Iurratio – Juristische Nachwuchsförderung eV

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Iurratio – Juristische Nachwuchsförderung eV

Gerade durch den öffentlichen und medialen Diskurs über den sexuellen

Missbrauch von Kindern fand innerhalb der Bevölkerung eine Sensibilisie-

rung statt, die mitunter unangenehme Nebeneffekte haben kann. So sieht sich

ein Kind, sobald der Verdacht einer Straftat aufkommt, zahlreichen äußeren

- wenn auch innerfamiliären - Einflüssen ausgesetzt, da Personen im Nah-

bereich gezielt versuchen, bestimmte Informationen über den möglichen se-

xuellen Missbrauch zu erhalten. Hieraus resultierend kann es zu unsachge-

mäßen Belastungsaussagen kommen. 48

Suggestive Einflüsse spielen jedoch auch bei der eigentlichen Befragung

durch die Ermittlungsperson eine wichtige Rolle.

Grundsätzlich sollten Vernehmungen von Kindern bis dreizehn Jahren kei-

nesfalls länger als 30 Minuten, bei jüngeren Kindern als 20 Minuten andau-

ern 49 , da nach dieser Zeit die Empfänglichkeit für suggestive Einflüsse auch

durch eigentlich nicht-suggestive Fragen stark zunimmt. 50

Ein Mensch kann jedoch bereits durch sein äußeres Auftreten suggestiv auf

Kinder wirken. Gerade ängstliche und unsichere Kinder können durch be-

sonders autoritär wirkende Personen wie z.B. Uniformierte oder Roben-

träger beeindruckt und für suggestive Einflüsse geöffnet werden, ohne das

überhaupt irgendetwas gesagt wird. 51 Demnach sollte gerade hier versucht

werden, durch ein angepasstes Auftreten diese erste, nonverbale Suggestibi-

litätsanfälligkeit zu senken.

Bei der eigentlichen Befragung gibt es Frageformen, die eine besonders sug-

gestive Wirkung haben und die von Endres, Scholz und Summa übersichtlich

dargestellt werden. 52

Neben diesen offensichtlich beeinflussenden Fragetechniken gibt es aber auch

weitere, teilweise unabsichtlich erfolgende Suggestionen. Als kleiner Einstieg

sei hier auf das Modell Schulz von Thuns verwiesen, der von den vier Sei-

ten einer Nachricht spricht. Demnach gibt es neben der Sachebene noch drei

weitere Ebenen, auf denen beim gesprochenen Wort eine Botschaft übermit-

telt wird. 53 Hierbei ist insbesondere der mutmaßlich vermittelte Appell in ei-

ner Nachricht von Bedeutung. Kinder, die sich in einer Vernehmungssitua-

tion befinden, fühlen sich häufig unwohl und versuchen, möglichst das aus-

zusagen, was ihrer Meinung nach erwartet wird. 54 Eine solche Aussage kann

z.B. durch zu viel Lob und Ermunterung seitens des Vernehmenden bewirkt

werden, da das Kind glaubt, es mache alles richtig, wenn es nur immer wei-

ter erzähle. 55

Nahezu suggestionsfrei sind offene Fragen, bei denen das Kind zu einem be-

stimmten Teil des Sachverhalts Ergänzungen vornehmen kann („W“-Fragen

oder „Leerfragen“). 56 Sollte es hierbei Verständnisprobleme geben, sind al-

lerdings auch gezielte Nachfragen eher unbedenklich, solange keine unter-

schwelligen Erwartungen oder Vorgaben durchscheinen. 57

48 Endres/Scholz/Summa, in: Fabian/Greuel/Stadler, Psychologie der Zeugenaussage,

S. 189.

49 Arntzen, Vernehmungspsychologie, Psychologie der Zeugenvernehmung,

3. Auflage, S. 53.

50 Arntzen/Michaelis, in: Psychologie der Kindervernehmung, S. 22.

51 Arntzen/Michaelis, in: Psychologie der Kindervernehmung, S. 16.

52 Endres/Scholz/Summa, in: in: Fabian/Greuel/Stadler, Psychologie der

Zeugenaussage, S. 195.

53 Vgl. Schulz von Thun/Ruppel/Stratmann, Miteinander Reden, 7. Auflage,

S. 33 ff.

54 Arntzen, Vernehmungspsychologie, Psychologie der Zeugenvernehmung,

3. Auflage, S. 49.

55 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 22.

56 Vgl. Deckers, in: NJW 1999, 1365 (1367 f.).

57 Kluck, FPR 1995, 90 (92).

Iurratio

Ausgabe 2 / 2011

Schwerpunkte

Wenn es auf Details ankommt, die ein Kind in freien Erzählungsformen nicht

erwähnt, ist es möglich, mit Mehrfachwahlfragen zu arbeiten, bei deren Be-

antwortung dem Kind eine Vielzahl an Alternativen geboten werden und es

nicht lediglich A und B als Antwortmöglichkeit geben darf. 58

III. ZWISCHENFAZIT

Insgesamt sollte deutlich geworden sein, dass es bewusste und unbewusste

Formen der Suggestion gibt und diese gerade bei Kindern neben dem Ver-

nehmungsumfeld eine große Rolle spielen. Ein sensibler und vor allem ge-

schulter Umgang scheint demnach im Bereich der Aussagegewinnung unver-

zichtbar zu sein.

D. SEKUNDäRVIKTIMISIERUNG UND PRAxISANSäTZE

Nach wie vor umstritten ist, inwieweit die Vernehmung eines (kindlichen)

Opferzeugens im Rahmen des Strafverfahrens zu einer Sekundärviktimisie-

rung führt. Die StPO hält einige Maßnahmen vor, um den kindlichen Zeu-

gen potentiell zu entlasten.

I. PRoBLEM DER SEKUNDäRVIKTIMISIERUNG

Unter Sekundärviktimisierung versteht man ein erneutes „Opferwerden“ und

ein erneutes Aufkommen der tatbedingten, negativen Gefühle durch die Kon-

frontation mit Tat und/oder Täter im Strafverfahren. 59

Allerdings ist hierzu eine sehr differenzierte Betrachtungsweise erforder-

lich, da sich ein Verfahren keinesfalls nur negativ auswirken muss. Einigkeit

herrscht lediglich darüber, dass die erneute Begegnung mit dem Täter für das

Kind häufig eine Belastung darstellt. 60

Die Auseinandersetzung mit dem möglicherweise traumatisierenden Tatge-

schehen, so sie denn in einer angemessenen Atmosphäre stattfindet, wird teil-

weise sogar als förderlich für die Verarbeitung des Erlebten betrachtet. 61

Letztlich ist die Gefahr der Sekundärviktimisierung durch eine zeitnahe Ver-

nehmung im Gegensatz zu der früher vertretenen Auffassung 62 als eher ge-

ring einzustufen.

II. PRAxISANSäTZE ZUM SCHUTZ DES KINDES

An diese Erkenntnisse anschließend gibt es einige Regelungen in der StPO,

die für den Zeugen entlastend wirken sollen. So bietet § 247 S. 2 StPO z.B.

die Möglichkeit, den Angeklagten für die Zeit der Vernehmung eines unter

18-jährigen Zeugen von der Verhandlung auszuschließen, wenn ein erheblicher

Nachteil für das Wohl des Betroffenen bei Anwesenheit des Angeklagten

droht. Dieser Nachteil kann sich gerade bei jüngeren Zeugen, die Opfer

sexueller Gewalt geworden sind und in bestimmten Abhängigkeiten zum Täter

stehen, durch die Konfrontation realisieren. 63

58 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 16.

59 Kropp, in: JuS 2005, S. 686 (688); Schneider, Einführung in die Kriminologie,

3. Auflage, S. 315 f.

60 Vgl. Kipper, Schutz kindlicher Opferzeugen im Strafverfahren, S. 76.

61 Arntzen/Michaelis, Psychologie der Kindervernehmung, S. 87.

62 So etwa Hussels, in: ZRP 1995, S. 242 (243).

63 Schaaber, in: STREIT 1993, 143 (150); Meyer-Goßner, StPO, § 247, Rn. 11.

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