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Christophorus 346

HISTORIE

ROLLING

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EIN PORSCHE STEHT NICHT. ER FÄHRT. ER MUSS EINFACH. SELBST WENN ER

50 JAHRE ALT IST. DER 356 B 2000 GS CARRERA GT AUS DEM PORSCHE-MUSEUM ZEIGT

BEI SEINEM EINSATZ BEI DER ENNSTAL-CLASSIC, WAS IN IHM STECKT. WIE FRÜHER.

Text Kristin Bergemann Fotografi e Bernd Kammerer

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Fahrzeug-Kontrolle: Letzte Vorbereitungen in

der Museums-Werkstatt

MOTORSPORTIDOLE HAUTNAH

Bei der Ennstal-Classic saßen auch

wieder viele Prominente am Steuer

eines Porsche-Klassikers.

Sebastian Vettel: Der deutsche Formel-

1-Pilot steuerte einen Porsche-Formel-

1-Rennwagen vom Typ 804, mit dem

Dan Gurney 1962 in Rouen einen

Grand-Prix-Sieg erringen konnte.

Derek Bell: Der Brite gewann fünf Mal

die 24 Stunden von Le Mans, vier Mal

saß er dabei in einem Porsche. Bei der

Ennstal-Classic war er Pilot des 356 B

2000 GS Carrera GT von 1960.

Sir Stirling Moss: Der Engländer

absolvierte zwischen 1948 und 1962

insgesamt 466 Rennen, von denen

er 194 gewann. Mit seiner Frau Misty

fuhr er einen 911 S von 1971.

Gerhard Berger: Der zehnfache Grand-

Prix-Sieger nahm im gelben Porsche

917/10 TC aus dem Jahr 1972 Platz.

„Mit diesem Wagen wollte ich schon

immer ein paar Runden drehen.“

Dr. Wolfgang Porsche: Der Aufsichtsratsvorsitzende

der Porsche SE und

der Porsche AG saß im Porsche 356

Carrera von 1964.

Das Porsche-Museum schläft noch. Nur

am silbernen 356 B 2000 GS Carrera GT,

Baujahr 1960, herrscht Betrieb. In einer

Stunde, wenn die ersten Besucher kommen,

wird er längst weg sein. Spaßtermin.

Museums-Gästen mag der exklusive Stellplatz

im futuristischen Ambiente vorkommen

wie das verdiente Altenteil. In Wahrheit

aber handelt es sich eher um einen Ort,

der unter den Augen der staunenden

Öffentlichkeit der Erholung dient. Bis es

mit der Ruhe mal wieder vorbei ist.

Drei Blau-Männer bringen eine Rampe in

Stellung. Einer schwingt sich ins Cockpit.

Handbremse lösen. Kräftig schieben. Nach

einer längeren Pause ist der Start immer ein

bisschen schwerer. Aber der Renner aus einer

anderen Zeit rollt. Schwarze Reifenspuren

bleiben auf dem weißen Marmorboden

zurück. Sie sind der forensische Beweis

für die mit Leben erfüllte Unternehmensphilosophie:

das Rollende Museum.

Der 356 mit dem langen Namen dreht auch

nach 50 Jahren noch voll auf. Man muss

ihn nur lassen.

Noch sind es zwei Wochen, bis der Oldtimer

bei der Ennstal-Classic in Österreich,

einer der wichtigsten Klassik-Veranstaltungen,

auf die Straße darf. Als ehrlicher

Nichts wie raus! Der Start zur

Ennstal-Classic ist schwer

Botschafter der großen Porsche-Historie.

Die handelt nicht von Stillstand, sondern

immer von Bewegung. Gerade für Sportwagen

gilt: Wer rastet, der rostet.

Der letzte große Auftritt des 356 ist schon

zwei Jahre her. Bei der Targa Tasmania

fuhr er sich damals in die Herzen der Zuschauer.

Echte Klassik-Freunde kennen die

Besonderheiten der GT-Version aus dem

Effeff: bewegliche Karosserieteile aus Aluminium,

Scheiben aus Plexiglas und Lederriemen

statt Fensterkurbeln. Alles extrem

sportlich ausgelegt.

Aber noch geht es im Schritttempo voran –

und mit dem Aufzug abwärts. Zwei Stockwerke

nach unten, Ebene 0, Museumswerkstatt.

Vor dem Transport zum Startort

nach Gröbming wird der 356 wie jeder

Rennsportwagen auf Herz und Nieren geprüft.

„Wir führen bei jedem Fahrzeug eine

technische Bestandsaufnahme und einen

Service durch“, sagt Werkstattleiter Kuno

Werner, hinter sich die Hebebühne mit

dem neuen Klienten.

Wenn von unten betrachtet der Betriebszustand

für die härtere Gangart gewährleistet

ist, fehlt noch das Wichtigste: Benzin.

Der Weg zur Tankstelle gilt dabei gleich als

ENDLICH ASPHALT UNTER DEN RÄDERN:

WILLKOMMEN IN GRÖBMING! DIE SONNE KOKETTIERT MIT

DEM GLÄNZENDEN 356. ODER IST ES ANDERSHERUM?


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Christophorus 346

GEBREMST WIRD NUR, WENN ES UNBEDINGT NÖTIG IST.

ÜBERHOLMANÖVER SIND BESSER. DANN STÖSST DER VIERZYLINDER-

BOXER DES 356 WAHRE FREUDENSCHREIE AUS.

Probefahrt. Die kann nach so langer Zeit

schon mal ins Stocken geraten. Oder ins

Stottern. So wie dieses Mal. Die Kraftstoffpumpe

hat es erwischt, was die Experten

irgendwie erwartet hatten. „Ein typischer

Schaden für Fahrzeuge, die viel stehen“,

sagt Kuno Werner mit Kennerblick. Das

beschädigte Teil wird ausgetauscht. Nun

nur noch das Nummernschild dran. Fertig.

S-061144 ist reisebereit. Im Transporter

geht es mit vier weiteren Museumsexponaten

in Richtung Steiermark. 492 Kilometer

nach Süden.

Willkommen in Gröbming! Klaus Bischof,

der Leiter des Rollenden Museums, lässt

die Klassiker aus dem Transporter. Der

Auftritt des Porsche-Museums sorgt immer

für Aufregung. Die Sonne kokettiert

mit dem glänzenden 356. Oder ist es etwa

andersherum?

Ein alter Bekannter wartet schon. Derek

Bell nimmt den 356 persönlich in Empfang.

Die Augen des ehemaligen Rennfahrers

funkeln. „Er wird einfach nicht älter,

wie macht er das nur?“, scherzt der 68-Jährige.

Bereits zum vierten Mal fährt der Brite

den 356 bei einer historischen Rallye. Allüren

kennen Fahrer und Fahrzeug nicht.

Wer so viel Erfahrung auf die Straße bringt,

strahlt in erster Linie Gelassenheit aus.

Selbst bei der technischen Abnahme vor

dem Start. Die übernimmt der fünffache

Le-Mans-Sieger selbst. „Bevor du die Tür

schließt, erst den Türknopf drücken“, erinnert

ihn Klaus Bischof. Bell grinst, dann

gibt er ordentlich Gas. Der Motor brummt.

Pure Lebensfreude. Der Geruch von Benzin

schwängert die Alpenluft – das Parfüm

der Legenden.

Bei den Rennkommissaren heißt es warten

– Fahrzeugabnahme. Gefühlte 45 Grad

Celsius. Die Sonne brennt. Kein Lüftchen

geht. Doch Derek Bell und den 356 scheint

es nicht zu stören. Geduldig stehen sie in

der Schlange. Sie wirken wie alte Freunde.

Bell lehnt mit dem Rücken am Fahrzeug,

streicht dem 356 immer wieder sachte über

die polierte Motorhaube, drückt die Luftblasen

aus dem Aufkleber mit der Startnummer

117. Auch der soll schließlich perfekt

sitzen. Für ein perfektes Rennen.

„Das war der erste richtige Porsche, schon

der Sound ist einzigartig“, sagt der Brite,

„das Fahrzeug hat Charakter, du darfst es

nicht zu hart rannehmen.“ Morgen kann

Bell zeigen, wie das geht.

Der nächste Tag, zehn Uhr. Die Bergwertung

ruft. Auf dem 2048 Meter hohen Stoderzinken

ist es noch angenehm kühl. Eine

leichte Brise weht. Das saftig grüne Ennstal

ruht verschlafen zwischen den Gipfeln des

Christophorus 346

PORSCHE 356 B 2000 GS

CARRERA GT

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„Der Sound ist einzigartig“: Pilot

Derek Bell kurz vor dem Start

AB INS TAL ÜBER

ENGE SERPENTINEN.

SPIELERISCH HÄLT

DER 356 SEINE LINIE.

Baujahr: 1960

Motor: Vierzylinder-Boxer

Leistung: 175 PS (129 kW)

Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h


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Dachsteinmassivs. Die schneebedeckten

Spitzen verstecken sich hinter vereinzelten

Wolken. Eine 8,4 Kilometer lange Alpenstraße

ist der einzige Weg hier hoch. 1280

Höhenmeter sind zu bewältigen. Die Route

führt über enge Serpentinen, vorbei an meterhohen,

gelblichen Felsformationen, auf

denen sich tapfer einige Tannen behaupten.

Motorbrummen ist zu hören. Mal leiser,

mal lauter. Das Tal verzerrt die Geräusche.

An der Route warten die Schaulustigen an

Campingtischen und auf Picknickdecken.

Die Geräuschkulisse nimmt zu. Die Zuschauer

drängen zum Straßenrand, von

oben sind die ersten Autos als bunte Tupfer

zwischen den Tannen zu erkennen. Aber

mit jedem erklommenen Meter werden die

Silhouetten deutlicher. Eine Kara wane der

Automobilgeschichte rollt an.

Derek Bell und der 356 sind mittendrin und

gut dabei. Der Motor läuft einwandfrei.

Wie erwartet. Bell hat das Fahrzeug voll im

Griff. Auch keine Überraschung. Als wäre

die Zeit stehen geblieben und die Fahrzeuge

nicht: beschleunigen, scharfe Lenkmanöver,

die Kurven eng nehmen. Genau wie

früher. Und Bell weiß: Er braucht Gefühl,

vollständig bändigen lässt sich der Klassiker

auch mit 50 Jahren nicht.

Wenn das steile Stück hinter der Kolonne

liegt, folgt eine knapp 300 Kilometer lange

Route vorbei an Seen und Nationalparks.

Natürlich geht es auch bei historischen

Rallyes um die Bestzeit, aber nicht allein

um die Spitze, sondern um die Gleichmäßigkeit.

Derek Bell ist in seinem Element –

gebremst wird nur, wenn unbedingt nötig.

Konzentriert brummt der 356 vor sich hin,

auch bei den Überholmanövern. Dann sind

es Freudenschreie, ausgestoßen von einem

Vierzylinder-Boxer.

Nach zwei Tagen, 845 Kilometern und etlichen

Prüfungen ist das Abenteuer vorbei.

Der 356 tritt im Transporter wieder die

Heimreise an. Zu Hause in Stuttgart stehen

die Experten der Museumswerkstatt schon

bereit. Wie Medaillen stellt der 356 die

Spuren eines Rennwochenendes zur Schau.

Es handelt sich dabei um einiges mehr als

nur den Staub der Straße. Derek Bell hat im

Ennstal Ernst gemacht. Wie sich das gehört.

Sogar die Frontscheibe hat es erwischt.

„Steinschlag“, sagt Kuno Werner

gelassen, „das ist ganz normal.“ Die Schadensbekämpfung

ist reine Routine, der 356

bekommt wieder sein Museums-Outfi t

verpasst. Neben einer funktionierenden

Technik heißt das vor allem: schön sein.

Mit dem Aufzug geht es von Ebene 0 wieder

zurück in den zweiten Stock. Einige

Museumsbesucher warten schon ungeduldig.

Noch einmal kräftig schieben, dann ist

es geschafft. Der alte Standort ist zurückerobert,

sein Ehrenplatz. „Wo kommt denn

der her?“, fragt ein Junge seinen Vater. Der

zeigt auf das gelbe Schild, das als Abwesenheitsnotiz

auf dem Standplatz des 356 B

2000 GS Carrera GT gedient hat: Ennstal-

Classic. „Wie! Der kann noch fahren?“,

entgegnet das Kind.

Der 356 ist wieder zur Besichtigung freigegeben.

So, als wäre nie etwas gewesen.

ZURÜCK IN DER

HEIMAT. PORSCHE-

MUSEUM, EHREN-

PLATZ: 356 B 2000 GS

CARRERA GT

DIE ENNSTAL-CLASSIC

„Autofahren im letzten Paradies“ ist

das Motto des jährlichen Oldtimerrennens

im Ennstal, ausgeschrieben

für bedeutende klassische Automobile

bis zum Baujahr 1972. Das Starterfeld

ist auf 205 Fahrzeuge beschränkt.

Gewertet wird nach Sollzeiten. Während

der zweitägigen Rallye bewältigen

die Oldies 845 Kilometer mit verschiedenen

Wertungen und Prüfungen.

www.ennstal-classic.at

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