tätig war. 1894 erhielt

er ersten Ruf als Professor für Musik an der Yale-

University zu New Haven und für scm Oratorium "Hora

Novissima", dasseinenRuf als Komponisten zunächst in

Amerika schnell verbreitete, wurde er 1902 mit dem

Cambridger Ehrendoktor ausgezeichnet. Parker schreibt

am 11. Oktober 1885 an Rheinberger:

Garden City, 11.10.85

Sehr geehrter Herr Professor!

Mit Freude erfUlle ich jetzt mein Versprechen, Ihnen

zu schreiben, und bin von Herzen froh und dankbar,

dass ich schon etwas so angenehmes berichten kann.

Ich habe nHmlich jetzt eine feste und sehr gute Stellung

als Lehrer an elner grossen Knabenschule hier

in Garden City, eine Stunde von New York entfernt.

Ich werde ungefähr vierzig Schüler und Schülerinnen

(es 1st eine Mädchenschule mit der für Knaben verbunden),

die fast meine ganze Zeit in Anspruch nehmen

werden, /unterrichten/.

Es sind die Schulen, was man in Deutschiand Institute

nennt, da die SchUier alle im Gebäude leben.

Wenn ich eine noch grössere Anzahl Schüler haben

solite, würde ich einen Hilfslehrer haben mUssen,

da ich doch etwas Zeit für Komposition behaiten will.

/Folgt eine langere Schilderung des Schullebens/.

Die erste Zeit meines Hierseins babe ich in Boston

verbracht, wo ich unter den dortigen Musikern viele Annehmlichkeiten

genoss, well ich em SchUler von Ihnen

war. Vor einigen Tagen habe ich das VergnUgen gehabt,


- 24 -

eine sehr gute AuffUhrung der OuvertUre in C von Herrn

Whiting anzuhören. Sie wurde bei einem Musikfest in

Worcester, unweit von Boston, gespielt und hat sehr gefallen.

Herr Russ war auch da, und eben am selben Tag

ist Chadwick von Europa zurückgekehrt. Es hat also eine

Zeitlang fast wie in München ausgesehen unter Ihren

Schülern.

Herr Parkhust ist in New York und wird bald einen Besuch

von mir bekommen. Ich habe Brief e an den Herrn Thomas

und Van der Stucken in New York und hoffe, dass ich

durch Ihre Vermittlung etwas auffUhren lassen kann während

des Winters.

Herrn Prof. Baermann habe ich leider nur einen ganz

kleinen Besuch machen können vor meiner Abreise von Boston.

Er scheint sehr gesund zu sein und hat natUrlich

/viel/ zu thun. Ich hoffe ihn jedoch wieder zu treffen

in der Weihnachtsvakanz, da er sich em Haus genommen

hat in Newton, wo auch mein Vater wohnt.

Zum Schlusse bitte ich Ihre gnBdige Frau auf's Schönste

zu grüssen von mir, und dass Sie mich in angenehmer Erinnerung

behalten als Ihr ergebenster Schüler

H.W. Parker.

Am 13. November 1885 schreibt Rheinberger dann aus München

an semen Bruder in Vaduz einen Brief, der erneut

sein besonderes Interesse für seine liechtensteiner Verwandten

bekundet und RUckblenden auf seine Feldkircher

Lehrzeitbei Chorregent Philipp Schmutzer und seinem

ehemaligen dortigen Quartierherren Schrammel enthält:

13. November 1885

Mein lieber David!

Nun sind es schon em paar Monate, seit wir Abschied genommen

und noch haben wir beide seit dieser Zeit nichts

voneinander gehört - somit will wenigstens ich das Stillschweigen

brechen und em Lebenszeichen von mir geben.

Wir gingen damals auf em paar Tage nach Bregenz, sodann

Uber Lindau noch auf 8 Tage an den Starnberger See, der


- 25 -

mir besonders sympathisch 1st,- und waren (bei bestandig

schönem Wetter) dort sehr vergnügt. Am 17. September ging

es nach MUnchen in's Musikjoch zurUck. Mister Schmutzer

mit Sohn war bereits da, urn mich zu erwarten. Letzterer

scheint fleiBig und strebsam zu sein, wenigstens sind

seine Lehrer mit ihrn zufrieden. - Anfang November war Ich

nach Regensburg zu einer groBen AuffUhrung melnes Christophorus

(circa 230 Sanger) eingeladen; Ich ging hin und

wurde gehörig fetiert. Die Stadt, die Ich Ubrigens schon

kannte, 1st für unser elnen, der gerne alterthUmelt, sehr

schön. Hr. Stiftsdekan Gmelch 11e13 mich bitten, ihn zu

besuchen, da er krankheitshalber nicht ausgehen könne.

Ich suchte ihn auf und f and ihn sehr gealtert und mit

schneeweit3en Haaren. Er hängt noch mit ganzer Seele an

Liechtenstein und wolite mich gar nicht mehr fortlassen.

Er korrespondire fleil3ig mit Herrn von Hausen in Innsbruck,

der auch eine ähnliche Sehnsucht nach Vaduz haben

soil. Herr Gmelch erkundigte sich sehr nach Dir und Peter

und 1H13t Euch aufs herzlichste grUf3en.- Auch Herr

Jul. Maier grUl3t bestens und scheint mir neuestens ebenf

ails sehr gealtert zu sein. Prof. v. SchafhHutl ist zum

erstenmal in seinem 82jEhrigen Leben krank (Gicht),

trotzdem aber bei gutem Humor; er 1st eben em wahrer

und richtiger Philosoph, von dem man lernen könnte. Wie

ich der Liechtensteinischen Zeitung entnahm, seid Ihr

wieder mit knapper Noth einer RheinkalamitEt entgangen;

1st denn die Correction noch nicht genUgend? - Wenn ich

wieder nach Vaduz komme, möchte ich einmal ordentlich

schön Wetter haben; auch gibt es Immer während unserer

Anwesenheit em Begräbnif3 um's andere - es 1st fast ominös,

da doch im Jahr in Vaduz höchstens 18 Todesfälle

sein werden. Herr Schmutzer sagte mir auch, dal3 Hr. Schrammel

in Hermannstadt gestorben sei, was Ihr gewit3 noch

nicht wul3tet; ich habeihn zum letztenmal 1858 gesehen,

als er mich in MUnchen aufsuchte. Er soil in letzter Zeit

einen hohen Rang bekleidet haben.

Sage Peter und seiner Familie, der lieben Schwägerin

und Hermine, Olga und Emma die herzlichsten Grüf3e. Egon

wird wieder tapfer in Feldkirch darauf losstudiren; ich

bin begierig, weichen Lebensberuf er wEhien wird.

Und nun 1st die Reihe wieder an Dir zu respondiren und

erwarte ich Dein "Oremus". Meine Frau grüf3t bestens und


somit "epistola finita."

Dein alter Bruder und Freund

Monachii die 13 Novembris

1000,800 und 5 und 80.-

Philipp Woifrum schreibt:

- 26 -

Josef Rheinberger.

Heidelberg am 11.11.85.

Hochgeehrter Herr Professor!

Ich erlaube mir, Ihnen das Quartett und die Chorcomposition

"Das gro8e Halleluja" zur gefHlligen Durchsicht

zu übersenden. Ich hätte gem noch die 60 Choralvorspiele

und das Clavierconcert beigelegt, aber erstere werden

nach neuesten Mitteilungen erst in Ca. 3 Wochen vom

Stich kommen, letzteres 1st immer noch nicht ganz fertig.

Die Arbeiten der letzten Wochen sind so riesige

gewesen und sind es auch bis Weihnachten, daB mir die

Fertigstellung des Concertes in diesem Jahr kaum gelingen

wird. Ich habe allein 5 mal Abends Chorprobe in der

Woche. Der Bach-Verein zählt bis jetzt 110 Damen; am

12. November werden die "Eintrittsthüren" geschlossen

werden und vor Ablauf eines Jahres Niemand mehr aufgenommen.

Das Quintett hab ich liii letzten Satz mit einer, das

folgende rondoartige Gebilde begrtindensollenden Emleitung

versehen, vieles im "Rondo" selbst gestrichen,

manches geändert. Zu elnem völlig neuen Satz konnte

ich's nicht bringen. Manches des zuruckgelegten Satzes

war mir lieb geworden. Ich spielte das Quintett am 24.

October mit Heckmann's in Karisruhe mit vielem Erfoig.

Heckmann 1st jetzt Feuer und Flamme für meine bescheidenen

Sachen. Mein Quartett wird er in diesem Monate

noch in England spielen (am 8. April brachte er's in

Köln), mein Quintett möchte er mit mir in den Osterferien

in verschiedenen rheinischen StHdten spielen.

Es fehlt mir nur noch em Verleger, der mir etwas zahlt.

Spitzweg gibt garnichts heraus und ist gegen Buchhänd-


- 27 -

ler, die etwas zur Ansicht wollen, nicht sehr höfllch.

Könnten Sie, Herr Professor, mir nicht einen Leipziger

Verleger empfehlen, d.h. eventuell mich einem soichen?

Heckmann nannte mir Adressen, aber ich möchte nicht an

mehrere schreiben und mit mebreren zu thun haben. H/eckmann!

setzte mein Quartett und Qulntett für ständig aufs

Repertoire und auch Joachim hat nach Wihan's Aussage das

Quartett in Aussicht genommen.

I...! Das Opus /"Grotes Halleluja"/ 1st für das JubiiHum

geschrieben, für elnen grolen Raum, der kelne mitwirkungsfähige

Orgel hat - da muf3te ich hie und da etwas

starke Farben auftragen.

Vincenz Lachner war kürzlich bei mir und hat so begeistert

von Ihnen gesprochen, daf ich den alten Herrn

selbst lieb gewann.

In der Hoffnung, da6 Ihr Befinden, hochverehrter Herr

Professor, das beste 1st, mich zugleich Ihnen und der

gnHdigen Frau höflichst empfehlend, bin ich Ihr stets

dankbar ergebener

Ph. Woifrum.


- 28 -

Sehr geehrter Herr Professor!

Meinen herzlichsten Dank für Ihre gutige Durchsicht meiner

beiden opuscola. Erlauben Sie, dal3 ich in Betreff

Ihres nun in Druck gehenden Chores mir elnen Wunsch und

Bitte erlaube: Möchten Sie Ihrer Titelangabe "zum 500'

jHhrigen JubilEum der UniversitEt Heidelberg componirt"

nicht noch beisetzen "und dem akademischen Gesangverein

Heidelberg zugeeignet?"

Sie wilrden diese Auszeichnung gewil3 nicht unmusikalischen

und undankbaren SHngern zuwenden! Am 1. MHrz findet

unter Zuhilfenahme des Herrenchors vom Bach-Verein

eine Aufführung Ihres immer und Uberall begeisternd wirkenden

"Thai des Espingo" statt. Da Ihr Name hier ielder

kaum anders als aus Zeitungen bekannt 1st, so 1st der

Jubel ob dieser schönen Musik umso grof3er.

Darf ich Sie urn eine freundliche Notlz in der angedeuteten

Frage bitten?

In ausgezeichneter Verehrung Ihr stets ergebener Schüler

Heidelberg, 15.1.86

Ph. Woifrum.

Der Berliner Tonkünstlerverejn hatte im Oktober 1884

einen Preis von 300 Mark für em Kiavierquartett ausgeschrieben.

Richard Eichberg (1855-1921) bedankte sich als Schrif tführer

des Vereins für Rheinbergers Zusage, als Juror

zu fungieren:

Berlin, den 31.Oct.1885.

Hochgeehrter Herr Professor!

Im Anschluss an Ihre gUtige Zusage, bel der vom Berliner

TonkUnstlerverein ausgeschriebenen Concurrenz auf

em Klavierquartett das Preisrichteramt ausüben zu wollen,

beehre ich mich, Ihnen rnitzutheiien, dass wir die

das betr. Packet enthaitende Kiste (mit 21 Quartetten)

der Post nunmehr übergeben, dieselbe somit in den nHchsten

Tagen bei Ihnen eintreffen muss. Nach beendeter

Durchsicht bitten wir ergebenst, sich bei der - seibst-


- 29 -

redend unfrankirten - RUcksendung gef 1. derselben Kiste

sowie der auf der Rückseite des Deckels bereits vorgezeichneten

Adresse (Simrock'sche Musikhandlung, Theodor

Barth, Berlin W, Mohrenstr. 21) bedienen zu wollen,

und schliesse ich gleichzeitig daran die höfliche Bitte,

mir den Empfang der Sendung mittels Postkarte freundlichst

zu bescheinigen.

Sodann gestatte ich mir, Folgendes zur Sprache zu bringen:

Indem ich, wie Ihnen tibrigens zweifellos bekannt,

nochmals constatire, dass die beiden andern Herren,

welche sich zur Uebernahme des Preisrichteramts ebenfalls

freundlichst bereit erkiErt haben, die Herren Professoren

Dorn-Berlin und Wiillner-Ctiln sind, bemerke ich,

dass es sich herausgesteilt hat, dass eine kleine Anzahl

von Werken gleichwerthig erscheint, und somit eine positive

Entscheidung erschwert ist. Es ist daher der Wunsch

eines der Herren Preisrichter - und der Verein hat sich

diesem Wunsche angeschlossen - die andern beiden Herren

zu ersuchen, - falls Sie nicht dennoch em Werk als das

unweigerlich beste erachten soliten - diejenigen Werke

bezeichnen zu wollen, welchen gemeinsam em Anspruch auf

den Preis zuerkannt werden mtichte. Durch Vergleichung

der verschiedenen Urtheile, welche sich mit Majorität

schliesslich doch auf em Werk vereinigen dürften, wird

alsdann der Verein leichter in der Lage sein, die endgUltige

Entscheidung zu treffen, bzw. em oder das ande.re

Werk ausserhaib des preisgekronten zu beloben.

Indem ich nunmehr zum Schiuss nochmals Gelegenheit nehme,

für die grosse MUhewaltung, der Sie sich mit einer

so liebenswurdigen Bereitwilligkeit zu unterziehen gedenken,

den ergebensten Dank des Vereins auszusprechen,

zeichne ich in vorzUglicher Hochachtung

i.A.

Richard Eichberg

Schriftfjihrer des Berliner TonkUnstlerverejns

Berlin, S.O.16, Köpenickerstr. 117.

Am 10.1.1886 schreibt Eichberg an Rheinberger:

Hochverehrter Herr Professor!

Im Auftrage des Berl. TonkUnstlervereins habe ich die


- 30 -

Ehre, Ihnen anzuzeigen, daB derselbe, nachdem in der

letzten Sitzung die Gutachten miteinander verglichen,

das mit dem Motto: "Tonkunst, die vielberedte, sie ist

zugleich die stumme etc." versehene Werk, für das sich

auch Herr Prof. Wüllner ausgesprochen hat, prHmiiren

wird. Die öffnung des bezflglichen Couverts ergab als

Autor Richard Strauss - Meiningen.

Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, namens

des Vereins für die unendliche Mühewaltung, der Sie

sich mit elner so liebenswürdigen Bereitwilligkeit

unterzogen haben, nochmals unseren aufrichtigsten und

ergebensten Dank ausspreche, zeichne ich

mit dem Ausdruck der vorzüglichsten

Hochachtung

l.A.

Richard Eichberg

Schriftführer des Ben. Tonkünstlervereins

Berlin S.0.16, Köpenickerstr. 117.

Wüllner hatte Straussens op. 13 auf den ersten Platz,

Rheinb.erger allerdings nur auf Platz 2 gesetzt, wHhrend

Dorn das Werk für den achten Platz einreihte.

Der Preisträger war gerade für em halbes Jahr in Meiningen,

wo er als Nachfolger H.v. Bülows grundlegende

Erfahrungen als junger Dirigent sammelte.

Der zwanzigjährige Strauss, der damals schon mit dem

Gedanken an eine Ubersiedlung nach MUnchen umging, bedankte

sich, ohne die Entscheidung der Preisrichter im

einzelnen zu kennen, bel Rheinberger mit folgenden

Ze il en:

Hochverehrter Herr Hofkapellmeister!

Meiningen, den 13.1.1886

Gestern wurde mir die freudige Nachricht überbracht,


- 31 -

daIs das von mir zu der vom Berliner TonkUnstlerverejn

ausgeschriebenen Concurrenz, bei der auch Sie als Preisrichter

fungierten, eingesandte Klavierquartett in Cmoll

preisgekront worden ist. Nachdem die Einsendung

anonym war, kann ich zwar nicht meinen herzlichsten Dank

aussprechen, doch möchte ich nicht versäumen, Ihnen zu

sagen, wie hoch erfreut und geehrt ich mich durch Ihren

Entscheid gefiihlt habe. Derselbe ist mir eine grol3e Aufmunterung

für meine weitere Künstlerlaufbahn und wird es

nicht mein geringstes Streben sein, mich durch stete

Vertiefung meiner künstlerischen Leistungen Ihres mich

so hoch beglUckenden Entscheides wilrdlg zu erweisen.

Genehmigen Sie meine herzlichsten GrUl3e, auch an Ihre

hochverehrte Frau Gemahlin, und den Ausdruck der ausgezeichnetsten

Hochachtung Ihres aufrichtig ergebenen

Richard Strauss.

Georg Niedermayer, kgl. Seminarinspektor und Chordirektor

von St. Emmeran in Regensburg schreibt an Josef

Rheinberger:

Regensburg, 26.1.1886.

Ex. Hochwohlgeboren!

Beehre mich Ihnen mitzutheilen, daI3 ich heute beim

Trauergottesdienste der verstorbenen FUrstin Mathilde

von Thurn und Taxis Ihr grol3es Requiem, dieses herrliche

Prachtwerk, mit meinen Chorkräf ten zur AuffUhrung

brachte. Der SEngerchor bestand aus circa 60

Personen, 36 Knaben und 24 Männerstimmen; Streichquartett

babe ich 4 und 3 fach besetzt, die Ubrige

Instrumentation 1 fach.

Die Wirkung war elne grol3artige; sämtlicbe Sänger und

Musiker waren geradezu begeistert und entzUckt. Meine

Soprane haben das hohe b in "dies irae" und "benedictus"

mit fulminanter Begeisterung gesungen; Uberhaupt

haben die Knabenstimmen, verstErkt durch Dom und alte

Kapelle, eminent durchschlagend gewirkt. Ich hätte Sie

hier als Zuhörer gewUnscht. - Bei der kurzen Zeit, die

mir für die Proben gegönnt war - 3 Tage - bin ich im


- 32 -

Grot3en und Ganzen mit dein Resultat sehr zufrieden; ich

habe das groltentei1s der Begeisterung und Aufnierksamkeit

der Sänger und Musiker zu verdanken. Meitie Sänger

kennen nämlich Ihre Compositionen so ziemlich aus Motetten,

Psalmen, Stabat mater - das ich voriges Jahr mit

grol3em Effekt zur Aufführung brachte - darum konnte ich

mit verhältnisma8ig wenigen Proben - 2 Gesangs- und 1

Generaiprobe - das grol3e Unternehmen wagen und - zu rneiner

gro8en Freude - ist das Werk gelungen.

Aber das Werk lobet den Meister. 1st das em frommes,

grol3artiges, majestätisches, inniges opus! Dabei ganz

und gar von kirchlichern Geiste durchweht.

Ich ziehe nun Ihre Kirchencompositionen immer mehr in

mein Repertoire herein; wenn ich nur em Verzeichnis

Ihrer irn Druck erschienenen Kirchenmusikalien in die

Hand bekäme, sowie Ihrer sonstigen Gesangs-Cornpositionen.

Als ich in den Jahren 1865-1868 in München in St.

Johann, bei geisti. Rat Nissl war, hatte ich mehrmals

das Vergnugen, mit Ihnen personhich zusamrnenzukommen;

meine Wenigkeit wird Ihnen freilich - ich war damals

junger Geistlicher und Philologe - nicht mehr erinnerlich

sein. I...!

Mit vorzuglicher Hochachtung Ew. Hochwohlgeb. ergebener

Gg. Niedermayer. Kgl. Seminarinspektor und Chorregent

von St. Emmeran.

Rheinbergers ehemaliger Lehrer und alter Freund, der

Organist Johann Georg Herzog, Universitätsrnusikdirektor

zu Erlangen, schreibt an Josef Rheinberger:

Erlangen, 28.1.1886.

$ehr verehrter Freund!

Beifolgend sende ich Dir I Exemplar von der neuen Auflage

meiner Orgelschule. Ich habe mir erlaubt, auf dern

Dedikationsblatt Deinen verelirten Namen beizuftigen, eminal,

urn Dir damit einen schwachen Beweis meiner Verehrung

und Anhänglichkeit zugeben, und dann, urn damit den

vielen SchUlern, welche diese Schule gebrauchen, em

Erinnerungszeichen an unser gerneinsames Streben auf die-


- 33 -

sem Gebiet vor Augen zu stellen. Hoffentlich 1st Dir

mein Vorgehen nicht unangenehm; die Sache kam mir

wenigstens aus dem Herzen.

Die Schule hat sich im Laufe der Zeit eine grol3e Verbreitung

verschafft; es gehen alljährlich ilber 100 Exemplare

nach Amerika. Bel der nächsten Auflage, wenn

ich sie noch erlebe, habe ich eine umfassende Umarbeltung

vor.

Wie ich höre, geht es Dir gut, und dief3 zu hören 1st

mir stets sehr angenehm.

Mit den besten Empfehlungen an Deine hochverehrte Frau

Gemahlin Dein alizeit getreuer Freund

J.G. Herzog.

Noch einmal bedankt sich Philipp Wolf rum:

Hochverehrter Herr Professor!

Sie werden nun den Dank des Heldeiberger akademischen

Gesangvereins dafUr, da2 Sie Ihre Festcomposition in

so überaus freundlicher und liebenswurdiger Weise demselben

widmeten, entgegengenommenhaben. Erlauben Sie

mir, daB auch Ich meinen herzlichen Dank daran knüpfe,

bittend, daB Sie mir die Verzögerung des Ausdrucks

ineiner Dankbarkeit nicht tibel nehmen möchten. Hauptursache

davon 1st mein Unwohlsein seit Anfang Februar,

nämlich elne totale Heiserkeit, der zumTrotz ich groBe

Chor- und Orchesterproben halten muBte, dainit am 22.

Februar das Concert des Bach-Vereins und am 28. das

des akademlschen G.V.s stattfinden konnte; durch allerlel

Arzneimittelchen mul3te ich inich einigermaBen

Uber dem Wasser zu halten suchen, damit die gute musikalische

Sache siege.

Und es ist gegliickt, auch ich habe heute für's JubiiEumvollständlgdas

Heft in der Hand; der Bach-Verem

und der akademische Gesangvereln stellen elnen

Festchorvon 200 Singenden. Lassen Sie mich Ihnen nun

auch sagen, daB Studenten und Philister und Alles, was

da musikalisch 1st, Feuer undFlammelst für das Thai

des Espingo und daB die nächste Folge der AuffUhrung


- 34 -.

war, da8 sofort verschiedene Chorwerke von Ihnen in Privatmusikvereinen

in Angriff genommen wurden. Im nächsten

Jahre wird Ihr Name auf den Concertprogrammen jedes Mal

mit Freuden begrul3t werden.

Ich babe mir in Heidelberg einen groBen Wirkungskreis

/geschaffen/: auBer wöchentlich 10 Stunden Vorlesung und

Ubung - 2 Chorvereine, das Mit eines Univers.-Organisten,

einige Abonnementsconcerte, neuerdings die Direction de

sämintlichen badischen Landeskirchengesangvereine (mit ca.

4500 Mitgiiedern), weiche alle 2 Jahre em Kirchengesangfest

veranstalten.

Da babe ich denn immer aufs neue Gelegenheit, wahrzunehmen,

wie viel ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor,

verdanke. Mit Versicherung meiner stetigen herzlichen

Dankbarkeit und unter vielen Empfehiungen an Sie und Ihre

hochverehrte Frau Gemahlin bin ich

Ihr treu ergebener ehemal. Schüler

Schwarzenbach am Wald,

30. März 1886.

Ph. Woifrum.

Die öffentliche Meinung in Sachen Musik, so wie sie für

die Mitte der achtziger Jahre in MUnchen als typisch bezeichnet

werden darf, spiegelt die nachfolgende Kritik

aus der 2. Beilage zur Aligemeinen Zeitung wider:

Die Musikalische Akademie gab am Mittwoch den 24. d. M.

ihr zweites Abonnementsconcert unter Mitwirkung der Concertsängerin

Fri. Marie Schmidtlein aus Berlin und des

Violonceil-Virtuosen Hrn. Julius Kiengel aus Leipzig.

Fri. Schmidtlein sang eine Arie der Dejanira aus dem

Händel'schen Oratorium "Herakies" und drei Liedèr aus

dem Zykius "Aus verborgenem Thai" op. 136, von Joseph

Rheinberger. Die bedeutenden künstlerischen Fähigkeiten,

welche uns neulich im Concert des Oratorjenvereins an

Fri. Schmidtlein so angenehm auffieien, kamen auch im

Odeon zu schönster Geitung; eine äuBerst sympathische

groBe Stimme, musikaiisches Verständnig und em durchaus

durchdachter geschmackvolier Vortrag. Der Stimme Fri.


- 35 -

Schmidtieins fehit nur eine sonore Tiefe, urn em voiiiger

Alt zu sein. Diesem Manco 1st es zuzuschreiben, wenn es

der Sängerin nicht immer gelang, an den entfernteren Plätzen

des gro2en Saaies verständiich zu bieiben. Dies gilt

besonders von der Händei'schen Arie, die vorn Orchester begleltet

wurde. Händeis Oratorium "Herakies" wurde 1744 zu

London aufgefUhrt - nebenbei bemerkt ist kaurn em anderes

Sujet von der Oper und vom Oratorium so ausgebeutet worden

wie der Herkules-Mythos - die Arle der Dejanira bringt der

Sangermn nicht zu unterschätzende Schwierigkelten entgegen,

weiche Fri. Schmidtiein aber mit Sicherheit überwand. Höher

stand uns die Leistung des Gastes in den drei hier zum ersten

Male öffentlich gesungenen Liedern Rheinbergers, weiche,

wenn wir nicht irren, auch ihr gewidmet sind. Wir hatten

einmal Gelegenheit, fast den ganzen Zykius von Eugen

Gura vorgetragen zu hören, und diesen unverge2lichen Emdruck

zu verwischen geiang Fri. Schmidtlein alierdings

nicht, doch erwarb sich die Sangermn auch hier wiederhoit

herzilchen Beifail. Der Lieder-Zykius "Aus verborgenem Thai",

dessen hochpoetischer Text die Gattin des Componisten, unter

dem Namen F.v. Hoffnaaf3 ais feinsmnnige Dichterin bekannt,

zum Autor hat, gehört mit zu dem Bedeutendsten, was wir an

moderner Gesangsiiteratur besitzen. Von den drei vorgetragenen

Liedern "Kiage", "Sehnsucht" und "Wiederfinden" hat

uns immer das erste durch die Tiefe seiner in Wort und Ton

verkorperten Ernpfmndung am meisten zu Herzen gesprochen. In

Herrn Kiengel lernten wir einen ganz vorzuglichen Celiisten

kennen; ais solcher zeigte er sich In seinem eigenen Cello-

Conzert und in den zwei kieineren Ceiio-EtUden, "Air" von J.

S. Bach und "Elfentanz" von D. Popper. Den Ceilisten Klengei

steilen wir jedenfalis höher als den Componisten, sein Cello-

Concert 1st, wie aiie Compositionen von Virtuosen, für ihr

eigenes Instrument - die gymnastische Production eben dieses

Instrumentes bleibt die Hauptsache. Am meisten gefiei wohi

der seelenvoile Vortrag der "Air" von Bach; auf den stürmischen

Beifail, der sich nach Poppers "Eifentanz" erhob, wiederholte

Hr. Kiengel dieses artige Saionstück, das einen

Ubrigens bei iEngerer Dauer nervös machen könnte. Die Akademiker

seibst leiteten unter der Direction Fischers das Concert

mit einer briiianten AuffUhrung der herrlichen dritten

"Leonore"-Ouverture Beethovens em und schlossen dasselbe mit


- 36 -

der erstmaligen VorfUhrung der Symphonie zu Dante's

"Divina Commedia" für gro2es Orchester mit Frauenchor

und Orgel von Franz Liszt. Mitten zwischen vier Liszt-

Matineen stehend, hätte uns die Vorführung der "Dante"-Symphonie

wirklich erspart bleiben können; oder

soilen wir uns vielmehr beglückwilnschen, daf wir sie

nun Uberstanden haben und wohi nicht mehr so bald

wieder zu hören brauchen? Wenn es die Absicht Liszts

gewesen, uns mit den erschrecklichen Tonmalereien der

Dante-Symphonie die Qualen der Hblle und des Fegfeuers

möglichst anschauiich beizubringen, so kann man

alierdings nicht läugnen, daB dieser Zweck erreicht

wird. In den brutalen Tonfolgen des ersten Satzes, des

Inferno, kosten wir die Qualen der Verdammten, nur mit

dem Unterschiede, daB die zur Hölle Verurtheilten nicht

noch auch das Fegefeuer durchzumachen hatten, wie wir.

Die Vorführung des Liszt'schen Werkes wurde durch die

infernalische Temperatur des Saales noch wirksam unterstützt,

so daB wir den freveihaften Wunsch nicht unterdrücken

konnten, es möchte alien jenen KK. Abgeordneten,

weiche gegen die eiektrische Beleuchtung im Odeon

gestitnmt haben, em Zwangsabonnement auf sämmtiiche

Frühjahrs- und Sommer-Concerte zutheil werden. Selbst

die sanf ten, nach einem "Allegro frenetico" einsetzenden

Arpeggien zweier Harf en waren nicht im Stande, uns

das Inferno wesentlich zu versül3en. Wie billig ist das

Fegefeuer mit semen Strafen milder, aber dafUr 1st

Liszts Purgatorio von wahrhaft erhabener Langeweile,

und mit den Verdammten athmen wir auf, wenn das vom

Frauenchor der I. Vocalcapeile angestimmte Magnificat

ertönt - das kurze Solo sang Fri. Herzog - entschieden

das Erfreuiichste und Schönste im ganzen Werke; aber

eben dieses Magnificat 1st, wenigstens dem Hauptmotiv

nach, nicht von Liszt, sondern eine uraite katholische

Kirchenmelodie. Im Paradiese aber fühien wir uns erst,

wenn wir uns wieder in der Garderobe befinden, und das

will im Odeon bekanntiich viel sagen. Unsere wackeren

Akadeiniker haben sich mit diesem Liszt'schen Monstrum

redlich abgeplagt. Nach dem Inferno und noch mehr zum

Schluf3 erschoii aus elnem Liszt-Wjnke]. des Saales wüthender

Applaus, die groBe Majorität des Publicums ver-


- 37 -

harrte in elnem Schweigen, das von der hohen Achtung

dictirt war, die man Franz Liszt auf jedem anderen Gebiete

schuldig ist.

Auch in Wien 1st Rheinbergers Name in diesen Jahren

nicht unbekannt geblieben. Der "Christophorus" erklingt

beim Chorkonzert des Ambroslus-Verejns im Bösendorfer-

Saal, dessen Kirchenmusikdirektor Josef Böhm (1841-1893)

erklärte: "Ich predige, wo ich nur kann, das Evangelium

der Rheinbergerlschen Muse". (4.12.1885)

Auch der treue Freund aus den Kreuther Ferientagen,Johnje

Mayer, sorgt mit seiner Frau weiterhin für wohilautendes

Echo. Mila Mayer schreibt an Fanny nach Erhalt der vierhändigen

Kiavier-Ausgabe der neunten Orgelsonate von

Rheinberger:

"Ach wie schön ist doch diese Sonate! Da sieht man wieder,

da8 die Geduld Rosen bringt. Gestern Abend haben wir die

Sonate 4 mal nacheinander gesplelt und dann noch einmal

die Romanze; denn wir woilten nachher nichts Anderes mehr

hören, und so habe ich auch richtig davon geträumt:

Morgen kommt H. Stocker, da freue ich mich schon, wie ihm

die Sonate gefallen wird. Ganz anders als die 4. Symphonie

von Brahms, über die er also dichtete:

'Viel Neues hat er nicht entdeckt,

Melodien keine gefunden,

Der Geist, der war so tief versteckt,

DaB man meint, er sei verschwunden.

Wie müde und lahm, kein Adel, kein Schwung

Gar mühsam gewebt und gewoben;


- 38 -

Sieh', die Menge erstirbt in Begeisterung,

Und Hanslick? - Er mul3 ihn ja loben!t

Johnie nennt Hanslick immer 'Das Brahmshorn'.

Em zweiter Vers, den H. Stocker verschuldete, lautet:

'Mag Dir auch so manches glucken,

Symphonien sind leider trist;

Hanslick schwimmt in Hochentzücken,

Em Beweis - wie dumm er ist.'

Wenn H. Stocker so etwas niederkritzelt, da lacht Johnie

so herzlich, dal3 wir zum Schlusse Alle mitlachen. Siehst

Du, so harmlos unterhalten wir uns beim Thee."

H. Stocker verfa6te damals auch eine Skizze tiber Rheinbergers

Leben und Werk.(Vgl. Anhang)

Die Ferieneindrücke der alten, sagenumwobenen. Ruine von

Schlol Vaduz hatte Rheinberger während des Winters 1885-

86, zusammen mit seiner Frau als Textdichterin, zu einer

neuen Komposition verarbeitet: "Montfort", eine Rheinsage

für Soli, Chor und Orchester, war im Mai 1886 fertiggestellt.

Der Komponist bot das Stuck dem Marktwert seiner

Werke entsprechend seinem Verleger an.

Forberg antwortet:

Leipzig, den 21.5.1886

Sehr geehrter Herr!

Ich bestätige Ihnen mit verbindlichstem Dank den Empfang

der "Sage von Montfort" und habe mir das Werk angesehen.

Dasselbst ist mir für meinen Verlag sehr willkommen, aber

auf em Honorar von 2500 Mark war ich nicht gefa2t.

Ich dachte etwa an em Honorar von 12-1500 Mark, aber


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nicht entfernt an eine soiche Summe. Das Werk 1st etwa

von dam doppelten Umfange Ihres "Wittekindt', weichen

Sie mir z.Zt. für em Honorar von 500 Mark überliet3en!

Ich verkenne gewil3 nicht die mühevolle Arbeit; indessen

bitte ich auf der andern Seite bedenken zu wollen,

wie unendlich schwer es jetzt für den deutschen Verleger

ist, mit semen Neuigkeiten durchzudringen - jetzt,

wo eigentlich nur noch "Musik geht" von der Art Nessler's

"Rattenfanger" und "Trompeter"! Ich würde das

Werk selbst dann ganz gem nehmen, wenn ich auch auf

Jahre hinaus nur auf elne Verzinsung der Herstellungskosten

- weiche, wie Ihnen bekannt, mehrere Tausend

Mark betragen - rechnen könnte, aber das kann ich nicht.

Selbst bei dem "Wittekind" habe ich jetzt die Anlagekosten

auf mein Ehrenwort - obschon ja das Werk ganz

gut semen Wag gegangen 1st - noch nicht gedeckt, und,

wenn ich Ihnen einmal mein Verlagsabsatzbuch vorlegen

könnte, so wUrden Sie über manche ähnliche Resultate

gew1I überrascht sein! Wollen Sie nun mir, dem Verleger,

die Herausgabe "guter Musik" erschweren resp. ganz unmoglich

machen, nun so muf sich eben schlie8lich Jeder

mit Nothwendigkeit der Publikation Nesslerscher und ähnlicher

Sachen zuwenden, die em leichtes und bequemes

GeschHft für den Verleger sind. Es ist sonst nicht melne

Art, bei dem Ankauf von Manuscripten zu feilschen,

aber hier in dem vorliegenden Falle muf3 ich schon emmal

davon abgehen und glaube im Hinblick auf unsere

mehr als 20-jahrige Beziehung das wol auch einmal thun

zu dürfen.

Ich wiederhole, da2 ich das Chorwerk sehr gerne hätte -

ja, da6 es mir sogar sehr fatal sein würde, wenn dasselbe

eventuell woanders herauskäme, der ich ja eigentlich

Ihr erster Verleger bin und weitaus das Meiste von

Ihnen bringen konnte - also bitte, uberlegen Sie sich,

geehrter Herr, deshalb den Punkt bezUglich das Honorar

wohlwollend noch em Mal.

Nit hochachtungsvollem Grul3e Ihr ergebenster

Max Forberg.


- 40 -

Aus dem altehrwurdigen Kioster Einsiedeln erhält Rheinberger

eine Anregung, die einige Jahre später Frflchte

trägt:

Stift Einsiedeln, 18.8.1886.

Hochverehrter Herr!

Wenn Unterzeichneter sich die Freiheit nimmt, Sie, hochverehrter

Herr, mit folgenden Zeilen zu belästigen, so

wagt er es einerseits in der Erinnerung, da2 er 2 Semester

die konigi. Nusikschule in München besuchte, andererseits,

weil er in Ihnen, hochverehrter Herr Professor,

elnen Gegenstand aufrichtiger HochschHtzung erblickt.

Urn mich gewisserrnal3en zu legitirniren, stelle ich mich

Ihnen vor als P. Joseph Staup O.S.B. in Maria Einsiedeln.

Obschon ich der Welt, der Musikschule Valet gesagt habe,

so darf ich doch der edlen Kunst auch in der stillen

Klosterzelle nicht vergessen. Es wird im Gegentheil von

den Mönchen in Einsiedeln die Musik hochgehalten. Und der

Name J. Rheinberger hat bei uns einen besonders guten

Kiang, was mir zur aufrichtigen Freude gereicht.

Hochverehrter Herr Professor!

Wenn wir den rejehen Schatz Ihres so fruchtbaren Talentes

betrachten, von dern auch wir schon Einiges zur Aufführung

gebracht haben, unter Anderm die herrliche Papstmesse in

Es -, so begegnen uns leider keine Instrurnentalmessen, die

wir so gerne von Ihnen hEtten. Den gleichen Wunsch las ich

einmal irn "Chorwchtertt, der cäcilianischen Zeitschrift

der Schweiz: es möchte doch em Meister wie Rheinberger

gleich 1/2 Dutzend Instrumentalmessen componiren. Es 1st

aber der gro2e Mangel an soichen gediegenen, edlen Messen,

der diesen Wunsch, dieses Verlangen wachgerufen. Da wir

alle Sonn- und Feiertage und manchmal auch während der Woche

soiche Instrumentalmessen brauchen, so begreifen Sie

wohl, welches Repertoire das erfordert. Aber nicht nur der

Mangel an soichen Messen, sondern Ihr herrliches Talent,

soiche edle Kirchenmusik schreiben zu können, drangt mich

dazu, an Sie den lebhaf ten Wunsch und eine naive Bitte zu

richten; "Componiren Sie doch einlge Instrumentairnessen!"

Ich bin überzeugt, da2 dieselben allüberall freudig be-


- 41 -

grUf3t werden, wo man Sinn und Verständnl2 hat für elne

gute Musik, die als verständnil3volle Illustration dieses

tiefen poetischen Textes der Liturgle selbst wahre

Poesie und Gottesdienst 1st.

Schmeicheln liegt mir fern; aber das zeichnet ja gerade

Ihre Werke so vortheilhaft aus, vor so vieler Schablonenarbeit

im Lager der Cäcilianer, daB Sie den Text 11lustriren

in wahrhafter Poesie, ohne zur blot3en Dienerin

des Textes herabzuslnken! Nein, ich stelle mir vor,

Sie nehmen den Text zuerst in sich auf, daB er Ihr,

gleichsain Ihr Elgenthum geworden und dann theilen Sie

denselben wieder uns mit als Musik. Sie erwecken so das

todte Wart zum wahren Leben, für die bloBe Zeichnung geben

Sle uns em farbenprächtiges Gemälde. Sle werden

mich schon verstehen. Well nun der lb. Gott Ihnen so

viel Talent gegeben, um Ihn In Sr.Hl.Kirche zu verherrlichen

- so seien Sle doch so gut und componiren Sie zu

Selner Ehre und dein kath. Cultus zu lieb einige Orchestermessen.

Sie werden mir vielleIcht sagen, daB die

menschllche Stimme und die Orgel genilgt für den Cultus;

aber es glbt Verhältnisse, wo elnmal Instrumentalmessen

nöthig slnd und solche, wie Sie schaffen werden, wren

uns und vielen Anderen gar lieb! Unser P. Bernard, der

em sehr guter Geiger 1st, bemerkte mlr, ich solle Ihnen

schreiben, daB er Sie ganz besonders verehre, und daB wir

Sie auch in Einsiedeln elnmal erwarten. Kommen Sie nur

und Sle werden bald sehen, wie lieb wir Sle haben!

Entschuldigen Sie also melne Zeilen gütigst, und soilten

Sie tnlch elner Antwort wurdigen, ware ich Ihnen sehrver-

Nit vorzugllchster Hochachtung

zeichnet ergebenst

P. Joseph Staub 0.S.B.

Einsledeln, Ct. Schwyz.

Den gleichen Wunsch spricht bereits "Der Chorwächter"

(Nr. 10, X.Jg., 1. Okt. 1885, S.81) aus: "Möchte doch

em Meister wie Rheinberger sich auch der instrumentalen

Armuth unseres Catalogs erbarmen und gleich 1/2 Dutzend

wirkensvoller, schön Instrumentaler Orchesterinessen

schrelben."


- 42 -

Eduard Hanslick (1824-1904) verwendet sich mit folgenden

Zeilen für Cesare Cavaliere de Pollini, der später

Direktor des Konservatoriums in Padua wurde:

Hochgeehrter Herr!

Erlauben Sie, da2 ich den Uberbringer dieser Zeilen,

Herrn Dr. Cäsar Ritter v. Pollini, Ihnen bestens empfehle.

Der junge Mann 1st der Schwager eines meiner besten

Freunde, des Sectionschefs Ritter v. Pozzi.

Von seinem Vater für die Advokatenlaufbahn bestlmmt, hat

Pollini doch von Jugend auf mit Leidenschaft Musik getrieben,

und sich ganz der Kunst gewidmet. I. . . /

Ich habe ihn als einen talentvollen Componisten, tüchtigen

Kiavierspieler und liebenswürdigen, bescheidenen

Menschen kennen gelernt.

Ich wEre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihm mit Ihrem unschätzbaren

Rate beistehen wollten!

Hochachtungsvoll Ihr ergebener

Dr. Eduard Hans lick.

Wien, November 1886

Theodor Gouvy (1822-1898), dem Rheinberger 1878 seine 5.

Orgelsonate (op. 111) gewidmet hatte, schreibt:

Lothringen, 28.9.86.

Verehrter Freund!

Da Sie mich mit diesem Titel beehrt haben, so wollen wir

ihn auch beibehalten. Und zwar nicht unverdienterweise,

denn lEngst fUhlte ich mich ja geistig mit Ihnen verwandt

und Ihre edle Kunstanschauung, die reine KlassizitEt, die

aus Ihren Werken spricht, hatten mich seit Jahren mit

Ihnen befreundet.

Der freundliche Brief, den Sie mir mit der Hand Ihrer

hochverehrten Gattin geschrieben, hat mir mehr Freude gemacht,

als wenn der Regent von Bayern mir einen grünen

oder blauen Orden geschickt hEtte. Denn Ihr Urtheil wiegt

schwer und Sie gehören zu Denjenigen, nicht gar zu Zahlreichen,

vor welchen man gerne den Hut abzieht. In einer


- 43 -

Zeit, wo Parteihass, Marktschreierei, Personenkultus und

andere schöne Dinge nicht übel an der Tagesordnung sind,

da sind Sie sich stets treu geblieben und, den eitlen

Tand verschmähend, haben Sie durch stilles und fortdauerndes

Wirken und Schaffen den Namen errungen,.den die

musikalische Welt verehrt. Sie sind kein wandernder Virtuose,

auch reisen Sie nicht herum wie der Weinhändler

mit semen Producten, Sle redigieren kein Feuilleton, urn

sich selbst anzupreisen; kurzum, em berUhmter Faiseur

von drUben wUrde auch von Ihnen sagen: ii n'est pas de

son temps! Cott sei Dank! wenn des Künstlers Werke nur

für alle Zeiten geschaffen sind!

Schliessen sie jedoch nicht aus dem oben Gesagten, dass

ich mit misanthropischem Buck die heutigen Kunstzustände

betrachte. Im Gegentheil, ich fände dieselben (in

Deutschland) höchst erfreulich, wenn nicht der Concertsaal

von der Wagner'schen Musik so arg bedroht ware!

Berlin und Köln (wohi auch München?) geben darin bose

Beispiele. MOge das Theater semen Unfug treiben! mögen

die Leute sich dort an den modernen Orchesteropern mit

obligatem Geschrei erfreuen, aber den Concertsaal, diesen

reinen, heren Tempel der Kunst, halte man frei von

soichem Humbug. Das Concert soilte keine Opernfragmente

dulden, schon deshaib, veil jede Fragmentierung an und

für sich schon eine unkUnstlerische That ist. Die Theatermusik

ist und bleibt eine Kunst zweiten Ranges, nicht

allein, well sle von zu vielem eltien Flitter umgeben

1st, die die Kunst erdrückt und erniedrigt, sondern weil

in ihr die gro$èn und hOchsten Kunstformen gar keine Anwendung

finden. Die grol3en deutschen Meister mOgen das

wohl instinctiv gefUhlt haben, sonst hätten sie nicht

alle, fast ohne Ausnahme, nur für Kirche und Concert geschaffen.

Em ClUck für Deutschland, dass es so ist,

denn gerade mitteist der Kirchen-Concert- und Kammermusik

hat sich Deutschland in der Musik die riesige Uberlegenhelt

über alle Natlonen erobert.

Aber ich merke, dass ich Mehi zur MUhle trage, und ich erzähle

Ihnen Dinge, die Sie viel besser vissen, wie ich

selbst.

I.. .1

In freundschaftlichster Verehrung Ihr ergebener

Th. Gouvy.


- 44 -

Henriette Bouvy, geb. Duchesne, die Schwägerin des Kornponisten

Theodor Gouvy, seit langem mit Fanny Rheinberger

befreundet, schreibt über Rheinberger's Montfort:

"Dieser einfache, edle Volkston - die tiefe, echte

deutsche, reine Gemuthsstimrnung, die Poesie, von dem

das ganze durchweht ist, wie wohl that es meinem Herzen

und - meinen Ohren! So sü2, so ungekunstelt, so

ureigen und sympathisch ist mir dieser Sang und Kiang!

In meinem Lobe ist der poetisch-sinnige Text mit inbegriffen!

Jetzt, da uns fast nur an modernen Werken geschraubtes,

gesuchtes, ledernes, unschönes, unechtes

geboten wird. Jedesmal, wenn ich die Bekanntschaft eines

Werkes Deines Mannes mache, in weicher Form es mir

auch erscheint, ist es wie eine Gabe des Himmels - in

Mitte all' des mittelrnal3igen, niedrigen Schundes! Danke

ihm und sage ihm, ich beneide ihn urn jene schönen Stunden,

da er das liebe, sül3e Werk geschaffen! Was Theodor

anbelangt theilt er hierin ganz meine Anschauung

und Urtheil! Er sah es vor seiner Abreise nach Paris

noch durch. Er instrurnentirt nun sein neues, grol3es

Chorwerk in Paris, wird die Festtage hier mit uns allen

verleben, urn dann wie jeden Winter semen Aufenthalt

in Leipzig, seiner Lieblingsstadt, zu nehmen. Er

dankt Euch herzljch für die freundschaftliche Intention,

Levi seine Symphonietta ernpfohlen zu haben, wird

selbst diesem gegenüber aber niemals rnehr einen Schritt

thun, urn aufgeführt zu werden. Ich kann ihm nur Recht

geben, denn Levi hat sich bei seinem letzten Aufenthalt

in München ganz wie em "gamin" gegen ihn, den älteren

Freund (?) und bewEhrten Componisten benommen; so

dass er sich zwar entschuldigte nachher und sagte: "Ich

will es wieder gut machen!" Ware ihm dies Wort von Herzen

gekommen (wenn er ems hEtte!), so hätte er lHngst

was von Theodor bringen mUssen und die beste Gelegenheit

wHre ihrn jetzt mit dieser neuen Symphonie geboten; also

wenn er es nicht aus sich thut und vorzieht, nach seiner

Meinung gröl3ere, bessere Werke eines unsterblichen Bruckner

C!), St. Saëns und Liszt und andrer Componisten zu

bringen, die eigentlich keine sind, so war seine Reue

eine LUge! Doch Ihr kennt ihn ja - wir grollen ihm


- 45 -

desshalb nicht! Theodor 1st zu generös und steht wirklich

staunenswerth über all' den Dingen! Nur ems hat er vor

Augen, em Streben, eine Liebe erfüllt ihn ganz, das 1st

seine herrliche Kunst und das Streben nach ihren höchsten

Idealen! Das macht mir ihn so werth und ist in unsrer Zeit

eine Seltenheit! Für ihn 1st das Ich, die Person Nebensache

- gerade was in unsrer Zeit Hauptsache geworden!

Drum fühlt er sich, wie auch ich, so zu Delnem Manne und

seinem Schaff en, zu Dir, die ja ems mit ihm in Denken und

Fühlen, so hingezogen."

Das "Münchener Fremdenblatt" vom 7. Dezember 1886 bringt

folgenden Bericht Uber das Kgl. Hof theater:

Die Oper in 4 AufzUgen von Jos. Rheinberger "Des Thürmers

Töchterlein" wurde gestern bei gut besetztem Hause neu

einstudirt gegeben. Die Oper war seit dem Jahre 1873 nicht

mehr aufgeführt und erfuhr damals nur wenige Wiederholungen.

Daran trug nicht die Rhelnberger'sche Musik und nicht

der Text die Hauptschuld, sondern die Geschmacksrlchtung

des Publikums. Es war die Zeit, in weicher der Enthusiasmus

für das Muslkdrama in volister Blüthe stand, und was

nicht von Richard Wagner stammte, war nicht beliebt. Auch

gestern mul3te sich die Oper die Anerkennung des Publikums

von Akt zu Akt erringen und wHhrend nach den ersten Aufzügen

der Beifall em geringer war, konnte nach den letzten

Aufzügen em schöner Erfoig konstatirt werden.

Die Komposition von Rheinberger ist reich an musikalisch

schönen Nummern, die aber zu sehr mit elner Genauigkeit

und elnem ängstlichen Fleit3 In der Ausarbeitung gefertigt

sind, als daB sie den Hörer im Moment fortreif3en zur Begeisterung.

Uberall finden wir in der musikalischen Illustrirung

em Eingehen auf Wort und Handlung des Textes,

doch dabei geht Rheinberger semen eigenen Weg und 1st

ebensoweit vorn modernen Musikdrama wie von den melodiösen

Opern der Italiener und Franzosen entfernt. Instrumentirung

sowie die Chore und Emsemblesätze bekunden stets die Melsterhand

des berUhmten Kontrapunktisten. Von einem packenden

Humor in der Musik ist nichts zu finden, wEhrend der


- 46 -

Text einige wirksame heitere Scenen aufweist.

Der Text behandeit em StUck der Mtinchener Stadtchr.onik:

Die Liebe des Goldschmied's Wildenbrandt zum Töchteriein

des StadtthUrmer's während des Schwedenkrieges. Wenn auch

Episoden einer Chronik für den Librettisten kein alizu

dankbarer Vorwurf sind und die gewöhnliche knappe Handlung

durch viel Nebensächiiches erweitert werden muf3, so

gebUhrt doch dem Bearbeiter des Textes, Hrn. Stahl, ailes

Lob. Die Gestalten des verliebten und furchtsamen Aktuarius

und seiner Base vertreten den Humor in einer bUhnenwirksamen

Weise und die sympathische Titelfigur sowie ihr

aufgeregter Liebhaber sind fertige BUhnengestaiten. Der

Kompositeur wie der Textdichter fordern von den Trägern

der Hauptroiien eine bedeutende Leistungsfähigkeit. Fri.

Herzog war eine vorzUgiiche "Gertrud". Die frische, ieicht

sich gebende Stiinme war für diese Partie wie geschaffen

und bestrickte durch den herziichen Vortrag den Hörer. Das

Spiel war wie der Gesang tref fend und lebhaft und nur dem

Dialog fehite oft die wUnschenswerthe NatUriichkeit. Hr.

Mikorey konnte ais "Wiidenbrande' seine herrlichen Mittel

und sein Können als Sanger urn so rnehr zeigen, ais er gut

disponirt war und mit Lust und Liebe seine Partie sang.

Ais Schauspieler sind seine Fortschritte nicht zu verkennen,

doch war er nicht jener feurige Geseiie, ais weicher

er irn Textbuche bezeichnet ist. Hr. Siehr gab den "Wurzel"

ohne jene natUrliche Kornik, die man erwarten rnuf. Die Gestalt

biieb steif und die kornisch wirkenden Scenen erschienenforcirt.

Auch der Gesangsvortrag des stirnmlich begabten

Bassisten litt unter einer merklichen Härte. Eine "Cordula"

you Energie und Leben war die treffliche Darsteiierin

Fr. Meysenheyrn. Was die Dame ais Sängerin bringt, ist

sicher und entspricht der Intention des Kompositeurs, aber

die Stimme steht mit der Schule nicht auf gieicher Höhe und

der Gesang entbehrt oft des erforderlichen Klanges. Hr.

Bausewein war em wackerer "ThUrmer" und Hr. Fuchs em wUrdevoiier

Reprsentant des "Schwedenkönigs". Auch die kleinen

Rolien waren gut besetzt. Die Chore, in denen Rheinberger

bedeutend 1st, lOsten ihre Aufgabe zur voiisten Zufriedenheit

des Pubiikums und das Orchester unter Leitung

des k. Hofkapelimeisters Hrn. Levi hieit sich wie irnmer

mustergiltig.


- 47 -

Nach SchluI3 der Vorstellung wurde auch der Kompositeur

geruf en, doch erschien er nicht vor der Rampe.

Der Auffuhrung wohnten Prinz Leopold mit Gemahlin, Prinzessin

Adalbert, Prinzessin Elvira, Prinz Aiphons und

Herzogin von Alencon an.

Am 17. Dezember 1886 berichtet Fanny nach Vaduz:

Ges tern war die Oper wieder, und zwar - da Levi erkrankt

war, unter Curts Direktion, weicher ohne Probe, und ohne

daJ3 er die Oper je din girt hat, dieses Wagstück übernahm.

Er war den ganzen Nachrnittag sehr nervös davon und

zitterte stark an den Händen als er fortfuhr. Ich hatte

mir einen Platz in der ersten Reihe genornrnen, urn recht

nab bei seinem Pult zu sein, und das Herz klopfte mir

stark, als er hinaufstieg. Aber schon die Ouverture ging

vortrefflich, wurde beklatscht, und da sowohi Orchester

als alle Sänger rnit grof3er Liebe bei ihrer Aufgabe waren

und ihr Bestes einsetz ten, so war die Aufführung fast

noch besser als die erste. Bisher war der Prinz - Regent

nur während des Oktoberfestes auf einen Akt im Theater

erschienen, gestern karn er bald nach Anfang und blieb

bis zum Schlusse, was aligernein auffiel. Alle Hoflogen

waren besetzt und trotz des Festes für den neuen Akademiedirektor

und eines Concertes irn Akadernischen Gesangverein

das Theater sehr gut besucht und die Theilnahme

gab sich nach jedem Akte kund. Meine Angst, Curts Husten

und Hand möchten durch das Dirigiren recht gereizt werden,

war grol3. Aber der Husten ist nicht schlirnrner; die

Hand thut zwar weh, aber hoffentlich wird es nicht bose

Folgen haben.

Mir klopfte anfänglich das Herz so stark, das ich rneinte,

es wolle mir zu den Schläfen hinausfahren; aber allrnähhg

beruhigte sich die Erregung und machte grol3er Freude

Ph atz.

Ich habe Dir diel3 Alles wahrheitsgetreu - wie selbstverständlich

- geschildert. 1st guter Wille da, so wird die

Oper am Repertoire bleiben und der berühmte Musikschrif tstehlerAjpbros

wird recht behalten, daB Text und Musik der

besten Aufnahrne werth sind.


- 48 -

Es 1st irnrner em beruhigendes Gefühl, daJ3 das Werk aus

sich selbst, ohne all die Decorationswirthschaft gut

ist. Ubrigens waren die von Maler Flüggen angegebenen

Costume vorzüglich und die einzelnen Scenen gaben sehr

schöne Bilder. Es ist wahrhaft schade, daB Du nicht anwesend

sein konntest.

Curt grül3t sehr herzlich, er hat soeben Besuch von italienischen

Nobiles, die ihm der Musikschrifts teller Hanslick

aus Wien anempfahl. -

Gute, gute Feiertage!-

Eure Fanny.

Der vorstehende Brief ist an Peter Rheinberger gerichtet,

mit dem Fanny damals in reger Korrespondenz stand,

die sich auf die Ausbildung von Egon, Peters Sohn,bezog.

Egon wurde damals in München von Prof. Wader zum Budhauer

ausgebildet. Rheinberger verfolgte die Studien

seines Neffen mit gro2em Interesse.

Am Jahresende Ubersandte Rheinberger seinem Bruder den

obligaten Glückwunschbrief:

Mein lieber David!

Vor allem wünsch ich Dir das Beste zu Deinem Namenstage

und zum neuen Jahr, auf da8 kein Schnupfen und Catarrh

Dein wUrdig Haupt verdUstere und Deinen Humor schmälere.

Dein Goldfüchslein habe ich in einem hübschen Portemonnaidem

Egon bei der Christbescheerung in Deinem Namen

überreicht. Hoffentlich wird er sich bei Dir schriftlich

bedanken. - Landesverweser von Hausen hat gestern einen

sehr freundlichen Brief an meine Frau geschrieben; er

scheint noch sehr an Liechtenstein zu hängen. Julius Maier

macht schon lange keinen Dienst mehr; er ist ganz Ruine.

Schafhäutl hingegen ist trotz seiner 84 Jahre frisch,

heiter und gesund. - Grü2e mir unsere Angehörigen im Halson

rouge. Die gestickte Decke der "Drei Schwestern" hat


- 49 -

Bewunderung erregt. -

Prof. Fritz Rohrer (aus Werdenberg) in ZUrich hat mir

wieder neue Gedichte geschickt; er 1st em sehr begabter

Dichter - wohi der beste Schweizerpoet der Gegenwart.

Nun lieber David! lebe wohi und beginne das neue

Jahr fröhlich - schreibe bald

Deinem Dich liebenden Bruder

J. Rh.

Mtinchen 27.12.86

Fanny ergänzt dazu:

Lieber David!

Die Weihnachtsfeyer am Hofe war heuer in der Kirche so

glänzend wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der Prinzregent

hatte die ganze Hofgesellschaft hinbefohien, alle (auch

Curt) mul3ten in Uniform erscheirien, die sonst so verlassenen

Residenzhöfe wirnmelten von Equipagen, hailten von

Pferdegestampf wieder. Es wurde eine grof3artige Messe

von Siciliani aufgeführt, weiche dereinst immer bei festlichen

Gelegenheiten in der Peterskirche zu Rom aufgeführt

wurde, so oft der Pabst das Hochamt hielt.

Curt hat die Strapatzen gut ausgehalten - und freut sich,

daJ3 heute der erste Tag seit den Ferien ist, an dem er

ganz frei hat. Das kleine Billard, weiches ich ihm schenkte,

macht ihm viel SpaJ3 - Es spannt das geistige Denken

ab. -

Rheinbergers Brief enthält am Ende eingeklebt em buntes

Bildchen vom "Hänschen-Klein", das mit Stock und Hut hereinspaziert.

Rheinberger schreibt dazu:

ttHier sieht Du, wie das neue Jahr anmarschirt kommt.

Was mag dieses Kindlein uns bescheeren."

Zunächst brachte das neue Jahr die Hiobsbotschaft, daB

Levi, wiederum erkrankt, Rheinbergers Oper erneut nicht

dirigieren konnte. Levi schrieb an den Komponisten:


$f=.& llittonnL=ijrnttr5

ünen, HttWo bcu 26. uuur 1887.

II

7. Ilorft. 1)111 3Jiiliies41Iioniirin. ii. flhith ioIt - . ç:.-'. ..-. e

ZMIt' rr'Z'r .ri

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9Ylaertel, .etr ol. 9)taiev,

.....,err om. :

djIier, üret nnb .err einri.

eitev, 91at81erren ,err 2inbner.

2inbenjernitt, ,ert tReifinet.

err töet,

.ietonrnu8 2l3urel, lRat8'

aftunriub ere ier.

- 50 -

Z(per in uier uiIen, fvei nad ran vautrnanu, üon Yta ta1.

9)luff Von jocp1j fleü,bcir9ev.

n scene 3efet born l. bte3ifleur .,errn Ju L

uon 1.rau lorbu1a, beffen afe . raie lefen(ern.

.err 13uc18. .inneri3, 2lc1ter auf bern

err toifer. f3eter8turrn . . : . . . nufewetn.

tlleetrub, jeine oter. . . Jr3u(ein

.eiaeit .2Bi!benbranbt,. llioLb

jrnieb . ........: .erv lDlifore,

Grftez- Jerr raucnborfer,

8meiter - ' ' - ' lert 2iebebfinb,

in 0enhjun3e,- in ererrneifter. olbaten bet

tabttnace. iirerEeute. *ebifd3e Cjjiieve nnb

o1baten. ãnbler unb änbIerinnen,

ie.anb[un9 Ipielt in Ulundien jut 6ai 1632

etbitcer ftnb u 50 q3f. an bet Mafle u Ijaben.

Preife bei .PIie:

inf3athtfj .. . . . 4j$( . 4K (gin nurnetirter aItonfi (I. lReiI)e) 5 jfo. 4 ........

(sin nurnerirter l8attonfi (II. 91eie) 4 i - 4 atterretep(a

4 .ht 50 4 Oaterie - -

4

3 £ 4

I £ 40 4

,jff 70 4

ie afe mirb urn b a I I' e b e u U1)r gebffnet.

!tufaug nut 7 Ur, ube uad J 11r

tetc tntrttt: JoIfc I. & II.

onuerfta ben 27, anuar: (rn Q, of unb 9tatioa1teater) (8. orfteUun in ate'2tbonnernent

bee thteitung I. ftatt 7. l8orfteuung bet 2thteitung II.) (2lolattb

Oebutt8ta9.) fle auOnTte, ier on lPlo3att.

tXuO bern lRebertoit.ntwurfe: reita9 28. (autl.) e8 1VZeere nub bee Uebe eUen. arn1tag 29. (tRel.

teieg im rieben. onntag 30. (.oft1.) annbitu fee. (8kf..V) bin 3kufftäbtee,

(ui'a1t1id beuvtnubt born Cperitpetjoual: çev*, 9lrnbaur. rau tfjóUev.

11uñfIjt t'orn t8aUetevjonaf:. ,1erv en3t.

er aufpteI.nfi3ient tllnton a en lat ben XVI. argau., be QItrnnnn* bee .

beater pro 1886 erau8e6eben, me(er an bee age8affe 3urn 3reije eon 1 6Jlar berfauft oirb.

er ejneliie 2iiieifler loflet 0 °f' nob 1niocr1it9tbbu8bruderej Don Pr. : tOnif &.oln.


- 51 -

Verehrter Herr College!

Es thut mir sehr leid, da8 ich abermals durch Unwohlsein

verhindert bin, das tTöchterleint zu dirigiren. Strauss

war gestern bei mir, sagte mir, er wolle das Werk ohne

Orchesterprobe dirigiren - dies halte ich aber, bei allem

Respekt vor seiner Courage und seinem Können, für

sehr gewagt; ich habe ihm dringend zugeredet, eine Orchesterproge

(morgen) anzusetzen, und heute eine Klavierprobe

abzuhalten.

Ich bin im Begriffe, auf 14 Tage nach Bozen (Gries) zu

reisen, hoffe dort meinen Husten zurUckzulassen.

Bitte mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen!

Schönen Grul3

25.1.87.

Ihr Levi.

Richard Strauss (1864-1949), seit 1886 3. Kapellmeister

(Hofmusikdirektor) in MUnchen, leitete dann die AuffUhrung

des Werkes am 26. Januar 1887.

Die "Neuesten Nachrichten" vom 28.2.1887 berichten Uber

em Konzert des Damen-Gesangvereins:

Der unter Leitung des k. Musikdirektor Herrn Richard

Strauss stehende Damen-Gesangverein gab am letzten Samstag

(26.2.1887) im Museumssaale em Konzert. Den Beschluss

des MusikabendsbildetenFrauenchöre von Rheinberger und

Stager. Das Konzert war gut besucht und das Publikum spendete

reichlichen Beifall.

Edmund Khym, Orgelvirtuose in Berlin, schreibt an Josef

Rheinberger:

Berlin, 14.1.87

Sehr geehrter Herr Professor!

Mit Gegenwärtigem beehre ich mich, Ihnen das Programm


- 52 -

meines 200. Orgelconcerts zu übersenden und zwar mit der

Bitte, dasselbe als Andenken und Erinnerung an dies merkwurdige

Ereignil3 aufbewahren zu wollen.

Als ich vor 2 Jahren Sie bat, mir Ihre Orgelcompositionen

speciell anzuführen, hatte ich die Absicht, sie wirklich

alle zu spielen und kennen zu lernen. Da2 dieses Vorhaben

zur Ausfuhrung schon jetzt gekommen 1st (wenn auch nicht

vollstandig), zeigen Ihnen die Ubrigen beifolgenden

Programme.

Bis jetzt habe ich gespielt:

Am 30. Oct. 1884 op. 88

11. Mai. 85 op. 132

6. Nov. 85 op. 65 u. 88

11. Mai. 86 op. 98

2. Nov. 86 op. 27

6. Dec. 86 op. 127.

(Wie aus den Programmen hervorgeht, ist jede Sonate youstEndig

gespielt).

Demnach bleiben nur noch op. 112, Fis moll, und op. 119,

Es moll, ubrig. Diese werde ich, so Gott will, auch noch

spielen, und dann Ihre Werke zum feststehenden Repertoire

machen.

Em Urtheil über Ihre Sonaten wird schon lEngst abgegeben

und Ihnen durchaus nichts Neues sein, trotzdem kann ich

aber nicht umhin, meinem ilberströmenden Herzen mit einigen

Worten Luft zu machen:

Hochgeehrter Herr Professor! Ihre Orgelcompositionen halte

ich für das Vorzüglichste, was auf diesem Gebiete in der

Neuzeit geschaffen. 1st; und dieses nicht allein - sie werden

gleich den gothischen Domen Bestand und Dauer für unabsehbare

Zeiten haben. Und warum? Well sie nicht bbs

gute, schöne, wohlklingende, gediegene Arbeiten - diese

PrEdikate genügen nicht - sondern weil sie das ErzeugniB

des absoluten Genies sind, bei denen aus jeder Zeile der

göttliche Funge hervorleuchtet. Kein Machwerk - nichts

Gesuchtes - nichts Krankhaftes - keine Effecthascherej;

wie em Gu8 steht bei natürlichem FluBe das Ganze da. Sie

haben das Meisterstück fertig gebracht, die classischen

Formen mit moderner Mebodie, modernem Schwung und Fühlen

zu verbinden, ohne sich auch nur urn einen Fingerbreit von


- 53 -

der WUrde der Orgelmusik und dem wahrhaft Schönen u entfernen.

Bei Ihnen dient in Wirkiichkeit der Contrapunkt

nur als Mittel zur Erreichung des Zwecks. Eine soich' gewaltige

Wirkung des Pedals ist mir auBer bei Bach noch

nirgends vorgekommen. Ich bin in Verlegenheit, zu sagen,

ob ich Ihre imponirenden polyphonen Sätze mehr bewundern

soil, oder die Innigkeit und den Schmelz Ihrer Adagios!

Wer die ersteren spielt, wird hingerissen von der Majestat

des Instruments und fUhit tief im Innersten: ja, die

Orgel ist doch die Konigin der Instrumente. Der Zauber

Ihrer Adagios 1st aber geradezu bestrickend. Aufjauchzen

möchte das Herz vor Wonne und sagen: Verweile süf3er Klang!

Glaubt man nicht oft Sphärenmusik, Engelsstimmen und em in

reiner Liebe gefuhrtes Zwiegespräch seliger Geister zu vernehmen?

Glücklich würde ich mich schätzen, wenn mir einmal em solches

Werk gewidmet würde.

I...'

Arthur Whiting, Pianist und Musiklehrer in Boston, schreibt

an semen Lehrer Josef Rheinberger:

My dear Sir

When I saw you for the last time in Munich, you asked me to

write you of my fortune, good or bad in America. I habe been

waiting for something of importance to happen, before complying

with your request, but as my life has been rather uneventful

since I left Germany, I will write to you such things

as have happened.

A year ago I gave a concert of my own compositions most of

which were written under your instruction; the criticisms from

the press and public were very flattering and I received plenty

of encouragement to continue my composition. I played the trio

on two other occasions in and about Boston as well as the piano

pieces.

InFebruaryof last year my overture was performed under my direction

at one of the Symphony Concerts; as we have a very fine

orchestra, it was very beautifully played.

Since my return I have not written as much as I wish I had; I


- 54 -

have not felt in the mood for composition all the time.

I have, however, turned out three piano pieces which

I send to you today, hoping that you will find them an

advance on my first work. I have also completed a piano

concerto in three movements which I hope to play myself

here next winter; I hope sometime to show you the score

and trust you will pronounce it creditable to yourself

as my teacher. I have found your precepts very practical

and valuable and consider it a very fortunate day when

I decided to go to Munick to study. I hope sincerely to

be in Munick, for a visit at least, within a few years.

Will you kindly remember me to be Frau Professor Rheinberger

as well as Prof. Abel and Prof. Bussmeyer, also

a 'tSchöne Gruss" to Prof. Giehrl and Thuille.

Hoping that I may soon hear from you I am,

Yours very sincerely

Arthur Whiting

123 St. Botoph St.

Boston Mass. U.S.A.

Jan. 1887

Tm Oktober 1886 hatte Rheinberger sein zweites Streichquartett,

op. 147 komponiert und dem Primarius des Kölner

Streichquartetts, Konzertmeister Robert Heckmann, gewidmet.

Heckmann, der im Februar 1887 in MUnchen konzertierte,

schrieb an Rheinberger:

Hochgeehrter Herr Hofkapellmeister Rheinberger!

Ubermüdet von Nachtreise muBte ich gestern auf beabsichtigten

Besuch bei Ihnen verzichten, hoffte aber, Sie im

Künstlerzimmer begrü2en und für Ubersandtes Quartett und

dadurch bestätigtes künstlerisches Vertrauen danken zu

können! Da dies fehlgeschlagen, mir aber durch eingelaufene

Correspondenzen die Zeit zum Besuchmachen heute

fehlt, zumal wir Nachmittags schon abreisen, so bitte ich

Sie, verehrter Herr, wenn moglich, gef. heute Vormittag,

12 Uhr, im Hotel Grünwald, Zimmer No.95 beim Durchspielen

Ihres Quartetts zugegen zu sein, damit wir Ihre Wünsche


- 55 -

und Intentionen sofort kennen lernen und bel Einstudirung

später beriicksichtigen können.

Ichbitte dem iberbringer Nachricht mitzugeben ob und

wann wir Sie erwarten dUrfen.

Hochachtungsvoll ergebenst

R. Heckmann.

München, 13.2.87

Die Urauffuhrung des Werkes fand am 6. April 1887 in

München statt und zwar, Uberraschenderweise, durch das

Benno-Walter-Quartett. Die Ailgemeine Zeitung voin 8.4.

1887 schreibt dazu:

Die Herren Walter, Thorns, Ziegler und Wihan boten in

ihrer dritten und letzten Quartett-Soire am Mittwoch

(6.4.1887) em besonders werthvolles Programm, das nicht

verfehlte, trotz des schönen Abends und der sich nun immer

mehr bemerkbar machenden Hitze in unseren Concertsälen.

Die Herren Walter, Thorns und Wihan spielten zuerst

das dritte (c-moll) jener drei Streichtrios, op. 9.

Der treff lichen AuffUhrung dieses noch ziemlich zahmen

Beethoven folgte die einer hochinteressanten Novität,

elnes Quartetts in F-dur für zwei Violinen, Bratsche und

Violoncell (op. 147, Manuscript) von Joseph Rheinberger,

das uns in mehrfacher Hinsicht Uberrascht hat. Auf einen

klaren und sogleich lebhaft anregenden ersten Satz, einem

AllegrettO,folgt nämlich als zweiter em Adagio von so

wunderbarer Klangmischung und so kUhnen Modulationen, dass

die Freude des Componisten, der sonst für einen Vertreter

herber Classicität gilt, Uber diese Concessionen an eine

sonst verfehmte moderne Richtung anfangs nicht wenig erstaunt

waren. Aber auch die Aengstlichsten mUssen sich

bald bei der sieghaf ten Ruhe und Sicherheit, mit der die

kühnen Tonfolgen sich ablösen und zu zwingender harinonischer

Wirkung aufbauen, und die bel Rheinberger auf der

felsenfesten Unterlage eines riesigen contrapunktischen

Wissens und Könnens ruht, beruhigt gefuhlt haben. Diesem

votn ersten bis zum letzten Ton durch den Ernst und die

Energie seiner Melodie fesselnden Satze folgt als dritter


'II"

- 56 -

MONCHEN.

Mittwoch, den 6. April 1887

im grossen Saale des Museums

Dritte und Ielzte

UARTETT.SO1

Benno Walter,

K. Concertmejster u. Prof. (1. Violine)

Hans Ziegler,

kgi. Hofmusiker (II. Violine),

unter gefalliger Mitwirkung der kgl. Kammermusiker Herren:

Franz Strauss, . Profssar Cr!st!an Jaycr Jot. Bat. SiIer Ferthnau ilarlillanu

(Horn). (EagoUj. (Contrabaas); (Clarinetto).

Ludw. van Beethoven.

op. 9. No. 3.

Josef Rheinberger.

Op. 147 (Manuscript).

Franz Schubert.

Op. 1.

Anton Thorns,

kgl. Kammermusiker (Bratacho),

Hans .Wihan,

kg1 Hofmuslker (Violence!!),

r

Cr I

EE

Trio in-Cinoll fur Violine, Bratscho mid VioIonclI.

a) Allegro eon spirito, b) Adagio, c) Scherzo Allegro

molto e vivace, d) Finale Presto.

artett in F-dur für zwei Violinen, Brat.sche und

Viotoncell.

a) Allegretto, b) Adagio, c) Tempo di Menuetto

IModenato), d) Introduction (Adagio non troppo),

Fuge (Allegro).

Ootett in F-dur für zwei Violinen, Bratache, Violoncell,

Contrabass, Clarinette, Fagott uiid Horn.

a) Adagio, Allegro, b) .kn4spte as poco mosso,

c) Scherzo Allegro vinie ) Andanta eon Vinezieni,

e) Menóetto AUegre*,, Andante unolto,

Allegro.

Bintrittaprela 2 M. 60 Pf.

ieee Kategorien, bel weleben bioher Preiaermhsigsng stattfsa

FUr die 1{erren Studireaden as der kgl. Usirersit&t, am Poivtecbnikum enS

Eluvea an 5cr kgl. Akademie der bildendea Kflnste and 5cr kgl. Musikachule

Mb. 2.

Mb. 1.50

Billete sind in den kgl. Hof-Musikalienhandlungen von Otto Haibrelter und

Jos. Aibi, sowie Abends an der Cassa zu haben.

Cassaeroffnuflg 1f7 Uhr.Antang 7 Uhr.--Ende nach 9 Uhr.

5. Mllhlth*I.r, C51. ll,,f-B,,b. nd Knn. ,,,k.ni, Mln.5..

)II,l,llII,I,lIIl

a


- 57 -

em frisch einsetzendes Menuett, das zum Schlusse des

vorhergehenden Satzes im wirksamsten Gegensatz steht.

Im vierten Satze vertieft sich der Componist mit sichtlicher

Lust in die schwierigsten Probleme der Fuge, die

der schöpferischen Kraft Rheinbergers seibstredend besonders

zusagen muss, und weiche die selbe brillante

Mache aufweist, wie das ganze Werk, welches das Auditorium

zu so anhaltemden Beifall hinriss, dass sich der

im Saale anwesende Componist wiederholt von seinem Sitze

dankend erheben musste. Unser treffliches Walter-Quartett

hatte sich mit der Auffiihrung des grosse Schwierigkeiten

bergenden Rheinbergerschen Werkes aber auch alle

Mühe gegeben, die sich denn nun belohnt f and.

Im April 1887 komponierte Rheinberger die 11. Orgelsonate

in d-moll, op. 148, die er Anfang Mai fertigstellte.

im Juni schlo2 sich daran die Suite für Orgel, Violine,

Violoncello und Streichorchester op. 149 an.

Dann trifft im Sommer des Jahres Fanny eine Verschlechterung

ihres Gesundheitszustandes. Mit völlig entstellten

Schriftztigen teilt sie ihrem Schwager David am 5.8.

1887 mit:

"Noch liege ich schwer krank an Geienkrheuniatismus, kaum

kann ich die Feder haiten. I.. .1 DieJ3 dauert seit Mitte

Juni, und noch kann ich auf keinem Fuf3e stehen! Mein

gröl3ter Trost ist, Curt in guter Luft zu wissen, denn er

war ganz abgearbeitet. Heif en könnte er mir doch nichts -

im Gegentheil habe ich so meine braven Dienstboten ganz

zu meiner Pfiege und Nachts eine barmherzige Schwester.

Curt soil nicht wissen, daB es mir noch so schiecht geht.

Sei vorsichtig, wenn Du ihm schreibst, sonst könnte er

die ihm so nothwendige Kur unterbrechen." I. . . /

Der Komponist war während dieser Zeit, wie alljährlich,

in Wildbad Kreuth, wo ihn seine Frau mit krampfhaft lustigen

Briefen im Sommerurlaub für 6 Wochen zu erheitern

suchte.


- 58 -

Peter Rheinberger in Liechtenstein erhält folgende Nach-

r ichten:

Mein lieber Bruder!

Seit 8 Tagen bin ich allein in Kreuth; so leid es mir

that, meine Frau allein und krank zurückzulassen, so

mufte ich mich in das Unabänderliche fugen. I..!

Deine liebe Familie, die ich herzlichst grü8e, ist hoffentlich

wohier, als meine - ich will an die letzten 5

Wochen denken - bin ich doch nervös ganz auf dem Hund.

Wie geht es David und Dir?

Hoffentlich helfen mir Molke, Ruhe und Bergiuft wieder

auf!

Nun lebe wohi! Dein Bruder

Jos. Rheinberger.

Bad Kreuth 25.7.87

Am 11.8.1887 meldet sich Rheinberger brief lich bei David:

Hem lieber Bruder!

Deinen Brief von Masescha habe ich gestern erhalten und

ersehe mit Vergnügen daraus, da8 ihr Alle wohl und munter

seid. Das Befinden meiner Frau bessert sich nur sehr

langsam - sie war eben schwer krank und kann gegenwHrtig

erst wenige Stunden auBer Bett zubringen. Die Schwiegermama,

welche ärztlich aufgegeben war, erholt sich glücklicherweise

verhältni2mHf3ig rasch, wenn man ihr hohes

Alter bedenkt. Mit meiner eigenen Gesundheit bin ich auch

nicht zufrieden: meine Nerwösität ist zeitweise sehr hochgradig

und merke ich, trotzdem ich seit 16. Juli hier bin,

keine entscheidende Besserung; auch die Kurzathmigkeit

bleibt sich gleich.

Alles in Allem wird mir der heurige Sommer trotz seines

herrlichen Wetters in trilber Erinnerung bleiben. Seit 14

Tagen ist die Kaiserin Elisabeth hier; auch Kaiser Franz

Josef kam auf 3tägigen Besuch; trotzdem 1st das Leben hier

sehr still. I...!

1st heuer etwas Fremdenverkehr in Vaduz? Im bayr. Hochiand

ist alles überfUllt; die Königsschlö2er sind der Hauptan-


ziehungspunkt. Ich denke so bis 20 - 25 des Monats hier

zu bleiben - was dann, weil3 ich noch nicht und hängt von

Fanny's Befinden ab.

Nun lebe wohi lieber Bruder und schreibe wieder gelegentlich

Deinem Bruder

Josef Rheiriberger.

Bad Kreuth 11.8.87

Fanny erholt sich nur langsam von ihrer Krankheit und erkärt

David unter dem 20.8. 1887:

Meine Besserung besteht darin, daI3 ich, wenn man mich

yam Fauteuil einmal aufgehoben hat, einige Schritte im

Zimmer auf und nieder wanken kann. Die Schmerzen stekken

noch in alien Gliedern.

Curt kommt Ende nächster Woche au.f em paar Tage zurück;

hoffentlich geht er dann nach Starnberg. Ich kann vorlàufig,

da ich noch keine Treppe steigen kann, nicht

an's Reisen denken; denn ich fühle mich zu matt,- bedarf

der Pflege und Hilfe beim Essen, Ankleiden, bei

All em.

Am 31. August 1887 schreibt Rheinberger aus MUnchen:

Mein lieber David!

Da elne halbe Ewigkeit verfiossen ist, seit ich Dir

geschrieben habe, so drHngt es mich, Dir em Lebenszeichen

zu Ubersenden. Ich bin seit gestern wieder in

München, nachdem ich, ieider allein, meine sechswöchentliche

Molkenkur in dem lieben Kreuth absolvirte.

Das Wetter war fast beispielios schön - unter 46 Tagen

nur 3 schlechte. Meine liebe Frau f and ich zwar

besser und au6er Bett, aber noch schwach und mit zeitweisen

Schmerzen, zum Gitick hat sich aber der voile

Appetitt eingestellt, und ich hoffe von Tag zu Tag,

daB sie an die freie Luft wird gebracht werden können.

Gottlob ist sie immer guten Humors und zeigt sich hie


- 60 -

rin starker, als es bei mir der Fail ware, wenn ich mich

in der Lage befände, einen ganzen schönen Sornrner irn Bette

zubringen zu mtissen.-

Meine Schwiegerinarna, die urn Mitte Juli vorn Arzt so gut

wie aufgegeben war, scheint sich zeitweise zu erholen,

wenigstens fand ich sie gestern etwas besser als darnais.

Aus Allern kannst Du entnehrnen, daB es em böser Sorniner

war, den wir durchgernacht haben. Ich denke noch einige

Tage an den Starnberger See zu gehen, leider wieder allein.

I...!

Kornrnen heuer viele Frernde nach Vaduz? Irn bayr. Hochiande

wimmelte es ordentlich von Frernden und Sornrnerfrischlern.-

auch konirnt das FuBwandern wieder sehr auf, und

beirn Bergsteigen wird das Herunterfallen förrnlich Mode.

Jul. Maier, der schon seit letztern Herbst in einem geistig

wie körperlich halbtodten Zustand war, ist den ganzen

Sommer in Planegg bei Starnberg - er wird dem Anschein

nach nicht rnehr genesen, während Prof. von Schafhäutel

trotz seiner 84 Jahre recht wacker 1st, und erst

dieser Tage em neues Buch Uber den Komponisten Abt Vogler

veröffentlichte. In Vaduz wird sich wohi wenig geändert

haben. 1st schon em neuer Hofkaplan ernannt? Von

Fanny und mir die besten GrUL3e an Peter und Farnilie, sowie

an den Eindsiedler David. Wenn du gelegentlich einmal

nichts zu thun hast, so schreibe Deinern Dich liebenden

Bruder

Josef Rheinberger.

Miinchen den 31.8.87

Fannys Zustand bessert sich mm Laufe des Herbstes, Anfang

Oktober greift sie zur Feder und schreibt in gewohnter

Manier an Peter in Vaduz:

München, 8.October 87

Mein lieber Schwa ger!

Ihr alle müf3t mir schon verzeihen, daB ich so lange sturnrn

war und Eure lieben Briefe unbeantwortet lieJ3. Ich war


- 61 -

Euch gewiss dankbar für Eure liebe Theilnahrne, allein es

stürmete so Vieles auf mich em in dieser Schreckenszeit,

daf3 mir gar of t die innere Ruhe fehite, urn mich gegen

meine Nächsten auszusprechen. Warum mir der liebe Gott

die schwerste Prüfung zu einer ohnedem qualvollen Krankheit

auferlegt hat, daB ich meine teure Mutter weder im

Leben noch ira Tode mehr sehen durfte, weil3 nur Er allein.

Er hat es so gefügt; aber Er hat mir auch die Kraft gegeben,

diese schreckliche Entsagung ohne Murren zu ertragen.

/. . / /Meine Mutter! wurde mit Blumen überschüttet, Ihre

Beerdigung war groi3artig (natürlich auch Curt zu Liebe) -

nun ruht sie! Einmal habe ich sie auf dem Friedhof besucht,

da man nahe zur Grabstàtte hingehen kann, aber ich

glaubte doch, ich rnüsse an Ihrem Erdhügel zusamrnenbrechen.

I.. . / Der Diener Mark hat mir sehr geholfen. Vor Allem als

ausgezeichneter Krankenwärter und jetzt als Verwalter meiner

Sachen. Allmälich zieht Ordnung em. -

Ich kann jetzt zur Noth Treppen steigen, habe aber an allen

Gelenken, an Elibogen und Schultern und Händen wie an

den Knien starke Schmerzen, besonders Nachts.

Curt ist Gott sei Dank wohi, nur leidet er schon wieder an

Husten. Die Kreutherluft hatte ihm so gut gethan gehabt. Mit

seiner Hand geht es ziemlich gut. I.. . /

Curt's Kunst rnacht uns immer nur Freude. Heute bringt die

Cölnerzeitung einen sehr rühmenden Aufsatz über sein neues

Streichquartett, welches mit grof3em Entzücken dort gehört

wurde. Auch hat er heuer wieder sehr gute Schüler:

Amerikaner, Griechen, Italiener. Alle suchen seine jetzt

sehr berühmt gewordene Schule. Mama's Tod hatte ihn sehr angegriffen

- jetzt wird er wieder heiterer.

Nun nochrnals Lebewohl und 1000 Grüi3e von Eurer getreuen

Fanny.


- 62 -

Robert Heckmann, Konzertmeister und Lelter eines Streichquartetts

in Köln, schreibt an Josef Rheinberger:

Köln, 4.Oct. 87.

Hochgeehrter Herr,

Meinem Vorhaben, Ihr Quartett schon in meiner ersten

hiesigen Soiree zu bringen, mu8te ich untreu werden in

Folge einer Ehrenpfllcht gegen elnen unlängst verstorbenen

lieben Freund, dessen Compositionen die Novitäten

meines ersten Programms bildeten. Inde1 hat das

Studium Ihres Quartetts uns gro2e Freude bereltet und

erwarte ich bestimmt, da2 das Publikum in unserer heutigen

2. Soiree es mit dem gleichen Wohlgefallen aufnimmt,

das es uns beim Spiel bereitet.

In MUnchen spielen wir zurn ersten Male Beethovens op.

130 in der ursprilnglichen Gestalt mit Fuge als Schluf3satz

und hinterher noch das nachcomponirte Finale. Dadurch

nimmt das Werk so viel Zeit weg, daf3 ich ihm nicht

em zweites ganzes Quartett als 2. Nummer folgen lassen

kann; und urn das Ihrige nicht zerstückeln zu mUssen,

habe ich rnich für 2 Sätze, und zwar die beiden effektvollsten,

aus dem Quartett von Gernsheim entschieden.

Leider konimen wir erst am Conzerttag Mittags in München

an und müssen den nächsten Morgen urn 7 wieder welter,

sodal3 ich auf das Vergnügen, Ihnen elnen Besuch zu

machen, verzichten muf3.

Ihnen nochmals herzlich dankend für das künstlerische

Vertrauen, das Sie mit Uberlassung Ihres Quartetts in

mich gesetzt haben, begrül3e ich Sie, auch irn Namen melner

Collegen.

Hochachtungsvoll ergebenst

Rbt. Heckmann.

Die Kö]rnische Zeitung vom 6. Oktober 1887 berichtet über

R.Heckmanns Zweite Soirée für Kammermusik mm Isabellen-

Saal des Gürzenich:

Durch em sehr genul3reiches Programm zeichnete sich der

zweite Kammermusikabend des Heckrnannschen Quartetts am

4. October aus, der durch em erst in Handschrift vor-


- 63 -

handenes Streichquartett in F-dur, 147. Werk, von Josef

Rheinberger eröffnet wurde. Dasselbe zeigt elne Geschicklichkelt

in der Bearbeitung der Motive und eine Sicherheit

in der Entwicklung des musicalischen Satzes, wie sie

bei den Neuern selten zu finden 1st. Die Erfindung begnUgt

sich weder mit dem NHchstliegenden, noch verletzt

sie durch Gesuchtheit und Schroffheit. Der Quartettstil

1st überall streng gewahrt und trägt der Natur jedes Instruments

die voliste Rechnung, sodal3 nicht allein der

Wohlklang Uberall gewahrt 1st, sondern auch manche elgentiimliche

und fesselnde Klangwirkung, so im Schlul3teil des

Adagios und im Trio des Menuets, erzeugt wird. Auch in

der Ausfeilung des Begleitwerks gibt sich erlesener Geschmack

kund. Während an Rheinberger eine bewuf3te und

gluckliche Nachahmung des classischen Stils festzustellen

war, liel3 der nachgelassene C-moll Quartettsatz von

Franz Schubert em bewul3tes Streben, diesen Stil zu erweitern,

erkennen. I... /

Heckmann machte sich urn die Verbreitung von Rheinberger's

Kammermusik in dieser Zeit verdient, und Rheinberger widmete

ihm sein op. 147. Heckmann bedankt sich mit folgenden

Zeilen:

Hochgeehrter Herr Prof. Rheinberger!

Von einer lHngeren Reise heimgekehrt, finde ich nicht

allein Herrn Leuckart's Sendung der gedruckten Partitur

und Stiminen Ihres mir so lieben und deshaib - wie Sie

vielleicht erfahren haben werden - von mir auch in England

mehrfach und mit gröt3tem Erfoig gespielten F-dur-Quartetts

op. 147, sondern auch Ihre frdl. Zeilen vom 22. Januar,

worm Sie in so ehrender Weise mir dieses Werk dediciren!

Haben Sie verbindlichsten Dank für dieses unschätzbare

Zeichen Ihrer Anerkennung für mein Wirken und Streben auf

dem Gebiet der Kammermusik.

Aus dein beifolgenden Exemplar meines gedruckten Repertoires

ersehen Sie, dal3 ich Ihr Quartett schon im vorigen Herbst in

dies Circular aufgenonimen hatte. Das nunmehrige Erscheinen

im Druck sowie die ehrende Dedication läf3t mich bei Revision

der soeben verbreiteten neuen'Auflage meines Repertoires


- 64 -

die Worte Manuscript streichen und dafür die Dedication

setzen, und historische Daten, zumal nach dieser Seite

auch bei den übrigen Nummern meines Repertoires 1. Auflage

viele Ungenauigkeiten und UnterlassungssUnden sich

eingeschlichen haben. Vielleicht kann ich Ihnen schon

morgen fertige II. Auflage senden. Einstweilen nehmen

Sie mit meinem aufrichtigen Dank und Exemplar I. Aufiage

fürlieb, wie solche auch nach Italien gegangen, wo ich

demnächst Ihr Quartett ebenf ails zu spielen gedenke und

es speziell den betr. Concertvorständen zur Wahl empf ohlen

habe.

Vielleicht komme ich auf dem Rückweg von Italien-österreich

Anfang April nach München, und wenn Sie glauben,

daB noch Aussicht auf finanziellen Erfolg zu der Zeit

(zu Ostern), so könnten wir 1 oder 2 Concerte in NUnchen

geben! Freilich, gegen 10. April! müssen wir schon

wieder auf Route nach England sein!

Vielleicht haben Sie die GUte, Ihre Bekannten-Kreise in

dieser Frage zu sondiren und mir zu sagen, wie die Stimmung?

Nit hochachtungsvollem GruB Ihr dankbar ergebener

Coin, 26.1.88

Rbt. Heckmann.

P.S. Ich wUnschte, daB mein von Schottland (Glasgow) nach

MUnchen tibergesiedelter und nun dort privatisirender, sehr

lieber und sehr musikalischer Freund Emil ClauB näher mit

Ihnen bekannt wtirde und werde mir daher erlauben, ihm meine

Karte zur "Einftihrung" bei Ihnen einzusenden.

Glauben Sie, daB eine NOglichkeit in Mtinchen, bel Hof zu

spielen ?

DaB wir am 21. Nov.87 auf telegrafische Berufung vor der

KOnigin von England gespielt (in deren schottischen Hochlands-Schlot3

"Balinoral Castle"), dUrfte Ihnen aus der Ztg.

bekannt em!

Ihre Ansicht tiber Obiges und event. Verwendung ware mir

von groBem Werth.

Ergbst. RH.

Auch in England ist durch Btilows Vorarbeit em groBes Interesse

für Rheinbergers Werke nachweisbar. Aus London


schreibt em Enthusiast:

- 65 -

Rheinberger House

Belsize Road N.W.

London, d. 7.10.87

Sehr geehrter Herr Hofkapellmeister.

Im Kreise einiger enthusiastischer Verehrer guter Kammermusik

haben uns Ihre werthvollen Compositionen, besonders

das berUhmte Clavier-Quartett sehr viele frohe,

genu2reiche Stunden bereitet. Wir haben uns daher in

dankbarer Verehrung erlaubt, bei kürzlich stattgehabter

Besitznahme eines neuen Häuschens dasselbe auf Ihren Namen

zu taufen und bitten urn Ihre nachträgliche Genehrnigung.

An mehreren Abenden der Woche versammein sich hier

nun in unserem Musikzlmmer einige musikalische gute Freunde,

gleich uns junge Leute zurn Streichquartett, Quintett

etc mit oder ohne Clavier und möchten wir nun gem auch

das Zimmer mit einem Bud von Ihnen geschmuckt sehen.

Leider ist es nun nicht rnöglich gewesen em soiches bier

zu bekommen und geht nun unsere Bitte an Sie dahin Ihren

Photographen zu beauftragen uns em soiches zu senden,

seibstredend auf unsere Kosten, besonders dankbar würden

wir Ihnen aber sein, wenn Sie das Bud mit Ihrem Narnenszug

versehen woilten.

Ich bitte Sie irn Namen meiner Freunde die Dreistigkeit

dieses Ansjnnens sowie die Ihnen verursachte Mühe zu entschuldigen

und sich unseres verbindlichsten Dankes versichert

zu halten.

Mit vorzuglicher Hochachtung und Verehrung Ihr ganz ergebener

C. Suckau.

Rheinberger tibersendet em Portrtfoto und erhält folgenden

Dankbrief:

London, 16.10.87.

Sehr geehrter Herr Hofkapellmeister!

Ihre liebenswürdigen Zeilen sowie das sie begleitende

Bildnil3 und die hUbsche Photographie Ihres Arbeits- und

Wohnzimmers babe ich im bestem Zustande ernpfangen und


- 66 -

sage Ihnen in meinem und meiner Freunde Namen den allerherzlichsten

Dank für die unsere kühnsten Hoffnungen weit

übertreffende munificente Erfüllung unseres unbescheidenen

Wunsches. Besonders die köstliche Idee, das Bud mit den

Anfangstacten Ihres herrlichen Quartetts zu begleiten, hat

uns Uberaus erfreut und können Sie versichert sein, dal3

wir die Photographie als den schönsten Schmuck unseres

Musikzimmers betrachten. Dankbar sind wir auch dem BudniB

weiches uns Ihre Bekanntschaft vermittelt und wir uns

dasselbe stets in aufrichtiger Verehrung an den liebenswlirdigen

Spender erinnern.

Hoffentlich 1st es uns auch einmal vergonnt, persOnlich das

Original begrUl3en zu können, was wir keinesfalls versäumen

werden, falls einer von uns einmal nach München kommen sollte.

Sollte Sie Ihr Weg dagegen über London führen, so hoffen

wir, werden Sie uns die Freude bereiten, unser bescheidenes

Tusculum zu Ihrer Verfügung stellen zu dürfen.

In dankbarer Verehrung und vorzilglicher Hochachtung Ihr ergebener

C. Suckau.

Eine Momentaufnahme aus dem Konzertleben der Kgl. Musikschule

dieser Jahre liefert Dr. Theodor Goring in der Augsburger

Abendzeitung vom 26.11.1887:

Die konigliche Musikschule veranstaltete letzten Montag

(21.11.87) im grossen Odeonssaale em Konzert zugunsten

des Stipendienfonds der Anstalt, in welchem von Mitgliedern

des LehrkOrpers unter Zuziehung der Orchester und

obersten Chorklasse eine Reihe von zum Theil hochbedeutenden

Tonstücken in durchaus vortrefflicher, mustergiltiger

Weise zur Aufführung gebracht wurde.

Nach einer, von Herrn L. Maier gut vorgetragenen Orgelfuge

(C-dur) von Joh. Seb. Bach, spielten die Herren M.

Hieber und Schwartz eine Violinsonate von Mozart, F-dur

(KOchel 376), eine der reizvollsten dieser Sonaten. Es

folgte dann em Konzert in c-moll für zwei Klaviere mit

Streichorchester von Joh. Seb. Bach. Das Konzert wurde

von den Herren Kellerinann und Thuille kraftvoll und mit

richtigem Ausdruck vorgetragen; ausnehmend gelungen war


- 67 -

die Begleitung des von Herrn Abel trefflich dirigierten

Orchesters. Der vokale Theil brachte Kompositionen für

gemischten Chor von K.v.Perf all und M. Zenger; von ersterem

zwei hübsche und frische vierstitnmige Chöre,"Gleichhelt"

und "0, lasst den König em", von letzterem em sehr

originelles fUnfstimmiges "Mailied" mit obligater Trompete

(von Herrn Meichelt virtuos geblasen), sämmtliche von dem

Publikum sehr beifällig aufgenommen. Einen Genuss der feinsten

Art gewahrte alsdann das im ?!ozart'schem Geiste komponierte

herrliche Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Fagott

und Horn Es-dur op. 16 von Beethoven. Herr Giehrl trug

den Kiavierpart mit vollendetem künstlerischem Geschmack

vor; die Maser , Herren Reichenbächer, Hartmann, Chr. Mayer

und Strauss, erwiesen sich sämmtlich als gediegene Meister

ihres Faches.

Den Schluss bildete J. Rheinberger's Konzert in F-dur für

Orgel, Streichorchester und 3 Homer, weiches vor drei Jahren

zum ersten Mal In einem Akademiekonzert aufgeführt wurde.

Dasselbe 1st, wle es die Natur des Instrumentes gewissermassen

fordert, in all semen drei Sätzen im strengen

kontrapunktischen Styl geschrieben und gehOrt unstreitig zu

den besten Werken des Komponisten, der ja hier auf seinem

eigensten Felde sich befindet. Die Prinzipalstitmne wurde

von Herrn O.Hieber meisterhaft vorgetragen, wodurch uns, namentlich

bei der im dritten Satz eingelegten Kadenz, auch

Gelegenheit geboten war, die VorzOge der neuen Orgel in lhrem

ganzen Umfang zu wurdigen. Bekanntlich war im Odeons-Saal bisher

em Werk aufgestellt, weiches dem Namen "Konlgin der Instrumente"

in sehr geringem Masse entsprach. Durch die nun dem

Gebrauch übergebene, von Herrn Merz, hier, gebaute neue Orgel

hat der, unsemn grossen Konzerten zu Gebote stehende Apparat

einen sehr erfreulichen Zuwachs erhalten.

Das Publikum hatte sich leider nlcht so zahireich eingefunderi,

als das schOne Programm erwarten hess; doch wurden sämtliche

Vorträge mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommen.

Während Rheinberger in MUnchen in seinem Wlrkungskreis an der

Kgl. Musikschule verbleibt und weiterhin als Kgl. Kapellmeister

für Kirchenmusik an der Allerheiligen-Hofkirche semen


- 68 -

Dienst versieht, treffen vor allem aus den Vereinigten

Staaten zahireiche Briefe seiner Schüler bei ihrn em,

die ihrem verehrten Kompositionslehrer von den Erfolgen

und Mi!3erfolgen ihrer Lebensschicksale berichten. Als

Beispiel für die zuweilen in arnerikanisch verbalihorntern

Deutsch abgefa6ten Schreiben sollen hier zwei Dokumente

von Arthur Gordon Weld (1862-1914), Dirigent

in Boston, angefuhrt werden, der 1887 (ohne Datum) an

Rheinberger schrieb:

102 Boyiston Street

Boston, Mass.

Sehr geehrter Herr Professor,

Wir sind endlich so weit mit unsere Einziehen hier im

Hause, dass ich einige Minuten habe, urn Ihnen unsere

Ankunft anzukündigen,. Wir haben eine sehr schlechte Uberfahrtgehabt,

16 Tagen mit eine Cyclone oder Wirbelwind,

welche eine ganze Woche dauerte und den Schiff sehr viel

Schaden that; beinahe alie Booten waren verloren, em

Mastbaum, viele Segel, Tauen, etc. Kurz, alles was Wind

und Wasser brechen konnte, war weg; und wir sehen wie

em Wrack aus, als wir in New York Haven ankarnen. Ich

war fiirchterlich seekrank, aber meine Frau und die Kinder

waren sehr munter die ganze Zeit. Endlich in New

York angekommen, rnusste ich zuerst die grosse Frage entscheiden,

ob ich dort bleiben oder hierher kommen solite,

und nach vielen Kopfzerbrechen habe ich endlich für Boston

entschieden, und es scheint, dass ich richtig gewHhlt

habe. Aber nachdem ich entschlossen hatte, kam

erst recht das allerschreck].jchste - nEmlich ich musste

zwei voile Wochen lang HEuser und Wohnungen ansehen, bis

ich etwas richtiges .finden konnte. Aber jetzt freut es

mich, dass ich nicht zu bald etwas nahm, da wir hier sehr

schön placirt sind; mit den Park uns gegenUber und in den

allerbesten Viertel.

Ich war schon in vielen Concerten, und nEmlich die Symphonie

Orchester 1st wirklich die gewaitigste Concert-

Orchester, das ich je gehört habe.

Vorige Woche spleite Herr BEhrmann im Syrnphonie-Concert

die Schumann Concert und errang eine von die grossartigste

Erfolge, das man seit sehr vieien Jahren in Boston


- 69 -

gesehen hat; er spielte es wirklich colossal schön. Und

was den Orchester selbst angelangt, es ist wirklich garnicht

zu beschreiben: die Prgcision der Streicher; und

die tadellose Reinheit der Bläser ist etwas, was ich

mich vorher kaum denken konnte; insofern ist Gericke

ganz famos; das heisst, als Disciplinariner, aber in

seiner Interpretation weicht er sehr oft weit von die

ailgemeine Tradition ab (nämlich mit Beethoven), und

das gefällt mir garnicht. Erwirdwahrscheinlich meine

Suite diesen Winter (nach Weihnachten) spielen; wenn

nicht moglich, sicher nächstes Jahr.

Petzitt war hier, hielt es aber nur wenige Wochen aus,

da er ungeduldig wurde, dass er nicht gleich eine Masse

Schtiler bekam und ist nach Minneapolis gegangen, wo er

eine Stellung auf drei Jahre in elne neubegrUndete Musikschule

angenotmnen hat. Hamer hat eine Orgeistellung

in eine kleine Provinzstadt nicht weit von Boston bekommen.

Whiting ist hier und es geht ihm jetzt sehr gut

und seine Sachen wurden ziemlich viel gespielt; aber

mit Parker scheint es sehr schlecht zu gehen. Ich habe

ihn gesehen in New York, und er scheint seine ganze Interesse

an Musik verloren zu haben; er hat eine sehr gute

Orgeistellung ($1500) und gibt viele Stunden, cornponirt

aber gar nicht, geht nicht in die Concerte und

scheint, wie gesagt, gar kein Interesse mehr zu haben;

bleibt lieber zu Hause und "spielt" mit seine Frau und

Kind. Seine "König Trojan" (eben von Van der Stucken

irn "Anierikanischen Concert" gegeben) hat in New York

nicht gefallen; man f and es monoton etc. und das schien

die letzten Stroh zu sein; er sagt, er will nicht mehr

schreiben etc.

Ich hoffe, Herr Professor, dass meinen langen Brief Ihnen

nicht gelangweilt hat; aber ich dachte, es würde

Ihnen dies alles interessiren. Wir beide schicken einen

sehr schönen Gru2 an die liebe Frau Professor.

Ihr sehr ergebener und dankbarer alter SchUler

Arthur Gordon Weld.

P.S. Die Frau Professor hat mir geschrieben, dass Sie

woilten so freundlich sein, mir elne Ernpfehlungs Brief

zusenden; es würde mich sehr helfen hier.


- 70 -

Arthur Weld

102 Boylston Street

Donnersttag. 19. 1. 88.

Sehr geehrter Herr Professor,

Ich danke Ihnen viel tausendmal für die Empfehlung, welche

zweifelsohne mir von sehr grosse NUtzen sein wird. Es

geht mir immer noch sehr gut hier. Ich habe schon eine

kleine Dirigenten-Stelle bekoimnen. Nämlich em Opernsänger

hier (Charles Adams, der sehr lange in Wiener Hofoper

war) hat eine sehr grosse sogenannte "Opera-School" und

jede Woche oder 10 Tage führt er mit seine Schüler elne

Oper auf - mit Chor und alles, und eine Orchester von 40

Mann zusainmengestelit und die Symphonie-Orchester, und

diese Stelle habe ich bekoinmen. Es gibt nur zwei Proben

jedesmal, und ich bekomme für die zwei Proben und Aufführung

100 Mark jedesmal, und (was mir viel rnehr Werth ist)

sehr viel Routine.

Die National Opera ist jetzt hier und ist im ganzen grossen

sehr gut, macht überall aber sehr schlechte Geschäfte

und steht wieder zum zweiten mal den Bankrot und Krach sehr

nahe. Neulich ist Lohengrin beinahe eine Stund spEt angefangen,

weil Chor und Orchester gar nichts machen woliten,

bis sie wenigstens etwa von ihren Wochengage bekamen, und

der Director musste flberall Geld borgen, urn das zu thun

und überhaupt anfangen zu können. Das ist sehr traurig,

nicht wahr? wenn man hier keine Oper aufrecht halten kann.

Ich danke Ihnen noch einmal für die Empfehlung und werde

mich erlauben, hier und da zu schreiben und alles erzhlen,

was hier vorgeht.

Ich habe eine Suite von 6 Tänzen: Bourre, Gavotte etc.

für Streichorchester gemacht.

Nit sehr sch6nem Gruss

Arthur G. Weld.

Bitten und Empfehlung häuf en sich, und Rheinberger 1st

auch stets urn das berufliche Fortkomrnen seiner ehemaligen

Schüler besorgt:


- 71 -

Henry Holden Huss (1862-1953), Komponist und Musiklehrer

in New York, schreibt an Rheinberger:

New York, 18.3.87.

Ceehrter Herr Prof. Rheinberger!

WHhrend ich so glUcklich war, Komposition unter Ihrer

meisterhaf ten Direktion zu studiren, war es mir nicht

mUglich, dein Klavier so viel Zeit zu widmen, als ich

wünschte, deswegen nach reifer tiberlegung glaube ich,

dass es für mich sehr vortheilhaft ware, wenn ich einige

Nonate mit Dr. Hans von Bülow studiren könnte.

Darf ich als Ihr ehemaliger Schtiler so frei sein, Sie

urn em paar Zeilen an Dr. von Bülow zu bitten?

Glauben Sie, dass es wahrscheinlich 1st, dass Dr. von

Billow mich als Schüler für kurze Zeit annehmen würde?

Im Fàlle ich es arrangiren könnte, Stunden von ihm

während des Sonuners zu nehmen, gedachte ich ungefahr

Ende Mal hinüber zu gehen. Wenn es Ihnen möglich ware,

vor meiner Abreise mir die genannten Zeilen zuzuschikken,

wUrde ich sehr dankbar sein.

Ich hoffe, nHchsten Winter in mehreren Konzerten aufzutreten

und selbst em Konzert von meinen elgenen Koinpositionen

zu geben. Herr Frank von der Stucken hat

mir versprochen, mein Fántasle-StUck für Kiavier und

Orchester in London in einem von den zwei Konzerten,

in welchem nur amerikanische Kompostionen aufgefuhrt

werden sollen, Ende Nal oder Anfang Juni zu geben. Mr.

William H. Sherwood, em ausgezeichneter Virtuose,

wird die Klavier-Partie übernehmen. Die Ballade "König

Trojan" von Herren Parker wird vielleicht von Herrn Van

der Stucken noch in dieser Saison hier in New-York in

elnem von sechs symphonischen Konzerten aufgefUhrt,

gleichfalls in elnern von diesen Konzerten gedenkt Herr

Van der Stucken eine Romanze für Streichorchester, drel

Homer und zwei Qboen von mir aufzuführen. "KOnig Trojan"

1st neulich in Providence, Rhode Island, unter

Herrn Jordan's Leitung gegeben.

Herr Arthur B. Whiting hat sein sehr gediegenes und edel

gehaltenes Klavierkonzert wahrscheinlich jetzt fertig.

Ich habe die trauriche Nachricht von ihm eben erhalten,

dass seine Schwester Frl. Whiting vor elnigen Tagen an


- 72 -

der Schwindsucht gestorben ist. Ich hoffe, dass Sie und

Ihre geehrte Frau sich bei guter Gesundheit befinden.

Die Studien Jahre, die ich bei Ihnen und die Herrn Professoren

Giebrl und Abel durchgemacht habe, halte ich

immer in dankbarer und angenehmer Erinnerung, und die

blosse Möglichkeit, dass ich München bald wiedersehen

könnte, macht mir grosse Freude.

Mit den besten Griissen von uns allen an Sie und Ihre

Frau Gemahlin bleibe ich Ihr ergebener

Henry Holden Huss.

Walter Petzet (1866-1941), Kiaviervirtuose und Musikschriftsteller

berichtet aus den USA an semen Lehrer:

Boston, 25.Sept.87.

Hochverehrter Herr Professor!

Obgleichich in New-York nochmals einen Brief aus Minneapolis

erhielt, der noch günstigere Bedingungen in Aussicht

stellte, lehnte ich doch definitiv ab, da ich mich

keinesfalls auf 3 Jahre binden wollte. Ich folgte dem

Rate des Herrn Lang, nach Boston zu gehen, und muss gestehen,

dass er sich meiner sehr freundlich annahm. Er

stelite mich einer Reihe von Musikern, Kritikern und andern

für mich wichtigen Personen vor, unter denen sich

besondern em Mr. Capen für mich interessirte, der auch

beiliegenden Artikel in eine der gelesensten Bostoner

Zeitungen setzte. Die Geschäftsführer von Chickering

stellten mir em Clavier frei zur Verfügung und boten

mir auch ihren Conzertsaal umsonst für einen Kiaviervortrag,

den ich in 2-3 Wochen zu geben beabsichtige, und

den ich jedenfalls mit Ihrem As-dur Konzerte beschlie-

8en werde. Für das Bostoner Conservatory of Music bin ich

sogar schon als Harmonielehrer engagirt worden, wozu jedenfalls

Ihre so sehr gütige Empfehlung das Meiste beigetragen

hat. 1st auch die Stellung vorlaufig nicht glänzend,

indem ich die Stunden einzeln bezahit erhalte und

erst einen Schüler habe, so ist mir doch damit em Anhaltspunkt

geboten und es steht mir natUrlich frei, Privatstunden

zu geben. Auch eine solche f and ich schon, und


73 -

ich erhalte 4 Dollars für die Stunde (im Conserv. nur

2 D.), was selbst für Amerika eine sehr gute Bezahiung

ist. Freilich muss ich von der jetzt erst anbrechenden

Saison das Meiste hoff en, denn meine 2 SchUler reichen

nicht hin, urn auch nur die Hälfte des hier sehr teuern

Lebensunterhaltes zu bestreiten.

Bel alledem bin ich aber sehr zufrieden, da ich bis jetzt

entschieden ClUck hatte. Auch mit dem Englischen geht

es sehr gut, und ich hätte nicht gedacht,dass ich mich

so schnell daran gewöhnen wUrde, obgleich ich schon in

MUnchen VorUbungen machte. Ich muss es fast fortwährend

sprechen, in meinem Hause versteht niemand deutsch, und

mir wurde schon mehrfach versichert, dass ich besser

spräche, als Deutsche, die jahrelang hier sind. Wenn

dies vielleicht auch etwas zu euphemistisch ist, lerne

ich doch täglich in Theorie und Praxis weiter und habe

mir in letzterer schon eine gewisse Unverfrorenheit angeeignet,

mit der ich mich oft in der kUhnsten Weise ausdrUcke.

Doch man versteht mich, und ich gebe morgen die

erste englische Harmoniestunde, das ist die Hauptsache.

Meine Reise war wundervoll. Hatte ich schon in Deutschland

ausser der Rheinfahrt die Stdte Frankfurt, Bonn

(natUrlich Beethovens Geburtshaus und Schumanns Grab)

gesehen und Coin zu bewundern Gelegenheit gehabt, so

verdient doch die Seefahrt als Krone des Ganzen genannt

zu werden. Obglelch wir meist stUrmisches Wetter hatten

und sogar einmal von elnem Hurricane heimgesucht wurden,

der arge Verwirrung verursachte, war ich garnicht

seekrank und immer an Deck, urn die gebotenen NaturgenUsse

ordentlich auszukosten.

In New-York wurde ich von Huss aufs liebenswUrdigste

empfangen und musste auch einige Tage bei ihm wohnen.

Schon im Hafen begrUsste er mich und opferte die ganzen

nächsten Tage mir, urn mir die Herrlichkeiten des allerdings

grossartigen New-York zu zeigen.

Auch bel Parkhursts war ich mehrmals, Parker sprach ich

einmal auf der Strasse und seine junge Frau besuchte ich

mit Huss. Heute vor 14 Tagen verbrachte ich den Sonntag

in Philadelphia mit einem Onkel, den ich 17 Jahre nicht

gesehen hatte. Seit 13.d.M. bin ich hier und fand von

aiten Bekannten Herrn Whiting vor, der kaum 3 Minuten


- 74 -

entfernt von mir wohnt. Gestern besuchte ich auch einen

andern frtiheren Schüler, Herrn Chadwick, der sich eines

bedeutenden Ansehens unter den hiesigen Musikern erfreut.

Jetzt habe ich Ihnen aber schon so lange vorgeplaudert

und mich noch garnicht nach Ihrem und Ihrer Frau Gemahun

Wohlergehen erkundigt. Ich hoffe, dass Kreuth auch

diesmal seine heilbringende Wirkung geUbt hat und dass

Ihre hochverehrte Frau Gemahlin auf dem Wege der Besserung,

auf welchem ich sie glücklicherweise das letzte

Mal, als ich das GlUck und die Ehre hatte, von ihr empfangen

zu werden, schon antraf, nun so rüstig fortgeschritten

ist, dass ihr Befinden schon längst nicht mehr

das Geringste zu wUnschen übrig lässt. Ich würde mich aul3erordentlich

freuen, dies zu hören, und bitte Sie ergebenst,

ihr meine besten Empfehlungen zu FUl3en zu legen.

Vielleicht haben Sie, verehrter Herr Professor, auch die

Güte, mich den Herren Professoren Abel und Hiehrl, an die

ich auch in nächster Zeit schreiben will, gelegentlich zu

empfehlen.

Indem ich Sie bitte, mir auch in der Ferne das gUtige

Wohlwollen, dessen Besitz mich so glücklich macht, bewahren

zu wollen, verbleibe ich stets

Ihr dankbar ergebener

Walter Petzet,

care of Mrs. Warren

469 Colubus Ave.

Boston, Mass.. -


- 75 -

Am 1. Dezember 1887 schrieb Rheinberger u.a. an semen

Bruder David:

Wir sind verhältniBmäl3ig wohi, d.h. es dürfte noch besser

gehen. Factum 1st, da2 meine Frau nur durch Anwendung von

Magnetismus und Massage wiederhergestelit wurde, nachdem

sich die Allopathie als ganz wirkungslos erwies; zur

Festigung der Gesundheit wird sie wohi im Friihjahr wieder

nach Wildbad Kreuth gehen miissen. - Meine Hand ist ziemlich

gut, - ganz gesund wird sie kaum mehr werden; ich

mu eben so zufrieden sein, es hätte viel schlimmer werden

können. -

MIt dem Schriftsteller Franz Trautmann habe ich melnen

besten Freund in München verloren, ja ich glaube, er wird

mir unersetzlich bleiben. -

Julius Maier 1st pensionirt, scheint häufige SchiaganfHlle

zu haben; eine Konversation mit ihm 1st seiner lallenden

Sprache wegen kaum mehr möglich. Schafhäutl bef indet

sich wohi und munter. Egon war letzten Sainstag zu Tisch

bei uns; er scheint viel zu thun zu haben, befindet sich

aber wohi dabei. -

Das Veteranenheft war eine ganz hUbsche Idee. -

Morgen am 2. Dezember wählt die Franz:t'Republik" em neues

Oberhaupt. Das kann nett werden!

Adieux! chèr David! Du ältester des Hauses derer vom Rheinberg,

gehabe Dich wohi, - vermelde GrUl3e ins rothe Haus und

htfte Dich vor Catharrh und Schnupfen. Dein Dich liebender

Bruder

J. Rheinberger.

München 1.12.87

Zu Beginn des neuen Jahres 1888 schreibt Hugo Riemann

(1849-1919), der von 1881 bis 1890 Lehrer am Konservatorium

in Hamburg war, an Josef Rheinberger:


- 76 -

Hochgeehrter Herr Professor!

Indem ich mir erlaube, Ihnen zum Neuen Jahr die besten

WUnsche darzubringen, möchte ich mich zugleich wieder

einmal bei Ihnen in Erinnerung bringen.

Es war anno 1879 im Herbst, wo ich einige Wochen auf

der MUnchener Bibliothek arbeitete und mich zugleich

der Hoffnung hingab, dort em dauerndes Heim zu f inden.

Heute möchte ich mich nun von neuem im gleichen

Sinn nielden, d.h. wenn Sie einmal eine Vakanz haben,

so bin ich bereit, nach MUnchen zu kommen, da mich nach

Wiederaufnahme akademischer Carire verlangt. Die gro6artige

dortige musikalische Bibliothek lockt mich ganz

besonders.

Hoffentlich haben mich die mancherlei neuen Gedanken,

die ich besonders auf rhythmischemGebiet aufgestellt,

nicht bei Ihnen in den Geruch eines schrecklichen Urnstürzlers

gebracht, wovon ich nämlich beinahe das Gegentheil

bin, nHrnlich em fast exciusiver Vertreter unsrer

Kiassiker.

Ich fürchte, Sie nHhrnen es als plumpe Schrneichelei auf,

wenn ich meiner Verehrung Ihrer künstlerischen Eigenart

bier Ausdruck gebe und ziehe es daher vor, Sie auf

mein Lexikon zu verweisen.

Bekannt genug babe ich mich in letzter Zeit gemacht, ob

vortheilhaft, bleibt vielleicht abzuwarten.

Also, wenn Sie mich eines Tages soilten brauchen können,

so würde ich keine unerschwinglichen Bedingungen stellen

(4500 Mark). Darnit halte ich mich Ihnen bestens ernpfohlen.

Nit der Versicherung spezieller Hochachtung ganz

ergebenst

Dr. Hugo Riemann.

Rheinbergers Antwort ist verschollen. Anscheinend empfahl

er Riernann die Möglichkeit der Nachfolge von Julius

Joseph Maier, der 1857-1887, wo er in den Ruhestand trat,

Konservator der Musikabteilung der Kgl. Hof-Bibliothek

in Nünchen (heute Bayerische Staatsbibliothek) war.

Riernann schreibt auf seiner Visitenkarte:


- 77 -

Sehr geehrter Herr Professor!

Vielen Dank für Ihre freundliche Auskunft; ich habe

doch grol3e Lust, Nachfolger des Herrn Maier zu werden

und habe deshaib Herrn Dr. Laubmann geschrieben. Bin

ich erst dort und gelingt es mir weiter und besser,

das Interesse der Musiker durch meine Arbeiten zu gewinnen,

so findet sich vielleicht auch noch einrnal

eine kleine Nebenanstellung an der Kgl. Musikschule

für mich.

Nit ergebenstem Dank Ihr Sie hochachtender

Riemann.

Johann Georg Herzog trägt seinem Freund Rheinberger

folgende Bitte vor:

Erlangen, den 23.4.88

Hochverehrter Freund!

Es kommen eigene Erscheinungen in der Welt vor. Ich

bin heute in der Lage, von einern ehemaligen Schüler

em Zeugni8 beanspruchen zu mUssen. Es fällt mir aber

schon insofern recht leicht, als der ehernalige SchUler

"gröf3er 1st als sein Meister." Ich habe Dir jUngst

in MUnchen erzEhlt, dat3 ich urn meinen dauernden Ruhestand

eingegeben habe und die Sache am Cultusministerium

liege. Gestern hat der Minister die Sache zurückgeschickt

mit dem Bemerken, da2 zu dem ärztlichen

Zeugnia auch noch zwei Begutachtungen von Fachmännern

zu erholen seien, indem diet3 durch einen unumganglichen

Paragraphen der Verfassungsurkunde vorgeschrieben

sei.

Herr Universitätsprof. Dr. J. Muller, auch em tüchtiger

Musiker, hat nun seinerseits diese Pflicht erfUilt.

Ich bitte Dich, diese Erklärung mit zu unterschreiben

und ganz kurz em paar Worte über meine langjährlge

Thatigkeit beizufUgen.

Ich bin am 6. Sept. 1822 geboren, seit meinem 19. Jahr

in Thätigkeit und zhle jetzt nahezu 46 Dienstjahre,

von welchen leider nur die hier zugebrachten 34 Jahre


- 78 -

pragmatisch sind, soda8 ich trotz der langen Zeit 1/10

meines Gehaltes, sowie den Zuschu8 an Wohnungsgeld verlieren

mu2. Es muf, wie Dr. J. Muller gethan, gesagt

werden, da$ ich wegen SchwEchung der Nerven, Abnahme

des Gehörs und rheumatischer Beschwerden an den Händen

au2er Stand sei, den langjahrigen schwierigen Beruf des

Unterrichtes dauernd mehr zu verrichten. Dukannst aber

auch es ganz kurz machen, indem Du sagst: der Unterzeichnete

ist mit obiger Erklärung nach eigener Beobachtung

voilkommen einverstanden - und kannst als Sachverständiger

noch em paar Worte über mein Musikstreben, wenn

auch nur während meiner Münchener Zeit, beifUgen. Thue

mir also den Gefallen. Die Sache pressirt freilich. Einen

hiesigen Musikverständigen unter den Organisten und

Musiklehrern möchte ich nicht auffordern. Es sind die8

lauter Lehrer der Volksschule, denen ich eigentlich nicht

näher getreten und die sich in ihrem SchulmeisterdUnkel

auf dieses Ansuchen mehr einbilden wlirden, als nöthig

ware. H. Professor und Canzler haben mir deshaib selbst

den Rath gegeben, eine auswärthige bekannte Persönlichkeit

darum zu ersuchen.

Wenn mich Gott 100 Jahre und darüber erleben lä8t, kann

ich Dir vielleicht noch elnen Hhnlichen Gefallen erweisen.

Mit herzlichen GrU8en an Dich und Deine hochverehrte

Frau Dein alter Schulmeister u. treuer Freund

Herzog.

Die mitfolgenden Papiere sende gefälligst mit zurück.

Der Streit um die "wahre Kirchenmusik" schiug damals

tiefe Wunden und bereits am 20.3. 1887 hatte die Allgemeine

Zeitung MUnchen berichtet:

Bel Gelegenheit der Berathung des Cultus-Budgets in

der Bayerischen Abgeordnetenkammer wurde auch die kirchenmusikalische

Frage aufgeworfen und lebhaft darüber

debattiert. Die Gegner geriethen hart aneinander, und

noch heute stehen sich die Parteien des Cäcilienvereins


- 79 -

und die Anhnger einer freieren Rlchtung schroff gegenüber.

Professor Dr. von Schafhäutl, der Verfasser unten

genannter Schrift, damals vom Cultusminister Dr. von

Lutz zur Abgabe elnes Gutachtens aufgefordert, vonden

Cäcilienverelnen ziemlich unsanft befehdet, glbt in einer

soeben erschienenen Abhandlung /Karl Franz Emil v.

Schafhäutl: Em Spaziergang durch die liturgische Musikgeschichte

der katholischen Kirche. Trost und Stärkung

für alle Katholiken, die keine Cäcilianer sind. Mit 4

Notentafein und 1 Titelbild. Fortsetzung und Erweiterung

seiner Schrift: Der echte Gregorianische Choral (1869).

München 1887 (Lindauer)./ seinem Standpunkt entschiedenen

Ausdruck und basiert dabei auf die Daten der Geschichte

und die reichen Erfahrungen seines langen Lebens

und auf fleissige Studien. Prof. v. Schafhäutl will eine

frei lebende und wirkende Kunst in der Kirche und fusst

mit selner Forderung auth auf dem Erlass der hell. Congregation

der Riten über Kirchenmusik, lautend: "Die Kirchenkompositionen

von Haydn, die Messen von Mozart, Cherubini

u.a. sind ausgezeichnete ernste Kompositionen und

stehen fern von jeder Kritik, als wären sie der Heiligkeit

der Kirchennicht angemessen. Um Widersprüche zu vermeiden,

soilte man sich enthalten, die Componisten (der

jetzigen Zeit) zu tadeln, und sie Im Gegentheil höflich

aufmuntern, den Stil der Meisterwerke, die wir besitzen,

nachzuahmen." Jeder Leser, der musikfreundlich gesinnt

und mit objektiver Ruhe dem Autor zu folgen vermag, wird

in dem Buche angenehme Anregung und Belehrung finden, und

dessen LectUre ist namentlich jungen Klerikern und Laien

anzuempfehlen; Laien, welche für den Gegenstand nur einiges

Interesse haben, werden von dem Buch nicht ohne Nutzen

Kenntnis nehmen.

Johann Gustav Eduard Stehie (1839-1915), der Herausgeber

der Kirchenmuslkalischen Zeitschrift "Der Chorwächter"

in St. Gallen, trat damals mit Rheinberger in Verbindung.

Rheinberger schreibt:


- 80 -

Sehr geehrter Herr Collega!

Besten Dank für die übersandte Zeitung. Es freut mich,

Ihren freundlichen Gruf damit beantworten zu können,

daf ich von den Lehrern Ihres Hrn. Sohnes nur Gutes

über den Gang seiner Studien höre.

Mit bestem Gruf3 in Eile Ihr ergebener Rheinberger.

München 2.5.88.

Stehie antwortet:

Hochgeehrter Herr!

Verspätet, aber herzlich danke ich für Ihre so freundliche

Zuschrift, deren Inhalt mich sehr erfreut hat. Eine

grö2ere Besprechung Ihres prächtigen opus 151, das ich mit

dem Domchor aufführen werde, folgt in nächster Nummer 6

des ChorwHchters (Juninummer) und werde ich Ihnen selbe

sofort nach Erscheinen zusenden.

Ich repetire an Pfingsten eine Orchester-Messe (Manuscript)

von Selmar Bagge, die ich an Ostern erstesmal aufgeführt

habe. Da ich meinen Sohn hiebei nothwendig an der

Orgel brauche (das Streichquartett ist zu dunn), so bitte

ich, ihm über die Pfingstferien gUtigst Urlaub zu gestatten,

Dienstag oder spätestens Mittwoch kann er wieder emrücken.

Hochachtungsvollst ergebst.

Stehie.

/Die Besprechung Stehies befindet sich im Anhang!

Rheinberger ist offensichtlich von Stehies Besprechung angetan

und entgegnet:

Sehr geehrter Herr Collega!

Besten Dank für die freundliche Ubersendung Ihres Blattes

und die darin enthaltene Besprechung meiner G-dur Messe.

Wenn Sie auch dem in jeder Hinsicht bescheidenen Werkchen

zuviel Lob spenden, so freut mich am meisten die Entschiedenheit,

mit weicher Sie sich gegen jene Richtung des

CHcilienvereins wenden, die jedem wahren Künstler zum Ekel


- 81 -

geworden 1st, - weiche Gottschalg in der "Urania" mit

Recht die "orthodoxe breite Bettelsuppe" nennt.

Mit wiederholtem Danke für die von Ihnen als einem von

mir verehrten KUnstier geäuf3erten Urtheile verbleibe

ich mit

hochachtungsvol lem Grute

Ihr Josef Rheinberger.

München 27.5.88.

In der Zweiten Beilage zur "Ailgemeinen Zeitung",MUnchen,

Nr.12 vom 12.1.1888 ist folgende Rezension über

die Münchener ErstauffUhrung von Rheinberger's op. 145

zu lesen:

Der Münchener Oratorien-Verein gab am Montag, den 9.

d. im Odeon sein 100. Concert seit seinem Bestehen.

Zur Feler dieses Tages war die glUckliche Idee zur AusfUhrung

gekommen, auf das Programm ausschliesslich nur

Compositionen der vier Dirigenten zu setzen, weiche bis

jetzt an der Spitze des Vereins gestanden.

Den Zenger'schen Chören folgte "Montfort", eine Rhein-

Sage von F.v.Hoffnaass, componiert für Soli, Chor und

Orchester von Joseph Rheinberger. Dieses grössere Chorwerk,

op. 145, gehört zu den jüngsten Compositionen

Rheinberger's, 1st jedoch bereits in mehreren deutschen

Städten, ja selbst schon in Amerika (in der englischen

Ubersetzung von Mrs. John P. Morgan) - merkwürdigerweise

nur in MUnchen, wo es von Rechtswegen zuerst hätte

aufgefuhrt werden müssen, noch nicht - zur Aufführung

gelang. Der Stoff, weicher auf den Familienzwist der

Montfort und Greiffenstein und eine versöhnende Liebesgeschichte

aufgebaut ist, 1st äussert glUcklich gewählt,

denn in seiner vorzugsweise balladenhaft-lyrischen Anlage

und dem Hereinragen des religiösen, sagen- und zauberhaf

ten Elementes kommt er sowohi den Anlagen der Dichterm

, ala auch jenen ihres Catten, des Componisten,

entgegen. Ineinigen, lose aneinandergereihten Scenen wissen

uns beide in Worten und Tönen em Bild zartester und

doch wieder kräftigster Romantik zu entrollen.


- 82 -

Unter vielem Schönen heben wir den Dialog zwischen der

"fremden Frau" und Blanca, einen Spinnchor, die Ballade

"Das wilde Schloss", das Tenorsolo Waldo Greiffensteins,

den prHchtigen, auf eine alte Kirchenmelodie (Caducitas

tu hujus mundi) aufgebauten Chor der Waldschwestern und

die kraftige Declamation der Ballade Blanca's hervor.

Letztere wurde von Frau Schöller mit grosser Wärme und

Bestimmtheit gesungen, die "fremde Frau" war mit Frl.

Blank, die kleine Basspartie mit Hrn. Fuchs entsprechend

besetzt. Die dankbaren Soli des Greiffenstein trug Hr.

Mikorey mit ausserordentlicher Verve vor.

Uber Rheinberger's Gesundheitszustand schreibt Fanny unter

dem 4. April 1888 nach Vaduz:

"Curt war sehr angestrengt in der Charwoche, er hustet

viel und die Hand schmerzt ihn auch - aber jetzt erholt

er sich allmäiig - es kommt jetzt für in die leichtere

Jahreshälfte."

Rheinberger hatte im Juni 1887 eine "Suite für Orgel,

Violine, Violoncello und Streichorchester", op. 149,

komponiert und im September 1887 "Sechs Stücke für Violine

und Orgel, op. 150, angeschlossen.

Alexander Wilhelm Gottschalg (1827-1908), Hoforganist

in Weimar und Musikredakteur der Zeitschrift "Urania"

und "Chorgesang", schrieb damals an Rheinberger:

Hochverehrter Herr und Meister!

Durch die gUtige Uebersendung Ihrer ganz vortreff lichen

Originalsatze für Violine und Orgel op. 150 haben Sie

mir eine grosse, unerwartete Freude gemacht. Tausend

herzlichen Dank dafür.

Bisher musste man sich in dieser Beziehung meist mit bbssen

Arrangements behelfen; ich selbst habe davon einige


- 83 -

t'verbrechen"mUssen. Durch Ihre prachtigen Stticke 1st

wirklich einern fühlbaren Nangel abgeholfen worden. Und

wie köstlich und elgenartig ist jedes dieser hochwerthen

Stücke! Dass ich dieselben bestens propagieren werde,

brauche ich wohi kaum zu bemerken. Die Urania, der Chorgesang

und der weltverbreitete pädagogische Jahresbericht,

dessen musikalische Abtheilung ich redigire, sollen

von meiner warmen Sympathie Kunde geben. Ich selbst

hoffe, Einiges davon mit meinern Freunde Konzertmeister

Kömpel alihier im Laufe der Zeit öffentllch vorzuführen.

Das Studlum Ihrer wunderbar schönen "Elfen" macht mir

unnennbare künstlerische Freude.

In grösster Verehrung

Ihr dankbar ergebener

A.W. Gottschalg.

Weirnar, d.13.4.88.

Walter Petzet schreibt an semen Lehrer Rheinberger:

Minneapolis, Minn. 2.März 1888.

Northwestern Conservatory of Music

Hochverehrter Herr Professor!

Gestatten Sie mir, zu Ihrem Geburts- und Namensfeste melne

herzlichsten und ergebensten GlUckwünsche darzubringen,

und lassen Sie mich nochmals der Freude Ausdruck

geben, weiche mir Ihr liebenswürdiger Brief bereitet hat,

für den ich meinen besten Dank wiederhole. Wir werden am

17. hier das beabsichtlgte "Rheinberger-Conzert" haben;

leider kann ich noch kein Programm beilegen, doch wird

dasselbe spater folgen. Meinen wärmsten Wünschen für Ihr

neues Lebensjahr erlaube ich mir den bescheidenen für mich

anzufUgen, dass Sie das mir bisher geschenkte Wohlwollen

auch fernerhin bewahren rnögen.

Koirnnt es mir jetzt doch oft vor, als ob Ich erst jetzt

den Unterricht, den ich bei Ihnen so lange Jahre genossen,

recht wilrdigen könnte und jetzt erst reif genug sel,

urn Ihren Contrapunktstunden völlig folgen zu können! Wie

freue ich mich darauf, Ihnen nächstes Jahr einige neue


- 84 -

Sachen vorzulegen! Vorlaufig bemühe ich mich, dieselben

nach den von Ihnen gelehrten Principien der musicalischen

Noblesse und Solidität auszuarbeiten, wie denn uberhaupt

mein ganzes Streben dahin geht, dass mein Name einst mit

Ehren unter den deutschen Künstlern genannt werden möge,

NB! den deutschen und nicht den americanischen, denn auf

diese pfeife ich. Verzeihen Sie, verehrtester Herr, dass

ich mich so commun ausdrücke, aber ich werde immer entrüstet,

wenn ich daran denke, dass das hier allerdings

betriebene music business sich als wahre Kunst aufzuspielen

wagt. Selbst in dem vielgepriesenen Boston und New-

York, wo ich wahrhaftig Augen und Ohren öffnete, ist alles

wirklich Künstlerische eben deutsch und von amerikanischem

Kunstgefuhl habe ich spottwenig gemerkt. "Ausnahmen bestHtigen

die Regel", wie Sie im Contrapunkt so oft sagten.

Die Haupttugend der Americaner 1st, dass sie Geld haben,

welches sie bisweilen auszugeben lieben, um prahlen zu

können, denn darin dUrf ten sie schwerlich von irgend einer

Nation überboten werden. Sie rühmen sich auch vieler

Dinge, deren sie sich lieber schämen soilten, und strotzen

in Bezug auf allgemeine Bildung von horrender Unwissenheit.

Letzeres besonders 1st mir manchmal bei der "guten Gesellschaft"

kaum fassbar, und Sie werden es begreiflich finden,

dass ich mich allmählich immer mehr auf mich und meine Studien

zurückziehe, die mir weit grössere Befriedigung, als

die Menschen, gewahren.

Die "Ailgemeine Zeitung", München vom 21. März 88 berichtet:

Die Kgl. Musikschule gab am Samstag (17.3.1888) im Odeon

für den Stipendien-Fonds der Anstalt em Concert, welches

durch die Mitwirkung von Mitgliedern des Lehrkörpers elne

besondere Anziehung bot. In der That erinnern wir uns weniger

so genussreicher Stunden, als wie die, welche wir an

diesem Abend im Odeon zugebracht haben (Folgt Besprechung

von C.M.v. Weber's Ouverture zu "Peter Schmoll", Lieder von

Schumann, Harfenstllcke, Chören von Litt, Vogler, Lachner

und Brahms!.

Den grössten Beifall fanden drei Stücke für Violine und


- 85 -

Orgel (aus op.lSO) von Josef Rheinberger, weiche der Cornponist

mit Herrn Benno Walter vortrug. Die Auffuhrung dieser

meisterhaft komponierten Stücke gestaltete sich geradezu

zu einer Ovation für den bescheidenen Componisten, in

dern wir die bedeutendste Kraft der Musikschule verehren.

I.. .1

Fanny berichtet aus MUnchen am 8. April 1888:

Der alte Scha.fhäutl 1st noch sehr rüstig; er soil heute

dem Kirchenchor in einer kleinen Rede den neuen Musikdirektor

Becht (auch em Schüier von Curt) vorgestelit

haben. Der Chor bei S. Michael ist wie Heimath und Familie

für den aiten Herrn.

/. . . /

Vor Weihnachten 1887 komponierte Rheinberger1 dessen Ehe

kinderlos war, ohne erkennbaren Grund 30 Kinderlieder

op. 152 und im April und Mai 1888 verfaf3te Fanny, frei

nach einern Märchen von Hauff, em Textbuch "Das Zauberwort",

em Singspiel für Kinder, das Rheinberger komponierte

und als op. 153 seinern Werk einreihte.

Im Juni 1888 schrieb Fanny an David Rheinberger in Vaduz:

/. . . / Ich bin am Samstag Abend /16.Juni 1888/ von Wildbad

zurückgekommen, nachdem ich dort meine Kur mit 22

Bädern beendet und mit dem Wetter viel Glück hatte.

I. . . / Curt hat in meiner Abwesentheit seine 12. grol3e

Orgelsonate componirt. I. . . /

Es handelt sich urn die Orgelsonate in Des-dur op. 154.


- 86 -

J.G. Eduard Stehie, dessen Sohn an der Musikhochschule

München studlerte, schreibt an Josef Rheinberger:

St. Gailen, 25.6.88.

Hochgeehrter Herr!

Eben erhaite ich von dem Kgi. Musikdirektor B. Kothe in

Bresiau foigende Karte:

Ihre Besprechung der Rheinberger'schen Messe hat mir so

wohigefallen, dal3 ich mich gedrungen fühie, Ihnen meinen

wHrmsten Dank zu sagen. Mir gefäilt sie ebenfails sehr

gut, und ich habe sie auch günstigst beurtheilt."

Sie sehen, dal3 auch im Cäciiienverein noch nicht lauter

Puritaner sind. Ich gedenke Ihre prHchtige Messe auf 15.

August (Maria Himmelfahrt) aufzuführen.

Mein Eduard soil inir zum Beginn des nächsten Schuijahres

das Examen Im Contrapunkt machen, ich bitte demseiben zu

sagen, was bei der Aufnahme gefordert wird, oder noch besser

mir dasseibe in em paar Zeilen gefäiligst mittheiien

zu woilen, (die Sie Eduard mitgeben können, da er in 3

Wochen in die Ferien kömmt) damit die Ferienzeit zur Vorbereitung

benützt werden kann.

Haben Sie keine Instrumental-Messen geschrieben? Hier 1st

noch der grö2te Mangel an guten neuen Werken!

Hochachtungsvolist Euer Hochwohigeboren ergbstr.

Stehie.

Die Sommerferien verbrachte das Ehepaar Rheinberger in

Kreuth und Starnberg. Am 23. August 1888 schreibt Fanny

an David Rhemnberger:

Curt war sehr vergnügt, hat sogar eine neue 3stimmige

Frauenmesse mit Orgel hier componirt, weiche ich im Spatherbst

in der Hofcapelle zu hdren hoffe. -

Stehles Anregung war offensichtiich nicht ohne Erfoig.

Uber seine BemUhungen um Rheinbergers Messe op. 151 berichtet

Stehie dem Komponisten:


- 87 -

St.Gallen, den 14.Sept.1888.

Hochverehrtester Herr Hofkapellmeister!

Nächsten Sonntag den 16. d.M. als am eidgenossischen

Bettage (=der hochoffiziele Staatsfelertag) führe ich

mit dern Dornchor Ihre prächtige a capella Messe op. 151

auf. Das Studium des hochinteressanten Werkes hat mir

und dern Chore gro2en GenuB bereitet und erhoffe ich eine

gute Auffuhrung; der Chor 1st Feuer und Flamme dafür.

In den Blättern wird Uber Auffuhrungen beim Gottesdienste

nie referirt, sondern höchstens elne kielne Notiz

gegeben, del3halb erlaubte ich mir, auf diesern Wege Ihnen

KenntniB zu geben.

Mein Sohn Eduard wird dieser Tage wieder in die Musikschule

einrUcken, urn seine Studien fortzusetzen. Ich

bitte recht sehr, ihn, wenn immer moglich, in den Unterrlcht

am Contrapunkt aufzunehmen (da er in der Harmonielehre

jetzt denn doch gentigend vorbereitet sein soilte),

und erlaube mir, ihn zu diesem Zwecke hiemit angelegentiichst

zu empfehlen.

Mit vorzUglicher Hochachtung zeichnet

Euer Hochwohlgeboren

ganz ergebenster

J.G.Ed. Stehie.

Im Oktober 1888, em Jahr nach dem Erscheinen von Schafhäutls

Werk "Em Spaziergang durch die iiturgische Musikgeschlchte

der kathoilschen Kirche. Trost und Starkung

für alle Katholiken, die keine Cäcilianer sind", sah sich

Rheinberger gezwungen, über Franz Xaver Witt als Sachverstnd1ger

bei der Empfehiung von Johann Fuchs' Lehrwerk

"Der Kontrapunkt für die Orgel" sich gutachtilch zu äu-

Bern. Rheinberger nahm diese Steiiungsnahme zum Aniat3, urn

sich zu Witts Person und seinem Wirken ais Vorkämpfer des

Cäcilianisrnus umfassend und kritisch auszusprechen. In der

präzisen Beurteilung der Details und der ästhetischer, historischen

und musiktheoretlschen Position der Cäcilianer

geht Rhemnberger in seiner Darsteliung welt tiber Schafhäutl

hinaus.


- 88 -

An die Directon der k. Musikschule.

Der gehorsamst Unterzeichnete beehrt sich einer hohen

Direction auf deren Anfrage in Betreff des Herrn Pfarrer

Dr. Witt foigendes zu erwidern:

Herr Dr. Witt 1st bekanntlich Praeses des weitverbreiteten

Cciiien-Vereines, sowie Eigenthiimer und Redakteur

zweier Kirchenmusikblätter; wohi mehr durch diese

Eigenschaft, denn als Componist hat er sich, namentlich

in Niederbayern grot3en Einfiu2 errungen.

Da2 er ais Theologe, (der sich von jung auf mit Kirchenmusik

beschHftigte) auf dem Gebiete der Liturgie eine

Autorität sein mag, soil hier nicht in Frage gestelit

sein, obschon Professor von Schafhäutl in seinem "Spaziergang

durch die iiturgische Musikgeschichte" charakteristische

Streiflichter auf das Bestreben des Cadlienvereines

und dessen iiturgisches Puritanerturn wirft.

Die Polemik Witt's zeichnet sich im Ganzen mehr durch

maal3lose Leidenschaftiichkeit ais rnusikaiische GrUndiichkeit

aus. So schreibt er in einem seiner Organe:UDie moderne

Kirchenmusik Haydn's ist vieifach nur eine LUge, em

Haydn'schesKyrieist eben kein Kyrie eleison, d.h. kein

Ruf urn Erbarmen, sondern em Hopsasé."

Aiierdings hat Haydn's Kirchenmusik einen freudigen Zug,

der aber in Hchter Frörnmigkeit wurzelt, wie seine unsterbiiche

Schöpfung.

Em Mann, der in obengenannter Weise über Werke der gröl3ten

Tondichter aiier Zeiten urtheilt, kann mir nicht ais

Autorität geiten.- Die mir bekannten Kirchenkompositionen

Witt's ergehen sich in dem Bemühen, die kiassischen Meister

des 16. und 17. Jahrhunderts zu imitieren; Hul3erlich

genommen gelingt das steilenweise ganz gut; man vermeidet

Leittöne, wo sie das moderne Ohr veriangt, setzt hie und

da unvermitteite Akkordfoigen, - man ergeht sich in langeren

durrkiingenden zweistiirnnigen Steilen, bringt hEufige

Plagalschliisse, fährt von einer griechischen Tonart in die

andere /.../und bringt somit etwas zustande, das dem Laien

wie aite Musik vorkomme, aber doch nur em Zerrbiid der

Achten 1st, well ihr die eigentiiche Warme, die rnusikaiische

Wahrhaftigkeit fehit, weil diese Musik nur gewolit,

nicht gewachsen ist. Man wende nicht em, da diese Musik

nicht sinniich wirken wolle, denn alle Kunst, Tonkunst wie


- 89 -

Malerei und Skulptur wirkt zunHchst sinnlich; daf3 sie

aber im edelsten Ceiste sinnlich wirke, ist Aufgabe des

kirchlichen KUnstiers. Wer diet3 nicht anerkennen will,

der entferne nach Weise der Calvinisten allen Schmuck

aus dem Tempel und reduziere die Kirchenmusik in gleichem

Sinne. Wir muthen keinem Maler zu, unsere Kirchen

mit Kopien der alten Kölnerschule zu versehen; eckige

Gesichter, verdrehte, steife Clieder, hölzern erscheinende

Falten wUrden uns heute in der Andacht eher stören,

obgleich sie zu ihrer Zeit fromm empfunden waren

und im Original noch rühren können. Nicht das "wahre

Alte" stört, wohi aber das "unwahre" Nachgefälschte. Warum

soll ich mich, sooft ich in die Kirche gehe, künstlich

in das fünfzehnte oder sechzehnte Jahrhundert versetzen?

Mozart's Ave verum ist vollständig modern und

doch denkbar edeiste Kirchenmusik.

Selbst em moderner Palestrina (wenn er existiren wUrde)

miif3te heut zu Tage in gutem und wahren Sinne "modern"

componiren. Orlando, Palestrina schrieben zu ihrer Zeit

"Gegenwartsmusik" und keine Vergangenheits- oder Zukunftsmusik.

Keinem Poeten wird es einfallen in dem Dialekt

und in der Sprachweise eines früheren Jahrhunderts zu

dichten und diel3 für die einzig richtige Poesie auszuposaunen;

denn jeder, auch der kirchliche KUnstler gibt,

ful3end auf unwandelbaren Gesetzen, dem Empfinden und den

Anschauungen seiner Zeit und mit den Kunstmitteln seiner

Zeit Ausdruck.

Als Kontrapunktiker 1st Herr Witt nicht bedeutend, wenn

er in semen (mir bekannten) Messen und Motetten sich als

soicher versucht, kommt er selten über die bekannten "Vier

EinsHtze" hinaus, erkehrtschleunig an das rettende Ufer

der bewährten Accordfolgen, die sich ja beliebig bis ins

Unendliche fortsetzen lassen, zurück. Auf dem Gebiete des

rein Kontrapunktischen ist das Imitiren eben bedeutend

schwieriger und gerade hierin sind die genannten alten

Meister unnachahmlich.

Der moderne Kontrapunktist muB aber die Bach'sche Schule

in sich aufgenommen haben, wenn er nicht immer wieder

längst Gehörtes reproduciren will: dennnur jene Schulung

bildet und stählt das musikalische Combinationsvermogen

in der Weise, daB das Starre des Contrapunktes sich jedem


- 90 -

Gedanken, jeder Norm frei und ungezwungen fugt. Das ist

nun allerdings nicht Sache aller im Cäcilien-Vereinscatalog

empfohlenen Meister, doch sei hier ausdrücklich

und rühmend hervorgehobej, da8 der Cäcilienverein auch

Componisten besitzt, die ihrem Generalpräses an Talent

und Können weit uberlegen sind, z.B. Kilnstler wie Greith,

Haller, Haberl, Stehie.

Auf dem Gebiete der Orgel-Composition endlich ist mir

Herr Pfarrer Witt ganz unbekannt; es sind mir diesem Felde

gar keine Anhaltspunkte gegeben, ihn als Autorität anzuerkennen;denn

Orgelbegleitung untergeordneter Art, wie

etwa bei Litaneinen, Marienlieder etc. zählen hier nicht.

Wenn eine Empfehlung (wie im vorliegenden Falle mit dem

Werke 'Der Kontrapunkt für die Orgel' von Fuchs) Werth

und amtliche Bedeutung haben soll, so darf sie meines Erachtens

nur von einem Manne ausgehen, der sich durch eigene

Leistung als erfahrener Lehrer und Componist für

diese Instrumente (wie z.B. Dr. Herzog) zur Autorität hinaufgearbeitet

hat. Andere Gutachten können höchstens relativen

Werth haben, indem sie sich nur auf den ailgemein

musikalischen, nicht speziell pädagogischen Inhalt beziehen

können, und sind, genau betrachtet, ziemlich überflussig.

München, 12. October 1888.

Eurer hohen Direction

gehorsamster

Josef Rheinberger

1. Prof. und Hofcapellmeister.

Eine besondere Auszeichnung steilte die Verleihung des

Ritterkreuzes des Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft

durch den Prinzregenten Luitpold im Dezember 1888

für Rheinberger dar.

Fanny berichtet nach Vaduz:


- 91 -

2. Dez., I. Advent-Sonntag 1888

Mein lieber Schwa ger David!

Es wird Euch Freude machen zu vernehrnen, daB sich heute

früh der General-Intendant Exzl. Perfall bei Curt ansagen

lieI3, daf3 er nach 10 Uhr auch karn und ihrn unter verbindlichsten

Worten im Namen des Prinz-Regenten und des

Capitels vorn Maximiliansorden das groI3e Ritterkreuz dieses

Ordens für Kunst und Wissenschaft einhändigte. Derselbe

macht ihn persdnlich hoffahig. Wir hatten nicht die

leiseste Ahnung von dieser hohen Auszeichnung, - und die

Art der Uberreichung rnachte dieselbe noch werthvoller. -

Leider hat Curt gegenwärtig eine Bronchitis, hat sich in

Folge starken Hustens heute früh eine Muskel verdreht, sodaJ3

er sich recht unwohi fühlt und einige Tage nicht ausgehen

darf. Aber er hatte doch Freude, in München diese

Auszeichnung zu empfangen, nachdem er doch schon Mit glied

der Akademie der Künste in Berlin geworden und von Norddeutschland

so viele Auszeichnungen erhalten.

Der Gedanke, dai3 ohne jede Reklarne nur durch treue Pflege

des Talents und wirkliche Pflichterfüllung diese Anerkennung

karn, ist für alle beruhigend, die irnmer meinen, man

müsse schreien, urn gehört zu werden. Gott die Ehre.

I. . .1

Am 10. Dezember 1888 richtet Rheinberger folgende Bitte

an semen Bruder in Vaduz:

Mein lieber David!

Deine Theilnahme an der mir jUngst geword: Auszeichnung

(Verleihung des Maximilians-Ordens für Kunst und Wissenschaft)

hat mich sehr erfreut und danke ich Dir sehr dafür.

Zugleich elne Frage. Du weil3t, wie ferne mir jede

Vordringlichkeit liegt - doch glaube ich als Liechtensteiner

die Verpflichtung zu haben, mich wegen Annahme

des Ordens bel Sr. Durchlaucht dem Fürsten anfragen zu

sollen, was ich bel früheren Orden versäumte. Vielleicht

ware es gut, wenn Du Dich bei Herrn Landesverweser urn die

geeignete Form hiezu erkundigen wolitest. Ich lege also


- 92 -

diese Angelegenheit in Deine Hand und verbleibe mit

besten GrUf3en (auch an das rothe Haus)

Dein alter Bruder

Josef Rheinberger.

München 10.12.88.

Die Augsburger Abendzeitung berichtet am 29.12.1888:

Die Musikalische Akademie gab am ersten Weihnachtstage

(25.12.1888) ihr letztes Konzert in dieser Saison mit

einem fast zu reichhaltigen Programm, das durch verschiedene

Zugaben nahezu drei Stunden dauerte.

Den Anfang bildete eine neue passacaglia für Orchester

von Jos. Rheinberger, op. 132 b. Die sehr vornehm gehaltene,

feierlich ernste Komposition (passacaglia ist

eine ältere in Händel'schen und Bach'schen Suiten gebrauchte

Tanzart) macht durch tiefe, ruhige Einfachheit

und feingegliederten Aufbau schon bel erstmaligem

Hören einen bedeutenden Eindruck und würde bei einer

Wiederholung dem Publikum vielleicht noch grösseren Genuss

verschaffen. Sie wurde vorzüglich gespielt und der

Komponist musste persönlich den Dank dafür entgegennehmen.

I...!

Rheinberger hatte seine 12. Orgelsonate in Des-dur op.

154 dem Hoforganisten in Weimar, Alexander Wilhelm Gottschaig

(1827-1908), gewidmet, der sich mit nachfolgenden

Zeilen bedankte:

Hochzuverehrender Herr Hof-Kapellmeister!

Durch die gütige Widmung und freundliche Uebersendung

Ihrer genialen 12. Orgelsonate, welche ich an Beethovens

Geburtstage erhielt, haben Sie mir eine kaum zu beschreibende

Freude gemacht, denn das wundervolle Werk ist nach

Inhalt und Form klassisch und durch und durch poetisch.

Das überaus reizende Pastorale daraus spielte ich am 2.


- 93 -

Weihnachtsfeiertage zur grossen Erbauung der Zuhörer in

unserer Hofkirche. Haben Sie für diese grosse und unverdiente

Auszeichnung meinerseits den allerherzlichsten

Dank, und geben Sie mir recht oft Celegenheit, denselben

durch Wort und That zu beweisen.

Am 1. Weihnachtsfeiertage erhielt ich als schönste Weihnachtsgabe

von Freund Sander Ihre preiswilrdigen 12 CharakterstUcke

für Orgel (op.l56), em herrlich poetisches

Album, das ebenfalls seinesgleichen sucht.

Beide ausgezeichneten Werke werde ich durch Wort und Spiel

(Uriania, pädagog. Jahresberlcht, Chorgesang) bestens propagieren

suchen. Zu Ihrer wohiverdienten Dekorierung bringe

ich Ihnen ergebenst die herzlichsten Glückwilnsche dar.

Für's neue Jahr wünsche ich Ihnen und Ihrem gesammten Hause

des Himmels reichsten Segen.

In grösster Verehrung und Liebe

Ihr

dankbar ergebener

A.W. Gottschalg.

Weimar, 30.12. 1888

Franz Xaver Haberl, der Begründer der Kirchenmusikschule

in Regensburg, schreibt an Rheinberger:

Regensburg, den 30.1.1889

Hochgeehrter Herr Hofkapellmeister!

Mit herzlichem Danke bestatige ich den Empfang Ihrer schönen

und innigenMesse für 3 Frauenstinmien mit Orgel und

sendete als erstes Zeichen der EmpfangsbestHtlgung die

von mir zum erstenmal redigirte Nr. 2. der Musica sacra.

Ich glaube hoffen zu dUrf en, da2 mir Euer Hochwohlgeboren

begrUndete Bitte nicht abschlagen werden. Nach den

Prinzipien, weiche die Mus. sacra auf ihre Fahne geschrieben

hat, kann das Credo Ihrer Messe nicht beim liturgischen

Hochamt gebraucht werden, da vor Et incarnatus est die Worte

fehlen:"Qui propter nos homines et propter nostram salutem

descendit de coelis" sowie nach venturus est die zwei


- 94 -

Worte "cum gloria"; auch soil nach liturg.Vorschrift das

Sanctus mit "in excelsis" statt mit dem Worte "hosanna"

schliel3en. Wenn ich in der Lage ware bei der beabsichtigten

Besprechung Ihrer Messe in Nr. 3 der Mus. sacra diese

kleinen Ergänzungen aus der Originalqueile abdrucken

zu können, so wUrde Ihre Komposition ganz intakt und an

liturgisch-textlichen Gebrechen tadellos sein.

Ich bitte als im Interesse der Sache meinern Ansuchen gUtigst

wiilfahren zu wollen und unter Empfehlungen an Ihre

Frau Gemahlin meinen tiefsten Respekt entgegenzunehrnen,

mit dern ich verbleibe Ew. Hochwohlgeb. ergebenster

Fr.X. Haberl.

Hans v. Bülow spricht wieder eininal in charakteristischer

Weise bei Rheinberger vor:

Hochgeehrter Herr!

Ihre freundlichen Zeilen, gleichzeitig mit dem schuldigen

Danke für Ihr Bud, nicht allzu unzulänglich zu beantworten,

fehlt es mir gegenwärtig an Mul3e. Zudem sehe ich noch

immer der versprochenen Digteralisirung von Bachs l42jährigen

XXX /Goidberg-Variationen v. J.S. Bach! entgegen, urn

so ungeduldiger als mich Herr Winding (Copenhagen) mit einer

Reduction in usum delphinae amUsirt hat.

Mein heutiges Kryptotelegramm hat - auBer obiger dringender

Vorrede zu einern Nichtbriefe - noch einen anderen Zweck.

Sie wissen oder wissens vielleicht nicht, daB ich Ihres

Thürmer's Töchterlein für em sehr lebensfähiges Bühnenwerk

halte. In einer Matin&e in Hamburg - noch nicht festgestellt

- rnöchte ich den Wallenstein so dramatisch (Theaterconzert)

aufführen, daB eine Empfehlung gen. Oper an Pollini

und Sucher nicht gänziich pour l'empereur d'Aliernagne

expectorirt würde. Hätten Sie die Güte, meine vielleicht infernolastricante

Absicht durch sofortige Zusendung einiger

Textbticher (auch in Bremen - vide Beilage) zu fördern?

Noch Eines. Sie haben vor bald 4 Lustren eine grol3e Klavierfuge

(H-dur - eine Art Pendant zu Op. 106 Finale) geschrieben,

die mir abhanden gekournen ist, deren Titel rnir


- 95 -

nicht einmal mehr erinnerlich 1st, die mir aber damals

so fabeihaft imponirt hat, daB ich jetzt, wo ich bei

"Klaue" bin, deren Eintibung riskiren tnöchte.

Nehmen Sie mir diese Expre2-betteleien nicht übel, haben

Sie die Gtite, mich Ihrer Gemahlin vertrauensvoll zu

empfehlen und bleiben Sie versichert der

unwandelbaren vorztiglichen Hochachtung

Ihres ganz ergebenen Bewunderers

Meiningen,l2. Febr. 1889

Hans v. Bülow

Intendant der Herzogl. Hofkapelle.

Nach etlichen Jahren meldet sich auch Hedwig von Holstein

zu Wort.

Sle schreibt an Franziska Rheinberger:

Sondershausen, 6.3.1889.

Liebste Fanny,

daB ich an Dich schreiben darf, noch das trauliche Du

und Deinen Vornamen bei der Anrede gebrauchen, erscheint

mir keck, da ich so vieles vernachlassigte, was die Freundschaft

fordert. Aber groBe Menschen vergeben leichter, als

kielne, und so hoffe ich, daB Du mich noch em bischen lieb

hat und mir keine andre Strafe auferlegst, als die ich mir

selbst zugezogen habe in der Entbehrung Deines Verkehrs.

Ja, was ist Alles über mich hinweggegangen, seit ich Dich

nicht sah! Ich bin elne Greisin geworden, die äuf3erlich gebückt

einhergeht, wie mir die Menschen sagen - aber, ich

mu2 es mir sagen lassen, denn ich selbst fühle das Gebücktsein

itnmer noch nicht. Gott giebt mir wunderbare Kraft und

Frische In meinem 67. Jahre, allein zu stehen und doch keine

Einsamkejt zu fUhien.

Auch bitte ich den Allmächtigen täglich, mich noch em paar

Jahre leben zu lassen, darnit Ich das vollenden kann, was nun

wieder melne gute Schwester mir beim Scheiden auferlegt.

Nicht nur ihren groBen, kUnstlerischen NachiaB habe Ich zu


- 96 -

vergeben und em Vermögen welt über eine Million, sondern

ihr grol3es Grundstück hat sie dem Salomonstift hinterlassen,

dem ich allein vorstehe. Ich muf nun dies älterliche

Haus mit dem geliebten alten Garten verkauf en, urn em gro-

8es Stiftsgebäude für Armenwohnungen aufzuführen, worm

über 1000 Personen Obdach und christliche Führung finden

sollen. 1st das nicht eine gro8e, grol3e Freude? - Du kannst

denken, daf ich nicht leichtsinnig dies anvertraute Gut

verwenden werde, sondern mir die besten Rathgeber gefahndet

habe, die mir auch nur urn Gottes willen helfen. Ich.

f and einen der berühmtesten Juristen dazu willfährig, den

ersten Baumeister Sachsens, einen Armenpfleger, der nach

dem System der Olivia Hill in Leipzig alte Häuser kauft,

urn sie den Armen unter dem Preis zu vermiethen, ich habe

einen Kaufmann als Cassirer und natürlich einen Geistlichen,

der die Führung im Auge behält. Die Plane sind wundervoll,

ich baue aus meinen Mitteln die kleine Kapelle

hinein. DaB ich darüber meine 7 Raben nicht vergesse, versteht

sich, aber es wird Dir nun begreiflich sein, daB ich

meine grol3e Correspondenz beschranken muB. Bitte, gedenke

trotzdem meiner zuweilen. Du bist mir theurer, als ich es

mit der That beweise. I... I

Am 17. März 1889 feiert Josef Rheinberger semen 50. Geburtstag,

zu dern ihn zahlreiche Gratulationen erreichten.

Der schönste Glückwunsch kam vom 86jährigen Schafhäutl:

München, 18. März 1889.

Mein verehrter Herr Professor und Hofkapellmeister!

Am vergangenen Sonntag erfuhr ich in der Kirche von Herrn

Regierungsrath Stetter zu meinem Erstaunen, daB Sie Ihren

fünfzigsten Geburtstag feierten, den fUnfzigsten Geburtstag!!

Als ich dem kleinen Rheinberger an der Orgel sitzend irn

Musikkonservatorium em Therna zur AusfUhrung gab! und jetzt

feiert er semen fünfzigsten Geburtstag! Und doch keine

Nachricht hat mich wie diese gefreut, so alt ich geworden


in. Und jetzt komrnt der heilige Joseph auch noch dazu!

Ich weil3 nicht worauf ich zu gratulieren anfangen soil!

S.k.H. der H. Prinzregent hat Sie verdientermaBen auch

noch zum Maximiliansritter gernacht.

Es wird mir schwindlig, meine alten Augen taugen weder

zum Lesen noch zutn Schreiben. Ich schreibe mehr dem Gefühl

als dem Gesicht nach; das 1st noch mbglich!

Also! Ich gratuliere Ihnen tausendmal und bitte, sich

rnanchmal zu erinnern Ihres alten Freundes

Ihrer hochverehrten

Frau Gemahlin herzliche

GrUl3e. Ich hoffe, sie

ist wieder ganz wohi

geworden!

- 97 -

Schafhäutl.

Nach Fr.X. Witts Tod tritt Franz Xaver Haberi als neuer

Herausgeber der Musica sacra mit Rheinberger in engeren

Kontakt:

Regensburg, 18. Marz 89.

Sehr geehrter Herr Hofkapellrneister!

Der Schutzpatron Unserer hi. kath. Kirche verleihe Ihnen

jene Kraft und Gesundheit in Schaffen und Leben, die Sie

selbst morgen an Ihrern Narnensfest von ihm erfiehen werden.

Das sind meine Gltickwünsche, weiche ich beim h. Opfer dem

Herzen Jesu darbringe.

Meiner mUndiich gesteilten Bitte urn Harmonisierung einiger

Kompositionen Viadana's als Beilagen für die Mus. sacra

schlief3e ich nun mehrere Nummern aus de8en Concerti bei,

die ich in Stimmiage und SchlU2el umschreiben lie2. Aus dem

mit Bleistift markirten Orgelbaf3 des Satzes Fratres ersehen

Sie, wie prirnitiv Viadana die Sache angepackt. Die Melodie

ist gut, aber eine 4stimm. selbständlge Orgeibegleitung

aus Ihrer Feder dUrfte dieselbe erst heben und lebensfahig

machen.


- 98 -

Die Bilder sind da; ich bitte Sie urn einfache, stylvolle

Rahmen. Ahnlich bei Veni sancte spiritus, wo auch pal3ende

Vor- und Zwischenspiele angebracht werden dUrf ten.

Bei den beiden 3-stiinm. Sätzen für Mnnerstirnrnen: 0 salutans

u. Lauda Sion sind gew.Grenzen gezogen, innerhaib welcher

Sie jedoch genug frele Bewegung haben dürf ten.

Mit den ergebensten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin,

unter Widerholung meiner Segenswünsche und der Bitte urn

geneigte Beitrage für die Mus.s. zeichnet rnit vorztiglicher

Hochachtung

Ew. Hochwohlgeboren

ergebenster

Fr. X. Haberl.

Rheinberger hatte Haberl die erbetenen Bearbeitungen urngehend

zugesandt; er erhielt folgenden Dankbrief:

Regensburg, 26.3.1889.

Sehr geehrter Herr Professor!

Meinen herzlichsten, besten Dank für die rasche und so

gelungene Harrnonisierung der Viadanatschen Kleinigkeiten.

Sie haben dadurch den kleineren Chören eine hochrnusikal.

und treffliche Gabe gespendet.

Was kann und soil ich nun entgegen thun? Die Sätze werden

erst irn Aug. oder Sept. als Beilagen zur Mus. sacra erscheinen,

da Witt das Material für die ersten 7 Stimmen

bereits in die Prel3e gegeben hatte.

Mein Plan 1st nun, diese 4 Kompositionen nebst anderen

leichten 4-stirnm. Sätzen Viadana's in No.8-12 als Beilagen

drucken zu la2en und dann einenseparaten Faszikel daraus

zu bilden, der als 6. Heft meines "Repertorium mus.

sacrae" einzeln verkHuflich ist. Begnügen sich nun Ew.

Hochwohlg. mit Frelexemplaren und wie viele wUnschen Sie,

oder ziehen Sie vor, die Hälfte des für den Separatabdruck

vom Verleger zu zahlenden Honorars anzunehmen?

Ich bitte Sie über diesen Punkt ganz frei und of fen sich

bel Gelegenheit auszusprechen.

Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin gütigst empfehlen


- 99 -

zu wollen und der Versicherung meines innigsten Dankes

und vorztiglicher Hochachtung

z e ichne t

Ew. Hochwohlg.

ergebenster

Fr.X. }Iaberl.

Am 4. April war Sebastian Pöhly, Rheinbergers erster

Musiklehrer in Vaduz, gestorben.

In Fannys Tagebuch findet sich folgender Nachruf:

"Er war geboren zu Schianders im Jahre 1808, widmete

sich in Innsbruck dern Lehrfach und war em eifriger

Schüler des dortigen Musikvereins. Wirkungsorte: Vaduz,

Latsch, Kortsch und zuletzt in Schlanders. Herr Pdhly

war nämlich em Lehrer im vollen Sinne des Wortes. Denn

nicht nur verstand er es, den Kindern das Wissen verständlich

beizubringen, sondern er war auch em Meister

in der Hauptaufgabe eines Pàdagogen, nämlich auf Herz

und Gernüt der Jugend veredeind einzuwirken. So hess er

keine Gelegenheit vorbeigehen, urn ihnen Gottesfurcht und

wahre Nächstenhiebe einzuprägen und of t hörte man noch

von semen alten Schülern erzählen, wie sie immer mit

Freuden und Spannung semen Worten und Ermahnungen lauschten

und so ganze Lebenswahrheiten aus der Schule herausnahrnen,

für die sie ihm noch heute dankbar sind. Gross

war darum das Bedauern als im Jahre 1883 em Schiaganfall

seiner 51-jährigen Lehrtätigkeit em Ende machte; aber

gerade jetzt zeigte sich so recht eigentlich, mit weicher

Liebe und Hingabe er seinem Beruf obgelegen; denn oft gab

er mit Tränen in den Augen auf die Frage, wie es ihrn gehe,

zur Antwort: "Oh! wie wird's gehen; ich kann halt nicht

mehr bei meinen lieben Kleinen sein."

Am 3. Mai 1889 sendet Rheinberger folgenden Brief an seinen

Bruder in Vaduz:


- 100 -

Mein ileber David!

Längst schon wolite ich Dir schreiben; aber wenn es mir

an Zeit dazu auch nicht fehite, so doch mehr od. weniger

an Stoff, der Dich interessirte. Mit Bedauern erhielt ich

die Nachricht von dem Tode der guten Tante in Schaan. Von

unsern Verwandten mütterl. Seits ist, wie ich glaube, nur

mehr Baptist Carigiet am Leben, den ich vor 25 Jahren zum

letztenmalsah. Auch mein lieber alter Pöhly 1st gestorben,

wie mir seine Frau schrieb; er war seit em paar Jahren

in Folge eines Schiaganfalls fast kindisch. Es that mir

wohi, ihm von Zeit zu Zeit Unterstützung zukommen zu lassen,

- die letzte war zu seiner Beerdigung, wozu meine

Frau auch noch einen schönen Kranz Ubersandte. So geht

Ems urn's Andere. Nur Prof. Schafhäutl ist trotz seiner 86

Jahre wacker und dauerhaft, fröhlich und geistesfrisch -

möge er noch recht lange so fortmachen. -

Die Osterzeit war für mich wieder recht anstrengend - es

gibt unter dem neuen Regim auch mehr ltUniformsdienstett

als früher, und meiner frledfertigen Natur widersteht es

immer, den Degen umzugürten. Komisch 1st es auch, das mir,

selt ich durch den Maximiliansorden "hoffähig" bin, jede

Hoftrauer angesagt wird, was aber nicht weh thut.

Seit Anfang Mai ist endlich schön Wetter, - es mag jetzt

auch in Vaduz gar nicht übel sein; ich habe allerdings von

den letzten zwei Besuchen nur Regenlandschaft in Erinnerung.

I... / Wie 1st denn der neue Hofkaplan?

Nun lebe wohi, lieber David und wenn Dir das viele Regieren

noch etwas Mu2e 1E13t, so erfreue bald mit einem Briefe

Deinen Bruder

Josef Rheinberger.

MUnchen d.3/5. 89.

Meine Frau grü6t bestens.


- 101 -

Franz Xaver Haberl schreibt an Rheinberger:

Regensburg, 18.Juni 89.

Sehr geehrter Herr Professor!

AnknUpfend an meinen persönhichen Besuch und Ihre freundliche

Zusage, die Dedication von OrgelstUcken Frescobaldi's

annehrnen zu wollen, erlaube ich mir, Ihnen die letzte Stichrevision

vorher zur Ansicht vorzulegen und bitte urn RUcksendung

irn Laufe dieser Woche, urn den Druck nicht aufzuhalten.

Wenn Sie nichts zu erinnern haben, so la2e ich auf das

2. Blatt nach dem Titel die Dedication in folgender Fa1ung

anbringen:

Sr. Hochwohlgeboren Herrn Professor

Joseph Rheinberger

Kgl . Bayer. Hofkapel imeister

in MUnchen

Hochachtungsvollst gewidmet

vom Herausgeber.

Vielleicht finden Sie sich angeregt, einige Zeilen oder eine

Druckseite Uber den WerthderFrescobali'schen Kunst und

des Studiurns dieses alten Orgeirneister's als Geleitbrief

beizufUgen.

Mit ehrerbietigen GrU2en an Ihre Frau Gernahlin und dem Ausdrucke

vorzUglicher Werthschätzung zeichnet

Ew. Hochwolgeb.

ergebenster

Fr. X. Haberl

Aus London meldet sich Adolf Sandberger, Musikwissenschaf tler

und späterer Univ. Professor in MUnchen, bei Rheinberger

mit der Bitte urn Annahme einer Dedikation:

London S.W.

67 Vincent Square

Westminster.

Sehr verehrter Herr Professor!

Die Firma Kahnt Nachfolger in Leipzig wird in einlger Zeit

den z.Zt. in MUnchen cornponirten Chor t?Waldmorgent heraus-


- 102 -

geben. Ich möchte diese Gelegenheit gerne benutzen, urn

Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gerne den Dank eines

alten Schülers auch öffentlich auszusprechen und erlaube

mir daher die Bitte, Ihnen das Stuck zueignen zu

dürfen. Es ware mir eine gro1e Ehre, Ihren Namen am

Kopfe der Partitur gedruckt zu sehen.

Herr Bennet, mit dem ich viel über die schöne Zeit Unserer

gemeinsamen Studien spreche, 1äIt sich Ihnen ergebenst

empfehlen.

In der Hoffnung, Ihre Entscheidung zu vernehmen

Ihr stets dankbar ergebener

Dr. Adolf Sandberger.

Rheinberger akzeptiert und Sandberger bedankt sich mit

folgenden Zeilen:

Würzburg, 12.7.89.

Hochgeehrter Herr Professor!

Ihrer gütigen Erlaubniss entsprechend, erlaube ich mir

hiemit, Ihnen den "Waldmorgen" zu Füssen zu legen. Hoffentlich

nehmen Sie das Stuck noch so freundlich auf,

wie vor Jahren, und betrachten dasselbe als schwachen

Tribut der Dankbarkeit elnes getreuen Schtilers.

Ihrer neulichen Frage: Wie kommen Sie nach England? hatten

Sie gewiss im letzten halben Jahr noch mehrere beigefügt.

Ich war zuerst drei Monate in Paris, dann vierzehn

Tage in BrUssel, sechs Wochen in London, und komme

soeben von Noskau und Petersburg zurUck, wo ich mich

auch noch vier Wochen herumgetrieben habe. So habe ich

nun die musikalischen VerhEltnisse von ganz Europa fast

kennengelernt. Weitaus am interessantesten f and ich Paris,

dessen wunderbare Orchester nur den deutschen den

Rang abzulaufen, besonders nach Seite der HolzblHser. Im

ubrigen hat mich diese Reise nur noch mehr mit nationalem

Stolz erfüllt, dass Deutschland eben doch das erste

Musikiand 1st.

Und nun gestatten Sie mir mit den ergebensten GrUssen

zu zeichnen als Ihr

stets dankbarer Schüler

Adolf Sandberger.


- 103 -

Constantin Sander, seit 1856 Inhaber des Musikverlages

F.E.C. Leuckart in Leipzig, schreibt an Rheinberger:

Leipzig den 14.Aug. 1889.

Hochverehrter Herr!

Für Ihre liebenswürdige Bereitwilligkeit, in meinem Interesse

die technischen Orgeistudien des H. Dr. Hugo

Riernann durchsehen zu wollen, kann ich nicht unterlassen,

Ihnen meinen ganz besonderen Dank abzustatten. Ich

werde indess von Ihrer Güte keinen Gebrauch machen, da

ich es vorzog, das Werk dem Autor zurUckzusenden. Etwas

Neues schien es mir nicht zu enthalten.

Von den div. Arrangements Ihres Ave Maria erlaubte ich

mir, Ihnen etliche Exemplare p. Xbd. zuzusenden. Wünschen

Sie mehr, stehe ich Ihnen mit VergnUgen zu Diensten.

In Kiirze erhalten Sie Revision Ihrer Messe op. 159. Soilten

Sie hinsichtlich der Ausführung des Titels irgendwelche

WUnsche haben, bitte urn IhreAeusserungderselben.

Hochachtungsvoll

C. Sander

Fa. F.E.C. Leuckart.

In dieser Zeit tritt auch der junge Max Reger (1873-1916)

in Rheinbergers Gesichtsfeld. Reger stand damals vor der

Entscheidung, ob er sich dem Lehrer - oder Musikerberuf

widmen solle. Nachdem bereits Hugo Riemanns Urteil eingeholt

worden war, wandte sich Reger auch an Rheinberger,

urn em Urteil über sein Kompositionstalent einzuholen.

Vor allem Regers Eltern dachten daran, ihren Sohn an die

MUnchener Musikschule zur weiteren rnusikaiischen Ausbildung

zu schicken. Reger schrieb daher im Juli 1889 em

Largo für Kiavier und Violine und den ersten Satz eines

Streichquartetts in Cis-moll. Diese Kompositionen leitete

er Rheinberger zu. Rheinbergers Urteilgeht aus einem Brief

hervor, den Reger am 30. August 1889 von Königswiesen aus

an Adalbert Lindner schrieb:


- 104 -

Hochgeehrter Herr Lehrer!

Quartett und Largo sind also wieder zurück von Rheinberger.

Er schrieb: "Ihre Kompositionen, die hiermit

zuruckerfolgen, habe ich durchgesehen und glaube ich in

denselben trotz der Unreife genugendes Talent gefunden

zu haben, urn sich der musikalischen Laufbahn zu widmen,

obschon ich keinesfallseineVerantwortung hierfUr übernehmen

kann, was ich für alle Fälle ausdrücklich bemerke.

Wenn sie gesonnen sind, Ihre Studien (wenigstens zwei

Jahre) an der Münchener Musikschule zu machen, so melden

Sie sich dort persönlich zur Prüfung am 16. September."

Herr Rheinberger hat den Brief nicht geschrieben, sondern

nur unterschrieben. Mit der Unreife hat er leider nur allzusehr

recht. I...!

Den Sommer 1889 verbrachte Rheinberger wieder zur Erholung

in Bad Kreuth; eine beabsichtigte Reise nach Liechtenstein

kam nicht zustande wegen Fannys angegriffener Gesundheit.

In München war Rheinbergers Freundeskreis genau abgesteckt,

und die Kontakte, die er zusammen mit seiner Frau unterhielt,

bleiben durch seine TEtigkeit als Hofkapellmeister

für Kirchenmusik und sein pEdagogisches Wirken an der Kgl.

Musikschule geprHgt. Zunehmend wird die Auseinandersetzung

urn die Zielsetzung des Cäcilienvereins zugunsten einer gemä8igten

Ausrichtung, die auch die Bestrebungen der musikalischen

"Moderne" berUcksichtigt, von der nachrUckenden Generation

modifiziert. Friedrich Schmidt, Domchordirektor in

Münster, wurde auf der 12. Generalversarnmlung des CEcilienvereins

zu Brixen 1889 zurn neuen Generalprases gewählt, nachdem

Franz Xaver Witt am 2. 12.1888 verstorben war. SchafhEutl

schrieb 4 Monate vor seinem Tod nachfolgenden Brief, - in bekannt

kaum zu entziffernder Weise - , an Rheinberger; es ist

das letzte StUck einer Korrespondenz, die nun fast em halbes

Jahrhundert gedauert hat:


- 105 -

MUnchen, am 6.Oct. 1889.

Verehrter Herr Hofcapellmeister!

Der Cäcilienverein hat, wie Sie wohl wissen, nach dem

Tode seines Vaters Witt eine Versammlung in Brixen abgehalten,

urn einen neuen Präsidenten zu wählen.

Zu der ersten Versammiung hat em Chorregent em Präludium

geschrieben, das dem gegenwärigen Cäcilienverem

sein ganzes Sündenregister vorhält. Ich weil3 nicht,

ob Ihnen dasselbe vor Augen gekommen 1st; in jedem Falle

sende ich Ihnen den Abdruck, mit dem Sie machen können,

was Sie wollen.

Indem ich hoffe, dal3 Sic sich und Ihre verehrte Frau

Gernahlin wohibefinden bitte ich, mich der verehrten

Frau freundlichst zu empfehlen

als Ihr alter ergebener

Freund SchafhEutl.

In der Augsburger Postzeitung vom 7. Sept. 1889 findet

sich obengenanntes Memorandum mit dem Titel:

"Präludium zur 12. Generalversammiung des deutschen

Cäcilienvereins in Brixen", das sich kritisch mit der

bisherigen Entwicklung des Cäcilienvereins auseinandersetzt

und folgende Postulate aufstellt:

Will der deutsche CEcilienverein nicht zu Grunde gehen,

so mul3 er von der Geschichte lernen und

Kindliche Ehrfurcht vor der kirchlichen AutoritEt haben

und von der Kirche lernen. Die Kirche streitet nicht,

sic zwingt Niemanden. Weg mit allem Streit, weg mit allem

Zwang. Die Kirche lEI3t Choral singen, wem es beliebt,

mit Ausschluf3 jeder andern Musik, sic lI3t aber solchen,

weiche die figurirte Musik lieben, auch diese gelten mit

und ohne Begleitung der Orgel und der Instrumente. Zu was

streiten, wenn Rom gesprochen hat?

Er mu2 Schulen griinden, ohne Schule kein Musiker, ohne

Musiker kelne Kirchenmusik.

Lehrer und Meister sd, der was gelernt hat und sich


- 106 -

darnit ausweisen kann. Es wird em schweres Stuck Arbeit

sein, wenn der deutsche Cäcilienverein sich des Dilettantenthums

entledigen will. Er mul3 es, wenn er zu Ansehen

kommen will. Die Dilettanten bringen ihn urn. Daher

4. Weg mit dem Cacilienvereins-Catalog.

I.. .1

Wenn der Cäcilienverein den Muth und die Kraft hat, in

dieser Weise sich zuerst selbst zu reformiren, dann wird

er das Vertrauen der Musiker erwecken, und wenn sie sehen,

daB nicht Parteilichkeit herrscht, sondern Gerechtigkeit,

nicht Zank, sondern Liebe, Kunstsinn nicht Dilettantisrnus,

dann werden die Musiker, die Chorregenten kommen,

nicht weil sie müssen, sondern well sie selbst wollen.

Aus Vaduz treffen ernste Nachrichten von Peter Rheinberger

In München em. David Rheinberger hat einen Schlaganfall

erlitten. Fanny antwortet aus München:

München, 27.10.1889.

Mein lieber Schwa ger Peter!

Heute (Sonntag) Mittag erhielten wir durch H. Schiegel

die traurige Mittheilung von David's Erkrankung. -

Zugleich die tröstende Kunde, daB er nicht allein in seinem

Hause liegt, sondern dai3 Ihr in so liebevoller Weise

ihn ins Rothe Haus einquartirt habt. Deine liebe Frau ist,

wie ich glaube, eine vollkomrnene Krankenpflegerin, und

Deine Töchter werden dem guten Onkel von unendliche Hülfe

und liebem Troste sein!

Curt hatte vor 14 Tagen einen heftigen Schnupfen mit darauffolgendem

Husten - er ist immer so verschleimt auf

der Brust; doch geht es ihm jetzt besser. Er läBt Euch

Alle, besonders David, tausendmal GrüBen und ihm von Herzen-

gute Besserung wünschen.

Es that mir auch leid zu hören, daJ3 es Frau Verwalter wieder

weniger gut geht. Vielleicht thut ihr doch einmal die

Kneipp=Kur gut? - Kneipp läJ3t bei Blasenschmerzen Dämpfe

von Heublumen, auch Heublumen-Uberschläge machen, sowie er

es in seinem Buche beschreibt.


- 107 -

Viele Arzte nehrnen jetzt schon theilweise die Kneipp'sche

Heilmethode an; denn seine Erfolge streifen ans Wunderbare.

Wir sprachen heute davon, daI3 wenn sich em Liechtensteiner

entschlief3en könnte, bei Kneipp zu studiren und soich em

Bad in Vaduz zu etabliren, er zu grol3er Kundschaft kommen

könnte, denn die Heiler.folge sind unglaublich. Und Kneipp

kennt auch die Heilstoffe und Kräuter in der Natur so genau.

Ich babe durch conseguente Kaltwaschung und darauffolgendes

halbstundiges zu Bette gehen mich bis jetzt sehr abgehartet.

Mdge es so bleiben! Nur mit dem frühen Kirchengehen will ich

mich recht in Acht nehmen.

I.. .1

Der Gesundheitszustand von Rheinbergers Bruder David in Vaduz

verschiechterte sich, Peter Rheinberger berichtet nach

Nünchen:

Meine Lieben!

Vaduz, 2. Novbr. 1889

Morgens 9 Uhr.

David hat gestern nachmittag die hi. Sterbesakramente

empfangen, ohne dal3 diel3 gerade dringend erschien.

Leider aber ist sein Zustand unerwartet schneii heute

schon in em schiimmes Stadium getreten. IchbefUrchte,

da8 die eingetretenen Schmerzen sich noch bedeutend

steigern werden. Wir müssen für die nächsten Tage auf

das Schiiminste gefa8t sein.

Bete für ihn.

Dein getreuer Schwager (sic)

Peter Rheinberger.


- 108 -

Der Komponist schreibt an Peter Rheinberger in Vaduz:

Mein lieber Bruder!

Die Sorge urn unsern lieben David gibt mir die Feder In

die Hand. Dein Brief, den wir heute zum FrühstUck erhielten,

lautet leider sehr ernst. Doch schon die Berichte

Egons und des jungen Schiegel hatten mich beunruhigt,

und so waren wir nicht eben unvorbereitet. Das

einzig Tröstliche 1st, das der liebe Kranke unter Eurer

Obhut und Pflege sein kann - denn daB hierin Alles auf's

Sorgsamste bestelit 1st, dafUr bUrgt Deine gute Frau.

Es muB doch zuerst em kleiner Schlaganf all gewesen sein,

da David (wie Egon sagte) sich einmal seines Namens nicht

mehr bewuBt war. Ich kann gar nicht sagen, wie leid mir

urn David 1st; und daB er soviel ausstehen muB!

Sei so gut und gib recht bald Nachricht, wie es geht -

oder lasse durch Hermine od. Olga (od. Emma) schreiben;

Ich werde die eingegangenen Nachrichten immer Egon mittheilen.

Der Sommer und Herbst war hier niederträchtig schlecht,

und so konnte man sich in den Ferien heuer faktisch nicht

erholen. Ich spüre das an meiner Nervosität und an rneinern

Hus ten und freue mich gar nicht auf den Winter.

Julius Maier geht es auch sehr schlecht.

Die besten GrüBe und WUnsche auch von meiner Frau.

Dein herzlich ergebener Bruder

Jos. Rheinberger.

München, 1.11.89.

Telegrarnm aus Vaduz, aufgegeben 2.11.1889, 10.55 Uhr

"David 1st eben verschieden".

/Peter/ Rheinberger.


- 109 -

Rheinberger schreibt nach Vaduz:

MUnchen, 8. 11 . 1889

Mein lieber Bruder!

So haben wir also unsern guten lieben David verloren!

Nach Deinem Berichte hat er gottlob doch nicht so viel

an Schmerzen zu leiden gehabt, als eigentlich nach menschlicher

Voraussicht zu fürchten gewesen ware. Dein Telegramm

traf eben ala, als wir mit Egon zu Tische waren;

Trotz der frijher schon schlimm lautenden Nachrichten hatten

wir noch immer em FUnkchen Hoffnung für sein Leben -

aber es hat nicht sollen sein, und somit bist Du nun der

Senior der nicht so zahlreichen Familie. Es muf Dich wohl

recht tief schmerzlich berührt haben, als Du zum erstenmal

nach dem Trauerfall das ganz ausgestorbene elterliche Haus

betreten hast. Was allenfalls noch an BUchern und Musikalien

od. Briefen von uns von mir dort vorfindlich ist, (es wird

nicht viel sein) bitte ich, in elnen Pack zusammen zu thun,

und irgendwo aufzubewahren; ebenso vertraue ich Deinem Schutze

die ehrwtirdige Ruine meines einstigen Claviers. Main Sparkassenbuch

wird auch in Davids Verwahrung gewesen sein, - ich

bitte es ebenfalls in Obhut zu nehmen. -

Deiner lieben Frau und den Mädchen danke ich für meinen Theil

für die Sorgfalt und Pflege, die sie dem theuren Verblichenen

noch angedeihen lieBen, herzlichst.

Mit bes tern GruI3e von mir und Frau

Dein trauernder Bruder Jos. Rheinberger.

Fanny ergänzt das vorstehende Schreiben an Peter Rheinberger

urn einige Zeilen, die vom Komponisten ungelesen

nach Vaduz gehen:

I. . . / Curt hat Dir, wie er mir sagte, geschrieben, daJ3

er Dich bittet, Alles, was von Briefschaften von uns

noch vorhanden sein solite, aufzuheben. Der Hauptgrund

ist der, daB ich auf vielerlei Wunsch angefangen habe,

Rheinberger-Erinnerungen zu sammein. In London nennt man


- 110 -

em Haus nach diesem Namen, in America wird em Club

nach ibm genannt - währe auch das nicht, so mül3ten wir

doch in Ehren halten, was sich auf ihn und seine Familie

bezieht, auch die erste Entwicklung seiner Kunst,

weshaib ich auch David seinerzeit gebeten babe, mir

Aufschreibungen zu machen. GewiJ3 sind auch noch viele

Kindernoten von Curt da. Ich bitte Dich, lieber Peter,

sarnrnle Alles, auch was Curt an semen Vater schrieb.

Halte diel3 nicht für unbescbeiden meinerseits - indem

ich dief3 bitte, thue ich es ja nur aus Liebe zu Euch

Allen. - Es ist mir heute noch em anderer Gedanke gekommen,

den ich Dir wohi vertraulich mittheilendarf,

ohne .fürchten zu müf3en, von Dir mil3verstanden zu werden.

Ich dachte nehmlich - ob ich nicht doch Curt die Uberraschung

machen soilte, Euer Heimathhaus umzubauen? Du

sagst, es sei der Reparatur nicht werth, Curt würde

auch wegen der Fülle scbmerzlicher Erinnerungen keine

Rube in diesen Räumen haben, aber wenn die alte, liebgewonnene

Stätte ibm wahrlich gerichtet würde, ginge er

vielleicht später doch, für längere Zeit nach Vaduz, zumel,

wenn er einen eigenen Haushalt dort hätte; denn

lange wird er doch schwerlich mehr sein Doppelamt behalten.

Es kdnnte eine Art Atelier gerichtet werden, welches

später für Egon nur angenehm sein könnte. Ich weif3

nicht, ob ich Dir durch diesen Gedanken cinen unangenehmen

Eindruck mache? Hoffentlich nicht. Urn so weniger

als ich ja doch keine lange Lebenszeit mehr vor mir babe

und es sich daher nicht urn meinen GenuJ3 handelt. Ich

bitte Dich, lieber Peter, verstehe mich nicbt falsch,

Aber ich hielt es doch für recht, Dir diesen Gedanken zu

schreiben, bevor Du Dichrnitanderen Plänen beschäftigst.

Die Nähe der Kirche und der Orgel würde Curt, wenn er den

ersten Eindruck überwunden hat, gewiI3 sehr trösten und

wir würden uns auch dann nicht so getrennt bleiben. Curt

ahnt nichts von diesern Briefe, ich wolite vor Allern Deine

offene Ansicht hören. - I.. . /

So eben erhalte ich Deinen Brief, der mich sehr bewegt hat.

Ich kann aber wenn es sich urn Umschreibung des Ha uses auf

Curt's Narnen handelt, unmöglich selbstständig und ohne nähere

Kenntnil3 der Verhältnisse handeln, werde daher doch,


sowie Curt heute nach Hause kornmt, ibm Ailes vorsteilen

und mögiicherweise eineri Sturm aushaiten und ihn bitten,

Dir heute noch ausführiich zu schreiben, es wird dann

hoffentlich nicht zu spat sein. Kannst Du nicht ungefä.hr

sagen, wie hoch em Neubau von 6 Zimmern käme? So

wie das Haus jetzt ist, würde Curt nicht darin bleiben,

er sagte gestern zu Frau Maier, es sei ihm das Betreten

dieses Hauses wie em Eintritt in lauter Gräber.

Ich glaube Curt hat (ich wul3te gar nicht, daB er Dir die

Voiimacht sogieicht ausgesteilt) nur del3haib nicht ausführiich

geschrieben, weil er sehr zartfühiend ist und

Deinen Wünschen und Bestimmungen in nichts vorgreifen

wol it e.

Mu13 denn diese Amtsverhandiung so schneii sein? Es sind

doch derartige Dinge vorerst em bischen zu besprechen.

Morgen oder Ubermorgen erhäist Du bestimmt Nachricht.

/. . .1

Es grül3t Euch tausendmai Fanny

München, 26.11.89.

Ich fahre sogieich in den Gottesdienst von Maier.

Telegramm aus Mtinchen aufgegeben am 26.11., 12.15 Uhr:

"Ich kann das Haus nicht übernehmen. Brief folgt.

Josef'!

Rheinbergers Brief hat folgenden Wortlaut:

Miinchen d. 26.11.1889.

Mein lieber Bruder!

Zu meiner Uberraschung erfuhr ich heute, da2 es im Werk

war, mir das elterliche Haus zuschreiben zu lassen. Meine

Frau hatte in dem guten Glauben, mir damit eine Freude

zu machen, det3wegen an Dich geschrIeben, ohne mir etwas

davon zu sagen, und wie ich aus Deinem lieben Briefe


- 112 -

entnehme, bist Du freundlichst darauf eingegangen. Allein

das Haus ware mir ja nur eine Last u. Verlegenheit.

Wegen der paar Tage, die wir eventuell in einem

od. anderen Jahre in Vaduz zuzubringen gedächten, lohnt

es doch nicht Mtihe u. Kosten, es herzurichten od. an

diesem unschönen Platz etwas Neues zu bauen. Du wirst

also vie es das dortige Erbrecht will, als älterer Bruder

das Haus u. die liegenden Güter ubernehmen; was das

übrige Erbe anbetrifft, so erwarte ich Deine gefälligen

Notizen und Vorschläge; wir werden uns ja leicht verstandigen.

Wenn Du allenfalls nicht mimer Zeit zu schreiben

hast, so beauftrage Hermine darnit, die, wie ich aus

Ihrem letzten Brief e gesehen, sehr gut mit der Feder zur

Hand 1st; ich werde immer umgehend antworten.

Wegen des Hauses habe ich Dir heute telegrafirt, urn zu

verhindern, daB es mir gerichtlich zugeschrieben verde.

Ich glaube, Du solitest es für Egon seinerzeit etwas

herrichten - es braucht ja nicht zu eilen. -

Wenn Du also über irgendetwas im Zweifel bist, so sei

so freundlich es mich wissen zu lassen,ich od. meine

Frau werden sofort antworten. Deinen Anordnungen wegen

eines Grabsteines stinmie ich natürlich bei.

Mit bestem GruBe

Dein Bruder Jos. Rhemnberger.

Für semen ehemaligen Lehrer Julius Josef Maier verfaBte

Rheinberger folgenden Nachruf, der in der Aligemeinen

Zeitung München vom 23.11.1889 erschien:

Gestern starb dahier im 66. Lebensjahr Dr. Jul. Jos.

Maier, Custos a.D. der kgl. Hof- und Staatsbibliothek.

Von Hause aus Jurist, machte er in seiner Geburtsstadt

Karlsruhe sein Staatsexamen mit aller Auszeichnung, aber

ohne in diesem Berufe sich glUcklich zu fuhlen; es ging

ihm eben ähnlich wie seinem vertrauten Schuifreunde Victor

Scheffel. Der Drang zu der von jung auf gepflegten

Musik bekain die Oberhand, und Maier studierte 1848-1850

Theorie bei Moritz Hauptmann in Leipzig, vurde Lehrer

des Contrapunktes am Conservatoriurn in München (1850-56)


- 113 -

und kain sodann als Conservator der piusikalischen Abtheilung

an die Staastbibliothek. Er brachte zuerst

Ordnung in diesen reichen, aber bis dahin arg vernachlassigten

Zweig der grol3en Anstalt, und waltete seines

Aintes mit ebenso peinlicher Cewissenhaftigkeit

wie unermüdlicher Gefalligkeit gegen musikalische Wiabegierde.

Obschon welt mehr geborener Kritiker als

Componist, beschäftigte er sich viele Jahre vorzugsweise

mit den Volksliedern aller Lander und bearbeitete

viele derselben für 4 gemischte Stiinmen in geradezu

mustergUltiger Art. Sein Urtheil in musikalischen

Dingen war von staunenswerther Schärfe und von ersten

Autoritäten hoch geschatzt. Wer aber, wie Schreiber

selbst, das ClUck hatte, in jungen Jahren sein SchUler

und durch Decennien seiner Freundschaft theilhaftig zu

sein, wird ihm em unvergEngliches Andenken bewahren.

Jos. Rheinberger.

Im Sommer 1889 hatte Rheinberger, wie im Vorjahr während

der Ferien in Kreuth, eine neue vierstimmige Messe

mit Orgelbegleitung, komponiert, die dem Direktor

der Kirchenmusikschule in Regensburg, Frany Xaver Haben

gewidmet wurde.

Haberl schreibt an Rheinberger:

Wörishofen, 27.11.89.

Sehr geehrter Herr Hofkapellmeister!

In der Einsamkeit bei Kneipp seit 12.d. verweilend

wurde mir jüngst erst von Regensburg her gemeldet, daB

Ew. Hochwohlgeboren die CUte hatte, mm em Ex. der dedicirten

4-stimm. Met3e zuzusenden. Ohne langer zu zögern

statte ich Ihnen für die unverdiente Aufmerksamkeit meinen

herzlichsten Dank ab, bedauernd, daB ich wegen der

WaBerkur gegen eine Hautkrankheit so spat dazukomme und

in Ihren Augen als unfreundlich gelten muBte.

Bis 7. Dez. werde ich wieder in Regensburg sein und dann

der MeBe baldmöglichst mein Studium zuwenden.


- 114 -

Aus der Ztg. habe ich entnorniuen, da2 mein langjähriger

Gönner, H. Conservator Jul. Maier mit Tod abgegangen 1st

und ich las auch den Nachruf, den Sie ihrn in edeister

Weise gewidmet haben. Dtirfte ich vielleicht urn Aufschlul3

bitten, was mit dern literarischen oder musikal. od. bibliographischen

Nach1a des Dahingeschiedenen geschehen wird?

Meines Wil3ens hat er viel Material über Orlando gesammelt.

Wenn ich durch Kauf in den Besitz der mir dienlichen

Manuscripte kommen könnte, wUrde ich gerne zu Unterhandlungen

bereit sein. Die Stelle eines Custos scheint

wohl an der Kgl. Hofbibliothek nicht mehr besetzt zu werden?

Schade, wenn die von dem flei8igen Manne begonnenen

Arbeiten für die reiche musikal. Abteilung unvollendet

bleiben. Anne Musikwissenschaft!

Mit der Bitte, rnichIhrer Frau Gernahlin freundlichst zu

empfehlen, zeichne mit wiederholtem Danke

Ew. Hochwohlgeb.

ergebenster

Dr. Fr. X. Haberl.

Federico Consolo (1841-1906), Violonist und Komponist richtet

am 20.11.89 u.a. folgende Zeilen an Rheinberger:

Ich erlaube mir, Ihnen mitzutheilen, dass ich mich seit

vielen Jahren der musikalischen Litteratur des Alterturns

gewidmet. Da ich viele Jahre im Orient gelebt, so habe

ich mich auf die Geschichte der griechischen Musik verlegt.

Diese Studien sind mir von grossem Nutzen gewesen

und ich darf ihnen mit Genugthuung mittheilen, dass ich

eine Sammlung aller hebräisch-spanischen Melodien babe.

Als Israelit von spanischer Abkunft babe ich mit Leichtigkeit

an den Originalquellen schöpfen können. Diese

Sanimlung besteht aus mehr als 400 Stücken welche wenigstens

Uber tausend Jabre alt sind; ohne je in irgend einem

Welttheil niedergeschrieben worden zu sein, sind sie

von Generation zu Generation überliefert worden; denn ich

kenne alle Samrnlungen dieser Art Musik, welche in Deutschland

und Frankreich im Druck erschienen sind.

Glauben Sie, grosser Meister, dass es von künstlerischem


- 115 -

Nutzen sein wird, das Publikurn mit dieser Sariunlung be.kannt

zu machen? Ich beachsichtige, zu mehreren dieser

Melodien die Begleitung für Piano-Porte zu schreiben.

Diese Melodien sind ausserordentlich schön klingend.

Haben Sie die ausserordentliche Cute, mich mit einer

Antwort in Beziehung auf das genannte Werk beehren wollend.Sollten

Sie dasselbe zu sehen wtinschen, so wiirde

ich selbst nach Deutschland reisen, urn es Ihnen vorzulegen.

Empfangen Sie, grosser Meister, nochmals meinen innigsten

Dank und den Ausdruck meiner tiefgefUhlten Verehrung.

Ihr ganz ergebener Federico Consolo.

Antonius Thoma, (1829-1897) Bischof von Passau (1886-

1889) und Erzbischof von München-Freising (1889-1897)

richtet an Joseph Rheinberger aus Passau am 3. Januar

1890 folgendes Schreiben:

Passau, den 3.1.90.

Euer Hochwohlgeboren!

Hochgeehrtester Herr Hof-Capeilmeister!

Ich habe zwar noch nie Celegenheit gehabt, mich Ew.

Hochwohlgeboren persönlich vorstellen zu können, gestatte

mir indel3 dennoch, vertrauend auf Ihre bekannte

Gtite, eine ganz ergebenste Bitte zu stellen.

Die Domkirche in Passau hat eine neue Orgel mit 73 Registern

erhalten; Orgelbauer Hechenberger dahier baute

dieselbe; sie ist nahezu vollendet, solite jedoch notariellem

Vertrage gernä2 schon im März vorigen Jahres

fertig gesteilt worden scm.

Nun hat Hechenberger von der ausgesetzten Summe von

35000 Mrk. berelts 21000 Mrk. vorschul3weise erhalten,

möchte aber jetzt noch eine weitere Summe von 5000 Mrk.

beziehen.

Weil nun noch Manches an dem Werke fehit, möchte ich mit

weiteren Anzahlungen, wie man sprichwörtlich sagt, das

Heft nicht ganz aus der Hand lassen und vorher mich durch


- 116 -

einen Sachverständigen sicher stelien, ob die Arbeit

gediegen und preiswUrdig, so weit sie bis jetzt gediehen

ist, erscheint.

Ich habe zwar gehofft, bis Ende vorigen Jahres die

Orgeiprobe vornehmen lassen zu können; diese wird aber

nach Lage der Sache vor 4 bis 5 Monaten kaum rnöglich

sein k6nnen.

Ich habe mir nun schon, seitdem ich hier bin, vorgenommen,

seiner Zeit urn die Orgeiprobe mich bittend an

Ew. Hochwohlgeboren zu wenden, aileine wegen der oben

angegebenen Urnstände soil jetzt schon eine Prtifung des

Werkes vorgenommen werden.

Auf Grund dessen nun wage ich an Ew. Hochwohlgeboren

die ganz ergebenste Anf rage, receptive Bitte, ob Sie

nicht geneigt wären, in möglichster BHlde sich hierher

zu bemühen und die betreffende PrUfung gütigst vorzunehmen.

Bejahenden Falls würde ich ergebenst bitten, mir Tag

und Stunde Ihrer Ankunft gütigst anzuzeigen, damit ich

vorher für entsprechendes Quartier sorgen kann; am

Bahnhof wUrde em Wagen für Sie bereit stehen.

Ich erlaube rnir nun noch zu bemerken, daB ich nächsten

Mittwoch oder Donnerstag nach München auf einige Tage

reisen muB, sollten Ew. Hochwohlgeboren vor meiner Abreise

nicht kommen können, so würde ich mir dann in

München meine persönliche Aufwartung gestatten, urn rnündlich

NHheres zu besprechen.

Unter Versicherung ausgezeichneter Hochachtung verharrt

Ew. Hochwohlgeboren ergebenster

Antonius

Erzbisch. v.M.Fr.

Martin Greif (1839-1911), dessen Lied "Zur Jahreswende"

Rheinberger als Nr. 1 seiner 7 Männerchorkompositionen

"Auf der Wanderung", op. 160, gesetzt hatte, schreibt an

den Komponisten:

Hochgeehrter Herr!

Empfangen Sie meinen auftichtigen Dank für die, wie mir


- 117 -

von maf3gebender Seite bekräftigt wurde, höchst eindrucksvoile

und gemuthstiefe Composition meines Liedes ttZur

Jahreswende".Ich bin Ihnen für die Auswahl dieses Gedichtes

besonders auch deBhalb verbunden, weil ich, da mir

die Macht der Töne gebricht, einen unserm Herrn langst

für Seine gnädige FiThrung schon seit Langem schuldigen

Lobgesang nicht einseitig hervorzubringen vermochte.

Sehr begluckt wUrde ich von Ihnen, verehrter Meister, daher

sein, wenn Sie mir bald einnial die Gelegnheit bewirken

könnten, den Hymnus in seiner harmonischen FUlle zu

vernehmen und denselben in meinem Innern mit anzustimmen.

Indem ich Ihnen für diesen mir unschätzbaren Beweis Ihrer

Sympathie und Gewogenheit nochmals von ganzem Herzen danke,

verbleibe ich mit besonderer WerthschHtzung

München, den 9. Februar 1890

Ihr

stets ergebener

Martin Greif.

Paul Homeyer (1853-1908), Orgellehrer am Konservatorium

und Organist am Gewandhaus zu Leipzig, schreibt an Josef

Rheinberger:

Leipzig, den 11.2.90.

Hochverehrter Herr Professor!

Diese Zeilen sollen Ihnen meinen herzlichsten Dank aussprechen

für die Widmung Ihrer 13. Orgelsonate. Ich habe

das herrliche Werk bereits durchgespielt und verde dasselbe

im nächsten Monat in der hiesigen Thomaskirche in

einem Concert vortragen. In 14 Tagen spiele ich die esmoll-Sonate

im Gewandhaus.

Nochmais herzlich dankend verbleibe ich

Beethovenstr. Nr.3.p.

Ihr ganz ergebenster

Paul Homeyer.


- 118 -

Am 17. Februar 1890 berichtet Rheinberger nach Vaduz:

Ich bin seit einigen Tagen als Patient zu Hause und muB

mich wegen hochgradiger Nervosität täglichmassirenlassen

- wenn es nur helfen möchte! Schon von Weihnachten

über Neujahr war ich unwohi, habe aber alle Dienste gemacht.

Wahrschejnljch war es die unvermeidliche Influenza;

in jener Zeit starben hier viele Leute daran, auch

Franz Lachner. Nur der alte Schafhäutl scheint glUcklich

gegen Alles gefeit zu sein, was ihm von Herzen gegönnt

sei; er hat gestern semen 88. Geburtstag gefeiert.

Die Frau Jul. Maier wird im März nach Carlsruhe Ubersiedein.

Von Egon habe ich nicht viel zu berichten, Du weil3t,

wie schweigsam er ist, auch kommt er nur dann auf Besuch,

wenn man ihn rufen l8t; er scheint übrigens fleil3ig zu

se in.

In betracht melnes alten Claviers, bitte ich Dich, es in

Verwahrung nehmen zu wollen; Du hast gewil3 auf dem Estrich

irgendeine Ecke, wo es in verdientem Ruhestand vermodern

kann; es 1st nur eben doch eine Jugendreliqule.

Hier wird enorm gebaut, wie mir scheint über Bedürfnif3.

Selbst der englische Garten wird nicht verschont: so wird

eine breite VillenstraBe vom Prinz-Karl-Palais durch den

englischen Garten an die Tsar gezogen und eine neue Brücke

über dieselbe (ungefähr 20 Minuten unter der Maximilianusbrücke)

gebaut - da werden wieder hunderte der schönsten

Bume gefallt. Wie geht es Deiner lieben Familie? Seid Ihr

Alle von der helmttickischen Influenza verschont geblieben?

Mit herzlichsten GrUl3en von Familie zu Familie

Jos. Rheinberger.

Am 25. Februar 1890 starb K.F.E. von Schafhäutl 88jährig

in MUnchen.

Franziska Rheinberger berichtet nach Vaduz an Peter Rheinberger:

Mein lieber Schwa ger!

Durch die Alige. Zeitung werdet Ihr Kenntnif3 erhalten haben


- 119 -

vom Tode von Curt's ältestem und liebevolistem Freunde,

Prof. Schafhäutl.

Ich wolite gerade in seine Wohnung gehen, urn mich nach

seinem Befinden zu erkundigen, da Tags vorher seine Erkrankung

in der Zeitung stand. Als ich hinkam fand ich

den theuren schon auf der Bahre liegen - mit friedlichem

Ernst in den rnilden, im Tode so verklärten Zügen. Der

Gedanke, wie gut er in diesen Räumen, wo er jetzt so

stumm lag, gegen Curt gewesen, als dieser als hoffnungsvoller

Knabe zu ihrn karn, hat inich so ergriffen, das ich

niederknien und imstill unter Thränen für seine Liebe

danken mul3te.

Curt war auch bei seiner Beerdigung, karn aber nicht traurig

nach Hause, denn er sagte, Schafhäutl hätte immer einen

so "sonnigen Eindruck" gemacht, in seinem Glauben so

fest und froh, daf3 man auch jetzt nur an em glückliches,

ewiges Leben denken könne.

Gestern Morgen verloren wir auch unsere alte und sehr getreue

Freundin Frau Stieler, durch den Tad. Auch sie hatte

em hohes Alter erreicht, aber unter gröl3eren Leiden

als Schafhäutl. Morgen wird sie begraben.

In diesem Jahre haben wir in unserem Verwandten- und Freundeskreis

bittere Verluste erlitten: unersetzliche Menschen -

beiDavidangefangen! Sein Bud hängt neben Curt's Schreibtisch

- was ich Dir, wie ich glaube, früher schon schrieb.

Es war eine sehr liebe Aufmerksamkeit von Dir, lieber David,

ihm dieses so ähnliche Bud machen zu lassen.

Curt ist jetzt in Behandlung des gleichen Naturheilarztes

(Massage in Verbindung von Magnetismus) der auch mir aus

schwerster Krankheit zur Gesundheit verholfen. Curt hat ihn

selbst verlangt, ohne daB ich diesen Vorschlag machte. Dr.

Muller ist sehr dafür, daB er viel in die Luft gehe und sich

täglich Brust und Rücken rasch kalt abwaschen lasse, aber

hierauf wieder zu Bett ginge. Ich besorge das täglich an

ihm, nachdem ich vorher ynich selber (gewdhnlich schon urn 1/2

6 Uhr Morgens) im eingeheizten Ziznmer ganz kalt abgewaschen

habe und dann wieder auf eine halbe Stunde ins warme Bett zurückgekehrt

bin. Vorläufig bin ich sehr abgehärtet, weil3 aber

natürlich nicht, wie lange es dauern wird, bis wieder em

Anfall konmit von Hals- oder Gelenkschmerz.

Curt gebraucht auch vorsichtige Zimmergymnastik mit Hantein


- 120 -

und exerziren wir zusamrnen. Gerade als er so leidend

war (in den Faschingstagen) war er als Maximiliansritter

zu alien Hoffesten geladen, es war sogar der

Wagen schon bestelit, schlieBlich konnte er aber nicht

gehen, was uns beiden leid that; denn besonders zu

Prinz Ludwig ware er sehr gerne gegangen.

Von Egon sehe ich leider in diesem Jahr sehr wenig. Er

gab seine italienische Stunde auf, weil er, wie er mir

sagte, auch Samstag Abend in der Schule zu zeichnen hat.

An einem Carnevaisfeste der Schüier woilte er sich betheiligen,

wenigs tens sagte er uns, daB er an elnem gro-

Ben Decorationsschiff bauen heife; doch hat er mir nicht

erzáhlt, wie es ausgefailen ist. Ich werde ihn nächstens

wieder zu Tisch bitten und dann hören, wie es ihm geht.

Ich.glaube, zu Mongroffging er.nur'einmai,r1wei1 dessen

Sohn erkrankt ist.

Deine Mäderin schrieben mir sehr lieb, daB sie mir em

schwarzes Tuch zugedacht haben. Ich lasse ihnen vielmals

für ihre liebe Absicht, mir Freude zu. machen, danken.

Egon hat mir das Tuch nicht gebracht. Aber ich bitte

Euch, zankt ihn nicht, sonst wird er noch scheuer vor

uns

Wenn die lieben Nich ten ihre fleil3igen und geschickten

Hände üben wolien, um mir eine Freude zu machen, so lasse

ich sie herzlich bitten für arme Kirchen zu arbeiten.

Es gibt davon, auch auf dern Missionsgebiete so viele,

daB jeder Beitrag hochwiilkomrnen ist. Also für nàchste

Weihnacht ja nichts Anderes, ais Altarwasche... und diese

wird zunächst für Schaan am nütziichsten sein. Hermine

bin ich sehr dankbar, wenn sie aile Briefe, die von

Curt sind, oder sich auf Curt irgendwie beziehen, wohiverwahrt,

wie Alles was über ihn noch vorhanden ist.

In der Allgem.Zeitung lesen wir heute wieder einmai das

M.W2rchen, das der Fürst em Jagdschlol3 baue. Curt meinte,

vieiieicht würden die schönsten Bäume abgehauen, und dann

bliebe alles lie gen.

Die Liechtensteiner Zeitung brachte heute em so hübsches

Urtheil eines Liechtensteiner Schusters über das Buch

Haydn von Franz von Seeburg, daB ich dem Verfasser weicher

gegenwärti'g sehr leidend ist, die Zeitung sandte. Sein

Name Seeburg ist angenomnien, er heiBt Franz Hacker, ist


- 121 -

Canonicus von S. Cajetan und Direktor des kgl. Blinden-

Institutes bier.

Heute batten wir 9 Grad Kälte! Es ist zum Erfrieren!

Eben ruft mir Curt, ich solle noch zum Billardspielen

kornrnen vor dem Nachtessen. Also adieu - liebes rothes

Haus mit Allem, was es enthält, und qebt bald wieder,

der ob ihres langen Schreibens zwar Strafe verdienenden

1. März 1890.

Fanny. (sic)

Robert Franz (1815-1892) wendet sich an Franziska Rheinberger

mit folgenden Zeilen über Rheinbergers Lieder "Am

Seegestade", die Fanny gedichtet hatte:

Gnädige Frau!

Sie haben mir mit der Zusendung des op. 158 Ihres Herrn

Gemahis grol3e Uberraschung und Freude bereitet, für die

ich Ihnen nicht dankbar genug sein kann. Uberraschung,

wegen der mich hoch ehrenden Widmung, Freude, well em

tauber Nensch, der nur noch vom Imaginären der Tone mUhsam

seine kUnstlerische Existenz fristet, endlich wieder

einmal einem Ausdruck begegnet, in welchem er sich zurecht

finden kann.

1st es schon sehr bedenklich, Stillosigkeit und Willkür

in den breiten Formen der Nusik (vom Drama rede ich hier

nicht) Platz greifen zu sehen, so sind dergleichen Experimente

auf dem Gebiete der reinen Lyrik, dem Liede, geradezu

unertraglich. Unserer schOnen Kunst wird jetzt von

links und rechts arg zugesetzt! Die Fortschrittsinänner

nehmen sie ebenso sehr in die Presse, wie die RUckschrittler:

wer die goldene Mitte zu halten sucht, möchte dabei

Ach und Weh schreien! Wir beide!! Sagen Sie doch bitte

Ihrem Herrn Gemahl, daf3 mir die Durchsicht der beiden

Hefte seines op. 158 zur wahren Erquickung gereicht hat,

zu einer Erquickung, die noch weit intensiver sein wUrde,

wenn ich im Stande ware, mich an der materiellen Wirkung

der 8 Gesänge, wobel ich namentlich den "KOnigsstrand" im

Sinne habe, erfreuen zu kOnnen. - Ihnen, meine gnadige


- 122 -

Frau, darf ich wohl zu den musikalischen Texten ganz

ergebenst Glück wtinschen.

Mit den herzlichsten Grüt3en an Sie und Ihren Herrn

Gemahi, dessen Gesundheit hoffentlich recht bald wieder

hergestellt sein wird,

Ihr

ergebenster

Halle, d.23. MHrz 90.

P. Scrp

Rob. Franz.

Noch bitte ich, Ihrem Herrn Gemahi mitzutheilen, daB

in Kurzem bei Breitkopf & Härtel eine neue Ausgabe des

Wohltemperirten Claviers erscheint, die von mir und

meinem Freude Otto Dresel redigirt worden ist. Die

Orthodoxie der Historiker von Franz Kroll und Hans Bischoff,

der noch verschiedene Nachfolge zu drohen

scheint, hat dem wunderbaren Werke Formen ausgedrängt,

die eine Revision des Textes unter künstlerischen Gesichtspunkten

durchaus nöthig machen. Es sollte mich

sehr freuen, wenn wir hin und wieder die richtige Lesart

getroffen hätten.

Der Obige.

Im Närz und April ist Rheinbergers gesundheitliches

Befinden so schlecht, daB er sich bei semen Diensten

in der Hofkapelle von seinem Kollegen Ruber vertreten

lassen muB und erst am 27. April seine Thtigkeit

wieder aufnehmen kann.

Fanny berichtet an ihren Schwager in Vaduz über Rheinbergers

Befinden:

Samstag 15.111.90.

Mein lieber Peter!

Heute ist Curt zuin ersteninale über Tisch aufgestanden.

Gott sein Dank!! Allerdings in einer unbeschreiblichen

Mattigkeit und sehr melancholisch. Allein - es hätte


- 123 -

auch anders komrnen können! Jetzt geht allerdings die

schwierige Kur - was Schonung betriff, erst an. Aber,

wenn er nur erhalten bleibt, so findet er an seiner

Kunst selbst ohne äui3eren Beruf noch immer vielen Trost.

Davon zu sprechen ist jetzt noch zu friih. Dr. Quaglio,

der ihn voriges Jahr such an der Bronchitis gut behandelt

(er ist Homeopath) hat auch diel3mal wie es scheint,

das richtige getroffen. Da ich in meiner ersten Angst

sogleich an Schwester Maxentia geschrieben habe, so

bitte ich eine Deiner lieben Töchter ihr Mittheilung

über Curt zu machen und sie urn fortdauerndes Gebet zu

bitten.

Seine Ergebung und Andacht bei Empfang der hi. Sterbesakramente

die er selbst verlangt hat, war ergreifend.

Die Teilnahme ist geradezu groI3artig. Prinz und Prinzessin

Ludwig schicken jeden Tag her, such Herzog Carl

Theodor u. Andere.

Da ich doch - wegen der Pflege - dann und wann in die

Luft muJ3, besuchte ich neulich Egon in seiner Kunstschule;

woilte ihm auch Nachricht über Onkel geben. Es war

mir lieb ihn zu finden, und daJ3 er mich sogleich in sein

Atelier führte wo er allein mit einem anderen Biidhauer

an einem männlichen Kopfmodeil arbeitete. Er hatte 3/4

Profil, eine schwere Aufgabe; macht es aber überraschend

gut. Er sagte, es sei so angenehm in dieser Ruhe zu arbeiten,

da sie nur zu zweit seien. Ich glaube, daB Euch

diese Mittheilung Freude macht. /. . . /

Am 19. April 1890 meldet Fanny nach Vaduz, daB der junge

Egon Rheinberger, der Neff e des Komponisten, an der Kunstakademie

bei Prof. Eberle die Aufnahmeprüfung gut bestanden

habe und fährt fort:

Curt hat es s,ich nicht nehrnen lassen, wieder an seine

Schule zu gehen und morgen dirigirt er zum erstenmale

wieder in der Hofcapelie. Er ist sehr viel in freier

Lu it, da auch der Arzt sagte, ihn fortzuschicken würde


- 124 -

jim zu sehr bedrücken, so war ich machtlos, ihn von

seinem Beruf zurückzuhalten!

Er grüi3t Euch vielmals und gratulirt zu Egon. Ich

werde übermorgen wider zu Professor Eberle gehen und

ibm danken.

Wie hätte sich David gefreut!

Lebt wohi und seid recht froh über Egon. Die Schwestern

sollen nur recht beten, daB er bray bleibt.

Eure getreue

Fanny.

Der Musikverlag Novelle, Ewer & Co., London, tritt damals

erstmalig mit Joseph Rheinberger in Verbindung:

Herrn Jos. Rheinberger

NUn chen.

1, Berners Street, W.

London, April 24. 1890

Sehr geehrter Herr!

Wir gelangten in den angenehmen Besitz Ihres Werthen vom

20. ct. und des Manuskripts Ihrer Monologe "Zwölf Orgelstücke",

und wir danken Ihnen, dass Sie uns dieses Opus

zur Erwerbung des Verlagsrechts für England angeboten haben.

Wir haben das Vergnügen, Ihnen hiermit mitzutheilen,

dass wir Ihre Of ferte annehmen und bereit sind, Ihnen das

von Ihnen gewUnschte Honorar von 300 Mark für das Werk zu

zahien.

Nit vorzUglicher Hochachtung

Novello & Co.

Rheinbergers Mess in f-moll fand in den "Fliegenden B1ttern

für katholische Kirchenmusik" (Regensburg 1890 25.

Jg. Nr. 3, S. 27/30) eine anonyme herbe Kritik, die von

8 Gutachten ablèhnenden Inhalts gestUtzt wurde. Daraufhin


- 125 -

erschien von J.E. Habert eine Replik in der Zeitschrift

"Der Kirchenchor" (Bregenz 1890, Nr. 7 u. 8), die Stehle

für semen "Chorwächter" Ubernahm. (St. Gallen 1890, 15.

Jg., Nr. 8, S. 72/73).

Rheinberger schreibt daraufhin an Stehle:

Sehr geehrter Herr!

Herzlichen Dank für die Zusendung des mich betreffenden

Aufsatzes, der mir übrigens schon bekannt war. Es freut

mich, daB sich Manner fanden, weiche irn Interesse der

Kirchenmusik selbst die ebenso boswilligen vie einfältigen

"Kritiken" zurUckwiesen, da Ich dergleichen grundsätzlich

nicht selbst thue und auch nicht durch Andere

veranlasse. Besonderer Heiterkeit dUrfte die KornmUller'sche

Entdeckung, daB sich F-Moll nicht für em Credo

eignet, hervorrufen.

Hoffentlich hat Ihr Herr Sohn, den ich bestens grül3e, das

Musikschulzeugnil3 noch erhalten; ich habe die Direktion

wiederholt daran erinnert. Wie geht es ihrn gesundheitlich?

Mir hatte die Influenza bös rnitgespielt; hoffentlich sind

Sie in Ihrem schönen St. Gallen verschont geblieben.

Mit herzlichen Grü2en Ihr ergebener Freund

Jos. Rheinberger.

Bad Kreuth, den 14.8.90

Otto Singer (1863-1931), der sich im April 1890 urn die

durch Julius Buths Wahi zurn StEdt. Musikdirektor von

Düsseldorf freigewordene Stelle als Dirigent der Konzertgesellschaft

in Elberfeld vergeblich beworben hatte, benutzte

Rheinbergers Ernpfehlung in Köln erfolgreich:

Hochverehrtester Herr Professor!

Es drängt rnich, Ihnen zu melden, dass ich gestern in der

General-Versainmiung des Kölner MEnnergesangverelns als

Nachfolger Zöllners (einschliesslich Stellung am Conservatorium)

gewEhlt wurde.

Es waren 49 Bewerber, mit 3 kam ich in die engere Wahl

und leitete vor 14 Tagen eine Probe an Ort und Stelle.


- 126 -

Ich darf wohi ganz zufrieden sein, dass ich z.Zt. die

Elberfelder Angelegenheit nicht realisirte. Ihre freundliche

Ernpfehlung von damals habe ich mir erlaubt, bei

dieser Gelegenheit zu verwenden und bedanke mich nochmals

für Ihr mir gUtigst geschenktes Interesse. Indem

ich urn Ihr ferneres Wohiwollen bitte, verbleibe ich mit

besten Wünschen für Ihr und Threr Frau Gemahlin Wohlbefinden

und hochachtungsvollem Gruss

Ihr ergebener

0. Singer.

Heidelberg, 10.10.90.

Die erste Jahreshälfte 1890, eine für den Komponisten

ungewöhnlich lange Zeitspanne, benutze Rheinberger zur

Komposition seiner Weihnachtskantate.:. "Der Stern von

Bethlehem't nach einem Text von Fanny von Hoffnaal3. Es

ist die letzte Komposition, die das Ehepaar Rheinberger

zusammen fertigstellte, - und mit ihr brechen auch Fannys

Eintragungen in Rheinbergers Werkverzeichnis ab.

Am 23. September 1890 schreibt Fanny nach dem Ferienaufenthalt

in Kreuth an Peter Rheinberger in Vaduz:

Wir sind nun wieder in München und Curt hat seine Thätigkeit

wiefrüheraufgenommen. All meine Bitten, er mdge

sich von der Schule zurückziehen, blieben erfolgios und

er hat mich so ernstlich ersucht, ihn ganz nach eigener

Ansicht schalten und walten zu lassen, dai3 ich mich jetzt

nur mehr in das Vertrauen in Gott zurückziehen kann.

Seine Freude mit jungen talentvollen Schülern zu verkehren

und ibnen eine schöne Zukunft zu sichern, indem er

sie zu tüchtigen Kräf ten heranbildet, macht ihm seine Bürde

leicht.

Philipp Woifrum, seit 1885 Universitätsmusikdirektor in

Heidelberg schreibt an Joseph Rheinberger:


- 127 -

Hochverehrter Herr Professor,

mein Verleger Breitkopf & Härtel wird Ihnen nächster Tage

mein soeben erschienenes Buch

"Die Entstehung und erste Entwicklung des

evangelischen deutschen Kirchenliedes

in musikalischer Beziehung"

zusenden. Bitte nehmen Sie diese Frucht meiner hiesigen

Lehrthätigkeit freundlich auf.

Unter angelegentlichen Empfehlungen an Sie und Ihre verehrte

Frau Gemahlin

Ihr

stets dankbar ergebener

Heidelberg,

am 23.119O

Woifrum.

Aus den Münchener Neuesten Nachrichten Nr. 39 vom 25.1.91:

Das gestrige erste Abonnements-Konzert der Musikalischen

Akademie wurde zur Erinnerung an den vor kurzem verstorbenen

dänischen Komponisten Niels Gade mit der Ouverture

"Nachklange aus Ossian" eröffnet.

Die dritte Nummer des Programms bildete elne zum ersten

Male aufgefUhrte Suite für Orgel, Violine und Violoncell

mit Begleitung des Streichorchesters (das Letztere war im

Programm zu bemerken vergessen worden) In c-moll op. 149

von Joseph Rheinberger. Diese Komposition bildet eine wirkliche

Bereicherung der musikalischen Literatur, sie 1st eine

schöne Nachblüthe der sogenannten klassischen Periode

der Musik. Dies zeigt sich vornehmllch im zweiten Satze,

dem Thema mit Veränderungen, das in dem idealen Geiste der

Werke der mittleren Epoche Beethoven's empfunden, mit grosser

und dennoch niemals aufdringllch wirkender musikalischer

Gestaltungskraft ausgeführt 1st. Durch Frische und

Lebhaftigkeit und prächtige Klangwirkungen zeichnet sich das

Finale aus. Weniger bedeutend 1st der erste Satz, recht

hUbsch, nur zu gedehnt, die Sarabende.


- 128 -

Die Wiedergabe des Werkes war eine ganz vorzügliche. Otto

Hieber spielte den Orgelpart mit der ihm in so hohem Grade

auszeichnenden sicheren Bestimmtheit. Benno Walter entfaltete

die voile Klangschönheit selner Tongebung und grole

Wärme der Empfindung, und der Meister des Violoncells,

Franz Bennat, zeigte wiederum, wie ihm die Gabe eines bewussten

Eindringens in den inneren Gehalt. der Tongebilde

in ganz besonderem Grade zu eigen ist. Die genannten Kiinstler

wurden durch häufige Hervorrufe ausgezeichnet und es

musste zum Schlusse, dem stürmischen Verlangen des Publikums

nachgebend, auch Hofkapellmeister Rheinberger zwei

Mal am Podium erscheinen.

Bei den beiden letztgenannten Tonwerken dirigierte Herr

Konzertmeister Abel das Orchester mit der ihm eigenen Urnsicht.

Am 14. 1. 1891 schreibt Josef Rheinbergeran semen ehemaligen

Schüler Josef Renner, der damals als Musikdirektor

in Bludenz wirkte:

Lieber Herr Renner!

München, den 14.1.1891.

Ihre OrgelstUcke hätte ich Ihnen längst wieder zugestelit,

aber ich glaubte immer, daB sie gelegentlich nach München

kommen würden, um sie persönlich in Ernpfang zu nehmen.

Dieselben gef alien mir alle Zwölf - sie sind echt orgelmä2ig

und fast durchaus sorgfältig ausgefeilt. Die Widmung

nehme ich gerne an. Derartige StUcke werden am ehesten von

"Kahnt's Nachfoiger" in Leipzig, od. Leuckart in Leipzig

verlegt; Sie müssen es eben versuchen.

Die von Ihnen erwähnte Missa crucis ist die op. 151 (bei

Leuckart) - unter dem Gesamttitel aus dem Kirchenjahre habe

ich nichts publiziert. - Ich freue mich, daB SieinBludenz

musikalische Leute finden und daB Sie gerne dort sind.

Für Ihren Kirchenchor lege ich Ihneneinpaar Sachen bei.

Mit herzlichem GruBe

Ihr J. Rheinberger.


- 129 -

Auch in der Folgezeit bleibt Rheinberger mit Renner in

Kontakt. Renner übersendet Rheinberger seine Produktionen

und Rheinberger spart nicht mit Lob und Kritik.

Nach der Komposition der Weihnachtskantate "Der Stern

von Bethlehem" , mit der Rheinberger einen Höhepunkt

seines Schaffens erreicht, widmet sich Rheinberger in

den folgenden zehn Jahren besonders der Komposition von

Orgeiwerken und Messen.

Im Frühjahr 1891 arbeitet der Komponist an seiner Orchestermesse

in C-dur, op. 169, die ihn bis zum Herbst

beschäftigt, nachdem er im Winter zuvor seine 14. Orgelsonate,in

C-dur, op. 165,vollendet hatte. Der Widmungsempfänger

der Orgelsonate, Graf Lurani in Mailand, bedankt

sich mit folgenden Zeilen bei Rheinberger:

Milano, 28 gennajo 1891.

Egregio Signor Professore,

Non potai descrivere Le la lieta sorpresa che proval oggi

al ricevere la magnifica Sonata per organo, che la S.N.

ml ha fatto l'alto onore dl dedicarmi e che, naturalmente,

ho subito passata al pianoforte assleme a mia moglie, col

piu grande interesse. Non sapal davvero a qual cosa attribuire

questa prova di simpatia, che tanto mi connuove e ml

lusinga, se non a troppa bont della S.N. - La prego di

voler qui accogliere l'espressione della mia pici sincera

gratitudine!

Mia moglie ed 10 speriamo di tornare in Baviera nella prossima

estate e di essere questa volta tanto fortunati da

poter conoscere personalmente la S.N. e la gentilissima sua

Consorte.

La prego, egregio Signor Professore, di accogliere i sensi

della mia ricognoscenua e profunda stinia col quail ml dico

Devotissimo suo

J. Lurani.


- 130 -

Rheinberger schrieb damals folgendes Gutachten über die

Concert-Fantasie in As für Orgel von Eduard Stehie:

Der Componist hat hier em Werk geschaffen, weiches

einer grol3en, festlichen Stimmung Ausdruck verleiht,

indem er eine deutsche Nationaihynine (v. Kewitsch)

zu Grunde legt. Mit grol3em Geschick und bedeutender

Steigerung sind die neun Variationen, aus denen das

Werk besteht, entworf en und ausgefuhrt und werden dieselben

bei virtuoser Execution auf einer gro2ên Orgel

unzweifelhaft einen mächtigen Eindruck machen. Die

technischen Schwierigkeiten des Werkes sind allerdings

gro8, besonders im Pedalsatz - doch sind sie für den

Orgelbeflissenden lockend. Somit sei dieses Werk Stehie's

bestens empfohlen.

MUnchen 18.2.1891

Josef Rheinberger.

Dieses Gutachten erhält Stehie mit folgendem Begleitschreiben:

München, 18.2.91

Sehr verehrter Freund!

Selbstverständlich konime ich Ihrem Wunsche gerne nach

und wilnsche ich Ihrem so interessanten Werke den verdienten

guten Erfoig. Von der "Wacht am Rhein" sagte

ich nichts, da ich kein Verehrer dieser glatten, tnvialen

Melodie bin, die es nicht verdiente, zu dieser

politischen Rolle zu gelangen. Aber auch abgesehen davon,

halte ich es nicht für künstlerisch berechtigt,

zwei Melodien derselben "Tendenz" zusammen zu zwingen.

Die später auftauchende Preul3enhymne spielt nur eine

nebensächliche, nicht störende Rolle. Variation VI aber

lieBe ich weg. Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, die

hier mit dem Interesse für Ihr sonst so schönes Werk zusammentrif

ft I

Mit bestem Grul3e Ihr ergebener

Josef Rheinberger.


- 131 -

Harry P. Mawson vom Composers Club, New York schreibt

an Rheinberger:

An

Hofkapel lmeister

Professor Josef Rheinberger

in Milnchen.

13.Feb. 1891.

Sehr geehrter Herr,

Ich habe hiermit die Ehre, Ihnen mitzutheilen, dass Sie

am 10. dieses zum Ehren-Mitglied des Composers Club erwählt

wurden.

Em Abend Ihrer Musik wird am 19. März stattfinden, und

dazu brauchen wir für unser Programm elne Ihrer Photographien,

selbst unterzeichnet, wie die des Herrn Grieg's

hierbei.

Ich hoffe, dass dieser Brief Ihnen im allerbesten Zustande

und Wohi ankommen wird und erwarte beim nächsten Post

Ihren wehrten Photo zu erhalten.

Hochachtungsvoll und mit

ehrenfollen Grüssen

Harry P. Mawson.

Isidor Seiss aus Köln schrieb an Rheinberger:

14.3.1891.

Lieber verehrter Freund!

Vielleicht, dass es Dir heute Abend zwischen 8 u. 9 Uhr

em wenig in den Ohren klingt - Grund: Wir machen nochmals

Dein liebes, herziges Quintett, was wir uns ganz in

unsre Herzen hineingespielt haben; ich freue mich sehr

auf diese Wiederholung, bel der uns sicher noch manches

besser glücken wird, wie bei der neulichen ersten Auffuhrung,

wo man doch immer em wenig unruhig und zweifelhaft

ist.

Die bearbeiteten Mozart'schen Variationen habe ich erhalten,

morgen will ich sie mir genau ansehen - besten Dank

dafür! Sei herzlich und mit der wärmsten Verehrung gegrüsst

von Deinem ergebensten

Isidor Seiss.


- 132 -

Der Leiter des Heckmann-Streichquartétts schreibt an

Josef Rheinberger:

"Dem verehrten Herr Professor Rheinberger sendet das

beiliegende .Programm heutiger Auffiihrung des Kiavierquintettes

op. 114 als Ausdruck vorzuglichster Hochschätzung

mit verbindlichstem GruI3

R. Heckmann.

Coin, 27.2.91

KO in

Freitag, den 27.Februar 1891

Abends 7 Uhr

im "Isabellen-Saai" des "GUrzenich"

R. H E C K M A N N's

Fünfte Soiree für Kammermusik

unter freundlicher Mitwirkung des

KOnigi. Professors

Herrn Isodor S E I S S

Pianoforte: Isidor Seiss

Violine: R. Heckmann z. N.N

Viola: Willy Geyersbach u. Fritz Keller

Violoncell: Gustav Baldow.

Programm

Hermann W i c h m a n n : Quintett (op. 35, C-dur)

(Zum ersten Male)

L.van B e e t h o v e n : Sonate (op.l2, Nr.2, Es-dur)

Josef R h e I n b e r g e r Klavierquintett

(op. 114,C-dur)

(Neu, zum ersten Male).


- 133 -

Foigende Dankzeiien beschriftet Fanny mit dem Hinweis

im Tagebuch /TB 15,142/:

"Von der Wittwe des ersten Musiklehrer von Rheinberger

(Pöhly)", die Rheinberger laufend unterstützte.

17.4.1891.

Lieber Herr und Frau Rheinberger.

Ich kann nicht Worte finden mit der Feder niederzuschreiben,

weiche Freuden Ich in meinen Herzen endpf and, wie

ich den 15.4. Ihnen reichiiches Geschenk erhielt; und dabei

auch em Grus, der mich versichert, das Ich mit meiner

Bitte Ihnen nicht beleidiget habe; der liebe Gott wird es

Ihnen vergeiten, denn ich elite gieich in der Kirche zu

den Vergeiter alies Cute, auf meinen Knien und mit aufgehobenen

Händen, bitte der liebe Cott woile es Ihnen vergeiten

mit iangen Leben und Cesundheit, und Jenseitz mit

der unverweichiichen Krone der Barmherzigkeit; von

der Kirche elite Ich auf das Crab meines lieben Gatten,

weinte vor Freuden und sagte, meln lieber Catte, da ruth

Deine Irdische Hiele zu verwesen, mit der Du in Deinem Leben

unermiidet zum wohi der lieben Kinder und Menschen gearbeitet

hast, und Ich arme Witwe in meiner Noth noch

hilfe suchen kann, ach bitte auch Du, mein Catte, dass Er

Ihnen es vergeite, denn Du weisst, wie oft sie unsere Herzen

erfreut haben in unseren nöthen. Ich wahr durch die so

vielen freuden so viel ergriffen, das es mir unmöglich wahr

innigsten Dank auf das papir zu bringen. DHgiich bei der

Heiligen Messe iege Ich meine Bitte auf den Altar, das der

liebe Gott es Ihnen vergeite, hier, und jenseits meinen

herziichsten Dank, Sie haben mein Herz von grossen Kummer

enthoben. Ich habe vieie schiaf lose nächte zugebracht, bis

ich es gewagt habe meine Bitte Ihnen zu FUssen zu legen, es

wahr mir doch in meinem Innern, Ich soil es wagen, denn

der liebe Gott 1st es, der die Herzen der Menschen regiert;

und Ehr hat es auch gethan, sie haben Ihnen em Schatz hinterlegt

bei Cott, den kein Mad fressen kann und kein Dieb

stehien kann; der liebe Cott hat gesagt, wehr barmherzig

1st, wird Barutherzigkeit erlangen. Ehr trUgt nicht, Ehr helt

sein wort, der Glaube helt den Menschen aufrecht und tröstet

und durch das wiedersehen.


- 134 -

Ich wiederholle noch einmahl mein herzlichen Dank mit

Hochachtung

Ihr dankschuldige

Anna Pöhli Witwe. (sic).

Em weiteres Schreiben Rheinbergers an Renner lautet:

München, 24.2.1891.

Lieber Herr Renner!

Ihre Orgelstücke op. J9, die Sie mir so freundlich dedizierten,

habe ich gestern erhalten und danke ich Ihnen

vor Allem für Ihre Aufmerksamkeit. Es ist mir recht lieb,

da2 Leuckart sie verlegt, denn er ist einer der besten

und rennomiertesten Verleger. Die Stücke selbst machen

Ihnen alle Ehre; sie sind durchaus von natUrlicher Melodik

und von gutem Satze; dabei nicht sehr schwierig auszuführen,

was ich auch zu den "Tugenden" rechne - und somit

ist zu hoffen, daB sie sich verbreiten werden. Ferner

habe ich Ihnen noch für den Aufsatz der "Lyre" zu danken -

mögen die Cäcilianer eine rechte Freude daran haben! Mit

wiederholtem Danke und den besten Grti2en wie immer

Ihr herzlich ergeb.

Josef Rheinberger.

Philipp Woifrum berichtet Rheinberger über seine Tätigkeiten:

Hochverehrter Herr Professor,

ich verfolge mit der Aufführung des Pergolese gewisse

belcanto-Zwecke bei dem hiesigen Frauenchor. Nun hab

ich eine Original-Paritur in Ihrer Hof- und Staatsbibliothek

aufgetrieben. Die Bearbeitung der Orgeistimme

habe ich begonnen, ebenso die Uberarbeitung des Quartetts.

Es sind nicht bios 2 Geigen und Ba13, sondern

auch eine hEufig seibstandig gehaltene Bratsche dabei.

Das Stuck thut nach der h-moli Messe und einiger


- 135 -

neuester Musik dem hiesigen Chor und Publikum gut; es

wird sicherlich leicht begriffen und gut gesungen. Mannerstimmen

babe ich diesmal beim Kirchen-Concert nicht

zur Verfügung, sonst wlirde ich schon zum Astorga gegriff

en baben.

Bel Ihrem Orgel-Concert wird Hänlein in Mannheim den

Orgelpart übernehmen, da icb bier absolut keinen dirigirenden

Stellvertreter babe.

Morgen leite ich in Pforzheim das VI. bad. Kirchengesangsfest

mit etwas 750 tells städtischen, tells landlichen

Sangerinnen und Sangern. Ich babe das Amt seit 5

Jabren ttum Gottes willen" Ubernommen.

Haben Sie, hochverehrter Herr Professor, Dank für Ibre

freundlichen Zeilen.

Stets lhr treuergebener, dankbarer

Dr. Wolf rum.

Heidelberg, am 30.6.91.

Otto Scbmid (1858-1931) Musikschriftsteller und Kritiker

in Dresden empfiehlt sich Rheinberger als Biograph:

Mathildenstrasse 9 II Dresden, 27.111.1891.

Hochverehrter Meister!

Beim Durchiesen des Ibrem Leben und Schaffen gewidmeten

Theil des Chop'schen Werkes reifte in mir der Plan, In

einem elgenen Buche em, so weit es moglicb, erschöpf endes,

abschlie8endes Bud Ibres Entwicklungsganges wie

Ihrer Tbätigkeit als Componist, Dirigent und Lehrer zu

geben.

Speziell in biograph. Arbeiten nicbt unerfahren, glaube

icb Ibnen die Versicherung geben zu können, daf3 ich etwas

Ihres Namens Wurdiges leisten kann und leisten werde. Aufer

elner kleinen Broschüre über Thomas Thoschat (Leipzig,

Max Hesse) und zahireichen biogr. Skizzen für Zeitschriften

habe ich freilich erst em grö2eres Werkchen geschrieben,

eine bei Hünsch u. Piesler in Dresden erschienene,

aber von Publikum u. Kritik ungemein günstig aufgenommene

Biographie Edmund Kretschmars. Dafür aber babe ich die


- 136 -

Genugthuung gehabt, auf sie hin von Felix DrHseke mit

der Besteliung eines gröeren seinem Leben u. Schaffen

gewidmeten Werkchens betraut worden zu sein. - Auf Verlangen

steht Ihnen sowohi die Kretschmar-Biographie

(ich sende Ihnen dieselbe bereits mit, es ist vorderhand

mein eigenes Exemplar, werde mir aber gestatten,

Ihnen möglichst bald em soiches ganz zur Verfügung zu

stellen.) als auch den 41 Seiten umfassenden 1. Theil

der DrHseke-Biographie zur Verfflgung! - DaB ich schon

seit 7 Jahren an einem Werke über Michael Haydn arbeite,

dUrfte Ihnen auch die Gewähr geben, daB es mir nicht an

FleiB und Ausdauer fehit.

Was nun die von mir beabsichtigte Arbeit anlangt,so 1st

zunHchst mein Prinzip, die Biographie eines Lebenden

muf3, ohne in den Ton einer laudatio zu verf alien - von

einem Hauch warmer Sympathie erfUllt sein. Ich mache gar

keinen Hehi daraus, daB ich em Verehrer des Meisters

bin, dessen Biographie zu schreiben ich mir zur Aufgabe

gesteilt.

Ich gehe geradezu darauf aus, mit dem Meister im lebhaf

ten Gedankenaustausch zu stehen. Ich möchte semen

Interessen, semen Ansichten über sein eigenes Schaffen

nachspüren und so den Leser einführen in die Welt des

Denkens und Empfindens dessen, den ich ihnen näher führen

will. Im rein biogr. Theil habe ich es bislang stets so

gehalten, daB mir der betreffende Herr in kurzer Skizze,

Notizen, em eingehendes, auch kleine Einzelheiten nicht

übergehendes Bud seines Lebens entwirft - vielleicht

stückweise zugehen lHBt - und ich bei Ausarbeitung unter

Benutzung moglichst authentischen weiteren Materials aus

Zeitschriften etc. entnehme. 1st em Abschnitt fertig,

sende ich denselben zur Ansicht, Commentierung, ErgHnzung

etc. etc.

Selbstverständlich würde es mir elne hohe Ehre sein, Sie

hielten mich für wtIrdig, Ihr Biograph zu werden und daB

ich Alles daran setzen wtirde, etwas Ihres hohen künstlerischen

Rufes werthes zu leisten, brauche ich wohl nicht

besonders zu betonen.

In vorzUglichster Hochachtung und Verehrung

ergeben Otto Schmid.


- 137 -

In der Folgezeit kam es zwischenOttoSchmid (-Dresden)

und Josef Rheinberger zu einem Briefwechsel, der aber

nicht zu elnem Abschlut3 der geplanten Biographie fUhrte.

Schmid benutzte das Material, das Rheinberger ihrn zugänglich

machte, zu elnem Nekrolog, der 1902 in der

Neuen Musik-Zeitung (23.Jg., S.22ff.) erschien.

Der englische Kirchenmusiker T. Westlake Morgan, richtet

folgende Anfrage an Rheinberger, urn das von ibm geplante

Werk "Hoods" hinsichtllch der Angaben iiber Kopfbedeckung,

Gewänder und deren offizielle Benennung bei Graduierungen

zu vervollständigen:

Dear Sir,

Will you be kind enough to favour me with a brief reply

informing me whether the Munich Academy grants the Degree

of Doctor or Bachelor of Music, and if so, under what conditions?

Also whether any other Degrees are grantet by

the Academy, and whether Hoods or any academic costumes

are prescibed for graduated?

My reasons for troubling you are these: We are editing

a new ecucational work and are anxious to ascertain particulars

of all Institutions granting Degrees. Moreover

I see In Nalmann's Dictionary of Music that several composers

of eminence claim a Doctorate of Music from the

Munich Academy.

I shall be so grateful for this favour more especially as

I am myself a musician and therefore interested.

With many apologies for troubling you and awaiting the

favour of your kind reply

I am, Sir,

With profound respect,

Faithfully yours.

T. Westlake Morgan

(of Oxford & Cambridge Universities).


- 138 -

Louis W. Kelterborn (1853-1910), der 1893 in Famous

Composers, Boston,einen biographischen Artikel von betrchtlicher

Breitenwirkung über Josef Gabriel Rheinberger

verfa2te, schreibt damals über seine ersten Varsuche

als Biograph des Komponisten:

17.July 1891.

Hochverehrter Herr Professor

Mit Kreuzband erhalten Sie gleichzeitig mit diesem Brief e

eine Nurrnner des New Yorker Belletristischen Journals, wohl

der gediegensten deutschen Zeitschrift Amerikas, worm sich

em Aufsatz von mir befindet, der Ihnen und Ihrer künstlerischen

Wirksamkeit gewidmet ist. Ich habe demselben nichts

beizufUgen als den Wunsch, Sie möchten diesen bescheidenen

Versuch, unserm hiesigen Leserkreise em Bild von Ihnen zu

entwerfen, freundlich aufnehmen, nachsichtig beurtheilen,

und vor allem davon überzeugt sein, dass er der aufrichtigstan

und herzlichsten Sympathie entsprungen ist, die ich

für so manches Ihrer vielen schönen Werke hege.

Aus der Ueberschrift ersehen Sie, dass der Aufsatz die Fortsetzung

einer langeren Serie ähnlicher Skizzen ist, Ihre

Vorgängerdarinwaren: Stockhausen, Cl. Schumann, Rob. Franz,

Henselt, F. Lachner, Reinecke, Kirchner, Lassen und Fritz

Hegar.

Im berühmten Cholera-Winter 1873/74 war ich als Student an

der Universität München, kümmerte mich damals aber schon vorwiegend

urn Kunst, Theater und Musik. Damalsverkehrte ich

auch fast täglich im Hause des Herrn Prof. und Conzertmeisters

Abel, der einst in gleicher Stellung eine Zierde des

Musikiebens meiner Heimath Basel gewesen war, von wo auch

seine Frau Gemahlin statnmt. Seit der Zeit ist mir München,

wo ich geistig so ungemein viel profitirt habe, fast so lieb

wie eine zweite Heimath. Soilten Sie meine dortigen Freunde,

die lieben Abels, sehen, dann bitte ich Sie, dieselben aufs

Herzlichste von mir zu grüssen. Die Erinnerung an das schöne

Zusammensein mit ihnen, sowie den ganzen Aufenthalt in München,

kann ich hier im fernen Boston auf das Beste auffrischen,

wenn ich ab und zu Gelegenheit finde, die lieben Baermanns in

Newton zu besuchen, wo jede einzelne Stunde die Unterhaltung

anregt und Genuss bringt.

Nochmals bitte ich um nachsichtige, freundliche Aufnahme rneines

Aufsatzes, den ich nur darum so frei bin, Ihnen zuzusenden,


Wien IV. Pressgasse 26.

- 139 -

weil er als em Gruss aus so weiter Ferne vielleicht eine

kleine Ueberraschung bereitet, und fUge noch bei, dass ich

vor einiger Zeit mit dern kleinen deutschen gemischten Chore

"Fidelio" Ihren prächtigen "König Erich" mit schönstem

Gelingen in einern Konzert aufgefUhrt habe, und schliesse

mit der Versicherung meiner aufrichtigen herzlichen Verehrung

und des innigsten Dankes für manche Ihren Werken

zu verdankende genussreiche Stunde als Ihr

ganz ergebener

Dr. Louis Kelterborn.

Theobald Kretschmann (1850-1919), Kirchenmusiker und Kapellmeister

an der Votivkirche in Wien, schreibt Anfang August

1891 an Josef Rheinberger:

Hochverehrtester Meister!

Im Auftrage des Kirchenmusikvereins an der Votivkirche

stelle ich die Gradualien (Alleluja, Tractus, etc.) und

Offertorien für das ganze Kirchenjahr behufs einer Herausgabe

zusammen, u.zw. komponirt von den berufensten TonkUnstlern

der Gegenwart. Darf ich sie, hochverehrter Melster,

im Interesse und zur Zierde des Ganzen auch urn elnen

Beitrag zu dieser Riesenarbeit ganz ergebenst bitten? Ich

habe bereits sehr erfreuliche Zusagen erhalten und hoffe,

auch von Ihnen hochverehrter Meister, em Kleinod zu erhalten,

urn das ich auch recht sehr bitte!

Die betreffenden Einlagen sollen a capella oder mit Orgelbegleitung,

2,3,4,5 oder 6-stimmig sein, auch schwächeren

Kirchenchören zugängl ich.

Ihre herrliche F-moll Messe und die in G,op. 151,sind unsere

RepertoirestUcke und laben wir uns stets an diesen

echt kUnstlerischen Werken.

Indem ich Sic, hochverehrtester Meister, bitte, unser Bestreben,

eine Sannnlung wirklich berufener Komponisten zusatnmenzubringen,

gUtigst unterstUtzen zu wollen, zeichne

ich mich als Ihr warmer Verehrer, ergebenst

Theobald Kretschmann.


- 140 -

Handschriftlicher Zusatz von Fanny Rheinberger:

Das Graduale für Quinquagesima componirt und zum Abdruck

gesand. Kreuth, 6. August 1891.

Theobald Kretschmann bedánkt sich mit folgenden Zeilen:

Hochverehrtester Meister!

Herzlichen Dank für die Zusendung des Graduale, es ist

em Juwel, das der Sammiung zur grössten Zierde dienen

wird. Gerade nach diesem Style fahnden wir - warum soil

sich die Kirchenmusik vor lauter liturgischer Richtigkeit

verzopfen?

Bis jetzt haben mir 28 hervorragende KUnstler zugesagt -

doch ist das zu bewältigende Material em riesiges!

Mit nochmaligem, ergebensten Dank und in inniger Verehrung

Theobald Kretschmann

Kapeilmeister a.d. Votovkirche.

Wien IV., Pressgasse 26.

J.G. Eduard Stehie schreibt nach der Aufführung der von

den orthodoxen Cäcilianern hart kritisierten f-moll-

Messe an den Komponisten:

Herrn Hofkapellmeister St. Gallen, 20. Sept. 91

Prof. Jos. Rheinberger (eidgenoss. Bet tag)

München.

Hochverehrter Herr!

Herrlich und prchtig, weihevoll, würdig klingt Ihre neue

Haberi dedizirte Messe in F-moll. Habe sie gestern ersttrials

aufgefUhrt; sie hat wunderbar schöne, musikalisch

interessante Stellen und hat die Sanger begeistert, wie

die Hörer ergriffen (an diesem Tage gehen Viele in die

Kirche, die man sonst nie sieht, und die viel gute Musik

hören).

Ich gratulire zu diesem treff lichen Werke ailerbestens!

Von meinem Sohne Eduard die besten GrüI3e - er war jetzt


- 141 -

den dritten Sommer in Arosa und hat soweit gekräftigt,

dat3 er im Spätherbst eine Stelle antreten wird.

Mit hochachtungsvollstem Grul3e empfiehlt sich

Ihr

ganz ergb.

Stehie.

Rheinberger hatte damals seine Messe op. 169 fertiggesteilt

und antwortete Stehie:

MUnchen den 27.9.91

Sehr verehrter Freund!

Meinen besten Dank für Ihre Sendung. Vor Allem spreche

ich Ihnen meine Freude über die Genesung Ihres Herrn

Sohnes aus, der eine so trUbe Zeit durchzumachen hatte -

gewif3 ist dem Papa hledurch auch eine schwere Sorge vorn

Herzen! Ihre Werthschätzung meiner f-moll-Messe freut

mich umsomehr, als dieselbe von einer gewissen caecilianischen

Partel unerhörte Verunglimpfungen erlitt, die

mich zwar vollständig kUhi 1ie1en, aber Herrn Haberl

(dern die Messe dedizirt 1st) sehr peinlich berUhren

mu1te.

Herr Haberl hatte seinerzeit die Aufmerksamkeit, mir

seine Frescobali-Ausgabe zu widmen, was ich durch obige

Dedication erwiderte. Das zog ihm von Seite einer Anzahi

seiner Vereinsgenossen die grö6ten Unanehmlichkeiten

zu - unglaublich aber wahr

Die von dem Einsender der Zeitungsnotiz gewünschte Instrumentalmesse

1st eben fertig geworden; ich mul3 mich

aber fast bedenken, sie jemand zu widmen, da das mit Gefahr

von jener Seite verbunden ist.

MIt den besten Wünschen für Ihr Wohisein und herzliche

GrUBe an Ihren Sohn Ihr hochachtungsvoll ergebener

Josef Rheinberger.


Stehie antwortet:

- 142 -

Hochverehrter Herr Hofkapellmeister!

Herzlichsten Dank für Ihre frdl. Zeilen und liebevolle

Theilnahme an Eduards Befinden; derselbe läl3t schönstens

grül3en und danken, ganz weg ist das Leiden noch

nicht, aber sehr gebessert!

Die Nachricht von der Fertigstellung einer Instrumentalmesse

hat mich hoch erfreut und Hunderten anderer

Musiker wird's auch so gehen, hoffentlich wird sie bald

erscheinen.

An Ihrer Stelle wilrde ich dieselbe Sr. Eminenz dem Kardinal

Rampolla, Präfekt der Riten-Congregation, dediziren,

dann müssen die einseitigen, fanatischen und unduldsamen

Kirchenmusikalischen Hetzkapläne mit ihrer

Zehntels-Bildung, die gegenwärtig durch die Lageder

Dinge den Markt beherrschen, anständigerweise stillehal

ten.

Hat es doch die Grazer Versammiung nicht gewagt, gegen

die Schundmesse der Baronin v. Bauduin Stellung zu nehmen

- weil sie dem Pabst dedizirt ist. Da haben wir das

"Courage" dieser Helden!

Mit vorzuglicher Hochachtung und freundlichsten Grüf3en

von mir und Eduard

Ihr ganz ergebenster

Stehle.


- 143 -

Wilhelm Speidel (1826-1899), Dirigent in Stuttgart,

bittet Rheinberger urn dessen Mitarbeit an einer Bach-

Ausgabe bei Cotta gegen em Honorar von 300 Mark und

schreibt:

Hochgeehrter Herr College!

Im Auftrag von Cotta Nachfolger werde ich eine Instruktion-Ausgabe

von Bach: 2 und 3 stimmige Inventionen und

das Wohitemperierte Clavier bearbeiten. Dabei soll ich

nachdemWunsche des Geh. Komrnerzienraths Kröner, dem

Chef von Cotta Nachfolger, mir einen Mitarbeiter auswählen.

Da nun Bach's Claviercompositionen mir aus der Orgel

herausgewachsen scheinen, so erlaube ich mir, mich an

einen hohen Meister dieses Instruments, an Sie, hochgeehrter

Herr, zu wenden urn bei Ihnen anzufragen, ob Sie

nicht die Mitarbeiterschaft Ubernehrnen woilten.

Es wilrde Ihnen nach meinern Vorschlag an der Bearbeitung

zufallen:

Die Bezeichnung, welche sich auf die verschiedenen Emtritte

beziehen, als Therna, Engführung usw. in Abkurzung

angedeutet und

Die getreue Feststellung der richtigen Lesart, welche

sich auch auf die Verzierungen auszudehnen hätte.

Mir fiele die rniihsarne Arbeit der Fingersetzung und Phrasierung,

sowie die Angabe der Vortragszeichen, des Metronoms

und der verschiedenen dynarnischen Zeichen zu.

Für Ihre Arbeit sind 300 Mark ausgesetzt. Als Urtext

stehen die Ausgaben von Czerny und was das wohitemperierte

Clavier betrifft, auch die von Kroll zur Verfugung, in

weiche die Corecturen eingetragen werden.

Beiläufig gesagt, rnöchte Sie Hr. Kräner auch als Herausgeber

für eine Orgelantalogie gewinnen.

Auf eine baldige geneigte Antwort bittend, verbleibe ich

mit den freundlichsten Empfehlungen an Ihre verehrte Frau

Gernahlin Ihr Sie hochverehrender und hochachtungsvoll ergebener

Wilh. Speidel.

Dazu handschriftlicher Vermerk von der Hand Fannys:

"Abgel ehn t".


- 144 -

Rheinbergers Gattin Franziska, die bis dahin liebevoll

die häuslichen Angelegenheiten des Komponisten, seine

Korrespondenz und sein Werkverzeichnis geregelt hatte,

wird von einem rheumatischen Leiden immer wieder aufs

Krankenlager geworf en. In den Briefen häuf en sich die

Hinweise darauf, daf sie an ihre Genesung selbst kaum

mehr glaubt.

Am 27.10.1891 schreibt sie nach Vaduz:

I...!

Ich ergebe mich jetzt so ziemlich der Rube - und soilte

doch viel arbeiten. Aus America, Norddeutschland etc.

kommen so of t Anfragen nach Lebensbildern von Curt, und

meist werden diese Anfragen an mich gerichtet; allein

Curt hat einen Widerwillen gegen alles Veröffentlichen,

was sein eigenes Leben berührt und meint, wenn er emmal

gestorben sei, könnten sie ihn sieden oder braten.

Dennoch babe ich begonnen, alles Material zu sammeln,

was sich auf ihn bezieht, Bilder der Heimath, Portraits

der Familie und seiner Schüler, damit Alles einmal "schön

beisammen" ist, wenn ich abfahre. I. . .1

Rheinbergers Brief e an seine zahireichen ehemaligen

Schüler - mehr als 500 waren es damals schon - sind zuweilen

von lapidarer Kürze. Zu Renners Hochzeit versendet

er folgenden Gratulationsbrief:

München, 28. 10. 1891.

Lieber Herr Renner!

Meinen herzlichsten Glückwunsch Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin!

Im Jahre 1849 verkehrte und musizierte ich häufig

in dem Hause Franz Ganahi, daher mir, obschon ich damals

erst 10 Jahre zHhlte, der Name in bester Erinnerung blieb.

Ferner habe ich Ihnen zu danken für Thre liebevolle Besprechung

meiner Kirchenmusik, die mir Forberg zusandte.

Mit wiederholten besten Wünschen

Ihr herzl. ergebener

Jos. Rheinberger.


- 145 -

Josef Renner schreibt am 13.11. zurUck:

Bludenz, 13.11.91.

Hochverehrter Herr Professor!

Noch ganz von dem freundlichen Empfange erfüllt, den

Sie mir bei meinem Besuche in München zu Theil werden

lief3en, erlaube ich mir, Ihnen ,. als. kleines Zeichen

meiner steten Anhänglichkeit, meine neuesten irn Druck

erschienenen Versuche zu Ubersenden. Da ich bei meiner

Unreife des Rathes noch gar sehr bedarf, ware ich Ihnen,

verehrtester Herr Professor, für etwaige Winke oder Ausstellungen

sehr dankbar.

Wie Sie mir mittheilen, und wie ich auch zu sehen Gelegenheit

hatte, legen Sie von Ihrer Instrurnental-Messe

elne neue Partitur an. Solite die alte Partitur vielleicht

dadurch überflUssig werden oder gar die Zerstörung

derselben in Aussicht stehen, so wage ich die Bitte,

mir in diesern Falle, d.h. wenn meine Annahme sich als

richtig erweist, die Partitur zu überlassen. Nur durch

die hohe Verehrung, die ich Ihren Werken zolle, glaube

ich, diese verwegene Bitte einigermaBen rechtfertigen

zu können.

Indem ich nochmals für die herrliche Bearbeitung der

Mozart-Variationen meinen innigsten Dank ausspreche, und

urn nachsichtige Beurtheilung meirier beiden Versuche bitte,

verbleibe ich

Ihr stets ergebener

Sie innigst verehrender

SchUler

Jos. Renner jun.


- 146 -

Am Jahresende schreibt der Komponist an Peter Rheinberger

in Vaduz:

München den 28. 12.91

Mein lieber Bruder!

Gewöhnlich fallen Einem die Brief schulden in den letzten

Tagen des Jahres am schwersten auf-so auch mir. Es kann

mich nur der Gedanke entschuldigen und trösten, daIs meine

Frau eine fleil3igere und bessere Korrespondentin ist. -

Egon war am Weihnachtsabend und gestern Mittag bei uns;

er scheint fleiBig und strebsam zu sein. I... /

Deiner lieben Frau und den tDrei Schwestern" alles Liebe

und Schöne zum neuen Jahr.

Da13 wir uns gegenseitig das Beste wünschen, 1st ja selbstverständlich

- und somit wollen wir sehen, was uns das

neue Jahr 1892 bringt!

Mit den herzlichsten GrUI3en Dein Bruder

Jos. Rheinberger.


- 147 -

Auch in Moskau werden Rheinbergers Werke aufgefUhrt.

Johannes Bartz, seit 1872 Organist an der Petri-Paul-

Kirche in Moskau, schreibt an Rheinberger:

Herrn

J. Rheinberger

Konigl. Hofkapellmeister

Hochverehrter Meister.

Zugleich mit diesem Schreiben geht an Ihre werte Adresse

em Programm und musikalisches Referat der Moskauer Deutschen

Zeitung unter Kreuzband ab. Aus beidem ersehen Sic,

Herr Kapeilmeister, dass am 2. März Ihr herrliches Werk

"Montfort" unter meiner Leitung hierselbst zur AuffUhrung

gelangt ist.Es ist mir em Herzensbedürfnis, dem Schöpfer

dieses poesievollen Werkes mitzuteilen, dass der 115 Menschen

zählende Chor, bestehend aus Mitgliedern der hiesigen

deutschen Kolonie, mit wachsender Begeisterung die

Chore zu "Montfort" studirt hat, und dass im Konzert das

ganze Publikum von dieser Tondichtung hingerissen gewesen

is t.

Der Wunsch nach Wiederholung dieser Aufführung ist em allgemeiner.

Im Namen meines Chores und der Solisten, sowie aus eigenem

Herzensdrange sage ich Ihnen, verehrter Meister, Dank für

die Schopfung dieses Werkes. Gott erhalte Sic uns lange in

alter, frischer SchOpfungskraft.

Ihr sic herzlich verehrender

J. Bartz

Noskau, d.5. MHrz 1892.

Organist a.d. evang. luth.

St. Petri-Pauli-Kirche.


- 148 -

Bludenz, 16.111.92.

Hochverehrter Herr Professor!

Gestatten Sie mir, da2 ich Ihnen zum herannahenden Namensfeste

meine aufrichtigsten ClUck- und Segenswilnsche

übermittle. Möge Sie der liebe Gott zum Segen wahrer

Kunst noch recht oft dieses schöne Fest erleben lassen!

Da ich eben vom StudiumIhrer Kiavier-Orgel (ist No. 15

schon erschienen?) und Kirchenwerke zu dem der Orchesterwerke

ubergehen möchte, so ware ich für geneigte Auskunft,

wo die Partituren von op. 10, 18, 79, 87, 94, 139, sowie

der Quartette op. 89 und 147 erschienen sind, sehr dankbar.

Auch wtirde mich sehr interessieren, ob die Instrumental-Messe

und wo?schonherausgekommen ist.

In meiner Einsamkeit, wo ich soviel wie gar keine Gelegenheit

habe, Musik im edeisten Sinne des Wortes zu hören,

bin ich ganz auf das häusliche Studium angewiesen. Zum

GlUck ist meine liebe Frau mit einer sympathischen, youtönenden

Altstimme (bis f) begabt, und so können wir wenigstens

das groBe Gebiet des einstimmigen Liedes uneingeschrankt

pflegen. Von Ihren Liederhef ten singt sie mit

Vorliebe op. 41, 55, 136 und 157. Die Liederhefte op. 4,

22, 26, 57, 128 sind mir leider ihrem Verleger nach nicht

bekannt.

Die Kousine meiner Frau, M. Theimer in Reichenberg, Böhmen,

eine ausgezeichnete Pianistin, spielte jUngst in einem

Konzert Ihre schöne Klaviersonate op. 99, worUber sich die

Kritik sehr anerkennend äuBert. Von den Marianischen Hymnen

besitze ich bis jetzt 4 Nummern, solite inzwischen elne

neue herausgekommen sein?

In der Votivkirche in Wien, wo bekanntlich jetzt für Wien

die beste Kirchenmusik anzutreffen ist, kommen in diesem

Jahr 2 Of fertorien von meiner Arbeit, Reges Tharsis und

Scapulis suis, zur Uberhaupt ersten Auffuhrung. So unbedeutend

dies an sich ist, mir war es doch em sUl3er Trost in

meiner Weltabgeschiedenheit und em neuer Antrieb für weitere

Versuche meines schwachen Talentes!

Doch, verehrter Meister, entschuldigen Sie, dal3 ich es

wieder gewagt habe, Ihre kostbare Zeit so in Anspruch zu

nehmen. Es drangt mich eben dazu, mich Ihnen von Zeit zu

Zeit zu nahen, Ihnen, zu dem ich so verehrend und dankbar


- 149 -

aufblicke, aufs neue meine Liebe und Anhänglichkeit zu

bezeigen.

Meine Segenswünsche wiederholend, bin ich Ihr sehr ergebener

SchUler

Josef Renner jun.

Em weiteres Mal meldet sich Johannes Bartz aus Moskau:

Moskau, d.19. März 1892.

Hochverehrter Meister.

Es hat elnige Tage gedauert, ehe Ihre freundliche Gabe

als Drucksache mir aus der Censur zugesteilt wurde. Jetzt

bin ich im Besitze des Clavierauszuges thres letzten Werkes.

Ich freue mich darauf, dasselbe mit Musse durchstudiren

zu können. Mit Ihren geehrten Zeilen und Ihrer liebenswurdigen

Gabe, die durch Ihre Dedidaktion einen urn so

höheren Wert für mich hat, haben Sie, Herr Professor, mir

eine grosse Freude bereitet. Ich werde Beides als em

teures Andenken in Ehren halten. Urn Ihren Auftrag an rneinern

Chor und die Solisten zu erfUllen, habe ich Ihren werten

Brief in unserer hiesigen deutschen Zeitung veröffentlichen

lassen, was aliseitig freudige Erregung verursacht

hat.

Nehrnen Sie, Herr Kapelimeister, meinen warmen Dank entgegen

für die mir durch thre geehrten Zeilen und durch Ihr

Geschenk bereitete Freude, und haben Sie die Güte, threr

hochgeschEtzten Frau Gemahlin den Ausdruck meiner Hochschätzung

zu tibermittein.

In dankbarer Verehrung

Ihr sehr ergebener

J. Bartz.


- 150 -

Am Karsamstag schreibt Fanny an Peter Rheinberger und

seine Frau in Vaduz:

München den 16. April 1892.

Mein lieber Schwager und Schwägerin!

Lange haben wir von Euch nichts mehr gehört, aber innigen

Antheil genoinmen an dem groi3en Brand in Sevelen, der euch

gewil3 recht erschreckt hat.

Nun sind für andere Menschen die Osterferien; Curt hängt

aber so an seinem Berufe, daJ3 er die Charwoche "tapfer"

durchmach t!

Eine grof3e Anstrengung zwar. Jetzt hat er noch Ostersamstag,

dann die Ritterfeste des Georgs Ritter-Ordens in Uniform

zu dirigiren. Dann endlich kommt eine kleine Pause.

Egon kommt selten. Doch habe ich ihn vorgestern aufgesucht,

nicht getroffen, aber gehärt, daJ3 ex fleii3ig sei. Gestern

habe ich ihn begegnet und übermorgen hoffe ich ihn zu Tisch

zu sehen, wenn meine drohende Halsentzündung nicht ausbricht.

Diese - mit Gelenkschmerzen in Verbindung tretende

Krankheit flöl3t mir immer einen gelinden Schrecken em.

Meine Gedanken gehen dann weiter ... was aus Curt wird,

wenn einmal die groi3e "Anderung" im Leben eintritt?!

Man muf3 in Allern auf Gott vertrauen und ich denke, daB

dann doch eine der Nichten ihrn vielleicht helfen wird.

Freilich ist er sehr ernst und läI3t sich wenig einreden;

aber der gute Wille wird dann schon das man geinde Können

oder Verstehen ersetzen.

Gegenwärtigquältmicheine gewisse Bangigkeit und Entschluf3losigkeIt,

eine man gelnde Energie, die sonst meinem

Wesen nicht eigen war. Es hngt diel3 wohl mit den Nerven

zusammen, die doch schon viel mitgemacht haben.

Wie geht es Euch Allen? Sind die Mädchen vergnügt? 1st

auch Herr Landesverweser gegenwärtig in Vaduz? Gewiss hat

Deine liebe Frau wieder enorm viel gethan für die Sevelener.

Sie ist ja so gut und aufopferungsfähig. Gestern

ist die Mutter von General von Schelborn nach langen Leiden

gestorben! Sie war 85 Jahr alt.

Curt hat Dir einmal geschrieben, hast Du semen Brief erhalten?

Leider habe ich jetzt am linken Auqe eine Schwache,

weiche mir andauernde Beschäftigung verbietet. ,Tch

glaube, daB dieser eigenthürnliche Druck mit dem Gehirn


- 151 -

zusammenhängt; wenigs tens babe ich rückwärts am Kopf

of t recht stechende Schmerzen.

Mag sein, daB es eine schleichende Influenza isa. Die

Mädchen werden doch hie und da für ihre Tante beten!!

Em Bildhauer sagte mir, daf3 Egon eine ausgezeichnete

StylkenntniBderGotikhabe.Erist überhaupt lieb und

in seiner Selbstständigkeit sehr originell.

Das herrliche Frühlingswetter mui3 in Vaduz bezaubernd

gewesen sein. Unser "Montfort" liegt mit Beschreibung

und Photographie des Schiosses Vaduz gegenwärtig in

Partitur auf der grol3enWienerMusikausstellung. Es

ist diei3 em musikalisch- poetisches Denkmal unserer

geliebten Heimath. Ware es nur nicht so weit weg von

München - so nab wie Starnberg ... welch em Trost,

welche Freude.

Addio - Ihr Lieben Alle! Es grül3t Euch innig

Eure Fanny.

Rheinberger dirigierte in der Karwoche und zu Ostern

1892 folgendes Programm während der Liturgie in der

Allerheiligen-Hofkirche in MUnchen:

GrUndonnerstag 14.April: Messe in d-moll Rheinberger.

Tenebrae Haydn.

Dextera Aib linger.

Matutin Palestrina.

Benedictus Handl.

Miserere Rheinberger.

Karfreitag 15.April: Passio Vittoria.

Adoramus II Perti.

Popule Vittoria.

Vexilla Aiblinger.

15.April: Matutin Palestrina.

Benedictus Lachner.

Stabat Palestrina.

Karsamstag 16.April: Gloria,Sanct. ,Bened. in F, 8st.

Ett.


- 152 -

Laudate Pitoni.

Magnificat Pitoni.

Complet.

Auferstehung.

Ostersonntag 17.April: Messe Siciliani.

Terra tremuit Rheinberger.

Jubilate Orlando.

Vesper.

Ostermontag 18.April: Messe in D Mozart.

Jubilate Orlando...

In Deo:sperávit Rheinberger.

(zum 1. Mal)

Casimir Meister, schweizer Komponist,berichtet aus Paris:

Paris, le 5 Mai 92.

Mein sehr geehrter Herr Rheinberger,

Ich schreibe Ihnen heute im Momente des soeben stattgefundenen

Conzertes im Trocadro in Paris (Orgelconzert

v. Guilmant). Ich habe Ihnen zur Zeit gesagt, daB Ihre

Suite op.i49 wahrscheinlich zu Gehör kommen werde und

das war heute nun der Fall.

Ich habe dIeselbe schon in MUnchen einmal gehört und

verfolgte ich sie diesmal mit besonderem Interesse. Von

der Aufführung kann ich Ihnen nur Gutes sagen. Die Solopartien

lagen in den Händen der H. Guilmant, Bennequin

und Baretti, und jeder Satz wurde mit einem Beifallssturm

begrtiBt; das Thema mit den Variationen war besonders

gtinstig ausgefallen, das Orchester hat semen begleitenden

Tell sehr mustergtiltig durchgeftihrt. Ich kann

Ihnen nur bestätigen daB op.149 in Paris semen volist.

Erfblg erzielt hat und gratuliere ich Ihnen noch besonders

fUr diese schöne Composition!

Ich bleibe noch hier bis Nitte Juli und trachte dann in

die Schweiz zurtickzukehren urn mich sozusagen festzusetzen;

will Gott, daB ich in rneiner Lebensbahn reussire. Am 30.

April spielte ich hier in einem NBnnerchorkonzerte unter


- 153 -

anderem eine Rhapsodie v. Brahms und Ihr Waldmärchen

op. 8 mit gutem Erfoig; Correspondenz erfolgte in einigen

Pariser und Schweizer Zeitungen.

Ich schlief3e, Ihnen noch bestens dankend für Ihren letzten

Brief und empfehle mich fürderhin Ihrem recht wohiwollenden

Angedenken

Ihr ergebener Schüler

Casimir Meister.

6 rue Bervic 6

Paris.

PS: Ich lege Ihnen eine durftige Copiedes Programmes bei,

habe em solches nicht doppelt bekommen können, vielleicht,

daI3 Ihnen H. Guilmant noch schreibt.

Josef Renner steht weiterhin mit Rheinberger in engem

Kontakt.

Er schreibt:

Bludenz, 7.Mai 1892.

Hochverehrter Herr Profel3or!

Noch hatte ich meinen Dank für Ihre neueste, herrliche

Orgelsonate, weiche Sie die Cute hatten, mix zu übersenden,

noch nicht ausgedruckt, da ich Sie nicht zu oft

belästigen woilte, als Sie mir neuderdings durch das

wunderzarte, weihevolle "Ave regina" eine grof3e, unerwartete

Freude bereiteten.

Als mir die Post dasselbe überbrachte, war ich eben mit

dem Studium einer Ihrer Orgelsonaten beschaftigt, da

ich nämlich, angeregt durch Ihre unvergänglichen Schopfungen

auf diesem Gebiete (die, wenn ich so sagen darf,

mein tägliches Brot geworden sind), die Kühnhelt habe,

eine Orgelsonate zu versuchen. Den ersten Satz habe ich

glücklich fertig und werde ich mir erlauben, nach Vollendung

des Ganzen Ihnen, verehrter Herr Professor, dieselbe

zur Durchsicht vorzulegen mit der Bitte, Fehier

und MEngel der Form wie des Inhalts unbarmherzig anzuzeichnen.


- 154 -

Solite Ihre Instrumentalmesse unterdessen erschienen sein,

so ware ich für Angabe des Verlegers sehr dankbar!

Und nun nochmais meinen innigsten Dank für die übersandten

Werke, sie bilden mit den schon frUher erhaltenen den schönsten

Schmuck meiner Bibliothek und ruf en die ungemein wohituende

Empfindung in mir wach, dal3 Sie sich noch nach Jahren

Ihres Sie stets verehrenden Schüiers erinnern.

Mit den besten, herzlichsten GrUBen von meiner lb. Frau und

mir bin ich

Ihr stets dankbarer Schüler

Jos. Renner Jun.

Rheinberger antwortet:

München 25.6. 1892.

Lieber Herr Renner!

Ihre Sonate habe ich mit Interesse durchgesehen und finde

einen gröl3ern Zug darin, als in frUhern Sachen; das ist gut.

Aber in Bezug auf Reinheit und Sorgfältigkeit des Satzes

bleibt manches zu wlinschen; schlechtkiingende Verdopplungen,

ungeschlachte Auflösungen, plumpe Verdopplungen, ja falsche

Vorhaite finden sich häufig. Also mehr, viel mehr Sorgfalt

in der Ausarbeitung! - Ich habe wegen schwerer ErkrankUng

meiner Frau eine bose Zeit durchgemacht, doch geht es jetzt

besser. - op. 168 ist Sonate Nr. 15 in D für Orgel. - 169

die Messe f. Chor, Soil, Orchester, weiche dieser Tage bei

Leuckart erscheint. 170 sind 8 Lieder für gem. Chor, op.

172 eine neue Messe für Männerchor und Orgel - op. 167 zwOlf

Meditationen f. Orgel.

Hoffentlich geht es Ihnen und den Ihrigen gut.

Mit herzl. GrüBen

Ihr ergebener

Jos. Rheinberger

(in groler Eile.)


- 155 -

Rheinbergers Einkotnmen geht aus nachfolgender Mitteilung

Perfalls hervor:

Direction

MUnchen 27. Juni 92.

der

Königlichen Musikschule

Betreff: Die Revision der Gehaltsnormen für die pragmatischen

Staatsdiener.

Gemä2 einer Entschliel3ung des k. Staatsministeriums des

Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten vom 21. als

No. 9222 im bezeichneten Betreffe sind Ihre Gehaltsbezüge

vom 1. Januar 1.Js. ab in folgender Wèise festgesetzt:

4800M./viertausend achthundert Mark Gehalt,

420 M./vierhundert zwanzig Mark Wohnungsgeldzuschut3.

Die Kasse der k. Musikschule ist angewiesen, die entsprechenden

Auszahlungen'unter Bekanntgabe der aus Anlal3 der

Erhöhung der BezUge treffenden Staatsgebühren vorzunehmen.

Baron Perfall

An Herrn Josef Rheinberger.


- 156 -

Rheinbergers Verbindungen zum Rheinland führten immer

wieder zu Kontakten mit den rheinischen Musikern, die

die Werke des Liechtensteiners gerne und häufig aufführ

ten.

Interessant ist, dal3 die beiden bekanntesten Oratorien

von Rheinberger und Bruch die beiden Komponisten anlä8lich

der kurz aufeinander folgenden Aufführungen in

Köln erstmals, wenn auch nur indirekt, in Kontakt brachten.

Rheinberger dirigierte am 23. Oktober 1883 semen

"Christoforus" auf Elniadung Ferdinand Hhllers im ersten

Gürzenich-Konzert. Vier Wochen später leitete Max Bruch

im gleichen Rahmen semen "Odysseus", und zwar am 20.

November 1883. Auf diese Weise wurden beide Komponisten

zu Konkurrenten,und Bruch bemühte sich eifrig, die gleichen

günstigen Voraussetzungen für gem Werk zu schaffen,

die Rheinberger zuvor geboten wurden. So schrieb er, der

stets über die kulturellen Ereignisse in Köln informiert

war, an Ferdinand Hhller: "Ich lese eben in der Köln. Zeitung,

daf eine ... Extra-Probe Sonntag Morgen im gro2en

Gürzenich-Saale für Rheinberger's, 'Christoforus' stattfindet.

Ware eine ähnliche Probe nicht auch für den heldnischen

'Odysseus' zu ermoglichen?"

Rheinbergers Kölner Dirigentendebüt verlief äu2erst zufriedenstellend.

Als Abschiedsgeschenk verehrte der MUnchner

Meister der Kölner Concert-Gesellschaft em "Goldenes

Buch", das dem Verein fortan als Chronik diente.

Bereits am 13. Dezember des gleichen Jahres erkundigte

sich Rheinbergers Gattin bei Ferdinand Hiller: "Haben

Sie Bruch und Grieg in unsere Chronik eingeschrieben?

Warurn sang Frau Bruch nicht?" Hiller antwortete darauf:

"Ihr prachtvolles Archhvbuch hat einen brillanten Winter

hinter sich, Rheinberger, Bruch, Grieg, Scholz, Whlhelmj,

und jetzt noch Brahms!" Auf diese Weise wurden die Konservativen

wenigstens chronologisch vereint.

Bruch war damals an Kontakten mit Rhemnberger weniger

interessiert, verstEndlich, er reiste im Jahre 1883 als

Dirigent zwischen Rul3land und Amerika. Trotz fehienden

Interesses von seiten Bruchs blieb Rheinberger dem Kollegen

wohlgesinnt, mehr noch, er scheint sein Schaffen

aufmerksam verfolgt zu haben. Längst war er sich im kiaren,

da1 Bruch dem Wagnerschen Werk ebenso wie er selbst


- 157 -

kompromil3los gegenUberstand. Der Grund hierfür war bei

Bruch em aus rheinischer Herkunft resultierendes, leidenschaftliches

Bemühen urn das Ideal volkstümlich-verständlicher

Musik, die sangbar, klangschon und formklar

mit Vorliebe für folkloristische Zitate sich dartut und

"eine einzige wirklich gute und herzerhebende Melodie"

höher schätzt "als Orden und Titel". Rheinbergers gleichgeartete

Entscheidung erklärt sich nicht etwa aus seiner

"gänzlich unhiterarischen Nur-Musiker-Natur"; vielmehr

ist bei ihm ererbte Liebe zum Apollinisch-Klaren und

Uberschaubaren, die in einer lebenslangen tiefen Verehrung

Bachs und Mozarts sich kundtut, verbunden mit einem

natürlichen Musikantentum, die tragende Kraft. Rheinberger

war nach dem Zeugnis seines Schülers Wilhelm Furtwangler

"die Natiirlichkeit beim Musizieren oberstes Gesetz.

NatUrlichkeit der Stifuhrung, der Forrngebung, des

Ausdrucks". "Die Melodie 1st und bleibt die Seele der Musik",

dies war Rheinbergers Uberzeugung, der er itnrner

wieder vor semen Schülern Ausdruck gab.

Diese wahre Geistesverwandschaft beider Komponisten bewog

den Mtinchner Meister 1892 zu einem Schritt, der geeignet

war, die Person des Berliner Kollegen zu ehren und sein

Schaffen ins Blickfeld einer breiten öffentlichkeit, vor

allem in SUddeutschland, zu rücken, ohne dat3 Rheinberger

selbst dabei die bescheidene Rolle des wohlwollenden, anonyrnen

Beobachters dem ibm persönlich unbekannten Gesinnungsgenossen

gegenüber aufzugeben benötigt war: Rheinberger

proponierte Max Bruch als Kandidaten für die Verleihung

des bayerischen Maximiliansordens pro anno 1892.

Der nachfolgende Entwurf des Gutachtens tiber Max Bruch

von Rheinbergers Hand findet sich imJosef Rheinberger-Archiv

In Vaduz:

Max Bruch

Im Jahre 1838 in Ktiln geboren, errang Bruch durch die

Komposition eines Streichquartetts schon in seinern 15.

Lebensjahr das Frankfurter Mozart Stipendium, welches

ihm errnöglichte, in Ferdinand Hillers Schule verhältnisrnäf3ig

jung die gereifte Meisterschaft der musikalischen

Komposition zu erlangen. Hatte schon sein op. 1, die


- 158 -

Oper "Scherz, List und Rache" die Aufmerksamkeit der musik.

Welt auf sich gezogen, so fand sein op.l6, die Oper Loreley

(Ged. v. Geibel) ungetheilte Anerkennung der weitesten

Kreise. Doch nicht auf dramatischem sondern auf epischem

Gebiet f and Bruch die volle Entfaltung seines Genius, den

Grund und Boden seiner eigensten Schaffenskraft. Hier in

den gro2en Chorwerken "Frithjof", "Schöne Ellen", "Odysseus",

"Lied von der Glocke", "Feuerkreuz" kommt die Eigenthtimlichkeit

des Tondichters: Grol3er Wurf in der Anlage, vollendete

Beherrschung der Chor- und Orchestermassen, feste formale u.

charakteristische Zeichnung, darin hohe und frappante Klangschönheit

zu vollster Wirkung. Gerade in der letztgenannten

Eigenschaft unterscheidet sich Bruch scharf und vortheilhaft

von der neuesten deutschen Schule. Wenn er zu semen genialen

Männerchören vorzugsweise Lingg'sche Poesien wählt, so

ist dies nicht Zufall oder Vorliebe, sondern echte und wahre

Geistesverwandtschaft,. Uberhaupt ist seine Muse kraftig und

rnännlich und im besten SInne deutsch geartet.

Schliel3lich sei hier noch seines klassischen Violinconcertes

in g mdl gedacht, welches unmittelbar nach dem Beethoven'..schen

rangiert und die ganze Vornehntheit der Bruch'schen

Melodik offenbart. Es wEre noch vieler Werke zu gedenken, und

manche OriginalitEt des Tondichters hervorzuheben; doch glaube

ich schliel3en zu müssen, indem ich die Uberzeugung ausspreche

da8 unter den deutschen Tondichtern der Gegenwart,

die für die Verleihung des Naxirnilians-Ordens in Vorschlag

gebracht werden möchten, wohl kein Wurdigerer sein mag, als

Max Bruch. Es ist dies mein ganz objektives Urtheil, da ich

den Tondichter weder persönlich kenne, noch je mit ihm brieflich

verkehrte.

München im Oct: 92

J. Rh.

Ohne urn die Gunst des Publikums irgenwie zu buhlen - ohne

die geringste Konzession an die Schwachheiten desselben, gelang

es dern KGmponisten mit den meisten seiner Werke, gro2en

und nachhaltigen Erfolg zu gewinnen. Seine Tonsprache ist

bei aller Tiefe verstEndlich und bedarf keiner Nachhilfe durch

erlEuternde BroschUren.


- 159 -

Vorstehendes Dokument, das den vorbestimmten Empfänger

verschweigt, erweist aus historischer Sicht Rheinbergers

Urteil als beständig. Die prägnante Charakterisierung des

Bruch'schen Schaffens bestätigt Rheinbergers Interesse

für Bruchs Arbeiten und gibt ihm auf3erdem Gelegenheit,

die diametrale Stellung seines Ordensaspiranten der Itneu_

esten deutschen Schule" gegenUber festzustellen. In diesem

Urteil,so 1st man geneigt zu behaupten, stelit sich

Rheinberger ebensogut dar wie den, den er darstellen will.

Bemerkenswert schliel3lich ist die Notiz, da2 Rheinberger

mit Bruch in der Tat bis zum Jahre 1892 weder personlich

noch brief lich Kontakt pflegte und bei der Wahi seines

Kandidaten seine zahireichen persönlichen musikalischen

Freunde Uberging, urn allein mit seiner tJberzeugung MaB

zu nehmen. Auf diese Weise provozierte er eine Entscheidung,

die den Vorgeschlagenen ebenso ehrt wie den Vorschlagenden.

Im Oktober 1892 gab Rheinberger sein Gutachten ab; im Dezember

des glelchen Jahres verlieh der Prinz-Regent von

Bayern den Maximiliansorden für Kunst und Wlssenschaft

an Max Bruch und zwei Naturwissenschaftler in Berlin und

Leipzig. Bruch war von dieser Ehrung völlig überrascht.

Er ahnte durchaus nicht, wern er sie verdankte. In einem

Brief an den befreundeten Verleger Fritz Sirnrock in Berlin

schrieb er:

Friedenau, 7. Dezb.92.

abends

Lieber Freund!

Unter den politischen Telegrammen der National-Zeitung

f and ich gestern eine Meldung aus MUnchen, wonach der

Prinz-Regent von Baiern mir und noch 2 anderen Herren in

Berlin und Leipzig, den Maxirniliansorden für Kunst und

Wissenschaft verliehen hat. Es 1st, vie ich höre, der

Bairische Pour le mrite! Der Regent hat es also gut mit

mirgemeintund das Ordenscapitel, von dem der Vorschlag

ausgegangen sein inu2, auch. Das AmUsante bei der Sache

1st aber, daB diese Auszeichnung mir aus MUnchen komt,

dern Hauptsitz der Wagnerei, wo ich so gut vie gar keine

Beziehungen habe. Hermanrt Levi und Konsorten werden sehr


- 160 -

erstaunt sein. Na-, eine einzige wirklich gute und herzerhebende

Melodie ist besser als alle Orden und Titel;

aber der urtheilslosen Menge imponirt so etwas stets.'t

Wie es scheint, hatte Bruch aus Mtinchen diese Ehrung

am wenigsten erwartet; für ihn 1st MUnchen, wie für die

meisten seiner Zeitgenossen, "der Hauptsitz der Wagnerel",

vertreten durch "Hermann Levi und Consorten". Mit

diesem Pauschalurtell übergeht er jedoch die einflu2reichen

Kräfte, die an der MUnchener Musikschule wirken

und deren berühmtester Vertreter Rheinberger ist. Besonders

bemerkenswert 1st die Feststellung angesichts der

Tatsache, da8 Bruch schon 1891 durch die Widmung seiner

"Siechentrostlieder" an den Dichter Paul Heyse genau mit

dem Kreis der MUnchener Konservativen Kontakt aufnahm,

der später seine Nominlerung als die eines Gleichgesinnten

anregte. Die Einflul3nahme auf die von Bruch apostrophierte

"urtheilsiose Menge", die durch Rheinberger ebenfalls

in seinem Zusatz elgens in ihren "Schwachhelten"

angesprochen wird, liegt gerade jenen MUnchenern am Herzen

und solite wohl auch durch diesen Vorschlag mittelbar

versucht werden. Nicht selbstsüchtiges, erzieherisches

BemUhen, vielmehr die durch die Folgezeit erwiesene

BefUrchtung, da durch musikpolitische Tendenzbildung

und blinden Fortschrittsglauben notwendig die Isolierung

des Publikums von der Kunst betrieben wird, em Gedanke,

der gerade aus den Kreisen der MUnchener Konservativen,

präzis: der Münchener kirchenmusikalischen Restauration,

stammt, 1st bier der spiritus rector und konnte von Bruch

kaum erkannt werden, hatte er doch nach München, so gut

wie gar keine Beziehungen

Einige Monate später solite sich dies ändern. Wenigstens

förmlich kommen Bruch und Rheinberger im März 1893 in

Kontakt, als beide in die Jury der "Konlgsberger Concurrenz"

junger Komponisten beruf en werden. Dadurch ergibt

sich - wie es bisher scheint - em kaum in personlichere

Bereiche vorsto2ender Briefwechsel, von dem sich

em Stuck von der Hand Bruchs im Josef Rheinberger-Archiv,

Vaduz/Liechtenstein, f and. Bruch, um eine angeblich fehlende

Partitur der Concurrenten angegangen, antwortet

Rheinberger nach MUnchen:


- 161 -

Friedenau

bei Berlin

Albe-Str. 3

16. 3. 93

Verehrter Herr College,

Es 1st mir unverständlich dass Sie nur 63 Partituren

erhalten haben sollen. Nachmeinen Notizen habe ich

64 durchgesehen; bei einer Partitur fehlte allerdings

die Nummer - ich konnte sie wenigstens nicht entdecken.

Ich kann Ihnen die bestimmte Versicherung geben, dass

hier nichts zuruckgeblieben 1st. Die Verpackung ist

unter meiner Aufsicht geschehen; die 3 besten Compositionen

(Nr. 15, Nr. 29 und 44), die ich noch am Abend

vor der Absendung abermals genau durchgesehen hatte,

legte ich am Morgen des 5. März selbst in die Kiste.

Zum Uberflul3 habe ich gestern nochmals Uberall nachgesehen,

konnte aber nichts finden. Vielleicht haben

Sie sich doch verzählt? - Ubrigens bewundere ich Sic;

wie 1st es moglich, in 8 Tagen eine solche Masse zu

bewältigen! - Uber den, der Musik nicht besonders gUnstigen

Text sind allerdings fast Alle gestolpert - nur

Einer nicht; der Autor der betreff. Composition hat

meines Erachtens eIne vollstandig richtige Disposition

gemacht und em StUck hingestellt, welches nach verschiedenen

Seiten hin sehr verdienstlich ist und allen

Anforderungen, die man in diesem Falle vernUnf tiger

Weise machen kann, wie ich glaube, vollig entspricht.

Es 1st eine der oben erwähnten Compos. Nr 15,29 und 44

- mehr will ich heute nicht sagen! - Es wUrde mich natUrlich

in hohem Grade interessieren, Ihre Meinung confidentiell

kennen zu lernen. - Das eigentliche Gutachten

1st an Stadtrath Tiessen in Konigsberg i.Pr. einzusenden.

- Mit besten Grtissen

Ganz der Ihrige

Dr. Max Bruch.

Aus diesem Brief geht hervor, daB R.hemnberger sich zuerst

wegen des fehienden StUckes an Bruch gewandt hat.

Eine entsprechende brief liche AuBerung konnte zwar bisher

nicht entdeckt werden, jedoch fanden sich in Rheinbergers

Inspektionsbuch aus dem Jahre 1891/92 genaue Anmerkungen

zu den eingesandten Arbeiten der "Königsberger

Concurrenz", so daB sich das Rheinbergersche Urteil zu

den von Bruch besonders erwHhnten Nummern 15, 29 u. 44


- 162 -

vergleichen lä6t. Die Ubrigen Notizen sind bier weniger

interessant, daher werden die genannten in der Reihenfolge

des Originals in Auswahl zitiert:

Königsberger Concurrenz

Nr.29 Motto: "Suum cuique"

C-dur - E-dur

Gut gearbeitet, Doppelfuge gut instrumentiert, II

für engere Concurrenz

Nr.44 M. :"Erst wägen, dann wagen"

Es-dur

Gut gearbeitet, wirkungsvoll II

wenn auch nicht iinmer nobel

für die engere Concurrenz

Nr.15 M. :"Erst wägen, dann wagen"

F-dur

Klangschon, gut aufgebaut, wirkungsvoll

Engere Concurrenz I-Il

erst. Preis

Die Prädikate (in römischen Zif fern) der Ubrigen hier nicht

aufgeführten Kompositionen liegen, mit entsprechenden Bemerkungen

versehen, ausnahmslos bei 11-111 oder tiefer.

Nur Nr. 29 und 44 sind II bezeichnet und Nr 15 I-lI, so daB

man mit einiger Sicherheit Nr. 15 als das von Bruch besonders

akzentuierte Stuck ansprechen kann. Wie Bruch hervorhebt,

hat Rheinberger seine Entscheidung in kürzester Frist bereits

getroffen, bevor er den Bruch'schen Brief erhielt. Sein unabhängig

gefälltes Richterwort hebt gerade bei Nr. 15 durch

die Bemerkung "gut gebaut" eine Eigenschaft des Werkes hervor,

die Bruch als "vollstandig richtige Disposition" bezeichnet;

sie treffen das gleiche Charakteristikum. Zusammenfassend

darf man daher wohi sagen: DaB beide unabhängig von einander

dieselben drei Kompositionen "fUr die engere Concurrenz" nominieren,

kann bei 64 eingesandten Arbeiten vielleicht nicht

eben als selbstverständlichanmuten. Auchhiermöchte man eine

StUtze für die These enger geistiger und stilistischer Verwandschaft

vermuten, die allein durch entsprechenden Nachweis

im c.Euvre selbst bestätigt werden kann.


- 163 -

Im Jahre 1892 verschlechterte sich Fannys Gesundheitszustand

derart, daB sie zeitweilig das Bett hUten muBte.

Daher lag es nahe, sich an Peter Rheinbergers Familie

in Vaduz zu wenden, urn für den Notfall em zuverlassiges

Farnilienrnitglied zur VerfUgung zu haben. Für diese Mission

wurde Olga, Peter Rheinbergers Tochter, ausersehen. Sie

solite - wie es vor allen Dingen Fanny selbst wUnschte -

Rheinbergers Haushalt in München führen.

In ihrem letzten Brief nach Vaduz gibt Fanny folgende

Anweisungen:

München, 25.9.1892.

Mein lieberSchwager Peter!

Dein Brief hat mir eine ebenso grof3e Freude als Beruhigung

gegeben, well ich aus demselben ersah, daI3 es Euch

recht ist und auch Olga nichts dawider hat, sich bei uns

wieder niederzulassen, und daB sie mir und ihrem Onkel

eine liebe praktische Stütze sein will. Erst heute war

es mir rnoglich, ihr em Zinnner über uns zu mieten; des

gleiche, weiches längere Zeit von Gräfin Marie Pocci bewohnt

war, weiche solange bei Frau Geschnitzler blieb,

bis ihres Vaters Haus auf dem Dultplatz fertig war. Die

Damen, weiche am 1. Oktober einziehen und sowohi Entresol,

als auch 2. Stock nehmen und theilweise vermiethen,

scheinen mir sehr anständig: eine Wittwe und em Fräulein.

Olga erhält das letzte Zimmer vorne heraus und habe ich

soeben auf unserm Speicher die Sachen ausgesucht, weiche

zur Einrichtung nöthig und behaglich sind. Selbstverständlich

wird mir Olga eine werthvolle Gesellschaft und Stütze

sein und ist es rnir für meinen Mann eine ausserordentliche

Beruhigung ihn unter ihrer lieben Pflege zu wissen für den

Fall mir irgend etwas zustof3en woilte. Er ladet sie hiermit

gleich mir mit vollem Vertrauen em, zu uns zu kommen -

möge der liebe Gott und ihr Schutzen gel ihr Kommen segnen

und jede Gefahr von ihr ferne halten. - -

Ich denke, vom 4. oder 5. October an wird Alles in Ordnung

sein - das Fehiende kann man ja nachholen - es steht noch

Vorrath auf dem Speicher - Bücher und Unterhaltung steht

ihr zu Diensten - und unsere ganze Wohnung. Nur inöge sie

kein Heimweh bekommen und nicht krank werden!! .....


- 164 -

Es geht mir ziemlich gut, doch sind die Glieder - namentlich

die Knöchel noch schmerzend und im Genick - gar bald

em stechender Schrnerz, wenn ich zuviel denke oder schreibe.

GrüJ3e Deine liebe Frau und Familie tausendmal - gebe

Gott, daI3 Olga nur Gutes bei uns erlebe. Ihr Onkel hegt

das gröi3te Vertrauen in sie, und ich weil3, daJ3 sie dasselbe

auch ferner rechtfertigen wird.

Ich aber danke Dir schon jetzt für alle Liebe, die sie ihm

und mir erweisen wird.

Gott mit uns.

Tausend GrüI3e von Deiner getreuen Schwägerin Fanny.

Olgas Hilfe bewährt sich in der Folgezeit. Rheinberger

berichtet nach Vaduz:

Mtinchen den 5.11.1892.

Mein lieber Bruder!

I.. .1

Meiner lieben Frau, die unendlich viel ausgestanden hatte,

geht es seit zwei Tagen besser; Olga ist fast immer bei

ihr und ist uns eine liebe und bewährte Hilfe. Nachts 1st

immer elne barinherzige Schwester da. Meine Frau la8t Dir

Glilck wilnschen zu dem überstandenen Leiden und Deine liebe

Frau herzlichst grül3en, was ich auch thue.

Möchte auch bel uns die leichte Besserung anhalten!

Dein Dich liebender Bruder

Olga griii3t bestens.

Josef.

Fannys schwankender Gesundheitszustand halt Rheinberger

in diesen Wochen andauernd in Aufregung. An die mit Fanny

befreundete Emmi Ringseis berichtet Rheinberger am 29.11.

1892:

Meinen herzlichsten Dank für Ihre theilnehmenden Zeilen,

die ich aberunserer theuren Kranken noch nicht bekannt gegeben

habe. Der Arzt 1st gestern und heute nicht unzufrieden


- 165 -

p. j

Fanny Rheinberger, Photographie Ca. 1890


- 166 -

gewesen; und so wagt man eben wieder zu hoffen!

Die Korrespondenzen werden in dieser Zeit auf das Notwendigste

beschränkt, manches bleibt liegen, so auch

die Antwort auf Eduard Stehies Brief vom 31.August 1892,

in dem Stehie schrieb:

Hochverehrter Herr!

1st Ihre Instrumentalmesse erschienen? oder erscheint sie

bald? wann? und wo? Möchte sie dann auffUhren, entweder

am Gallusfest (16. Okt) oder an Weihnachten! -

Eduard geht es jetzt sehr gut, er tritt Ende September

seine neue Stelle als Organist und Chordirektor an der

katholischen Kirche in Winterthur (sehr schöne Orgel von

Goll!) an. -

Habe em neues Chorwerk geschrieben: 9 neue Scenen aus

Tegners Frithjofsage; Text fängt da an, wo Bruch's Frithjof

aufhört; Kenner (auch Dr. Haberl) stelien das Werk emstimmig

weit tiber die 'tCäcilia". Ware es nicht mtiglich,

in MUnchen bezuglich einer Auffuhrung anzukommen? An wen

rnül3te ich mich da wenden? Verehrungsvoll

Ihr ergebener Stelile.

Rheinberger antwortet erst im Dezember:

München, den 16.12.92

Sehr verehrter Freund!

Besten Dank für den mir freundlichst übersandten "Fritjof",

den ich gestern Abend, wenn auch fluchtig, durchias; ich

mache Ihnen mein aufrichtiges Kompliment zu diesem schönen

und effektvollen Werke. Das dramatische Element in demselben

zeigt, daB Sie sich auch in der Oper heirnisch fühlen wtirden!

Ich selbst verbringe em unsäglich trauriges Jahr: Seit

Ostern ist meine liebe Frau krank und zwar seit September ausgesprochen

herzleidend mit all den qualvolien Consequenzen!

Ich bin infolge dessen zu jeder schöpferischen ThHtigkeit

unfahig und hoffe von Tag zu Tag, urn immer aufs Neue getäuscht

zu werden.

Mit herzlichem GruBe und wiederho item Dank

Ihr Josef Rheinberger.


- 167 -

Fanny Rheinberger starb am 31. Dezember 1892. Der Komponist

lieI3 folgende Anzeige in den MUnchener Neuesten

Nachrichten veröffentlichen:

Todes-Anz e ige

Dem A11mchtigen hat es gefallen, meine innigstgeiiebte

Gattin,

Frau

Franz iska Rheinberger,

geb. Jgerhuber

zu sich abzurufen. Sie starb nach längerem, schweren Leiden,

doch sanft und gottergeben, versehen mit den hi. Sterbsakramenten,

heute Friih 4 IJhr. Urn stilie Theilnahme bittet

der tieftrauernde Gatte:

Jos. Rheinberger,

k. Professor und Hofkapellmeister.

München, den 31. Dezember 1892

Die Beerdigung findet Montag den 2. Januar 1893 Nachrn. haib

4 Uhr auf dem südiichen Friedhofe, der Seelengottesdienst

Dienstag den 3. Januar urn 10 Uhr in der St. Ludwigs-Pfarrkirche

statt.

In der Ailgemeinen Zeitung erschien em Nachruf, in dem es

u.a. hie2:

I...'

Frau Rheinberger, eine hochgebildete, geistreiche Frau, hat

sich auch in literarischen Kreisen durch feinsinnige Gedichte

und Prosaschrif ten unter dern Narnen F.v. Hoffnaal3, den sie

nach ihrern ersten Catten fUhrte, verdiente Beachtung erworben.

Sie war auf SchioB Maxirain am 18. October 1832 geboren.


- 168 -

Von den zahireichen Kondolenzschreiben, die Rheinberger

zum Tode seiner Gattin erreichten, sei das von Hedwig

von Holstein zitiert:

Hochverehrter Herr!

Tief erschüttert durch die Nachricht von dem unersetzlichen

Verlust der geliebten und hochverehrten Freundin

möchte ich meinem innigsten MitgefUhl mit Ihrem personlichen

Schmerz Ausdruck geben. Was haben Sie an ihr verloren!

Mehr als irgend em anderer liebender Gatte! Wie

war sie Ihre rechte Hand, Ihre Gehilf in im idealen wie

im realen Gebiet, - wie liebte sie Sie! -

Schwer wird es ihr geworden sein, von Ihnen zu scheiden,

wenn sie auch Gott ergeben und wahrhaft fromm war, - und

doch - wenn sich dieser groBe, kiare Geist umnachtet hatte

- das ware noch viel schrecklicher gewesen, als diese

Trennung auf kurze Zeit.

Wie getrOstet war ich vorigen Herbst, als ich Sie in M.

aufsuchte und mir Ihr Diener sagte, es gehe der gnädigen

Frau wieder ganz gut! Sie waren bei Tisch und ich woilte

Sie nicht stOren. Hätte ich's doch lieber gethan. Die Geliebte

soil ich nicht wieder seh'n hienieden! -

Wie viel waren mir ihre herzlichen Briefe. Ich habe sie

aile aufgehoben, sie liegen nach dem Datum. Darf ich sie

Ihnen einmal schicken? - Woiien Sie nichts über sie schreiben

und die schOnsten Brief e hinzunehmen? Ihnen wird kein

Bedürfnis sein, aber den Freunden ware es das k6stiichste

Geschenk.

In der Begräbni2stunde werde ich mit meinen Gedanken bei

Ihnen sein. Nehmen Sie alien, alien Dank für das, was ich

ihr schulde, an geistiger Erhebung, an Beispiel im Giauben

und Wirken.

Wenden Sie sich nicht von mir ab, ich hange nun doppeit

freundschaftlich an Ihnen alien! Gott trOste Sie.

Ihre Hedwig v. Holstein.

Leipzig d.2. Januar 1893.


- 169 -

Fur die u6erwai/içend tie/en rü/zrenden

Au iidgehu n.en inniger Thelma/i me wahrend

der /etz/en Kran/ehei/ - sow/c für die zahilosen

Kranz- und Il/u mensendungen aus An/ass

de.s 7'odas meiner re/jeb/e;j Ga//in.

(/l(77f

inz @ienezyez

.cze ic/i h/emil me izen fie/s/ em/i//en i)an/e,

uberzeug'/, dass die ed/c ('crew lAY/c nie veressen

werden wird.

hinc/zen, den ?. 7anuar 189?.

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ANHANG


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- 175 -

ie.

Schloss Vaduz (zeitgenossische Photographie)

vgl. S. 151: Unser "Montfort" liegt mit Beschreibung

und Photographie des Schlosses

Vaduz. . .auf der grossen Wiener Musikausstellung.


Fanny von Hoffnaa2

- 176 -

D e r ii c h t e Stein

Vertrocknet liegt der Taurisker See,

Erschiagen der Drache. zu Lind,

Durch die Lüfte klagt es wie wildes Weh

Jagt die Woike im westlichen Wind

Vom Bergeskamm schaut em stoizes SchloI3

Hinaus in das Thai der Mur,

Der Eggenstein haust mit starkern TroI3,

Ihm gut der Edeiste nur

Was schmachtet der Jüngiing vom niedern Haus

Herauf zu der Tochter fein?

Hinweg, Freisasse, ins Land hinaus,

Das Fräuiein wird nimmer dein.

Da stürmt heran in Mondesnacht

Der Avaren grimmige Schaar,

Hat zu Faii den stoizen Ritter gebracht,

Das Land em Leichenfeld war.

Der Jüngiing ist mit der Mutter entfiohen,

Verbarg sie in tieter Schiucht;

Des Eggensteiners kaiter Hohn

Wog schwerer ais Feindeswuth.

Er griff zup Spaten, er griff zuin Pfiug,

Durchwühite das üppige Land,

Er ho,ffte nichts mehr, ibm war es genug,

So das tägliche Brot er fand.


- 177 -

Doch sieb, was blinket wunderbar

Aus durchschnittener Erde hervor?

Es ist em Stein, so licht und kiar,

Wie keinen ersah zuvor.

1st dies em Schatz aus Tauriskerzeit

So sei er wilikoinmen mir!

Leb wohi, oh Mutter, nun zieh ich weit,

Mach du keine Sorge dir.

An Carol 's Hot der Jüngling zog.

Der Kaiser empfing ihn gut:

"So wenig mich je mein Auge belog

Hast du em tapferes Blut

Zieh bin gen Sachsen und schwing dein Schwert,

komm nur als Sieger zurück,

Und hat sich dein Arm im Kampfe bewàhrt

Soil werden dir seltenes Glück."

Oh Schreck, oh Grausen, bis tief zur Nacht

Wild wüthet der furchtbare Kamp!,

Noch sind zu Fall nicht die Feinde gebracht,

Schon hebt sich blutiger Dampf.

De.r Jüngling dringtwieein wiithender Leu,

Auf die Schaaren der Feinde em,

Mit lautem Rufe: "Dem Kaiser treu"

Stürzt er kuhn in den Tod hinein.

Jetzt sinkt sein Arm, er erliegt der Schaar,

Da ruft er: "Mein Schatz, mein Stein!"

Rasch bindet er fest ihn ins Stirnenhaar

Schon leuchtet der glühende Schein.


- 178 -

So kämpft kein Sterblicher! weh uns! flieht!

Seht des Seraph's himmlichen Stern!

Wie em Wetter vor dem Sturmwind zieht,

So fliegen sie fernab - fern!

Und Kaiser Carol vernimmt die Mähr,

Er freuet sich hoch darob.

Den Jüngling bescheidet er zu sich her

Und beschenkt ihn mit reichem Lohn.

Der aber kniet nieder vor seinem Herrn

Und beut den Karl unkel ihm dar.

"Wie seh ich in Kaisers Hand so gem,

Was mein Liebstes auf Erden war."

Herr Carol neigt sich in freundlicher Huld.

"Gem wahr' ich den herrlichen Stein;

Doch bleibt em Kaiser nimmer in Schuld,

Steht auf Ritter Liechtenstein!"

Da ward des Jünglings Auge feucht

Ernst hebt em die Hand zum Schwur.

"Mein Leben dem Kaiser!" doch ibm deucht

Er sähe das Thal der Mur,

Er säh auf dem Felsen em stoizes SchloJ3,

Ihn grW3e em minnig Gesicht,

Nun fort zu dir auf stürmendem RoB,

Vergessen hab ich dich nicht!

War dein Vater stolz, ich will es verzeihen,

Versiegen wag sein Geschlecht,

Es blühen empor die Liechtenstein

In Tapferkeit, Treue und Recht.


- 179 -

Licht- und Schattenbilder aus dem Musikieben der Gegenwart

von

Eduard Stocker

Man hört zu jeder Stunde stets und allUberall Kiagen und

Exklarnationen über den Niedergang auf musikalischern Gebiet,

tiber den Verf all der Tonkunst überhaupt. Daran knüpfen

sich dann in alien Tonarten die Versicherungen, daf3 die

Zeiten eines Beethoven nie wiederkehren, die thränenvollen

Nachrufe an die Unersetzlichkeit eines Schubert, Weber.

Dagegen lie2e sich schlechterdings nichts einwenden, wUrde

nur uberhaupt, wenn auch ganz nebenbei, der bestirnmt nicht

gering zu veranschlagenden Verdienste unserer Zeltgenossen

gedacht.

Wenn man bedenkt wie reich an ernsten und gro1 angelegten

Werken die beiden letzten Jahrzehnte, muf3 man billig staunen

über die geringe Verbreitung, weiche der neuen Literaturuberhaupt

zu Theil geworden. Selbst zugegeben, dal3 die

so oft wiederholte Versicherung vom Niedergang der Tonkunst

sich in em- oder dem anderen Genre ftihlbar macht, daf3 im

Fach der Orgel-Literatur kaurn nennenswertes geschaffen, das

Fach der Kirchenmusik fast verödet; so drangt sich uns die

Frage auf: Was ist denn bisher seitens der Fachkreise oder

der rna2gebenden Journalistik geschehen? - Was haben Schrif tsteller

und Kritik gethan urn dern Ubel zu steuern, urn den seit

so lang mit rUhrender Consequenz beweinten Niedergang aufzuhalten?

Mit Kiagen urn die urewigen Beethoven - Bach, oder dem steten

Hinwels auf die Gott-Ahnlichkeit eines Schubert - Schumann

1st wenig gehoif en. Ubrigens ist es unleugbar, daf selbst

wenn em Ruckgang, eine Abschwächung auf cornpositorischem Gebiete

zugegeben werden mag, sich diese Sirnptome hauptsächlich

nur auf dramatischern Gebiet und in der Orchesterrnusik geltend

machen; entschieden nicht in der Kammermusik und Clavier-Literatur.

Hier haben wir Narnen wie Volkmann, Brahms, Rheinberger,

und noch manch' einen, die für ewige Zeiten irn Buch der Geschichte

prangen.

Und doch liet3en sich für die besten unserer heutigen Tonsetzer

kein besserer Collectiv-TItei finden als etwa Die Verkannten


- 180 -

auf dem Gebiete des geistigen Schaffens; und seibst im

allergunstigsten Fall würde es hei2en: "die wenig Gekannten".

I.. .1

Einer der ausgeprägtesten Individuailtäten, zugleich

einer der merkwurdigsten und bedeutensten Erscheinungen

tiberhaupt begegnen wir in Rheinberger.

Es ist somit mehr ais befrerndend, daf er in Musikerkreisen

lange nicht nach seiner volien Bedeutung gewürdigt

wird, daf3 er in der grol3en Menge nur Bruchstückwelse, ja

fast gar nicht gekannt.

I...'

Seine ganze Richtung zeichnet sich durch manche auffallende

Charakterzuge vor der seiner Zeitgenossen aus. Vor

ailem 1st es die hohe Bedeutung, weiche Idee des Schönen

in semen geistigen Hervorbringungen einnit, und dadurch

die zu reichstem Ausdruck gelangte Voilendung in

Form und Technik. Wenn wir in unserer Zeit an jedes Gelsteswerk

die Forderung schöner Darsteilung machen woliten,

so mti2ten wir dagegen urn einige Jahrzehnte in der

Literatur zuruckgehen urn diese Anforderung erfüilt zu

sehen. Welch richtiges Gefühl, welch regen Sinn gerade

dieser Tondichter für Form und Darstellung hat, das verrnag

man erst nach vollem Umfang zu wtirdigen, wenn man

die ins ungeheure gediehenen, ungelenken, forrnlosen und

holprigen Gebilde der neueren Schule kennt.

Wie die Idee des Guten nirgend und niernais von der des

absolut Schönen getrennt werden kann, so schreibt Rheinberger

jederzeit nicht bios richtig und durchsichtig

klar, sondern auch durchwegs schön. Er ist allUberall

auf beide Faktoren mit gleicher Sorgfalt bedacht.

Em Haupt-Characterzug durch den seine Gebilde sich unterscheiden

von den Tongemäiden der Neuzeit, 1st die Art

poetisch zu schaffen und zu gestalten, es weht durch alle

diese Weisen em Hauch der intimsten Empfindung der sie

eben dadurch als dichterische Schöpfungen erschelnen läBt.

Er gemahnt an Mendelssohn in Hinblick auf das Kiare,

SeibstbewuBte, weiches ihm, man könnte sagen instinktmässig

innewohnt. Sind auch all' diese Gebilde von Fantasie durchdrungen,

so waitet doch in All' und Jedern die voile Absicht,

das kiarste Bewul3tsein.


- 181 -

Dadurch werden bel ihm selbst die grof3en und strengen

Formen jedem gebildeten Laien zuganglich; sie erscheinen

eben als verständlich, well volikommen naturgemäB.

Em zweites, besonders wichtiges Merkmal 1st die bei

Keinen der Zeitgenossen in gleicher Stärke vorkommende

Produktionskraft und Mannigfaltigkeit seiner Schöpfungen.

- Kamniermusik, Orchester-Oratorium und Oper, Concert-

und Orgelwerke, VQfl den sehr zahlreichen Chor-

Sätzen gar nicht zu reden, und doch weif3 er Allem eine

poetische Seite abzugewinnen; selbst trockenes und herbes

durch poetisches Gewand dem Gemüte nEher zu bringen.

In der Handhabung des Klangmaterials. in Geschick der

Orchestrirung sind ihm Lassenund Grädener ebenburtig.

Auch diese verstehen es durch Stimmung und gleichsam

wechselnde Beleuchtung einen gro2artigen Total-Eindruck

zu machen; doch, wie er durch die Kraft und Harmonie

der Orchestermassen den Effekt hervorzaubert, das 1st

bewundernswert.

Bei Anderen jedoch geschieht es leicht, dat durch zu

lebhaftes Colorit die Wirkung der Composition gestört

wird, es werden gleichsam die Grundlinien verschoben

und Ubermalt; bei ihm dienen die Licht- und Schattenmassen

dazu, die Gliederung, die Zeichnung hervorzuheben.

Die Instrumentation 1st ihm em Beheift, dem Ohre

des Hörers empfindlich zu machen, was dem Geist geboten

wird.

Durch die Klangwirkung, durch die Art der Darstellung

we11 er den Eindruck auf die Hörer zu verstärken, die

Bedeutung des Thema's zu versinnlichen und zu erhöhen.

Durch alle diese Eigenschaf ten steht er berghoch Uber

Lassen, Rubinstein - und jedenfalls ebenso hoch als

Brahms, Bruch, Grädener. Bei Brahms beispie-lsweise

fehit die Begeisterung, die alles durchdringende Gefiihlswärme,

anstatt lebensvolle Gestalten stehen wir

vor Allegorien und Uberall begegnet uns die Ref lexion.

Viele seiner Sonaten (Solo) Kiavierwerke erscheinen

uns halbfertig, arm und dtirftig; manches darin muthet

an wie nachgebessert, dazu geschrieben gleichsam Ubermalt.

Von Klangschönheit 1st selten etwas zu spUren; es

scheint fast als ob er absichtlich auf manchen Kiangbeheif

verzichtet. Dadurch erhält vieles einen geradezu


- 182 -

aszetischen Anstrich; - dadurch erleiden viele seiner

sonst verdienstvollsten Schöpfungen eine bedauerliche

Abschwachung. Dieser Mangel an Lebensfrische wird jedoch

leicht nachgeahmt und gar mancher nimmt gläubig

für künstlerische Strenge, was doch nur compositorisches

Unvermögen.

Wie so ganz anders bei Rheinberger; in semen Orchesterwerken

waltet eine árchitektonische Richtung; bei

aller Strenge des Styleè eine Meisterhaftigkeit im

Aufbau der Composition. Jeder Gedanke fUgt sich der

Ordnung des Ganzen em; in der 2. Sinfonie tritt es so

recht zu Tage.

Er will nicht dem Ohre des Hörers schmeicheln, nicht

angenehme Gefühle erwecken, sondern em gewaltiger

Geist tritt uns entgegen. Tiefe der Auffassung und Erhabenheit

der Gedanken stellen dies Werk, insbesondere

das Uberirdisch schöne Adagio so unendlich hoch. Das

Scherzo 1st von wunderbarer Anmut in der Form, der Reiz

der orchestralen Färbung tritt bier weniger hervor als

in der Ouvertüre zu Calderon.

In der Sinfonie, dem Quintett und der Kammermusik überhaupt

findet sich vollstandig sein ganzes Leben abgespiegelt.

Es sind dies diejenigen Werke nach denen man den Genius

am besten würdigen kann. Wohin wir blicken mögen, firgends

stol3en wir auf Manier; nirgends dient der Farbenprunk

dazu, geistig leeres zu übertunchen; wol aber begegnet

uns manche Schróffheit und zuweilen in elnigen

Parthien des Wallenstein herbes und verdüstertes. Rheinberger

versteht es wie wenige elnen dichterischen Vorwurf

in tiefsinnigster Auffassung wieder zu geben; em

glnzender Beleg dafür sein Demetrius. Wol selten 1st

Tragik und Pathos so überwältigend, so erschUtternd und

dabei doch fern von Effecthascherej und theatralischen

AllUren dargestellt worden. Von so elementarer Gewalt

als dies Tonstück und die florentinisehe Sinfonie IF dun

ist kein Orchesterwerk unserer Tage.

In semen frflheren Clavier-Werken 1-15 steht er noch

ganz unter dem Einflul3 der besten seiner Vorgänger. Der

edle Geist eines Mendelssohn, Schumann ist auch über ihn

gekommen. I...! Dabei klingt alles frisch und köstlich


- 183 -

und 1st von woithuenster Harmonie.

Wir empfangen einen durchwegs reinen und wUrdigen Emdruck,

wenn auch der poetische Schwung seiner späteren

Periode nur zuweilen leise anklingt. Bis hieher ist es

künstlerische Uberlieferung, weiche in edler Form verwerthet

wird. Welt höher stehen seine Etüden und Präludien.

Auch hier begegnen wir elner Reihe lieblicher

Gestalten, doch steht daneben manches von epischer Grö-

13e - stellenweise vermeint man eine Romanze, em Gedicht,

eine entzUckende Novelle zu vernehmen. Durchwegs

jedoch 1st er em gebildeter, edler Geist dem seine

Kunst hoch und heilig steht. In seinem Streich-Quartet

ist er der strenge Classiker der mehr durch Tiefe

der Gedanken, durch geistvolle Combination als durch den

Reiz der Ausfuhrung imponiert.

Man vermll3t hier partleweise den runden Wohikiang der

semen Orchesterwerken elgen, es kommt wiederholt zu

Härten und Schroffheiten, doch dafür entschädigt die

aufs GroBe angelegte Natur und der tiefe, sittliche

Ernst des Meisters.

Aus den vorstehenden, wenn auch nur skizzirten Bemerkungen

vermag der Leser leicht die hohe Bedeutung dieses

Componisten zu entnehmen. Mogen diese Zeilen beitragen

ihm die Anerkennung zu gewinnen, die er in so reichem

MaB verdient und die ihm bisher lang nicht in verdienter

Weise zu Theil geworden.


J.G.E. Stehie

- 184 -

Die Messen von Rheinberger (op. 151) und Pembaur (op. 39)

in: Der Chorwächter 1888, 13. Jg. S. 44-48

Die Messen von Rheinberger (op.15l) und Pembaur (op. 39)

von der Leuckart'schen Verlagshandlung verschickt und in

der Nr. 4 d. Bi. bereits avisirt, selen heute einer gemeinschaftlichen

und etwas eingehenderen Besprechung Unterstelit.

Das verdienen beide Werke vom musikalischen

Standpunkt aus, sodann knupft sich so Manches daran, was

dem Referenten schon lange auf dem Herzen lag und einmal

heraus mut3; endlich sind beide Autoren in der musikalischen

Welt bekannte und berühmte Grö8en, der erstgenannte geradezu

einer unserer grö2ten Komponisten, von Weltruf, dessen

Publikurn wohi jeder Musiktreibende gesteigertes Interesse

von vornherein entgegenbringt, dessen Name auch unserem

Vereinskatalog zu hoher Ehre und Zierde gereichen

mUBte.

Bei Beurtheilung von Messen und jeglicher dem liturgischen

Dienst gewidmeten Kompositionen dreht sich alles urn zwei

Hauptfragen: 1) wie stelit sich das Werk zu den kirchlichen

und wie zu den kUnstlerischen Anforderungen. Daran reiht

sich dann noch die ebenfalls wichtige Frage nach dem Grad

der Schwierigkeit der Ausfuhrung.

1. Beim kirchlichen Standpunkt kommt in allererster Linie

die liturgische Seite in Betracht, also Textvollstandigkeit,

richtiges Ma13 der Kürze und Lange des Ganzen und emzelner

Theileec. Der Stil, ob antik oder modern, 1st freigegeben,

wofern der Ausdruck em kirchlich würdiger ist.

In vorliegenden zwei Fallen zeigt der erste Buck, da8 beide

Komponisten liturgisch correkt schreiben woliten. Nicht

nur ist das Ma13 der Lange und Kürze im Ganzen und Einzelnen

tiberall das richtige (besser sogar als bei manchen t'alten"

Messen), beide Meister haben sich auch die für die

Kunst schmerzlichen Fesseln auferlegt, und die Intonationsworte

des Gloria und Credo *) geopfert, der Liturgie zu

lieb, beide haben (wenigstens auf den ersten Buck erscheinend)

den vollständigen Text, haben Wiederholungen

möglichst vermieden, sind so knapp in der Form, da2 eine

Heinmung der liturgischen Aktion nirgends vorliegen kann,

beide endlich haben eine Form gewahiE, die als eminent kirch-


- 185 -

lich gilt; den a capella-Stil. Nun liegen allerdings,

wohi aus dem Uebersehen, em paar kleine Textauslassungen

vor. Das kann vorkommen. Es ist gro8en alten

Meistern, z.B. sogar einem Palestrina und Hans Leo

Hasler auch passirt und sie sind dabei noch in den

Katalog des C.V.f.a.L.d.Z. geschlüpft in Bausch und

Bogen durch die Musica divina. In so guter, groBer

Gesellschaft geht es. Kommt em einzeiner Passagier

vor die Pforte, so 1st es natürlich, daB er etwas

specieller visitirt werden wird. Wir wollen auch genau

sein und gestehen: so wie die Messen vorliegen,

könnten sie ohne Inconsequenz (und das 1st em schlimmes

Ding, em Creszendo-Ungeheuer, das Weiterm und

Schlirnmertn Bahn bricht) nicht wohi in den Catalog

komnien. Aber das Referat unseres verehrten Herrn Generaipräses

1st für aile, die zu lesen verstehen, durchaus

keine Beurtheilung, es 1st Im Gegentheil eine Ehrenmeldung

vom Kunststandpunkt aus, mit dem Ausdruck des

Bedauerns, daB bestehende Grundbedingungen die Aufnahme

bis zur Correktur seiner Textübersehen verhindern.

Auch die Cäcilia, Organ des elsässischen Cäciiien-Verems

schreibt über Rheinbergers Messe sehr schön:

tBei durchweg mordernem Charakter bewegt sich dieses

neue Opus Rheinberger's nur innerhaib der Schranken

kirchlicher WUrde und ganz au2erhalb der ausgetretenen

Wege monotoner Notenschreiberei. Emnige VerstöBe gegen

die Textbehandiung, weiche Ubrigens beseitigt werden

können, sollen der Verbreitung dieses werthvollen Werkes

nicht im Wege stehen. Wir wiinschen demseiben recht

viele Aufftihrungen Seitens strebsamer Kirchenchöre."

Der praktische Chordirektor hat hie und da einen anderen

Standpunkt, ais die hochoffizielle Vereinsleitung.

Diese mut3 unter allen Umständen consequent sein und darf

urn keinen Preis Grundsätze vergeben. Sie hat es gethan.

Der praktische Chordirektor aber fragt sich: Soil ich

em Werk, das die monotone MittelmBBlgkeit des mHchtig

tiberschwemmten Musikalienmarktes geradezu thurnihoch

uberragt, det3wegen links liegen lassen, weil em paar

Wörtlein fehien? Nein, und tausendmai nein - die setzen

wir einfach em!

Das geht ganz leicht. In Rheinberger's Messe pag. 6


- 186 -

unterste Vjerzeilen Takt 1-4 ist einfach das Wiederholungszeichen

zu setzen und für die Wiederholung "mlsere

nobis" zu unterlegen. Seite 12 unterste Zeilen,

letzterTaktkann das Wort "Dominum" etwa auf nebenstehende

Weise in Partitur und Stimmen leicht eingesetzt

werden:

(Meister Rheingerger hätte zwar sicher etwas Besseres

zu sagengewuft!), es braucht zwar bei elnem Chor mit

vielen Stimmen etwas Zeit und Nühe, aber die Messe ist's

auch werth. Seite 16 kann im 6. und 7. Takt sehr emfach

das dritte Sanktus eingesetzt werden. Damit ist

dann die prchtige Messe auch liturgisch unanfechtbar

geworden.

In Pembaur's Messe sind p. 8 den Takten 12 bis 16 statt

"miserere nobis" vielmehr die Worte "susscipe deprecationem

nostram" zu untersetzen. Im Credo hat das Bestreben

nach wohlthätiger Gedrangtheit zu etwas bedenklichen

Einschachtelungen gefUhrt, so bei "lumen de lumine",

dann beim et resurrexit, endlich noch bei "et unam" -

immerhin noch nicht so gefährlich, wie beispielsweise

in den achtstimmigen Messen von C. Ett. Es will mich bedünken,

als könne der Text bei guter Aussprache noch

überall verstanden werden. Wer sich beunruhiget fühlt,

mag em Choralcredo einlegen, die Messe enthElt in den

ubrigen Nummern noch so viel des Schönen, Wirksamen und

streng Kirchlichen, da2 sie eine Auffuhrung auch in diesem

Falle bestens lohnt.

2. Bezuglich der kUnstlerischen Seite könnte man sich

eigentlich kurz fassen. Alle Schönheiten aufzuzählen ist

hier nicht moglich, em richtiges und voilkommenes Bild

der zahireichen ausdrucksvollen Melodien, der feinen

StimmfUhrung, der überaus reichen, glanzenden Harmonie,

derpackendenStellen alle gibt nur der Einblick der Par-


- 187 -

titur. Ich führe daher gleich ihr Haupt-Charakteristikum

an, das sie von der grof3en Masse heutiger Fabrikarbeit

unterscheidet; sie sind durchaus ganz modern, schwungyou

und im Ausdruck volikoinmen der Kirche entsprechend.

Das ist nach meiner Ansicht em grol3er, sehr grol3er Vorzug.

Wenn man von Berufswegen die stereotyp zahmen Nachahmungen

der Alten alle durchstehen muB, die sich gleichen,

wie em Ei dem andern, so ist man bei vorliegenden Messen

im Falie, wie Jemand, der wochenlang Morgens Wassersuppe

und Kartoffein, Mittags Kartoffein und Wassersuppe, Abends

Suppe, Wasser und Kartoffein erhält, und dem dann einmal

em kräf tiger, feiner Braten ntgegenduftet! Ueber das

Vergntigen, die Publikationen der mageren Mediokratle durchzukosten,

babe ich mich schon mehrmals ausgesprochen, will

es aber bier nochmals wiederholen. Die stereotype Form 1st

ganz und gar in die Feder der Autoren gekrochen und die

gleiche Strafe beherrscht den ganzen Plan: wohin das Auge

blickt, linmer dieselben Uniformen! Es 1st wie bel einer gewissen

Malerschule: immer der nämliche Grundtypus, derseibe

Faltenwurf, die gleichen Linien und Gesichter, es stehen

alie kerzengerade da, faiten gleich die Hände und wenn nicht

drunter geschrieben stände; "St. Barbara oder St. Katharina

so würde kein Mensch die Heiligen unterscheiden können.

Kommt dann endlich einmal Einer und getraut sich, em neues

Lied anzustimmen, das einen frischen Luftzug in die Stagnation

bringt - was Wunder, daB ibm die Erlösten "Hosianne"

zurufen, die Puritaner freilich auch ihr "Cruzifige"! Das

war immer so und wird so bleiben! Für das ewige Nachahmen

der Alten solite man sich eigentlich einmai so recht energisch

bedanken - trinken wir in diesem Faile lieber von der Quelle!

Wer heute schreibt, soil die Sprache des musikaiischen "Heute"

reden und nicht etwas schwHcher copiren, was vor 300 Jahren

(wenn man den Lobrednern der Alten glauben will) so gut und

voilkommen geschehen 1st, daB man's gar nicht mehr besser

kann! DaB man mit den heutigen Kunstmitteln volikoinmen ernst

und würdig schreiben kann, wer wolite es läugnen? Haben es

doch wieder beide Meister für aile, die unbefangen empfinden

und ohne tendenziöse Voreingenommenheit vorurtheiisfrei an

Kunstwerke heranzutreten noch vermögen, bewiesen!

Wie weihevoll und devot, wie innig fromm und flehend beglnnt

Rheinberger's Kyrie, welch' grol3er edler Ausdruck, wie em-


- 188 -

dringlich gesteigert! Em feiner, ganz auterordent1ich

schöner Satz! Dann das so recht markige, gewaltige Gloria,

in frischem festlichem FluB. Die Stelle "Domine Deus

rex cölestis" nennt Witt mit Recht "eben so prägnant

als schön, und den Text verdeutlichend" - wie gewaltig

bäumt sich dieser Löwensprung in die Septirne (im Ba2)

auf, wie interessant die spHtere Wiederholung dieses

Motives in zarterer Weise: solche Sätze studiret, die

ihr euch vor lauter Genirtsein weder zu husten noch zu

nieBen getrauet, musikalische Wassersuppenköche! Das

Credo ist em ausdrucksvoller eindringlicher Satz, em

entschiedenes BekenntniB von männlicher Bestimmtheit. Als

besondere Sch6nheiten bei groBter schlichtester Einfachheit

erscheinen das so keusche "et incarnatus", das energische

Crucifixus, daB überaus glHnzende "glorificatur",

und endlich die geradezu riesigen Oktavenkatarakte des

Basses (S. 15,7,6,7,8) auf Amen, dem reichfluthendsten

polyphonen Leben der Oberstimmen entwallend, säulenhaft,

heldenstark, em Credo der thebäischen Legion, jeder Zoll

em Held! Das Sanctus beginnt wundervoll, aus dunklen,

weichen Klängen sich erhebend, schwebt es herauf, steigt

empor wie Weihrauchduft und steigert sich im Pleni bis

zum schallenden Jubelruf des "gloria tua" - urn gleich darauf

wieder irn Pianissimo anbetend, gleichsam verzagend

ob der eigenen Kühnheit in die Kniee zu sinken. Man kann

über die Kirchlichkeit so nahgestellter Contraste so oder

anders urtheilen (- donnert nicht auth die kirchliche

Poesie z.B. im "Dies ira", im "Libera" in eindringlicher

Weise und stellt em hingehauchtes "Pie Jesu" in nächste

Nähe?-) eine sehr grol3e und erschütternde musikalische

Wirkung wird der Stelle Niemand absprechen können. Benedictus

und Agnus, sehr weihevolle, stimmungswahre Sätze

und schlieBen sich dem Ganzen nach der zarten Seite hin

ebenburtig an.

Auch Pembaur's Messe ist em sehr tUchtiges, beachtenswerthes

Werk von ganz solider Faktur und bietet bei noch

bedeutend leichterer Ausführbarkeit eine Menge wirksanier

und schöner neben anderen gewöhnlichen Stellen. Das Kyrie

beginnt schlicht und prätensionslos wie em einfaches Orgelpraludium,

auch das Christi keimt unscheinbar auf,

wächst aber grol3 an und wird sehr schön heraufgeführt und


- 189 -.

gesteigert (durch 16 Takte). Es erscheint die ganze Nummer

namentlich sehr geeignet, urn durch Dynarnik zu wirken

und bietet leicht und beste Gelegenhelt, die Chore nach

dieser Seite hin zu erziehen. Kompositorisch hervorragend

irn Gloria 1st die hUbsche und ächt kirchliche Stelle

ttgratias agimus" und das wirklich schOne, eben so leicht

ausftihrbare als ernpfindungsreiche und irn devotesten Gebetscharakter

erklingende "Qui tollis". Dem sich rasch abwickeinden

und in elnem langgedehnten vollklingenden "Jesu

Christe" gipfelnden Quonlam folgt eine stramme, lebhafte

Fughetta mit gutgewEhltem Motiv. Der ganze Schlufsatz

1st musterhaft gesetzt und klingt recht animirend bei

unanfechtbarer Klrchlichkeit. Ueber das Credo ist das NOthige

oben bereits gesagt worden; das Sanktus 1st em entschieden

glUcklicher Wurf, im Benedictus, das etwas lang

geraten ist, dUrfte viellelcht eventuell Seite 23 Obersprungen

werden, dern Agnus Del kOnnen die PrEdikate; schön,

wahr empfunden und wirksarn ausgedrUckt. nicht vorenthalten

werden. Noch eine Aeul3erllchkeit: Pembaur's Messe 1st in

den aiten SchlUsseln notirt, aber em wortgetreuer "Orgelauszug"

unterlegt, wahrscheinlich für Chordirektoren, denen

die alten Schlüssel nlcht sehr geläufig sind (die ganze

Messe 1st nämiich nicht sehr schwierig und von alien

bessern Landchören ausfUhrbar) und denen diese Einrichtung

für das Probelokal erwUnscht kommen mag. Bel der AuffUhrung

wird em richtiger a capella Vortrag vielmal schOner wirken,

da jede Begleitung, auch die beste, in Bezug auf Freihelt

der Bewegung, Feinheit der Dynamik, Kiarheit der Schrafirung,

VerstEndiichkeit und Elndringlichkeit der Declamation schadet.

Der Preis beider Messen 1st gleich: Partitur Mk. 2.40

und jede Stlmme 50 Pf.

Ich bin bei diesem Anlasse lEnger und warmer geworden als

bisher in meiner zwOlfjahrigen RedaktionsthEtigkeit. Den

Grund habe ich angegeben mit aller Deutlichkeit!

Die beiden Werke sind mir sehr sympatisch und ich bin Uberzeugt,

dat3 sie bel guter AuffUhrung elne mächtige, wahrhaft

erbáuende und erhebende Wirkung nlcht verfehien kOnnen. Tonkünstlerische

Melsterschaft und kirchlicher Ernst sprechen

aus jeder Zeile - dazu dienen sle dem Fortschritt durch Anwendung

der heutigen Kunstmittei. Zu diesem Votum liegt mein

herzliches "Cluck auf!" den Werken und die aufrichtige Gratulation

an deren SchOpfer.


- 190 -

*) Anmerkung: Es ware für die Kunst der grolte Dienst,

könnte man von der Congregation der Riten das Aufgeben

dieser Schranke, (die eine kUnstlerische Berechtigung

nut bei Messen im cantus gregorianus und am Ende solchen

im alten Stile hat) erlangen. Wenigstens für das

Gloria, das Credo beginnt mit einem Gedanken (Patrem

omnipotentem) der die groate und gewaltigste, glänzendste

Machtenfaltung nicht nur gestattet, sondern geradezu

herausfordert. Aber das Gloria als die grol3artigste

Jubelhymne voll hiimnelhohen Schwungs fortwährend so zahm

(ttet in terra pax") beginnen zu müssen, ist eine kunstschädliche

Fessel, für die in moderüen, nicht auf dem

casus gregorianus basirten Vokalmessen und noch weit

mehr in den Instrumentalmessen jeder Grund fehlt. Vergleicht

man dann die Strenge des Gesetzes mit der Praxis

in liturgischen Dingen in Rom, in den gröten Kitchen

selbst, so kommen auch den Bestgesinnten die schwersten

Zweifel - Andern aber fallen jegliche Skrupel vollständig

dahin! Dreistundenlange Vespern!! 15 bis 20 Minuten

lange laudamus te, glorificamus te!! Wit wissen, dal3

das Ungesetzliche, geschehe es auch in der Mutterkirche

des Erdreiches in St. Lateran, keinen Rechtstitel auf Duldung

beanspruchen kann, da3 man sich nicht auf diese Beispiele

berufen darf - aber es käme in unserem Fall vielleicht

doch nut darauf an, daB sich hohe KirchenfUrsten in

diesem Sinne verwendeten und Aufftihrungen ad aures die Sache

gehorig illustrirten. So viel steht nun einmal fest:

Das Verbot für den Chor, die Intonationsworte des Gloria

und Credo zu wiederholen staimnt vom Choral und gehort zum

Choral, wo es Grund und Sinn hat, abet in moderner Musik

ist es eine höchst lästige und kunstschädliche Fessel, (Eines

pal3t nicht für alle Style), die einen vollkommenen Ausbau

des Kunstwerkes verunmöglicht, eine unschöne Schablone

(fortwährend Pianoanfang einer Jubelhymne) verschuldet und

viele bereits geschaffene herrliche Kunstwerke unzugEnglich

oder nur verstümmelt, amputirt brauchbar macht.


- 191 -

Rheinbergers Orchestermesse opus 169 in C-dur aus:

Der Chorwächter (18.Jg. St. Gallen 1893, S. 38 f.)

Rheinbergers op. 169 wurde vom Domchor St. Gallen am hohen

Osterfeste - wohi als dem ersten auffUhrenden Chor

(am zweiten Osterfesttage folgte der Chor der Allerheiligen-Hofkirche

in MUnchen unter der Direktion des Komponisten)

- aufgefUhrt. Die Sänger waren Feuer und Flamme

für die prächtige Komposition, das Orchester ganz besetzt

(auch die 3 Posaunen) und die Wirkung war eine

ganz gewaltige, erhabene, wUrdige und wirklich grof3e. Unmittelbar

nach der Auffuhrung sandte unter dem Eindruck

derselben der Domchor an den edlen Münchener Meister folgendes

Telegramm ab:

"Messe wundervoll -

Bringen Dankeszoll

Und im Jubelton

Gratulation!"

Solite man die Messe in einem kurzen Satze bezeichnend

kritisiren, so ware es vielleicht dieser: Sie besitzt

die VorzUge unserer Kiassiker ohne deren Mängel. Etwas

näher präzisirt: Sie besitzt herrliche, edle Melodie von

klassischer Schönheit, feine, sublime Harmonik, selbstständig

und interessant gestaltete Stinnnfuhrung, feine

und meisterlich gefugte Polyphonle, kiare, schön symetrische

Formen und vor allem prächtig glänzendes und den

Gesang nirgends belastendes oder gar erdrückendes Orchestercolorit.

Dabei sind die Mängel der Kiassiker: endlose

Längen neben willkürlichen Textauslassungen, zu weltlicher

Geist (der sich hauptsächlich in Tanz- oder Marschrhythmen

äu6ert)ausgedehnte Solopartien, immer glucklich

vermieden. Die Intonatjonsworte des Gloria und Credo sind

nicht komponiert, die Längen genau der gottesdienstlichen

Feier angepaf3t - mit einem Worte, die Messe ist liturgisch

unanfechtbar. Man sieht aus der Anlage des Ganzen und im

Einzelnen, aus der Verbauung aller Einzel-Solos: der Komponist

wolite eine Messe für den Gottesdienst schreiben. Es

ist ihm gelungen! Wer diese Messe verurteilt, der spricht

einfach der Tonsprache des musikalischen "Heute" die Befähigung

und das Recht ab, Kirchenmusik zu werden. Man kann


- 192 -

ja diesen Standpunkt für sich haben, das steht Jedermann

frei. Es steht Jedem frei, römischer zu sein als

Rom und papstlicher als der Papst. Dazu hat Jeder für

sich das Recht, so wie es irn religiösen und sittlichen

Leben erlaubt und verdienstlich 1st, strenger zu sein

und rnehr Entsagung, Bu1werke und Abtödtungen zu üben,

als die Kirche verlangt. Aber man soil Andere, die nicht

so weit gehen wollen oder ihrer Situation nach nlcht so

welt gehen können, nicht verletzen und steinigen wollen.

Nun hat aber die Kirche über den "Stil" rein gar

nichts entschieden. Der Stil ist frei! Sie verlangt nur:

liturgische Korrektheit und Vermeidung der zu weitlichen,

theatralischen Weisen. Diese letztere äuBern sich in unziemlicher

Melodie, ausschweifender Harmonie und leichtfertigem

Rhythmus. Nun wird kein Mensch behaupten wolien,

daB in Rheinbergers Messe das Liebesgetändel Mozarts, die

leichtfertige Koketterie Rossinis oder gar die giuhende

Brunst Wagners enthalten sel! In der Harmonik verwendet

der Komponist gelegentlichfteilichauch den verminderten

Vierklang, aber selten und uberhaupt lange nicht Alles,

was die heutige harmonische Kunst dem Tondichter anbietet.

In der Rhythmik (dem gefährlichsten dieser drei Dinge)

ist Rheinberger wählerischer als sogar unser Karl Greith

in seiner Josefs-Messe. Habert hat den SchluB des Gloria

der Josefsmesse nicht ganz mit Unrecht einen Hopsasa genannt

- der Rhythmus dieses Dreiviertel 1st dern eines Walzers

wirklich sehr ähnlich. Ferner ist das Benediktus der

Greith-Nesse (em sehr leichter Sechsachtel) viel anfechtbarer,

als das von Rheinberger und zwar sowohl als Kunstwerk,

als kirchlichen Ausdruck anbelangt. Dies ist nicht

gesagt, urn unsern herrlichen Greith zu verkleinern, sondern

nur urn den von einern übereifrigen Blatte ungerecht

angegriffenen Münchener Meister durch dies "Catalogbeispiel"

zu verteidigen!

Welter: Auch die BrUcke zurn Choral finde ich hergestelit.

Nur einige Beweise: das Hauptmotiv des Gloria (gleich

arifangs dem Streichquartett ubergeben und dann nachher

vom Chor aufgegriff en und vielfach verwendet), spricht uns

an wie eine bekannte Gestalt aus dern Graduale Romanurn. Das

Notiv des "Dornine" wird vielleicht von Aengstlichen oder

Feindlichen als "eminent instrumental" angesehen - ist es


- 193 -

denn etwas anderes als die genaue Umkehrung der Hauptfigur

des 5. Modus? Der gewaltige Anfang des wie in Erz

gegossenen, mächtigen Credo mutet uns an wie aine donsche

Säulenreihe. Wenn Sopran und Alt in einem zarten,

keuschen Satze das "Et in carnatus" intonieren, grUf3en

die Ceigen sehr innig und fein (wörtlich zitirtes Motiv!)

"Salve Regina"! em lieber, sinniger Zug! Die weltentrUckenden

Känge des wundervoll herniederschwebenden Sanctus

und noch mehr das geradezu gregorianisch intonirte

Agnus tragen die chorale Herkunft ganz unverkennbar an

der Stirne. Nattirlich klingt aber das Ganze in diesen

Formen und diesem Colorit, in dieser Gestaltung und Urnrahmung

gar nicht antik, sondern eminent modern. Es ist

dies Kunstwerk die Blüte des musikalischen Heute aus

vielfach gregorianischen Wurzeln.

Neben prächtigem Orchesterkolorit bietet die Instrumentation

Uberhaupt noch sehr viele interessante und geistreiche

Ztige. Einer der feinsten 1st schon genannt: die

Anspielung der Geigen auf die Himmelskönigin bei Et in

carnatus. Wenn der Chor, gleichsam erschUttert, irnffausruft:"

Crucifixus",erschauert das gesammte Streichquartett

gleichsam irn mehrmaligen rhytmlschen SchUttelfrost, beirn

zweiten "Miserere" des Agnus übernimmt die stark hervortretende

Bratsche eine ähnliche Illustrierung. Vielleicht

sagt man: der kirchliche Ausdruck weist derartige Reizmittel

von sich und bedient sich nicht soich' realistischer

Tonmalereien - aber hat nicht die beste Musik allen

Zelten immer Tonmalerel mit ihren Kunstrnitteln getrieben?

Proske und Witt berichteri mit vieler Begeisterung über die

gewaltigen Posaunenrufe in Casciolinis Ostermotette Angelus

Domini descendit de clo und wie malt Pitoni In seinem

Requiem!

Doch wir wollen nicht polemisieren. Wenn em grof3er und berUhmter

glaubiger Meister, auf den die Welt mit Stolz blickt,

sich den beschränkten Gesetzen der Kirche beugt und in seiner

Sprache beten will, so 1st uns das eine ebenso rtihrende Erscheinung

als es elne bemtihend widenwärtige ist, wenn die

musikalische Mediokratie (umnicht Bittereres zu sagen und

urn den Ausdruck, den die Musiker hierftir haben, zu verschweigen!)

den KUnstier daran verhindern und unter der falschen

Anklage der Ketzerei mit Phrasen töten will.


- 194 -

Rheinbergers Gutachten über Anschaffung sowie Disposition

einer neuen Orgel in der Augustinerkirche zu Tittmoning:

Sowelt die beiden vorgelegten Plane von Steinmeyer

und Hörmüller auch auseinandergehen, so ist aus beiden

doch die BedUrfni8frage eines neuen Orgeiwerkes zur

Ewidenz ersichtlich. Ursprünglich mangeihafte Disposition,

Altersschwäche, Wurmfra6 und durchlöchertes Geblase

lassen eine etwaige Restauration als unthunlich

erscheinen. Ferner ist zu bedenken, dal3 die GröBe der

Orgel doch in einem passenden Verhältnil3 zu den Dimensionen

der Kirche stehen soil - in diesem Falle aber

7-8 Register entschieden zu wenig sind.

Aus letzterem Grund allein schon ist das Hörmüller'sche

Projekt zu verwerfen; aber auch abgesehen hiervon

ist seine Disposition (zu 8 klingenden Stiinmen) mangeihaft

u. wiirde in der Wirkung matt und farbios sein.

Die "Billigkeit" allein thuts eben nicht, - womit ich

dem mir ganz unbekannten Orgelbauer tibrigens nicht zu

nahe treten will. - Bleibt noch das

Steinmeyer'sche Projekt-Gutachten. Hier finden wir

eine vortreffliche Disposition zu 12 klingenden Registern,

vertheilt auf zwei Manuale und Pedal. (Ich nehme

im Vorhinein an, daf3 der grö2eren Kosten wegen auf den

sonst zu billigenden Nachtrag eines 13. und 14. Registers

nicht eingegangen wird und lasse denselben aul3er Betracht.)

Wir finden in diesen zwölf Stimmen Alles, was man

heutzutage von einem mittelgrol3en Orgelwerke verlangen

kann: Kraft, Zartheit, Abwechslung und Mannigfaltigkeit

der Stimmen. Die inneren Bestandthelle: Windladen, Regierwerk,Pfeifen,

Gebläse usw. sind nach neuester erprobter

Konstruktion, was bei einem Orgelbauer von dem Rufe Steinmeyer's

selbstverständlich 1st. Ich hatte wiederholt Gelegenheit,

gröl3ere Orgeiwerke dieses Meisters (z.B. im Dom

zu Mtinchen, in Vaduz usw.) genau und eingehend zu prtifen

und fand dieselben immer bis ins Detail tadellos, wodurch

auch die etwas hohen Preisansätze vollstHndig gerechtfertigt

sind. Und so sei hierinit das Steinmeyer'sche Projekt

bestens empfohlen.

MUnchen, den 20.4. 1890

Jos. Rheinberger.


- 195 -

Rheinbergers Gutachten i.iber den März'schen Plan eines

totalen Umbau's der alten Kioster-Orgel in Seeon.

Aus den Beilagen und Zuschrif ten erhelit ganz zweifellos

die Nothwendigkeit einer eingreifenen Erneuerung

dieser ehrwürdigen Kunstreliquie, die nachgewiesenermaBen

schon im Jahre 1766 von dem damals zehnjährigen

W.A. Mozart haufig gespielt wurde. Abgesehen von dem

hohen Alter ist es auch die Disposition des Werkes,

weiche nicht mehr zeitgemal3 genannt werden kann - war

eben der Geschmack vor 125 und mehr Jahren doch em

ganz anderer als heutzutage. Man bedenke allein daf3

hier unter 18 Registern sich 6 gemischte Stimmen

(Quintaton 8', Quint 2 2/3',Mixtur 2' vierfach, Cymbel

1' dreifach, Quintbass 5 1/3' und Mixturbal3 2 2/3'

fUnffach) finden , em Verhältnit3, das dem modernen

Ohre unertraglich schreiend erscheint. Absolut nothwendig

1st der Umbau des Pedals, dem nach der naiven Ersparungsmanier

jener Zeit die 4 tief en Tone Cis, Dis,

Fis und Gis fehien, was man besser "mangeihafte" statt

"kurze" Octave genannt hätte. Dieselbe "kurze" Octave

befindet sich nattirlich auch mit alien Consequenzen

auf dem Manuale. -

Die neuvorgeschlagene Disposition enthält 16 klingende

Register, mit deren Auswahl man wohi einverstanden sein

kann, obschon ich auf dem 2. Manuale nicht gerne eine

2ful3ige WaldflOte vermisse, die elnerseits im Plenum die

mangeinde Superoctav 2' ersetzt und das 2. Manual (als

kleines Ganzes für sich) besservervollständigt hätte.

Man kOnnte dann viellelcht Liebl. Gedeckt ersparen, da

ohnedem genUgend 8fU2ige Register vorhanden sind.


- 196 -

Rheinbergers Gutachten über die Reduktion des Kapeilmusikpersonals

in Altotting:

Aufgefordert zur gutachtlichen Aui3erung, ob und wie

weit eine Reduktion des Kapellmusikpersonals in Altötting

thunlich sei , ohne da1 die Leistungsfähigkeit

desselben Einbul3e erleide - erkläre ich mich schon aus

dem Grunde nicht für you kompetent, als ich niemals

Gelegenheit hatte, eine musikalische Produktion genannter

Körperschaft zu hören, oder auch von berufener

Seite em fachmännisches Urtheil darüber vernommen

zu haben. Wenn ich gleichwohl hier einige Bemerkungen

anfUge, so sind dieselben nur auf Durchsicht

der Beilagen gegründet und können demgemäB bios relativen

Werth beanspruchen.

Aus der Zusammenstellung des Capelimeisters Egwoif ist

em Personal von 14 Musikern (inclus. des Organisten)

ersichtlich: Zwei Tenoristen, zwei Ba2sanger, sieben

Streichinstrumentaristen und zwei Hornisten. Da eine

Reduktion der Sänger als unmoglich anzusehen ist, so

könnte dieselbe nur die Orchestermusiker betreffen.

Nun gilt aber bei allen kleinen Orchestern (man sehe

z.B. die Badekapellen) die Zahl von neun Musikern als

Minimum, wennnoch eine Illusion von Orchesterkiang bleiben,

und nicht die Arinlichkeit des Klanges dominierefl

soil. Wenn man ferner bedenkt, wie leicht bei täglichen

Diensten einer oder der andere Musiker durch Unpäl3lichkeit

usw. verhindert sein kann, so wird der Dirigent

ohnedem häufig genug in Verlegenheit gerathen.

Warum in der Vorlage des Stiftungsadministrators unter

den GrUnden für Moglichkeit amer Reduktion der Umstand

betont ist, daB die Musiker von dem ihnen zustehenden

l4tägigen (jahrlichen) Urlaub Gebrauch machen, ist mir

nicht ersichtlich - soilen sie etwa darauf auch noch

verzichten? Wird die daraus entstehende Schwierigkeit

durch eine Reduktion nicht noch bedeutend erhöht. Wenn

der als Autorität angeführte geistliche Herr Wallfahrtsinspektor

erklärt, daB 12 statt 14 Musikern auch genügend

seien, so ist damit über dessen musikalisches BedürfniB

jedenfalls em Entscheidendes dokumentiert.


- 197 -

Alles genau erwogen, kann ich mich in Hinsicht auf die

Leistungsfahigkeit des ohnedem geringzähligen Musikpersonals

für eine Reduktion desselben nicht aussprechen.

München, 18.1.92

J/osef/ Rh/einberger/.


- 198 -

Katalog der Bibliothek Josef Rheinbergers.

(Nach der eigenhändigen Niederschrift des Komponisten im

Inspektionsbuch der Kgl. Musikschule München 1890 - 1891)

Jahn, Mozart 4 B/ände/.

Oulibicheff, Mozart 4 B.

Oulibicheff, Mozart 3 B.

Gounod, Mozarts Don Juan

Nohi, Mozarts Briefe

Ambros, Musikgeschichte 5 B.

Schafhäutl, "Abt Vogler"

Thayer, Beethoven

Hanslick, "Vom musikalisch Schönen"

Thibaut, Reinheit der Tonkunst

Th. Schmid, Das Kunstwerk der Zukunft

Riemann, Mus ik-Lexikon

Nieks, Chopin

Charles, Zeitgenössische Tondichter

Hauptmann, Briefwechsel mit Frz. Hauser

Riehi, musik. Charakterköpfe

Sara Bull, Ole Bull (engi.)

Oulibicheff, Beethoven, ses critique (franz.)

Simrock, Lauda Sion

P.Peter Singer "metaphysische Blicke"

Albrechtsbergers Werke

Richter, Harmonielehre

Wangemann, Die Orgel

Bernhard Kothe, Musikgeschichte

Werkenthin, Die Lehre vom Clavierspiel

Devrient, Mendelssohns Brief e

Loches, Die Register der Orgel

Bellasis, Cherubini (engi.)

Dr. Riemann, Katechismus der Orgel

Nietzsche, Der Fall Wagner

Perfall, 25 Jahre Hoftheater Intendanz

Löwengrd Max, Lehrbuch der Harmonie

Kistler Cyrill, Harmonielehre

Schilling, musik. Dynamik

Helm, Musik- und Harmonielehre


- 199

Helm, Das Forum der musikalischen Composition

Bus sler, der strenge Satz in 52 Aufgaben

Woifrum, Die Entstehung des ev. Kirchenliedes

Vogler, Churpfälzische Tonschule

Rudhart, Geschichte der Münchner Oper

Schmidt, Dr. Heinrich, Johann Matheson

Wettig, Führer durch den Clavier-Unterricht

Dicks, handbook of examinations (engi.)

Herzog, evang. Gesangbuch

Liliencron, deutsches Volkslied im 16. Jahrhundert.

Weinberger, Handbuch f.d. Harmonieunterricht

Erler, dram. Dichtungen für Musik

Holzwarth, Weltgeschichte 7 B.

Schlosser, Weltgeschichte 18. B. - dazu Register-

Band

Menzel, Geschichte der letzten 40 Jahre

Zimmermann, Geschichte des Bauernkrieges.

Zschokke, Bayerische Geschichte 4 B.

Schreiber, Bayerische Geschichte, 2 B.

Mommsen, Römische Geschichte 3 B

Kugler, Kunstgeschichte

Reumont, Lorenzo Medici

Janssen, An meine Kritiker

Scheihorn, König Dom Pedro v. Portugal

Dahn, die Könige der Germanen

Binder, Pappenheim u. Jan v. Werth (in einem Band)

Binder, Charitas Pirkheimer

Uhi, Künstler-Briefe

Fugger, Kioster Wessobrunn

Schopner, Charakterbilder ausder aug. Geschichte

Humboldt, Reisen in Amerika und Asien

Goethe, Philipp Hackert

Vasari, Künstlerbiographien 19. B. (ital.)

Sepp, Josef Görres

Freitag, Die Ahnen, 4 B.

Didon, Jesus Christ 2 B. (franz)

Weiss, P.A.M., Apologie des Christentums 2 B.

Jocham, Bavaria sancta (deutsch) 2 B.

Cervantes, Don Quichote 2 B.


- 200 -

Brunner, Seb., Die Hofschranzen des Dichterfür-

St en

Schödler, Das Buch der Natur

Kneipp, Maine Wasserkur

Meyer, Handlexikon 2 B.

Camoens, Die Lusiaden

Immerinann, Münchhausen 2 B.

Trautmann, Herzog Christoph

Trautmann, Niclas Prugger

Trautmann, Die Glocken von St. Alban

Musäus, MHrchen

Hauff, W. Märchen

Hauff, Lichtenstein

Scheffel, Eckehard

Scheffel, Trompeter von Sackingen

Scheffel, Frau Aventiure

Schiller, Sämtliche Werke 12 B.

Goethe, Säintliche Werke 6 B.

Shakespeare, Sänitliche Werke 4 B (deutsch)

Herder, Sämtliche Werke

Bulver, Sämtliche Werke 25 B.

Washington Irving, Werke

Steub, Das bayr. Hochland

Platen, Werke 5 B.

Sophokles Werke

Riehi, Geschichten aus alter Zeit

Riehi, Aus der Ecke

Lingg, Harm. Gedichte 3 B.

Krempelhuber, Für stille Stunden

Mühlmann, Deutsch-lateinisches Lexicon 2 B.

Carigiet, Romanisch=deutsches Wörterbuch

Pyrker, Werke 3 B.

Uhiand, Gedichte

Greif, Gedichte

Geibel, Gedichte

Eichendorff, Gedichte

Heyse, Gedichte

Konkel, Otto der Schütz

Longfellow, Poems (engl)


- 201 -

Sturm, Lieder u. Bilder, Gedichte 2 B.

Reinick, Gedichte

Muth, Gedichte ("Waldbluinen")

Hoffnass, Gedichte

Malybrack-Stieler, Gedichte

Hoffnass, Credo

Hoffnass, Fr. v. Montmorency

Schrott, Die Bienen, Gedichte

Schrott, Oswald v. Woikenstein

Maim, Gedichte

Schöpf, Welt u. Fierz, Gedichte

Gervinus, Händels Oratorientexte

Oser, "In bangen Stunden" Gedichte

Daumer, Frauenbilder u. Huldigungen 3 B.

Kleine Gedichte

Dahn, Harald u. Theano

Freiligrath, Gedichte

Droste-Hülshoff, Gedichte

Weiss, A.M. Lebensweisheit

Tegner, Frithjof-Sage

Wolf, Hausschatz

Forster, Georg, sämtl. Werke

Andersen, Bilderbuch ohne Bilder

Byron, Works (engl.) in einem Band

Wordsworth, Poems (engl)

Scherer, Gedichte

Riehl, Lebensrätsel

Fromme, Minne-Gedi cht e

Monologen -

Polko, Dichtergrüsse

De Aniicis, Constantinopel, (ital.)

Piacci, un furto, (ital.)

Schegg, Pilgerreise

Reischl, Buch der Psalmen

Mesmer, Macbeth ins Deutsche übersetzt

Kobell, Gedichte in oberbayr. Mundart

Ringseis, E. Erinnerungsblätter

Martini, unovo testamento (ital.)

Wilimers, Lehrbuch der Religion, 5 B.


- 202 -

Massilon, Sermons (franz.)

Walter Scott, Werke, 6 B.

Corneille, chefs doeuvres, 2 B. (franz.)

Tiedge, Werke, 4 B.

Tschindi, Algenwelt

Lenau, Gedichte

Schefer, Laienbrevier

Sdvignd, Madide, Lettres

Scherr, Joh. Schiller und seine Zeit

Ohnet, Serge Panin, (franz.)

Ohnet, Comtesse Sarah, (franz.)

Grville, les ormes, (franz.)

Cherbuliez, l'idde de Jean Teterol, (franz.)

Cherbuliez, la béte, (franz.)

Achard, un grand d'Espagne, (franz.)

Clartie, le million, (franz.)

Bodenstedt, Epische Dichtungen

Schlacht, Geographie

Autobiografie (itali.)

Mörike, Gedichte

Mörike, Hutzelmännlein

Dr. Ruprecht, Der Arzt als Hausfreund

Boch, Das Buch vom gesunden u. kranken Menschen,

2 B.

Schafhäutl, Kirchenmusikal. Spaziergang

Maier, Dr. J.J., Die musik. Manuscripte d. k.

Hof- u. Staatsbibliothek

Dickens, Nicolas Nikleby, (engi.)

Trautmann, Hell und Dunkel

Trautmann, "Aus dem Burgfrieden"

Trautmann, Hofgarten in MUnchen

Bärmann u. Mier, Handbuch d. span. Conversation

Schreber, Zimmergymnastik

Zinimermann, Selbstbiographie eines alten Malers

Cicero, Tuscul. Disp. (latein)

Naaff, "Von stiller Insel", Gedichte

Voss, Homers Jdysse

JUngst, Conradin der Staufer, ep. Gedichte

Moltke, Max, Neuer deutscher Parnass


- 203 -

Silberstein, Gedichte

Milborn, "Einst, spater, jetzt", Gedichte

Heyse, Skizzenbuch. Gedichte

Perret, Dichtergriisse aus der Fremde

Ringseis, E. Veronika

Cordula Peregrina, "Was das ewige Licht erzählt"

Seidi, F.H. Em bayr. Dichterbuch

Seidl, Immergrun, Gedicht-Sammlung

Muth, Wintergarten, Erzählungen

Trautmann, Heitere Münchner Stadtgeschichten

Weber, Dreizehnlinden

Weber, Gedichte (mit Autograf)

Wallace, Ben Hur, 2 B.

Collins William, Poetical Works (engl.)

Rascher, Gedichte

Diepenbrock, Geistl. Blumenstrauss

Quenzer, Ph. Gedichte

Albrecht, "In sieben Farben", Gedichte

Schrott, Dichtungen (erste)

Adam, Albrecht, Selbstbiographie

Fern, Friedrich der Grosse, 2 B.

Roberts, Excursions en Espagne

Schleich, "Punsch" 10 B.

Silvio Pellino, opere scelti (ital.)

Manzoni, "promessi sposi" (ital.)

Guesti, opere (ital.) 2 B.

Leopardi, opere (ital.) 2 B.

Stelzer, Leben d. hl. Francisca Romana

Ringseis, E. "Der Königin Lied", I.Band, Magnificat

Rheinberger, Gutenberg

Drane, Augusta, Der hi. Dominicus

Lewald, August, Anna

Franceson, spanische Grammatik

Remlein, Nymphenburg

Cannabich, Lehrbuch der Georgraphie

Riehl, kulturgeschichtl. Charakterköpfe

Schricker, Bertha die Spinnerin

Geibel, Münchener Dichterbuch


- 204 -

Ludwig I Gedichte

Naaff, "Der Sonne zu", Gedichte

Fontane, Dichteralbum

Brehrn, Thierleben, 3 B.

Zola, le rave, (franz.)

Ohnet, Lise Fleuron (franz.)

Craven, Le Vaibriant (franz.)

Malot, Raphaelle (franz.)

Meixner, "Atis bewegter Jugendzeit"

La Mara, Musikerbriefe, 2 B.

Ringseis, E. Neue Gedichte

Weissbrodt, Cäcilia

Rtickert, Liebesfrühling

Börners, Haideblurnen

Westenrieder, Beschreibung des Wtirmsee's

Daudet, Die Unsterblichen

Nussbaum, Leitfaden zur antispt. Wundbehandlung

Reymnond, Das Buch vorn bewussten Herrn Meyer

Mauthner, Nach bewährten Mustern

Wirth u. Muther, Der Cicerone in der ältern Pinako

thek

Nordryck, Gedi cht e

Shakespeare, dram. works (engl.) in 1 B.

v.Sacken, Katechismus der Heraldik

Oser, geistliche Triolette (Gedichte)

Holland, Franz Graf Pocci

Redenbacher, Voiks- u. Jugendschrif ten, dritter B.

Hammer, "Schau in Dich, schau urn Dich" Gedichte

Laudelle, "Rose Printemps" (franz.)

Grdville, Louis Breuil (franz.)

Malot, "Le sang bleu" (franz.)

Daudet, Frornont jeune (franz.)

Daudet, 1'Evangeliste (franz.)

Daudet, Nurna Rasmestan (franz.)

Daudet, Les rois en exil:' (franz.)

Daudet, Le nabat (franz.)

Daudet, Mon frre et moi (franz.)

Ohnet, La grande marnire (franz.)

Ohnet, Le maître de forge (franz.)


- 205 -

Cherbuliez, Olivier Maugant (franz.)

Cherbuliez, La ferme du Chauquart (franz.)

Cherbuliez, mours fragiles (franz.)

Bechstein, Märchenbuch

Manno,Carl, "Kinder des Tages", Lustspiel

Muth, Rosen der Haide, Gedichte

Baehr, Neues Buch der Lieder

Heyse, Die Braut von Cypern

Lingg, Die Walkyren

Forster,Georg, Sämtl. Schriften, 9 B.

Giehrl ,Emmy, KreuzesblUthen

Fesenmayer, Lehrbuch der spanischen Sprache

Noriac,Jules, La falaise (franz.)

Pellico,Silvio, Ii mie prigione (ital.u.franz.)

Alfieri,Vittorio, Satiren (ital.)

Lister,Grandby, A novel (engi.)

Heitemeyer, Deutsche Sagen

Dickens, Oliver Twist (engi.)

Shiffe, The crown of virtue (engi.)

Prescott, The history of Philip II (engi.) 2 B.

Baccini, Prediche da Savonarola (ital.)

Nickel, Das römische Brevier (deutsch) 4 B.

Breviariuin romanun (lateinisch) 4 B.

De Amicis, Un romanzo d'un maestro (ital.)

Loch, Biblia sacra (latein.) 2 B.

Calderon, "Wunderth. Magus, das laute Geheimniss"

Guëranger, "l'annêe lyturgique" 4 B. (franz.)

Coconnier, "l'ine humaine" (franz.)

Faber "Conferences" (engi.)

Faber, Creator and creature (engl.)

Die Kirchenväter, 78 Bände

Fogazzaro, Ii misters del poeta (ital.)

Paulig, Friedrich Wilhlem II

Feuchtersleben, Diätetik der Seele

Hoffnaass, Psalm Miserere

Calderon, Las comedias (spanisch)

Franceson, Wörterbuch d. span. Sprache, 2 B.


- 206 -

Craven, Georgiana Fallerton (franz.)

Bechstein (Richter) Märchenbuch

Goethe, Reinecke Fuchs (Kaulbach)

Tautphöus, "the initials" (engl.)

Evers, Martin Luther, 7 B.

d'Azeglio, "I miu ricordi" 2 B. (ital.)

Dupré, Ricordi biografici (ital.)

Lowell, "poetical works" (engl.)

Marx, Carl, "Olympia", Tragödie

Vilmar, Literaturgeschichte

Thesaurus spirituales soc. Jesu (latein.)

The seasons, by Thomson (engi.)

Klauser, The Septonate, (engl.)

Die "katholische Bewegung", Zeitschrift, 5 B.

Spemann "Goldenes Buch der Musik"

Schilling, Ailgem. Generalbasslehre

Trautmann, Traum und Sage

Mynster, Betrachtungen über d. christl. Glaubenslehre

Luther, Uebersetzung d. hl. Schrift

Ruf, Der Geigenmacher Jakobus Steiner

Schletterer, R. Wagners Buhnenfestspiel

Hosäus, Balladen und Elegien

Hosäus, Gedichte

hosäus, Geistliche Dichtungen

J.Grimm, Kleinere Schriften, I. Band

Foa,Eugenie "Les soirees du dimanche" (franz.)

Ringseis,E. Gedichte (1865)

Held, Münchner Reisehandbuch für d. bay. Hochland

Simrock, Rheinsagen

Huhn, Geschichte d. deutschen Literatur

C.M.v.Weber, Reisebriefe

Hasenclever Sophie, Rheinische Lieder

Jocham, Bavaria sancta, 2 B.

Bädecker, Mittelitalien u. Rom

Genlis, Voyages poétiques (franz.)

Bayerisches Nationalmuseum 1868, (Beschreibung)

BHdecker, London (1862)

Bädecker, Oberitalien


- 207 -

Bädecker, Mittelitalien

Höhi, Wanderungen durch Vorarlberg

Henzen,W. Die "Kyphliden", Trauerspiei

Weiss,A.M. Benjamin Herder

Reissmann, C.M.Weber, sein Leben

Fugger,E.v. Kioster Ftirstenfeid

Schuster, Von Lenz zu Herbst, Gedichte

Vosen, Der Katholizismus

Vosen, Das Christenthum

Rintelen, v. Der Voiksschuigesetzentwurf

Görres,I.v. Der hi. Franciscus ais Troubadur

Droste-Htilshof, Das geisti. Jahr u. Dichtungen


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- 208 -

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Leiht Dir die Sehnsucht nicht melod'sche Schwingen,

Dass ihr Gesang muss zu der Fernen dringen -

Denkst Du der Zeit, wo ich beim flüsternden Tann

Für Dich allein mein sUssestes Lied ersann?

Ach! so getrennt von Dir und so geschieden -

Doch treu Erinnern halt uns Beid' in Frieden

ri

Fanny's letztes Gedicht.

(Handschrift Josef Rheinbergers im "Inspektionsbuch

der k. Musikschule 1890-91" - verkleinert)


ANMERKUNGEN

Die Aninerkungen sind nach Seitenzahien

(S.) und Schriftzeilen (Z.)

geordnet. Wiederholungen im Text

bleiben in der Regel unberiicksichtigt.


- 211 -

S. l/Z. 35f: Regierungswechsel in Vaduz = Am 23. September

1884 hatte Carl von In der Maur die Nachfolge

Carl Haus von Hausens als fürstlicher Landesverweser

angetreten.

S. 2/Z.l2: Davidstag = 30. Dezember

Z.17: Ferdinand Hiller = F.v.H. 1811-1885, Pianist

und Kornponist, wirkte in Paris, dann als Dingent

in Frankfurt am Main, Leipzig, Düsseldorf

und seit 1850 in Köln, wo er die Gürzenich-Konzerte

leitete und das Konservatorium zur Blüte

bra chte.

Z.27f: . . .das neue Orgel-Orchester-Concert = Die Uraufführung

des 2. Orgelkonzertes in g-moll,

op. 177, fand am 14.12.1894 unter der Leitung

von Richard Strauss statt. Den Orgelpart spielte

Josef Becht.

Z.31: Vincenz Lachnez = Es scheint eine Verwechslung

zu sein. Da Vinzenz Lachner schon 1893 verstorben

war, handelt es sich vermutlich urn

semen Bruder Ignaz (1807-1895).

S. 3/Z. 8: "Christophorus" = Oratorium für Soli, Chor und

Orchester, op. 120; Text von Fanny von Hoffnaass.

Z.11: em Nonett = Es-dur, op. 139

Z.12f: mehrere sechsstimmige Motetten = Fünf Hymnen

für vierstimmigen (nicht sechsst.immigen) Chor

mit Orgelbegleitung, op. 140

Z.27: Sursum corda = Empor das Herz (Responsoriurn

zur Einleitung der Präfation in der Messe)

S. 5/Z.37: Kreuth = Wildbad Kreuth, bevorzugter Sommeraufenthalt

des Ehepaares Rheinberger.

S. 7/Z.21.f: Ouvertüre zur "bezährnten Widerspänstigen" =

Ouver tune zu Shakespeares "Záhrnung der Widerspenstigen"

für grosses Orchester, op. 18,

kornponiert 1866 (1. Fassung), 1868 (2. Fassung)

und 1872 (endgültige Fassung).

S. 8/Z.12f: Prof. Faisst = Irnanuel Faisst (1823-1894), Organist,

seit 1859 Direktor des Konservatoriums

in Stuttgart, das er rnitbegründet hatte.


- 212 -

S. lO/Z.20f: . . . verhielt sich Rheinberger Bruckner gegenüber

ablehnend. = ". . .Als man Bruckner mitteilte,

dass auch Josef Rheinberger der

Aufführung beigewohnt hatte,erwiderte er:

'Ah, dem wird's wohl not g'fall'n hab'n.' -

An Baron Woizogen aber wurde über den Abend

berichtet: 'An Bruckners Symphonie (in M.) hatten

wir unsere helle Freude. ... Wir waren unter

uns und liessen unserer Begeisterung freien

Lauf. Rheinberger blieb auch und nickte

mit dem Kopfe. Das ist doch alles MöglicheY'

(Göllerich - Auer "Anton Bruckner", Band IV,

2. Tell, Regensburg 1936, S. 280)

S. ll/Z.11: "Die Rosen von Hildesheim" = op. 143

Z.l6: Robert Kahn = 1865-1951, Komponist, Kompositionslehrer

in Berlin, lebte von 1937 an in

England.

Z.23f: Klarinetten-Quartett = Rheinberger hat kein

Klarinetten-Quartett geschrieben.

Z.24: ToccatainG moll = Toccatina in g-moll,

op. 19.

Z.26: . . . schöne Orgelkonzert = g-moll, op. 177

(vgl. S. 2)

Z.35: Fr. Kiel = Fri edrich Kiel, 1821-1885, Komponist.

Seit 1842 in Berlin, wo er später bis

zu seinem Tode als Professor an der Kgl. Hochschule

wirkte.

S. l4/Z.16: Terra trcnuit = op. 134 Nr. 2 (komp. 1881)

S. l6/Z.12: Wildbad = Wildbad Kreuth

S. 19/Z.31: .. .alles aufs Jubiläum = 500-Jahrfeier der

Universität Heidelberg im Jahre 1886.

S. 20/Z.12: M.G. V. = Männer-Gesang-Verein

S. 24/Z.13: Prof. Baermann = Karl Bä.rmann 1839-1913.

Der in München geborene Pianist (Schüler

von Franz Liszt) wirkte seit 1881 in Boston

(Massachusetts).

S. 25/Z.11: Hr. Stiftsdekan nelch = Anton Gmelch (1821-

1905), 1861-1867 Pfarrer in Balzers (Liechtenstein),

seit 1879 Stiftsdekan in Regensburg.


- 213 -

S. 25/Z. 16: Herrn von Hausen = vgl. S. liz. 35f.

Z. 26: Rheinkalaznität = Obwohl seit Mitte des 19.

Jahrhunderts die Rheinani i egerstaa ten Schwei z,

Qesterreich und Liechtenstein grosse Anstrengungen

zur Regulierung des Rheines unternahmen,

bedrohte mi Septanber 1885 em Hochwas-

S. 27/Z. 7:

ser das Rheintal. - Ais Landestechniker war

Rheinbergers Bruder Peter für Liechtenstein

verantwortiich für die Korrektionsarbeiten.

Joachim = Josef Joachim (1831-1907), berühmter

Geiger, seit 1868 Direktor der Kgl. Hochschule

Berlin und Senatsmitglied der Akadanie

der Künste.

S 28/Z. 13: "Thai des Espingo" = Baliade für Männerchor

und grosses Orchester, op. 50

S. 29/Z. 13: Dorn-Berlin = Heinrich Dorn (1804-1892),

S. 30/Z. 7:

Dirigent, Komponist und seit 1849 Nachfoiger

Otto Nicolais an der Hofoper Berlin. Selbstbiographie

"Aus meinen Leben" (1870/79).

Wüllner-Cöin = Franz Wüllner (1832-1902), Pianist

und Dirigent, seit 1884 Nachfoiger Ferdinand

Hillers in Köln.

Richard Strauss = Am 11 .1 .1886 schrieb Richard

Strauss (1864-1949) an semen Vater: ". . . Urn je-

S. 3hz. 24:

doch Deine Befürchtungen sogleich zu entkräften:

Das Klavierquartett ist preisgekränt in

Beriin.Zwar habe ich noch keine direkte Nachricht,

doch wurde mir heute die Nachricht aus

dem 'Berliner Börsencourier' überbracht, der jedenfalls

von seinern Korrespondenten Oscar Eichberg,

der Sekretär bei der Preisgeschichte ist,

gut unterrichtet ist. 300 M. und unter vierundzwanzig

Bewerbern!..." (zit. nach: "RLchard

Strauss - Briefe an die Eltern 1882-1906" hrsg.

von Willi Schuh, Zurich 1954).

Ihr grosses Requiem = Requiem für Sohi, Chor

und Orchester, op. 60.

S. 32/Z. 5:

Stabat mater = Stabat mater für Chor, Orgel und

Streichorchester, op. l38 Uraufführung ani Karfreitag

3.4.1885 in der Allerheiligen-Hofkirche.


- 214 -

S. 33/z. 28 G.V.s = Gesangvereins

S. 34/Z. 28 Julius Kiengel = (1859-1933) Solocellist im

Gewandhausorchester und Professor am Konservatorium

in Leipzig.

S. 37/Z. 13: . . .der neunten Orgelsonate = Orgelsonate in

b-moll, op. 142, komp. 1885

S. 39/Z. 2: "wittekind" = Chorballade für Männerchor und

grosses Orchester, op. 102, komp. 1877, erschien

im selben Jahr bei Rob.Forberg in Leip-

zig.

Z. 8f: Nessler's "Rattenfänger" und "Trompeter" =

die Opern "Der Rattenfänger von Hamein" (1879)

und "Der Trompeter von Sckingen" (1884) von

Viktor Ernst Nessler (1841-1890)

S. 40/z. 24f: die herrliche Papstmesse in Es = "Cantus missae"

(Messe in Es-dur zu zwei Chören / 8 Stimmen

I, Papst Leo XIII. gewidmet) op. 109

S. 42/Z. 30f: mit der Hand Ihrer hochverehrten Gattin =

Seiner krankheitsbedingten Schwierigkeiten

beim Schreiben begegnete Rheinberger so, dass

er Briefe von seiner Frau schreiben hess und

selbst nur unterzeichnete.

S. 44/Z. 25ff:Levi = Hermann Levi (1839-1902) u.a. Hofkapellmeister

in Karlsruhe und München; hervorragend

als Dirigent der Werke Mozarts und Wagners.

S. 45/Z. 13f: "Des Thürmers Töchterlein" = op. 70, komp.

1871/72, Urauffuhrung am 23.4.1873 im Kgl.

Hoftheater München unter Hennann Levi.

S. 47/Z. 8: Curt = Josef Rh.

Z. 36f: der berühmte Musikschriftstehler Ambros =

August Wilhelm Ambros (1816-1876), Neff e

Raphael Georg Kiesewetters, Musikhistoriker,

Kritiker und Komponist.

S. 48/Z. 32f: Maison rouge = Rotes Haus (in Vaduz), seit

1807 im Besitz der Famihie Rheinberger

Z. 33: "Drei Schwestern"= Gebirgsstock im Fürstentum

Liechtenstein, hier scherzhaft für die

drei Töchter Peter Rheinbergers.

S. 49/Z. 2: Fritz Rohrer = geb.1848 in Buchs SG, Ohrenarzt

und Dichter


- 215 -

S. 52/Z. 11ff: op. 88 = 3. Orgelsonate G-dur

op. 132 = 8. Qrgelsonate e-moll

op. 65 = 2. Orgelsonate (Fantasiesonate)

As-dur

op. 98 = 4. Orgelsonate a-moll

op. 27 = 1. Orgelsonate c-moll

op. 127 = 7. Orgelsonate f-moll

S. 57/Z. 18: Masescha = kleiner Weiler oberhaib von Triesenberg

(Liechtenstein), 1240 m ü.M.

S. 59/Z. 20: em neues Buch = Dr. Karl Emil von Schafhäutl

"Abt Georg Joseph Vogler / Sein Leben, Charakter

und musikalisches System - seine Werke,

seine Schule, Bilcinisse &C." Augsburg 1888

(sic.')

S. 6hz. 21: Gernsheim = Fri edrich Gernsheim (1839-1916)

Pianist und Komponist

S. 64/Z. 8: das berühmte Clavier-Quartett = Quartett in

Es-dur für Pianoforte, Violine, Bra tsche und

Violoncello, op. 38, komponiert 1870

S. 65/Z. 37: Thuille = Ludwig Thuille (1861-1907), Schüler

von Rheinberger, später dessen Nachfolger an

der Kgl. Bayerischen Akademie der Tonkunst.

Schrieb die Opern "Theuerdank" und "Lobetanz ",

Orchester- und Kammeimusik, Lieder, Werke für

Klavier und Orgel u.a.

S. 66/Z. 16: J.Rheinberger's Konzert = 1. Orgelkonzert

op. 137, komponiert 1884

S. 67/Z. 38: Herr Bärmann = Karl Bärmann (1839-1913),

Münchner Pianist, Schüler von Franz Liszt,

lebte seit 1881 in Boston.

S. 68/z. 12ff: Petzitt (recte: Petzet?), Hamer, Whiting,

Parker = Schüler Rheinbergers

S. 7hz. 29: Ihrem As-dur Konzerte = Konzert für Pianoforte

und Orchester in As-dur, op. 94, komponiert

1876

S. 75/z. 12: Schriftsteller Franz Trautmann = (1815-1887),

Hofrat, Dichter und Schriftsteller; schrieb

hauptsächhich Erzählungen, deren Stoffe der

älteren Geschichte Bayerns, vor allem Münchens,

entnommen sind.


- 216 -

S. 75/Z. 21: Veteranenheft = unbekannt

S. 80/Z. 4: Ihres Hrn. Sohnes = Eduard Stehle

Z. 13: opus 151 = Messe in G-dur für vierstimrnigen

Chor a cappella ("Missa St.Crucis")

Z. 15: des Chorwächters = "Der Chorwächter" Organ der

schweizerischen Cäcilien-Vereine (seit 1876);

ab 1960: "Katholische Kirchenmusik".

Z. 18: Selmar Bagge = (1 823-1896), Musikschriftsteller,

Kritiker und Komponist, seit 1868 Direktor

der Musikschule in Basel.

S. 8hZ. 1: "Urania" = Musikzeitschrift für Orgelbau und

Orgelspiel... (seit 1844)

S. 82/Z. 24: "Chorgesang" = "Der Chorgesang" Zeitschrift

für die gesam ten Interessen der Sangeskunst

mit besonderer Berücksichtigung der gemischten

Chore, Manner- und Frauen-Gesangvereine

(seit 1885)

S. 83/Z. 11: Ihrer wunderbar schOnen "Elf en" = Em Werk

dieses Titels scheint bei Rheinberger nicht

auf. Es kOnnte sich urn "Murnrnelsee" op. 95

Nr. 1 aus "Zwei Gesänge für vierstimmigen gemischten

Chor und Pianoforte" handeln.

Z. 25f: am 17. = 17.3.1888 (49. Geburtstag Rh's.)

S. 86/Z. 7: Besprechung der Rheinberger'schen Messe =

Messe in G-dur, op. 151, in: "Der Chorwächter"

St. Gallen 1888, 13. Jg., 5. 44.

Z. 28f: eine neue 3stirnmige Frauenmesse = Messe in

Es-dur, op. 155, für dreistirnrnigen Frauenchor

und Orgel, komponiert in Band Kreuth

und Starnberg 1888.

S. 87/Z. 28: Franz Xaver Witt = (1834-1888), Priester,

Gründer des "Cäcilienvereins" zur Reinigung

der katholischen Kirchenmusik (1867), Herausgeber

der "Fliegenden Blätter für katholische

Kirchenmusik" u.a.m

S. 92/Z. 11: eine neue passacaglia für Orchester = instrumentale

Fassung der Passacaglia aus der 8. Orgelsonate

in e-moll, op.. 132.

Z. 28f: an Beethovens Geburtstage = 17.12.1 770. -

Gesichert ist nur der Tauftag.


S. 93/Z. 26:

Z. 28:

S. 94/Z. 29:

Z. 35f:

S. 95/Z. 29:

S. 97/Z. 28f:

S. 100/Z. 18:

Z. 26:

S. 103/z. 12:

Z. 13:

Z. 15:

S. 108/Z. 16:

- 217 -

Messe für 3 Frauenstimmen = S. S. 86/Z. 28f.

Musica sacra = von Franz Witt begründete "Monatsschrift

für Hebung und Förderung der kathol.

Kircheninusik". Seit 1889 war F.X.Haberl

Herausgeber.

den Wallenstein = Sinfonisches Tongemälde

op. 10

grosse Kiavierfuge = Praeludium und Fuge zum

Concertvortrag für Pianoforte, h-moll/H-dur,

op. 33

allein zu stehen = Franz von Holstein war am

22.5.1878 in Leipzig gestorben.

einige Kompositionen Viadana 's = "Vier Cantiones

selectae" aus den "Cento concerti

ecclesiastici" von Ludovico Viadana, von Rheinberger

mit Orgelbegleitung versehen (WOO 100)

erschienen als 8. Musikbeilage in "Musica

sacra" XXII. .7g. 1889.

unter dem neuen Régime = Am 13.6.1886 war König

Ludwig II. unter mysteriösen Urns tänden

im Starnberger-See ertrunken. Er hatte kaum

rnehr an liturgischen Feierlichkeiten, die offiziellen

Charakter trugen, teilgenommen.

Die änderte sich wieder tinter Prinzregent

Luitpold.

"Uniformdienste" = Bei offiziellen Hofdiensten

hatte Rheinberger eine Unifonn zu tragen.

der neue Hofkaplan am 22.4.1888 hatte Wilhelm

Wösle (1858-1908) aus Isny die Stelle

eines Hofkaplans in Vaduz angetreten.

div. Arrangements Ihres Ave Maria = "Ave Maria"

op. 171 Nr. 1 für Sopran (oder Tenor)

oder Alt (oder Bariton) je mit Orgel- oder

Klavierbegl eitung.

p. Xbd. = per Kreuzband ( = Drucksache)

Ihrer Messe op. 159 = Messe in f-moll für

vierstinvnigen gem. Chor und Orgel, komp. 1889

Hermine od. Olga (od. Emma) = Tdchter von

Rheinbergers Bruder Peter.


- 218 -

S. 109/Z. 19: die ehrwürdige Ruine meines einstigen Ciaviers

= Rheinbergers erstes Kiavier, em

Z. 34:

St ehfl ügei "Leschen, k. k. Hof -Fortepiano -

Verfertiger in Wien (Ca. 1825), befindet

sich nun in der Rheinberger-Stiftung Vaduz.

Rheinberger-Erinnerungen zu sammein = Tatsächlich

sarnmeite die Farnilie in Vaduz schon

früher alles Wichtige, das mit Josef oder

anderen Famiiienangehärigen zusammenhing in

einem Famiiienarchiv.

S. 11hZ. 20: in den Gottesdienst von Maier = Julius Joseph

Maier, Rheinbergers ehe'naliger Lehrer

und Konservator der Musikabteilung an der

Kgl. Bibhiothek in München,war am 21 .11.1889

gestorben.

S. 112/Z. 33: seinem vertrauten Schulfreunde Victor Scheffel

= (1826-1 886), romantisierender Dichter

und Verfasser des Romans "Ekkehard", hatte

die Rechte studiert und sich

seiner Dichtkunst gewidmet.

später vöhlig

S. 117/Z. 25: 13. Orgelsonate = Es-dur, op. 161, komponiert

1889

Z. 28f: es-moli-Sonate = 6. Orgelsonate op. 119

S. h18/Z. 8: Franz Lachner = t 20.1 .1890

S. l20/Z. 29: wird zunächst für Schaan am nützhichsten

sein = In der Nachbargemeinde von Vaduz

hatte man 1888 begonnen, eine neue Pfarrkirche

zu bauen (Einweihung 1893).

Z. 34: . . .der Fürst em Jagdschloss baue = "Wie wir

vernehmen, lässt Se. Durchlaucht unser regierender

Landesfürst Johannes II. auf dem Schiosse

in der Nähe des kleinen Weiher in diesem

Jahre noch em Jagdschloss erbauen. Die Steinbrecharbeiten

hiezu soilen schon im Akkordwege

vergeben sein. ("Liecht. Volksbiatt" 28.2.1890)

Das Schlösschen wurde 1894/95 vollendet.

Z. 37f: em so hübsches Urtheil = "Liechtensteiner

Volksblatt" Nr. 9 / 28.2.1890: "ZUM KAPITEL

VOLKSBILDUNG (Eingesendet) - In einem klei-


- 219 -

nen abgelegenen Dorfe unseres Fürstenthums

lebt em junger Schuster, der neben seiner

harten Tagesarbeit, womit er sich und seine

Eltern nährt, keine andere Erholung übt, als

gute Lektüre. Mit weichem Eifer er liest, mögen

folgende Rezensionen beweisen, die ibm

als Belege für sein Verständniss des Gelesenen

abverlangt wurden. ... Noch besser drückt

er sein Verständniss und die durch die Lektüre

geweckte Begeisterung aus in seiner Rezension

über: 'Josef Hayde (sic!), von Seeburg'.

'Die Laufbahn eines Genie's, gewaltig

an Schaffenskraft, von der Picke auf gedient,

hundert Hemmnisse überwindend, abwehrend,

hochstrebend, und in seinem Fluge das Höchste

erreichend, obgleich vom Schicksale feindsehg

mit Bleigewichten belastet, hungernd,

ringend, selten anerkannt - diese Laufbahn

in ihrer wechselvollen Gestaltung als Lebensbud

darzustellen, diese Aufgabe hat Franz

von Seeburg treffhich gelöst. Wie sanfte Musik

khingt diese Sprache, weich und biegsam,

und doch so you Kraft und Geha1t you Geist

khingend wie die Symphonien des Helden, in

den weichen Tönen unserer Muttersprache. Und

die tiefe Religiosität und Lebensweisheit,

anspruchslos, aber you der schönen Gedanken,

weiche die verschiedenen Seelenstimmungen

schildern, an denen das Gemälde so reich ist.

Die Charaktere aus der Zeit der grossen Maria

Theresia, mit gewandtem Stift entworfen, repräsentiren

den Zopf, und erhöhen das Interesse

für den ausserordenthichen Mann, dessen

gewaltiges Talent unter soichen Marionetten

sich entfaltete. Jahre meines Lebens gäbe

ich darum, besässe ich die Macht, so zu einer

Welt von Lesern zu reden und zu schreiben.

' - Diese Styiproben beweisen, dass dieser

junge Mann hiest urn zu lernen und sich


- 220 -

zu bilden, und, weil er keine andere als die

Schule seines Heimatdorfes und nie die 'Fremde'

besucht, dass die Volksschule unseres

Landes sehr gut gepflegt und geleitet wird.

Mögen nur auch Andere die Pfarrbibliotheken

fleissig suchen und benutzen wie dieser Schuster,

denn eine soiche Lektüre passt für jeden

Leisten."

S. 122/Z. 15f: Franz Kroll und Hans Bischoff = Franz Kroll

(1820-1877) war u.a. Herausgeber von Band

XIV (Des Wohltemperierte Klavier I + II)

der Gesarntausgabe der Bachgesellschaft.

Hans Bischoff (1852-1889) publizierte eine

kritische Ausgabe der Kiavierwerke Johann

Sebastian Bachs bei Steingräber.

S. 123/Z. 9:

S. 124/Z. 19f:

S. 127/Z. 19:

S. 13hz. 27:

Z. 33:

Schwester Maxentia = Rheinbergers Schwester

Johanna (Hanni) war Generaloberin im Kioster

der Barmherzigen Schwestern in Zams (Tirol).

Ihrer Monologe "Zwölf Orgelstücke" = "Monologe"

Zwölf Stücke für die Orgel, op. 162,

komponiert 1890, erschicnen im selben Jahr

gleichzeitig bei O.Forberg, Leipzig, und

Novello in London.

Niels Gade = Niels Wilhelm Gade (1817-1890),

dänischer Komponist. Rheinberger schrieb die

12. der "24 Fughetten strengen Stils" für

Orgel, op. 123, über des Theme GADE.

Dein liebes, herziges Quintett = Quintett

für zwei Violinen, Violoncello und pianoforte,

C-dur, op. 114, komponiert 1878.

Die bearbeiteten Mozart'schen Variationen =

Nachdem Rheinberger 1.883 schon Bachs "Goldberg-Variationefl"

für zwei Klaviere bearbeitet

hatte, gab er 1890 W.A.Mozarts (Zw5lf)

Klavier-VariatiOflefl in B-dur (KtY 500) für

den Konzertvortrag frei bearbeitet in gleicher

Besetzung heraus (WoO 5).

S. l34/Z. 8: Ihre Orgelstücke op. 19 "Zwölf Tonstücke"

für Orgel


S. 135/Z. 24:

S. 136/Z. 1:

S. 139/Z. 4:

S. 140/Z. 2:

S. 145/Z. 13f:

Z. 23:

S. 146/Z. 11:

S. 148/Z. 3f:

Z. 7:

- 221 -

des Chop'schen Werkes = M.Chop (Pseudonym

M.Charles) "Josef Rheinberger" in: "Zeitgenässische

Tondichter", 2. Band, S. 113 -

127. Leipzig 1888

Felix Dräseke = (1835-1913)Komponist und

Lehrer für Kanposition (u.a. em Jahr an

der Kgl. Musikschule in München)

"König Erich" = Ballade für gemischten Chor

und Kiavierbegleitung, op. 71, Text von

Robert Reinick. Komponiert 1873.

Das Graduale = Graduale in F-dur "Tu es

Deus" für gem. Chor a cappella (WoO 68).

Das Manuskript in der Bayer. Staatsbibliothek

München trägt den Vezrnerk: "Herrn Kapelim.

Th. Kretschmann zum Abdruck f. d.

Gradualienbuch des Kirchenmusikver. a. d.

Votivkirche zu Wien."

.. .fast bede,nken, sie janand zu widmen

Tatsächlich trägt die Messe in C-dur für

Soli, Chor und Orchester, op. 169, keine

Widmung.

. . .legen Sie von Ihrer Instrumental -Messe

eine neue Partitur an = Die Tatsache, dass

die Autographseiten 7 - 10 (Mbs 4639 in

der Bayer. Staatsbibhiothek München) in

anderer Weise als die übrigen Blätter paginiert

und nachträghich in die Partitur

eingeklebt worden sind, scheint auf eine

Umarbeitung zumindest dieses Teiles hinzudeuten.

(Vgl. Innen "Thematisches Verzeichnis

der musikalischen Werke Gabriel

Josef Rheinbergers" Regensburg 1974, 5. 406,

und ders. "Gabriel Josef Rheinberger als

Antipode des Cäcilianismus" Regensburg 1970,

S. 168ff.)

Mozart-Variationen = vgl. S. 13hz. 33.

"Drei Schwestern" = S. 48/Z. 33.

zum herannahenden Namensfeste = 19. März

Nr. 15 = 15. Orgelsonate D-dur, op. 165,

erschien 1892 bei Rob.Forberg, Leipzig.


- 222 -

S. 148/Z. lOf: op. 10 = Walienstein-Sinfonie

op. 18 = Ouvertüre "Zähmung der Widerspenstigen"

op. 79 = Fantasie (für Orchester)

op. 87 = Sinfonie F-dur ("Florentiner")

op. 94 = Klavierkonzert As-dur

op.i.39= Nonett

op. 89 = Streichquartett c-moll

op.i47 = Streichquartett F-dur

Z. 21f: op. 41 = "Zeiten und Stimmungen" 7 Lieder

op. 55 = "Liebesleben" Liederzyklus

op.136 = "Aus verborgenem Thai" Liederzykius

op.l57 = Sechs reiigiöse Gesänge

op. 4 = Fünf Lieder

Z. 25:

op. 22 = Vier Gesänge

op. 26 = Sieben Lieder

op. 57 = "Wache Träume" 7 Lieder u. Gesänge

op.l28 = Vier eiegische Gesä.nge

Kiaviersonate op. 99 = 2. Klaviersonate in

Des-dur, komponiert 1876

Z. 26f: Von den Marianischen Hymnen = Sechs Marianische

Hymnen für 1, 2 oder 3 Frauenstimmen

mit Orgel (oder Kiavier), op. 171

S. 149/Z. hf: Ihres letzten Werkes = vermuthich die Messe

in C-dur, op. 169

S. 150/Z. 6: Sevelen = Dorf auf der Vaduz gegenüberliegenden

Schweizer Seite des Rheins. - Am 25. März

1892 brannten nachmittags 38 Wohnhäuser, die

Kirche und 38 Scheunen und Ställe bei heftigem

Föhn nieder.

S. 15hZ. 9: Unser "Montfort" = op. 145, s.S. 17 und

Anhang

S. 152/Z. 19: Suite op. 149 = Suite für Orgel, Violine,

Violoncello und Streichorchester (ad lib.)

S. 153/Z. 23: "Ave regina" = op. 171 Nr. 6 für 3 Frauenstimmen

und Orgel

S. 182/Z. 11: 2. Sinfonie = Sinfonie F-dur, op. 87 ("Florentiner

")

Z. 20: Ouvertüre zu Calderon = "Die unheilbringen-


- 223 -

de Krone" op. 30 (Schauspielmusik)

S. 182/Z. 29: Wallenstein = Wallenstein-Sinfonje, op. 10

Z. 32: sein Demetrius = Ouvertüre zu Schillers

"Deiietrius", op. 110

+.,,......

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