Prof. Dr. Hartmut Rupp: "Bonhoeffer heute"

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Prof. Dr. Hartmut Rupp: "Bonhoeffer heute"

Prof. Dr. Hartmut Rupp

Bonhoeffer heute

Vortrag Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, Eppelheim, 26. Januar 2006

1. Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

Zunächst einmal Glückwunsch! Das war ja einst eine weitblickende Entscheidung: Dieses

Gymnasium nach Dietrich Bonhoeffer zu nennen.

In Zeiten von G 8 und PISA, TIMMS und IGLU gibt es dafür gute Gründe: Der kleine

Dietrich kommt mit sieben Jahren ins Gymnasium, macht mit 17 Jahren Abitur, promoviert

mit 21, habilitiert sich mit 24 Jahren. Bonhoeffer ist ein sehr guter Schüler, auch im Sport.

Er kann hervorragend Klavier spielen, tanzt gut, ist ein noch besserer Student, um Mädchen

kümmert er sich lange nicht. Er ist diszipliniert, strebsam und selbstbewusst. Das sind

Schüler, die unser pisageschocktes Land braucht. Solche Vorbilder spornen an.

Und dann die Familie! Seine Eltern sind alles andere als bildungsfern. Der Vater ist Medizinprofessor

und eine internationale Koryphäe. Die Mutter ist von Adel und die Tochter

eines Theologieprofessors. Sie unterrichtet ihre acht Kinder in den ersten Schuljahren

selbst. In dem großbürgerlichen Haushalt gibt es mehrere Dienstboten. Anwälte, Ärzte und

Professoren wie Herr Sauerbruch gehen aus und ein. Man hat Kontakte bis in die höchsten

Kreise und gehört zur Elite. Bildung ist ganz wichtig. Wichtiger als die Kirche. Man betet

zwar am Abend, liest biblische Geschichten, aber sonntags geht man nicht in die Kirche.

Ob man bei der Namensgebung dieser Schule so weit gedacht hat? Wohl nicht. Entscheidend

war eher die Verbindung dieser Schule mit dem Leben eines anständigen Menschen.

Die Botschaft war und ist wohl: Wir wollen in dem, was wir tun, an die Männer und

Frauen erinnern, die in einem System kollektiver Unmenschlichkeit anständig geblieben

sind. Ihr Leben, ihre Sicht des Menschen und ihre Sicht der Welt sollen für uns heute maßgeblich

sein.

Am 4. Februar 2006 jährt sich der 100ste Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer. Im vergangenen

Jahr gedachten wir seines 60. Todestages. Er wurde am 9. April 1945 im KZ

Flossenbürg hingerichtet. Dietrich Bonhoeffer ist 39 Jahre alt geworden. Sein 100. Geburtstag

soll Anlass sein, sich seiner zu erinnern und darüber nachzudenken, was wir heute

aus seiner Geschichte lernen können. Damit das ganze nicht uferlos wird, habe ich mir vier

Stationen aus dem Leben Bonhoeffers ausgewählt, die mir für das Leben von Dietrich

Bonhoeffer entscheidend zu sein scheinen und heute Nach-Denken verdienen.

Eines vorweg: Dietrich Bonhoeffer ist in meinen Augen kein „Vorbild“. Weder als Schüler

noch als Mensch, auch nicht als Christ. Wir würden uns überfordern und das hätte er gewiss

nie gewollt. Wohl aber können wir aus seinem Leben etwas lernen. 1930 kommt es

zwischen Bonhoeffer und einem Franzosen zu einem Gespräch darüber, welchen Sinn ihr

Leben haben sollte. Der Franzose sagte: „Ich möchte ein Heiliger werden.“ Bonhoeffer

sagte: „Ich möchte Glauben lernen.“ Heute können wir von ihm lernen.


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2. Die Kirche vor der Judenfrage, April 1933 – die erste Station

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Regierung kommen und Hitler Reichskanzler wird,

geht es Schlag auf Schlag. 28. Februar – Notverordnung, 24. März – Ermächtigungsgesetz,

1. April – Boykott jüdischer Geschäfte, 7. April – Einführung des Arierparagraphes. Beamte

jüdischer Herkunft werden aus dem Dienst entlassen. Nationalsozialistische Kräfte

innerhalb der evangelischen Kirche drängen darauf, dieses Gesetz auch auf Pfarrer anzuwenden.

Als Protest dagegen bildet sich die Bekennende Kirche. Der Protest wird wirksam.

Anfänglich wenige, später zunehmend mehr Pfarrer schließen sich der Bekennenden

Kirche an und wenden sich gegen die Diskriminierung von evangelischen Pfarrern, die im

Sinne des nationalsozialistischen Rassengesetzes Judenchristen sind. Zu einem Protest gegen

die Diskriminierung von Juden in Staat und Gesellschaft kommt es nicht. Im Gegenteil.

Es gibt prominente Stimmen, die den nationalsozialistischen Staat zu hartem Eingreifen

ermutigen. So der damalige Superintendent und spätere Bischof von Berlin, Otto

Dibelius, am 21. März 1933 anlässlich der Wiedereröffnung des Reichtags nach seinem

Brand. Anders Dietrich Bonhoeffer. Als einer der ganz wenigen in Kirche und Gesellschaft

nimmt er klar und deutlich Stellung. Am 14. April 1933 legt er einen Aufsatz vor zum

Thema „Die Kirche vor der Judenfrage“. Vorher hatte er seine Überlegung schon einmal

an einen Pfarrkonvent in Berlin vorgetragen. Als einer der wenigen wendet er sich gegen

eine Rassenideologie. „Judentum ist niemals ein rassischer, sondern religiöser Begriff“,

sagt er. Das haben bis heute noch nicht viele verstanden und ordnen deshalb die Begriffe

„Deutsche“ und „Juden“ neben einander. Angemessen wäre von „Juden und Christen“ zu

reden.

Im Blick auf das staatliche Handeln sagt er: Kirche hat dem Staat nichts vorzuschreiben.

Aber Kirche muss den Staat fragen, ob sein Handeln tatsächlich für Recht und Ordnung

sorgt. Der Staat steht immer wieder in der Gefahr, entweder zu wenig oder zu viel an Recht

und Ordnung zu schaffen. Ein „Zuwenig“ schafft er, wenn er eine Gruppe von Menschen,

wie z. B. jetzt Deutsche jüdischer Abstammung in dem so genannten Arierparagraph

rechtlos macht. Auch Bonhoeffers Schwager, Gerhard Leibholz, ist von diesem Arierparagraph

betroffen. Gerhard Leibholz ist der Mann seiner Zwillingsschwester Sabine, die

10 Minuten nach ihm geboren wurde. Ein „Zuviel“ an Recht und Ordnung liegt dann vor,

wenn der Staat in die Kirche eingreift und dort das kirchliche durch staatliches Recht ersetzen

will. Bonhoeffer hat die Einführung des Arierparagraphes in der Kirche vor Augen,

von der auch sein Freund, Franz Hildebrandt, betroffen ist.

In einer solchen Situation hat die Kirche drei Möglichkeiten:

(1) den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns zu befragen

(2) den Opfern staatlichen Handels beizustehen und – Bonhoeffer spricht jetzt metaphorisch


(3) nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die

Speichen zu fallen.

Alle drei Möglichkeiten sind Ausdruck des Respekts vor dem Staat. Für die dritte Möglichkeit

jedoch sieht Bonhoeffer die Zeit noch nicht gekommen. Aber eines ist ihm klar:

über die Situation und das richtige Handeln muss dann in einem „evangelischen Konzil“

entschieden werden. Das war damals ein vollkommen neuer Gedanke. Als das Führerprinzip

von allen bejubelt wird, spricht er von demokratischen Prozessen.

Man muss sich klarmachen, was da geschehen ist. Bonhoeffer wendet sich ja nicht nur

gegen die Maßnahme des Hitlerregimes und gegen eine nationalsozialistisch gefärbte

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Kirchenleitung, sondern auch gegen die stillschweigende Mehrheit in Deutschland. Wie ist

das möglich? Wie war es Bonhoeffer möglich, die Judenfrage vollkommen anders zu

sehen als alle anderen hierzulande? Und was gibt ihm den Mut, das auch noch laut zu

sagen? Was kann man daraus lernen?

Hier geht es um die Voraussetzungen von Eigenständigkeit, von Autonomie, von Erwachsensein.

Gut ist nicht einfach das, was die Mehrheit sagt, sondern das, was ethischen Prinzipien

– bei Bonhoeffer Recht und Ordnung, heute die Menschenrechte – entspricht. Aber

wie gelangt man zu dieser Eigenständigkeit im Urteil – und im Handeln?

Zumindest drei Faktoren sehe ich als wirksam an, wobei ich einräume, dass man individuelles

Handeln nie ganz kausal erklären kann:

Faktor 1: Das Gespräch in der Familie, das Vorbild der Älteren und die Wertschätzung

durch die Eltern

Bei Bonhoeffers wurde immer über die politischen Verhältnisse gesprochen. Es gab auch

Zugang zu Informationen, die andere nicht hatten. Bonhoeffer kannte die staatlichen Maßnahmen

schon vorher von seinem Schwager Hans von Dohnanyi, der im Justizministerium

wirkte. Aber auch das Vorbild der Großmutter spielte eine wichtige Rolle. Die 90jährige

Julie Bonhoeffer ging am 1. April demonstrativ in das von einem Juden geführte Kaufhaus

des Westens einkaufen. Reden und Tun gehören zusammen. Zu dem Freundeskreis von

Bonhoeffer gehören Juden und so genannte Judenchristen. Bonhoeffer hatte immer Meinungen

vor Augen, die den Mainstream in Frage stellte. Hinzukommt, dass eigenständiges

Denken in der Familie wertgeschätzt wurde. Man legte viel Wert auf Konvention, das ist in

einem wilhelminischen Elternhaus auch nicht verwunderlich. Aber darin wurde auch das

stolze Gefühl vermittelt, zu höherer allgemeiner Verantwortung berufen zu sein. (Gedanken

zum Tauftag, Mai 1944)

Faktor 2: Die Abneigung gegen proletenhaftes und primitives Auftreten

Dieses Auftreten beginnt schon in der Sprache und findet im Handeln seine Fortführung.

Im Hause Bonhoeffers lernte man eine andere Sprache – eine wichtige Rolle spielte dabei

die Literatur.

Faktor 3: Mit den Augen der Schwachen sehen und mit ihren Ohren hören

Bonhoeffer hatte in seinem ersten Amerikaaufenthalt 1930-31 Franklin Fisher kennen

gelernt, einen schwarzen Studenten. Dieser zeigt ihm die Kirche der Schwarzen in Harlem

und Dietrich Bonhoeffer lernt die Welt mit den Augen der Benachteiligten zu sehen.

Theologisch macht er Bekanntschaft mit dem „social gospel“. Dieses sagt: Christus steht

auf der Seite der Schwachen und der Entrechteten. Wer wirklich glaubt, der tritt auf die

Seite der Armen. John Rawls, ein amerikanischer Philosoph, misst die Gerechtigkeit von

Entscheidungen daran, ob sie den am meisten Benachteiligten am meisten Vorteile bringt.

Anständigkeit und Eigenständigkeit kommen nicht von ungefähr. Sie wurzeln in der Begegnung

mit Menschen, die sozial ausgegrenzt leben. Sozialpraktika und Auslandsaufenthalte

bekommen hier noch einmal eine besondere Relevanz (Kirche für andere, Spanien,

England, Wedding, 1931-1932).

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3. Rückkehr nach Deutschland, Juni 1939 – die zweite Station

Nach 1933 engagiert sich Dietrich Bonhoeffer in der Bekennenden Kirche. Aus dem genialen

Theologen wird der engagierte Christ. Er sieht in dem rassischen Denken und der Anpassung

der evangelischen Theologie an den Nationalsozialismus einen Abfall vom biblischen

Glauben. Als die so genannten „Deutschen Christen“ 1935 verlangen, dass man das

Alte Testament als Teil der Heiligen Schrift aufgeben soll, gehen auch vielen anderen die

Augen auf. Bonhoeffer schafft es mit anderen, dass die Nazi-Christen nicht über alles

bestimmen und sogar ein wenig zurückgedrängt werden.

Bonhoeffer wird Leiter der Vikarsausbildung der Bekennenden Kirche in der Altpreußischen

Union. Durch seine theologische Kritik verliert er seine Lehrbefugnis in Berlin. Als

die Ausbildung verboten wird, arbeitet er illegal solange weiter, bis die Ausbildung ganz

eingestellt werden muss. Je näher der Krieg rückt, desto näher rückt die Frage nach dem

Wehrdienst. Bonhoeffer will jedoch kein Soldat werden. Das verbietet ihm sein christliches

Gewissen, seine Orientierung an der Bergpredigt und seine Bindung an Jesus

Christus. In seinem Buch „Nachfolge“ schreibt er zum Feindesliebesgebot: „Nicht nur

dulden sollen wir das Böse und den Bösen ertragen, nicht nur Schlag nicht mit Widerschlag

vergelten, sondern in herzlicher Liebe sollen wir unserem Feinde zugetan sein.“

Man kann hinzufügen: so wie das auch Jesus getan hat. Das „Wir“, das sind diejenigen, die

mit Ernst Christ sein wollen. Dazu zählt Bonhoeffer selbst und dafür will er die Vikare der

Bekennenden Kirche gewinnen. Aus der bildungsbürgerlichen Distanz wird eine eindeutige

Identifikation mit der Kirche Jesu Christi (nicht der empirischen Kirche) und eine konsequente

Orientierung an der Bibel. Das kann man lernen: Wer für Gott ist und von Gott

ergriffen ist, der ist gegen einen totalen Staat. Nichts in dieser Welt darf absoluten Gehorsam

beanspruchen und schon gar nicht erhalten.

Ein Weg, dem Wehrdienst zu entgehen, ist die Einladung seiner amerikanischen Freunde

in New York Theologie zu lehren. Bonhoeffer spricht sicher englisch, kennt sich in den

USA aus und gilt dort schon eine ganze Weile als außergewöhnlicher Theologe. Zur eigenen

Überraschung darf Bonhoeffer ausreisen und kommt im Juni 1939 nach New York.

Die Freunde, die genau wissen, was in Deutschland abläuft, versuchen sogleich den Lehrauftrag

zu verlängern, so dass Bonhoeffer ganz in USA bleiben kann. Doch zu ihrer Überraschung

und auch zu ihrer Enttäuschung entschließt sich Bonhoeffer, wieder zurück nach

Deutschland zu fahren, gerade weil er weiß, dass es den Krieg geben wird. Letztendlich

weiß er selbst nicht, warum er gehen muss. Er fragt sich selbst: „Ist es ein Zeichen von

Unklarheit, innerer Unehrlichkeit oder ist es ein Zeichen, dass wir über unser Erkennen

hinausgeführt werden – oder ist es beides?“ Selber findet er auf diese Frage keine Antwort.

Er schreibt aber: „Gott weiß es“. In einem Brief an Reinhold Niebuhr, einem deutschstämmigen

amerikanischen Theologieprofessor, mit dem er sehr verbunden ist, schreibt er

am 21. Juni 1939:

„Es war ein Fehler von mir, nach Amerika zu kommen. Ich muss diese schwierige Periode

unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben. Ich werde kein

Recht haben, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in

Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfungen dieser Zeit nicht mit meinem Volk

teile... Die Christen in Deutschland stehen vor der fürchterlichen Alternative, entweder in

die Niederlage ihrer Nation einzuwilligen, damit die christliche Zivilisation weiterleben

kann, oder in den Sieg einzuwilligen und dabei unsere Zivilisation zu zerstören. Ich weiß,

welche Alternativen ich zu wählen habe; aber ich kann diese Wahl nicht treffen, während

ich mich in Sicherheit befinde.“

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Bonhoeffer weiß, dass der Krieg kommt. Bonhoeffer will, dass dieser Krieg verloren geht,

damit die christliche Zivilisation weiterleben kann. Er könnte auch sagen, dass Recht und

Ordnung wieder Bestand haben. Und Bonhoeffer ist davon überzeugt, dass er nur dann das

Recht hat am Aufbau eines anständigen Deutschlands mitzuarbeiten, wenn er diese schwierige

Zeit nicht von Außen in Sicherheit beobachtet, sondern von Innen alles mit anderen

durchlebt.

In dieser Argumentation klingt an, was Bonhoeffer so wichtig war und was er in seiner

Ethik, die er zwischen 1940 bis 1943 schreibt, zentral ist, nämlich „Verantwortung“. Kein

Mensch lebt nur für sich. Jeder Mensch steht in Beziehungen zu ganz konkreten Menschen.

Bonhoeffer steht in Beziehung zu seinen Vikaren, zu den Menschen der Bekennenden

Kirche, zu den Verschwörern, die gegen Hitler arbeiten und dabei ihr Leben aufs Spiel

setzen. Zu diesen gehört auch sein Schwager Hans von Dohnanyi und sein Bruder Klaus.

Bonhoeffer weiß, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Da aber jeder

Mensch mit anderen zusammenlebt, heißt Selbstverantwortung immer Verantwortung für

andere. Wer in Übereinstimmung mit sich selbst kommen will, der muss für andere sein.

Diese Verantwortung ist immer konkret und hat immer mit bestimmten Situationen und

Anlässen zu tun. Jetzt und hier muss ein Mensch seine Entscheidung treffen, im Blick auf

seine eigenen Möglichkeiten, seinen eigenen Grenzen und in Abwägung der Folgen. Der

gute Wille allein, die gute Absicht reicht nicht. Es geht immer wieder auch darum, was

dabei herauskommt, ob das gut ist, ob das zu verantworten ist.

Für Bonhoeffer sind alle Menschen von Gott dazu bestimmt, frei und verantwortlich zu

handeln – an dem Ort, an dem sie gerade stehen. Wichtig ist der Rahmen, in dem dieses

Handeln sich vollzieht. Wie sehe ich diese Welt? Sind da nur Egoisten am Werk, die meine

Freundlichkeit nur ausnützen? Bestimmen nur „die da oben“ und ich kann sowieso nichts

machen? Oder kann ich doch Einfluss nehmen? Diese Welt ist für Bonhoeffer die Welt

Gottes, es ist die Welt, für die Christus gestorben und auferstanden ist. Jeder hat darin

seinen Platz und seine Aufgabe, aber es ist und bleibt die Welt Gottes. Diese Sicht hat aber

entscheidende Konsequenzen!

(1) Die erste Konsequenz: Keiner ist für alles verantwortlich. Meine Verantwortung

bezieht sich auf das, was mir zugänglich und möglich ist. Es kann nie darum gehen, die

ganze Welt zu retten, das wäre Anmaßung. Es ist die Welt Gottes.

(2) Die zweite Konsequenz: Es geht im Leben fast nie um Gut oder Schlecht, es geht

meistens um etwas Besser und etwas Schlechter, manchmal sogar nur um Schlecht und

noch Schlechter. Christus ist für diese Welt gestorben und auferstanden. Das hat schon

seinen Grund.

(3) Die dritte Konsequenz: Letztlich weiß ich nie ganz genau, ob das, was ich tue, wirklich

gut ist, nämlich ob es wirklich gute Folgen hat. Ich kann Gottes Handeln nicht ersetzen.

Bonhoeffer weiß 1939 nicht ganz genau, ob das, was er tut, richtig ist. Aber er kann

nicht anders. Er weiß nur eines aus der Bibel: Bei all dem, was ich tue gilt es, den Nächsten

und Gott im Auge zu behalten, die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Hier findet das

Handeln allgemeine Kriterien, die die Richtung weisen.

(4) Die vierte Konsequenz: Ich kann und darf damit rechnen, dass irgendjemand und

irgendwas meine Anfänge zu einem guten Ende bringt. Nur so ist die Offenheit und die

Unsicherheit verantwortlichen Handelns überhaupt zu bestehen. „Ich glaube, dass unsere

Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer fällt, mit ihnen

fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ (Einige Glaubenssätze über das

Walten Gottes in der Geschichte 1942)

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(5) Die fünfte Konsequenz: Kein Anspruch, keine Idee, darf absolut gesetzt werden. Gott

ist der Herr dieser Welt und niemand sonst. Alles andere hat ein begrenztes Recht.

Bonhoeffer hat den Führerglauben vor Augen. Wahrscheinlich würde er mit uns heute über

das Geld, die Aktien und die Globalisierung sprechen.

Wiederum kann man von Dietrich Bonhoeffer lernen. Zum Erwachsensein gehört Verantwortung

und Verantwortungsfähigkeit. Der erwachsene Mensch ist stets auch ein verantwortliches

Subjekt. Dies schließt ein Menschenbild und wie gezeigt, auch ein Weltbild ein.

Die Frage ist jedes Mal: Wie sehe ich diese Welt, wie sehe ich Gegenwart und Zukunft?

Worin sehe ich meine Aufgabe, meine Bestimmung, mein Ziel, meine Möglichkeiten und

meine Gaben?

Es kommt aber noch eines dazu: Zur echten Verantwortung gehört Freiheit, innere Freiheit,

die Unabhängigkeit von den Meinungen anderer, aber auch die Freiheit von dem Wunsch,

sich immer selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Wer diese Freiheit nicht hat, der passt sich

entweder ständig an oder macht alles, um selber gut da zu stehen. Was aber gibt einem

Menschen diese königliche Souveränität, die einen erkennen lässt, was in einer Zwickmühle

für alle gut und richtig – oder zumindest besser ist? Für Bonhoeffer ist die Antwort

klar.

4. Das Ja zum Tyrannenmord 1939/1940 – dritte Station

Mit dem Kriegsbeginn beginnt die Mitarbeit von Dietrich Bonhoeffer im Widerstand, übrigens

ein Wort, das es für die Betroffenen noch gar nicht gibt. Bonhoeffer übernimmt die

Aufgabe, alliierte Stellen über einen geplanten Staatsstreich zu informieren und Möglichkeiten

zu erkunden, wie es dann weitergehen könnte. Eine entscheidende Voraussetzung

sind seine vielfältigen ökumenischen Kontakte, insbesondere mit dem anglikanischen

Bischof von Chichester, George Bell, und seine Mitarbeit in Gremien der Ökumene.

Offiziell soll er als Mann der militärischen Abwehr aus diesen Quellen Informationen

beschaffen. Bonhoeffer war gewissermaßen eine Art Doppelagent, allerdings mit einem

wichtigen Unterschied, dass er nur nach einer Seite gearbeitet hat. Dies ersparte ihm den

Wehrdienst und ermöglichte ihm die vielen Reisen ins Ausland, bei deren sogar wohlmeinende

Kollegen (Karl Barth) irritiert wurden. Wie kommt es, dass Bonhoeffer Dinge

machen darf, die andere nicht dürfen? Hinzu kommt aber noch eines: Bonhoeffer ist so

etwas wie ein Beichtvater für die anderen im Widerstand. Er hilft ihnen, ihre Gewissenslast

zu tragen.

Es gibt keinen fest datierbaren Entschluss, aus dem heraus der Schritt in den Widerstand

erfolgt. „Man wuchs hinein“ sagen andere. Aber irgendwann war klar, dass man sich dem

unaufhaltsamen Weg in die Barbarei entgegenstellen und dafür auch persönliche Konsequenzen

in Kauf nehmen muss. Eine entscheidende Rolle spielt der Schwager von Dietrich

Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi, von dem die Gestapo später sagt, er sei das geistige

Haupt des 20. Juli gewesen. Dieser sammelt Dossiers, die die Ungeheuerlichkeit des nationalsozialistischen

Handelns darstellen sollen. Als diese 1944 gefunden werden, führt dies

letztlich zur Hinrichtung Bonhoeffers und auch zu der von Hans von Dohnanyi.

Man kann fragen, wie erfolgreich Bonhoeffer als Agent war. Wichtig ist auf jeden Fall ein

Treffen mit Bischof Bell in Schweden 1942. Hier informiert er gemeinsam mit Hans

Schönfeld das Mitglied des britischen Oberhauses über Existenz, Ziele, Fragen, ja sogar

die Namen der deutschen Opposition. Bell hat die englische Regierung tatsächlich auch

informiert, dort wollte man aber nicht auf den deutschen Widerstand setzen.

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Mit dieser Zusammenarbeit bejaht Bonhoeffer bewusst den Tyrannenmord. Für seinen

Biograph, Eberhard Bethge, gibt es schon im Herbst 1941 ein Ja Bonhoeffers zu den

Attentatsplänen. Ausgerechnet er, der in seinem Buch „Nachfolge“ für einen radikalen

Pazifismus im Namen der Feindesliebe eintritt, der Ghandi verehrt und einige Zeit einen

Besuch in Indien bei ihm plant und 1934 auf der dänischen Insel Fanö bei der Jugendkonferenz

des Internationalen Weltbundes den Krieg als „Sünde“ bezeichnet. Aufgabe

einer ökumenischen Kirche ist, weltweiten Krieg und die Aufrüstung zu verbieten und den

Frieden Christi auszurufen. Bonhoeffer fordert ein großes ökumenisches Konzil, um den

Frieden zu stiften und zu bewahren. Damals war das eine ganz fremde Vorstellung. Sie

wurde in den 70iger Jahren von der Friedensbewegung, insbesondere von Carl-Friedrich

von Weizsäcker wieder aufgenommen und führte zum konziliaren Prozess der Kirchen.

Am Rande der Konferenz fragt ihn ein Schwede: „Was werden Sie in einem Kriegsfalle

tun, Herr Pastor?“ Bonhoeffer antwortete: „Ich bete, dass mir Gott dann die Kraft gibt,

nicht zu den Waffen zu greifen.“

Den Kriegsdienst hat er vermeiden können, doch jetzt stimmt er einem Attentat, einem

Mord zu – auch wenn es nie darum ging, dass er selber eine Bombe legen sollte. Wie passt

das zusammen? Pazifismus und Mord? Und wie ist das möglich, bei einem lutherischen

Theologen, der traditionell die Obrigkeit bejaht?

Als Bonhoeffer Ja sagt, hat er vor allem den Fortgang des Vernichtungskrieges vor Augen

und die Einsicht, dass alles so weitergeht, solange Hitler das Sagen hat. Bonhoeffer ist davon

überzeugt, dass ein Staat nur so lange von einem Christen Gehorsam erwarten kann,

solange dieser von ihm keinen Verstoß gegen Gottes Gebot verlangt. Dann würde der Staat

seinem eigenen Auftrag widersprechen.

Wenn man das in die Sprache heutigen Rechts transponiert, kann man sagen, ein Staat

kann nur so lange von seinen Staatsbürgern Loyalität verlangen, solange er sich an die

Menschenrechte hält. Die Loyalität hört auf, wenn etwas verlangt wird, was gegen die

Menschenrechte und insbesondere gegen die Menschenwürde verstößt.

Aber Bonhoeffer sieht seine persönliche Situation noch dramatischer: In dieser Situation

nichts zu tun, obgleich er die Möglichkeit hat, macht mitschuldig am Tod vieler Menschen

und an der Unterdrückung ganzer Völker. In dieser Situation am Tyrannenmord mitzuwirken,

macht jedoch auch schuldig, denn Gott sagt, „Du sollst nicht töten“, doch dadurch

kann das Schicksal vieler geändert werden. Für Bonhoeffer gibt es keinen Weg, ohne

schuldig zu werden. Allerdings, und das verdient Erwähnung: Für Bonhoeffer ist klar, dass

das eine Entscheidung ist, die jeder Mensch ganz persönlich für sich zu treffen hat, vor

sich selbst und vor Gott. Niemand kann ihm diese Entscheidung abnehmen und sie bleibt

eine Schuld, sie bleibt Verbrechen, für die man bereit sein muss, alle Konsequenzen zu

tragen. Daraus darf auch nie ein Prinzip werden. Eine solche Gewalttat ist und bleibt eine

Tabuverletzung. In dieser schwierigen Situation bleibt dem Mensch nur eines, auf die Vergebung

Gottes zu hoffen. Bonhoeffer hat hier nicht kalkuliert, er hat gehofft und vertraut.

Es geht um die Eigenart erwachsenen verantwortlichen Lebens.

Die eine Schlussfolgerung ist: Es braucht elementare Regeln, die jedem Hilfen an die Hand

geben, Entscheidungen zu treffen, wenn die konkreten Gesetze versagen. Für Bonhoeffer

sind das die Gebote Gottes im Dekalog und in der Bergpredigt. Für Christen gilt das bis

heute. Für unser heutiges Gemeinwesen sind das die Menschenrechte.

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Die andere Schlussfolgerung ist: Es gibt Situationen, in denen man gar nicht anders kann,

als schuldig zu werden, an Geboten, an Gesetzen und an Menschen. Das passiert nicht

jeden Tag und sollte auch die Ausnahme bleiben: doch das Leben hält Zwickmühlen

bereit, die man ohne Schuldübernahme nicht lösen kann. Dann muss man Dinge tun, die

man lieber nicht tun möchte, die eigentlich gar nicht einem passen (Abtreibung, Trennung,

Entlassung). Mit ganz sauberen Händen kommt man nicht durch das Leben. Dann bleibt –

so Bonhoeffer – nur noch eines, die Bitte um die Vergebung Gottes.

5. Die Zeit im Gefängnis 1943-1945

Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer von dem Obergerichtsrat Dr. Manfred Röder und

Kriminalkommissar Franz-Xaver Sondernegger im Nachbarhaus seiner Eltern, bei den

Dohnanyis, verhaftet und ins Militärgefängnis Tegel eingeliefert. Auch Hans von Dohnanyi

und dessen Frau Christine, eine Schwester von Bonhoeffer, wird verhaftet. Beide

wurden in einem Verhör eines bayerischen Abwehrmannes (Wilhelm Schmidhuber)

belastet. Bonhoeffer wird korrekt behandelt, doch die Decken sind voller Ungeziefer und

das Essen ist mies. Als bekannt wird, dass sein Onkel Stadtkommandant von Berlin ist,

wird er besser behandelt. Die Vernehmungen erreichen nichts. Bonhoeffer spielt den arglos

naiven Theologen. Später findet man heraus, dass er wegen des Entzuges vom Wehrdienst

angeklagt werden sollte. In diese Zeit fällt auch die Verlobung mit Maria von Wedemeyer.

Nach dem Fehlschlag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 wird es auch für Bonhoeffer

brenzlig. Als am 22. September 1944 in Zossen das Dossier von Hans von Dohnanyi

gefunden wird, wird klar, welche Rolle Bonhoeffer spielte. Am 8. Oktober 1944 wird er in

das berüchtigte Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptdienstes in der Prinz-Albrecht-

Straße verlegt. Bonhoeffer gibt sich nicht auf: „Der Kampf ist erst verloren, wenn man sich

selbst verloren gibt“, so lautet seine Lebensauffassung. Bonhoeffer wird in der Haft höflich

behandelt, nie gefoltert und von seiner Familie liebevoll versorgt. Im Gefängnis schreibt er

Briefe, Gedichte, Gebete. Sie werden herausgeschmuggelt und in dem Buch „Widerstand

und Ergebung“ gesammelt. Hier entwirft er skizzenhaft seine Theologie für ein religionsloses

Christentum, das dem konkreten Leben treu bleibt. Dieses Buch wird in der weltweiten

Christenheit gelesen.

Bonhoeffer wird im Gefängnis zum Halt für andere Gefangene. Er betet mit ihnen durch

die Wände hindurch. Ein solches Gebet lautet: (Bethge, Widerstand und Ergebung, 73.76,

Weihnachten 1943).

In mir ist es finster

Aber bei dir ist das Licht

Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht

Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe

Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede

In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld

Ich verstehe deine Wege nicht, aber

Du weißt den Weg für mich

Herr Gott

Großes Elend ist über mich gekommen

Meine Sorgen wollen mich erdrücken

Ich weiß nicht ein noch aus

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Gott sei gnädig und hilf

Gib Kraft zu tragen, was du schickst

Lass die Furcht nicht über mich herrschen

Sorge du väterlich für die Meinen

Für Frau und Kinder

Barmherziger Gott vergib mir alles

Was ich an Dir

Und den Menschen gesündigt habe.

Bonhoeffer ist stark für andere. Er selbst ist oft unsicher, voller Angst, voller Ärger, voller

Zorn. Er sehnt sich nach Freiheit und schlichtem Glück, spürt bei all dem seine Ohnmacht.

Wie alle anderen muss er auch die Bombenangriffe auf Berlin in seiner Zelle durchleben.

Luftschutzkeller gibt es für die Gefangenen nicht. Was gibt ihm Kraft? Ein berühmt gewordenes

Gedicht aus dem Jahre 1944 vor dem Scheitern des Widerstandes gibt einen

Einblick in das innere Leben von Bonhoeffer:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

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Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Bonhoeffer steht vor der Erfahrung, dass das Bild, das andere von ihm haben, und das

Bild, das er von sich selber hat, nicht zusammenpassen wollen. Fast hat man den Eindruck,

dass er sich selbst nicht recht leiden kann. Sein Resümee hat verurteilende Töne. Doch

diese Verurteilung löst sich auf. „Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott.“

In dieser letzten Zeile kommt zum Ausdruck, was Bonhoeffer die Kraft gibt, in all der Unsicherheit

getrost(er) zu leben.

Bestimmt hat ihm auch seine Disziplin geholfen. Sein strenger Tagesplan, seine Briefe und

seine Besuche. Doch letztlich ist es das Wissen, in der Welt Gottes zu leben und zu Gott zu

gehören, „dein bin ich, o Gott“. Und zuallererst und zuallerletzt, die Hingabe an Gott, das

Gebet. Bonhoeffer kann seine Zwiespältigkeit, seine Widersprüche, aber auch seine Unruhe,

seinen Zorn, seine Selbstanklage Gott vor die Füße legen und diesem das Urteil über

sich selbst überlassen. Er muss sich selbst nicht in Griff bekommen, er könnte es ja auch

gar nicht. Er weiß nicht, wer er ist und bekommt es auch nicht heraus. Dieses große letzte

Vertrauen gibt ihm die Kraft, durchzuatmen, die Beschäftigung mit sich selbst immer wieder

hinter sich zurück zu lassen und für andere da zu sein. Er kann akzeptieren, dass sein

Lebenshaus Widersprüche hat, dass Außenwand und Inneneinrichtung nicht harmonisch

zusammenpassen. Er kann akzeptieren, dass sein Leben eine Baustelle bleibt und nie fertig

wird.

Eine wichtige Aufgabe auf dem Weg ins Erwachsenenalter ist die Bildung eines stabilen

Selbstkonzeptes. Zu diesem gehört eine realistische Einschätzung eigener Gaben und

Grenzen, dazu gehört auch das Gefühl, etwas bewirken zu können, auch das Gefühl nach

Scheitern und Versagen noch einmal neu anfangen zu können. Dazu gehört auch ein positives

Verhältnis zu seinem Körper, seinem Aussehen als Mann oder als Frau. Bonhoeffers

Gedicht stellt die Frage, wie ein solches Selbstkonzept aussehen und was es begründen

kann. Ob das wirklich möglich ist, dass ein Mensch durch und durch realistisch, zuversichtlich

und bei all dem mit sich eins ist und bleibt? Wenn das nicht möglich ist, (und ich

glaube, es ist nicht möglich, sonst würden nicht so viele abnehmen wollen und mit guten

Vorsätzen in das neue Jahr gehen wollen, die aber bis Ende Januar alle schon wieder

gebrochen sind,) dann stellt sich die Frage, was einem Menschen die Möglichkeit gibt, die

eigenen Spannungen auszuhalten sich selber nicht ganz so ernst zu nehmen, sich fröhlich

und gelassen anderen zuzuwenden und sogar Selbstkritik auszuhalten. Was gibt einem

Menschen eine solche innere Freiheit? Für Bonhoeffer ist es das Vertrauen in Gott. In

seinem Glaubensbekenntnis schreibt er „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem

Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle

Dinge zum Besten dienen lassen“ (nach 10 Jahren 1942). Was gibt Menschen heute diese

Gewissheit?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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