450 Jahre Friedrich-Schiller-Universität - Geschichtswerkstatt Jena eV

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450 Jahre Friedrich-Schiller-Universität - Geschichtswerkstatt Jena eV

450 Jahre Friedrich-Schiller-

Universität

Gedanken zu einer Ausstellung und

zu einigen linken

Geschichtsbetrachtungen

von Manfred Wagner

Am 15 Mai 2008 gab es zum

Auftakt der Festveranstaltungen zur 450-Jahr-Feier der ehrwürdigen Alma mater Jenensis den

Festumzug der Magnifizenzen und Spektabilitäten mit einer stattlichen Anzahl von

professoralen Gästen aus aller Welt, die durch ihren Besuch Jena und der Friedrich-Schiller-

Universität Achtung und Ehrerbietung erwiesen. Das Publikum in den Strassen der Stadt

gehörte überwiegend den älteren Generationen an und begleitete mit Freude und Wohlwollen

die zivile Wandergesellschaft mit und ohne traditionelle Roben und Talare, passend für eine

450-jährige Universitätsstadt. Von den Studenten der Jetztgeneration sah man nur wenige

unter den freundlichen Zuschauern.

Es gab aber auch Andersdenkende und Andershandelnde im Publikum. Einige geistige Enkel

der 68er-Generation waren es wohl, die glaubten, besonders zukunftsweisend zu sein oder

sein zu müssen, indem sie sich in den Honoratiorenzug mischten und mit „originellen

Losungen“ über den „Mief von Tausend Jahren unter den Talaren“ endlich mal wieder

revolutionäres Ideengut in die wohlstandskorrumpierten und rückständigen verbürgerlichten


Massen tragen konnten. „Elitär und undemokratisch seit 1558“ hieß ein sinniger Spruch auf

einem ihrer Transparente, weswegen dann folgerichtig nach Alt-68er-Tradidion dem Jenaer

Rektor im laufenden Umzug eine Geburtstagstorte ins Gesicht geworfen werden musste.

Beifall fand dieser neorevolutionäre Geist wenig, die Revoluzzer disqualifizierten sich selbst.

Anders betrachten und bewerten und nicht unter Ulk verbuchen sollte man dagegen einige

Texte der Ausstellung des Stadtmuseums über die Jubiläumsfeiern der Jenaer Universität in

den letzten Jahrhunderten, die zeitgleich zur Festveranstaltung in der Goethegalerie zu sehen

war. Da hatte sich das Stadtmuseum mit der Wahl des Textgestalters wohl keinen guten

Dienst erwiesen. Dessen Sicht der Dinge ist nachdenkenswert.

Auf der Tafel, die über das 425-Jahre-Jubiläum 1983 berichtet, erfuhr der Betrachter, dass

„Bilderstürmer“ 1992 die Karl-Marx-Büste vor dem Hauptgebäude entsorgt hätten. Dort hätte

sie seit 1953 daran erinnert, dass die Doktorarbeit von Karl Marx 1843 von der Jenaer

Universität angenommen wurde. Dass der „Bilderstürmerei“ ein Senatsbeschluss der

Universität zugrunde liegt und sowohl bei der Aufstellung der Büste 1953 als auch beim

Abbau 1992 ganz andere Überlegungen zur Debatte standen als die Annahme einer

Doktorarbeit, wird nicht erwähnt. Dagegen konnte sich der Betrachter an anderer Stelle

darüber informieren, was die DDR war. „Die DDR war beides: eine erstarrte Politbürokratie

und ein dynamisches Industrieland“. Zu lesen war, dass die „Altstädte (zwar) zerfielen, aber

damals begehrte Neubauten überall wuchsen, mit Fernwärme und staatlich subventionierten

Mieten“ und geradezu poetisch: „Das Neue, das aus dem Alten heraus wuchs, sprengte im

Herbst 1989 die Hüllen des erstarrten Systems und sucht seitdem andere Formen des

Miteinanders. Eine Suche voller Widersprüche, die anhält: sie heißt Demokratie.“ Es ist

richtig toll: Nicht eine friedliche Revolution überwand die SED-Diktatur, die

Willkürherrschaft der Kommunisten, -so bezeichneten sich bekanntlich die SED-Oberen auf

allen ihren Parteitagen-, sondern aus den Hüllen der erstarrten Politbürokratie erwuchs das

Neue, die Demokratie!


Krönender Gipfel der Geschichtsdarstellung und Informationsübermittlung ist in der

Ausstellung jedoch der Text auf der Tafel: „Im Namen des Sozialismus 400-Jahr-Feier

1958“.

Über den hochgeschätzten und international anerkannten Rektor Hämel wird berichtet: „Als

die 400-Jahrfeier der Universität im Zeichen des Sozialismus begangen werden sollte, entzog

sich ihr der seit 1951 amtierende Rektor Joseph Hämel (1894-1969), indem er die DDR

verließ.“ Dennoch wäre die Festwoche vom 30. August bis 5. September gefeiert worden, mit

Umzügen, internationalen Gästen und „fatalerweise auch mit einem Sportfest der Studenten,

wie 1933“. Ein Sportfest wie 1933 fand der Autor „fatal“, etwas anderes nicht! Die

Hintergründe, warum die verehrte Magnifizenz „Republikflucht“ begangen hatte, sind dem

Texter nicht erwähnenswert. Kein Wort war zu lesen von den Auseinandersetzungen mit der

SED-Parteileitung im Senat der Universität und dem Staatssekretariat für das

Hochschulwesen. Die Einladung der Freien Universität (West)Berlin, die

Programmgestaltung der Festveranstaltung und vor allem Hämels Widerstand gegen die

Deklaration der FSU als erste sozialistische Universität, sozusagen als die erste „Universität

von neuem Typus“ waren spektakuläre Streitpunkte. (Siehe dazu den Beitrag von Tobias

Kaiser in diesem Heft.)

Erwähnenswert in einer Betrachtung über die 400-Jahr-Feier vor fünfzig Jahren wäre

durchaus gewesen, dass vom Winter über den Sommer bis zum Herbst 1958 zwölf Jenaer

Universitätsangehörige, 10 Studenten, ein Assistent und ein Arzt, in der

Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Gera einsaßen, mehrere in

absoluter Isolations-(Einzel)haft bis zu acht Monaten. Die Prozesse gegen sie, ursprünglich im

Juni als großer Schauprozess geplant, wurden auf den Herbst verschoben, auf die Zeit nach

den Jubelfeierlichkeiten für die erste sozialistische Universität. Ein solcher Prozess hätte nicht

in das gewollte Bild gepasst, die erwünschten internationalen Gäste unangenehm berührt und

zu unerwünschten Fragen Anlass gegeben, wenn man zum Auftakt über Zuchthausurteile


gegen Studenten bis zu 15 Jahren, wie sie im September/Oktober dann produziert wurden,

hätte diskutieren müssen. (Siehe dazu den Beitrag von Patrik von zur Mühlen in diesem Heft)

In den Schilderungen zur Umwandlung der FSU nach 1945 während der „antifaschistisch-

demokratischen“ Phase in der sowjetisch besetzten Zone und der frühen DDR ist auch keine

Rede davon, dass widerspenstige Studenten, die die Entwicklung zur Demokratie ernst

nahmen, in den Zuchthäusern verschwanden, dass z. B. 1949 neun Studenten wegen

sozialdemokratischer „Umtriebe“ und Verbindungen zur Sozialdemokratie im Westen von

einem sowjetischen Militärtribunal zu je 25 Jahren verurteilt wurden, dass Vertreter der

liberaldemokratischen Studentenvertretungen im Zuchthaus landeten. Über nach Freiheit

strebende Studenten der Universität Jena war in der Ausstellung unter „Aufruhr 1792“ zu

lesen, dass sich eine „Antiduellbewegung in neuen Landsmannschaften“ gegen die

„Auswüchse des ‚Comments’, der studentischen Sitten und Unsitten“ gründete. Solches zu

beschreiben war dem Autor offenbar bedeutsamer als das Streben der Jenaer (und damit der

deutschen) Burschenschaftsbewegung im 19. Jahrhundert für die Einigung Deutschlands und

die Verfolgung der studentischen Opposition im sogenannten Arbeiter- und Bauern-Staat

DDR.

Mit der Ausstellung ist dem Stadtmuseum keine Glanzleistung gelungen. Als Betrachter hatte

ich die Besichtigung „von hinten“ angefangen, war zunächst verwundert – das ist noch

höflich formuliert- über die veröffentlichten Texte. Am Ende wich die Verwunderung, als ich

den Namen des Texters fand, Jens-Fietje Dwars. Die vom Jenaer Stadtmuseum getragene,

vom Verein für Stadt- und Universitätsgeschichte und von JenaKultur unterstützte

Ausstellung war ein bemerkenswertes Zeitdokument, das zeigt, wie skurril Geschichte

dargestellt werden kann. Auch an der Friedrich-Schiller-Universität fällt es der

„Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert“

offenbar schwer, die Repressionen während der Zeit von 1945 bis 1989 erschöpfend und

zusammenhängend zu dokumentieren. Immerhin ist im 2. Band der über 2000 Seiten

umfassenden Studien zur „Hochschule im Sozialismus“ 1 eine Arbeit angekündigt mit dem

Titel: „Verfolgte, verhaftete, vertriebene und ausgeschlossene Universitätsangehörige der

Universität Jena zwischen 1945 und 1989“.

1 Hochschule im Sozialismus, Studien zur Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, (1945 -1990), 2

Bände, Böhlau-Verlag 2007.


Es würde der Friedrich-Schiller-Universität nicht schlecht zu Gesicht stehen, im

Jubiläumsjahr 450 der Alma mater Jenensis an die zu erinnern, die wegen ihres Eintretens für

studentische Rechte, Freiheit, die deutsche Einheit und gegen die Sowjetisierung der

Gesellschaft in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR verfolgt worden sind. Noch

gibt es überlebende Repressierte, auch aus den 40er Jahren. Allerdings ist ja bekannt, dass in

den Zeitzeugen häufig „die Feinde des Historikers“ gesehen werden, besonders wohl, wenn es

um Repressionen während der Zeit des real-existierenden Sozialismus geht. Zeitzeugen

scheinen für eine Reihe von Historikern häufig nur lästige Subjekte zu sein, die einer

„objektiven Historisierung“ eher im Wege stehen.

Statt dessen sind solche ungeheuerlichen Aussagen im öffentlichen Raum zu finden wie die

des damaligen (1958) hauptamtlichen Sekretärs der Universitäts-SED-Parteileitung Kurt

Pätzold, der in seinem Buch „Sekretär im Klosterhof“ auf Seite 190 heute noch behauptet,

Jenaer Studenten seien „seinerzeit verhaftet und von einem Geraer Gericht verurteilt“

worden, „weil sie nach ungarischen Vorbild handeln wollten“. Dazu hätten sie „eine illegale

Gruppe gebildet und schon eine Liste derer angefertigt, die zuerst ausgeschaltet werden

sollten“. Er, Pätzold, hätte „darauf auf Platz eins gestanden“. Niemand hat jemals eine solche

Liste gesehen, nicht einmal in den Prozessen gegen die Akteure des Eisenberger Kreises war

davon die Rede. Und er, der heute noch mit dem DDR-Titel Professor für Geschichte auftritt,

weiß ganz genau: Wenn es eine solche Liste gegeben hätte, dann wäre dieser Umstand als

geplanter Mord angeklagt worden. Darauf stand zu dieser Zeit die Todesstrafe!

Bleibt als Frage im Raum: Wieviel „Meinungsfreiheit“ verträgt Geschichtsschreibung, wie

weit geht die Interpretation (Dichtung) und wie steht es um die historische Wahrheit?

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