Iurratio – Juristische Nachwuchsförderung eV

iurratio.de

Iurratio – Juristische Nachwuchsförderung eV

scheint heute weitestgehend entkräftet. 13 Vielmehr stellte sich heraus, dass ge-

rade jüngere Kinder aufgrund ihres mangelnden Verständnisses für sexuel-

les Verhalten eher dazu neigen, ungezwungen das wiederzugeben, was sie tat-

sächlich erlebt haben. 14

Letztlich tritt gerade bei Kleinkindern noch ein relativ schneller Erinnerungs-

verlust ein, so dass sich ihre Aussagetüchtigkeit unter Umständen wöchent-

lich verschlechtern kann und eine zeitnahe Vernehmung erforderlich ist. 15

Abschließend ist anzumerken, dass laut einer Studie die Aussagezuverlässig-

keit von Kleinkindern im Alter von vier Jahren bei 35 %, im Alter von Fünf

bei 42 % und im Alter von Sechs bei 48 % liegt, sodass auch Kleinkinder ver-

wertbare Aussagen machen können. 16

II. AUSSAGETüCHTIGKEIT VoN SIEBEN- BIS ZEHNJäHRIGEN

KINDERN

Im Gegensatz zu der Altersgruppe der Kleinkinder nehmen Kinder im Al-

ter zwischen sieben und zehn Jahren Sachverhalte differenzierter und zusam-

menhängender wahr und können diese umfangreicher wiedergeben. 17 Sie

entwickeln zunehmend ein selbstkritisches Element ihrer Persönlichkeit, so-

dass sie den Grad ihrer Erinnerungssicherheit besser einschätzen können. 18

Auch Grundschulkinder lassen noch spontane und unverstellte Reaktionen in

ihre Erzählungen einfließen, wenn etwa ihr Vokabular nicht ausreicht. Diese

Merkmale können es erleichtern, einen authentischen Bericht zu identifizie-

ren. 19

Eindeutige Vorteile zeigen sich bei Grundschulkindern in Bezug auf ihre Ge-

dächtnisleistung und die Gesprächsführungsfähigkeit. 20

Negativ könnte sich in der hier betrachteten Altersgruppe auswirken, dass die

Kinder unter Umständen aus anderen Sphären (z.B. Fernsehprogramme, äl-

tere Kinder, etc.) bereits erste Informationen über Sexualdelikte erlangt ha-

ben können. 21

Hinzu kommt, dass Grundschulkinder teilweise in der Lage sind, gewisse

Sachverhalte zu verschweigen, wobei eine bewusste Falschaussage aufgrund

des leicht zu durchschauenden Auftretens der Kinder eher zu entlarven ist. 22

Zusammengefasst stellt die Gruppe der Sieben- bis Zehnjährigen jedoch die

zum Zeugnis am besten geeignete Altersgruppe dar, da Kinder diesen Alters

einerseits eine relativ gut ausgeprägte Sprachfähigkeit, eine realistische Ge-

samteinstellung 23 sowie eine ausgeprägte Unvoreingenommenheit aufweisen

und andererseits die negativen Einflüsse begrenzt sind und sich leicht iden-

tifizieren lassen. 24

13 Vgl. Undeutsch, Handbuch der Psychologie in 12 Bänden, Bd. 11, Forensische

Psychologie, S. 69 f.

14 Regber, Glaubwürdigkeit und Suggestibilität kindlicher Zeugenaussagen, S. 28.

15 Arntzen, Vernehmungspsychologie, Psychologie der Zeugenvernehmung,

3. Auflage, S. 58.

16 Vgl. Arntzen/Kardas/Michaelis-Arntzen, in: Psychologie der Zeugenaussage,

System der Glaubhaftigkeitsmerkmale, 4. Auflage, S. 206.

17 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 50.

18 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 51.

19 Regber, Glaubwürdigkeit und Suggestibilität kindlicher Zeugenaussagen, S. 30.

20 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 52.

21 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 53.

22 Wegener, Einführung in die forensische Psychologie, S. 51.

23 Vgl. Undeutsch, Handbuch der Psychologie in 12 Bänden, Bd. 11, Forensische

Psychologie, S. 71.

24 So auch Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 54.

Iurratio

Ausgabe 2 / 2011

Schwerpunkte

III. AUSSAGETüCHTIGKEIT VoN ELF- BIS DREIZEHJäHRIGEN

KINDERN

Bei der Aussagetüchtigkeit von Kindern im sogenannten vorpubertären Alter

muss erstmals eine geschlechtsspezifische Unterteilung vorgenommen wer-

den. Im Gegensatz zu den männlichen Zeugen ab elf Jahren, deren Verhal-

ten und Eignung kaum Unterschiede zu denen der vorherigen Altersstufe

aufweist, tritt bei den weiblichen Zeuginnen eine vergleichsweise große Ab-

weichung auf. 25 Demgemäß bezieht sich ein Großteil der folgenden Ausfüh-

rungen in erster Linie auf Mädchen dieser Altersstufe.

Grundsätzlich besteht bei Kindern dieses Alters die Gefahr, dass sie entweder

bereits eigene sexuelle Erfahrungen gemacht oder entsprechende Informati-

onen aus den Medien oder ihrem persönlichen Umfeld aufgenommen haben.

Problematisch hieran ist, dass eine Tat mit relativ authentischen Bildern be-

schrieben werden kann, die so nicht stattgefunden hat. 26

Zudem haben Kinder dieses Alters aufgrund des zunehmenden Wissens be-

züglich ihrer Sexualität eher ein entsprechendes Verständnis, aus dem ein

Schamempfinden und somit auch eine Hemmung zur Aussage erwachsen

kann. 27

Zeuginnen dieser Altersstufe lassen sich eher durch ihre Umwelt beeinflussen

und können so Fakten zurückhalten oder falsche Tatsachen behaupten, wo-

bei die Motive hierfür vielschichtig sind. In Betracht käme z.B. der beabsich-

tige Schutz der eigenen Familie oder die Beschönigung der eigenen Rolle in

einem Delikt. 28

Positiv kann sich auf die vorpubertären Zeugen auswirken, dass sie ein grö-

ßeres Verständnis für Zusammenhänge entwickelt haben sowie Gescheh-

nisse bewusster wahrnehmen und größtenteils bereits ein gewisses Verant-

wortungsbewusstsein entwickelt haben, dass die Gefahr einer absichtlichen

Falschaussage wieder verringert. 29

Abschließend kann festgehalten werden, dass zwar entwicklungspsycholo-

gisch die besten Voraussetzungen für eine taugliche Aussage vorliegen, ande-

rerseits aber durch diese weite Entwicklung auch eher Verfälschungen zu be-

fürchten sind. 30

IV. ZWISCHENFAZIT

Die vorangehende Darstellung ist zwar relativ grob erfolgt, sollte aber in hin-

reichender Weise deutlich gemacht haben, dass Kinder, egal welchen Alters,

als Zeugen weder grundsätzlich geeignet noch ungeeignet sind. Vielmehr ist

ein differenzierter Umgang mit dem jeweiligen Kind und seinem individuellen

Hintergrund dringend erforderlich.

25 Regber, Glaubwürdigkeit und Suggestibilität kindlicher Zeugenaussagen, S. 32.

26 Vgl. Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 57.

27 Schnitker, in: Kruse/Oehmichen , Kindesmisshandlung und sexueller

Missbrauch, S. 101.

28 Differenzierter Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 58 f.

29 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 62.

30 Im Ergebnis so auch Regber, Glaubwürdigkeit und Suggestibilität kindlicher

Zeugenaussagen, S. 33 f.

93

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine