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tergrund und auf Abruf. Sie begann ihre Alltagsaktivitäten,

Ihren Tagesrhythmus und – vor allem – ihr

Tempo dem krankheitsbedingten Zustand ihres Mannes

anzupassen. Je nach Tagesform, die bei Parkinson

stark variieren kann, verhielt sie sich flexibel. Ihr Mann

musste mit dem Fortschreiten der Krankheit zunehmend

Einschränkungen in Kauf nehmen. Er nahm

nach wie vor am Vereinsleben teil, musste aber immer

mehr eigene Aktivitäten aufgeben. Besonders einschneidend

war der Verzicht aufs Autofahren. Durch

die Verlangsamung der Reaktionen wurde dies

gefährlich. Anne-Marie Ochsner hat das Thema eines

Tages mutig angesprochen und hat auch einen mutigen

Entscheid ausgelöst. Der Fahrausweis wurde

abgegeben. Das ist nicht selbstverständlich. Sowohl

die Betroffenen als auch ihre Angehörigen vermeiden

es, beim Thema Autofahren dem veränderten Sachverhalt

ins Auge zu blicken und weichen der klaren

Rede aus. «Ich habe meinem Mann sogar angeboten,

meinen Ausweis aus Solidarität auch abzugeben»,

verrät Anne-Marie Ochsner. So weit ist es aber nicht

gekommen, im Gegenteil, nun ist sie umso mehr als

Chauffeurin im Einsatz. Ihre ausserhäuslichen Verpflichtungen

begann sie ebenfalls zu reduzieren. «Ich

halte aber an einigen Aktivitäten fest», stellt sie klar.

Sie braucht den Ausgleich, den Kontakt mit anderen

Menschen, das Lob und die Anerkennung, wenn sie

für andere etwas organisiert und Erfolg hat. Ihr Engagement

im Privatleben bleibt meist unerkannt und

unerwähnt. Noch kann sie ihren Mann zeitweise

allein lassen und sich andern Aufgaben zuwenden.

Besonders wichtig ist ihr die Arbeit in der Parkinson-

Angehörigengruppe.

«Wir tanken Energie für den Alltag.»

Das Ehepaar Ochsner hat sich schon bald nach Kenntnis

der Diagnose Parkinson der Schweizerischen Parkinson-Vereinigung

angeschlossen. Eines Tages wurde

von Parkinson Schweiz ein Seminar angekündet

mit dem Titel «Und wer fragt, wie’s mir geht?». Angesprochen

wurden damit die Angehörigen. Anne-

Marie Ochsner hatte bereits am eigenen Leib erfahren,

dass diese Frage im Leben der Partnerinnen und

Partner von Parkinsonpatienten meist zu kurz kam.

Sie besuchte den Anlass und blieb mit einigen Teilnehmerinnen

und Teilnehmern in Kontakt. Zwei Jahre

später wurde an einer Tagung der Parkinson-Vereinigung

zur Gründung einer Selbsthilfegruppe in der

Region Basel aufgerufen. Anne-Marie Ochsner war

innerlich bereits fest entschlossen ihren Beitrag zu

leisten. Sie wusste, dass viele Angehörige Hilfe nötig

hatten. So stellte sie sich zur Verfügung, um eine

neue Selbsthilfegruppe für Angehörige aufzubauen.

«Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt,

aber ich war überzeugt von der Wichtigkeit des Angebots»,

erinnert sie sich. Sie packte die neue Aufgabe

an und aus dem anfänglichen Fünfer-Grüppchen ist

eine beachtliche Runde mit dreissig Mitgliedern

geworden. Sie treffen sich regelmässig alle zwei

Monate, Austausch, Kontakt und gegenseitige Unterstützung

kann aber jederzeit erfolgen. Anne-Marie

Ochsner bereitet die Einladungen besonders liebevoll

vor, denn dass die Angehörigen bei den Treffen verwöhnt

werden, ist ihr ein Anliegen. «Wir wälzen keineswegs

nur Probleme», hält sie fest, «wir geniessen

unsere Nachmittage, lachen viel und tanken neue

Energie für den Alltag.»

«Was im Jetzt möglich ist...»

Ratschläge könne man meist ohnehin nicht erteilen,

erklärt die Gruppenleiterin, denn jede Situation sei

wieder anders. Im Zentrum stehe deshalb das gegenseitige

Verständnis. Alle Betroffenen müssen lernen,

sich auf das Auf und Ab der Krankheit einzustellen,

anpassungsfähig sein und improvisieren. Die zeitlichen

Abläufe sind immer wieder anders, nur eines ist

sicher: es braucht endlos viel Geduld. Was ebenfalls

gewiss ist: was nicht mehr geht, ist unwiderruflich

verloren. Anne-Marie Ochsner denkt an die letztjährigen

Winterferien. Noch konnte ihr Mann Skifahren,

allerdings mit Mühe. Um Jacke oder Handschuhe an-

und auszuziehen, brauchte er Hilfe. Die nächsten

Winterferien sind gebucht. Ob das Skifahren noch

möglich sein wird, ist ungewiss, «Auch Spaziergänge

sind erholsam», meint Anne-Marie pragmatisch. Was

im Jetzt möglich ist, das wird gemacht. Was die

Zukunft bringt, wird sich weisen. Sie wird bestimmt

weitere Einschränkungen mit sich bringen. Umso

wichtiger wird es, Prioritäten zu setzen, das hat Anne-

Marie Ochsner gelernt. Sie ist zuversichtlich: «an

einer solchen Aufgabe wächst man auch und beginnt

zu spüren, wie viel Kraft man hat.»

Kontakt: Parkinson-Selbsthilfegruppe Basel

und Umgebung

Anne-Marie Ochsner

Tel. 061 601 22 11

6 2.2009

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