50 Jahre „natur und mensch“ - Rheinaubund

rheinaubund.ch

50 Jahre „natur und mensch“ - Rheinaubund

natur und

mensch

50. Jahrgang • Heftnummer 4-5 / 2008

La nature et l’homme

La natura e l’uomo

La natira e l’uman

50 Jahre natur und mensch

Umsatz versus Umwelt

Alpenschutz wohin?

Rheinaubund


natur und

mensch

50. Jahrgang • Heftnummer 4-5 / 2008

Schweizerische Blätter

für Natur- und Heimatschutz

Impressum

Herausgeber:

Rheinaubund, Schweizerische

Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimat

Redaktion:

Günther Frauenlob (gf) Dipl. Geogr.

Geschäftsstelle des Rheinaubundes

und Redaktion:

Weinsteig 192, Postfach 1157

CH-8200 Schaffhausen

Telefon: 052 625 26 58

Telefon Redaktionsbüro:

052 625 26 67

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E-mail: redaktion@rheinaubund.ch

www.rheinaubund.ch

Postcheck 82-3003-8 Schaffhausen

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Konto 300 550 758

Satz:

Diener + Bachmann GmbH

Martin Diener, Nordstr. 108, 8037 Zürich

Layout:

Günther Frauenlob, Christoph Frauenlob

Druck und Spedition:

Ropress Genossenschaft

Baslerstr. 106, 8048 Zürich

Abonnementspreise 2008:

Inland Fr. 45.–, Ausland € 31.–,

Einzelheft Fr. 8.–

ISSN 0466-5899

Erscheinungsweise 6 x jährlich

Nachdruck von Beiträgen aus

„Natur und Mensch“ werden gestattet unter

Quellenangabe und Zusand von 2 Belegen.

Die veröffentlichten Beiträge geben die

Meinung der Autorinnen und Autoren wieder

und müssen nicht immer der Auffassung des

Rheinaubundes entsprechen.

Titelbild:

Foto: photocase.de

Assoziierte Organisationen:

Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Aare

AQUA VIVA

IG Bielersee

ARGE Pro Thur

PROTÖSS

Bodensee-Stiftung

Verband zum Schutze des Greifensees

Schweizerische Greina-Stiftung

Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee

natur und mensch 4-5 / 2008

Inhalt

50 Jahre „natur und mensch“

1 Editorial Bundesrat Moritz Leuenberger

2 50 Jahre „natur und mensch“ Jürg Bloesch

5 Umsatz versus Umwelt: Erfolge und Misserfolge in der Schweizer

Umweltpolitik – und ihre Ursachen Hanspeter Guggenbühl

10 Umweltinformation in der modernen Medienwelt Karl Lüönd

13 Wie kann das Interesse von Kindern und Jugendlichen

für Natur- und Umweltthemen geweckt werden? Barbara Sintzel

16 Umwelt – Vollzug: Reichen die Gesetze in der Schweiz aus?

Florian Wild

20 Die Natur ihrer Stimme berauben? Beat Jans

24 Alpenschutz wohin? Nachhaltige Regionalentwicklung

als Zukunftsperspektive für den europäischen Alpenraum

Dominik Siegrist

28 Frühere Wissenschaft für effizienteren Umweltschutz

Herbert Güttinger

32 Umweltschutz und Volkswirtschaft –

Verbandsbeschwerden entlasten die öffentliche Hand

Ruedi Schneider, Andri Bryner und Raimund Rodewald

36 Seele und Landschaft: Die verdrängte Bedeutung einer

lebenswichtigen Beziehung Jean Pierre Jaccard

Aus dem Rheinaubund

39 Unser Geschäftsführer berichtet

Letzte Seite

37 Termine / Aktuelles


Editorial

50 Jahre „natur und mensch“

Liebe Leserinnen und Leser,

Ob der Rhein auch ohne den Rheinaubund flösse?

Gewiss, aber gewiss ist auch, er flösse anders. Manche Uferböschung, mancher Auenwald

und Laichplatz sähe anders aus oder wäre gar nicht mehr, sondern verbaut, gerodet oder

verschwunden, mit ihm viele gefiederte und geschuppte Bewohner dieser Flusslandschaft.

Sie und wir alle haben dem Rheinaubund und seiner Zeitschrift „natur und mensch“ Vieles

zu verdanken.

Indem sich seine Gründer in den 60er-Jahren für Umweltanliegen zusammenschlossen,

schrieben sie für die modernen Natur- und Landschaftsschutzorganisationen Geschichte.

Im Zentrum stand die Flusslandschaft zwischen Bodensee und Basel, ihre Beeinträchtigungen

durch die Schifffahrt und die Wasserkraftwerke.

Wasser ist unsere Lebensgrundlage schlechthin. Es ist natürliche Ressource, Trinkwasser

und Energielieferant, Flüsse sind Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Gewässer

sind Urquellen menschlicher Inspiration. Fliessende Wasser beruhigen und regen uns an.

Die Natur bewegt unsere Herzen, unsere Seelen, unsere Phantasie. Es ist kein Zufall, dass

am Rhein so viele Mythen, Geschichten und Legenden entstanden. Sie beeinflussen –

beachten wir, den Wortstamm - sie „be-ein-flussen“ unsere Wahrnehmung der Umwelt,

unser Fühlen der Natur und damit unser Selbstverständnis. Der Rheinaubund hilft seit

50 Jahren, damit das Grundwasser unserer Kultur weiter fliesst.

Der Rhein ist Teil jenes Gleichgewichts der Flüsse, welches vier Fünftel unseres Planeten

bedeckt. Das weltumspannende Wassersystem ist wiederum Teil eines gesamten ökologischen

Gleichgewichts. Bereits in prähistorischen Zeiten, als unsere Vorfahren die ersten

Angelhaken aus Bärenknochen in den Fluss auswarfen, begannen sie das natürliche Gleichgewicht

zu verändern. Heute greifen wir längst nicht nur als Jäger und Sammler in die

Natur ein, sondern als Stromproduzenten, Vogelschützer, Schiffskapitäne, als Chemiker,

Fischer oder Touristen.

Das Abwägen all dieser Interessen ist schwierig und konfliktreich. Kernaufgabe der Politik

ist, einen Ausgleich zwischen ihnen zu finden.

Nicht nur ein Ökosystem, sondern auch jede soziale Ordnung beruht auf vielen Gleichgewichten,

die von unterschiedlichsten Kräften beeinflusst werden. Sie erzeugen Spannungen

und nur der stetige Ausgleich ergibt die Harmonie, welche ein System erhalten und

weiter entwickeln kann. Das ist die wesentliche Aufgabe der Umweltorganisationen in der

Demokratie: Partei für die Natur zu ergreifen, aber auch dazu willens und fähig zu sein, den

Kompromiss mit sozialen und wirtschaftlichen Zielen zu suchen und

zu stützen.

Der Rheinaubund ist eine solch ausgleichende Kraft. Mit seinem freiwilligen

Einsatz übernimmt er Aufgaben für ökologisches und ökonomisches

Zusammenwirken, auf das die Umwelt und wir alle angewiesen

sind. Durch seine fundierten Stellungnahmen und Vorschläge

geniesst er denn auch grosse Anerkennung, und viele Entscheidungsträger

lassen sich von seinem Wissen gerne beeinflussen.

Ich bin dankbar, dass der Rheinaubund und seine Zeitschrift „natur

und mensch“ unser umweltpolitisches Bewusstsein für Flusslandschaften

weiterhin beeinflusst.

Moritz Leuenberger

Bundesrat

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 1


50 Jahre „natur und mensch“

50 Jahre “natur und mensch”

Seite 2

In zwei Jahren feiert der Rheinaubund sein 50-jähriges Bestehen. Heute schon

begehen wir das Jubiläum 50 Jahre „natur und mensch“. Diese Zeitschrift bestand

also schon vor dem Verein, was doch eher unüblich ist. Aus dem ersten Heft 1958,

einer Kampfschrift gegen das geplante Wasserkraftwerk am Spöl im Nationalpark,

entstand zwei Jahre später das Vereinsorgan. Bald kam der Hochrhein bei Rheinau

in den Fokus, wo ein weiterer Kraftwerksbau und hochtrabende Schifffahrtspläne

anstanden. Die spannende Geschichte von „natur und mensch“ widerspiegelt den

interessanten Wandel des Natur- und Heimatschutzes im Laufe der Zeit.

von Jürg Bloesch

In den 1950-er Jahren stand der Widerstand

am Spöl und in Rheinau im Vordergrund des

politischen Geschehens. Hier sei nur an das

damalige Zielpublikum der Schrift erinnert:

eine durchaus zutiefst bürgerliche und liberale

Gruppe, angeführt von Schaffhauser

Politikern wie Regierungsrat Konrad Graf

und Ständerat Kurt Bächtold. Umweltschutz

im heutigen Sinn gab es noch nicht. Zum

ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg und inmitten

der Euphorie des Wirtschaftswunders

entdeckten die Leute, dass Natur und Heimat

vor übergrossen technischen Eingriffen

geschützt werden müssen.

Die Gründungszeit

In der ersten Ausgabe von „natur und

mensch“ beschrieb der Initiator, Forstmeister

Arthur Uehlinger, worum es dem Komitee zur

Vier Redakteure haben während

50 Jahren „natur und mensch“

gestaltet. Sie prägten damit die

Erscheinung des Rheinaubundes

ganz wesentlich. Von links nach

rechts: Arthur Uehlinger, Alfred

Huber, Andri Bryner, Günther

Frauenlob

Erhaltung des Nationalparks ging: Den geplanten

Eingriff in Form des Wasserkraftwerks

am Spöl im Sinne der ursprünglichen Nationalpark-Satzung

(Bundesbeschluss 1914) zu

verhindern. Wenig später kam Rheinau am

Hochrhein dazu, wo nebst dem Kraftwerksbau

auch die Schifffahrt zum heissen Thema

wurde. Obwohl beide Abstimmungen verloren

gingen und die Kraftwerke gebaut wurden,

war die Gründung dieser Zeitschrift die

voraus genommene Geburtsstunde des

„Rheinaubundes“ (1960), in dessen Dienst

sich die neue Zeitschrift stellte.

„natur und mensch“ war und ist jedoch mehr

als blosses Vereinsorgan. Man hat sich damals

von den Puritanern der Wissenschaft und

den allzu kompromissbereiten Befürwortern

der Wasserkraft abgrenzen wollen, um dem

Natur- und Heimatschutz eine wahre politische

Stimme zu geben. Das neue Natur- und

Heimatschutzgesetz (NHG) war der wohlverdiente

Lohn des unermüdlichen Einsatzes

der Umweltpioniere. Die Information über

Gewässer- und Landschaftsschutz und Umweltthemen

stand immer im Vordergrund

von „natur und mensch“ und hat von Beginn

an ein breiteres Publikum angesprochen.

Im Laufe der Zeit hat sich nicht nur das Erscheinungsbild

der Zeitschrift, sondern auch

Sprache, Inhalt und Publikum verändert. Damit

unterscheidet sich „natur und mensch“

in keiner Weise von der Tagespresse und anderen

Druckerzeugnissen. Es lohnt sich aber,

zum Anlass des 50-jährigen Jubiläums einen

kurzen historischen Abriss zu geben. Aus

Kenntnis dieser Entwicklung werden auch

jüngere Semester die heutige Botschaft der

Zeitschrift verstehen und schätzen lernen,

denn sie ist im Laufe der Zeit harmonisch

gewachsen.

Als erster Redaktor (1958-1983) fungierte Arthur

Uehlinger, der zwei Jahre später auch als

Gründungsmitglied und langjähriger erster

Präsident des Rheinaubundes markant in Erscheinung

trat. Als letzterer legte er die Redaktion

zuerst in die Hände seines Basler

Freundes Philipp Schmidt, und später rief

er ein mehrköpfiges Redaktorenteam ins

Leben, das sich die Sachressorts aufteilte. Seine

Hefte waren angesichts des Widerstandes,

aus dem sie entstanden, sehr kämpferisch

gestaltet. Es ging um handfeste politische Interessen.

Die Nutzung der Wasserkraft zum

Energiegewinn, die in der damaligen Wirt-


schaftsentwicklung einen eigentlichen Boom

erlebte, wurde erstmals auch als Zerstörungskraft

schöner Flusslandschaften erkannt. Damit

fand bereits damals eine erstaunliche Debatte

über die Energiepolitik statt. In Nr.7/8,

1.Jg. 1959, findet sich auf Seite 99 der bemerkenswerte

Satz von H. Utzinger: „Eine endgültige

Lösung unseres Energieproblems können

nur die Atomenergie oder ganz neue,

noch nicht bekannte Energiequellen bringen.“

Heute diskutieren wir um Stromversorgungslücken

nach 2020, neue alternative

Energieformen, globale CO2-Bilanzen und

Endlager für radioaktive Abfälle, nachdem inzwischen

verschiedene politische Abstimmungen

pro und gegen Kernkraft (wie sie

damals umbenannt wurde) stattgefunden

haben. Das Thema Kernkraft taucht regelmässig

in „natur und mensch“ auf, womit ein eindeutiger

Beweis der Aktualität unserer Zeitschrift

erbracht ist.

Die Phase der Konsolidierung

Nachfolger von Uehlinger wurde Alfred Huber

(1983-1991). Der damalige Forstmeister

des Kantons Schaffhausen prägte „natur und

mensch“ durch wissenschaftlich fundierte

und redaktionell mit grosser Sorgfalt überarbeitete

Beiträge. Dem beruflichen Hintergrund

des Redaktors entsprechend, finden

sich in dieser Periode vermehrt Artikel über

Waldwirtschaft und Schutz des Waldes, die

der damaligen Zeit weit voraus waren. Wer

wusste damals schon etwas über Nachhaltigkeit?

Auch hier zeigte sich die Zeitschrift

als Forum weitsichtiger und wegweisender

Gedanken, die dem Naturschutz immer wieder

die nötige Energie spendeten.

Im Jahre 1991 wurde der junge Geograph

und Hydrologe Andri Bryner neuer Redaktor.

Er erkannte die Notwendigkeit, das in die

Jahre gekommene Heft zu moderni sieren

und bei Auswahl, Gewichtung und Layout

der Beiträge auch journalistische Kriterien

anzuwenden (er war später lange Redaktor

beim Winterthurer Landboten). So restrukturierte

er das Heft drastisch und hob das Niveau

der Zeitschrift auf die populärwissenschaftliche

Ebene. Vermehrt kamen Wissen-

schaftlerInnen als AutorInnen zum Zug, was

dem Trend der Zeit folgend eine Verschiebung

von der emotionalen zur sachlichen

Das Titelblatt einer Zeitschrift

ist wie eine Visitenkarte.

Unsere Beispiele

reflektieren den Zeit-

geist in hohem Masse.

Heutiges Format und

Layout haben sich

in die moderne

Medienlandschaft

eingepasst.

Ebene ergab (heute befassen wir uns wieder

vermehrt mit emotionalen Werten von Landschaften).

Nur mit fachlich gut untermauerten

Argumenten kann man den Umweltschutz

glaubwürdig vertreten. Die neu er reichte Qualität

des Inhalts wurde von Bryner entsprechend

in ein neues, modernes Layout verpackt.

Vermehrt kamen wieder Fälle aus dem

tagespolitischen Umfeld zur Diskussion, und

die Leserschaft wurde wie in den Gründerjahren

wieder aktiv an der Diskussion beteiligt.

Die Gegenwart

1996 schliesslich übernahm Günther Frauenlob

das Zepter, das er bis heute führt. Wie

Bryner ausgebildeter Geograph und Generalist,

hielt er nicht nur das vom Vorgänger

gegebene Niveau, sondern dehnte es inhaltlich

vermehrt auch auf Deutschland aus, so

die vielen grenzüberschreitenden Projekte

am Hochrhein reflektierend. Später kamen

Artikel aus aller Welt hinzu, denn Umweltschutz

hatte längst die globale Dimension

ereicht. Der Inhalt von „natur und mensch“

verschob sich allmählich von kleinräumigen

Einzelprojekten auf komplexe Umweltprobleme,

und deshalb sind vier von sechs Heften

thematische Sonderhefte, was die Lektüre

besonders spannend macht. Seit 2007

erscheint „natur und mensch“ im neuen Format,

womit einmal mehr dessen Anpassungsfähigkeit

an ein sich stetig wandelndes

Umfeld bewiesen wurde.

Über all die 50 Jahre haben unzählige Autorinnen

und Autoren ihr Wissen mit grossem

Engagement und ohne Honorar unserem

Heft zur Verfügung gestellt. Das ist gerade

in unserer hektischen und ökonomisch geprägten

Welt nicht selbstverständlich, und

deshalb sei allen, die schon Beiträge geliefert

haben und noch liefern werden, ganz

herzlich gedankt.

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 3


50 Jahre „natur und mensch“

Naturschutz im Wandel der Zeit,

Zielpublikum

So wie sich die Belange des Naturschutzes

seit den 1950-er Jahren stark gewandelt haben,

so änderte sich auch die Redaktionsarbeit

und das Zielpublikum. Die Ansprüche

sind heute enorm gross. Während in den Anfängen

noch ehrenamtlich und amateurhaft

gearbeitet wurde, ist heute eine redaktionelle

Professionalität unabdingbar. Seit 1991

entspricht der Aufwand für die Redaktion etwa

einer entlohnten 50%-Stelle. Während es

in den Anfangsjahren darum ging, Gleichgesinnte

zu informieren, um sich zu scharen

und zum Kampf gegen die Eingriffe zu mobilisieren,

ist heute ein breit interessiertes Publikum

angesprochen, das Gewässerschutz,

Landschaftsschutz und Umweltgefährdung

ernst nimmt und sich möglichst objektiv informieren

will. So nimmt „natur und mensch“

heute eine bedeutende Stellung im Blätterwald

der Naturschutzorganisationen ein: Es

klärt über aktuelle, komplexe Umweltprobleme

im Gewässer- und Landschaftsschutz auf,

weder vom wissenschaftlichen Elfenbeinturm

aus noch im Sinne von „Grünen Fundis“.

Damit leistet die Zeitschrift einen wesentlichen

Beitrag zur Weiterbildung im Umweltbereich.

Allerdings ist bemerkenswert, wie viele Sachbeiträge

trotz des politischen Kampfes bereits

in den ersten Jahrgängen von „natur und

Jürg Bloesch

ist promovierter

Limnologe und

forschte während

mehr als 35 Jahren

am Wasserforschungs-Institut

der ETH im Bereich Sedimentation/

Stoffhaushalt in Seen und Fliessgewässerökologie.

Er widmete sich daneben

auch der Beratung im In- und Ausland

und kämpft seit Jahrzehnten aktiv für

den Gewässerschutz und naturnahe

Landschaften. Von 1998-2004 war er

Präsident der Internationalen Arbeitsgemeinschaft

Donauforschung (IAD),

seit 1995 ist er Ko-Präsident des

Rheinaubundes.

Seite 4 natur und mensch 4-5 / 2008

mensch“ zu finden sind. Es gibt zum Beispiel

Artikel über Fledermäuse, das Aussterben der

Fischotter, die Wiederansiedlung der Braunbären

im Alpenraum, den Rückgang der Eisvögel,

die für einschlägig Interessierte eine

wissenschaftliche Quelle darstellen. Typisch

für den Zeitgeist war der Artenschutz, der intuitiv

vor den Biotopschutz gestellt wurde.

Die Zeit der Ökosysteme, die es zu verstehen

und funktionell zu erhalten gab, war noch

nicht reif. Für Naturwissenschaftler und historisch

Interessierte bildet also „natur und

mensch“ einen fast unerschöpflichen Fundus

(sämtliche Nummern sind gebunden in der

Bibliothek der Geschäftsstelle vorhanden). Einen

grossen Wandel hat auch der Begriff „Heimat“

erfahren, der in den Anfangsjahren

noch sehr patriotisch verkündet wurde, heute

allerdings von vielen sehr unterschiedlich

wahrgenommen, ja sogar hinterfragt wird.

Die Auflage von „natur und mensch“ war immer

schon ein Spiegel des Zeitgeschehens

und hat verschiedene Hochs und Tiefs erlebt.

Am Anfang wurden etwa 1600 Exemplare gedruckt,

und die Auflage stieg rasch stark an.

Die höchste Abonnentenzahl wurde um 1975

mit 7›000 verzeichnet, rund 20 Mal höher als

die Mitgliederzahl. Seither haben wir mit

langsam aber stetig sinkenden Zahlen zu

kämpfen, die inzwischen unter der Erstauflage

liegen (1325 Stück im Jahr 2008).

Die Analyse dieses unerfreulichen Zustandes

ergibt ein komplexes Bild. Es dürfte kaum

fehlende Qualität des Inhalts oder der möglicherweise

zu wenig „süffige“ Titel sein. Es ist

eher die Überalterung der Leserschaft - viele

haben den „Rheinaukampf“ noch selber erlebt

und standen an vorderster Front - und

damit fehlender Nachwuchs an AbonnentInnen.

In der heutigen allgemeinen Flut von

Druckerzeugnissen und Freizeitangeboten

„fehlt“ bei vielen die Zeit zum Lesen und zur

Reflexion. Im Internet (www.rheinau bund.ch)

werden einzelne Artikel der aktuellsten Nummern

angeboten.

Ausblick

Man kann sich besorgt die Frage stellen, wohin

dieser Rückgang der Auflage führen wird.

Immer wieder erhalten wir begeisterte Rückmeldungen

über unsere Rheinaubund-Zeitschrift.

Trotzdem kämpft „natur und mensch“

ums Überleben, die Statistik beweist es. Wir

werden jedoch keine Anstrengung scheuen,

eine neue und vor allem junge Leserschaft zu

erreichen und zu begeistern.

Umweltbildung und -information sind sehr

wichtige Gesellschaftsthemen, denn letztlich

werden alle von den Umweltschäden betroffen.

Lassen wir uns die Feierstunde am 23.

Oktober 2008 nicht vermiesen. Wir wollen

das Erreichte in einer Rückschau würdigen,

aber auch vertrauensvoll in die Zukunft

schauen.

Dr. Jürg Bloesch

Stauffacherstr. 159

8004 Zürich

Tel.: 044 / 241 11 19


Umsatz versus Umwelt: Erfolge und Misserfolge

in der Schweizer Umweltpolitik – und ihre Ursachen

Die Seen sind sauberer und die Feldlerchen seltener geworden. Die Luft ist reiner,

aber Boden- und Energieverbrauch wachsen weiter. Wir produzieren mehr Abfälle,

aber rezyklieren auch mehr davon. Die Bilanz aus 50 Jahren Umweltschutz in der

Schweiz ist zwiespältig – und folgt einer einfachen Regel: Umweltpolitik hat Erfolg,

wenn sie Investitionen auslöst und damit den Umsatz der Volkswirtschaft steigert.

Geht es hingegen darum, umweltbelastendes Tun zu unterlassen oder zu vermindern,

findet die Umweltpolitik keine Mehrheit.

von Hanspeter Guggenbühl

Staatliche Verbote und Gebote haben ein

schlechtes Image, denn sie schränken die

Freiheit ein. Das Wort Markt hingegen hat

einen guten Klang, weil der Markt das Verhältnis

von Mangel und Überfluss, von Angebot

und Nachfrage, angeblich optimal

ausgleicht. Der Glaubenskrieg zwischen

Staat und Markt – zwischen Geboten auf der

einen und den sogenannten „marktwirtschaftlichen

Instrumenten“ auf der andern

Seite – prägte in den letzten Jahrzehnten

auch die Umweltdebatte: „Ohne Verbote

und Gebote geht es nicht“, sagen staatsgläubige

oder naturwissenschaftlich ausgerichtete

Fachleute. „Marktwirtschaftliche Instru-

mente sind effizienter“, entgegnen grünli-

be rale Ökonomen ebenso wie Lobbyisten,

die irgend ein sie störendes Gebot verhindern

wollen.

Eine schlüssige Antwort auf diese Grundsatzfrage

bleibt aus. Das liegt teils daran,

dass nicht in jedem Fall das gleiche Instrument

taugt. Vor allem aber fehlt eine Vergleichsbasis,

weil es in der Schweiz an marktwirtschaftlichen

Instrumenten weitgehend

fehlt. Deren Einführung scheiterte nämlich

meist an der Formel „Im-Grundsatz-Ja-aberso

nicht“. Davon zeugen jahrzehntelange

Auseinandersetzungen, die bis heute eine

wirksame Lenkungsabgabe auf der Grundressource

Energie oder dem CO2-Ausstoss

verhinderten („wirksam“ wäre eine Lenkungsabgabe,

wenn sie die Energie um ein

Mehrfaches des Marktpreises verteuerte,

was bei der bescheidenen, seit 2008 gültigen

CO2-Abgabe auf fossilen Brennstoffen

nicht der Fall ist). Der viel zitierte „marktwirt-

natur und mensch 4-5 / 2008

Die Bilanz aus 50 Jahren

Umweltschutz in der Schweiz

ist zwiespältig, während die

Seen sauberer und die Luft

reiner geworden ist, wächst

der Boden- und Energieverbrauch

ungebremst weiter.

Foto: photocase

Seite 5


50 Jahre „natur und mensch“

schaftliche Umweltschutz“ beschränkt sich

damit auf wenige Spezialabgaben. Dazu

gehören Abfall-Sackgebühren, welche die

Müll abfuhr mitfinanzieren, oder die jahrelang

hinaus gezögerte VOC-Abgabe auf

flüchtigen Kohlenwasserstoffen.

Damit komme ich zur ersten Folgerung: Der

Umweltschutz in der Schweiz besteht primär

aus Geboten und Verboten, also auf staatlichen

Vorschriften, die einzelne Tätig keiten,

Verfahren, Schadstoffe oder Giftfrach ten begrenzen

oder verbieten. Zu beurteilen bleibt

damit, wo sich solche Vorschriften durch-

setzen liessen, und wie sich diese auf die Umweltqualität

in der Schweiz auswirken.

Erfolge am Ende der Leitung

Die positiven Resultate vorweg: Die Ge wässer

sind seit den 1970er-Jahren sauberer geworden,

ebenso die Luft ab Ende der 1980er-

Jahre. So hat vor allem die Konzentration

von Phosphor und Nitrat in den Schweizer

Seen und Flüssen abgenommen. Der Ausstoss

der Schadstoffe Schwefeldioxid, Stickoxide,

Kohlenwasserstoffe und selbst des

Feinstaubs (PM 10) ist rückläufig. Massiv reduziert

hat die Schweiz zudem den Einsatz

von Stoffen, welche die Ozonschicht schädigen.

Und noch ein wesentlicher Pluspunkt:

Der Anteil der Abfälle, der separat gesammelt

und wieder verwertet wird, nahm in

den letzten Jahren zu.

Seite 6 natur und mensch 4-5 / 2008

Viele Tiere haben keine

Lobby, weshalb Feldlerche,

Waldschnepfe (Bild) und Co

weiterhin massiv in ihrer

Existenz bedroht sind.

Foto: SVS

Diese Ergebnisse verdanken wir primär jenen

Gesetzen und Verordnungen, die der

Staat beschlossen hat, um die Einleitung

von Schadstoffen in die Gewässer oder die

Emissionen von Giften aus Kaminen und Automotoren

zu begrenzen. Diese Normen erzwangen

den Einsatz von Technik, die den

Dreck am Ende der Leitungen heraus filtert.

Dazu gehören Abwasserreinigungsanlagen

(ARA), Rauchgasreinigungen oder Abgaskata

lysatoren in Motorfahrzeugen. Zudem verordnete

und finanzierte der Staat Separatsammlungen

von Papier, Glas und weiteren

Stoffen, was – in Kombination mit den zögerlich

eingeführten Sackgebühren – die

Recyclingquoten erhöhte. Solche „End of

pipe“-Massnahmen (oder „End-of-Müll“-Mittel)

vermindern nicht nur den Schmutz in

der Umwelt, sondern steigern auch den Umsatz

der Wirtschaft: Zuerst wächst die Wirt-

Die Bilder massiver Ver-

schmutzungen und katastrophaler

Fischsterben wie auf

dem Foto aus den 70er

Jahren sind glücklicherweise

selten geworden, heute sind

unsere Gewässer vorwiegend

durch Energienutzung

und Mikroverunreinigungen

bedroht.

Foto: Archiv Rheinaubund

schaft mit Tätigkeiten, die Schadstoffe erzeugen,

und danach mit Investitionen,

welche diese Schadstoffe wieder eliminieren.

Den Geboten folgten in einigen Fällen auch

Verbote. So hat die Schweiz 1986 ein Verbot

von Phosphat in Waschmitteln erlassen –

aber erst, nachdem bereits Milliarden von

Franken in ARA investiert worden sind, um

Phosphor aus dem Abwasser hinaus zu filtern.

Verboten hat der Bund auch einige besonders

schädliche Chemikalien sowie Substanzen,

welche die schützende Ozon schicht

abbauten.

Allerdings enthalten die nationalen Umweltstatistiken

auch Daten, welche diese Teilerfolge

relativieren: In den Gewässern tauchen

zum Beispiel vermehrt sogenannte

„Mikroverunreinigungen“ auf, etwa hormonaktive

Substanzen oder schwer abbaubare

Rückstände aus Industrie, Haushalten und

Spitälern. Die Konzentration von bodennahem

Ozon und PM 10 überschreitet weiterhin

die Immissionsgrenzwerte der Luftreinhalteverordnung.

Dem höheren An teil an Müll-

Recycling steht eine Zunahme der gesamten

Abfallmenge gegenüber.

Stetiger Abbau von Naturkapital

Den Teilerfolgen auf der einen stehen negative

Entwicklungen auf der andern Seite gegenüber:

Der Einsatz von Materialien und

Produkten, die nach immer kürzeren Nutzungs

zeiten zu Müll werden, wuchs in den

letzten Jahren weiter. So verbraucht die

Schweiz heute pro Person und Jahr 14 Tonnen

Material direkt – von Baumaterialien

übers Erdöl bis zum Auto und andern End-


produkten. Zudem verursacht der Im port -

überschuss der Schweiz im Ausland einen

zusätzlichen indirekten Materialeinsatz von

12 Tonnen pro Kopf. Ergibt ein Total von 26

Tonnen. Man muss sich das einmal bildlich

vorstellen: Ein Durchschnitts-Mensch in der

Schweiz verbraucht jeden Tag eine Materialmenge,

die seinem eigenen Körpergewicht

entspricht. Jeden Tag!

Auch der – klimabereinigte – Verbrauch von

nicht erneuerbarer Energie nimmt hierzulande

weiterhin zu; dies obwohl die Schweiz

die Produktion von energieintensiven Gütern

zunehmend ins Ausland verlagert. Das

Gleiche gilt für die Überbauung respektive

Versiegelung von nicht vermehrbarem Boden

durch Gebäude, Anlagen und Verkehrswege.

Der Ausstoss der Klimagase, allen voran

von CO2, blieb seit 1990 zwar stabil. Das

verdanken wir der nationalen CO2-Statistik,

welche die von der Schweiz verursachten

wachsenden Emissionen von CO2 aus dem

globalen Luft- und Schiffsverkehr ebenso

ausklammert wie den grauen – also in importierten

Produkten enthaltenen – CO2-

Ausstoss.

Während die verbrauchten Mengen wachsen,

schrumpft die Vielfalt an Natur- und

Kulturlandschaften sowie an Tier- und Pflanzenarten

ungebremst weiter. Fünf bis zehn

Prozent aller Tier- und Pflanzenarten sind in

der Schweiz ausgestorben oder verschwunden.

Weitere 30 bis 50 Prozent der einheimischen

Arten sind heute gefährdet, registriert

der neuste Bericht „Umwelt Schweiz“, den

das Bundesamt für Umwelt im Juni 2007

veröffentlichte. Auch die zunehmende Bewässerung

und die Verstromung der Wasserkraft

beeinträchtigen die Natur: „Zahlreiche

Flüsse und Bäche fallen in der Schweiz

regelmässig trocken, da ihnen Wasser entnommen

wird“, schreiben die Autoren im

Umweltbericht. Dabei weisen sie speziell auf

den schädlichen Schwall und Sunk hin, den

die wachsende Turbinen leistung von Speicherkraftwerken

bewirkt: „Ein rasch schwankendes

Abflussregime beeinträchtigt oder

zerstört den Lebensraum zahlreicher Wasserlebewesen.“

Widerstand gegen

Unterlassungs-Gebote

Wenn es um den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen

geht, versagt der traditionelle

Umweltschutz: Technik kann das

natur und mensch 4-5 / 2008

Wenn es um den Erhalt der

natürlichen Lebensgrund-

lagen geht, versagt der

traditionelle Umweltschutz:

Technik kann das Zubetonieren

von Landschaft – die wir

und unsere Kinder dringend

brauchen - nicht verhindern.

Foto: Photocase

Zubetonieren von Landschaft oder den

Raubbau an Bodenschätzen und Urwäldern

nicht verhindern. Gegen den Artenschwund

hilft kein Katalysator. Wer den motorisierten

Verkehr oder die Versiegelung des nicht

nachwachsenden Bodens begrenzen will,

braucht keine Investitionen, keine Taten,

sondern Unterlassungen.

Sobald es aber darum geht, naturbelastendes

Tun zu unterlassen, stossen Gebote und

Verbote auf ebenso breiten politischen Widerstand

wie marktwirtschaftliche Instrumente.

Davon zeugt hierzulande etwa die

Abfuhr, welche die Volksinitiative zur Halbierung

des Strassenverkehrs an der Urne

erlitt. Oder der erfolgreiche Widerstand der

Wirtschaftsverbände gegen die Einfüh rung

von Energieabgaben oder den Ausstieg aus

der Atomenergie. Eine Volksinitiative, welche

die Wohnfläche pro Kopf oder die zulässigen

Flugkilometer pro Person und Jahr begrenzen

wollte, würde wohl bereits an der

notwenigen Unterschriftenzahl scheitern.

Nun kann niemand behaupten, eine Umwelt

politik, die Unterlassungen fördern würde,

wäre nicht wirksam. Suffizienz, also Genügsamkeit,

erbringt in vielen Bereichen

weit bessere Resultate als die viel gepriese-

Seite 7


ne Effizienzrevolution. Beispiele: Während

uns Umweltverbände vorrechnen, mit dem

Einsatz der effizientesten Geräte und Anlagen

liesse sich der Stromverbrauch in Wohngebäuden

in zehn bis zwanzig Jahren um 30

bis 50 Prozent senken, beweisen umweltbewusste

Haushalte, dass sie schon heute pro

Kopf mit der Hälfte der Elektrizität oder Hei-

Hanspeter

Guggenbühl,

ist freier Journalist,

spezialisiert auf die

Gebiete Energie-,

Verkehrs-, UmweltundWirtschaftspolitik.

Er arbeitet für diverse Schweizer

Tages- und Wochen zeitungen und

hat mehrere Fachbücher mit verfasst,

zuletzt zusammen mit Urs P. Gasche

„Das Geschwätz vom Wachstum“

(Orell Füssli-Verlag 2004).

Seite 8 natur und mensch 4-5 / 2008

zenergie von Durchschnittshaushalten auskommen.

Oder: Wer vom Auto aufs Velo umsteigt,

senkt seinen Energieverbrauch im

Verkehr um den Faktor 50 (dass Verkehr ohne

Auto möglich ist, belegen in der Schweiz

immerhin 600 000 autofreie Haushalte).

Konflikt zwischen Umwelt

und Wirtschaft

Doch umweltschonende Genügsamkeit respektive

eine Politik, die Unterlassungen bewirkt,

hat einen entscheidenden Nachteil.

Sie führt die Wirtschaft, wie sie heute funktioniert,

in den Ruin. Wenn zum Beispiel alle

Menschen in der Schweiz vom motorisierten

Vier- aufs muskelbetriebene Zweirad

umsteigen wollten, kollabierte die Auto-

und Strassenbauindustrie. Oder wenn alle

Schweizerinnen und Schweizer ihre Wohnfläche

um zehn Prozent verminderten, bräche

der Immobilien- und Hypotheken markt

zusammen. Was zeigt: Umweltschutz ist nur

Umweltbewusste Haushalte

beweisen schon heute, dass

sie pro Kopf mit der Hälfte

der Elektrizität oder Heiz -

energie von Durchschnittshaushalten

auskommen.

Foto: G. Frauenlob

solange gut, als er das Wachstum der Wirtschaft

fördert oder zumindest nicht beeinträchtigt.

Umgekehrt, so belegen zahlreiche

Statistiken, hängt die Wachstumsrate der

Wirtschaft eng zusammen mit der Abbaurate

von natürlichen Ressourcen. Das heisst:

Wer die Umwelt – über die Möglichkeiten

der Reinigungstechnik hinaus – schützen

will, muss die Wirtschaft von ihrem Wachstums

zwang befreien.

Hanspeter Guggenbühl

Wingertstrasse 30

8308 Illnau


Foto: photocase.de

Denn der stete Tropfen

höhlt nicht nur den Stein …

Nicht frankieren

Ne pas aff ranchir

Non aff rancare

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Rheinaubund

und

natur und mensch

50 Jahre für

Natur und Umwelt!

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 9


50 Jahre „natur und mensch“

Umweltinformation

in der modernen Medienwelt

Umweltschutz, Klimaschutz, die Atemluft, das Leben von morgen – gibt

es wichtigere Themen? Man könnte also meinen, Umweltfragen stünden

auf der Prioritätenliste der modernen kommerziellen Medien zu

oberst, vielleicht gleich neben allem, was mit Gesundheit und Geld zu

tun hat. Das wäre in der Tat so, wenn sich die Agenda des Medienbetriebs

nach der objektiven Tragweite und Relevanz der Themen richten

würde. Dass dem aber nicht so ist, kann man jeden Tag beim Blick in die

Zeitungen und in die Fernsehprogramme feststellen. von Karl Lüönd

Vorausschicken wollen wir, dass die Zeit der

missionierenden und belehrenden Medien

vorbei ist. Wohl ist das schweizerische Zeitungssystem

der politischen Struktur und

Entwicklung gefolgt; folglich haben wir Medientitel,

welche die politische Raumordnung

nach Kantonen und Gemeinden widerspiegeln.

Bis tief in die 60er/70er Jahre

hinein haben wir in der Schweiz das Phänomen

der Parteizeitungen gesehen. Sie sind,

eine um die andere, entweder eingegangen

(wie die sozialdemokratische AZ-Gruppe

oder die meisten CVP-Blätter) oder sie haben

sich transformiert zu regionalen Informationsplattformen

ohne parteipolitische

oder ideologische Bindung – grundsätzlich

offen für alle und alles. Schritt für Schritt hat

sich das Mediensystem den gewandelten

Bedürfnissen und dem veränderten Profil

seiner Kunden angepasst. Unsere Kunden

sind kundiger geworden, besser ausgebildet,

reisegewohnt und damit welterfahrener

als ihre Väter und Grossmütter. Dieser

neue Typus von Staatsbürger und Konsument

hat seine sozialen und weltanschaulichen

Bindungen neu sortiert. Tendenziell

darf man sicher von einer Loslösung von

vorgestanzten Lebens- und Haltungsmus-

Seite 10

Umweltschutz, Klimaschutz,

das Leben von morgen –

trotz der unbestrittenen

Wichtigkeit dieser Themen

finden sie in den modernen

kommerziellen Medien

nur selten Niederschlag.

Foto: photocase.com –

Jens Kramer

tern ausgehen, ob diese nun durch den Klassenstandpunkt,

durch parteipolitische oder

religiöse Bindungen bedingt seien. Während

Kulturkritiker beklagen, die Menschen seien

materialistischer geworden, antwortet das

Mediensystem ganz opportunistisch mit einem

veränderten Themenangebot. Geld,

Wirtschaft und Konsum oder Sport und das

lokale Ausgeh-Angebot schieben sich vor

die politischen Themen. Der aktuelle Komfort

des Konsumenten ist tendenziell wichtiger

als die objektive Relevanz. Medien sind

und entscheiden grundsätzlich kurzlebig,

launisch und opportunistisch. Sie erfüllen

zwar eine öffentliche Aufgabe, tun dies aber

mit privatwirtschaftlichen Mitteln, unter hohem

Kosten- und Investitionsdruck und in

zunehmend gesättigten Märkten. Die für

den Inhalt Verantwortlichen denken nicht

mehr an eine Mission, sondern an Wirksamkeit

und damit an Erfolg im Wettbewerb.

Medien als marketing-

getriebene Produkte

Die Gründung des «Blicks» (14. Oktober 1959)

und die Entwicklungskurve des Fernsehens

haben die neuen Zeiten markiert: Die heutigen

Medien sind längst keine politischen

oder weltanschaulichen Vehikel mehr, sondern

marketing-getriebene Produkte, im

Grunde nicht anders als Zigaretten oder Lebensversicherungen.

Sie richten sich nach

den vermeintlichen oder tatsächlich erkannten

Wünschen des zahlenden Publikums.

Erschwerend kommt der Zwang zum doppelten

Marketing hinzu: Die meisten Medien

nähren sich aus zwei Einnahmequellen. Die

typische Schweizer Regionalzeitung bezieht

etwa 30 Prozent ihrer Einkünfte aus dem Le


ser- und 70 Prozent aus dem Anzeigenmarkt.

Das Paradox an dieser Situation ist aber, dass

allein der Lesermarkt über Erfolg oder Misserfolg

entscheidet. Rein wirtschaftlich betrachtet

wedelt der Schwanz sozusagen mit

dem Hund. Es befiehlt nicht einfach, wer zahlt

– oder doch? Die wichtigsten Werbekunden

der Schweizer Druckmedien sind heute die

Grossverteiler, die Spartenanbieter (Ikea, Media-Markt

usw.), die Autoimporteure, das Finanzgewerbe

und die Telekom-Gesellschaften.

Es ist durchaus erlaubt, sich Gedanken zu

machen über den Grad der Unabhängigkeit,

den diese Grosskunden dem Mediensystem

noch gewähren. Dabei spielt im Alltag weniger

der direkte, brutale Druck der Inserenten

eine Rolle als das tückische Phänomen des

voraus eilenden Gehorsams, die berühmte

«Schere im Kopf» der Journalisten und ihrer

Chefredaktoren. Allzu viele vermeiden Themen

und Darstellungsformen, die Ärger verursachen

könnten.

Aber bleiben wir dabei: Entscheidend für den

kommerziellen Erfolg von Medienproduktionen

ist und bleibt die Akzeptanz, das Vertrauen,

die Glaubwürdigkeit beim bzw. für den

Endverbraucher, d.h. den Leser, die Hörerin,

den Zuschauer. Im Zweifel wird sich jeder gu-

te Chefredaktor am Ende für die Interessen

des Lesers entscheiden. Die entscheidende

Frage für unser Thema lautet also: Was interessiert

die Menschen? Nach welchen Kriterien

filtern sie den riesigen täglichen Anfall von

Informationsangeboten aus?

Kriterien für

den Nachrichtenwert

Unsere oftmals hektische,

moderne Gesellschaft ist von

Informationen übersättigt.

Dabei nehmen die Zeitungen

heute nur noch einen gerin-

geren Teil ein.

Foto: photocase.com – ahermes

Die Medienwissenschaft antwortet ziemlich

eindeutig. Die wichtigsten Kriterien – namentlich

für Zeitungen – sind weniger die

absolute Neuheit («breaking news»); diese

wird in der Regel durch die elektronischen

und die Online-Medien abgefackelt. Wichtige

Kriterien für den Nachrichtenwert sind

vielmehr

– Einmaligkeit («Mann beisst Hund»)

– Rekord

– Konflikt, Streit (Sportteil!)

– Unterhaltungswert, Lustgewinn

Das wichtigste Kriterium für den Nachrichtenwert

ist indessen die Nähe – nicht nur

geografisch, auch sozial und kulturell verstanden

und in direkter Verbindung mit dem

konkreten Nutzen, den ich aus der angebotenen

Nachricht für mein Alltagsleben

schöpfen kann. Man kann diese Nähe auch

als «Betroffenheit» bezeichnen. Was in meiner

Gemeinde, in meinem Quartier, auf mei-

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 11


nem Arbeitsweg geschieht, was meinen

Arbeitgeber, meine Berufs- oder Altersgruppe

betrifft, was in meine familiären, beruflichen,

sozialen Umstände einschlägt, was die

Organisation meines Alltags, die Sicherung

meiner Zukunft, das Schicksal meiner Kinder

betrifft – das will ich wirklich wissen.

Karl Lüönd

Der Journalist Karl

Lüönd (geb. 1945)

war Reporter,

Chefredaktor und

zeitweise Verleger;

heute ist er als Buchautor und Publizist

zu Medien- und Wirtschaftsfragen tätig,

ausserdem als Dozent an der Hochschule

für Wirtschaft (Zürich) und am

MAZ Die Schweizer Journalistenschule

(Luzern).

Seite 12

Entscheidend für den

kom merziellen Erfolg von

Medienproduktionen ist

und bleibt die Akzeptanz,

das Vertrauen, die Glaubwürdigkeit

beim bzw. für

die LeserIn.

Von daher ist der Rheinaubund mit seinen

umweltpolitischen Themen durchaus nahe

bei den wirklichen Interessen eines grossen

Teils des Publikums aufgestellt. Wichtig zu

wissen ist nur, dass es ein Interesse an Themen

und Problemen ist und weniger ein

Interesse an politischen Ritualen wie Ratsverhandlungen

oder offiziellen Verlautbarungen.

Je komplizierter die Materien und je schwieriger

die Zusammenhänge zu verstehen

sind, desto stärker kommt es sodann auf die

formale Darreichung der Nachrichten an.

Diesbezüglich erlegt die direkte Demokratie

allen, die an den Kommunikationsprozessen

beteiligt sind, anspruchsvolle Aufgaben auf.

In einem Land, wo Hausfrauen, Taxifahrer

und Rentner an der Urne in digitaler Form –

d.h. mit Ja oder Nein – regelmässig über

Gentechnologie, Kernkraftwerke und andere

Zivilisationsfragen von höchstem Schwie-

rigkeitsgrad abstimmen, ist Komplexitätsreduktion

die Königsdisziplin. Deshalb sind

auch die härtestgesottenen Lobbies hier zu

Lande auf den Samtpfoten der Konkordanz

unterwegs – immer mit dem Gedanken im

Hinterkopf, die Gegenseite könnte nicht nur

Recht haben, sondern auch Recht bekommen.

Eine Schweizer Lobby – und ich zähle

mit allem Respekt den Rheinaubund dazu –

ohne «Plan B» erfüllt ihre Aufgabe nicht. Entgegenkommen

und Kompromiss sind systemimmanent,

Radikallösungen und Tabula

rasa-Szenarien nur selten mehrheitsfähig.

Man betrachte unter diesem Aspekt einmal

zwei aktuelle Baustellen der schweizerischen

Innenpolitik: einerseits das flexible

und intelligente Verhalten der Pharma-Lobby

in der Frage der Parallelimporte, anderseits

die auftrumpfende und emotional angetriebene

Allüre der Initianten, die sich

gegen die Offroad-Fahrzeuge wenden.

Wer sich nicht verständlich machen kann,

bleibt ungehört und wirkungslos.

Jede Organisation in dieser hoch komplexen,

hektischen und von Informationen

übersättigten Gesellschaft wird heute an

vier Kernkompetenzen gemessen:

– Strategie: das Richtige und Wichtige tun;

– Personal: die geeigneten Menschen

finden, um es zu vollbringen;

– Finanzen

– Kommunikation, um die Menschen

zu gewinnen und mehrheitsfähig zu

werden.

Wer sich nicht verständlich machen kann,

bleibt ungehört und wirkungslos. Kommunikationskompetenz

ist ein Kerngebiet für

Organisationen aller Art. Oder, um es in den

Worten von Paul Watzlawick zu sagen: «Es ist

unmöglich, nicht zu kommunizieren!»

Karl Lüönd

Redaktionelle Projekte,

Öffentlichkeitsarbeit

Tolhusen

CH-8352 Elsau/Schweiz

Tel 052 363 22 90

www.lueoend.ch


Wie kann das Interesse von Kindern

und Jugendlichen für Natur- und Umweltthemen

geweckt werden?

Die naturbezogene Umweltbildung zeigt konkrete Möglichkeiten auf, wie Kinder

und Jugendliche einen Bezug zur Natur und zur nahen Umgebung aufbauen

können. Naturpädagogische Angebote wecken das Interesse an Natur- und

Umweltthemen. Der Aufenthalt in der Natur entspricht in vielerlei Hinsicht den

Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen. von Barbara Sintzel 1)

Mit der beschleunigten Veränderung unserer

Lebensverhältnisse ändert sich auch

unser Verhältnis zur Natur. Bei vielen Kindern

gehört die Natur nicht mehr zu den

Lebensräumen, die direkt vor der Haustür

liegen. Sie bewegen sich häufig in stark verdichteten

Siedlungsgebieten und begeben

sich in ihrer Freizeit in virtuelle Welten (Fernsehen,

PC-Games, Computer). Dies führt zu

einer schleichenden Naturentfremdung. Das

Wissen und einfache Zusammenhänge über

alltägliche Naturerscheinungen sind lückenhaft.

Vielen erscheint alles, was mit Natur

zu tun hat, einfach langweilig (Brämer R.,

2006).

Naturbeziehung schaffen

und Kompetenzen fördern

Die Natur – insbesondere auch der Wald als

spezieller Lernort – bietet den Kindern und

Jugendlichen einen unendlich grossen

Raum, in dem sie direkte Erfahrungen sammeln

können (z. B. durch eigenes Forschen,

spielerische und gestalterische Methoden

etc.) und die Welt mit allen Sinnen wahrnehmen

können. Dabei können Schlüsselerlebnisse

wie zum Beispiel das Beobachten der

Metamorphose einer Kaulquappe zu einem

Frosch und die unmittelbare Begegnung

mit den Tieren die Neugier und Begeisterung

für natürliche Vorgänge wecken.

Anmerkung

1) Unter Mitarbeit von Nicole Schwery

(dipl. Natw. ETH und Gymnasiallehrerin),

Hauptkursleiterin im Zertifikatslehrgang

Naturbezogene Umweltbildung

Im Gespräch über eigene Naturerfahrungen,

füllen sich vorher abstrakte Begriffe mit Inhalten

und die Kinder «begreifen», wie die

Natur funktioniert. Dies hat auch einen positiven

Effekt auf die Sprachentwicklung, insbesondere

bei Kindern mit Sprachstörungen

oder bei fremdsprachigen Kindern.

Darüber hinaus fördert die unstrukturierte

Landschaft motorische Fähigkeiten, die mit

der Entwicklung des Gehirns der Kinder einhergehen.

So wirken sich Veranstaltungen

in der Natur auch positiv auf das Lernverhalten

und die Konzentrationsfähigkeit aus.

Nicht zuletzt gibt es bei Wald- und Naturexkursionen

auch Möglichkeiten durch gemeinsame

Aktionen das soziale Gefüge der

Klasse zu verbessern.

Nebst dem Verstehen der Natur ist auch

die Handlungsorientierung zentral. Direkt

etwas für die Natur und ein Ökosystem tun

zu können (z.B. Anlegen eines Weihers) führt

zu mehr Selbstvertrauen und zeigt den jungen

Menschen auf, dass ihr Beitrag für Natur

und Umwelt wertvoll ist.

Auch das Naturverständnis der Bezugspersonen

spielt eine wichtige Rolle. Erleben

Kinder und Jugendliche die Begeisterung

der Fachpersonen und Lehrkräften für natürliche

Vorgänge, so kann sich diese auch

auf die Kinder übertragen.

natur und mensch 4-5 / 2008

Die unmittelbare Begegnung

mit den Tieren im Wald weckt

Neugier und Begeisterung

für natürliche Vorgänge.

Foto: G. Frauenlob

Seite 13


50 Jahre „natur und mensch“

Naturbezogene

Umweltbildung

Unter naturbezogener Umweltbildung

werden Angebote der Naturpädagogik

(z.B. Waldspielgruppen, Waldkindergarten

etc.), der forstlichen Waldpädagogik

(z.B. Führungen mit Förstern) und

der naturorientierten Erlebnispäda-

gogik (z.B. Naturerlebnisferien) zusammengefasst.

Der Begriff der Naturbezogenen Umweltbildung

wurde von der Stiftung

SILVIVA, Zürich geprägt. Die Organisation

ist das Kompetenzzentrum für naturbezogene

Umweltbildung in der

Schweiz. Sie führt zu diesem Thema

im Auftrag des Bundes Fachtagungen

durch und bietet nebst diversen Projekten

einen Zertifikatslehrgang Naturbezogene

Umweltbildung für Kindergärtnerinnen,

Lehrkräfte und Personen aus

dem forstlichen und naturwissenschaftlichen

Bereich an.

Weitere Informationen: www.silviva.ch

Kinder auf einem Barfusspfad

im Wald.

Foto: G. Frauenlob

Seite 14 natur und mensch 4-5 / 2008

Naturerfahrung –

ein Bedürfnis für Kinder?

Barbara Gugerli-Dolder hat anlässlich einer

Tagung der Stiftung SILVIVA (2005) aufgezeigt,

dass Naturerfahrung vielen Bedürfnissen

von Kindern entspricht.

1. Das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit

und Sicherheit

Die Naturerfahrung im Wald kann manchen

Kindern nebst positiven Gruppenerfahrungen

ein Gefühl der Geborgenheit

vermitteln.

2. Das Bedürfnis nach Spannung,

Abenteuer, Risiko

Der Wald bietet zahlreiche Möglichkeiten,

das Bedürfnis nach Abenteuer und

Spannung zu stillen. Er ist für viele Kinder

ein unbekannter Freiraum, so dass sie ihn

entdecken und gleichzeitig ihrer Phantasie

freien Lauf lassen können.

3. Das Bedürfnis nach Selbständigkeit

und Verantwortung

Baldo Blinkert vermutet, dass Kinder deshalb

so gerne draussen sind, weil sie dort

ohne Erwachsene frei agieren können.

Dies bedeutet, dass Kinder im Wald auch

Gelegenheit erhalten müssen, sich selbst

zu organisieren und selbständig zu handeln,

Verantwortung zu übernehmen.

Schüler auf der Suche nach

Tierspuren.

Foto: Schulzimmer Natur

Baden

4. Das Bedürfnis zu gestalten

Der Wald bieten eine Fülle von unstrukturiertem,

unfertigem, vielgestaltigem

Material, welches die Phantasie anregt

zum Gestalten

5. Das Bedürfnis zu spielen

Spielen hat viele mögliche Funktionen:

Verarbeitung von Erlebnissen, Erprobung

neuer Handlungs- und Sichtweisen (z. B.

Rollenspiele), Sammeln von sozialen Erfahrungen

und Erlernen von Verhaltensmustern

im Umgang mit anderen Menschen.

Im Wald sind die Spielmöglichkei-

ten beinahe unbegrenzt, insbesondere

auch der Raum.

6. Das Bedürfnis sich zu bewegen.

Dem kindlichen Bewegungsbedürfnis

wird heute nicht genug Rechnung getragen.

Viele Kinder leiden an motorischen

Defiziten. Die Gründe sind vielfältig. Sie

sind insbesondere darauf zurückzuführen,

dass Kinder sich oft nicht in Aussenräumen

aufhalten können, in denen sie

ungefährdet mit andern Kindern spielen

können.

7. Das Bedürfnis vielfältig wahrzunehmen

Der Wald spricht viele Sinne gleichzeitig

an. Mit Anleitung können den Kindern im

Wald ihre Sinne zusätzlich bewusst gemacht

werden. Umgekehrt kann auch

erfahrbar gemacht werden, dass jeder

Mensch auf seine eigene Art wahrnimmt.

8. Das Bedürfnis, friedlich für sich alleine

zu sein

Wer mit sich selbst allein sein kann, ist

von anderen weniger abhängig und hat


mehr Zeit für Reflexion. Rückzugsmöglichkeiten

im Wald sind besonders zahlreich

und vielfältig.

9. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft

Im Wald bieten sich Gruppenaktivitäten

an: in der unbekannte Umgebung bietet

die Gruppe Sicherheit. Da die Ablenkung

durch andere Menschen gering ist,

können die Kinder besser aufeinander

eingehen.

10. Das Bedürfnis, Erlebtes, Stimmungen

und Gefühle auszudrücken

Kinder können durch den Ausdruck Erlebtes

verarbeiten, reflektieren und so

verinnerlichen, dass sie es letztendlich

verstehen.

11. Das Bedürfnis mit der Natur verbunden

zu sein

Indem wir zu den Dingen eine Beziehung

haben, werden sie zu vertrauten

Dingen und damit zu einem Bestandteil

Zertifikatslehrgang Natur-

bezogene Umweltbildung.

Foto: B. Sintzel

Zertifikatslehrgang CAS

Naturbezogene Umwelt-

bildung

Der Zertifikatslehrgang bietet die Möglichkeit,

methodische und didaktische

Fähigkeiten im Bereich Naturpädagogik

zu erwerben, die Bildungsarbeit in der

Natur auf verschiedenen Zielgruppen

auszurichten, auf Naturentdeckung zu

gehen und Lernprozesse und Impulse

für ein verantwortliches Handeln im

Sinne einer nachhaltigen Entwicklung

selbst zu erleben und bei anderen zu initiieren.

Der Zertifikatslehrgang ist modular aufgebaut

und enthält 17 Module, welche

auch einzeln besucht werden können. Er

wird von der Stiftung SILVIVA in Zusammenarbeit

mit der Zürcher Hochschule

für angewandte Wissenschaft (ZHAW)

angeboten.

www.silviva.ch/lehrgang

natur und mensch 4-5 / 2008

unseres Weltbildes. So wird z.B. der wiederholt

aufgesuchte Waldplatz im Kindergarten

ein Bezugsort, zu dem die

Kinder eine vertiefte Beziehung entwickeln

können.

Fazit: Bildungsoffensive

naturbezogene Umweltbildung

Naturerfahrungen entsprechen wichtigen

Be dürfnissen von Kindern. Nebst direktem

Naturwissen können sie in der Natur viele

weitere Kompetenzen aufbauen.

Erziehungspersonen, Lehrkräfte und Bildungspolitiker

sind angehalten, den Kindern

und Jugendlichen möglichst viele Fen ster zu

öffnen, in denen sie im Rahmen des Unterrichts

oder in ihrer Freizeit Natur erleben

können.

– Natur mit der Familie erleben, Freizeitaktivitäten

in der Natur fördern.

– Regelmässige Waldbesuche in Spielgruppen,

Kindergärten und Schulen

ermöglichen.

– Integration von ausserschulischen

Lernorten im Unterricht.

– Weiterbildung von Lehrpersonen

fördern.

Barbara Sintzel

ist Lehrerin und

dipl. Natw. ETH

Zürich. Sie ist Ausbildungsleiterin

des Zertifikatslehrgangs

CAS Naturbezogene

Umweltbildung der Stiftung

SILVIVA und der Zürcher Hochschule

für Angewandte Wissenschaften.

Barbara Sintzel

NASKA GmbH

Nachhaltige Strategie

und Kommunikation

Röntgenstrasse 44

CH- 8005 Zürich

Tel. 044 241 27 22

info@naska.ch

Seite 15


50 Jahre „natur und mensch“

Umwelt – Vollzug: Reichen

die Gesetze in der Schweiz aus?

Die Umweltgesetzgebung der Schweiz ist breit gefächert. Sie umfasst

in den Bereichen Umwelt, Natur und Landschaft, Gewässer, Wald, Gentechnik,

Klima sowie Hochwasserschutz insgesamt 11 Umweltgesetze 1) ,

rund 70 dazugehörige Verordnungen sowie zusätzlich Umweltvorschriften

in Erlassen anderer Bereiche. von Florian Wild

Der Bund hat in der Publikation „Umwelt

Schweiz 2007“ 2) die Umsetzung der Umweltpolitik

evaluiert. Ausgehend von den in der

Gesetzgebung definierten Zielsetzungen

fällt die Bilanz über die Umsetzung durchzogen

aus. Zu guten Resultaten hat die Umweltpolitik

im Kampf gegen Verschmutzungen

der Luft, des Wassers und des Bodens,

beim Schutz der Ozonschicht sowie in der

Abfallbewirtschaftung geführt.

Zielerreichung:

Durchzogene Bilanz

In anderen Bereichen sind jedoch weitere

Anstrengungen nötig, um die Vorgaben der

nationalen Gesetzgebung und die interna tionalen

Verpflichtungen zu erfüllen. Die in die

Atmosphäre gelangten Emissionen von Ozon-

Vorläufersubstanzen und von Feinstaub sowie

der Ausstoss von Treibhausgasen sind

noch zu hoch. Die Luftqualität muss angesichts

der übermässigen Immissionen von

Stickstoffdioxid, Ozon und Feinstaub weiter

verbessert werden. In den Gewässern werden

neue Mikroverunreinigungen wie hormonaktive

Stoffe und Pestizidrückstände

nachgewiesen. Quantitativ sind in einigen

Fliessgewässern die Restwassermengen ungenügend.

Was die Lärmbelastung anbelangt,

ist die Bevölkerung teilweise immer

noch übermässigen Immissionen ausgesetzt.

Auch der Verlust an Biodiversität in der na -

türlichen Umwelt konnte bisher nicht gestoppt

werden. Heute sind 30–50 Prozent der

einheimischen Arten gefährdet. In gewissen

Lebensräumen stellen invasive Neobiota eine

Bedrohung dar. Einige der zahlreichen schönen

Landschaften unseres Landes müssen

verstärkt geschont und aufgewertet werden.

Seite 16 natur und mensch 4-5 / 2008

Die Abfallbehandlung konnte optimiert wer -

den. Dagegen nimmt die Produktion von

Abfall zu. Die Altlastensanierung hat in den

dringlichsten Fällen bereits begonnen und

die Erhebung der belasteten Standorte

schreitet voran. In der Umwelt werden heute

zu viele Chemikalien nachgewiesen, deren

Herkunft, Wirkung und Verhalten noch

schlecht bekannt ist. Für Naturrisiken und

Störfallrisiken ist das Bewusstsein in der

Schweiz durchaus vorhanden. Um den

Schutz vor Naturgefahren zu verbessern,

müssen für viele Gemeinden die Gefahrenkarten

noch erstellt werden.

Ursachen der Defizite

Ungenügende Gesetzgebung, mangelhafter

Vollzug und wenig oder nur indirekt beeinflussbare

Einwirkungen zum Beispiel bei

Naturkatastrophen können Ursachen von

Defiziten im Umweltbereich sein.

Der Vollzug des Umweltschutzgesetzes obliegt

nach Art. 36 USG weitgehend den Kantonen.

Sie haben im Rahmen des Bundesrechts

einen breiten Spielraum, mit welchen

Instrumenten sie den Vollzug gewährleisten.

Für die Bereiche, in denen der Bund das

Umweltschutzgesetz vollzieht (Art. 41 USG),

regelt das Bundesrecht die Vollzugsinstrumente.

Entscheidet beispielsweise das Departement

für Umwelt, Verkehr, Energie und

Kommunikation über die Plangenehmigung

für die Ausführung eines Nationalstrassenprojektes,

so ist es dabei auch für den Vollzug

des Umweltschutzgesetzes zuständig.

Inhaltlich dem USG vergleichbar regeln das

Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz,

das Gewässerschutzgesetz, das

Waldgesetz, das Jagdgesetz, das Bundesge-

setz über die Fischerei und das Wasserbaugesetz

die Aufgabenteilung zwischen Bund

und Kantonen für den Gesetzesvollzug.

Beim Gentechnikgesetz und beim CO2-Gesetz

ist dagegen grundsätzlich der Bund für

den Vollzug zuständig.

Der Bund beaufsichtigt den Vollzug des Bundesrechts

durch die Kantone. Die wichtigsten

Mittel dafür sind die Genehmigung von

kantonalen Einführungsgesetzen durch den

Bund, die Behördenbeschwerde des BAFU

gegen kantonale Entscheide und die Weisungsbefugnis

des Bundes gegenüber den

Kantonen.

Die Hauptursache für die Defizite im Umweltschutz

liegt in mangelndem Vollzug.

Generell fällt auf, dass Vorschriften bei

neuen Anlagen in der Regel gut, bei bestehenden

Anlagen oft schleppend (z.B. Sanierungen

in den Bereichen Lärmbekämpfung

und Restwassermengen) angewendet werden.

Im Bereich der Luftreinhaltung ist es

politisch besonders schwierig, im Rahmen

von Massnahmenplänen notwendige verschärfte

luftbezogene Emissionsgrenzwerte

beim Verkehr einzuführen. Zudem erschwert

es den Vollzug, wenn Nutzungsrechte von

Grundeigentümern oder Pächtern eingeschränkt

werden müssen. Letzteres betrifft

vor allem den Natur- und Landschaftsschutz.

Da jeder Umweltbereich tatsächliche und

rechtliche Eigenheiten aufweist, muss die

Zielerreichung aber für jeden Umweltbereich

einzeln analysiert werden. Für den Bereich

Abfall beispielsweise liegt eine im Auf-


trag des BUWAL (heute BAFU) erstellte um -

fassende Analyse vor 3) .

Wirksamkeit der Instrumente

Die Umweltgesetzgebung kennt eine breite

Palette von rechtlichen Instrumenten und

Massnahmen. Es sind dies insbesondere

polizeirechtliche Vorschriften, Schutz- und

Planungsaufträge an die Kantone, Abgeltungen

und Finanzhilfen, Lenkungsabgaben,

Haftpflichtbestimmungen, Straftatbestände,

organisatorische und Verfahrensbe-

stimmungen sowie das Verbands- und das

Behördenbeschwerderecht. Die Wahl der Instrumente

und Massnahmen hat einen

grossen Einfluss auf die Wirksamkeit der Gesetzgebung.

Polizeirechtliche Vorschriften

haben sich beispielsweise in den Bereichen

Luftreinhaltung und Schutz vor nicht ionisierenden

Strahlen bewährt. Die Instrumente

können zur Verstärkung ihrer Wirksamkeit

auch kombiniert werden. So wurden bei der

Abwasserreinigung in den letzten Jahrzehnten

grosse Erfolge erzielt, indem die polizeirechtliche

Verpflichtung zur Abwasserreinigung

mit Abgeltungen an die Kosten der

Errichtung von Abwasserreinigungsanlagen

verbunden wurde. Wirtschaftliche Instrumente

wie Lenkungsabgaben, Branchenvereinbarungen

oder handelbare Emissionszertifikate

haben den Vorteil, dass sie die

besonderen Bedürfnisse einzelner Marktteilnehmer

berücksichtigen und deshalb

eine hohe Akzeptanz aufweisen. Im Bereich

des NHG bestehen zwar ausreichende

Die Gesetze sind gut und aus-

reichend, es fehlt mancherorts

aber am Vollzug. Im Bild

der Rhein bei Sumvitg mit

ungenügendem Restwasser.

Foto: Andreas Knutti, WWF

für die Initiative Lebendiges

Wasser.

Schutzaufträge. Schwierig ist es aber, diese

zu konkretisieren. Deshalb kommt der geplanten

Biodiversitätsstrategie grosse Bedeutung

zu. Im Hinblick auf die Errichtung

neuer Pärke von nationaler Bedeutung setzt

das NHG neue Akzente: Der Bund fördert die

„bottomup“ errichteten Pärke mittels Parklabel

und Finanzhilfen.

Im kleinräumigen Bundesstaat Schweiz müs-

sen viele Aufgaben gemeinsam von Bund

und Kantonen gelöst werden. Dies gilt auch

für den Umweltschutz. Im Rahmen des

Projektes NFA wurde zur Förderung des

Umweltschutzes mittels Bundesbeiträgen die

Programmvereinbarung, eine neue wirkungsorientierte

und kooperative Form der Zusammenarbeit

zwischen Bund und Kantonen,

eingeführt. Statt an einzelne Projekte gewährt

der Bund den Kantonen bei zwölf Subventionstatbeständen,

die im NHG, WBG,

USG, GSchG, WaG und JSG vorgesehen sind,

auf der Grundlage von Programmvereinbarungen

globale Abgeltungen und Finanzhilfen.

Das BAFU konnte für die Programmperiode

2008–11 mit den Kantonen bereits

beinahe alle Programmvereinbarungen abschliessen.

Mit diesem Wechsel von der Input-

zur Output-Steuerung wurde der Grundstein

für einen optimierten Einsatz der Bundesbeiträge

zugunsten der Umwelt gelegt.

Kohärenz der Gesetzgebung

Für den Vollzug von grosser Bedeutung ist

die Kohärenz einer Gesetzgebung. Da das

Umweltrecht ein Querschnittsbereich darstellt,

sind die Anforderungen an Kohärenz

besonders hoch. Die Erlasse in den verschiedenen

Umweltbereichen müssen unter sich

abgestimmt sein. Am besten kann dies mit

einer Kodifizierung des Umweltrechts, wie

dies Frankreich im Code de l’environment

gemacht hat, erreicht werden. In Deutschland

sind ebenfalls entsprechende Bestrebungen

im Gang. Auch bei verschiedenen

Umweltgesetzen kann die Kohärenz gewährleistet

werden. Dazu sollen die Grundsätze

des Umweltschutzes allgemein gelten,

die Begriffe einheitlich verwendet werden

und die Regelungsgegenstände materiell

koordiniert sein.

Neben den Umweltgesetzen enthält auch

das sonstige Bundesverwaltungsrecht, insbesondere

in den Bereichen Raumplanung,

Landwirtschaft, Infrastruktur und Verkehr,

Energie, Gesundheit und Landesverteidigung,

sowie die völkerrechtlichen Verträge

Umweltvorschriften. Damit die Kohärenz

gewährleistet ist, müssen auch diese Vorschriften

mit den Umweltgesetzen abgestimmt

sein. Schliesslich soll das sonstige

Bundesverwaltungsrecht ganz allgemein

auf das Umweltrecht abgestimmt sein.

Kohärenz bedeutet nicht unbedingt Widerspruchsfreiheit.

Aufgrund von unterschiedlichen

Interessen von Schutz und Nutzung

natürlicher Ressourcen ergeben sich

zwangsläufig Widersprüche. Damit die Kohärenz

bei Widersprüchen gewahrt bleibt,

müssen aber Mechanismen zur Abgleichung

der widerstrebenden Interessen bestehen.

Dazu kann materiell, wie bei Mooren und

Moorlandschaften von besonderer Schönheit

und nationaler Bedeutung, ein Primat

eines Bereichs bestehen oder, wie in den

meisten Umweltbereichen, eine Interessenabwägung

vorgesehen sein. Verfahrensmässig

sind auf Bundesebene die Entscheidverfahren

für Vorhaben wie Bauten und

Anlagen, oben am Beispiel der Nationalstrassen

dargelegt, bei einer einzigen Behörde

konzentriert. Zudem verlangt Artikel 25a

des Raumplanungsgesetzes auch für kantonale

Verfahren eine Koordination baubezogener

Entscheidverfahren.

Koordination zwischen Umweltschutz

und Raumplanung

Die Raumplanung stimmt die raumwirksamen

Tätigkeiten aufeinander ab. Werden die

Anliegen des Umweltschutzes in der Raumplanung

frühzeitig berücksichtigt, können

Einwirkungen auf die Umwelt verringert

oder vermieden werden. Um dies zu erreichen,

müssen die geltenden Umweltschutzziele

stufengerecht in die raumplanerische

Interessenabwägung einfliessen.

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 17


Bereits heute bestehen vielfältige Verflechtungen

zwischen Umweltschutz und Raumplanung.

So müssen bei der Einzonung neuer

Gebiete die Planungswerte für Lärm

eingehalten werden. Das Waldgesetz widmet

der Koordination mit der Raumplanung

einen ganzen Abschnitt. Darin wird unter

anderem festgehalten, dass die Zuweisung

von Wald in eine Bauzone nur zulässig ist,

wenn eine Rodungsbewilligung erteilt werden

kann.

Ausgangspunkt der Verbesserung der Koordination

zwischen Umweltschutz und

Raumplanung ist die von BAFU und ARE veröffentlichte

Vollzugshilfe für verkehrsintensive

Einrichtungen (VE) im kantonalen Richt-

Florian Wild,

geb. am 21.9.1959, Dr. iur, arbeitet seit

12 Jahren im Bundesamt für Umwelt

(BAFU).

Vor zwei Jahren übernahm er die

Leitung der Abteilung Recht des BAFU.

Er ist Mitglied des Vorstandes der

Vereinigung für Umweltrecht (VUR) und

der Vereinigung für Landesplanung

(VLP-ASPAN).»

Seite 18 natur und mensch 4-5 / 2008

plan. 4) Sie zeigt auf, wie VE im kantonalen

Richtplan behandelt werden können und

nach welchen Kriterien beurteilt wird, ob ein

Standort für eine VE geeignet ist. Im Rahmen

einer Motion der Rechtskommission

des Ständerates werden systematisch Optimierungen

der Koordination geprüft.

New Approach

Auch die Nachbarländer sind bestrebt, die

Umweltgesetzgebung nach neuen Erkenntnissen

und Gegebenheiten laufend zu optimieren.

Im Rahmen des Netzwerkes der Umweltämter

der Länder Europas befasst sich

eine Interessengruppe mit „Better Regulation“.

Technische Normen sind ein wichtiges Instrument

für die Entwicklung, den Gebrauch

und die Entsorgung von Gütern, Bauwerken

und Dienstleistungen. Sie sind zwar privatrechtlicher

Natur, haben aber auch öffentlichrechtliche

Bedeutung, indem beispielsweise

Gesetze und Verordnungen im

technischen Bereich auf sie verweisen. Mit

dem sog. New Approach stärken EU und

EFTA die Anwendung technischer Normen

Nach diesem Konzept legt der Gemeinschaftsgesetzgeber

nur noch die grundlegenden

Anforderungen fest, nicht aber die

technischen Einzelheiten, wie diese Anforderungen

zu erreichen sind. Die grundlegenden

Anforderungen an die Produkte

sind für die Mitgliedstaaten – und nach der

innerstaatlichen Umsetzung auch für die

Produk tehersteller – verbindlich. Die technischen

Detailregelungen werden auf der

Grundlage von Normungsmandaten der

Kommission in der Form von harmonisierten

technischen Normen von den Europäischen

Normenor ganisationen CEN und

CENELEC erarbeitet. Diese harmonisierten

Normen sind öffentlich-rechtlich zwar nicht

verbindlich, aber faktisch wirken sie trotzdem:

Produziert ein Hersteller nicht nach

diesen Normen, trägt er die Beweislast dafür,

dass seine Produkte die grundlegenden

Anforderungen erfüllen. Umweltanliegen

werden zunehmend in diese Normierung

einbezogen.

Da technische Normen den Vollzug des Umweltrechts

erleichtern können, haben sie

auch in der schweizerischen Umweltpolitik

eine zunehmende Bedeutung. Das BAFU hat

eine entsprechende Normenstrategie erstellt.

5)


Rechtsetzungsprogramm

Der Entwicklung der Umweltgesetzgebung

liegt idealtypisch ein Zyklus zugrunde. Ausgangspunkt

ist der Zustand der Umwelt. Je

nach Zustand ergibt sich im Hinblick auf die

nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen

ein rechtsetzender Handlungsbedarf.

Ist die Rechtsetzung abgeschlossen,

folgt der Vollzug durch den Bund und die

Kantone. Im Rahmen eines Controllings ist

sodann der Vollzug zu evaluieren. Schliesslich

stellt die Umweltbeobachtung wieder

den Zustand der Umwelt fest und der Zyklus

beginnt von neuem.

Das BAFU listet in einem periodisch aktualisierten

Programm die geplante Rechtsetzung

im Umweltbereich auf . Zurzeit werden

auf Gesetzesebene Vorlagen über das CO2-

Gesetz post 2012, über die Änderungen des

GSchG (vom Parlament initiierter indirekter

Gegenvorschlag zur Volksinitiative „Lebendiges

Wasser“) und die Verlängerung des

Moratoriums für eine gentechnologiefreie

Landwirtschaft erarbeitet. Auf Verordnungsebene

betreffen die neuen Vorlagen ins-

besondere die Luftreinhaltung (u.a. Feinstaub),

die Finanzierung der Altlasten sa-

nierung, die Abfälle, das Artenmanagement,

die Trockenwiesen, die Organismen, die

Chemikalien, die UVP und das Verbandsbeschwerderecht.

Schlussbemerkungen

Die Schweiz verfügt insgesamt über eine

griffig formulierte und kohärente Umweltgesetzgebung.

Deren Koordination mit anderen

Gesetzgebungen, insbesondere mit

den Erlassen der Raumplanung, ist aber zu

optimieren. Zudem muss die Umweltgesetzgebung,

wenn immer nötig, aufgrund des

Handlungsbedarfs, der sich aus der Umweltbeobachtung

ergibt, weiterentwickelt werden.

Die Ursache für die aktuell durchzogene

Bilanz der Zielerreichung liegt in erster

Linie bei mangelnden Massnahmen des

Vollzugs. Dies spricht dafür, bewährte Voll-

zugs-Instrumente, wie das Verbandsbeschwerderecht,

beizubehalten. Für die Förderung

des Vollzugs ist die Wahl der für den

Regelungsbereich wirksamsten Instrumente

und die Weiterentwicklung der Instrumente

entscheidend, so neuerdings durch die Programmvereinbarungen

zwischen Bund und

Kanton im Subventionsbereich oder die bottomup

vorgesehene Errichtung von Pärken

von nationaler Bedeutung.

11 Umweltgesetze, rund 70

dazugehörige Verordnungen

sowie weitere Vorschriften

und Erlasse in den unterschiedlichsten

Sektoren

regeln die Umweltgesetzgebung

in der Schweiz, doch

trotzdem ist die Landschaft

unter Druck. Im Bild eine

Impression aus dem Wallis.

Foto: photocase.com-Tommai

Anmerkungen:

1) Es sind dies das Umweltschutzgesetz vom

7. Okt. 1983 (SR 814.01; USG), das Bundesgesetz

vom 1. Juli 1966 über den Natur- und Heimat-

schutz (SR 451; NHG), das Gewässerschutz-

gesetz vom 24. Jan. 1991 (SR 814.20; GSchG),

das Waldgesetz vom 4. Okt. 1991 (SR 921.0;

WaG), das Gentechnikgesetz vom 21. März 2003

(SR 814.91; GTG), das CO2-Gesetz vom 8. Okt.

1999 (SR 641.71), das Jagdgesetz vom 20. Juni

1986 (SR 922.0; JSG), das Bundesgesetz über

die Fischerei vom 21. Juni 1991 (SR 923.0; BGF),

das Bundesgesetz vom 21. Juni 1991 über den

Wasserbau (SR 721.1; WBG), das Nationalparkgesetz

vom 19. Dez. 1980 (SR 454) und das

Bundesgesetz vom 24. März 2000 über die

Lärmsanierung der Eisenbahnen (SR 742.144).

2) Bundesamt für Umwelt/ Bundesamt für

Statistik, Umwelt Schweiz 2007, Bern und

Neuchâtel 2007.

3) BHP – Hanser und Partner AG/ Elektrowatt-

Ekono AG, Evaluation der Abfallpolitik des

Bundes, Zürich 2005.

4) Bundesamt für Umwelt/ Bundesamt für

Raumentwicklung, Verkehrintensive Einrichtungen

(VE) im kantonalen Richtplan, Bern

2006.

5) Normenstrategie BAFU, Bern 2007.

6) BAFU, Laufende und geplante Rechtsetzung

2008–2013 im Bereich des Bundesamtes

für Umwelt, Gesamtübersicht mit Stand vom

18. März 2008.

natur und mensch 4-5 / 2008

Dr. iur. Florian Wild

Eidgenössisches Departement

für Umwelt, Verkehr, Energie

und Kommunikation UVEK

Bundesamt für Umwelt BAFU

Abteilung Recht

Worblentalstr. 68

CH-3063 Ittigen,

Tel +41 (0)31 324 93 06

florian.wild@bafu.admin.ch

Seite 19


50 Jahre „natur und mensch“

Die Natur ihrer Stimme berauben?

Am 30. November kommt die eidgenössische Volksinitiative des Zürcher

Freisinns zur Abstimmung. Sie ist für den Naturschutz von grosser

Bedeutung. Was als politischer Racheakt gegen den VCS entstand,

entpuppt sich als unüberlegte Schwächung von Naturschutz und

Rechtsstaat. von Beat Jans

Sie wissen nicht genau, was das Verbandsbeschwerderecht

ist? – Machen Sie sich

nichts daraus. Rund der Hälfte aller Schweizerinnewn

und Schweizer geht es genauso.

Viele Menschen haben davon erst vor vier

Jahren zum ersten Mal gehört. Damals

brachte der Verkehrsclub Schweiz (VCS) die

Schweiz in Aufregung. Politiker und Fussballfreunde

zitterten um die Durchführung

der Fussball-Europameisterschaft. Und zwar,

weil der VCS von seinem Recht Gebrauch

gemacht hatte. Er hatte mit einer Einsprache

darauf hingewiesen, dass das unter Zeitdruck

geplante Fussballstadion im Hardturm

gegen das Umweltschutzgesetz ver-

stosse. Er beklagte, dass die Luft rein halte -

grenzwerte überschritten würden, weil das

dazugehörige Einkaufszentrum viel zu viele

Autofahrten auslösen würde. Damit ist auch

das Verbandsbeschwerderecht im We sen -

tlichen beschrieben. Es gibt den Um welt -

organisationen wie Pro Natura, WWF oder

dem Rheinaubund die Möglichkeit, geset-

Seite 20 natur und mensch 4-5 / 2008

zeswidrige Grossbauprojekte oder Bundesaufgaben

anzufechten.

Rache gegen den VCS

Der Regierungsrat gab dem VCS damals

Recht und ordnete später Projektanpassungen

an. Die Zürcher FDP klebte trotzdem an

der Decke. Wie konnte es der Verkehrsclub

wagen, ein Bauprojekt anzuzweifeln, das

wenige Monate zuvor in einer Volksabstimmung

gutgeheissen worden war? – Die FDP

Zürich protestierte heftig und sann auf Rache

am VCS. Sie organisierte eine Demonstration

und stampfte in Windeseile eine eidgenössische

Volksinitiative aus dem Boden.

Diese verlangt, dass das Verbandsbeschwerderecht

nicht mehr eingesetzt werden kann,

Stein des Anstosses, der ge-

plante Neubau des Hardturmstadions

(Fotomon-

tage) mit einem dazugehö-

rigen Einkaufszentrum.

Foto: Pro Natura

wenn ein Parlaments- oder Volksentscheid

vorliegt und trägt den umständlichen Titel:

„Verbandsbeschwerderecht: Schluss mit der

Verhinderungspolitik – mehr Wachstum für

die Schweiz“.

Inzwischen ist die Europameisterschaft Geschichte.

Sie fand erfolgreich statt, auch in

Zürich Die Aufregung war umsonst. Die Wut

gegen den Zürcher VCS scheint aber ungebrochen,

zumindest bei den Initianten rund

um Doris Fiala, der erfolglosen Ex-Präsidentin

der FDP Zürich. Sie haben rekordverdächtige

1,2 Mio Franken aufgeworfen um

die Unterschriften zusammenzubringen

und werben dieser Tage heftig mit Inseraten.

Ihr Slogan lautet. „Mehr Demokratie -

weniger VCS“. Am 30. November stimmen

wir über die Initiative ab. Das ist erstaunlich,

denn heute ist längst klar, dass diese Initiative

nichts taugt.

Am Problem vorbei

Der Fall Hardturm, welcher den Stein ins Rollen

gebracht hatte, ist der beste Beweis dafür.

Das Projekt steckt nämlich immer noch

in den Mühlen der Gerichte. Das liegt aber

nicht am VCS. Dieser ist seit 2004 nicht mehr

im Verfahren involviert. Es sind die Anwohner

und die Investoren, die den Rechtsfall

weitergezogen haben. Wäre der Bau des

Hardtrumstadions mit Hilfe der Initiative

weniger verzögert worden? Die Antwort

lautet schlicht und einfach Nein. Denn die

Initiative richtet sich nur gegen das Beschwerderecht

der Umwelt- und Naturschutzorganisationen.

Diese machen weniger

als 2 Prozent aller Einsprachen aus. Die

98 Prozent der privaten Einsprecher sind

von der Initiative gar nicht betroffen. Wäre

es der Zürcher FDP ernst mit dem Kampf gegen

Verhinderung, für mehr Wachstum und

mehr Demokratie, dann müsste sie konsequenter

alle Beschwerden verbieten und

nicht nur die 2 Prozent der Umweltverbände.

Und ausgerechnet in Zürich wurde der zweite

Beweis erbracht, warum die Initiative

nichts taugt. Innert kürzester Zeit wurde

dort ein anderes Stadion, das Letzigrund

neu geplant, bewilligt und gebaut. Die rasche

Realisation des Letzigrundstadions

zeigt klar: Bauvorhaben werden nur dann


angefochten, wenn die Investoren ihre

Hausaufgaben in Sachen Umweltschutz vernachlässigt

haben. Mangelhafte Projekte

und unsorgfältige Behördenentscheide verzögern

den Ablauf, nicht das Verbandsbeschwerderecht.

Gegen den Naturschutz

Von dieser Volksinitiative ist längst nicht nur

der VCS betroffen. Andere Organisationen,

welche sich vor allem dem Schutz von Natur-

und Landschaft verschrieben haben,

machen deutlich häufiger von diesem

Rechtsmittel Gebrauch als der Verkehrsclub.

Und sie nehmen ihr Beschwerderecht sorgfältig

und erfolgreich war. In Rund 70 Prozent

aller Fälle gibt das Gericht den Umweltverbänden

Recht und ordnet Verbesserun-

gen zu Gunsten des Natur- und Umwelt-

schutzes an.

Das heisst konkret: Ohne das Verbandsbeschwerderecht

wären unzählige Grossbauten

erstellt worden, die das Umweltschutz-

oder das Natur- und Heimatschutzgesetz

verletzen. Und genau das ist das verheerende

an der Initiative des Zürcher Freisinns:

Der Racheakt gegen den VCS richtet sich

letztlich direkt gegen die Natur. Er wird dazu

führen, dass Investoren von Bauprojekten

sich um die Einhaltung der Umweltgesetze

drücken. Und auch die Behörden werden

viel weniger genau hinschauen. Denn die

nötige Korrektur durch das Verbandsbeschwerderecht

bliebe versagt. Und was sind

die Motive der Initianten? Sie machen die

Umweltverbände für die Verzögerung und

Verhinderung von Bauprojekten verantwortlich

und schimpfen gegen dieses „unsägliche

Vetorecht“. Das ist sachlich falsch.

Denn die Gerichte, nicht die Umweltverbände

entscheiden, ob ein Projekt als gesetzeswidrig

einzustufen ist. Beschwerdeführer

können die Gerichte lediglich auf Verstösse

aufmerksam machen. Wer Mühe hat mit den

Bauverzögerungen durch Gerichtsverfahren,

sollte sich für die Beschleunigung von

Gerichtsverfahren einsetzen. Und wer mit

Ohne das Verbandsbeschwerderecht

wäre der

Aletschgletscher heute

kein Weltnaturerbe.

Foto: Manz / Pro Natura

den Umweltauflagen hadert, sollte für weniger

strenge Gesetze kämpfen und nicht auf

die Anwälte einprügeln. Statt ihre Probleme

an der Wurzel zu packen, machen die Initianten

die Umweltverbände zum Sündenbock.

Sie meinen den Esel und schlagen den

Sack.

Kritik von Rechtsexperten

Über 40 Rechtsprofessorinnen und -professoren

sprechen sich gegen die Initiative aus.

Sie sind beunruhigt, weil mit dieser Initiative,

die Gemeinden die Legitimation erhalten

sollen, Bundesgesetze oder gar Verfassungsbestimmungen

per Volks- oder Parla-

mentsentscheid ausser Kraft zu setzen. Nicht

nur der Inhalt, auch der Wortlaut der hastig

formulierten Initiative stossen auf Kritik. Für

Rechtsexperten ist er ein Ärgernis. Denn der

Seite 21


50 Jahre „natur und mensch“

Initiativtext will die Verbandsbeschwerde

nach „Volks- und Parlamentsentscheiden

verbieten. Er sagt aber nicht nach welchen

Entscheiden. Sind damit Investitionsentscheide,

Nutzungsplanänderungen oder gar

Budgetentscheide gemeint? Der Bundesrat

bezeichnet die Initiative schlicht als „unklar“.

Helen Keller, Professorin der Universität Zürich

sagt es etwas diplomatischer „Der Wortlaut

der Initiative ist verschiedenen Auslegungsergebnissen

zugänglich.“ Und: „Der

Text ist in den vier Landessprachen nicht

gleichlautend.“

Grossverteiler auf Distanz

Selbst wichtige Investoren, die viel Erfahrung

haben mit dem Verbandsbeschwerderecht,

können mit der Initiative nichts anfangen.

Coop und Migros zum Beispiel gingen

von Beginn an auf Distanz. Auch die Parkplatz-Lobby-Organisation

„espace mobilité“

ist der Meinung, dass die Initiative keine Lösung

bietet. Sie liess noch im März dieses

Jahres verlauten: „Die FDP-Initiative löst die

anerkannten verbleibenden, wesentlichen

Probleme beim Umweltschutzgesetz nicht.“

Und: „Der vom Parlament eingeschlagene

Seite 22 natur und mensch 4-5 / 2008

Weg ist wesentlich zielführender als die Initiative

der FDP.“ Tatsächlich ist das Parlament

momentan daran, das Umweltschutz- und

das Raumplanungsgesetz besser aufeinander

abzustimmen. Bereits 2007 hatte es die

Gesetzesgrundlagen zum Verbandsbeschwerderecht

überarbeitet und es erheblich

gestutzt (siehe Kasten). Die Initianten

haben mit ihrer Initiative also einiges erreicht.

Der von ihnen zwar nie belegte aber

ständig portierte Missbrauch des Verbandsbeschwerderechtes

wurde mit der Gesetzesrevision

schlicht verunmöglicht. Auch

deshalb ist es unverständlich, dass sie die Initiative

nicht zurückgezogen haben.

Parlament und Bundesrat

dagegen

Die Initiative findet in der Politik wenig

Rückhalt. Der Ständerat und der Nationalrat

lehnen sie ab. Der Bundesrat vertritt inzwischen

auch die Nein-Parole. Selbst in der federführenden

Partei, der FDP hat es viele

prominente Gegner und Skeptiker. Parteipräsident

Fulvio Pelli sagte noch im Mai der

NZZ am Sonntag: „Ich hätte diese Initiative

nicht lanciert.“ Selbst unter den Initianten

So wurde das Beschwerde-Recht vom Parlament 2007

eingeschränkt :

Verfahrensausschluss: Umweltorganisationen,

die es unterlassen haben, Rügen in

früherem Planungsverfahren vorzubringen,

sind vom Verfahren ausgeschlossen.

Gegen Verzögerungen: Ein vorzeitiger

Bau beginn für unbestrittene Anlageteile

ist trotz Einsprachen möglich.

Gegen Missbräuche: Kein Eintreten auf

Beschwerden, wenn in Verhandlungen

unzulässige Forderungen gestellt wurden;

Vereinbarungen zwischen Umweltorganisationen

und Bauherren gelten lediglich

als Antrag an die zuständige Behörde;

Konventionalstrafen zur Sicherung von

Vereinbarungen sind verboten; Umweltorganisationen

müssen dem BAFU jährlich

Rechenschaft ab legen;

Einschränkung der Beschwerdebefugnis:

Beschränkung des Rügebereiches auf

die Themen, welche die Umweltorganisationen

seit 10 Jahren bearbeiten; Nur noch

das oberste Exekutivorgan der Verbände

ist befugt; kantonale Sektionen müssen

im Einzelfall zur Beschwerde ermächtigt

werden.

Abschreckende Kostenauferlegung: Die

Organisationen müssen die Verfahrenskosten

bezahlen, falls sie mit ihrer Einschätzung

der Rechtslage falsch liegen

und mit ihrer Eingabe vor Gericht unterliegen.

Straffung der UVP: Der Umweltverträglichkeitsbericht

muss keine Vorsorgeaspekte

mehr enthalten; Anlagen, die UVP-pflichtig

sind, müssen vom Bundesrat regelmässig

neu definiert werden: künftig sollen

weniger Grossprojekte unter die UVP-

Pflicht fallen.

In den Bolle di Magadino,

einem Vogelschutzreservat

von europäischer Bedeutung

würde heute noch Kies

abgebaut, wenn die

Umweltverbände nicht

erfolgreich prozessiert

hätten.

Foto: Pro Natura

war die Initiative am Schluss völlig um-

stritten. Einige unter Ihnen riefen öffentlich

zum Rückzug auf. Nationalrat Duri Bezzo-

la, Komitee-Mitglied, Skiverbands-Präsident

und ehemaliger Bauunternehmer: „Frau Fiala

muss vom hohen Ross herunterkommen

und Vernunft annehmen.“ Das tat sie nicht.

Sie beschloss zusammen mit einer knappen

Mehrheit der Initianten die Initiative nicht

zurückzuziehen Somit setzte sie ihre Par-

tei einer Zerreissprobe aus. Ein Drittel der

Delegierten der FDP Schweiz stimmten

gegen die Initiative oder enthielten sich.

Die Mehrheit folgte Fiala und Co. und stimmte

Ja, zum Teil mit sehr geringer Begeis-

terung. Viele taten es vor allem deshalb,

weil es ja nicht sein kann, dass eine Partei

eine Initiative aus ihren eigenen Reihen

ablehnt. Fiala und Co. diktierten so dem

Resten der Partei die Politik. Sie wollten

der Schweiz beweisen, dass die FDP ini-

tiativfähig ist. Und nun soll sich die FDP


mit einer Abstimmungskampagne profi-

lieren. Es geht schon längst nicht mehr um

die Sache.

Beat Jans,

Jahrgang 1964,

ist Abteilungslei-

ter Politik und

Internationales

bei Pro Natura –

Schweizerischer

Bund für Naturschutz. Seit 2001 ist er

Mitglied des Grossen Rates des

Kantons BS und seit 2004 amtiert er als

Präsident des Vereins „eine Zukunft

für das Verbandsbeschwerderecht“

der später umbenannt wurde in:

„Nein zur Initiative des Zürcher Frei-

sinns“. Beat Jans ist verheiratet und

Vater zweier Töchter.

Nein zu einer unehrlichen

Initiative

Frau Fiala und ihre Seilschaft geben sich

seither moderat. Sie wollen das Verbandsbeschwerderecht

„nicht abschaffen nur einschränken“,

betonen sie bei jeder Gelegenheit.

Das ist unehrlich. Frau Fiala und ihre

Mitstreiter haben im Nationalrat in der Frühjahrssession

2008 für die Motion Schibli und

damit für die Abschaffung des Beschwerde-

Rechts gestimmt.

Das Verbandsbeschwerderecht ist für die

Geschichte und die Zukunft des Naturschutzes

von zentraler Bedeutung. Der Aletschgletscher

oder die Rebberge von Lavaux am

Genfersee wären heute keine Weltnaturerbe.

Und in den Bolle di Magadino, einem Vogelschutzreservat

von europäischer Bedeutung

würde heute noch Kies abgebaut,

wenn die Umweltverbände nicht erfolgreich

prozessiert hätten. Unzählige Moore, Auen

und Wälder in diesem Land würde es heute

nicht mehr geben, wenn das Verbandsbeschwerderecht,

der Natur nicht zu einer

Stimme verholfen hätte. Für die Natur ist die

Abstimmung vom 30. November deshalb

von grosser Bedeutung. 23 Organisationen

haben sich deshalb zusammengeschlossen

und bekämpfen die Initiative. Der Verein

„Nein zur Initiative des Zürcher Freisinns“

fordert alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger

auf „Nein“ zu stimmen und bedankt

sich auch beim Rheinaubund für die engagierte

Unterstützung.

natur und mensch 4-5 / 2008

Beat Jans

Pro Natura

Postfach

4018 Basel

Tel. 061 317 91 91

beat.jans@pronatura.ch

Seite 23


50 Jahre „natur und mensch“

Alpenschutz wohin?

Nachhaltige Regionalentwicklung als Zukunfts-

perspektive für den europäischen Alpenraum

Fünfzig Jahre nach Erscheinen des ersten Hefts der Zeitschrift „Natur und Mensch“

fällt die Bilanz des Alpenschutzes durchzogen aus. Muss der Alpenschutz daher als

gescheitert betrachtet werden? Oder müssen wir uns für die Zukunft der Alpen vielmehr

überlegen, wie der Schutz alpiner Natur und Landschaften mit den Strategien

einer nachhaltigen Berggebietsentwicklung verbunden werden kann? Einer starken

Nachhaltigkeit allerdings, die diesen Namen auch tatsächlich verdient.

von Dominik Siegrist

Unter dem Titel „Naturschutzbilanz der

Alpen länder“ findet sich in Heft 3/1960 der

Zeitschrift „natur und mensch“ folgende Notiz:

„Es war ein einstimmiges Lied der Klage,

das die in der Internationalen Alpen kommission

zusammengeschlossenen Dele gationen

der sechs Alpenländer in Ljubliana

sangen. Doch dürre Zahlen und Fakten, die

den erschreckenden Schwund an natürlichen

Landschaften im europäischen Alpenraum

eindeutig belegten, wandelten die

Klage zur öffentlichen Anklage. Der Run

nach dem besten noch greifbaren „Claim“ ist

viel offensichtlicher geworden, und fassungslos

stehen die meisten Menschen,

auch wenn sie sich noch nie mit Naturschutz

beschäftigt haben, vor den zynischen Absichten,

tote Rechnungsgrössen aus lebendiger

Heimat zu machen.“ Es folgt eine Aufzählung

von neuen Wasserkraft-Projek ten in

Seite 24 natur und mensch 4-5 / 2008

der Schweiz, Österreich, Italien, Bayern und

im damaligen Jugoslawien. In der Zeit des

grossen Wirtschaftswachstums erwachte in

Kreisen des Naturschutzes und der Wissenschaft

das Bewusstsein für die grossflächige

Bedrohung der Alpenlandschaften, zunächst

durch die Wasserkraftnutzung, dann durch

den Tourismus und den Verkehr. Dies war der

Anlass, dass 1952 die Internationale Alpen-

schutzkommission CIPRA (damals noch als

„Alpenkommission“) im Schosse der IUCN

aus der Taufe gehoben worden war.

Das Jubiläum der Zeitschrift „natur und

mensch“, die in den 50 Jahren ihres Bes tehens

immer wieder wichtige Themen der Alpen

aufgegriffen hat, bietet Gelegenheit,

sich mit der aktuellen Bedeutung und den

zukünftigen Möglichkeiten des Alpenschutzes

auseinanderzusetzen.

Wo steht der Alpenschutz heute?

Seit den 1950er Jahren und dem erwähnten

Zitat hat sich manches verändert und viele

Befürchtungen der Naturschutzpioniere von

damals sind Realität geworden. Wasserkraftwerke

pressen die Alpenlandschaften heute

beinahe bis auf den letzten Tropfen aus. Weniger

als ein Zehntel der Flüsse in den Alpen

sind noch als naturnah einzustufen. Das Trockenlegen

von Bach- und Flussläufen ist mit

Grund dafür, dass die Artenvielfalt in dieser,

einer der weltweit wichtigsten Öko regionen,

stark zurückgegangen ist. Und immer noch

sind eine Reihe neuer Kraft werke geplant.

Aber auch Bergbau und Industrie anlagen,

intensive Land- und Forst wirtschaft, Massentourismus

und wach sender Verkehr trugen

in den vergangenen Jahr zehnten zur

Zerstörung der alpinen Land schaften bei. In

jüngerer Zeit breiten sich die Städte in den

Alpen mit ihren Siedlungs gürteln immer

weiter in die Berglandschaft aus. Und während

die Schwierigkeiten an vielen Orten in

der Übernutzung der Land schaft liegen,

dringt in anderen Gebieten die Wildnis vor.

Dies betrifft insbesondere die grossflächig

entsiedelten Täler im westlichen Piemont

und in den französischen Seealpen, die lang-

Die Lösung der Verkehrsprobleme

gehört zu den grossen

Herausforderungen der

zukünftigen Alpenpolitik:

Vinschgauer Bahn (Südtirol)

Foto: Uli Reinhardt/Zeiten-

spiegel


Biosphärengebiete versuchen

sich als Modellregionen für

die nachhaltige Entwicklung

zu profilieren: Entlebuch

Foto: Christoph Pueschner/

Zeitenspiegel

sam aber sicher vom Wald in Besitz genommen

werden.

Und trotz vielerlei Bekenntnisse der Staa ten

und der EU zum Alpenschutz, z.B. im Rahmen

der Alpenkonvention, ist heute kein

Ende dieser negativen Entwicklung, geschweige

denn eine Trendumkehr abzusehen.

Muss der Alpenschutz, der in den vergangenen

fünf Jahrzehnten mit viel Energie

und Dynamik aktiv war, daher als gescheitert

betrachtet werden? Stehen die Alpenschutzorganisationen

heute, da die Globa lisierung

und der Klimawandel unsere Ge-

sellschaft vor ganz neue Probleme stellen,

mit leeren Händen da? Diese Fragen sind klar

mit nein zu beantworten, hatte und hat doch

der Alpenschutz auch viele Erfolge zu verzeichnen.

Denken wir für einmal nicht an die

zerstörten, sondern an die geretteten Landschaften:

Zum Beispiel an die Greina-Hochebene

in Graubünden, an die Tiroler Lechauen

oder an die beachtliche Zahl neu ge -

schaffener Nationalparke in den Alpen. In der

Schweiz bildete und bildet dabei das Verbands

beschwerderecht für diese Errun genschaften

eine unverzichtbare Grund lage.

Einen ihrer wichtigsten Meilensteine erreichte

die Alpenschutz-Bewegung im Jahre

1991 mit der Unterzeichnung der Alpenkonvention.

Diese Konvention macht seither

zwar langsame, aber dennoch kontinuierliche

Fortschritte. Als völkerrechtlich verbindlicher

Vertrag bildet die Alpenkon ven tion

eine wichtige Grundlage für die Zu sam -

menarbeit in Handlungsfeldern wie Na-

tur und Landschaft, Verkehr und Energie,

Raumordnung, Tourismus und Landwirtschaft.

Sowohl Strategien zur wirtschaftlichen

Förderung als auch Massnah men zum

Schutz der Alpen können damit grenzübergreifend

aufeinander abgestimmt werden,

um die Alpen als vielfältigen Kultur-, Natur-,

Lebens- und Wirtschaftsraum zu stärken.

Wegweisend für die Zusammen arbeit im

Rahmen der Alpenkonvention ist nicht zuletzt

die Tatsache, dass sich unter ihrem

Dach EU-Mitgliedsländer sowie die Schweiz,

Liechtenstein und Monaco zusammengefunden

haben, um spezifische Pro ble me einer

europäischen Grossregion gemeinsam anzugehen.

Ein neuer Hand lungs spielraum und

eine grosse Chance bieten sich für die Alpenkonvention

gerade auch im Rahmen des Klimaschutzes.

Dazu wollen die Umwelt minister

der Alpen länder im Frühjahr 2009 einen Aktions

plan Kli ma schutz verabschieden.

Wohin steuert der Alpenschutz

in Zukunft?

Seit der CIPRA-Konferenz von 1958 in Ljubliana

haben sich die Inhalte des Begriffs

„Alpenschutz“ gewandelt. Mit dem Alpenschutz

verfolgen wir heute – über den nach

wie vor zentralen Schutz von Natur und

Landschaft hinaus – eine nachhaltige Gesamt

entwicklung der Alpenregionen. Zu fokussieren

ist dabei auf eine starke Nachhaltigkeit,

bei der insbesondere die Um -

welt dimension einen sehr hohen Stellen-

wert besitzt. Isoliert auf Natur- und Land -

schafts schutz ausgerichtete Strategien wer-

den in Zukunft kaum mehr erfolgreich sein;

der Fokus auf die Nachhaltigkeit wird in einer

Zeit, in der die Politik ihr Interesse an einer

aktiven Berggebiets- und Alpen politik

zusehends verliert, immer wichtiger. So können

Natur- und Landschaftsschutzziele heu-

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 25


50 Jahre „natur und mensch“

te nicht mehr top down, sondern nur noch

unter Partizipation der Bevölkerung umgesetzt

werden. Das Berggebiet fragt nachdem

wirtschaftlichen Nutzen des Alpen schutzes.

Vor diesem Hintergrund wird die Alpenpolitik

für viele Umwelt-NGO’s, die sich naturgemäss

in erster Linie an Schutz zielen orientieren,

zu einer Herausforde rung.

Um zu überlegen, wohin der Alpenschutz

steuert, sollten wir uns intensiver als bisher

mit den Szenarien für die Zukunft der Alpen

beschäftigen. Wir müssen uns überlegen,

welche Auswirkungen unser Handeln (oder

Nicht-Handeln) für die Zukunft haben könnte.

Landschaft, Wirtschaft und Gesellschaft

der Alpen unterliegen in den nächsten Jahrzehnten

einem starken Wandel. Die Veränderungen

sind vielfältig: Die Übernutzung

vieler Alpenlandschaften wird durch die zunehmende

Unternutzung in den Randgebieten,

zum Beispiel in den Südalpen und

in den Westalpen kontrastiert. Der Klima-

änderung steht der zunehmende Auto-,

Lastwagen- und Flugverkehr gegenüber.

Und im Kontrast zu den Ansprüchen der

Fun-Generation hat sich ein wachsen-

des gesellschaftliches Bedürfnis nach natürlichen

Landschaften und nach Entschleu-

nigung entwickelt. Aus diesen zunehmen-

den Gegensätzen ergeben sich neue Her-

ausforderungen für eine ökologisch-nach-

haltige Politik in den Alpen und darüber

hinaus.

Die Handlungsspielräume liegen zwischen

der Ebene der einzelnen Gemeinden und jener

der internationalen Politik. Auf den unterschiedlichen

Ebenen müssen wir uns mit

Seite 26 natur und mensch 4-5 / 2008

ökonomischen, sozialen und kulturellen Fragen,

mit der Raumordnung, dem Natur- und

Umweltschutz sowie mit der Verkehrs-,

Landwirtschafts- und Regionalpolitik auseinandersetzen.

Und da die Zukunft dem interdisziplinären

Denken und den integrativen

politischen Formen gehört, sollten die

Grenzen der einzelnen Sachpolitiken überschritten

werden. So kann es gelingen, die

Grundlagen für eine nachhaltige alpine

Wirtschaftsweise zu schaffen, die auf den

besonderen ökologischen und kulturellen

Bedingungen des Alpenraums aufbaut, diese

schützt und weiterentwickelt. Dann besteht

auch die Chance, jene regionalen

Wertschöpfungsnetze zum Tragen zu bringen,

dank denen in den Regionen ein echter

Mehrwert entsteht. In der ökologischen

Landwirtschaft und im naturnahen Tourismus,

in der umweltgerechten Lebensmittelherstellung,

beim klimaverträglichen Bauen

und in der Nutzung erneuerbarer Energien

gibt es dafür bereits zahlreiche gute Beispiele.

Vielerorts sind in Regionen und Gemeinden

innovative Menschen daran, der Globalisierung

mit intelligenten Strategien zu begegnen,

um die soziale und kulturelle Handlungsfähigkeit

zu erhalten. Hierzu müssen

aber die Unterschiede zwischen der globalen

und der lokalen Ebene sowie zwischen

den urbanen und den ländlichen Regionen

ernst genommen werden. Dies im Sinne einer

«Glokalisierung», welche globales Denken

und lokales Handeln miteinander verbindet.

Dadurch können wir falschen

Polarisierungen, beispielsweise von «Stadt»

und «Land» oder zwischen «alpin» und

«ausseralpin» entgegentreten und die Stärken

globalen und lokalen Handelns intelligent

miteinander verbinden. Denn erst intakte

soziale und kulturelle Handlungs-

fä hig keit schafft die Basis für attraktive

Arbeitsplätze, funktionierende öffentliche

Dienstleistun gen, zeitgemässe Raumplanung

und eine offene Umwelt- und Kulturpoli tik.

Um unter dem Druck einer sich globalisieren

den Wirtschaft und Politik spezifisch

alpine Qua litäten zu stärken, muss allerdings

auch das traditionelle Kirchturmdenken

überwunden werden. Hierzu braucht es

Die Urbanisierung stellt

das traditionelle Bild der

Alpen in Frage: Alpenrheintal

Foto: Frank Schultze /

Zeitenspiegel


Periphere Regionen in den

Alpen geraten immer

stärker unter Druck, wenn

sie keine nachhaltigen

Alternativen entwickeln:

Lesachtal (Kärnten)

Foto: Barbara Breyer/

Zeitenspiegel

Plattformen, Netzwerke und Partnerschaften

in den Regionen, im gesamten Alpenraum

und darüber hinaus. Ein gutes Beispiel

dafür ist das alpenweite Gemeindenetzwerk

«Allianz in den Alpen», in dessen Rahmen

sich über 270 kleinere und grössere Alpengemeinden

zusammengeschlossen haben.

Ihr gemeinsa mes Bestreben ist es, die

Grundsätze der Alpenkonvention auf kommunaler

Ebene umzusetzen.

Die künftige Berggebiets- und Landwirtschaftspolitik

sollte verstärkt aus ihren oft

starren Gefässen heraustreten und sich auf

die Erkenntnisse und auf das Erfahrungswissen

aus der vielfältigen Projektarbeit im

Alpenraum abstützen. Dadurch besteht die

Dominik Siegriest,

ist Präsident der

Internationalen

Alpenschutz-

kommission CIPRA.

Er arbeitet als

Tourismus- und

Landschaftsforscher und Dozent an

der HSR Hochschule für Technik in

Rapperswil (SG).

Chance, dass erfolgreiche Modelle und Projekte

vom Einzelfall zum Regelfall werden.

Und damit die regionalen Akteurinnen und

Akteure ihre Möglichkeiten besser nutzen

können, sollte die Aus- und Weiterbil dung

unterstützt und gefördert werden, ganz

nach dem Motto «Brain gain statt brain

drain». Aber auch die beste Politik ist nur so

gut wie ihre Umsetzung, und der Einbezug

der Bevölkerung ist eine wesentliche Voraussetzung

für die Überwindung der Kluft zwischen

wissenschaftlichen Empfeh lun gen

und den oft sehr gegensätzlichen Ansprüchen

an die Alpenlandschaft. So wäre es

wichtig, dass Bergkantone, Gemeinden und

alpine Körperschaften die Umwelt schutzorga

nisationen vermehrt in ihre Politik und

Projekte einbeziehen. Denn gerade von diesen

Verbänden wurden immer wieder wichtige

kritische Fragen gestellt und sind wesentliche

Anstösse für zukunftsweisende

Strategien und Projekte gekommen.

Welche Alpen wollen wir für die Zukunft?

Sind es die Berge als Sport- und Freizeitpark?

Ist es das Berggebiet als Freilicht-

Heimat museum? Oder wünschen wir uns

die Alpen als Modellregion für eine ökologisch-nachhaltige

Entwicklung und für den

Klima schutz? Denn die Entwicklung im Alpenraum

darf auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts

nicht ungesteuert ablaufen, sondern

muss durch politische Entscheide

gezielt beeinflusst werden. Wie und ob die

Politik einen Weg einer nachhaltigen

Berggebietsent wicklung beschreiten wird,

hängt allerdings mit den Werten zusammen,

die wir mit den Alpen verbinden. Dabei ist

neben der «Wert schöpfung» auch die «Wertschätzung»

der Alpenlandschaften durch

die Bevölkerung – welche die finanziellen

Transfer in die Berggebiete als Steuerzahler

letztlich finanziert – von zentraler Bedeutung.

natur und mensch 4-5 / 2008

Dr. Dominik Siegrist

Präsident CIPRA International

HSR Hochschule für Technik,

Institut für Landschaft und

Freiraum

CH-8640 Rapperswil

Seite 27


50 Jahre „natur und mensch“

Frühere Wissenschaft

für effizienteren Umweltschutz

Umweltwissenschaft schafft Umweltwissen und Umweltschützer schützen

die Umwelt. So weit die anscheinend simplen Fakten, aber das ist

nicht alles. Wissen wird überall geschaffen und alle müssen zum

Unweltschutz beitragen. Obwohl Umweltschutz in der zweiten Hälfte

des vergangenen Jahrhunderts zu einem wichtigen gesellschaftlichen

Thema geworden und sehr viel Wissen darüber akkumuliert worden

ist, sind die Umweltprobleme immer noch tendenziell zunehmend. Es

stellt sich die Frage, was dagegen unternommen werden kann. Braucht

es mehr oder anderes Wissen? Muss dieses Wissen gezielter erarbeitet

und vermittelt werden? Was können Forschung, Lehre, Beratung und

Weiterbildung dazu beitragen? von Herbert Güttinger

Gewässerschutz ist erst seit einem halben

Jahrhundert ein allgemeines Thema in unserer

Gesellschaft, obwohl Fachleute schon sehr

viel früher auf Probleme hingewiesen haben.

Bereits um 1900 waren z.B. die Algenblüten

und die Verschlammung der Gewässer ein

offensichtliches Problem, später folgten der

Sauerstoffmangel in den Gewässern, die

Eutrophierung durch übermässige Phosphor-

und Stickstoffbelastungen und heute sind es

vor allem die vielen Mikroschadstoffe und die

Veränderungen der Lebensräume in und um

die Gewässer, welche Sorgen bereiten (Bundi

1995). Die Erfahrung lehrt uns, dass die Zeit-

Durch übermässigen Nähr-

stoffeintrag stark beeinträchtigtes

Gewässer.

Foto: LFU-Bayern

Seite 28 natur und mensch 4-5 / 2008

räume zwischen der Entdeckung (der ersten

Beschreibung) bis zur öffentlichen Wahrnehmung

und Anerkennung eines Problems Generationen

umfassen. Sie lehrt uns auch, dass

Gegenmassnahmen in der Regel aufwändig

sind, auch nur sehr langfristig wirksam werden

und die Rückkehr zu einem natürlichen

Zustand sehr schwierig ist. Damit ist eigentlich

klar, dass Probleme möglichst frühzeitig

erkannt und vermieden werden sollten.

Wann wird ein Umweltproblem

ein Problem?

Die Entwicklung von Umweltproblemen

verläuft in der Regel nach einem gemeinsamen

Muster (siehe auch U. Bundi, H. Güttin-

ger und W. Stumm 1987 und H. Güttinger

1998). Es können folgende Phasen beobachtet

werden (kursiv Beispiele):

1) Ursachenentwicklung Eine neue Technologie

oder Aktivität mit Verbreitungspotenzial

entsteht. Förderung von Phosphat

als landwirtschaftlichem Dünger und

Detergens in Waschmitteln.

2) Problemerkennung Ein Phänomen wird

als Problem erkannt und erste wissenschaftliche

Arbeiten werden durchgeführt

und publiziert. Das Problem erhält

einen Namen. Die Überdüngung von Gewässern

durch Nährstoffe wird beschrieben

und Eutrophierung genannt. Das Phänomen

wird beobachtet.

3) Problemverbreitung Die neue Technologie

oder Aktivität wird in der Gesellschaft

eingeführt, verbreitet sich exponentiell

und mit ihr das Problem. Die

landwirtschaftliche Produktion wird durch

den Einsatz von Kunstdüngern gefördert

und die Waschmaschine inkl. phosphathaltiger

Waschmittel erobert den Markt.

4) Problemmanifestation Das Problem

überschreitet die Wahrnehmungsschwelle

der Öffentlichkeit und der Politik. Es

wird nun als solches anerkannt. Fische in

Seen sterben wegen des Sauerstoffmangels.

Das Tiefenwasser stinkt. Medien und Politik

werden aktiv.

5) Problemforschung Die Wissenschaft erhält

Mittel, um über das Problem und Lösungsansätze

zu forschen. Die genauen

Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge werden

erforscht. Phosphor ist der limitierende

Faktor für das Algenwachstum, er stammt

vorwiegend aus der Landwirtschaft und

dem häuslichen Abwasser.

6) Massnahmenentwicklung Politik, Industrie

und Verwaltung entwickeln Gegenmassnahmen

und setzen sie um. Sanierungs-

und Alternativtechnologien wie

die Phosphatfällung in Kläranlagen oder

Ersatzstoffe für Phosphat in Waschmitteln

werden entwickelt und unterstützt durch

entsprechende Reglementierungen und

Subventionen auch genutzt. Gleichzeitig

kommen aber auch rasch wirksame Massnahmen

zur Symptombekämpfung, wie

die Seenbelüftung zum Einsatz.


Entwicklung der Anzahl

Publikationen über Eutrophierung

sowie Phosphor-

Detergentien und -Dünger,

ohne und mit dem Stichwort

Umwelt (Abfrage Web of

Science, August 2008).

Der älteste Artikel mit den

Stichwörtern ’phosphate’

und ’fertilizer’ stammt aus

dem Jahr 1934 und 1991

erschien erstmals eine

Publikation, die auch das

Stichwort ’environment’

enthielt. Dargestellt ist

zudem der Phosphorgehalt

im Greifensee (AWEL 2008)

7) Problemrückgang Die Problementwicklung

wird gebremst und das Problem evtl.

sogar rückgängig gemacht. Eine Überwachung

der Schadstoffkonzentrationen in

Seen zeigt die Wirkung der Gegenmassnahmen.

Diese werden noch optimiert und

quantitative Ziele erarbeitet.

Das Beispiel der Eutrophierung, der Überdüngung

von Seen durch Nährstoffe wie

Phosphor, zeigt, wie vielschichtig ein Problem

sich entwickelt und was alles nötig ist,

um es in den Griff zu kriegen. Die Verbreitung

von Phosphor in landwirtschaftlichem

Dünger und in Reinigungsmitteln nimmt

nach dem zweiten Weltkrieg rasant zu. Erste

Symptome wie die Sauerstoffzehrung in den

tiefen Seeschichten werden beobachtet. Die

erste Publikation, welche im Web of Science

Anz. Publikationen

nanotechnology

nanotechnology +

environment

Anz. Publikationen / Phosphatkonz. (ug/l)

P-Gehalt

Greifensee

unter dem Stichwort ’eutrophication’ auftaucht,

erscheint 1947; das Problem erhält

einen Namen. Während der darauf folgenden

drei Jahrzehnte produzierte die Wissenschaft

jährlich weiniger als 30 Artikel zum

Thema. Ab Ende der 80er Jahre aber stieg

die Publikationszahl zur Eutrophierung und

auch über Phosphor sprungartig an und erreichte

im Jahr 2007 stattliche 789 Artikel

(Phosphor 210 im Jahr 2006). Die Phosphorkonzentrationen

in Schweizer Seen, welche

als Hauptursache der Eutrophierung gelten,

hatten ihren grossen Anstieg und ihr Maximum

aber bereits ca. 30 Jahre früher. Heute,

eutrophication

phosphate fertilizer/detergent

+ environment

phosphate fertilizer/detergent

Anz. Publikationen (environment)

zum Zeitpunkt der höchsten Forschungsaktivität

zum Thema, haben die Konzentra-

tionen in den meisten Seen beinahe wieder

ihre ’Vorproblem-Werte’ erreicht. Einige

Fachleute (Wissenschaftler und Praktiker)

erkannten das Problem bereits sehr früh,

ohne dass ihre Erkenntnisse allerdings zu

unmittelbaren Konsequenzen geführt haben.

So dauerte es sehr lange, bis erste

Massnahmen entwickelt und eingesetzt

werden konnten. Vom ersten Anstieg der P-

Konzentration im Greifensee sind bereits 5

Jahrzehnte verstrichen, bis wieder die früheren

Werte erreicht werden konnten. Werte

übrigens, die bereits damals schon überhöht

waren und auch heute noch weiter gesenkt

werden müssten. Hierzu fehlen aber

immer noch effiziente kostengünstige Möglichkeiten.

Ganz offensichtlich lassen wir zuviel wertvolle

Zeit verstreichen zwischen dem ersten

Erkennen eines Problems und dessen Lösung,

bzw. Vermeidung oder wir führen

neue Technologien zu rasch ein. Die heutige

Gesellschaft und die Wirtschaft ist sehr ungeduldig

betreffend der Entwicklung und

Verbreitung neuer Technologien und es be-

Anzahl Publikationen zum

Thema Nanotechnologie

und Anteil mit dem Aspekt

Umwelt dazu

(Web of Science August 2008).

natur und mensch 4-5 / 2008

Anz. Publikationen (+ environment)

Seite 29


50 Jahre „natur und mensch“

steht wenig Aussicht, diesen Prozess künstlich

verzögern zu können. Erfolgversprechender

ist es, möglichst frühzeitig allfällige

negative Konsequenzen zu ermitteln und zu

versuchen, diese zu verhindern. Das Dilemma

ist, dass auch dafür Zeit und sehr viel

Mittel erforderlich sind und in dieser frühen

Phase die Unsicherheiten grösser sind.

In seinem Programm ’Forschungspolitische

Früherkennung’ hat der Wissenschaftsrat in

den 80er Jahren Impulse vermittelt, um die

Forschung für diese Problematik zu sensibilisieren

und seit 1992 untersucht das Zentrum

für Technologiefolgen-Abschätzung

http://www.ta-swiss.ch/ die Folgen kritischer

Betroffenheit der verschiedenen

Akteure während der

verschiedenen Phasen einer

Problementwicklung.

Phase

Seite 30 natur und mensch 4-5 / 2008

Technologien, wie zum Beispiel der Nanotechnologie.

Gerade das aktuelle Beispiel der Nanotechnologie

zeigt, dass scheinbar einige Lehren

aus vergangenen Erfahrungen gezogen

worden sind. Bereits 10 Jahre nach dem Anstieg

der veröffentlichten Arbeiten zur Nanotechnologie

(Anzahl Publikationen pro

Jahr unter dem Stichwort ’nanotechnology’)

haben auch die Publikationen über die Umweltfolgen

dieser Technologie eingesetzt

(Stichwörter ’nanotechnology’ und ’environment’).

Ende August 2008 wurden bereits

ca. 280 Publikationen zu den Umweltaspekten

der Nanotechnologie im Web of Science

angezeigt. Diese Tatsache gibt Anlass zur

Hoffnung, dass gewisse negative Folgen der

Verbreitung nanotechnischer Produkte bereits

vor der Markteinführung bekannt sind

und evtl. vermieden werden können.

Wissen-

schaft

Umwelt-

wissen-

schaft

Industrie

Verwaltung

Welche Rollen spielen

die verschiedenen Akteure

im Umweltschutz?

Forschung und Entwicklung und damit Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler sind

also an der Entstehung von Umweltproblemen

praktisch immer aktiv beteiligt. In den

Anfängen sind die öffentlichen wissenschaftlichen

Institutionen noch relativ stark

involviert. Sie verlieren aber mit zunehmender

Marktnähe einer Technologie an Bedeutung

zugunsten der industriellen Forschung

und Entwicklung. Umweltprobleme werden

zwar auch von der Industrie erforscht, aber

offen publiziert werden sie fast ausschliesslich

durch öffentliche wissenschaftliche Institutionen

oder Nichtregierungsorganisationen.

Über eines sind sich alle Akteure einig:

Niemand will eine Technologie, die gravierende

Umweltprobleme hervorruft. Unei-

Politik Medien

1 Technologieentwicklung X X X X

2 Problemerkennung X X X

3 Gesellschaftsdurchdringung X X X

4 Problemmanifestation X X X X X

5 Problemforschung X X X

6

7

Massnahmen-

entwicklung

Problem-

rückgang

Bürger-

innen

und

Bürger

X X X X X X X

X X X X


nigkeit kommt aber dann auf, wenn es

darum geht, Nutzen und Schaden gegeneinander

abzuwägen und konkrete Grenzen

für zulässige Belastungen zu setzen. Auch

die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen

und Anreizsysteme sind

einer gemeinsamen Suche nach optimalen

Lösungen eher hinderlich als förderlich. Der

Markt will kurzfristige Renditen der Investitionen

und die persönlichen Karrieren erfordern

rasche und sichtbare Erfolge.

Die Akteure akkumulieren in den verschiedenen

Phasen einer Problementwicklung

beträchtliches Wissen. Wissen, welches z.T.

sehr technisch und detailliert ist und deshalb

andere kaum interessiert. Während die

Wissenschaft und die Medien einer aktiven

Verbreitung ihres Wissens verpflichtet sind,

müssen sich Industrie, Verwaltung und Politik

an gewisse Regeln der Geheimhaltung

halten und können nur beschränkt informieren.

Ein optimierter Umweltschutz würde allerdings

den freien Zugang zum vollständigen

Wissen aller Akteure erfordern. Der

unabhängigen Wissenschaft kommt dabei

eine besondere Rolle zu: Sie muss in einer

sehr frühen Phase dafür sorgen, dass neue

Technologien auch bezüglich ihrer Umweltverträglichkeit

geprüft und optimiert wer-

Herbert Güttinger

Ist seit 1987

Mitarbeiter im

Direktionsstab der

Eawag, dem

Wasserforschungs-

Institut des

ETH-Bereichs. Dort betreut er das

Weiterbildungsprogramm PEAK

(Praxisorientierte Eawag-Kurse) und

betätigt sich in den Bereichen Umwelt-

schutz, Personalförderung, Forschungsplanung,

Ökotoxikologie und - im

Zusammenhang mit dem Neubau

Forum Chriesbach - Nachhaltigkeit im

Bauwesen. Er ist Maschinenmechaniker

und promovierter Biologe ETHZ, war

wissenschaftlich aktiv in der Ökotoxikologie

und hat einen mehrjährigen

Abstecher in die Energieforschung

gemacht.

den. Anders als beim Beispiel des Phosphors,

wo erst spät und wenig über die negativen

Aspekte geforscht worden ist, sollte bereits

von allem Anfang an die Umweltwissenschaft

einbezogen werden, so wie bei der

Nanotechnologie. Ihre Rolle ist es, möglichst

viel Wissen zu erarbeiten, dieses nach Relevanz

zu ordnen und den richtigen Partnern

zu kommunizieren. Das Verständnis der Beteiligten

muss gefördert werden, Probleme

frühzeitig und richtig zu erkennen und Hand

zu bieten für eine gemeinsame Suche nach

Lösungen.

Sowohl im Bereich der Chemikaliensicherheit

als auch im Hochwasserschutz zeichnen

sich in jüngerer Zeit sehr positive Entwicklungen

ab. Das Programm REACH (Registration,

Evaluation, Authorisation and Restriction

of Chemicals) nimmt die Hersteller von

chemischen Produkten stärker in die Verantwortung

und die Dialogplattformen zur

umweltverträglichen Gestaltung des Hochwasserschutzes

ergeben für alle Seiten bessere

Lösungen. Angesichts der immer noch

wachsenden Umweltprobleme ist es jedoch

fraglich, ob diese Prozesse genügend schnell

erfolgen. Hier dürften Gesellschaft und Wirtschaft

etwas ungeduldiger sein.

Die wissenschaftliche Forschung dient aber

nicht nur der Schaffung von Wissen, sondern

auch der Bildung von Akademikerinnen

und Akademikern und der Erschliessung

von Wissen, das anderswo geschaffen

wird. Eine ihrer grössten Herausforderungen

ist es, aus dieser ungeheuren Vielfalt globalen

Wissens das jeweils Wichtigste herauszufiltern

und adressatengerecht aufzubereiten.

Dies erfordert eine aktive Zusammen-

arbeit mit den betroffenen Akteuren. Zudem

ist die Wissenschaft natürlich nicht allein bei

der Schaffung von Wissen, auch die Praxis

schafft sehr viel Wissen. Viele Initiativen für

den Gewässerschutz kamen zum Beispiel

aus Fischereikreisen, welche sehr viel über

die Fische und ihre Populationen wissen

und auch deren Lebensräume kennen. Mit

Ausnahme der öffentlichen Verwaltung, der

Vereine und Verbände ist die Praxis aber

nicht dafür konditioniert, ihr Wissen mit anderen

zu teilen. Hier könnten die Hochschulen

einen grösseren Beitrag leisten, indem

sie den Dialog durch lebenslange Aus- und

Weiterbildung sehr viel stärker fördern. Wirt-

schaft und Verwaltung müssen sich dabei

natürlich aktiv beteiligen.

Anreizsysteme für eine

ganzheitliche volkswirtschaftliche

Optimierung

Die Marktwirtschaft liefert mächtige Anreizsysteme

für die Wirtschaft. Leider führen

diese aber weder zu einer volkswirtschaftlich

optimierten noch zu einer nachhaltigen

globalen Entwicklung. Bezüglich des wachsenden

Energiekonsums, des steigenden

Landbedarfs oder der zunehmenden Bevölkerung

sind sie beispielsweise weitgehend

wirkungslos oder haben sogar eine kontraproduktive

Wirkung. Die Wissenschaft ist

deshalb herausgefordert, bessere Systeme

und Instrumente zu erforschen, welche

rasch in eine nachhaltige Entwicklung führen.

Dazu ist es erforderlich, das vorhandene

Wissen aller Akteure systematischer zu nutzen

und die Früherkennung und Vermeidung

von Problemen stärker zu fördern. Aktivitäten,

die sich nicht auf einzelne Nationen

beschränken können, sondern gemeinsam

global angegangen werden müssen.

Literaturhinweise

Ueli Bundi (1995): Vom Umweltschutz zum

Umweltmanagement. Schweizer Ingenieur und

Architekt. Nr. 13, 23. März 1995, 318–320.

Ueli Bundi, Herbert Güttinger, Werner Stumm

(1987): Forschungspolitische Früherkennung

im Gewässerschutz. Expertise im Rahmen des

Projektes “Forschungspolitische Früherkennung“,

welches der Schweizerische Wissenschaftsrat

im Auftrag des Bundesrats seit 1984 durchführt.

Herbert Güttinger (1998): Probleme früher

erkennen, besser kommunizieren und verhindern.

VGL Information 3/98, 4–5.

AWEL Abteilung Gewässerschutz (2008):

Phosphorbelastung der Zürcher Seen seit 1950

(www.hw.zh.chemie/see )

natur und mensch 4-5 / 2008

Herbert Güttinger

EAWAG-Direktionsstab

Überlandstrasse 133

8600 Dübendorf

Tel. 044 823 50 23

herbert.guettinger@eawag.ch

Seite 31


50 Jahre „natur und mensch“

Umweltschutz und Volkswirtschaft –

Verbandsbeschwerden entlasten die öffentliche Hand

Oft wird der Vorwurf wiederholt, der Einsatz der Umweltverbände, insbesondere

ihr angeblich exzessiver Einsatz des Verbandsbeschwerderechts, führe zu immensen

Mehrkosten von Projekten, vergessen oder unterschlagen wird hingegen meistens,

dass die von den Verbänden vorgeschlagenen Optimierungen bei der Bauherrschaft

auch zu massiven Einsparungen führen können – wie die folgenden

Beispiele zeigen. von Ruedi Schneider, Andri Bryner und Raimund Rodewald

Wasser ist ein lebensnotwendiges Gut, das

allen Menschen ausreichend zur Verfügung

stehen sollte. Auch die Landwirtschaft erhebt

Anspruch auf Wasser um marktgerecht

und effizient produzieren zu können. In der

Region um Schlattingen-Basadingen am

Hochrhein wird intensiv Gemüse angebaut.

Diese Kulturen wurden und werden immer

häufiger künstlich bewässert. Das notwendige

Wasser wurde ursprünglich zumeist mit

mobilen Pumpen aus dem Furt- und dem

Geisslibach bezogen. Zeitweise wurden die

Seite 32 natur und mensch 4-5 / 2008

Bäche so fast leergepumpt – mit entsprechenden

Auswirkungen auf Fauna und Flora.

Ausserdem verschärften sich die Spannungen

zwischen einzelnen Landwirten um

das Wasser, der Überwachungsaufwand,

wer wann wieviel bewässern durfte, stieg

massiv an.

Daher ersann die Bewässerungsgenossenschaft

ein neues System: Aus dem Rhein

sollte Wasser in die Oberläufe der Bäche gepumpt

werden, um es später wieder wie

gehabt mit mobilen Pumpen (zumeist von

laufenden Traktoren angetrieben) auf die

Felder zu verteilen.

Bewässerungsgenossenschaft

und Bäche gewinnen

Obwohl wir mehrfach darauf hinwiesen haben,

dass dieses Projekt weder ökologisch

noch ökonomisch sinnvoll sei, erteilte der

Regierungsrat des Kantons Thurgau der

Bewässerungsgenossenschaft Schlattingen,


Willisdorf und Umgebung im Frühling 1993

eine Konzession. Dagegen erhob der Rheinaubund

Verwaltungsgerichtsbeschwerde

beim Bundesgericht. Unter anderem waren

die vom Gewässerschutzgesetz vor-

geschriebenen Auflagen zu den Restwassermengen

nicht erfüllt. Das Bundesge-

richt hiess die Beschwerde gut. Die Regie -

rungsratsentscheide mussten aufgehoben

werden.

Dank des Einsatzes der

Umweltverbände kann der

Staat nun den Anwohnern

des untersten Thurlaufs

mehr Sicherheit vor

Hochwasser bieten, dem

vom Bund geforderten

Auenschutz nachkommen

und eine Erholungslandschaft

ersten Grades

aufwerten, praktisch ohne

einen Steuerfranken dafür

einsetzen zu müssen.

Foto: KAPO ZH

Das Projekt wurde in der Folge stark überarbeitet.

Statt die kleinen Bäche weiterhin

als billige Wasserlieferanten zu (miss)brauchen,

wurden schliesslich ob Diessenho-

fen am Rhein eine leistungsfähige Pumpstation

erstellt samt einem Leitungsnetz,

durch das alle Gebiete erschlossen werden

konnten. Die gegenüber dem ersten

Konzessions projekt höheren Investitionen

haben sich inzwischen ausbezahlt und die

Bauern sind zufrieden. Doch, es sollte noch

besser kommen…

In derselben Region Schlattingen-Basadingen-Willisdorf

ersuchte eine neu gegründete

Pumpgemeinschaft um eine Konzession

für Wasserentnahmen aus dem Grundwasserspeicher

„Buechberg“. Gegen dieses

Konzessions- und Baugesuch reichten der

Rheinaubund und der Besitzer der Kundelfinger

Quelle Einsprachen ein. Denn die

Gesuchsteller hatten nicht berücksichtigt,

dass der betroffene Grundwasserstrom die

Quelle beim Kundelfingerhof speist. Eine

Entnahme von Grundwasser hätte die Schüt-

tung dieser grössten Quelle der Nordostschweiz

geschmälert. Das haben früher

durchgeführte Tracerversuche im Zusammenhang

mit dem Kiesabbau am Buechberg

gezeigt. Der Rheinaubund hatte von

diesen Kenntnis.

Ausserdem hatten sowohl die BewässerungsgenossenschaftSchlattingen-Basadingen-Willisdorf

als auch das Departement für

Bau-und Umwelt des Kt. Thurgau versichert,

nach Fertigstellung der oben erwähnten Bewässerungsanlagen

mit Rheinwasser, würden

in diesem Gebiet fortan keine Bewilligungen

für Wasserentnahmen aus Bächen

und Grundwasserträgern mehr nötig sein.

Da die Kapazitäten der Genossenschaft

noch nicht ausgeschöpft waren, verlang-

ten wir die Prüfung der Option eines An-

natur und mensch 4-5 / 2008

Die Attraktivität von Natur

und Landschaft zahlt sich

für die Schweiz auch ökono-

misch aus.

Foto: photocase.com©suze

Seite 33


50 Jahre „natur und mensch“

schlusses an die Rheinleitung. Nach etlichen

Gesprächen der Einsprecher mit allen Beteiligten,

beschloss die Pumpgemeinschaft

Schlattegg schliesslich, das Konzessionsgesuch

zurückzuziehen und sich stattdessen

an die Rheinleitung anzuschliessen.

Unsere fachlich begründeten Argumente

und die konstruktiv geführten Dialoge mit

Behörden und Projektanten haben nicht

nur die Umwelt vor weiteren Eingriffen bewahrt,

sondern auch kommerziell zum Erfolg

geführt. Die Amortisationsdauer der

Pumpanlage „Rhyäcker“ konnte wesentlich

verkürzt und die Betriebskosten gesenkt

werden.

Die geschilderten Rechtsverfahren sind gute

Beispiele dafür, dass sich durch Beschwerden

bewirkte Projektänderungen für Bauherren

auch ökonomisch auszahlen können.

Ausserdem hat der Fall Schlattingen erstmals

gezeigt, dass die Restwasserbestimmungen

des 1992 in Kraft getretenen Gewässerschutzgesetzes

auch für Bewäs se-

rungsanlagen und nicht nur für Kraftwerke

angewendet werden müssen. Und schliesslich

hat das Bundesgericht festgehalten,

dass die minimalen Restwassermengen

nicht nur rein rechnerisch festgelegt werden

dürfen. Vielmehr müssen sie auch die im Gesetz

festgelegten Kriterien (z.B. Erhalt der

Wasserqualität, freie Fischwanderung) erfüllen

und aufgrund einer transparenten Abwägung

zwischen Nutzungs- und Schutzinteressen

erhöht werden. Der Rheinaubund

hat damit wesentlich zur rechtlichen Klärung

der komplexen Restwasserfragen beigetragen.

Entlastung

für die öffentliche Hand

Der Einsatz der Umweltverbände führt natürlich

in manchen Fällen durch den Einsatz

des Verbandsbeschwerderechts zu Mehrkosten.

Es trifft zu, dass die via Beschwerde

eingeforderte Nachbesserung von Projekten

im Einzelfall für die Projektierenden Kosten

mit sich zieht. Ein Kraftwerk mit Fischtreppe

zu bauen, ist logischerweise teurer

als eines ohne. Ob das Mehrkosten sind, ist

Ansichtssache. Je nach Sichtweise führt

schliesslich auch eine Übertretung der In-

Seite 34 natur und mensch 4-5 / 2008

nerortsgeschwindigkeit infolge einer Busse

zu Mehrkosten einer sonntäglichen Autofahrt

ins Grüne.

Vergessen oder unterschlagen wird hingegen

meistens, dass die von den Verbänden

vorgeschlagenen Optimierungen bei der

Bauherrschaft auch zu massiven Einsparungen

führen können – etwa indem auf gut

gemeinte, aber ökologisch unsinnige Uferverbauungen

verzichtet wird zugunsten von

ein klein wenig mehr Dyamik. Oder indem

der Schutz vor einem grossen Hochwasser

für einen Acker zugunsten einer Entschädigungslösung

fallen gelassen wird anstelle

des Baus eines teuren Dammes.

Kaum bewusst ist den meisten zudem die

Tatsache, dass praktisch jede erfolgreiche

Verbandsbeschwerde zur Entlastung der

Kassen der öffentlichen Hand führt. Weil

Natur- und Umweltschutz Aufgaben der

Gemeinden und Kantone sind, kommen

diese nämlich oft für Massnahmen auf,

welche beim genaueren Hinsehen – und

das tut der Rheinaubund gelegentlich –

eigentlich vom Verursacher einer Belastung

zu tragen wären.

Paradebeispiel dafür ist das Rheinkraftwerk

Eglisau, welches den Rheinaubund seit mehr

als 15 Jahren beschäftigt. Als der Energiekonzern

NOK 1993 das Sanierungs- und

Ausbauprojekt für die über 80jährige Anlage

öffentlich auflegen liess, nahmen nämlich

Bund und Kanton Zürich den Standpunkt

ein, es handele sich um eine blosse

Formalität. Erst als wir die Gemeindepräsidenten

von Eglisau, Flaach und Rüdlingen,

sowie Vertreter der Kantone Schaffhausen

und Zürich zu einer Bootsfahrt auf den Rhein

einluden, konnten wir ihnen deutlich machen,

dass kein Kraftwerk einfach 16 Flusskilometer

einstauen darf, ohne für die dabei

entstehenden Verluste Ersatzleistungen zu

erbringen. Heute ist der Kanton Zürich froh,

dass er fast die gesamte erste Etappe des

Grossprojektes „Hochwasserschutz und Auenlandschaft

Thurauen“ – immerhin rund 21

Millionen Franken – aus Geldern bezahlen

kann, die vom reichen Stromgrossisten NOK

stammen. 3 Mio. Franken konnten wir in der

Verhandlung direkt für Aufwertungen im

Auengebiet erwirken (das Kraftwerk staut

auch den untersten Thurabschnitt auf); ins-

gesamt 11 Mio. Franken muss das Werk für

Ausgleichs- und Ersatzmassnahmen am

Rhein einsetzen, über die Hälfte davon im

Perimeter des Auengebietes von nationaler

Bedeutung. Und schliesslich hat die Zürcher

Baudirektion im Kantonsrat einhellig Unterstützung

gefunden, auch die Heimfallverzichtsentschädigung

von gut 7,9 Mio. Franken

zweckgebunden ins Projekt zu in ve-

stieren.

Sowohl der Hochwasserschutz als auch und

insbesondere die Revitalisierung der Auen

sind Aufgaben, die im Zürcher Rathaus so

oder so hoch oben auf der Liste der dringlichen

Dinge gestanden haben. Dank des Einsatzes

des Rheinaubundes und seiner Partnerorganisationen

kann der Staat nun den

Anwohnern des untersten Thurlaufs mehr

Sicherheit bieten, dem vom Bund geforderten

Auenschutz nachkommen und erst noch

eine Erholungslandschaft ersten Grades aufwerten,

praktisch ohne einen Steuerfranken

dafür einsetzen zu müssen.

Teure Eingriffe in die Umwelt

vermeiden

Bunt blühende Bergwiesen, naturnah bewirtschaftete

Wälder und unzersiedelte

Landschaften können auch als ökonomisch

wertvolle Ressourcen angesehen werden.

Mehrfach ist belegt, dass sich die Attraktivität

von Natur und Landschaft auch ökonomisch

auszahlt. Die touristische Wertschöpfung

von Natur und Landschaft beträgt

jährlich gemäss Studie des SECO 2,5 Mia.


Wenn hohe öffentliche Sub -

ventionen im Spiel sind,

drohen oft zu teure, über-

dimensionierte und damit

landschaftsbelastende

Projektausführungen, die

durch eine Verbandsbeschwerde

redimensioniert

werden können. Im Bild

der Ausbau der Lukmanier-

Passstrasse.

Foto: Archiv SL

Franken. Kapitalisiert man diesen Nutzen,

lässt sich auch der Wert der Ressource Landschaft

als touristischer Produktionsfaktor

aufzeigen: 71 Mia. Franken. Zum Vergleich:

Die Infrastruktur der Schweizer Hotellerie

lässt sich etwa auf 12–15 Mia. Franken veranschlagen.

Auch wenn man solchen Nutzenschätzungen

skeptisch gegenüber steht,

dürfte wohl niemand bestreiten, dass die

touristische Bedeutung der Landschaft und

damit des Landschaftsschutzes gross ist. Zudem

macht sich die Lebensqualität des

Wohn- und Arbeitsraums Schweiz in der

psychischen, physischen und sozialen Gesundheit

des Einzelnen bemerkbar, wie

jüngst eine Studie der SL und der Ärztinnen

und Ärzte für Umweltschutz aufzeigte.

Lebens(raum)qualität ist somit korreliert mit

Gesundheitskosten.

Der erste Präsident der SL, FDP-Nationalrat

Ruedi Schatz bemerkte bereits in den 70er

Jahren, dass ökologisch schlechte Lösungen

zumindest langfristig ökonomisch nie gut

sein könnten. Dies zeigt sich beispielsweise

an einer zu intensiven Waldnutzung, wie sie

noch in den 70er Jahren oftmals der Fall war.

Die Förderung standortfremder Baumarten,

wie Fichten im Mittelland, und das vollständige

Aufräumen der Windwurfflächen und

die Neubepflanzung waren nicht nur ökologisch

falsch, sondern auch ökonomisch

verfehlt. Gleiches lässt sich von den Eindolungen

der Flüsse und der nach wie vor ungebremsten

Siedlungsausdehnung sagen,

welche die Infrastrukturkosten im Vergleich

zur konzentrierten Bauweise in die Höhe

schnellen lassen.

Das Verbandsbeschwerderecht ist eines der

zentralen Instrumente, um die betriebswirtschaftliche

und oft kurzfristige Optik des Investors

mit den möglichen langfristigen

Umweltkosten auszutarieren. Behörden tun

sich damit oft schwer, da sie nicht selten als

Investoren auftreten. So im Fall des Strassenausbaus

Riggisberg-Gurnigel/Rüschegg BE

in den 90er Jahren. Dort wollte das kantonale

Tiefbauamt auf Wunsch der Gemeinde

zwei je rund 250 m lange, landschaftlich exponierte

Lawinengalerien für rund 7,5 Millionen

Franken bauen, obwohl die lawinenbedingte

Sperrung der Strasse höchstens an

10 Tagen pro Winter nötig war. Die Einsprache

der SL wurde vollumfänglich vom Regierungsrat

gutgeheissen und die Lawinengalerien

als unverhältnismässig taxiert.

Heute ist eine Strassensperrung dort nur

sehr selten nötig. Die Betonbauwerke hätten

die Landschaft, die heute Teil eines künftigen

Naturparks ist, massiv belastet. Solche

Beispiele gibt es viele. Wenn hohe öffentliche

Subventionen im Spiel sind, drohen oft

zu teure, überdimensionierte und damit

landschaftsbelastende Ausführungen. So

zum Beispiel auch im Zusammenhang mit

der Sanierung der Passstrasse auf dem Lukmanier,

einer hochgradig geschützten Landschaft,

wo unnötig hohe Stützmauern und

beidseitige Randsteine erstellt wurden, die

mit einer Verbandsbeschwerde hätten verhindert

werden können. Gleich neben der

Lukmanierpassstrasse wurde auf der Alp Casaccia

Mitte der 90er Jahre ein grosser, subventionierter

Melkstand für rund 1 Mio.

Franken in unmittelbarer Nähe zu national

geschützten Flachmooren erstellt. Da auch

dort keine Umweltbeschwerde eingereicht

wurde, bewilligte man diesen Stand und

verursachte eine Überdüngung des unterliegenden

Flachmoors durch auslaufende

Gülle. Nach Anzeige durch die SL musste im

Nachhinein eine 220 000 Franken teure Kläranlage

eingebaut werden, um den gesetzlichen

Moorschutz Nachachtung zu ver-

leihen.

Gerade weil es beim gesetzlichen Umwelt-

und Naturschutz um volkswirtschaftliche

Belange geht, trägt das Verbandsbeschwerderecht

zu Kostensenkungen für die Allgemeinheit

bei.

natur und mensch 4-5 / 2008

Andri Bryner

hat Naturwissenschaften

studiert

mit Schwerpunkt

Hydrologie. Er hat

für den Rheinaubund

unter ande-

rem die Projekte Eglisau, Geisslibach

und Thurauen begleitet und war von

1991 bis 1996 Redaktor von natur und

mensch. Heute ist er Medienverantwortlicher

am Wasserforschungsinstitut

Eawag des ETH-Bereichs.

Ruedi Schneider

arbeitete als aus-

gebildeter Elektro-

niker in der Indu-

strie, bis er 1990

die Geschäftsführung

des Rheinau-

bundes übernahm. Seit seiner Pensio-

nierung im Jahre 2007 arbeitet er

ehrenamtlich als Leiter des Bereichs

Marketing und Mitgliederbetreuung.

Raimund

Rodewald

Dr. phil. Biol., ist

seit 1992 als Ge-

schäftsleiter der

Stiftung Landschaftsschutz

Schweiz (SL) tätig. Er veröffentlichte

zahlreiche Beiträge zu Landschafts-

fragen. Rodewald ist zudem in Lehre

und Forschung tätig, zuletzt als For-

schungsbeauftragter an der Universität

Lausanne und seit 2006 als Gastdozent

für „Landschaftsästhetik“ an der Univer-

sität Basel.

Seite 35


Seele und Landschaft:

Die verdrängte Bedeutung

einer lebenswichtigen Beziehung

Seite 36 natur und mensch 4-5 / 2008

Hoch über der Emme, das Tagewerk

ist getan.

Auf der Bank vor dem Heimetli lassen Bauer

und Bäuerin den Abend in die Nacht gleiten.

Nach langem Schweigen fragt die

Bäuerin den Bauern:

„Hesch gseh ?“

Langes Schweigen.

„Was?“

„All die viele Schtärne.“

Nach langem, sehr langem Schweigen

der Bauer zur Bäuerin:

„Und wemme dänkt:

Das si nume die vom Amt Signau.“

Foto: Photocase.com © JingleT


Die rasante Zerstörung von Grünraum erzeugt zunehmenden

emotionalen Leidensdruck, der zu unbewusstem oder

verdrängtem Verlust an Lebensqualität führt. Es wird für

eine Rückbesinnung auf die Grundsätze der Nachhaltigkeit

plädiert.

von Jean-Pierre Jaccard

Die Bank trägt das Signet VVV. Nicht die Vermögensverwaltung

Volketswil ist gemeint;

gemeint ist das „rote Bänkli“, das der Verschönerungsverein

Volketswil an jenem Ort

aufgebaut hat, wo die Aussicht – nach Ansicht

der Initianten – eindrücklich, imposant,

überwältigend oder erholsam ist, und Einblick

in eine „Seelenlandschaft“ gewährt, in

der Einkehr möglich erscheint.

Die Bank

Die Kultur der Ruhebänke belegt auf eindrückliche

Weise, dass im ganzen Land unzählige

Standorte als aussergewöhnlich

empfunden werden, als Orte also, an denen

sich etwas zutiefst Menschliches abspielen

kann. Die Kultur der Ruhebänke macht deutlich,

dass der Schönheit einer Aus-Sicht etwas

Mythisches anhaftet; die Ahnung, dass

die von diesem Standort ausgehende Wahrnehmung

nicht nur nach aussen, sondern

auch nach innen gerichtet sein könnte –

man lässt die Aus-Sicht auf sich einwirken.

Die Wirkungen am Ort des Verweilens auf

der Ruhebank beschränken sich nicht auf

das Visuelle allein. Auge und Nase bewirken,

bewusst oder unbewusst, eine ganzheitliche

Empfindung – ein Geniessen, ein Träumen,

ein Entrückt-Sein. Das Rauschen der

Wellen am Ufer des Sees, das Plätschern

eines frei mäandrierenden Baches, das Gurgeln

eines frei fliessenden Flusses, der harzige

Geruch frisch gefällter Föhren, der

betörende Duft blühender Waldreben können

berauschen. Ganz zu schweigen von

der ans Mythische grenzenden Wirkung

eines unendlichen Sternenhimmels!

Der Blick vom Egg Volketswil:

Eine Aussicht, die auf den

Menschen wirkt.

Landschaftsqualität –

ein fehlendes Entscheidungs-

kriterium

Wir wissen es: Landschaft, unabhängig von

deren Qualität, wirkt auf Körper, Geist und

Seele, sei dies bedrückend oder befreiend.

Landschaft als der uns umgebende, irgendwie

„möblierte“ Raum, gehört zu uns, so wie

wir zu ihm gehören. Das wissen alle, auch die

Immobilienbranche, wenn es darum geht,

Wohn- und Arbeitsort zu wählen; drei Parameter

bestimmen den Wert und damit den

Preis einer Immobilie: Lage, Lage, Lage 1) .

Unter Lage fällt auch die Erreichbarkeit

der Immobilie, sei es durch Strasse, Schiene

und – für eine Weile noch – per Flugzeug:

Verkehrsplanung heisst Grundstückpreis-

Politik.

Unser existenzielles Paradoxon: Je leichter

erreichbar ein Ort, desto wertvoller ist er im

monetären Sinn, je unerreichbarer desto

wertvoller für das körperliche und seelische

Wohlbefinden: Unsere Erdöl getriebene Ge-

sellschaft investiert Unsummen dafür, Orte

des inneren Begehrens erreichbar zu machen,

die – einmal erschlossen – bezüglich

des erhofften, immateriellen Nutzens wertlos

werden. Ein weiteres Beispiel von offensichtlichem

Marktversagen, wie es sich z.B.

auch in der Diskussion über eine allfällige

Regulierung des Zweitwohnungsmarktes

akut manifestiert.

Noch konkreter erkennt man das Marktversagen

daran, dass die Umzonungen von

Parzellen aus dem Nicht-Baugebiet in das

Baugebiet von Gemeindeparlamenten ohne

Kostenfolge für die Begünstigten beschlossen

werden 2) . Wollen jedoch dieselben Gemeindeparlamente

Rückzonungen beschliessen,

werden diese in der Regel durch un -

bezahlbare „Schadenersatzforderungen“ ver-

hindert; Landschaft als knappes Gut, das von

der Öffentlichkeit zum Nulltarif an private

und juristische Personen verschenkt wird.

Im Rahmen der laufenden Diskussion zur

Aktualisierung des Raumplanungsgesetzes

plädiert der Autor dafür, mittels Landschafts-

Kartierung, welche den anscheinend immateriellen

Wert einer Landschaft endlich

quantifiziert, Raumplanung als Raumgestaltung

zu verstehen.

Damit würde einsichtig, dass die intakte

Landschaft eine Ressource ist, die nicht ungestraft

aus der wirtschaftspolitischen Dis-

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 37


50 Jahre „natur und mensch“

kussion ausgeblendet werden kann, wollen

wir uns eines Tages nicht in einer unwirtlichen

Metropole Schweiz wiederfinden, deren

Standortattraktivität irreparabel weggebaut

worden ist. Wir finden uns auch in

diesem Bereich – 40 Jahre nach dem Bericht

des Club of Rome – wieder mit den Grenzen

des Wachstums konfrontiert.

1968, da war doch was ?

1968 wurde der nichtkommerzielle „Club of

Rome“ gegründet, dessen Ziel die gemeinsame

Sorge um und die Verantwortung für die

Zukunft der Menschheit ist. Die in Auftrag

gegebenen Simulationsstudien zur globalen

Entwicklung machten 1972 der Welt die globalen

Grenzen des Wachstums bewusst, lange

vor dem Ausbruch der Globalisierungs-

Revolution. Die Nachführung der damaligen

Simulationsstudien im „30-Year Update“ Bericht

(2004) prognostiziert, beim gegenwärtig

praktizierten „business as usual“, den „over-

shoot and collapse“ für das Jahr 2030 …

Es darf davon ausgegangen werden, dass

der 1983 formulierte Auftrag der UNO Generalversammlung

an die Weltkommission für

Umwelt und Entwicklung zur Erarbeitung

einer „Globalen Agenda für den Wandel“ unter

dem Einfluss der Erkenntnis der Grenzen

des Wachstums erteilt wurde. Unter der Leitung

der norwegischen Ministerpräsidentin

Gro Harlem Brundtland wurde der „Brundtland

Bericht“ erarbeitet und 1987 publiziert;

er definierte den heute viel missbrauchten

Begriff der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit

postuliert, dass bei Projekt-Entscheiden die

Bewertung aller benötigten Ressourcen

gleichgewichtig zu erfolgen hat. Die Forderung

nach ganzheitlichen Lösungsansätzen

wurde etabliert, d.h. Lösungsvorschläge hät-

Jean Pierre

Jaccard,

Ing. Agr. ETHZ

arbeitete lange als

Systemanalytiker,

ehe er den Eidg.

Fachausweis als

Umweltfachmann erwarb. Er ist

Vorstandsmitglied des Rheinaubunds.

Seite 38 natur und mensch 4-5 / 2008

ten die Ansprüche von Ökonomie, Ökologie

und Sozialem gleichberechtigt zu berücksichtigen

und zu gewichten.

Das Ganze ist mehr

als die Summe seiner Teile

Der Fall der Berliner Mauer löste nicht nur

die „Globalisierung“ aus, sondern auch den

Kampf russischer, amerikanischer und anderer

Oligarchen um die Errichtung der Neo-

Aristokratie, in deren Folge viele bis anhin

erkämpfte humanitäre Errungenschaften ignoriert

und/oder ausser Kraft gesetzt wurden.

Die Erfahrung, dass Globalisierung Klassenkampf

von oben bedeutet, und dass Neo-Liberalismus

Neo-Feudalismus erzeugt, der

auf Kosten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

4) errichtet wird, diese Erfahrungen

wecken in den westlichen Industrienationen

Erinnerungen, z.B. die Erinnerung daran,

dass das Konzept der Nachhaltigkeit mehr

bedeutet als ein wohlfeiles Marketinginstrument.

Die Debatte darüber, was Nachhaltigkeit

wirklich meint und wie sie umzusetzen

wäre, wird wieder geführt, das zeigt u.a. der

soeben in „natur und mensch“ erschiene Artikel

von Werner Spillmann: „Nachhaltige

Entwicklung – Schlagwort oder neues Ziel ?“

(Nummer 3 /2008, Seiten 20ff).

Um zum Anfang zurückzukehren, stelle ich

meine These sowie deren grafische Umsetzung

durch Luis Wenneberg vor: Die Vorstellung,

dass Nachhaltigkeit als umfassendes,

ja spirituelles Konzept der Ganzheitlichkeit

Nachhaltigkeit im Globalen:

ein untrennbares, begrenztes Ganzes

und

Ausgewogenheit von

– Ökonomie

– Sozialem (integrativ)

– Ökologie

verstanden werden kann. Die Forderung der

Gleichwertigkeit von Ökologie, Ökonomie

und Sozialem benennt m.E. Kräfte, die im

unteilbaren Ganzen wirken und nach Ausgewogenheit

streben.

Mittlerweile zweifle ich nicht mehr daran,

dass sich diese ganzheitliche Sichtweise

auch auf die Energien anwenden lässt, die

den Menschen im Innern zusammenhalten :

Körper (Ökonomie), Geist (Soziales) und

Seele (Ökologie).

Plausibilität erhält diese These dadurch, dass

im gesellschaftlichen Umfeld das Soziale die

widerstrebenden Interessen von Ökonomie

und Ökologie auszugleichen hat. Analog ist

es die Aufgabe des menschlichen Geistes,

die mindestens ebenso widerstrebenden

Bedürfnisse von Körper und Seele im Gleichgewicht

zu halten.

Der Versuch, die Gleichwertigkeit der Ansprüche

zu ignorieren oder auszuhebeln führt,

hier wie dort, zum Kollaps, auf jeden Fall zu

dramatischen Verlusten an Lebensqualität.

Anmerkungen

1) ausgenommen im Kanton Aargau

2) http://www.livit.ch/de/unseredienstleistungen/schaetzungenexpertisen.html

3) Donella Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen

Randers, William W. Behrens III: Die Grenzen

des Wachstums - Berichte des Club of Rome zur

Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt,

München 1972, ISBN 3-42-102633-5.

4) „Liberté, Égalité, Fraternité“, Parole

der französischen Revolution

Jean-Pierre Jaccard

Schufenholzweg 12

4302 Augst / BL

Tel. 061 / 811 29 20


Aus dem Rheinaubund

Unser Geschäftsführer berichtet:

Mitgliederversammlung 2008:

Spannende Vorträge,

schönes Wetter und eine tolle

Ambiance!

Am 28. Juni war es wieder einmal soweit: die

Mitglieder des Rheinaubundes kamen zusammen,

um über eine ganze Reihe von

Sachgeschäften zu beraten und sich die Situation

am massiv umgebauten und renovierten

Kraftwerk Wettingen anzusehen.

Die Stadt Wettingen begrüsste uns auf eine

sehr sympathische Weise, nämlich mit Kaffee

und Gipfeli, während der Vize-Ammann

Studer uns seine Heimatstadt mit humorvollen

Worten näher brachte.

Während die üblichen statutarischen Geschäfte

ohne grosse Diskussion passierten,

gab die ganz und gar nicht rosige Finanzlage

Anlass zu ernsthaften Erwägungen über

die Zukunft des Vereins.

Wegen der vom Parlament auf Grund ideologischer

Zwängerei eingeführten Beschränkungen

des Verbandsbeschwerderechts

mussten unsere Statuten angepasst wer-

den. Einige Gesetzesänderungen sind reine

Schikane, während andere sich nicht nur negativ

auf das konstruktive Verhalten sondern

auch verteuernd auswirken. Das zeigt,

dass es den Initianten nicht bloss um die

Qualität dieses Instruments geht, sondern

dass ganz einfach der Umweltschutz abgebaut

werden soll. Dasselbe gilt leider auch

für die Lobbyistengruppe um die Anti-Umweltschützerin

Fiala!

Ein ausserordentlich feines Essen im „ältesten

Gasthaus“ der Schweiz stellte dann die

heitere Atmosphäre wieder her. Vorträge

und eine Exkursion mit Herrn Christen von

der Aargauer Kantonsverwaltung und den

Herren Pfenninger und Sacher von den EWZ

über das Kraftwerk und die Ausgleichsmassnahmen

boten dann Gelegenheit, konkrete

Erfolge unserer „täglichen Arbeit“ direkt vor

Ort anzusehen. Besonders spektakulär war

natürlich der 18 Meter hohe und insgesamt

mehrere hundert Meter lange Fischpass, die

„Wettinger Tremola“.

Die Teilnahme hat sich für alle sehr gelohnt.

Überlegen Sie sich doch jetzt schon, ob Sie

beim nächsten Mal nicht auch dabei sein

wollen!

Landschaftsinitiative:

Unterschriftensammlung

erfolgreich abgeschlossen!

Am 14. August war es soweit: die „Initiative

Raum für Mensch und Natur“ konnte nach

einer verhältnismässig kurzen Sammelzeit

mit gut 110 000 beglaubigten Unterschriften

in Bern der Bundeskanzlei übergeben

werden. Der Rheinaubund konnte sein zugesagtes

Kontingent mit 107 Prozent sehr

gut einhalten. Wir danken an dieser Stelle allen,

die unterschrieben oder gar zusätzliche

Unterschriften gesammelt haben. Ein grosser

Teil konnte an den zwei Sammelständen

in Schaffhausen unter tatkräftiger Mithilfe

der Familie Schneider zusammengebracht

werden.

Kraftwerk Pfungen/Neften-

bach an der Töss:

aussergerichtlicher Teilerfolg!

Der Kanton will den EKZ das 1994 erstellte

Tösskraftwerk Pfungen/Neftenbach verkaufen.

Dazu benötigen die EKZ eine Konzession,

die im Amtsblatt vom 27.06. für 60 Jahre

ausgeschrieben wurde.

Es ist noch nicht ganz klar, auf welcher

Rechtsgrundlage das Werk bisher betrieben

wurde. So wie es aussieht, hat der Kanton als

Inhaber des Wasserrechts das Werk selbst

erstellt, sich selbst dafür aber keine Konzession

erteilt und das Werk an die EKZ nur zum

Betrieb übergeben. Jedenfalls haben die zuständigen

Behörden wieder einmal völlig

vergessen, dass es für eine Neukonzession

auch Ausgleichs- und Ersatzmassnahmen

braucht! Wenigstens über eine recht moderne

Fischtreppe verfügt das Wehr schon, dies

muss aber mit verschiedenen Einzelmassnahmen

noch ergänzt und optimiert werden.

Mit einer Einsprache, die sich ausdrücklich

nicht gegen den Weiterbetrieb des

Kraftwerks richtet, versuchen wir dieses Ziel

zu erreichen.

Anlässlich der Generalversammlung

informierten sich

zahlreiche Mitglieder über

die konkreten Erfolge

unserer „täglichen Arbeit“

am Kraftwerk Wettingen.

Foto: G. Frauenlob

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 39


Aus dem Rheinaubund

VivaRiva:

Plansoll übererfüllt!

In der Jahresplanung hatte der Vorstand einerseits

eine zusätzliche Teilzeitstelle von 30

Prozent sowie eine Praktikumsstelle bewilligt.

Dafür sollten mindestens 30 Veranstaltungen

durchgeführt und die finanzielle Sicherung

des Projekts betrieben werden.

Bei den Veranstaltungen liegen wir mit 39

durchgeführten und noch 7 gebuchten bereits

über dem vorgegebenen Ziel. Ein weiteres

positives Indiz sind die „Bestellungen“,

welche bereits für das Jahr 2009 eintreffen.

Für das nächste Jahr ist die Grundfinanzierung

dank der Vontobel-Stiftung bereits gesichert,

wir sind aber weiterhin intensiv auf

der Sponsorensuche, insbesondere für längerfristige

Engagements.

Hier besteht auch für jedermann die Möglichkeit,

uns mit wertvollen Adressen und

Kontakten oder zweckgebundenen Spenden

zu helfen (info@vivariva.ch).

Kraftwerk Thurfeld (Kradolf-

Schönenberg):

aussergerichtlicher Teilerfolg!

Der Vorstand hatte hier vor allem wegen der

ungenügenden Dotierung der Fischaufstiegshilfe

den Weiterzug unserer Beschwerde

an das thurgauische Verwaltungsgericht

beschlossen. Gleichzeitig erging an unsere

Gegnerschaft auch ein Angebot für eine Expertenrunde

zu diesem Thema. Nach kurzem

Zaudern wurde unser Angebot angenommen

und im August konnte diese

Gesprächsrunde durchgeführt werden.

In zähen Verhandlungen konnten kleinere

Zugeständnisse für unser Hauptanliegen

erreicht werden. Besonders wichtig war

aber die explizite Umschreibung der Nachbesserungspflicht

für den Fall, dass die

nun ausgehandelten Wassermengen für

die gesetzlich geforderte Fischgängigkeit

doch nicht ausreichte. Diese Nachbesserung

würde nämlich einen kostspieligen

Umbau der Anlage erfordern und in sol-

chen Fällen ist die Durchsetzung von nicht

sehr eindeutig umschriebenen Bedingungen

sehr schwierig.

Seite 40 natur und mensch 4-5 / 2008

VivaRiva machts möglich.

Immer mehr Kinder und

Jugendliche begeistern

sich für das Leben in und

an unseren Gewässern.

Foto: VivaRiva

Zusammen mit dem Sportfischerverein Thur

II, Pro Natura Thurgau und dem Vogelschutzverein

Aach-Thurland haben wir die Situation

neu beurteilt und sind zum Schluss gekommen,

dass auch auf dem Rechtswege

weitere Erfolge wohl kaum zu erzielen wären.

Die logische Folge war daraufhin der

Rückzug der Beschwerde.

Binnenschifffahrtsverordnung:

Schlimmes verhindert!

Der Bund wollte auch auf unseren Seen jegliche

Mobilität um jeden Preis fördern. Anders

kann kaum erklärt werden, weshalb die

lärmenden und gefährlichen Wassertöffs erlaubt

und der Schutz des Wassers vor Verunreinigung

weiter geschwächt werden

sollten. Wer je erlebt hat, wie ein einziges

solches Gerät die landschaftliche Atmosphäre

einer ganzen Küste oder eines Flussufers

auf viele Kilometer hin zerstören kann, der

fasst sich an den Kopf!

Auf diese überflüssige und ärgerliche Vorlage

haben wir in unserer Vernehmlassung

eine deutliche Antwort gegeben und einen

Verzicht auf eine Änderung verlangt.

Der Bundesrat hat nun in unserem Sinne

entschieden und dabei erfreulicherweise

auch auf die Verwässerung der Umweltschutzvorschriften

auf unseren Gewässern

„verzichtet“.

Renaturierung Wutach:

die Zeit drängt und immer noch

tröpfelt es nur

Das Kraftwerk Wunderklingen gehört zu

denjenigen Anlagen, deren Restwasserstrecken

bis 2012 nach den Vorgaben des Gewässerschutzgesetzes

saniert sein müssen.

Mit der Berufung auf eine „wirtschaftlich unverhältnismässige

Produktionseinbusse“

wollen die Betreiber eine Erhöhung der

Restwassermenge verhindern. Heute tröpfeln

gerade mal 70 l/s kaum sichtbar durch

ein breites Flussbett. Fachlich sind sich alle

Beteiligten einig, dass erst ab einer Menge

von 300 l/s überhaupt einige wichtige ökologische

Funktionen der Durchgängigkeit

erfüllt wären und Revitalisierungsbemühungen

einen Zweck hätten. Das zuständige

Bundesamt will diese Durchgängigkeit aber

leider nicht durchsetzen.

In Gesprächen mit der Schaffhauser Kantonsverwaltung

versuchen wir zusammen

mit der WWF-Sektion hier wieder etwas Bewegung

in die festgefahrene Situation zu

bringen. Dies ist auch deshalb nötig, weil

im kantonalen Budget ausreichend Geld

für Revitalisierungsmassnahmen vorhanden

wäre, diese aber nur Sinn machen, wenn

mehr Wasser fliesst.

Uwe Scheibler

Geschäftsführer Rheinaubund

Weinsteig 192

CH – 8201 Schaffhausen

Tel. 052 625 26 58

info@rheinaubund.ch


50 Jahre „natur und mensch“

50 Jahre „natur und mensch“

die Zeitschrift des Rheinaubundes

Klimakatastrophe ja – Umweltschutz nein

Geht die Umwelt in den Medien vergessen?

Festveranstaltung am 23. Oktober 2008

Ort: Alte Kaserne, Technikumstrasse 8, Winterthur

Programm

ab 18.15 Uhr Apéro

18.45 Uhr Grussbotschaft an den Rheinaubund

Ernst Wohlwend (Stadtpräsident Winterthur)

18.50 Uhr Glückwunsch an den Rheinaubund

Herbert Bühl (Präsident ENHK)

19.05 Uhr Festrede:

50 Jahre natur und mensch: Rückblick, Reminiszenzen, Ausblick

Dr. Jürg Bloesch (Co-Präsident Rheinaubund)

19.20 Uhr Einlage I: Die Mammutjäger / Urknall und Evolution

19.30 Uhr Referat:

Hat die Umweltinformation in der modernen Medienlandschaft

überhaupt noch Platz?

Karl Lüönd (Publizist und Redaktor)

19.40 Uhr Kurze Pause

20.00 Uhr Einlage II: Die Mammutjäger / Wie entstanden Sprache und

Kommunikation?

20.10 Uhr Podiumsdiskussion:

Die Umwelt in den Medien: Schlagzeile oder Schweigen?

Verena Diener, Ständerätin;

David Jans, Journalist Schweizer Fernsehen

Fredi Lüthin, Medienverantwortlicher WWF-Schweiz;

Uwe Scheibler (Geschäftsführer Rheinaubund);

Leitung: Andri Bryner (Vorstand Rheinaubund)

ab 21.10 Uhr Ausklang mit Speis und Trank

ca. 22.00 Uhr Ende der Veranstaltung

Freier Eintritt!

Anmeldung erwünscht, bitte sofort an T 052 625 26 58 oder info@rheinaubund.ch

natur und mensch 4-5 / 2008

Seite 41


www.rheinaubund.ch

natur und

mensch

50. Jahrgang • Heftnummer 4-5 / 2008

Jährlich 6 Nummern • Erscheinungsdatum 4.10.2008

Herausgeber: Rheinaubund, Schweizerische

Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimat

Autoren dieser Ausgabe:

Moritz Leuenberger

Jürg Bloesch

Hanspeter Guggenbühl

Karl Lüönd

Barbara Sintzel

Florian Wild

Beat Jans

Dominik Siegrist

Herbert Güttinger

Ruedi Schneider

Andri Bryner

Raimund Rodewald

Jean Pierre Jaccard

Umweltschutz, Klimaschutz, das Leben von

morgen – gibt es wichtigere Themen? Man

könnte meinen, Umweltfragen stünden auf

der Prioritätenliste der modernen kommerziellen

Medien zuoberst, doch weit gefehlt,

denn die Agenda des Medienbetriebs richtet

sich nicht nach der objektiven Tragweite

und Relevanz der Themen.

Beitrag Seite 10

Foto: photocase.com - leonard

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