W - pro mente Burgenland

promentebgld

W - pro mente Burgenland

GZ02Z033129M, P.b.b., Verlagspostamt 4020 Linz/Donau

www.promenteaustria.at

3 | 2008

O k t o b e r

z e i t s c h r i f t des österreichischen Dachverbands der Vereine

und Gesellschaften für psychische und soziale Gesundheit

Probleme

erkennen

und helfen

Kinder- und Jugend-

Psychiatrie in Österreich


aus dem

inhalt . . .

einführung: psychisch

erkrankte kinder 4 – 7

leitartikel von

prim. dr. leixnering

eine orientierung

für eltern

dr. winterhoff –

eine analyse

bestsellerautor

im interview

neue chance durch

arbeitstraining 16 – 17

kinder psychisch

kranker eltern

kinderseelenhilfe

pm salzburg

literatur und internet

zum thema

4

8 – 10

12 – 15

15

18 – 21

21

23

rasches handeln

ist die maxime

Ängste, Schlafstörungen und depressive Zustände:

Fast jeder vierte junge Mensch leidet an psychischen

Störungen. Rasches Erkennen heißt die Devise für eine

positive Gestaltung des Lebens. Die Kinder- und Jugend-

psychiatrie in Österreich ist das Schwerpunktthema

dieser Ausgabe der pro mente-Zeitschrift. Das Editorial

von Univ.-Dozent. Dr. Werner Schöny.

E

Erst in den letzten Jahren ist die

Bedeutung der Jugendpsychiatrie

so richtig in das gesellschaftliche

Bewusstsein gerückt. Dies manifestiert

sich etwa in der Festlegung der

Österreichischen Ärztekammer, der

Jugendpsychiatrie den Rang eines

eigenen medizinischen Sonderfaches

einzuräumen. Das ist erfreulich, denn

es hat lange gedauert, bis sich die

Erkenntnis durchsetzen konnte, wie

wichtig es ist, psychische Störungen,

die im Kindesalter auftreten, rechtzeitig

zu behandeln. Diese treten

sehr häufig auf. So erklärt fast ein

Viertel von befragten SchülerInnen,

pro mente austria zeitschrift. Eigentümer, Herausgeber und Verleger: pro mente austria, Dachverband österreichischer Vereine und Gesellschaften für

psychische und soziale Gesundheit. Bundessekretariat, 4020 Linz, Johann-Konrad-Vogel-Straße 13, Telefon 0732/785397. Obmann: Univ.-Doz. Dr. Werner

Schöny. Redaktionsteam: Ernst Hatheyer (Chefredakteur, Agentur ComMed), Fritz Schleicher (Koordinator), Anja Niederreiter, Michael Felten, Sina Bründler,

Liane Halper, Angela Ibelshäuser, Margret Korn, Peter Wildbacher, Thomas Hatheyer. Redaktionsadresse: pro mente Oberösterreich – Kommunikation &

Marketing, Fritz Schleicher, 4020 Linz, Lonstorferplatz 1, Telefon 0732/6996-343, E-Mail: schleicherf@promenteooe.at. Fotos: Agentur ComMed, Gesamtproduktion

und Grafik: Kommunikations- & Medienagentur ComMed GmbH, Klagenfurt. Druck: in-Takt, Linz. Erscheinungsweise: vierteljährlich. Preis: 1,81 Euro.


an psychischen Störungen zu leiden.

Das besagen deutsche, Schweizer,

aber auch österreichische Studien.

Am häufigsten handelt es sich dabei

um Ängste, Schlafstörungen, soziale

Probleme und depressive Zustände.

mehr druck in schule

und beruf

Die Ursachen dafür sind mannigfaltig,

die Tendenz, dass junge Menschen

psychische Schwierigkeiten

haben, ist eher steigend. Der zunehmende

Druck in der Schule und

beim Einstieg ins Berufsleben ist

wesentliche Ursache dafür. Aber

auch veränderte Familienstrukturen,

die dazu führen, dass heute Mehrgenerationenfamilien

unter einem

Dach selten geworden sind und

dadurch Vorbilder, Anleitung und

Führung fehlen, können psychische

Störungen begünstigen.

internet & fernsehen

überfordern

Aber auch die enorme Informationsflut,

die auf Jugendliche eindringt,

ist kaum mehr zu bewältigen.

Über Medien, Internet und

Film werden junge Menschen Einflüssen

ausgesetzt, die bei fehlender

Kontrolle und ohne relativierende

Kritik zu Fehlidentifikationen und

Überforderung führen können.

Die Folgen sind psychische Symptome,

Verhaltensauffälligkeiten und

editorial

Primarius Dr. Werner Schöny ist Obmann von

pro mente austria, Universitätsdozent, Wirklicher

Hofrat und Ärztlicher Direktor der Landesnervenklinik

Wagner-Jauregg in Linz, einem

internationalen Vorzeige-Kompetenzzentrum

mit insgesamt zehn Abteilungen, fünf Instituten

und den speziellen Therapiemöglichkeiten.

www.wagner-jauregg.at

Sozialisationsstörungen. Doch gerade

in der Jugendpsychiatrie bewährt

sich der Grundsatz: „Vorbeugen ist

besser als heilen“. Es ist daher eine

wesentliche Aufgabe der Jugendpsychiatrie

dafür zu sorgen, dass

notwendiges Wissen an helfende

Stellen transportiert wird und dass

Familien gut unterstützt werden.

jugendpsychiatrie:

leben positiv gestalten

Die Jugendpsychiatrie hat also

die Aufgabe, gesellschaftspolitisch

und im sozialen Umfeld aktiv

zu sein, Strukturen mit aufzubauen

und Menschen auszubilden, die

aus verschiedensten Berufsgruppen

kommen und helfen, das Feld für

unsere Jugendlichen zu verbessern

und ihnen einen guten Einstieg in

unsere Gesellschaft zu ermöglichen,

wenn dies krankheitsbedingt oder

aus sozialen Gründen anders nicht

möglich ist.

conclusio

In diesem Sinne ist auch zu verstehen,

dass sich pro mente austria

hier einen Schwerpunkt gesetzt hat,

um die jugendpsychiatrische Arbeit

zu fördern und Vorbeugend tätig

zu sein. Denn es ist und bleibt eine

der wichtigsten Aufgaben unserer

Gesellschaft, junge Menschen zu

unterstützen, damit diese ihr Leben

positiv gestalten können.


psychische erkrankungen

bei kindern und jugendlichen

Immer mehr Eltern und LehrerInnen beklagen sich über die angebliche Zunahme

bei Problemen mit Kindern. Der renommierte Jugendpsychiater Dr. Leonhard Thun-

Hohenstein von der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg gibt Aufschlüsse.

W

Was bedeuten Verhaltensauffälligkeiten?

Nimmt die Häufigkeit

psychischer Erkrankungen in

den letzten Jahrzehnten zu? Wie

kann man psychische Störungen im

Kindesalter diagnostizieren? Welche

Angebote der Behandlung für diese

Kinder und Jugendlichen gibt bzw.

braucht es in Österreich?

psychische erkrankungen

Was sind psychische Erkrankungen?Es

gibt hinsichtlich der psychischen

Erkrankungen im Kindes- und

Jugendalter keine einheitliche und

klare wissenschaftliche Definition.

Wenn man davon ausgeht, dass Psyche

den Gesamtprozess der sensomotorischen,

kognitiven, emotionalen

und sozialen Entwicklungsprozesse

darstellt mit dem Ziel einer unverwechselbaren

und stabilen Entwicklung

von Identität, Selbst und

Persönlichkeit, dann könnte man psychische

Erkrankung als Abweichung

dieser Entwicklung verstehen.

Im engeren Sinne werden psychische

Auffälligkeiten angenommen

bei Auftreten von Problemen

des Fühlens, des Denkens und/oder

des Verhaltens. Ein Problem dabei

ist die schwierige Abgrenzung normalen

Verhaltens, Fühlens oder

Denkens von auffälligem oder gar

pathologischem Verhalten, Fühlen

oder Denkens. Wann ist traurig,

wann ist wütend, wann hyperaktiv

krankhaft? Viele der so genannten

typischen Krankheitssymptome verschiedenster

Störungen sind auch bei

gesunden Menschen beobachtbare

Verhaltens- oder Gefühlsvarianten.

Erst durch verschiedene Kriterien,

wie der Unangemessenheit eines

Symptoms hinsichtlich des Alters und

des Geschlechtes, die Persistenz eines


der leitartikel

von prim. dr. werner leixnering, leiter der abteilung für jugendpsychiatrie

der landesnervenklinik wagner-jauregg

psychische gesundheit von anfang an –

langfristiges denken ist gefragt!

W

Wie im Editorial bereits deutlich

dargestellt wurde, ist das

junge Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie

„bedarfsorientiert“ entstanden.

Warum sonst eine „Zweitpsychiatrie“?

Hatte man früher

– erleichtert – festgestellt, dass

die bekannten psychiatrischen

Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie

und bipolare Störungen

junge Menschen, wenn überhaupt,

erst ab der mittleren bis späten

Adoleszenz betreffen, zeigte sich in

den letzten Jahrzehnten im internationalen

Kontext, dass Beeinträchtigungen

des Verhaltens und der

Befindlichkeit immer mehr auch

auch im Kindes- und Jugendalter

zum „Thema“ werden: Kinder und

Jugendliche sind haltlos, erschüttert

und bedrückt, Erwachsene hilflos

und bestürzt.

kinderkrankheiten

Gibt es „neue Kinderkrankheiten“,

diesmal psychischer Natur? Zappelphilipp,

Suppenkaspar, Hans

Guck-in-die-Luft, Paulinchen und

wie sie alle heißen könnten, mit

neuen Namen: ADHS, Magersucht,

emotionale Störungen, Störungen

des Sozialverhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung,

Belastungen

durch Traumatisierung? Ja und nein,

so müsste die Antwort lauten!

Befasst man sich mit der Fachliteratur,

lässt sich rasch feststellen,

dass viele der Probleme junger

Menschen, die heute den gesellschaftlichen

Diskurs (immer noch

zu wenig) beherrschen, durchaus

bereits in vergangenen Jahrhun-

derten bekannt waren (daher auch

das Rückgriff-Zitat auf den „Struwwelpeter“

von Heinrich Hoffmann)

– sicher wohl in einem geringeren

Ausmaß als heute vorkommend,

noch sicherer jedoch gesamtgesellschaftlich

mit einem äußerst

niedrigen Stellenwert bemessen.

Kinder: Was wollen denn die? Die

sollen einmal erwachsen werden,

sie gehören eben richtig erzogen...

hohe erwartungen

Heute sieht die Realität anders

aus: Wir haben gelernt, Menschen

besser zu verstehen – daran hat

die Psychotherapie hohen Anteil.

Wir haben gelernt, differenzierter

zu erziehen – das ist manchmal

verwirrend. Wir haben gelernt,

ein Leben lang zu lernen – können

wir das wirklich schon? Kinder

und Jugendliche sind zumindest in

Europa und in Teilen Amerikas zu

einer Bevölkerungsgruppe geworden,

auf die man mehr achtet,

an die man aber auch sehr hohe

Erwartungen stellt und deren rasche

Anpassung an eine schnelllebige

Zeit gefordert ist. Schaffen das

alle? Wie reagieren wir Erwachsene,

wenn junge Menschen erschöpft,

enttäuscht, im oft verzweifelten

Widerstand sind? Wie gehen wir

andererseits mit einer („immer jüngeren“)

Jugend um, die „grenzenlos“,

auch Grenzen überschreitend,

gewalttätig agiert? Was machen

wir mit jungen Menschen, die in/

mit ihrer Entwicklung nicht zurande

kommen, die „in der Krise“ sind?

Das Leben ist Entwicklung. Diese an

sich banal anmutende Aussage ist

im medizinisch-wissenschafltichen

Diskurs von zunehmend brisanter

Bedeutung. Neue Begriffe tauchen

auf, auch in der Psychiatrie: Entwicklungspsychopathologie,Entwicklungspsychopharmakologie,Entwicklungspsychotherapie

und was

immer noch kommen mag. Hier

hat die Psychiatrie von der Kindermedizin

gelernt, so ist Kinder- und

Jugendpsychiatrie ein Teil der Kinder-

und Jugendmedizin geworden!

Ein weiterer Gedanke: Erst in den

letzten Jahren, kaum Jahrzehnten,

wird im Gesundheitsbereich wirklich

die Gesundheit angesprochen.

Man sehe sich nur ein wenig um:

Aus Krankenhäusern werden „Gesundheitszentren“,

Vorbeugung

konkurriert mit „Gesundheitssicherung“.

Und auch das beginnt

im Kindesalter. Seit wir mehr von

Kinderschutz und Kinderrechten

halten, sie zumindest diskutieren

(die UN-Konvention über Kinderrechte

wurde von manchen

Ländern immer noch nicht ratifiziert!),

muten wir Kindern auch

mehr zu, wenngleich manchmal

zu viel. Aber jedenfalls wollen wir

frühzeitig ihre Kompetenzen stärken

(und das ist gut so!). Das heißt

auch: Kinder befähigen und ermutigen,

frühzeitig etwas für ihre

Gesundheit zu tun: Sport betreiben,

auf Impfungen achten u.v.a.

Wie sieht es da mit der seelischen

Gesundheit aus? Und hier

stoße ich wieder auf die Kinder-

und Jugendpsychiatrie. Je jünger

unsere „Sorgenkinder“ sind, desto

eher wird Kinder- und Jugendpsy-



Fortsetzung von Seite 5:

chiatrie disziplinen-übergreifend. Es

geht um Elternbildung, Erziehung,

um richtigen Umgang mit den Befindlichkeiten

junger Menschen,

die „noch nicht aber bald möglich“

krankheitswertig sind. Und es geht

um die Sicherung von Bedürfnissen

einer Gruppe von MitbürgerInnen,

die, noch sehr jung, besonders

schutzbedürftig sind. Sie brauchen

uns...und wir brauchen sie! Natürlich

geht es in vielen Fällen auch um

Therapie – die allein ersetzt aber

nicht die „basic needs“! Kinder- und

Jugendpsychiatrie (zugleich unabdingbar

Sozialpsychiatrie) kann sich

niemals nur auf Medikamente stützen,

sie hat in die Umgebung des

jungen Menschen, in die Gesellschaft

„hineinzuwirken“.

langfristiges konzept

Kinder- und Jugendpsychiatrie ist

daher ein langfristiges Konzept, und

keinesfalls nur „Medizin“. Kinder-

und Jugendpsychiatrie hat zu helfen,

zu bilden, zu mahnen: Am Kind,

in der Familie, für die Schule, auf

dem Weg in die Erwerbstätigkeit,

gegenüber der Gesellschaft. Soll

dies alles berücksichtigt werden, gilt

es noch viel zu schaffen. Es fehlt

an Beratungsstellen, Ambulanzen,

Tageskliniken, Stationen. In dieser

Reihenfolge! Von der Psychiatrie sollten

wir gelernt haben, dass der Weg

der stationären Behandlung manchmal

akut geboten, auch sinnvoll

und hilfreich ist, auf Dauer jedoch

keine Lösung bringt. Die Betreuung

und Behandlung junger Menschen

im Krankenhaus kann nicht soziale

Reintegration ersetzen.

Kinder- und Jugendpsychiatrie

steht für Aufbruch, Nachhaltigkeit,

Langfristigkeit. Die Richtigkeit dieses

Konzeptes wird vielfach erst noch

belebt, bewiesen werden müssen.

Ein langer, aber lohnender Weg steht

bevor. Haben wir den Mut, ihn zu

beschreiten!

Werner Leixnering


Symptoms, die Häufigkeit und Dauer

der Symptomatik, das Ausmaß und

der Schweregrad der Störung sowie

der Situationsunabhängigkeit müssen

neben den spezifisch psychopathologischen

Befunden berücksichtigt

werden. Ein weiteres Kriterium,

das Kriterium kommt noch hinzu, die

Beeinträchtigung durch die Störung

im Sinne eines Leidens, im Sinne der

sozialen Einengung oder im Sinne der

Interferenz mit der Entwicklung und

den Auswirkungen auf andere, insbesondere

in der primären Umgebung.

Um die Frage – ab wann ist traurig

sein, ab wann ist hyperaktiv sein,

ab wann ist phantasievolles Denken

abnorm oder gar krank – bedarf

es neben der Beachtung der oben

angeführten Kriterien auch einer

Erfassung der normalerweise vorkommenden

Verhaltensweisen und

Gefühlsäußerungen, damit man das

Verhalten des einzelnen Kindes und

Jugendlichen vor dem Rahmen der

kulturell umgebenden Kinder und

Jugendlichen sehen kann. Daher sind

epidemiologische Untersuchungen

Biologische

Entwicklungseinflüsse

Genetik

Psychosoziale

Entwicklungseinflüsse

Biographische

Einflüsse

Entwicklungsaufgaben

Selbst

Temperament

Adaptivität

Vulnerabilität

Handlungsbereitschaft

Lebensereignisse

Aktueller

Kontext

an Kindern und Jugendlichen nötig

um über einen kulturgleichen Normvergleich

zu verfügen. Fragebögen

wie die Child Behaviour Check List

(CBCL), der Strengths and Difficulties

Questionnaire (SDQ) oder die Pediatric

Symptom Checklist (PSC) sind international

gebräuchliche Fragebögen,

die mit Normstandards arbeiten.

Idealerweise werden diese Daten auf

nationaler Ebene überprüft.

zwei faktoren

Psychische Erkrankungen sind für

die einen Ausdruck einer erblichen

Disposition oder für die anderen

Ausdruck einer von schädigenden

Umwelteinflüssen. Zumeist sind aber

beide Faktoren in unterschiedlichem

Ausmaß und Intensität an der Entstehung

psychischer Erkrankungen

beteiligt, welche sich noch dazu

zumeist über längere Zeit hinweg

aufbauen (Beispiel: Anorexia nervosa,

Schizophrenie etc.). Viele Erkrankungen

haben zusätzlich phasenhafte

Verläufe (Schizophrenie) oder es ent-

Risikoverhalten

„Krise“

(Stress)

Krankheit

Stabilisierung

Störung

Outcome

Diagramm:. Bio-psycho-soziales Modell modifiziert N.F.Resch (1999[ 2])


wickeln sich aus einer Erkrankung typischerweise

eine nächste Erkrankung

(Anorexie-Bulimie) oder es ist typischerweise

die eine Krankheit mit

einer anderen so genannten komorbiden

Erkrankung (Hyperaktivität

– Lernstörungen) verknüpft. Eine

gute kinder+jugendpsychiatrische

Diagnostik berücksichtigt all diese

Kriterien und erhebt diese auf verschiedenen

Ebenen. Im deutschen

Sprachraum wurde aus diesem Grund

eine mehrdimensionale Klassifikation

eingeführt und wird als „Multiaxiales

Klassifikationsschema nach ICD 10“

angewandt. Dabei geht es um die verschiedenen

Ebenen der diagnostischen

Betrachtungsweise, siehe Tabelle.

Achse I psychiatrische Diagnose

Achse II Entwicklungsstörungen

Achse III Intelligenz

Achse IV Körperliche Diagnose

Achse V Psychosoziale Belastung

Achse VI Psychosoziale Anpassung

Tabelle: Mehrachsenmodell nach dem

Mas/icD 10 [1]

Diese Art der Betrachtung psychischer

Erkrankungen reflektiert

das zugrunde liegende modellhafte

Denken bezüglich der Entstehung

psychischer Störungen, zusammengefasst

im biopsychosozialen Krankheitskonzept

(siehe Diagramm S. 6).

Aus diesem Mehrebenen-Verständnis

leitet sich denn auch das therapeutischekinder+jugendpsychiatrische

Konzept ab. Es müssen gleichzeitig

verschiedene Ebenen wie das

Individuum selbst, seine Innenwelt

und Beziehungsgestaltung, die Familie

und die fernere Umwelt (Schule,

Kindergarten etc.) berücksichtigt

werden sowie die Interaktionen

dieser Gruppen und Personen. Eine

gute kinder+jugendpsychiatrische

Therapie umfasst daher immer die

krankheitsspezifischen Behand-

einführung

lungsstrategien einerseits (Psychoedukation,

Psychotherapie, Medikamente

etc.), die (Re-)Integration des

Kindes oder Jugendlichen in seine

Umwelt andrerseits. Weiters die Betreuung

der umgebenden Systeme

(Familientherapie, Helferkonferenzen)

sowie die Kooperation mit anderen

Systemen (Schule, Jugendwohlfahrt).

Die Kinder-und Jugendpsychiatrie

– seit 2007 ein eigenes medizinisches

Sonderfach – ist jenes Fachgebiet, das

sich mit psychischen, entwicklungsbedingten,

sozialen oder neurologischen

Auffälligkeiten und Krankheiten von

Kindnern und Jugendlichen bis zum

18. Lebensjahr befasst.

versorgungssituation

Bei einer Häufigkeit von bis zu 8 %

psychisch manifest erkrankter Kinder

und Jugendlichen und von bis zu 15 %

von psychischer Krankheit bedrohter

Kinder und Jugendlicher bedeutet das

in Österreich (Volkszählung 2001

1.838.139 Bewohner < 19 Jahre) 147.045

kranker und 275.720 bedrohter Kinder

+ Jugendlichen. Diesen knapp

400.000 Kindern und Jugendlichen

steht zurzeit leider keine flächendeckend

ausgebaute und zahlenmäßig

ausreichend ausgestattete kinder+jugendpsychiatrischeVersorgungssituation

gegenüber. In Anlehnung

an internationale Standards

sollte laut Berger et al. 2006 jedes

Bundesland über niedergelassene

Kinder+JugendpsychiaterInnen, über

Ambulanzen, Tageskliniken und stationäre

Behandlung an mindestens

einer eigenen Abteilung für KJP

mit Differenzierung in Kinder-, Jugend-

und Akutstation mit Unterbringungsbereich

verfügen inklusive intramuraler

und extramuraler Konsiliardienste.

Im rehabilitativen Bereich sollten

entsprechende Einrichtungen zur

Arbeitsrehabilitation und Wohnversorgung

sowie mobile Dienste zur

Vorortversorgung vorhanden sein.


förderung: was junge

menschen brauchen

Mag. Dr. Martin Pachinger, Leiter von pro mente Jugend in

Oberösterreich, will mit seinem neuen „Kompassmodell“

Eltern eine gut verständliche Orientierung bieten. Damit

die Bedürfnisse von jungen Menschen entwicklungsfördernd

berücksichtigt werden können.

W

Wieder ein Fall von Komatrinken“,

„Gewaltexzesse in der Schule“,

„Jugendkriminalität im Steigen“: Diese

Schlagzeilen sind mittlerweile zum

Alltag geworden. Fast könnte der

Eindruck entstehen, es gefalle, die

„Jugend von heute“ als gewaltbereit,

alkoholabhängig und kriminell darzustellen.

Geht es nicht um etwas ganz anderes?

Nicht, dass reale Probleme

verharmlost oder bagatellisiert werden

sollen, aber Skandalisierung und

Stigmatisierung werden nicht zu Lösungen

beitragen. Es stellt sich die

Frage, was junge Menschen brauchen,

um sich gesund entwickeln und

ein selbstbestimmtes, zufriedenes

Leben führen zu können. Die psychosoziale

Gesundheit junger Menschen

und der Entwicklungsaspekt spielen

hier eine besondere Rolle.

Wie kann nun eine gesunde Entwicklung

passieren und welche Rahmenbedingungen

braucht es hierfür?

Ein Blick in die Literatur und in

TV-Sendungen verdeutlicht, dass es

ein sehr heterogenes Bild von der

Entwicklung junger Menschen und

der „richtigen“ Pädagogik gibt. Die

Bandbreite reicht von einem grenzenlosen,

den jungen Menschen alle

Freiräume zugestehenden Ansatz

bis hin zu menschenverachtenden

Erziehungscamps. Offensichtlich fällt

es uns Menschen, egal ob Kindern,

Jugendlichen oder Eltern, immer

schwerer, Orientierung zu finden.

Ein neues Modell versucht hier ein

„Kompass“ zu sein, der helfen soll,

die Bedürfnisse von Menschen, im

Besonderen von jungen Menschen,

zu berücksichtigen.

die grundbedürfnisse

In der Literatur finden sich zahlreiche

Hinweise, dass die psychosoziale

Gesundheit wesentlich von der

Erfüllung der Grundbedürfnisse wie

Sicherheit, Einfluss und Beziehung

abhängt. Die Bedürfnispyramide von

Maslow (1971) wurde mittlerweile

weiterentwickelt und Kernstock-

Redl (2007) beschreibt ein neues

Modell, welches drei wesentliche

Grundbedürfnisse umfasst, nämlich

„Sicherheit“, im Sinne von physischer

und psychischer Sicherheit,

„Wirksamkeit“, das heißt: „Ich kann

mit meinem Verhalten etwas bewirken“

und schließlich die „Beziehung“,

etwa zu Eltern, Freunden und SchulkameradInnen.

Der Autor hat dieses Modell um

eine weitere Achse, nämlich um

die der „Werte und den Sinn des

Lebens“, ergänzt. Die Basis für die drei

ursprünglichen Achsen wird grund-


legend von Werten geprägt, denn

Werte geben eine grundlegende Richtung

vor, wohin das „Schiff Leben“

fährt. Alle vier Achsen werden als

„Kompassmodell“ bezeichnet.

kompassmodell

Was kann das Kompassmodell?

Die vier Achsen, Sicherheit, Wirksamkeit,

Beziehung und Werte, stellen

die grundlegenden Rahmenbedingungen

dar, um eine gesunde

psychosoziale Entwicklung gewährleisten

zu können und sind als eng

miteinander verwobene Bereiche

zu sehen, welche sich wechselseitig

beeinflussen. Dies ist entscheidend,

denn die Grundannahme der Entwicklungspsychologie

geht davon

aus, dass jede Altersstufe mit bestimmten

Entwicklungsaufgaben

verbunden ist. Diese können positiv

durchlaufen werden, wenn einerseits

entsprechende Lernfelder angeboten

werden und andererseits passende

Rahmenbedingungen vorherrschen.

die erste achse: sicherheit

Konkret bedeutet dies, jungen

Menschen nicht nur das Gefühl

von Sicherheit, etwa vor tätlichen

Angriffen und materieller Not, zu vermitteln,

sondern auch reale Bedrohungen

wie Mobbing und Aggressionen

in der Schule ernst zu nehmen

und Unterstützung zu bieten. Der

wichtigste Ort der Sicherheit ist die

Familie – an keinem anderen Ort sind

Geborgenheit und das Gefühl der

Sicherheit so wichtig. So sollten sich

Eltern regelmäßig Fragen stellen wie:

● Wie sicher fühlt sich unser Kind?

● Gibt es Dinge, vor welchen sich

unser Kind besonders fürchtet?

● Wie können wir unser Kind

stärken?

● Ist unsere Familie ein Ort der

Sicherheit und Geborgenheit?

die zweite achse: beziehung

Lebensbestimmende Überzeugungen

wie „Ich bin liebenswert. Ich

bin wichtig.“ tragen maßgeblich

zu einer positiven Entwicklung bei.

Nähe und Kontakt sind grundlegende

Bedürfnisse des Menschen, welche

(über)lebensnotwendig sind. Die

Diskussion um Qualität und Quantität

der Zeit, welche die Bezugspersonen

mit den Kindern oder Jugendlichen

verbringen, ist hier nur bedingt

hilfreich. Vielmehr geht es um die

offene, wertschätzende aber auch

Grenzen setzende und reflektierte

Auseinandersetzung mit den jungen

Menschen. Antworten auf folgende

Fragen könnten hier hilfreich sein:

● Wie lässt sich die Beziehung zu

meinem Kind beschreiben?

● Weiß ich grundlegend Bescheid,

wie es meinem Kind geht?

● Mit wem verkehrt mein Kind am

liebsten – mit wem gar nicht

gerne?

● Gibt es eine Vertrauensbasis

zwischen mir und meinem Kind?

● Bin ich eine stabile und

berechenbare Bezugsperson?

● Kann ich auch „zwischen den

Zeilen lesen“, wie es meinem Kind

geht?

● Wie sieht das soziale Netzwerk

meines Kindes aus?

● Setze ich Grenzen und wenn ja, wie?

die dritte achse:

selbstwirksamkeit

Die dritte Achse beschreibt das

Konzept der Selbstwirksamkeit, also

dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

etwas bewirken zu können und

Einfluss auf das eigene Leben zu haben.

Konkrete Formulierungen hierfür

wären „Ich kann (mit)bestimmen, was

passiert. Ich bin fähig. Ich kann etwas.“

Selbstwirksamkeit steht in enger

Beziehung zu Selbstvertrauen und

Selbstwert, Problemlösestrategien

und Selbstkonzept. Selbstwirksamkeit

ist daher von immanenter Bedeutung,

wie ein Mensch sein Leben grundlegend

anlegt und in welcher Form

er dem täglichen Leben begegnet.

Um jungen Menschen zu einer ho-

vertiefung

interview


10


hen Selbstwirksamkeit zu verhelfen,

braucht es jedoch „begleitete Lernfelder“.

Denn junge Menschen sollen

die Möglichkeit bekommen, ihre

Talente und Fähigkeiten zu leben.

Dabei ist Unterstützung notwendig,

vor allem auch dann, wenn

etwas nicht so gut funktioniert hat.

Auch, dass dies Teil des Lebens ist

und ein neuerlicher Versuch sich

lohnt. Dabei ist Lob sehr wichtig.

Dieses „Lebenselixier“ spielt in der

Entwicklung des jungen Menschen

eine zentrale Rolle. Hilfreiche Fragen

hierfür sind:

● Wo und wie kann mein Kind

neue Erfahrungen machen?

● Wie wird mit positiven und

negativen Erfahrungen

umgegangen?

● Ermutige ich mein Kind zu neuen

Herausforderungen?

● Traue ich meinem Kind auch

etwas zu?

● Bin ich sehr ängstlich, wenn mein

Kind etwas Neues ausprobiert?

● Wie oft lobe ich mein Kind?

die vierte achse – werte

und der sinn des lebens

Auf den ersten Blick erscheinen

Sicherheit, Wirksamkeit und

Beziehung die grundlegenden Bedürfnisse

des Menschen abzudecken. Bei

näherer Betrachtung fehlt jedoch ein

wesentliches Element: „Werte und

der Sinn des Lebens“. Diese „vierte

Dimension“ kann somit als der Bogen

gesehen werden, welcher sich über die

drei beschriebenen Bereiche spannt.

So stellen sich zentrale Fragen wie:

● Welche Werte wollen wir jungen

Menschen vermitteln?

● Welche Werte leben wir jungen

Menschen vor?

● Welchen Sinn geben wir unserem

Leben?

● Welchen Stellenwert nehmen

junge Menschen in unserem

Leben ein?

● Wozu leben wir?

● Stimmen unser Reden und unser

Tun überein?

Gerade diese „vierte Dimension“ stellt

die größte Herausforderung im Leben

dar. Und eines wird hierbei unweigerlich

klar: Die Auseinandersetzung mit

jungen Menschen bedeutet gleichzeitig

die Auseinandersetzung mit

uns selbst, wie wir leben, was wir

leben, welche Hoffnungen, Ziele und

Wünsche wir haben.

Wenn uns junge Menschen etwas

wert sind, dann sollten wir nicht

skandalisieren und stigmatisieren,

sondern diese Herausforderung annehmen

und uns gemeinsam mit jungen

Menschen um ein lebenswertes

Miteinander bemühen. Oder, wie es

Willy Brandt formulierte: „Wir brauchen

die Herausforderung der jungen

Generation, sonst würden uns die

Füße einschlafen.“

Mag. Dr. Martin Pachinger

ist Psychologe und leitet das

Geschäftsfeld „pro mente Jugend“

von pro mente Oberösterreich

E-Mailadresse:

pachingerm@promenteooe.at

Internet: jugend.promenteooe.at


1

Michael Winterhoff

Warum unsere Kinder Tyrannen

werden. Oder: Die Abschaffung der

Kindheit. Gütersloher Verlagshaus,

Gütersloh 2008, 10. Auflage,

Seiten 191, ISBN: 3-579069-80-2.

warum unsere kinder

zu tyrannen werden

Unsere Kinder sind immer mehr außer Rand und Band.

Fehlender Respekt vor Mitmenschen und Gewaltbereitschaft

nehmen zu. Der Kinder- und Jugendpsychiater und

Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff skizziert Gründe,

warum seiner Meinung nach Kinder zu Tyrannen werden.

die kinderpsychiatrische

perspektive

Wenn gegenwärtig eine Erziehungsdebatte

und generelle Probleme

mit Kindern durch Medien gezerrt werden,

ist fast immer von sozial belasteten

Familienverhältnissen, Problembezirken

in deutschen Großstädten

und dem Versagen der Jugendhilfe

die Rede.

Doch abseits dieser unbestreitbaren

wichtigen Diskussion öffnet sich

seit Jahren ein anderes gelagertes

Problemfeld, das vor allem Kinder

und Eltern in Mittel- und Oberschichtfamilien

betrifft und auf längere

Sicht zu gesellschaftlichen Schwierigkeiten

ungeahnten Ausmaßes führen

wird. Sowohl Eltern als auch Lehrkräfte,

Erzieherinnen und Erzieher

sehen sich in zunehmendem Maße

mit kaum noch steuerbaren, scheinbar

außer Rand und Band geratenen

Kindern konfrontiert, ohne dass bisherige

Modelle nennenswerte Abhilfe

schaffen können. Hier gilt es, einen

Ansatz zu finden, der die psychische

Entwicklung von Kindern nicht nur

berücksichtigt, sondern in den Mittelpunkt

rückt. Bei meiner überzwanzig-

jährigen Arbeit als Kinderpsychiater

hab ich unzählige Fälle gesehen, in

denen Eltern mit ihren Kindern Proble-

me unterschiedlichster Natur hatten.

Was sich dabei herauskristallisiert und

eine zunehmende gesamtgesellschaftliche

Bedrohung darstellt, ist die nicht

altersgemäße psychische Unreife einer

großen Anzahl von Kindern.

psyche wird nicht

ausreichend trainiert

Die tägliche Arbeit in der Praxis

zeigt, dass die psychische Entwicklung

vernachlässigt wird. Zum Nachweis

eignen sich neben der Beobachtung

des Kindes unter der Berücksichtigung

entwicklungspsychologischer Erkenntnisse

eine körperliche und neurologische

Untersuchung, psychometrische

Testverfahren im Bereich

Motorik, Sprache, Intelligenz und

sozialer Fähigkeiten sowie projektive

Verfahren, die Rückschlüsse auf die

psychische Verarbeitung und den psychosexuellen

Entwicklungsstand des

Kindes zulassen. Die Untersuchungen

ergeben ein ganz klares Bild. Immer

mehr Kinder liegen in ihren motorischen,

sprachlichen und sozialen

Fähigkeiten deutlich hinter dem

Lebensalter zurück. Die Folge ist eine

enorme Zunahme an logopädischen,

ergotherapeutischen oder psychotherapeutischen

Behandlungen in

frühen Alterstufen, die jedoch immer

nur systembezogen erfolgen und die


Ursachen für die Störungen der Kinder

außer Acht lassen. Für die Suche nach

diesen Wurzeln muss die psychische

Entwicklung Heranwachsender betrachtet

werden: Psychische Funktionen

steuert das Gehirn über die

Nervenzellen. Diese lassen sich nur

aktivieren, wenn sie mit zahlreichen

gleichen Durchläufen immer wieder

trainiert werden. Diese banale

Erkenntnis wird heute kaum berücksichtigt.

Ein Beispiel aus der schulischen

Praxis: Beim Erwerb der Lesefähigkeit

kann ein Kind erst nach vielen

Durchläufen einen Buchstaben wieder

erkennen und benennen. Wörter lesen

und flüssiges Lesen geht erst nach

häufigem Einüben. Die Nervenzellen

im Gehirn bringen also erst nach

langem Training die gewünschte

und von uns als normal empfundene

Leseleistung. Die Nervenzellen im

Bereich der Psyche des Kindes arbeiten

ähnlich, brauchen aber noch mehr

Training durch die Erwachsenen. Eine

ausreichende Frustrationstoleranz

etwa kann von den Jugendlichen in

Schule und Ausbildung später nur

gefordert werden, wenn schon in jungen

Jahren Wert darauf gelegt wurde,

dem Kind altersangemessen abzuverlangen,

dass es Frustration aushält

und abwarten lernt.

Ein solches Training wird Kindern

jedoch heute immer weniger durch

Eltern und andere Erwachsene abverlangt.

In der Folge entwickeln sich

viele psychische Funktionen bei

Kindern gar nicht erst. Ein normales,

vorstrukturiertes Aufwachsen und

„Erwachsenwerden“ wird verhindert.

Die Störungen, die daraus entstehen

und uns in zunehmendem Maße

im Alltag vor Probleme stellen, sind

also vornehmlich Störungen in der

Beziehung zu Erwachsenen, in vorderster

Linie zu den Eltern. Im Rahmen

meiner täglichen Arbeit konnte ich

seit Anfang der neunziger Jahre drei

Beziehungsstörungen auf dem Boden

gesellschaftlicher Veränderungen

herausarbeiten, die letztlich fatale

Auswirkungen auf die Situation in

Kindergärten und Schulen haben.

erste beziehungsstörung:

partnerschaftlichkeit

Partnerschaftlicher Umgang mit

Kindern wird heute kaum noch als

Beziehungsstörung wahrgenommen,

da es sich um die dominante

Art des Umgangs mit Kindern in

der Gesellschaft handelt. Gleichwohl

haben wir es dabei mit der Grundlage

weitergehender Störungen im Verhältnis

zwischen Erwachsenen und

Kindern zu tun. Partnerschaftlicher

Umgang meint die Wahrnehmung

des Kindes als gleichgestellten Kommunikationspartner

ohne Berücksichtigung

ihres Schutzbedürfnisses. Der

Erwachsene setzt beim Kind eine

Einsichtsfähigkeit voraus, die nicht

vorhanden ist. Auch die Probleme

der Erwachsenenwelt soll es verstehen

und diskutieren können. Die

Überforderung der Kinder wird dabei

übersehen. Doch sind Kinder, die einen

zu großen Anteil an Partnerschaft in

der Beziehung zu den Eltern haben,

nicht nur überfordert, sie bekommen

auch das Gefühl vermittelt, keiner

Steuerung und Führung durch

Erwachsene mehr zu bedürfen und

schon im Kleinkindalter selbstständig

Entscheidungen treffen zu können,

deren Tragweite sie nicht überschauen.

In der Schule lassen sich diese

Kinder vom Lehrer nicht mehr führen,

sondern konterkarieren das gewollte

Bild vom mündigen Schüler durch

Verweigerung von Respekt gegenüber

den Lehrkräften.

zweite beziehungsstörung:

projektion

Der partnerschaftliche Umgang

mit Kindern ist heutzutage die Regel

und wäre für sich genommen noch

vergleichsweise unbedenklich, solange

trotzdem eine erkennbare Hierarchie

zwischen Erwachsenen und Kindern

bestünde, die dem Kind Struktur und

analyse


1


1


Orientierung vorgibt. Doch die Entwicklung

unseres gesellschaftlichen

Umfeldes weist den Weg in eine

andere Richtung: Selbst Erwachsene

finden heute nur noch wenig Halt

und Orientierung. Hierzu gibt es viele

Gründe, wie zum Beispiel vorhandener

großer Wohlstand oder

Werteverluste.

Entscheidend ist aber auch ein

technologischer Wandel, der den

„Durchschnittsmenschen“ überfordert.

Dieser Wandel gibt einerseits

kaum noch die Möglichkeit, sich im

Informationsdschungel zurechtzufinden

und wertvolle von überflüssiger

Information zu trennen.

Andererseits bleibt für zwischenmenschliche

Kommunikation unter

Erwachsenen immer weniger Zeit,

so dass der einzelne Erwachsene aus

dem Bereich „Partner, Kolleginnen

und Kollegen, Freunde und Bekannte“

nur noch wenig Anerkennung und

Bestätigung seines selbst erfährt.

Im Rahmen der Projektion wirkt sich

diese latente Überforderung auch

auf die Beziehung zwischen Eltern

und Kindern aus. Viele Eltern gehen

unbewusst dazu über, sich die fehlende

Anerkennung und Liebe von

ihren Kindern zu holen. Statt Kinder

liebevoll zu führen, gestehen sie

ihnen immer häufiger zu, selbst die

Führungsposition zu übernehmen.

Auf Seiten der Kinder steigert das

Ausbrüche von Respektlosigkeit und

fehlender Anerkennung erwachsener

Autoritätspersonen. Die Folgen

zeigen sich vielfältig in Kindergärten,

Schulen und Ausbildungsbetrieben,

die heute immer häufiger über

nicht ausbildungsfähige Jugendliche

klagen. Diese Jugendlichen sind die

erste Generation von komplett in

Partnerschafts- und Projektionsverhältnissen

groß gewordenen Kindern.

dritte beziehungsstörung:

symbiose

Die Symbiose ist eine relative

junge Beziehungsstörung, die aus

den Konsequenzen des Umgangs

mit Kindern in Partnerschaft und

Projektionen erwachsen ist. Im Rah-

men der Symbiose verschmilzt der

Erwachsene seine Psyche mit der

des Kindes. Er behandelt praktisch

das Kind, als sei es Teil eines eigenen

Körpers. Das heißt im übertragenen

Sinn: Positive Zuwendung an

das Kind ist gleichsam auch positive

Zuwendung an den Erwachsenen.

Entsprechend ist Kritik am

Kind auch Kritik am symbiotischen

Erwachsenen. Die sich daraus ergebende

Diffusion lässt sich leicht vorhersehen

– Polarisierung und Schuldzuweisung:

schlechte Lehrkraft, unfähige

Erziehende und Therapierende,

inkompetente/r Ärztin oder

Arzt. Sie dient der Stabilisierung

dieses pathologischen Beziehungsgeflechtes.

Kinder, die in einer solchen Beziehungsstörung

aufwachsen, erkennen

in letzter Konsequenz eine menschliches

Gegenüber nicht mehr als solches

an. Auf Seiten des Erwachsenen

kann die falsche Wahrnehmung des

Kindes als Symbiose beispielsweise

zu Ohnmachtgefühlen führen, da

psychisch nicht das Kind, sondern ein


analyse

nicht funktionierender Teil des eigenen

Körpers „zur Räson gebracht“

werden muss. Das Kind verbleibt

somit in einem frühkindlichen Narzissmus,

der es glauben lässt, es

könne alles steuern und bestimmen.

Eine autarke Psyche des Kindes entwickelt

sich erst gar nicht.

Diese Darstellung kann nur einen

kleinen Abriss der Problematik widerspiegeln,

die sich aus der zunehmenden

psychischen Unreife der

heutigen jungen Generation ergibt.

Die Fehler von Eltern auf Basis der

beschriebenen Beziehungsstörungen

im Umgang mit ihren Kindern

stellen eine Bedrohung für funktionierende

positive gesellschaftliche

Prozesse in der Gegenwart und in

der Zukunft dar. Psychisch unreife

Kinder und Jugendliche sind in letzter

Konsequenz weder beziehungs-

noch arbeitsfähig und stellen damit

die Grundlagen unseres sozialen Zu-

sammenlebens in Frage. Es ist drin-

gend nötig, Kinder wieder als Kinder

zu sehen, ihnen Orientierung

und Struktur zu geben und sie damit

zukunftsfähig zu machen. Gerade

auf Grund der problematischen

Lage in den Elternhäusern sind

Lehrerinnen und Lehrer in der Schule

umso mehr gefordert, hier einen

Beitrag zu liefern.

Zum Weiterlesen:

Michael Winterhoff; Warum unsere

Kinder Tyrannen werden. Oder: Die

Abschaffung der Kindheit. Gütersloh:

Güterloher Verlagshaus, 2008.

Dr. Michael Winterhoff ist Arzt

für Kinder- und Jugendpsychiatrie

sowie Psychotherapie. Er befasst

sich seit Jahren intensiv mit der

Diagnostik und Behandlung sämtlicher

kindlicher und juveniler

Entwicklungsstörungen.

interview

mit dr. michael winterhoff

arzt für kinder- und jugendpsychiatrie

die abschaffung der kindheit

Herr Dr. Winterhoff, warum

bezeichnen sie Kinder als heranwachsende

Tyrannen?

Kinder sind im Verhalten in

ihren Lebensabschnitten durchaus

als tyrannisch zu sehen. Im

Verhalten, eben da sie noch kleine

Kinder sind, da sie noch andere

Weltbilder und psychisch nicht

den Reifegrad haben. Ich sehe

aber auch Jugendliche, die einen

Reifegrad eines Kleinkindes haben

und wenn sie erwachsen werden

– werden sie genau so bleiben.

Sie werden nicht in der Lage sein,

arbeiten zu gehen, sie werden nur

lustorientiert in den Tag leben und

werden dann ihre Eltern, die sie

versorgen müssen, tyrannisieren.

Wie sind sie dazu gekommen

ein Buch darüber zu schreiben?

Ich bin seit 27 Jahren im Fachberuf

und habe durch eine genaue

Beobachtung festgestellt,

dass Kinder sich gravierend im

Verhalten verändert haben und

die Eltern auch. Ich habe dann

die Beziehungsstörungen und die

Entwicklungsstörungen bei den

Kindern herausgearbeitet.

Wie schaut die Gewaltbereitschaft

bei den Jugendlichen heute aus?

Diese nimmt enorm zu. Die

Kinder bleiben in einem Reifegrad

zwischen zehn und sechzehn Monate

stehen, das ist die frühnarzisstische

Phase, beschrieben von

Anna Freud, die bislang eine

Durchgangsphase war. In dieser

frühnarzisstischen Phase entdeckt

das Kind die Welt. Sie lernen

zu unterscheiden zwischen

Gegenständen und Menschen.

Dadurch, dass sich Eltern heute

im Rahmen der Symbiose verhalten

wie ein Gegenstand, also

sich von den Kindern permanent

steuern lassen, ist es nicht nur

unmöglich, dass die Kinder diesen

Reifeschritt gehen, zu erkennen,

dass ein Mensch ein Mensch ist.

Und das bedeutet dann, dass sie

im Jugendalter Menschen eher

wahrnehmen wie Automaten,

wie Tische, wie Stühle. Also Gegenstände,

die man schieben und

steuern kann. Und daher gibt es

auch keine emotionale Blockade

bei Gewaltanwendungen.

ist nicht auch die schule mit

ihren psychologisch ungeschulten

Lehrern an der Gewalt mitschuld?

Es geht nie um Schuld. Es geht

darum, dass wir Erwachsene insgesamt

mit der Gesellschaft

nicht mehr klar kommen. Und

dass Erwachsene gefragt sind zu

überprüfen ob sie sich in einer

Beziehungsstörung befinden. Das

heißt, die Beziehungsstörungen

der Partnerschaftlichkeit, Kinder

als Partner zu sehen, ist in

Deutschland seit Anfang der 90er

Jahre ein Massenphänomen und

hat mittlerweile Einzug genommen

in den Kindergarten und in

die Grundschule.

Die Konzepte, die partnerschaftlich

geprägt sind, sind Konzepte

die widersprechen neurologischen

Erkenntnissen, Entwicklungspsychologischen

Erkenntnissen. Die

Kinder haben jetzt nicht einmal die

Chance in einem Kindergarten oder

in einer Grundschule sich ersatzweise

entwickeln zu können. Sie haben

hier offene Gruppen, sie haben

Freiheit und die Vorstellungen sie

seien Persönlichkeiten, was Kinder

in diesem Alter ja gar nicht sind.

interview: Mag. Thomas Hatheyer

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jugendarbeitstraining, um

im berufsleben fuss zu fassen

Das Jugendarbeitstraining von pro mente steiermark erleichtert jungen Menschen

mit psychischen Problemen oder Psychiatrieerfahrung im Alter von 16 bis 25 Jahren

den Einstieg in das Berufsleben; um in der Arbeitswelt Fuß fassen zu können.

Das Angebot im pro mente Ju-

Dgendarbeitstraining

richtet

sich in der Steiermark an Jugendliche

zwischen 16 und 25 Jahren, die

psychische Probleme oder Psychiatrieerfahrung

haben und nicht mehr

in die Regelschule zu integrieren

sind und eine Phase des Trainings

benötigen. Auch Jugendliche die

eine intensive sozialpädagogische

Betreuung im Rahmen einer Jugendwohlfahrtsmaßnahmedurchlaufen

haben, haben die Möglichkeit

zum Besuch des Jugendarbeitstrainings.

In einer ersten Phase des

Jugendarbeitstrainings findet eine

Arbeitsabklärung statt. In dieser hat

der Jugendliche die Möglichkeit in

Zusammenarbeit mit dem jeweils

zuständigen TrainerInnen, seine Fähigkeiten

und Neigungen zu erkennen

und eine persönliche Standortbestimmung

durchzuführen.

individuelles training

Die Dauer des Trainings wird individuell

an die Bedürfnisse der Jugendlichen

und an die bereits erarbeiteten

Zielformulierungen an-

gepasst und weiter festgelegt.

Maximal zwölf Monate kann die

Maßnahme in Anspruch genommen

werden und teilt sich ein in:

Probemonat, Training, Praktika am

freien Arbeitsmarkt, Abschlussphase

und Nachbetreuung

In dieser Zeit der Maßnahme erfolgt

ein Training der Grundarbeitsfähigkeit,

eine gezielte berufliche

Förderung, die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit,

die Steigerung der

Selbstständigkeit, die Förderung der

Arbeitsausdauer und die Gewöhnung

oder Wiedergewöhnung an eine Tagesstruktur.

Das heißt, Schritt für

Schritt sollen die TeilnehmerInnen

des Programms in der Maßnahme

Training wieder Vertrauen zu sich

selbst finden und lernen, mit geregelter

Arbeit umzugehen sowie

Verantwortung für ihre gesundheitliche

Stabilität zu übernehmen.

Jugendliche haben noch einen großen

Anteil an Ressourcen im Bereich

des Erlernens und der Qualifizierung.

Sofern die Fähigkeiten und allgemeinen

Grundvoraussetzungen

für eine Ausbildung realistisch sind,

werden in enger Zusammenarbeit

mit Bildungseinrichtungen und Wirtschaft

Ausbildungen bzw. Qualifizierungen

angestrebt.

pro mente steiermark

„Jugendarbeitstraining“

Schrödingerstraße 4 a, 8020 Graz

Telefon +43(0)316/71 41 23-11

zentrale@promentesteiermark.at


fallbeispiel

manfred krauser (fachtrainer), mag. martin faschingbauer (sozialtrainer)

pro mente steiermark, jugendarbeitstraining

einstieg für herrn p. durch arbeitstraining

H

Herr P. durchlief vor seinem Einstieg

in das Jugendarbeitstrainingszentrum

„IT-Jugend Graz“

vor rund 9 Monaten eine Reihe

von für verhaltensauffällige Kinder

typische Stationen. Er verbrachte

zwei seiner vier Jahre Volksschulzeit

in einer Sonderschuleinrichtung

(Verhaltens-SPF), gefolgt von vier

Jahren neuer Mittelschule, in welchen

ihm einerseits Defizite im

logischen Denken sowie depressive

Tendenzen diagnostiziert wurden.

Nach Abschluss der neunten

Schulstufe wurde Herr P. durch

unterschiedlichste Einrichtungen

psychologisch betreut als auch

im Hinblick auf seine berufliche

Zukunft gecoacht. Nachdem Herr

P. bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr

keine Lehre beginnen

konnte, begann er mit Unterstützung

des AMS und der Stadt

Graz die 12-monatige Jugendarbeitstrainingsmaßnahme

IT-Jugend

von pro mente in Graz, in welchem

die Erstellung von Werbemitteln

für interne und externe Zwecke zu

seinen Aufgaben gehört.

Zu Beginn des Trainings konnten

bei Herrn P. oben angesprochene

depressive Symptome, die

belastungsbedingt mit vermindertem

Selbstwertgefühl und

Selbstbewusstsein einhergehen,

sowie soziale Anpassungsprobleme

beobachtet werden. Defizite im

logischen Denken konnten nicht

beobachtet werden. An die ihn

vergebene Aufgaben begegnete

Herr P. aufgrund von Angst vor

Überforderungen und Versagen

mit Widerstand. Durch intensive

Betreuungsarbeit durch die

TrainerInnen und gute Integration

in die Gruppe der TeilnehmerInnen

konnte Herr P. sich Fertig-

keiten im Bereich Graphik und

Design zulegen, sodass er in der

Aufgabenbearbeitung immer mehr

Sicherheit gewann und qualitativ

gut und motiviert arbeitete.

berufliche orientierung

Nach einer längeren Phase der

beruflichen Orientierung konnten

zusammen mit dem Teilnehmer

einige für ihn interessante Arbeitsbereiche

identifiziert werden (Grafik,

Elektronik, Netzwerk- und EDV

Technik), in welchen in weiterer

Folge Praktika mit Aussicht auf

Lehranstellung gesucht wurden.

Während dieses Prozesses zeigt

Herr P. aufgrund seines Selbstwerts

und der Angst zu versagen teils

große Scheu Bewerbungstermine

wahrzunehmen bzw. vereinbarte

Praktika zu absolvieren. Durch

intensive Gespräche und Trainings

seiner Fertigkeiten war zu beobachten,

dass Herr P. große Defizite

in Grundkenntnissen im Lesen,

Schreiben und Rechnen aufweist,

die ihm selbst sehr wohl bewusst

waren. Dadurch wird die wirkliche

Problematik dieser Situation

sichtbar, nämlich dass sich Herr P.

einerseits gut und schnell neues

Wissen aneignen kann, ihm jedoch

anderseits Grundfertigkeiten fehlen,

wodurch er, unabhängig von

seinen psychischen Belastungen,

Schwierigkeiten hat eine Lehrstelle

zu finden bzw. zu behalten.

Deshalb wird zurzeit versucht

Herrn P. über eine mitbetreuende

Einrichtung die Möglichkeit einer

zusätzlichen Förderung zu geben,

sodass er in Zukunft begleitend zum

Arbeitstraining oder einer möglichen

Qualifizierung (Ausbildung)

am Abbau seiner Defizite arbeiten

kann. Zurzeit absolviert Herr P. ein

einmonatiges Praktikum im Bereich

EDV-Technik mit der Möglichkeit

einer Übernahme in die Lehre.

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1

die unsichtbare not:

psychisch erkrankten

Oft übersehen und vergessen sind Kinder psychisch

erkrankter Eltern. Ihre Probleme und Sorgen benötigen

besondere Aufmerksamkeit. Ein Einblick in die österreichischen

Aktivitäten von Mag. Maria Fischer, HPE

– (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter).

s ist wie ein Albtraum, der sich

„Eimmer und immer wiederholt…“

„Keiner hat sich um mich gekümmert

oder sich um Hilfe für mich bemüht…“

„Wenn die Dämonen meiner Mutter

nach mir greifen…“

„Der Weg in die Hölle und wieder zurück…“

„Alle Sensoren waren ständig alarmiert,

es hörte nie auf…“

„Mit meinen Ängsten war ich oft allein…“

„Mein Tagebuch – mein einziger

Zeuge…“

„Erst nachdem sie in die Klinik gebracht

wurde, konnte ich wieder

schlafen“

„Ich hasste ‚sie‘ und vermisste meine

Mutter…“

„Und immer wieder dieser irre Blick

in seinen Augen… nicht schon wieder!“

„Das wahre Drama spielte sich hinter

unseren Mauern ab – nach außen:

wir sind eine normale Familie.“

„Die tägliche Angst vor dem Heimkommen

von der Schule…“

„Ich konnte keine Ausreden mehr

finden, warum mich Freundinnen

daheim nicht besuchen durften“

Dies sind einige Aussagen von Kindern,

die psychische Erkrankung in der

Familie miterleben und damit stark

belastet und oft überfordert sind,

wenn sie damit allein gelassen werden.

Lange Zeit wurden die Kinder in

Familien mit psychischer Erkrankung

ganz einfach übersehen. Die irrige

Annahme, Kinder bekämen ohnehin

nichts mit oder seien zu klein zum

Verstehen, war und ist ein zu leichtfertiges

Vermeiden einer schwierigen

Herausforderung. Wie können wir

Kindern ein Krankheitsgeschehen

erklären, das wir Erwachsene nur

schwer verstehen können, das auch

uns verwirrt, oft verängstigt und hilflos

macht und dessen Erleben uns in

die Sprachlosigkeit verführt? Kinder

trifft das verwirrende Erleben aber

in einem Alter, in dem sie ihre eigene

Persönlichkeit und Identität erst

entwickeln und finden müssen, sie

sind daher viel verletzbarer. Aber sie

haben auch viele Ressourcen, die es

zu nützen gilt!

kindliches erleben

psychischer erkrankung

Kinder psychisch erkrankter Eltern

leben oft in Desorientierung, Verwirrung

und Angst, weil sie das

befremdende Verhalten, Denken und

Fühlen des erkrankten Elternteiles


kinder von

eltern

nicht einordnen können. Ohne altersentsprechende

Aufklärung über

die Erkrankung suchen Kinder die

Schuld für das Unverständliche der

Erkrankten bei sich selbst, sie überfordern

sich mit Anstrengungen zum

Perfektsein, berechtigte Wut über

Vernachlässigung, Misshandlung und

wiederholte Grenzüberschreitungen

muss unterdrückt bleiben. Zu wenig

Aufmerksamkeit und mangelnde

emotionale Resonanz führen zu erheblichen

emotionalen Defiziten

und mangelnder Geborgenheit bei

den Kindern, verstärkt durch krankheitsbedingt

gehäufte Trennungs-

und Verlusterfahrungen (elterliche

Trennung, Krankenhausaufenthalte,

Fremdunterbringung).

überlebensstrategie

Wiederholt erlebte Realitätsverluste

des erkrankten Elternteils nähren

Zweifel an der eigenen Wahrnehmung,

die Entwicklung einer eigenen sicheren

Identität ist erschwert. Genaues

Beobachten und Erspüren ihrer

Umgebung und das Bedürfnis, die

Erwartungen anderer zu erfüllen und

eine Fassade der Normalität aufrecht

zu erhalten, wird zu einer wichtigen

Überlebensstrategie dieser Kinder.

Die Erkrankung eines Elternteiles

drängt die Kinder in eine Pseudo-

Erwachsenenrolle, sie übernehmen

zunehmend elterliche Verantwortung

mit entsprechenden Aufgaben (Parentifizierung).

Aus Furcht, den erkrankten

Elternteil zu verraten bzw. selbst

stigmatisiert zu werden, neigen Kinder

dazu, ihre Probleme niemandem

anzuvertrauen, geraten damit aber

in soziale Isolation. Beeinträchtigte

Schulleistungen, verbunden mit Störungen

des Sozialverhaltens, bringen

Kinder auch im schulischen Umfeld

oft in Außenseiterpositionen. Ein häufig

chaotischer Umgang des erkrankten

Elternteiles mit Zeit und Geld,

sozialer Abstieg, Desorganisation des

Haushaltes, Konflikte mit dem sozialen

Umfeld und Kommunikationsverbote

führen zu einer Beeinträchtigung des

psychosozialen Funktionsniveaus des

Kindes. Durch die unsichere Bindung

an den erkrankten Elternteil geraten

Kinder in ein schuldhaft verstricktes

Abhängigkeitsverhältnis und massive

Loyalitätskonflikte, die eine Abgrenzung

von dem Elternteil und damit

das eigene Erwachsenwerden erheblich

erschweren.

Die negativen Auswirkungen elterlicher

psychischer Erkrankung sind

umso schwerwiegender, je jünger

die Kinder sind und je intensiver

sie in die Symptomatik des kranken

Elternteiles einbezogen werden, je

schlechter die Krankheitsbewältigung

des Erkrankten selbst ist, je weniger

kognitive Fähigkeiten das Kind hat

und je mehr die kompensatorische

Funktion eines stabilen gesunden

Elternteiles fehlt.

was hilft diesen kindern?

Zahlreiche Aussagen erwachsener

Kinder psychisch erkrankter Elternteile

und die in den letzten Jahren

zunehmend bedeutungsvoller gewordene

Salutogenese- und Resilienzforschung

zeigen, was erwachsenen

Kindern psychisch kranker Eltern helfen

kann, sich trotz schwieriger und

belastender Lebensumstände gesund

zu entwickeln.

An erster Stelle steht altersentsprechende

Information und ein innerfamiliäres

Klima der Gesprächsbereitschaft.

Mindestens eine vertraute,

stabile, Halt und Geborgenheit

gebende Bezugsperson, die gefühlsmäßig

auf das Kind reagieren kann,

stärkt das Sicherheitsgefühl der

Kinder. Schutz vor traumatisierenden

Erlebnissen (z.B. Suizidversuche,

Zwangseinweisungen) können alle

Erwachsenen im kindlichen Umfeld

einblick


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gewährleisten. Für Krisenzeiten ist ein

in ruhigen Zeiten gemeinsam mit der

ganzen Familie erstellter Krisenplan

ebenso beruhigend und hilfreich, wie

die Sicherstellung alltagspraktischer

Unterstützung/Entlastung und Abnahme

von übermäßiger Verantwortung

für den kranken Erwachsenen

in Krisenzeiten. Gute Außenkontakte

zu Gleichaltrigen oder anderen wertvollen

Menschen sollten gefördert

und die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen

der Kinder gestärkt werden.

Gegenseitiger Austausch in Gruppen

ähnlich betroffener Kinder und spielerische

Verarbeitung belastender

Erlebnisse ermöglichen den Kindern

schon frühzeitig Belastendes in die

eigene Lebensgeschichte gut zu integrieren.

Primäre Prävention sollte

Ressourcen der Kinder stärken, soziale

Netze aufbauen und festigen und

einem zu frühen psychiatrisch-diagnostischen

Blick auf diese Kinder

zuvorkommen. Sie könnte viel unnötiges

Leid verhindern und die Prolongation

psychischer Erkrankung über

Generationen unterbrechen helfen.

aktivitäten und angebote

in österreich

Psychosoziale Dienste, Sachwalter

und die Angehörigenselbsthilfe HPE

sind am öftesten direkt mit Problemen

der Kinder in Familien mit psychisch

Erkrankten konfrontiert. So

gibt es inzwischen einige Angebote

aufgrund regionaler Einzelinitiativen.

Zum sozialpsychiatrischen Versorgungsstandard

gehört die Miteinbeziehung

von Kindern in Familien mit

psychisch erkrankten Menschen in

Österreich leider noch nirgends. So

bleibt vor allem die Angst psychisch

erkrankter Mütter, dass ihnen in akuten

Krankheitssituationen die Kinder

abgenommen werden, eine schmerzhafte

Trennung für beide Seiten.

Psychosoziale Dienste arbeiten oft

mit der regionalen Jugendwohlfahrt

zusammen bei der Lösungssuche

und Unterstützung für die ganze

Familie, HPE berät Angehörige auch

im Umgang mit ihren Kindern. Das ist

auch Teil eines in allen Regionen Tirols

gehaltenen Vortrages „Depression betrifft

die ganze Familie“, einer gemeinsamen

Aktion von HPE mit dem

Tiroler Bündnis gegen Depression.

Kinder- und Jugendarbeit der HPE

in der Familienberatungsstelle Wien

bietet prozessorientierte Einzelbegleitung

der betroffenen Kinder und

Jugendlichen durch eine Sonder- und

Heilpädagogin, begleitender Austausch

mit den Eltern zur Schaffung

eines unterstützenden sozialen

Gefüges für das Kind und bei Bedarf

Kommunikation mit Ämtern und

Schule ergänzen das Angebot.

HPE-selbsthilfegruppen für erwachsene

Kinder von psychisch erkrankten

Eltern in Wien und innsbruck

ermöglichen, das in der Familie

mit psychisch Kranken Erlebtes mit

anderen Betroffenen zu teilen, aktuelle

Betreuungsprobleme zu bearbeiten,

Abgrenzung, Ablösung und

Verantwortungsrückgabe zu erarbeiten

und in gegenseitiger Ent-


wicklungsbestärkung neue Freundschaften

zu begründen.

Präventionsprojekt „Jojo – Kindheit

im schatten“ von aha! in sbg.:

PsychologInnen und PädagogInnen

bieten in Einzelsettings in Salzburg

und im Pinzgau Kinderbetreuung mit

spielerischer, kreativer und altersgerechter

Bearbeitung spezifischer Themen

rund um die psychische Erkrankung

an, Eltern werden in Elterngesprächen

eingebunden Zu den Jojo-

Aktivitäten zählen auch: Kooperation

mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft

und anderen einschlägigen

Vereinen und Institutionen,

Öffentlichkeits-, Netzwerkarbeit etc.

Projekt „allein erziehende Mütter

und Väter ohne Netz“ in Oberösterreich

bietet Unterstützung von

psychisch erkrankten Frauen während

der Schwangerschaft und nach

der Geburt.

Projekt „TakaTuka“ der caritas in

Tirol: in Einzelfallbetreuung werden

Zu den bestehenden Kinderseelenhilfen

von pro mente salzburg in

Tamsweg und Zell am See kam im

Jahr 2007 St. Johann im Pongau neu

hinzu. Damit konnte dem Ziel der

flächendeckenden Versorgung von

Kinder- und Jugendpsychiatrischen

Ambulanzen im Bundesland Salzburg

ein Stück näher gekommen werden.

Die Errichtung der Ambulanzen wäre

nicht möglich gewesen, ohne

die tatkräftige Unterstützung durch

private Sponsoren. Immerhin beläuft

sich das Jahresbudget auf

mittlerweile 170.000 Euro, wovon

80 Prozent bis dato durch private

Gelder finanziert wurde. 2008

einblick

Kinder mit psychisch kranken Eltern

durch einen aufsuchend arbeitenden

Kinderpsychologen versorgt, Kooperation

mit Tiroler HPE.

Projekt „Kiesel“ (Kinder von Eltern

mit seelischen Leiden) des arbeitskreises

für Vorsorge- und sozialmedizin in

Vorarlberg unter Leitung einer DSA,

zusätzlich gibt es Beratung von Kindern

von psychisch Kranken durch

eine FA für Psychiatrie.

Lindauer Kreis startete im Frühjahr

2008 eine vielversprechende grenzüberschreitende

kooperative Planung

von Projekten für Kinder psychisch

Kranker bis 14 Jahren in den einzelnen

Teilnehmerländern bzw. gemeinsame

Veranstaltungen (Tagung) zum

Thema „Kinder als Angehörige“.

Erstellung einer informationsbroschüre

speziell für Kinder durch die

Beratungsstelle in Wien.

Mag. Maria Fischer, HPE – Hilfe für

Angehörige psychisch Erkrankter

kinderseelenhilfe

pro mente salzburg

Z

erhielt die Kinderseelenhilfe Salzburg

50.000 Euro vom Land Salzburg. Der

Bedarf an psychotherapeutischer,

ergotherapeutischer und fachärztlicher

Behandlung kann allerdings

noch lange nicht zufriedenstellend

abgedeckt werden. Spenden werden

dringend benötigt, jeder Euro hilft!

In den Ambulanzen gibt es für

Kinder, Jugendliche und deren Eltern

ein kostenloses Angebot bei

Bettnässen, Schulängsten, familiären

Schwierigkeiten, selbstverletzendem

Verhalten, depressiven Stimmungsbildern

und pubertären Krisen.

(Fallbeispiel dazu nächste seite.)

bücher & internet

HOMEiER schirin (2006): „Sonnige Traurigtage"

Mabuse Verlag, Frankfurt a. M.

MaTTEJaT Fritz & LisOFsKY Beate (Hrsg.) (2001):

“…nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch

Kranker“. Psychiatrie-Verlag, Bonn.

EGGERMaNN Vera & JaNGGEN Lina (2004):

„FUFU und der grüne Mantel. Ein Kinderbüchlein

für Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil“.

AstraZeneca AG, CNS, Zug.

BROscHÜRE: „Wenn dein Vater oder deine Mutter in

psychiatrische Behandlung muss ... mit wem kannst

du dann eigentlich reden?“ Bezug: Dachverband psychosozialer

Hilfsvereinigungen e.V., Thomas-Mann-

Str. 49a, 53111 Bonn

BaUMaNN Kerstin Katharina (2000): „Verrückte

Kindheit“. Probleme und Hilfemöglichkeiten bei

Kindern psychisch erkrankter Eltern“. Tectum Verlag

Marburg

BEEcK Katja (2003): „Im Schatten der Kindheit.

Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern“.

Soziale Psychiatrie 27: 12-15

BEEcK Katja (2005): „Netz und Boden.

Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern“.

Infobroschüre. Eigenverlag, Berlin

BEEcK Katja (Hrsg.) (2004): „Ohne Netz und ohne

Boden. Situation Kinder psychisch kranker Eltern“.

Infobroschüre. Eigenverlag, Berlin

REMscHMiDT Helmut & MaTTEJaT Fritz (1994):

„Kinder psychotischer Eltern“. Hogrefe Verlag,

Göttingen

www.netz-und-boden.de ist die reichhaltige

Homepage über Kinder psychisch Kranker

www.hpe.at bietet jetzt auch anonyme online-

Beratung für Angehörigenfragen

www.aha-salzburg.at

für Projekt „Jojo – Kindheit im Schatten“

www.aks.or.at

für Projekt „Kiesel“

www.vfb.no

für Oslo: Adults for Children, CIC – Caring for the

Invisible Children, European Prevention Network

for Children of Mentally ill Parents

http://www.adapt.at – ADAPT ist ein gemeinnütziger

Verein, der 1999 gegründet wurde

und mit vielen Informationen und praktischem

Rat zum Thema Aufmerksamkeitsdefizit /

Hyperaktivitätsstörung („AD/HS“) behilflich sein

will.

http://www.psyweb.at/kjnp – Österreichische Gesellschaft

für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Ausführliche Buchbesprechungen auf Seite 22.

1


fallbeispiel

kinderseelenhilfe

pro mente salzburg

die drei kobolde

F

Für Jakob war das letzte Schuljahr

in der 4. Klasse Volksschule

kein leichtes gewesen. Denn

das blöde Bauchweh hatte sich

in sein Leben geschlichen und

ihm die Schule gehörig vermiest.

Dabei hatte alles ganz harmlos

angefangen. Zuerst hatte Jakob

nur manchmal Bauchweh, sodass

er von der Schule zu Hause bleiben

musste. Später auch Kopfschmerzen

und Übelkeit. Die

Eltern fuhren mit ihm ins Krankenhaus,

wo die Ärzte ihn untersuchten

– aber sie fanden die

Ursache für Jakobs Schmerzen

nicht und meinten, das wäre

psychisch. Den Eltern und Jakob

wurde empfohlen, sich an die Kinderseelenhilfe

zu wenden.

Beim ersten Gespräch wirkten

Jakob und seine Mutter sehr bedrückt.

Wir machten uns gemeinsam

daran, das Bauchweh zu erforschen

und fanden heraus, dass

das Bauchweh sich in das Leben

der Familie eingeschlichen hatte,

als die Eltern sich oft gestritten

hatten. Damals hatte sich Jakob

oft in das Bett der Eltern gelegt,

weil sie sich dann nicht zu streiten

trauten. Das Bauchweh hatte

eine Funktion in der Familie. Später

entwickelte es sich allerdings zu

einem unkontrollierbaren Kobold,

der seine Koboldfreunde, nämlich

das Kopfweh und das Schlechtsein,

mit einlud. Zu dritt machten sie

es sich bei Jakob recht gemütlich

und hielten ihn von Dingen

ab, die er eigentlich immer gerne

gemacht hatte, wie in die Schule

zu gehen, sich nach der Schule

mit Freunden zu treffen und sich

Streiche auszudenken. Außerdem

hatte die Anwesenheit der drei zur

Folge, dass sich Jakob immer ohn-

mächtiger und hilfloser fühlte,

was wiederum zu Wut und Zorn

bei den Eltern führte. Die beiden

waren gar nicht so erfreut,

dass ihr Sohn, der immer brav

und fleißig in der Schule war und

„funktioniert“ hatte, plötzlich

„Mätzchen“ machte. Nach und

nach wurde es verständlicher,

dass sich hinter dem Bauchweh

große Angst von Jakob verbarg,

die Eltern könnten sich trennen

und er müsste sich entscheiden,

bei wem er lieber bleiben wollte.

Nachdem Jakob den Kobolden,

wie er sie nannte, eine Gestalt

gegeben hatte, sie gezeichnet

hatte und ihnen ins Gesicht

sehen konnte, verloren sie viel von

ihrem Schrecken. Die Familie fing

an, Misserfolge und Fehlschläge

zu genießen und zu feiern. Die

Eltern lernten, ihre Konflikte auf

eine neue Art und Weise auszutragen.

Jakob lernte, dass Streit

und Versöhnung zu Beziehungen

dazugehören und streiten auch

lustvoll sein kann. Die Familie

fand Worte, Gefühle zu benennen

und miteinander darüber zu

reden, genauer hinzuhören, was

der andere meinte. Eigentlich

war nun kein Platz mehr für die

Kobolde. Deshalb malte Jakob

zum Schuss der Therapie ein Bild,

das die Kobolde auf einer einsamen

Insel zeigte. Dort hatten

sie einen guten Platz, konnten den

ganzen Tag Schwimmen gehen

und Schabernack treiben.

Spendenkonto: 007102791 BLZ

45010 Volksbank Salzburg

www.kinderseelenhilfe.at oder

www.promentesalzburg.at

Mag. Margret Korn

grosse chance

durch „jumber“

Das „Jugendliche Arbeitstraining“

DJUMBER

in Salzburg ist Anlaufstelle

für Jugendliche mit psychischen

Erkrankungen. JUMBER gibt

den Heranwachsenden eine neue

Chance zu mehr psychischer Stabilität.

Hier werden aus vorerst oft unnahbaren,

coolen Typen verletzte

und verängstigte Jugendliche, die

hier erstmals einen Platz finden, wo

sie sich angenommen fühlen und

aus sich heraus kommen. Die enge

Kooperation mit der CDK ermöglicht

natürlich auch eine unbürokratische

fachärztliche Abklärung

und bei Bedarf auch Behandlung.

Die Unterstützungsnotwendigkeiten

gehen von einer generellen

medizinischen Grundversorgung

bis zu Schuldenregulierung, Wohnversorgung,

Partnerschafts- und

Elternkonflikten.

Von einer Arbeitsfähigkeit kann

zu Beginn des Trainings oft noch

nicht gesprochen werden. Nichts-

destotrotz gelingt es den Jugendlichen

sehr oft in atemberaubender

Schnelle die Sicherheit wahrzunehmen

und sich altersgemäß zu

entwickeln. So war es möglich,

dass seit Beginn im Juni 2006 bis

heute bereits 9 Jugendliche eine

Stelle in der Wirtschaft gefunden

haben und dies bei immerhin nur 8

Trainingsplätzen. Das Konzept beinhaltet

selbstverständlich Praktikas

in der Wirtschaft, Einzelgespräche,

Krisenmanagement, Einbindung

des persönlichen Umfeldes der Jugendlichen

(Erziehungsberechtigte,

sonstige Angehörige und wichtige

Freunde), Praktisches Arbeitstraining

in der Gärtnerei bis hin zur Lehrlingsausbildung,

regelmäßige Weiterbildungsangebote

in der Gruppe,

wie Kochtraining, Selbstverteidigungskurse,

Infoveranstaltungen

zu Themen: Arbeitsrecht, Umgang

mit der Erkrankung (Psychoedukation),

Umgang mit Sexualität,

Drogen, Vorgesetzten, KollegInnen,

Arbeitshaltung u.v.a.m.

Mag. Margret Korn, Pro Mente

Salzburg Geschäftsführung,

Mag. Krejci Tanja, Trainingsleiterin


uchbesprechungen

von mag. liane halper, verein start; mag. angela ibelshäuser,

gesellschaft für psychische gesundheit – pro mente tirol

Schirin Homeier

Sonnige Traurigtage,

Mabuse

Verl ag,

Frankfurt a. M.

2006, 128 Seiten,

ISBN: 3-938304-

16-2

Das erste illustrierte Kinderfachbuch

für Kinder psychisch kranker

Eltern und deren Bezugspersonen.

„Was ist eigentlich mit Mama los?“,

fragt sich die neunjährige Mona.

Denn Mama hat sich in letzter

Zeit sehr verändert und kümmert

sich um nichts mehr. So muss das

Mädchen den Haushalt ganz allein

organisieren. In der Schule sagen

die Kinder, Mama sei komisch –

ist das wahr? So wie alle Kinder

psychisch erkrankter Eltern muss

Mona herausfinden, was eine psychische

Erkrankung wirklich ist und

wer sie und ihre Mutter unterstützen

kann. Im ersten Teil des Buches

wird in Bilderbuchform Monas Geschichte

dargestellt. Im zweiten Teil

wendet sich Mona direkt an das

Leserkind. Der dritte Teil gibt privaten

und professionellen Bezugspersonen

konkrete Hilfestellungen,

um die Situation der „kleinen

Angehörigen“ zu verstehen.

Beate Lisofsky,

Fritz Mattejat

Nicht von

schlechten

Eltern

Psychiatrie-

Verlag GmbH,

Bonn 2005, 5.

Auflage, 209, Seiten,

ISBN: 3-884142-25-9.

Kinder verstehen oftmals nicht,

warum ihre Mutter tagsüber in

abgedunkelter Wohnung auf

dem Sofa liegt und zu nichts Lust

hat. Sie begreifen nicht, warum

ihr Vater sonderbare Stimmen

hört, merkwürdige Dinge tut

oder ohne Vorwarnung einen jähzornigen

Wutanfall bekommt,

obwohl er doch vorher noch mit

ihnen gespielt hat. Die psychische

Erkrankung der Eltern bedeutet

eine Belastung für die Kinder,

ist aber auch ein Risikofaktor für

die eigene seelische Gesundheit.

Häufig geraten die Kinder jedoch

erst ins Blickfeld, wenn es um

die Frage geht, ob sie bei den

Eltern bleiben können oder eine

Unterbringung in Pflegefamilien

oder Heimen erzwungen werden

soll. Viele solcher Situationen

könnten vermieden werden, wenn

den Kindern und ihren Eltern vorher

Hilfen angeboten würden,

denn: Kinder brauchen ihre Eltern,

auch wenn sie psychisch krank sind.

Dass auch Kinder Angehörige sind,

wurde häufig vergessen. Erstmals

werden Erfahrungsberichte von

Betroffenen und Fachleuten zu

einem Ratgeber für Kinder psychisch

Kranker und ihre Eltern

zusammengefasst.

Marie-Luise

Knopp, Klaus

Napp (Hg.)

Wenn die Seele

überläuft Kinder

und Jugendliche

erleben die Psychiatrie,Psychiatrie

Verlag, Bonn 2006, 6. Auflage,

220 Seiten, ISBN: 3-884141-62 -7.

Silke hat versucht, sich umzubringen,

Peter bekommt in der

Schule Angstzustände und Judith

verliert sich in Traurigkeit. Doch

was tun, wenn die Seele über-

läuft? Judith, Silke und Peter und

viele andere haben schließlich in

der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Hilfe gesucht. Sie haben beschlossen,

sich nicht länger zu verstecken

und den Vorurteilen gegenüber der

»Klapse« mit ihrer Geschichte entgegenzutreten.

Ihre authentischen

Erlebnisberichte bilden einen Spiegel,

in dem sich Jugendliche und

Eltern, die Ähnliches erleben, wieder

erkennen können. Und vielleicht

lernen sie sich nach der

Lektüre besser verstehen.

Eggermann Vera

& Janggen Lina

FUFU und der

grüne Mantel.

AstraZeneca AG,

CNS, Grafenau

10, CH-6301 Zug

2004. Das Buch kann über AstraZeneca

bestellt werden: cns@

astrazeneca.ch

FUFU und seine Eltern, Mama

und Papa Fuchs, leben gemeinsam

in einem Pilzhaus. FUFUs Welt ist in

Ordnung. Bis zu dem Tag, an dem

Papa Fuchs plötzlich einen grünen

Mantel trägt und sich alles verändert.

Das Buch beschäftigt sich

mit dem Thema, dass ein Elternteil

plötzlich psychisch krank ist.

Dieser Vorfall ist vor allem für

kleinere Kinder sehr schwierig.

Meist weiss der andere Elternteil

nicht, wie er helfen soll, und ist mit

der ganzen Situation überfordert.

Das Kind versteht die Welt nicht

mehr. Die Geschichte um FUFU soll

Kindern dabei helfen, besser mit

der Situation klarzukommen. Sie

spricht Themen wie Angst, Schuld

und Hilflosigkeit direkt an, sodass

das Kind sich damit auseinandersetzen

kann.


undessekretariat

telefon: 0732 / 78 53 97

fax: 0732 / 78 54 47

E-Mail: office@promenteaustria.at

www.promenteaustria.at

mitglieder von pro mente austria

arcus sozialnetzwerk gemeinnützige gmbh

4152 sarleinsbach, marktplatz 11

tel.: 07283/8531, fax:07283/8531230

e-mail: office@arcus-sozial.at

arge sozialdienst mostviertel

3300 amstetten, Lorenz-buschl-straße 3

tel./fax: 07472/69900, e-mail: sdm-amstetten@aon.at

aks sozialmedizin gmbh

6900 bregenz, rheinstraße 61, tel.: 05574/202-0

fax:05574/202-9, e-mail: office@aks.or.at

gesellschaft für psychische gesundheit –

pro mente tirol

6020 innsbruck, Karl-schönherr-straße 3

tel.: 0512/585129, fax: 0512/585129-9

e-mail: direktion@gpg-tirol.at

gesellschaft zur förderung seelischer gesundheit

8010 Graz, Plüddemanngasse 45, tel.: 0316/931757

fax: 0316/931760, e-mail: office@gfsg.at

hpe österreich, hilfe für angehörige und freunde

psychisch erkrankter

1070 Wien, bernardgasse 36/4/14, tel.: 01/5264202

fax: 01/5264202-20, e-mail: office@hpe.at

österreichische gesellschaft

für gemeindenahe psychiatrie

LnK Wagner-Jauregg, 4020 Linz, Wagner-Jauregg-Weg 15

tel.: 0732/6921-22001, fax: 0732/6921-22004

e-mail: hans.rittmannsberger@gespag.at

pgd psychosoziale gesundheitsdienste gmbh

6850 Dornbirn, färbergasse 15 rhombergsfabrik, rot 17

tel.: 05572/32421-0, fax: 05572/32421-4

e-mail: office@pgd.at

pro mente burgenland

7000 eisenstadt, Lisztgasse 1/top iii

tel./fax: 02682/65188 oder 0664/5489141

e-mail: office@promente-bgld.at

pro mente kärnten

9020 Klagenfurt,Villacher straße 161, tel.: 0463/55112

fax: 0463/50125, e-mail: office@promente-kaernten.at

Ö s t e r r e i c h i s c h e r D a c h V e r b a n D

D e r V e r e i n e u n D G e s e L L s c h a f t e n

f ü r P s yc h i s c h e u n D s o z i a L e G e s u n D h e i t

a u s t r i a n f e D e r at i o n f o r m e n ta L h e a Lt h

pro mente niederösterreich

2020 hollabrunn, robert-Löffler-straße 20

tel.: 02952/2275-630, fax: 02952/2275-632

e-mail: psychiatrie@khhollabrunn.at

pro mente oberösterreich

4020 Linz, Lonstorferplatz 1, tel.: 0732/6996-0

fax: 0732/6996-80, e-mail: office@promenteooe.at

pro mente plus

Lonstorferplatz 1, 3. stock, 4020 Linz

tel.: 07224/66136-13, e-mail: office@promenteplus.at

www.promenteplus.at

pro mente salzburg

5020 salzburg, südtirolerplatz 11/1

tel.: 0662/880524-124, fax: 0662/880524-109

e-mail: pms@promentesalzburg.at

pro mente steiermark

8010 Graz, Leechgasse 30

tel.: 0316/71424540, fax: 0316/714245-44

e-mail: zentrale@promentesteiermark.at

pro mente wien

1040 Wien, Grüngasse 1a

tel.: 01/5131530, fax: 01/5131530-350

e-mail: office@promente-wien.at

psychosozialer dienst burgenland gmbh

7000 eisenstadt, franz-Liszt-Gasse 1/iii

tel.: 057979/20000, fax: 057979/2020

e-mail: psd@krages.at

start – sozialtherapeutische arbeitsgem. tirol

6020 innsbruck, Karmelitergasse 21

(Gasser-areal), tel.: 0512/584465, fax: 0512/584465-4

e-mail: office@verein-start.at

verein pro humanis

8010 Graz, conrad-v.-hötzendorf-straße 23

tel.: 0316/827707, fax: 0316/827707-4

e-mail: office@prohumanis.at

werkstätte „opus“

1070 Wien, neubaugasse 33/1/6

tel./fax: 01/5260699, e-mail: opus@gmx.at

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