2. Preis Christoph Heilig: Intelligentes Design oder Theistische

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2. Preis Christoph Heilig: Intelligentes Design oder Theistische

Intelligentes Design oder

Theistische Evolution?

Zum Verständnis von Gottes Schöpfungshandeln im Spannungsfeld von

Wissenschafts-„Kultur“ und christlicher Ursprungsperspektive

CHRISTOPH HEILIG

10. September 2008


Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Intelligentes Intelligentes Design Design oder oder Theistische

Theistische

Evolution?

Evolution?

Zum Verständnis von Gottes Schöpfungshandeln im Spannungsfeld von

Wissenschafts-„Kultur“ und christlicher Ursprungsperspektive

HINFÜHRUNG: ZWEIMAL WISSENSCHAFTS-„KULTUR“ .................................................................. 3

I. TAXONOMIE UND DEFINITIONEN ZUR URSPRUNGSFRAGE ........................................................... 5

TELEOLOGISCHE UND ATELEOLOGISCHE POSITION .................................................................. 5

DIE DEBATTE ZWISCHEN DEN ZWEI POSITIONEN ................................................................. 5

TELEOLOGIE, PLAN UND INTELLIGENTER AGENT ................................................................. 5

TELEOLOGISCHE POSITION UND PERSPEKTIVE: EINE WICHTIGE DIFFERENZIERUNG ............................ 6

META-TELEOLOGIE .................................................................................................... 6

PSEUDO-ATELEOLOGIE ............................................................................................... 7

DIE TELEOLOGISCHE PERSPEKTIVE .................................................................................. 7

MODELLBILDUNG IM RAHMEN DER ÜBERGEORDNETEN PERSPEKTIVEN ........................................... 8

SPEZIFISCHES DESIGN .................................................................................................. 8

ATELEOLOGISCHE ERKLÄRUNGSVERSUCHE ........................................................................ 9

EXKURS: INTELLIGENTES DESIGN ....................................................................................... 9

INTELLIGENTES DESIGN – DIE TELEOLOGISCHE PERSPEKTIVE AUF DIE URSPRUNGSFRAGE .................. 9

INTELLIGENT DESIGN – EINE POLITISCHE BEWEGUNG AUS DER JÜNGSTEN VERGANGENHEIT? ............ 10

INTELLIGENT DESIGN – EIN PLEONASMUS? ........................................................................ 10

INTELLIGENTES DESIGN – OPTIMALES DESIGN? .................................................................. 12

INTELLIGENT DESIGN – EINE NATURWISSENSCHAFTLICHE „ERKLÄRUNG/THEORIE“? ...................... 13

INTELLIGENT DESIGN – GEGENSTÜCK ZUR „EVOLUTION“? ..................................................... 14

II. RECHTFERTIGUNG DER TELEOLOGISCHEN PERSPEKTIVE IN DER DISKUSSION UM DIE URSPRUNGSFRAGE ... 16

ATELEOLOGISCHES UND TELEOLOGISCHES POSTULAT UND ARGUMENTATIONSSTRUKTUR .................. 16

VON DER BEWEISLAST UND DER METHODISCHEN GESUNDHEIT ................................................... 16

DIE URSPRUNGSFRAGENBURG .......................................................................................... 17

ERSTE MÖGLICHKEIT ................................................................................................. 18

ZWEITE MÖGLICHKEIT: .............................................................................................. 19

POSITIVE HINWEISE AUF DESIGN - DAS UNMÖGLICHE DOCH MÖGLICH? ........................................ 20

III. PERSPEKTIVENFINDUNG IM RAHMEN DER VERTRETENEN WELTANSCHAUUNG ................................ 21

PERSPEKTIVEN- VS. WAHRHEITSFINDUNG ............................................................................ 21

SYSTEMATIK DES NICHT-WISSENS ...................................................................................... 21

SCHERERS ANSATZ: DREI HALTUNGEN BEI SYSTEMATISCHEM NICHTWISSEN ................................ 21

EIGENE ÜBERLEGUNGEN: QUANTIFIZIERUNG DES „ARGUMENTUM AD IGNORANTIAM“ .................... 22

SYNTHESE: ............................................................................................................. 25

TRANSSUBJEKTIVER SCHLUSS AUF DESIGN? ........................................................................... 27

DER APPELL AN KONSEQUENTES SCHLUSSFOLGERN ............................................................. 27

DER POTENTIELLE DESIGNER ....................................................................................... 27

KOCHREZEPTE ZUR PERSPEKTIVEN-FINDUNG ....................................................................... 31

THEISTEN ............................................................................................................... 31

ATHEISTEN ............................................................................................................. 38

SCHLUSSWORT ............................................................................................................... 42


DANK .......................................................................................................................... 43

LITERATUR .................................................................................................................... 43

ANHANG I: DAS „POSITIVE“ ARGUMENT „FÜR“ INTELLIGENTES DESIGN ........................................... 50

DER „ANSCHEIN VON PLANUNG“ ...................................................................................... 50

EMPIRISCHES DESIGN – WAS ES WIRKLICH LEISTEN KANN… UND WAS NICHT .................................. 52

UHREN „SIND“ DESIGNT… ........................................................................................... 52

PALEY UND COUNTERFLOW ........................................................................................ 54

ABKÜRZUNG UND UMWEG .......................................................................................... 58

SPEZIFISCHES DESIGN UND DESIGN-ERLEBNISSE .................................................................. 59

DAS ARGUMENT „FÜR“ DESIGN IST EIN „ARGUMENTUM AD IGNORANTIAM“ ..................................... 60

ZWEI BEISPIELE – WIE WIRD DER SCHLUSS AUF DESIGN GETÄTIGT? ........................................... 61

ANHANG II: NATURWISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNG IM RAHMEN DER TELEOLOGISCHEN PERSPEKTIVE ... 64

GEHÖRT DIE TELEOLOGISCHE PERSPEKTIVE IN DEN BEREICH DER NATURWISSENSCHAFT? ................... 64

DIE DESIGNERUNABHÄNGIGE TELEOLOGISCHE PERSPEKTIVE ................................................... 64

WAS EIGENTLICH AUF WISSENSCHAFTLICHKEIT HIN GEPRÜFT WERDEN MUSS ............................... 65

WELTANSCHAULICHE MOTIVATIONEN UND IMPLIKATIONEN .................................................. 65

ZUM WISSENSCHAFTSTHEORETISCHEN FORMAT DER TELEOLOGISCHEN PERSPEKTIVE ..................... 68

FORSCHUNGSINHALTE ................................................................................................... 69

EVOLUTIONSFORSCHUNG – THE EDGE OF EVOLUTION ........................................................ 69

DER BREITERE RAHMEN UND DIE MODELLBILDUNG ............................................................. 69

EINE „GENERALTHEORIE“ INTELLIGENTEN DESIGNS? ............................................................ 71

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Hinführung: Hinführung: Zweimal Zweimal Wissenschafts

Wissenschafts-„Kultur“

Wissenschafts „Kultur“

Wenn wir als Mitteleuropäer unsere kulturellen Leitmotive betrachten, sticht dabei besonders eines— ob man

das bedauert oder nicht – hervor: Das der Naturwissenschaft. Wir leben ohne Zweifel in einem

Wissenschaftszeitalter, in einer Wissenschaftskultur.

Das Partizip zum lateinischen „cultus“, „colere“ heißt nicht von ungefähr „eine Gottheit verehren“: Die

Naturwissenschaft ist die Gottheit dieser Generation—ihr gilt Hoffnung (etwa bezüglich der Entdeckung von

wichtigen Medikamenten), sie soll Erlösung bringen, die Welt verbessern, den Hunger abschaffen und ein stabiles

Klima etablieren. Als Bauer betet man nicht mehr für eine gute Ernte—man greift auf die Erkenntnisse der

Wissenschaft, auf die neusten Technologien zurück, um den Ertrag zu steigern. „Colore“ heißt auch „das Feld

bebauen, pflegen“ – wie wir das machen, sagt in der Tat viel über unsere Kultur aus.

Man mag als Christ einer solchen Entwicklung kritisch gegenüberstehen, gar zum Fortschritts-Pessimisten und

Einsiedler werden. Man kann dabei aber von einem nicht ablenken: Die modernen Naturwissenschaften sind nicht

grundlos in einem christlichen Umfeld aufgekeimt! (Jäger 2007, Schaeffer 2000). Sie waren – das lässt sich nicht

leugnen – lange Zeit ein Teil christlich-abendländischer Kultur. Wenn sie nun also zu einer Art Gegenbewegung

zu einer aus einem christlichen Weltbild abgeleiteten Kultur werden, plötzlich gar für moralische Fragen

zuständig sind und in Sphären vorstoßen, wie sonst nur religiöses Gedankengut, müssen wir uns fragen, woran das

liegt.

Dazu ist es wichtig zu wissen, dass auch in den Naturwissenschaften so etwas wie eine „Kultur“ besteht. Dieses

Methodeninventar gibt vor, wie Erklärungen und Theorien formuliert und auf welche Weise getestet und

ausgebaut werden können und wie man verschiedene Thesen evaluiert. Es ist in etwa Vergleichbar mit einer „Ess-

Kultur“, die vorgibt, wie man sich bei der Nahrungsaufnahme zu verhalten hat. Und diese Kultur wird heutzutage

ohne Gott ausgeübt – ganz so, wie wenn vor der Mahlzeit das Tischgebet entfallen würde.

Ich möchte keinesfalls bestreiten, dass etwa der „methodischer Naturalismus“ ein wichtiger Teil des genannten

Sets an Werkzeugen ist. Hier geht es um grundlegendere Dinge: Es ist auffallend, dass Gott aus immer mehr

Bereichen, welche die Naturwissenschaft behandelt, verdrängt wird: Die Seele (und Gott selbst) muss der

Neurotheologie weichen, sein zorniges Blitz-Schleudern in Zeus-Manier den Erkenntnissen der Meteorologie und

die Heilungen Jesu erscheinen angesichts der rezenten medizinischen Erfolge gerademal als Lehrlingsstück.

Während zumindest die letzten beiden eine sinnvolle naturalistische, naturwissenschaftliche Aufarbeitung

bekamen – und obendrein noch immer genügend Raum für Gottes Handeln hinter den naturwissenschaftlich

erfassbaren Dingen erlauben (Hemminger 2007) – kann dies von einer anderen wichtigen Fragestellung nicht

gesagt werden: In all den Jahrhunderten der Kirchengeschichte mögen verschiedene Auffassungen darüber

bestanden haben, wie genau Gottes Schöpfungshandeln zu verstehen sei – dass damit jedoch ein aktiver

Gestaltungs-Prozess dieser Welt verbunden war, dessen zugrundeliegender Plan uns durch Forschungsarbeit

offenbart werden kann, galt als selbstverständlich (Dembski et al. 2008) 1 . Erst in jüngster Vergangenheit haben

Anschauungen massiv an Bedeutung gewonnen, denen nach Gott zwar als Planer der Welt agiert, jedoch „nur“ auf

einer übergeordneten – naturwissenschaftlich nicht fassbaren – Ebene. Besonders auffallend ist, dass dieses

Hinausdrängen Gottes aus naturwissenschaftlichen Überlegungen zur Ursprungsfrage nicht etwa nur von

Atheisten gefordert wird, sondern gerade von Christen überzeugt vorangetrieben wird. Ein naturwissenschaftlich

erkennbares Eingreifen Gottes in den Schöpfungsprozess seiner Welt wird gegenwärtig in christlichen Kreisen

derart einhellig abgelehnt (vgl. EKD 2008), dass die Position, die Aufgabe dieses Elements sei für das

Christentum nicht nur unnötig, sondern sogar unangebracht, geradezu zwangsläufig einer Provokation

gleichkommen muss.

1 Auch wenn dies teilweise bestritten wurde, beispielsweise von Howard van Till (vgl. dazu „Origins & Design“, Vol. 19,

No.1“. Dembski et al. (2008) widerlegen eine solche Einordnung jedoch effektiv.


Dennoch möchte ich gerne den Versuch unternehmen, die Gründe für einen solchen Standpunkt darzulegen.

Meines Erachtens lässt sich zeigen, dass das Ablehnen eines „intelligenten Designs“ (s.u.) Gottes in der heutigen

Zeit, bei der gegenwärtigen Datenlage, atheistische Voraussetzungen benötigt und daher für Theisten oder gar

Christen eigentlich nicht zur Diskussionen stehen sollte, wenn diese innerhalb ihres Denkrahmens konsequente

Schlüsse ziehen.

Meine Argumentation möchte ich in drei Hauptabschnitte unterteilen: Im ersten sollen vor allem Definitionen

abgeklärt werden, und dadurch eine Grundlage geschaffen werden, auf die im weiteren Textverlauf aufgebaut

werden soll.

Der zweite Hauptabschnitt beschäftigt sich mit der Rechtfertigung einer teleologischen Perspektive in der

Diskussion um die Ursprungsfrage allgemein, der dritte speziell mit meiner These, dass man als Theist und Christ

eben diese einnehmen sollte, wenn man konsequente Schlussfolgerungen aus seinen Denkvoraussetzungen

ableiten will. Dabei soll der starke Zusammenhang zwischen vertretener Weltanschauung des Individuums und

seiner Sicht auf den Ursprung der Welt aufgezeigt und damit Kritik an der szientistischen Wissenschafts-Kultur

unserer Zeit geübt werden, die meint, den Streit um die Ursprungsfrage auf rein naturwissenschaftlicher Ebene

und ohne außer- bzw. übernatürliche Bezüge lösen zu können. Ebenso soll jedoch auch gezeigt werden, inwiefern

die christliche Position auch das Aufgeben einer wissenschaftsinternen Kultur fordert, welche Gott als erkennbaren

Schöpfer der Welt ausschließt.

Der Aufsatz weist einen ANHANG I und einen ANHANG II auf. Beide Texte sind nicht etwa themenfremde

Diskussionen, die den drei Hauptteilen angehängt sind, sondern bilden mit diesen eine Einheit. Dass sie nicht als

Kapitel in den Hauptverlauf des Textes eingegliedert sind (wie sie es anfangs waren), hat folgende Gründe:

ANHANG I behandelt einen für die Diskussion des „Intelligent Design“ äußerst kritischen Punkt. Diese Analyse

geht jedoch ins Detail und beansprucht daher so viel Platz, dass sie – in die Argumentationslinie des Aufsatzes

eingeschustert – diese stören würde. Daher ist an der entsprechenden Stelle nur ein Vermerk zu finden, während

die ausführlichere Darlegung im Anhang erfolgt. ANHANG II bildete Ursprünglich ein viertes Kapitel und ging

direkt dem Schlusswort voran. Dort „drängte“ es sich jedoch zwischen diese Schlussbemerkungen und das

vorangehende Kapitel zur Perspektivenfindung. Diese beiden Text-Abschnitte gehen eigentlich inhaltlich direkt

ineinander über, sodass die wissenschaftstheoretischen Überlegungen zum Status der teleologischen Perspektive

im Bezug zu den Naturwissenschaften ohnehin eine Art Exkurs gewesen wäre.

Die Ausgliederung von ANHANG I und ANHANG II erlaubt also eine Konzentration auf die

Hauptargumentationslinie. Dennoch sind beide Abschnitte integraler Teil dieses Aufsatzes und sind als ergänzende

Informationen Elemente, welche die Argumentation abrunden und untermauern.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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I. Taxonomie und und Definitionen zur Ursprungsfrage

Ursprungsfrage

Teleologische Teleologische Teleologische und und und ateleologische ateleologische ateleologische Position Position

Position

Die Die Die Debatte Debatte Debatte zwischen zwischen zwischen den den den zwei zwei zwei Positionen

Positionen

Positionen

„Argument is to me the air I

breathe. Given any proposition, I

cannot help believing the other

side and defending it“.

Gertrude Stein (1874-1946), „The

Radcliffe Manuscripts“, Form and

Intelligibility, Exposition Press.

Herausgegeben von Rosalind S.

Miller (1949).

Die Frage nach den Ursachen für die Entstehung und

Entwicklung des Universums, des Lebens und all seiner

Folgephänomene einschließlich des Menschen, die

Ursprungsfrage, durchzieht die menschliche Kulturgeschichte

selbst, wie ein roter Faden. Wie kein anderes Thema lieferte

es unzähligen Philosophen und Naturwissenschaftlern „die Luft

zum Atmen“, den Grund für intellektuelle Betätigung und

nicht selten Stoff für Streits, bei denen man das gegenseitige

Verständnis im Sinne des Stein-Zitats nicht mal erahnen

konnte. Soweit man die Geschichte menschlichen Denkens

zurückverfolgen kann, findet man im Hinblick auf diese

Ursprungsfrage (sofern die Existenz der Welt überhaupt

anerkannt wurde, was bei der Frage nach ihrem Ursprung wohl gegeben ist) zwei einander diametral

gegenüberstehende und alle möglichen Perspektiven abdeckende Positionen:

Neben der Position, der Welt – oder Teilen davon – läge ein Plan, ein Design, ein Zweck, ein Ziel zu Grunde

(wir werden dies im folgenden als die „teleologische“ Position bezeichnen; griechisch τελεολογία im

altgriechischen Sinn von τέλος, télos – Ziel, Sinn und λόγος, lógos – Lehre.), bestand auch zu allen Zeiten der

Gedanken, es gäbe kein übernatürliches oder natürliches Wesen, das als Schöpfer agiert haben hätte können und

folglich auch keinen Schöpfer. Für diese Menschen ergab sich die Notwendigkeit, dass die Welt inklusive das Leben

auf unserer Erde ohne einen Eingriff von außen entstanden war, sich also selbst erschaffen haben musste

(ateleologische Position) – ohne Ziel und ohne Zweck – und dabei Wesen generierte (uns Menschen), die in der

Lage sind, Zukünftiges zu simulieren und auf dieser Grundlage durch Entscheidungen und Eingriffe den Gang der

Dinge (in gewissen Schranken) auf von ihnen gewählte Ziele auszurichten.

Gott will den Menschen – will sogar den individuellen Menschen, hat ihn mit seiner ganzen Person, seinem ganzen

Auftrag geplant, ehe er verwirklicht wurde (vgl. Psalm 139 2 , 15-16; Epheser 1, 11-12; Jeremia 1, 4-5;

Apostelgeschichte 17, 26). Auch das Alte Testament mit seinen vielen Verweisen auf zukünftige Aspekte der

Heilsgeschichte und des Neuen Bundes (vgl. House 1992, 98-101), wie sie etwa der Evangelist Matthäus

herausstellt (vgl. MacArthur 2006, 1301f.) unterstreichen Gottes zielgerichtetes Handeln mit und in der Welt.

Gott wird bereits in den ersten Kapiteln der Bibel als der Schöpfer der Erde und der Menschen beschrieben. So

plant er den Menschen (Genesis 1, 26) und erschafft ihn daraufhin (Genesis 1, 27). Die christliche Position zur

Ursprungsfrage ist daher zweifelsfrei die teleologische Position.

Teleologie, Teleologie, Plan Plan und und intelligenter intelligenter Agent

Agent

Im Rahmen der teleologischen Ursprungsposition wird von einem Ziel ausgegangen, das im Laufe der

Entwicklung der Welt angepeilt wird, das also bereits zu Beginn ihrer Entstehung (oder zu Beginn des

Entstehungsprozesses einer kleineren Untereinheit) bekannt sein muss. Dieses Ziel wird durch teleologische

Prozesse verfolgt, welche auf das gewünschte Resultat ausgerichtet sind. In vielen Situationen muss zwischen

verschiedenen Optionen entschieden werden, um dieses zu erreichen. In diesen Wahlmöglichkeiten, die im

2 Bibelzitate sind der Lutherbibel in ihrer revidierten Form von 1984 entnommen.


Hinblick auf das angepeilte Resultat genutzt werden, besteht auch der Unterschied zwischen teleologischen und

rein deterministischen Prozessen. Beide führen zu einem Ergebnis, das bereits im Vorhinein feststeht. Während

die letztgenannten jedoch gar nicht anders können, als dieses Ergebnis zu erreichen, geschieht das bei ersteren

aufgrund im Hinblick auf das angepeilte Ziel getroffenen Entscheidungen an Stellen, an denen die weitere

Entwicklung der Sache auch in eine ganz andere Richtung gehen könnte.

Hinter solchen Prozessen muss notwendigerweise eine Instanz stecken, die zum Wählen eines Ziels, zum

Antizipieren und zweckmäßigen Arrangieren fähig ist. Sternberg (1982) hält dieses „goal-directed“ Verhalten als

das entscheidende Kennzeichen von „Intelligenz“. Und Wechsler (1944) versteht unter diesem Begriff „the

aggregate or global capacity of the individual to act purposefully, to think rationally, and to deal effectively with

his environment“. Eine Instanz mit den oben genannten Eigenschaften bzw. Fähigkeiten kann also wohl guten

Gewissens als „Intelligenz“ bezeichnet werden, denn genau diese Merkmale sind es, die intelligente Agenten

ausmachen – gleichgültig, ob es sich nun um Menschen, Tiere, Außerirdischen oder ein „intelligentes Universum“

selbst handelt. Auch wenn der „Designer“, welcher mit der teleologischen Ursprungsposition verbunden wurde,

sehr häufig mit Gott und nur selten mit anderen geglaubten Wesen, die ebenfalls zu einem solchen teleologischen

Handeln fähig gewesen wären, identifiziert wurde, hebt Bostom (2002) hervor, dass der intelligente Agent nicht

notwendigerweise der „theistische Gott“ sein müsste:

„We can take 'purposeful designer' in a very broad sense to refer to any being, principle or mechanism external to

our universe responsible for selecting its properties, or responsible for making it in some sense probable that our

universe should be fine-tuned for intelligent life.“

Behe (2007, 300) kritisiert, dass – auch hier gelistete – Charakteristika eines Design-Prozesses, wie etwa

Intention und die Möglichkeit zu wählen von einem „principle or mechanism“ nicht aufgewiesen werden könnten.

Bostom ist hier insofern zuzustimmen, da ein intelligenter Agent nicht automatisch auch mit einer

„Persönlichkeit“ gleichzusetzen ist. Im Rahmen der teleologischen Ursprungsposition steht hinter unserer Welt

oder zumindest Teilen von ihr, die über menschliche Konstruktionen hinausgehen und in den Bereich der Biologie

und Kosmologie reichen, „etwas“ intelligentes – sei es ein Agent, oder seien es mehrere Entitäten oder gar

unendlich viele, sei dieser/seien diese Teil des Universums, das Universum selbst oder diesem übergeordnet, sei

er/seien sie gut, böse oder einfach völlig ohne irgendeinen moralischen Bezug, sei er/seien sie lustig, depressiv

oder ganz ohne Persönlichkeit.

Dass Gott, mit dem wir als Christen den Planer dieser Welt verbinden, die notwendigen Bedingungen erfüllt, um

als „Intelligenz“ zu gelten, dürfte eine unkontroverse Feststellung sein. Gott ist sogar die Reinform eines

intelligenten Agenten: Er ist allwissend (Hiob 37, 16), kann jede nur erdenkliche Situation im Vorhinein

durchschauen und auf dieser Grundlage planen (Jesaja 37, 26; Jesaja 46, 11) und ist allmächtig (Genesis 17, 1) –

kann seinen Plan also ausführen, ohne an Beschränkungen gebunden zu sein, wie es irdische Intelligenzen sind.

Teleologische Teleologische Teleologische Position Position und und Perspek Perspektive: Perspek Perspek tive: Eine wichtige Differenzierung

Differenzierung

Meta Meta-Teleologie

Meta Teleologie

Den Standpunkt zu vertreten, unsere Welt gehe letztendlich auf einen Plan zurück, bedeutet noch nicht, davon

auszugehen, dass dieser Plan auch für uns Menschen in der Natur erkundbar ist (vgl. Ross 2005). Es besteht

schließlich die Möglichkeit, dass das Ziel durch Prozesse verwirklicht wurde, die wir innersystemlich als

„ungerichtet“ klassifizieren, die aber auf einer über unserem Universum stehenden Ebene teleologisch sind und

einen Plan verwirklichen. Der allwissende Gott könnte für uns unvorhersagbare Prozesse, wie eine darwinsche

Evolution, bis ins letzte Detail vorhersehen und – sollte er an ihrem Ergebnis interessiert sein – als „Design-

Methode“ verwenden. Aus dem bloßen „Ergebnis“ würde ein „Ziel“ und aus dem innersystemlich ateleologischen

Prozess der Ausdruck übersystemlicher Planung. Auf einer naturwissenschaftlichen Ebene jedoch könnte ein solcher

Plan nie erfahren werden: Die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit Phänomenen, die für die Empirie –

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zumindest indirekt – zugänglich sind. Sie schafft sich ihre Taxonomie für Kategorien wie „zielgerichtet“ und

„ungerichtet“ selbst. Die Welt als Ganzes, der Blick auf sie aus der Vogelperspektive – gar der Vergleich zu

hypothetischen anderen Welten – muss ihr verschlossen bleiben. Daher ist sie auch nur in der Lage innerhalb des

Systems Vorgänge in die beiden Kategorien einzuteilen, ohne das System selbst evaluieren zu können. Der Glaube

an einen Plan, der naturwissenschaftlich nicht belangbar und auf einer ganz anderen Ebene als die empirische

Untersuchung der materiellen Welt anzusiedeln ist (das sogenannte NOMA-Prinzip, nach Gould 1999), muss also

nicht automatisch mit der Annahme einhergehen, das „Design“ der Welt sei uns Menschen empirisch zugänglich.

Dass diese Annahme eines allgemeinen göttlichen Plans automatisch aus dem christlichen Glauben hervorgeht,

wurde im letzten Abschnitt bereits erläutert. Die entscheidende Frage, die sich dem Christen im Hinblick auf die

naturwissenschaftlich erfassbare Ebene dieser Welt jedoch stellt, ist: Hat Gott durch Prozesse geschaffen, die auch

nach innersystemlichen Kriterien teleologisch sind? Oder sind diese Prozesse als Teil seiner Schöpfung aus unserer

Perspektive heraus zwar ateleologisch wahrzunehmen, aber übersystemlich betrachtet zielgerichtet? Gebraucht

Gott für die Umsetzung seines Welt-Planes also lediglich Sekundärursachen?

Da die letztgenannte Auffassung im Hinblick auf die Betrachtungsweise der Natur keinen Unterschied zur

ateleologischen Position aufweist, wird im Folgenden dafür der Begriff der meta-teleologischen Perspektive gebraucht,

da die Teleologie hier auf einer übergeordneten Ebene angesiedelt ist, die sich in der naturwissenschaftlichen

Sichtweise – der Perspektive – der belebten Welt gar nicht niederschlagen kann.

Pseudo Pseudo-Ateleologie

Pseudo Ateleologie

Aber auch die Annahme eines (nach innersystemlichen Kriterien tatsächlich) teleologischen Ursprungs unserer

Welt bedingt noch lange nicht das Element der empirischen Zugänglichkeit des Designs. Selbst wenn man für die

Entstehungsprozesse unserer Welt extrem teleologisches Agieren eines „Designers“ annimmt, wie Vertreter eines

biblisch begründeten Schöpfungslehre etwa, der nach die gesamte Welt und alle Grundtypen des Lebens vor

wenigen tausend Jahren direkt von Gott durch sein übernatürliches Wirken erschaffen wurden, ergibt sich daraus

noch nicht, dass diese Teleologie auf naturwissenschaftlicher Ebene erkennbar sein muss. Ein Gott, der in seiner

Allmacht das gesamte Universum durch sein Machtwort erschaffen kann, ist auch in der Lage, es so zu schaffen,

dass es für uns aussieht, als sei es in einem Jahrmilliarden langen, ungerichteten Vorgang entstanden. Eine solche

Sicht mag theologisch äußerst fragwürdig sein, da sie Gott zum Betrüger macht (vgl. Junker 2005a, 204; Knobel

2005), zeigt aber doch, dass eine teleologische Position zum Ursprung der Welt nicht automatisch mit einem

gewissen Anspruch an Erkennbarkeit von Design in der Natur und damit an den Naturwissenschaften,

einhergehen muss.

Die Die teleologische teleologische Per Perspektive

Per spektive

Dieser Aufsatz widmet sich der Frage, wie die naturwissenschaftlich zugängliche Schöpfung Gottes mit seinem

Schöpfungs-Handeln in Verbindung zu bringen ist. Ist Gottes Plan nur Meta-Teleologie? Oder kann er durch

Forschung zumindest teilweise erkannt werden? Sowohl Meta-Teleologie als auch Pseudo-Ateleologie sind für die

Bedeutung einer teleologischen Ursprungssicht auf der Ebene der Naturwissenschaft nicht relevant, da beide

Konzepte im Hinblick auf die empirisch erfassbare, naturwissenschaftlich zugängliche, Realität keinen Anspruch

auf irgendeine Beeinflussung erheben. Allein die natürliche Ebene betrachtet – der einzige Bereich der für

naturwissenschaftliche Betrachtungen von Interesse sein kann – unterscheiden sich diese Ansätze in keinster Weise

von dem der ateleologischen Position. Unterschiede können auftauchen, wenn man metaphysische Fragen

anspricht. Eine „Theistische Evolution“ wie im ersten Beispiel schließt durchaus nicht aus, dass an den Menschen

moralische Anforderungen gestellt werden, da er letztendlich eben kein Zufallsprodukt (im metaphysischen nicht

innersystemlichen Sinne) ist – für das zweite Beispiel gilt das ohnehin.

Für die Diskussion zur Ursprungsfrage, die naturwissenschaftliche Bezüge enthalten soll, ist aufgrund des bisher

Gesagten eine weitere Aufteilung des Überbegriffs der „Teleologischen Position“ notwendig. Für den Teilbereich

innerhalb dieses Rahmens, der davon ausgeht, dass unsere Welt zumindest in Teilen auf nach innersystemlichen


Kriterien teleologischen Prinzipien (die selbst natürlich auch übersystemlich sein können) entstand (trifft auch auf

die Pseudo-Ateleologie zu, es handelt sich hierbei also nur um ein notwendiges, kein hinreichendes

Definitionskriterium) und außerdem annimmt, diese teleologischen Elemente seien für die menschliche Empirie –

zumindest theoretisch – zugänglich (anders als bei der Pseudo-Ateleologie), möchten wir den Begriff der

„teleologischen Perspektive“ verwenden, da die reale Welt vor dem Hintergrund eines Plans und von dem

Standpunkt einer erkennbaren Teleologie aus aktiv betrachtet und interpretiert wird. Die Teleologie ist hier kein

meta-Phänomen, sondern integraler Bestandteil des Erkennungs-Prozesses.

Für eine auf der Empirie verweisende Diskussion zur Ursprungsfrage 3 spielen also zwei Perspektiven eine Rolle:

Zum einen die ateleologische Perspektive, welche die ateleologischen Position 4 beinhaltet und den Bereich der

teleologischen Position miteinschließt, die von lediglich übersystemlicher meta-Teleologie ausgeht (Theistische

Evolution), sowie den Teil, der zwar von echter Teleologie ausgeht, jedoch auch davon, dass diese in der Natur

verborgen ist und wir stattdessen eine ateleologische Illusion wissenschaftlich untersuchen 5 , und die teleologische

Perspektive, welche den Anspruch erhebt, dass in unserer Welt nicht nur designt wurde, sondern erkennbar

designt wurde. Zu dieser Erkennbarkeit gehört, dass keine plausible ateleologische Erklärung für das in Frage

stehende Phänomen vorliegt. Wäre dies so, so wäre das Design darin nicht mehr erkennbar, da die Welt ebenso

gut ateleologisch erklärt werden könnte. Wenn ein Phänomen (z.B. ein Gewitter oder aber eine Schneeflocke)

eine ateleologische Erklärung hat, dann ist es nicht mehr möglich, darin Design zu erkennen, selbst wenn es

designt wurde, da die Unterscheidung zum „nicht-Design“ nicht mehr gegeben ist.

Modellbildung Modellbildung im im Rahmen Rahmen der der übergeordneten übergeordneten Perspektiven

Perspektiven

Spezifisches Spezifisches Design Design

Design

Betrachtet man die Geschichte des Design-Gedankens (vgl. Heilig & Kany 2009), fällt auf, dass die Interpretation

bestimmter Elemente der Wirklichkeit als „Design“ in der Regel auch mit einer konkreten Zuordnung eines

spezifischen Designers für dieses Phänomen einherging. Durch diese Spezifizierung der teleologischen Perspektive

ergaben sich jeweils ganz bestimmte Erwartungen an die biologische Realität. Diese bilden mit anderen

Rahmenbedingungen, die durch den spezifischen Designer gegeben werden, teleologische Erklärungen. Sie

konstatieren nicht mehr nur „Design“ wie es im Zuge der allgemeinen teleologischen Perspektive geschieht,

sondern ordnen dieses einem (kausalen) Ursprung zu. Aufgrund des Bezugs auf einen ganz bestimmten Designer

und der Möglichkeit, daraus sehr spezialisierte Voraussagen Abzuleiten, sprechen wir hier von Modellen eines

Spezifischen Designs (= SD-Modelle; vgl. Heilig 2008a).

Designer (und auch Vorstellungen zum eigentlich selben Designer) unterscheiden sich in den Methoden, die sie

verwenden bzw. die ihnen überhaupt zugänglich sind. Sie unterscheiden sich im Bezug auf die Zeitpunkte, die sie

für ihr Agieren wählen. Sie unterscheiden sich nicht zu Letzt in dem, was sie planen und als Produkt umsetzen –

3 Und eine solche Diskussion liegt momentan zweifelsohne vor, ansonsten gäbe es wenig Konfliktpotential, gäbe es doch mit

Hinblick auf objektivierbare Sachverhalte (Naturwissenschaft) keine Meinungsverschiedenheiten, sondern sowieso nur im

Bezug auf individuelle Ansichten und Glaubensentscheidungen, die für den Bereich der Forschung bedeutungslos sind.

4 Genau genommen gibt es auch hier noch eine Extraabteilung: Im Rahmen einer ateleologischen Ursprungssicht könnte man

auch annehmen, das Universum sei „just so“ da. Möglicherweise erst vor wenigen Sekunden einfach „erschienen“, ohne

richtigen Grund, ohne irgendetwas. Aus einer derart nihilistischen Weltsicht heraus lässt sich jedoch keine Interpretation der

„Realität“, keine wissenschaftliche Deutung machen. Diese wäre schlicht sinnlos. Daher gehört dieser Aspekt auch nicht zur

ateleologischen Perspektive auf die Welt, wohl aber zur ateleologischen Position.

5 Es stellt sich natürlich die Frage, inwiefern ein solches Realitätsverständnis naturwissenschaftliche Forschung motivieren

kann. Es liegt nahe, dass eine solche Perspektive eher mit einem völligen Verzicht auf naturwissenschaftliche Arbeit –

zumindest mit Bezug auf die Ursprungsfrage – einhergehen müsste und stattdessen den Blick auf überwissenschaftliche

Elemente konzentriert, die im Gegensatz zur empirisch zugänglichen Welt als real betrachtet werden.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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dem „Design“. Zum Teil, weil sie gewissen Beschränkungen unterliegen, zum Teil, weil ihnen Persönlichkeit

zugesprochen werden kann und über diese von den jeweiligen Teleologisten bestimmte Annahmen bestehen.

So lange die angenommenen Designer mit Naturkräften oder persönlichen, aber endlichen Göttern in Verbindung

gebracht wurden, war die wissenschaftliche Ausformulierung eines SD-Modells praktisch nicht möglich oder

bewegte sich zumindest in mystischen Sphären. Erst der Glaube an den wörtlich-verstandenen biblischen

Schöpfungsbericht ermöglichte die Ausformulierung des ersten richtigen Versuchs einer Ursprungs-Erklärung.

Natürliche Phänomene wurden auf real-kausale Ursachen zurückgeführt und einer der ersten Beiträge zur

Aufklärung war geschaffen (vgl. beispielsweise Stephan 2001) Obwohl die Design-Methode selbst – Schöpfung

durch das übernatürliche Machtwort des unendlichen Gottes – nicht Gegenstand objektivierbarer Forschung war,

bot dieses Paradigma doch viele testbare Rahmenbedingungen: So sollte die Erde jung sein (im Bereich von 10

000 Jahren) und durch eine weltweite Wasserflut gekennzeichnet sein. Außerdem sollten die geschaffenen

Lebewesen-Typen von Beginn an parallel existiert haben. Wie Laudan (1996, 210-230) unterstreicht, liegt damit

eine wissenschaftlich testbare Theorie vor, wie man sich es nur wünschen kann – auch wenn der überwiegende

Großteil der heutigen Wissenschaftler sagen würde, dass dieses Modell den Daten eben nicht stand halten konnte.

Ateleologische Ateleologische Erklärungsversuche

Erklärungsversuche

Auch im Rahmen der ateleologischen Perspektive kam es im Laufe der Geschichte zur Modell-Bildung. Diese

erfolgte ganz simpel durch eine nähere Bestimmung des Mechanismus, der – wie von den Ateleologisten

vertreten – die Komplexität des Lebens erklären sollte.

Ein solches Modell wurde erst im 19. Jahrhundert vorgeschlagen – und zwar von Darwin (1859). Bis dahin hatte

diese Position als „Mechanismus“ nur den Lückenbüßer „Zufall“ anzubieten. Mit einem solchen Modell war im

Streit um die Ursprungsfrage nicht viel zu gewinnen. Dass „Zufall“ lange Zeit die einzige ateleologische

Alternative zum göttlichen Plan war, zeigt sich auch, wenn etwa der Naturtheologe William Paley (1802, 179)

argumentiert, es sei ein eindeutiges Zeichen für einen teleologischen Ursprung des Menschen, dass seine Augen

und Füße in dieselbe Richtung zeigen würden. Denn bei rein zufälliger Ausrichtung dieser Organe und

Extremitäten wäre das ja nicht zu erwarten. Durch die von Darwin (1859) hinzugefügte Komponente der

Notwendigkeit wurden solche Argumente hinfällig. Wer noch immer gegen die Fähigkeiten bloßen „Zufalls“

argumentiert, hat verpasst, dass das nicht mehr der aktuelle Prüfstein der Evolutionslehre sein darf. Was zu Paleys

Zeiten korrekt war, wäre heute ein unfairer Schachzug.

Exkurs: Exkurs: Intelligentes Intelligentes Intelligentes Design

Design

Im Folgenden soll das Konzept des „Intelligenten Designs“ kurz vorgestellt und besprochen werden. Es handelt

sich bei dieser Diskussion in einem gewissen Sinne um eine Exkursion, die das bisher Gesagte lediglich im Bezug

auf gegenwärtig populäre Begriffe auslegt, jedoch keine neuen taxonomischen Strukturen erstellt. Dieser

Abschnitt ist folglich als Ergänzung zum bisher Gesagten zu verstehen und ist zum Verständnis der im Folgenden

ausgeweiteten Diskussion zur Ursprungsfrage nur insofern relevant, da er im weiteren Verlauf verwendete

Begriffe von in diesem Aufsatz nicht vertretenen Belegungen dissoziiert.

Intelligent

Intelligentes

Intelligent es Design Design – die die teleologische teleologische Perspektive Perspektive auf auf die

die

Ursprungsfrage

Ursprungsfrage

Ein seit Anfang der 1990er Jahre immer populärer werdender Begriff muss nun an dieser Stelle eingeführt

werden. Es geht um den Ausdruck des „Intelligent Design“ (kurz: ID), der sich zum geflügelten Wort gemausert

hat. Inhaltlich ist er im Prinzip mit der teleologischen Perspektive gleichzusetzen (vgl. Ross 2005). Leider ist er

als Gegenstand zahlreicher Vermengungen mit anderen Konzepten und Ansätzen derart mit missverständlichen

Anhängen behaftet, dass sich die Frage stellt, ob unter diesem Begriff überhaupt noch sinnvoll diskutiert werden

kann. Ich bezweifle dies, will auf diese Bezeichnung jedoch schon aus sprachlichen Gründen (der Begriff drückt

einfach am besten aus, was die teleologische Perspektive bedeutet) ungern verzichten. Daher sollen im Folgenden


einige Klarstellungen bezüglich der Frage gegeben werden, was „Intelligent Design“ – zumindest mit der hier

herangezogenen Bedeutung als teleologische Perspektive und unabhängig davon, was von manch anderen Autoren

bereits damit bezeichnet wurde – nicht ist. Diese Auflistung ist sicherlich nicht vollständig und man könnte noch

andere Eigenschaften anzuführen, die nicht auf ID in dieser „Reinform“ zutreffen. Eine solche Diskussion kann

hier jedoch schon aus Platzgrünen nicht geliefert werden. Daher konzentriere ich mich lediglich auf einige

wichtige Punkte, die sich rein logisch und zwangsläufig aus meiner Gleichsetzung von „ID“ mit der

„Teleologischen Perspektive/Ursprungssicht“ ergeben (also nicht nur meiner persönlichen Meinung entsprechen)

und oft für Verwirrung sorgen.

Intelligent Intelligent Design Design – eine eine politische politische Bewegung Bewegung aus aus der der jüngsten

jüngsten

Vergangenheit?

Vergangenheit?

Vergangenheit?

ID wird in den Medien häufig als aus den USA kommende politische Bewegung der 1990er Jahre präsentiert, der

es vor allem daran gelegen ist, unter dem Vorwand eines anonym wirkenden Designers den biblischen

Schöpfergott in den Biologieunterricht einzuschleusen.

In der Tat gibt es gerade im US-amerikanischen Bereich auch ein ID-Movement, das seine Ansichten recht

selbstbewusst vertritt. Dazu gehören sicher teilweise auch (bildungs)politische Ziele (vgl. hierzu den Sammelband

von Campbell & Meyer 2003). Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die amerikanische Verfassung den

Religionsunterricht an öffentlichen Schulen untersagt. Auf dieser Grundlage sind auch die zahlreichen

kreationistischen Bemühungen zu verstehen, mit den eigenen Ansichten Anteil am Biologie-Unterricht zu

bekommen. Es kann dem ID-Movement nun vorgeworfen werden, dass es sich nach der letzten großen Schlappe

des „scientific creationism“ formierte, zwar noch immer dessen Ansichten vertritt, aber diese aber in einen

säkularen Mantel zu kleiden versucht. „Intelligent Design is just Creationism in a cheap tuaxedo!“ ist daher eine

häufig vorgebrachte Abklassifizierung. Inwiefern sie für das amerikanische ID-Movement gilt, soll hier nicht

diskutiert werden – es ist nicht Zweck dieser Arbeit kulturelle Strömungen zu bewerten, sondern die der

Ursprungsfrage zugrundeliegenden Begründungsstrukturen zu analysieren. Dass die teleologische Perspektive

mehr ist, als eine konservative, politische Bewegung des 20. Jahrhunderts ist bereits klar, wenn man die

jahrhundertelange Geschichte des Design-Arguments bedenkt (vgl. Barrow & Tipler 1986).

Dennoch sind die gesellschaftspolitischen Assoziationen zum Begriff „Intelligent Design“ im öffentlichen

Bewusstsein eine unleugbare Tatsache. Es stellt sich die Frage, ob unter dem Begriff des „ID“ überhaupt noch eine

sachliche Diskussion der teleologischen Ursprungsperspektive geführt werden kann. Angesichts zahlloser

enttäuschend undifferenzierter Meldungen in den Medien (siehe Schmidt 2006) mag man geneigt sein diese Frage

entschieden zu verneinen. Doch man sollte es sich nicht zu einfach machen. Markus Rammerstorfer (2006a)

lieferte beispielsweise einen Beitrag zum Thema „Intelligent Design – jenseits des Schlagwortes“. Ob es möglich

sein wird, den Begriff des intelligenten Designs in Zukunft als Synonym zur teleologischen Perspektive zu

verwenden, ohne Missverständnisse zu erzeugen ist fraglich – hier soll das jedoch, auf der expliziten Grundlage

dieser Klarstellungen, geschehen.

Intelligent Intelligent Design Design – ein ein Pleonasmus?

Pleonasmus?

Auf den ersten Blick scheint es, als sei die Bezeichnung „Intelligent Design“ ein Pleonasmus: Design ist doch stets

das Produkt eines intelligenten Planers und das vor das „Design“ gestellte Adjektiv daher äußerst redundant, oder

nicht? Im Grunde schon. Da die belebte Welt jedoch eindeutig so aussieht, als sei sie designt, die Mehrheit der

Biologen heute jedoch davon ausgeht, dass dieses offenkundige Design nur eine Illusion (vgl. Rammerstorfer

2006b), und durch Darwin und seine Erben als solche entlarvt worden sei, stehen wir vor einem Problem: Die

Natur konfrontiert uns mit einer Fülle an Konstruktionen, die noch ausgeklügelter wirken als die von

Menschenhand erzeugten Design-Produkte, und die sich hinsichtlich ihres „Designtwirkens“ von richtigen Design-

Produkten nur darin unterscheiden, dass die meisten Biologen heute annehmen, in ihrem speziellen Fall würde der

Eindruck von Design täuschen und sie seien ateleologisch entstanden.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Aufgrund dieses überwältigenden Eindrucks von Design ist eine entsprechende Wortwahl oft gar nicht

vermeidbar, möchte man nicht in Kauf nehmen, die biologische Realität unangemessen zu beschreiben. Nicht

umsonst definiert Richard Dawkins (1986) die Biologie als „the study of complicated things that give the

appearance of having been designed for a purpose.“

Campbell & Reece (2006, 1006) weisen in ihrem Lehrbuch für Biologie daher extra darauf hin, dass das für sie

unausweichliche „Schöpfungsvokabular“ keinen intelligenten Urheber implizieren soll, um Missverständnissen

vorzubeugen:

„Die Verwendung von Begriffen wie ‘Bauplan’ oder auch ‘Design’ soll jedoch keineswegs unterstellen, eine

Tierkonstruktion sei das Produkt einer zielgerichteten Planung.“

Es ist offensichtlich, dass eine Natur, welche eine solche begriffliche Belegung geradezu unausweichlich fordert,

zumindest einen starken Eindruck von Design vermitteln muss. Ein so starker Eindruck (und durch die Brille des

ateleologischen Standpunkts: eine so perfekte Täuschung), dass Crick (1988, 38) sogar mahnt – den

überwältigenden Eindruck von Design in der Biologie damit automatisch als bloße Illusion abstempelnd:

„Biologists must constantly keep in mind that what they see is not designed, but rather evolved.“

Dass das bestimmende Adjektiv „intelligent“ notwendig ist, zeigt sich auch an der Wortwahl der Kritiker des ID-

Ansatzes. Wenn Ayala (2007) von „Darwin’s greatest Discovery“ spricht, meint er damit „Design without a

Designer“. Ruse (2007) greift dieses Element auf, wenn er über eine Besprechung eines ID-Buchs die Überschrift

Design? Maybe. Intelligent? We have our doubts“ setzt und damit einen Titel von Pigliucci (2000) variiert:

Design Yes, Intelligent No.“ Und auch William Provine (2003) scheint das Thema zu gefallen, wenn er einen

Diskussionsbeitrag „Design? Yes! But is it intelligent?“ benennt.

Kirschner & Gerhart (2007, 375) definieren „Design“ als „eine Struktur, die in Beziehung zur Funktion steht und

nicht notwendigerweise einen Designer oder Schöpfer erfordert“. Krohs (2005) widmet einen ganzen Aufsatz der

Begründung des Design-Begriffs ohne Rückgriff auf einen realen, intelligenten, Designer. Würden ID-Vertreter

nur sagen, sie sähen „Design“ in der Natur, würde dies also wohl kaum noch reichen, um ihre Position nach außen

hin korrekt abzugrenzen.

Am Beispiel einer aktuellen evolutionsbiologischen Arbeit soll dieser Punkt verdeutlicht werden (vgl. Haller &

Heilig 2008).

Binford et al. (2007) berichten von einem Mechanismus, mit dessen Hilfe sich zwei nicht näher verwandte

Spinnengattungen (Sicarius und Homalonychus) durch Sand tarnen können. Dies geschieht durch Adhäsionskräfte,

die zwischen sogenannten „Hairlettes“, winzigen, widerhakenförmigen Fasern, und den Sandpartikeln wirken.

Diese Sandkörner sitzen auf feinen Härchen (Setae), wie sie auch beim Gecko ein Anhaften an Wänden und

Zimmerdecken (aufgrund von van-der-Waals-Kräften) ermöglichen. Die Autoren betrachten die Ergebnisse ihrer

Untersuchungen aus der Perspektive der Bionik, die Problemlösungen aus dem Bereich der belebten Welt in die

Technik überträgt. Die Erkenntnisse sollen zur Entwicklung neuer Schmutz-anhaftender Materialien beitragen,

die das Abstauben im Haushalt erleichtern, aber auch als Luftfilter und vieles mehr in Einsatz kommen.

Interessanterweise nennen die Autoren diese Struktur bereits in der Überschrift ein „design principle“. Anders als

dieser Begriff jedoch vermuten lassen könnte, wollen die Forscher keinen intentionalen Ursprung der Sand-

Anhaftungs-Konstruktion nahe legen, wie Greta Binford in persönlicher Korrespondenz versicherte. „Design“ sei

hier lediglich die Bezeichnung für eine evolutionäre Lösung eines spezifischen Problems.


Wie sehr gängige evolutionsbiologische Literatur durch teleologische Begriffe geprägt ist, zeigt sich sehr schön an

der Reaktion auf den Artikel von Binford et al. auf einem ID-Blog6. Ein Wissenschaftler nahm dort aufgrund der

oben erläuterten Wortwahl von Binford und Mitarbeitern an, die Autoren seien Vertreter einer teleologischen

Position. So fragt er: „Have some closet ID scientists managed to infiltrate the hallowed halls of the Royal Society

of London?“ Der Autor ist sich sogar sicher: „Of course, the scientists are careful to cover their tracks by talking

'evolutionary origins', but it is obvious that they are thinking about biology from a design perspective. It is a shame

that they have to hide this behind a Darwinian facade in order to get published.“ Mit dieser Einschätzung hat er

sich offenbar getäuscht.

Man sieht: Wer wirklich „Design“ meint, muss die Bezeichnung der eigenen Position durch ein Adjektiv ergänzen

und von einem „Intelligent Design“ (ID) sprechen. Die Doppel-Bezeichnung „Intelligent Design“ ist folglich

angebracht, um die teleologische Position eindeutig zu bestimmen. Das „Design“ der Natur steht einer sowohl der

ateleologischen als auch der teleologischen Deutung des Lebens neutral gegenüber. Für die ateleologische

Perspektive, die versucht, dieses Design durch ungerichtete, unintelligente 7 , Prozesse zu erklären.

Intelligentes Intelligentes Intelligentes Design Design Design – Optimales Optimales Optimales Design? Design?

Design?

Es gibt viele Missverständnisse zum Begriff „intelligentes Design“, aber die Meinung, das „intelligent“ solle etwas

über die Qualität des Designs ausmachen ist vielleicht das verbreiteteste überhaupt (vgl. Dembski 2000; Ayala

2007; Raff 2005, 275; Ridley 1981, 832; Charlesworth 2002; Kutschera 2001, 209; vgl. Lustig 2004). Dies geht

häufig auf mangelndes Verständnis für den Gebrauch des vorgestellten Adjektivs hervor, wie er in „Intelligent

Design – ein Pleonasmus?“ begründet wurde: Wer meint, „Design“ beinhalte bereits den „intelligenten“

Ursprung, wird das vorgestellte Adjektiv für eine Wertung halten. Doch das ist, wie gezeigt, nicht die Aussage-

Absicht des Begriffs.

Mutmaßlich ineffiziente Strukturen in der Natur („inkompetentes Design“) sind also kein Argument gegen die

teleologische Perspektive. Sie können erst dann eine Rolle für die Diskussion spielen, wenn es darum geht, den

Designer zu identifizieren und das erkannte Design im Rahmen von SD-Modellen zu interpretieren. So schreiben

Haller & Heilig (2008):

„Der ID-Ansatz lässt die Person des Designers, seine Eigenschaften, seine Methode […] außer Betracht. Erst

wenn dessen Eigenschaften (beispielsweise: 'gut' oder 'allmächtig') oder seine Methode (beispielsweise als

'Flickschuster', der das bereits vorhandene Material mitverwendet) ins Gespräch kommen, könnten diese

suboptimale Strukturen von Interesse sein.“

Da dies jedoch erst bei der SD-Modellbildung geschehen kann und nicht schon im Rahmen der allgemeinen

teleologischen Ursprungsperspektive, ist das sogenannte „Dysteleologie-Argument“, das auf suboptimale

Konstruktionen verweist noch nicht von Bedeutung. Wenn bei ID jedoch keine Voraussagen bezüglich der Güte

des Designs gemacht werden können, gilt das nicht nur für suboptimale, sondern auch für optimale Phänomene.

Zwar besteht im Rahmen von ID auch die Möglichkeit von Hochfunktionalität der „Junk“-DANN (nämlich dann,

wenn ein Designer postuliert wird, der so etwas erwarten lässt), die innerhalb einer ateleologischen Perspektive

unter Umständen nicht gegeben ist, aber ID erzwingt diese Erwartung keinesfalls. Der Designer könnte auch ein

stümperndes Alien-Baby sein oder eine verschwendungssüchtige Gottheit. James Goetz beispielsweise schieb

einen Artikel mit dem vielsagenden Titel „The Extravagant Creator of Junk DNA“.

6 http://professorsmith.wordpress.com/2007/11/08/hairy-design/

7 Was soviel heißt, wie „ohne Intelligenz“ und nicht mit „wenig intelligent“, also „dumm“ verwechselt werden sollte. Siehe

dazu auch den Abschnitt „Intelligentes Design – optimales Design?“

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Es ist daher absolut sinnlos, wenn O'Leary (2008) fragt, ob es eine ID-Voraussage dafür gäbe, ob es Leben auf

anderen Planeten gibt oder nicht. Ihre Frage ist deswegen sinnlos, weil ID dazu prinzipiell nichts sagen kann.

Ebenso ist es einfach nur falsch, wenn Dembski (1998a) im Sinn von Lange (2007) behauptet:

„If [...] organisms are designed, we expect DNA, as much as possible, to exhibit

function.“ (Hervorhebung nicht im Original)

Wenn wir nur wissen, dass die Organismen designt sind und nicht mehr, nicht von wem und nicht, wie und auch

nicht warum, dann erwarten wir erst mal – nichts. Ganz einfach, weil sich aus der Annahme von Design keine

Erwartungen ableiten lassen – außer der, dass ateleologische Erklärungsansätze sich als ungenügend herausstellen

werden und letztendlich teleologische Modelle die Daten besser integrieren können. Erste Erwartung ist rein

negativ und kann wohl kaum als produktives Forschungsprogramm gelten. Die zweite Erwartung regt tatsächlich

naturwissenschaftliche Arbeit und Modellbildung an. So lange ID selbst jedoch als hinreichende Antwort betrachtet

wird, werden solche Erklärungen wohl nie formuliert werden. Doch genau das ist das Entscheidende, das, was im

Rahmen der teleologischen Ursprungsperspektive geschehen müsste.

Intelligent Intelligent Intelligent Design Design Design – eine eine eine naturwissenschaftliche naturwissenschaftliche naturwissenschaftliche „Erklärung/Theorie“?

„Erklärung/Theorie“?

„Erklärung/Theorie“?

Die Standard-Definition 8 zu ID lautet:

„The theory of intelligent design (ID) holds that certain features of the universe and of living things are best

explained by an intelligent cause rather than an undirected process such as natural selection. “(Hervorhebung

nicht im Original)

Auch im deutschsprachigen Raum existiert die Ansicht, ID sei eine „Theorie“. Immerhin überschreiben Lönnig &

Meis (2006a) einen Beitrag mit „Intelligent Design ist eine wissenschaftliche Theorie“. In einem anderen Artikel

(Lönnig & Meis 2006b) referieren sie durchaus korrekt Thesen der ID-Bewegung, werden dem Anspruch des

Titels ihrer Arbeit („Intelligent Design [ID] liefert wissenschaftliche Erklärungen“) jedoch nicht gerecht, da sie

nicht aufzeigen, welche „wissenschaftliche[n] Erklärungen“ ID angeblich liefert. Schon aus der Formulierung der

Autoren selbst geht doch (wohl unbeabsichtigt) hervor, dass „ID“ diese Erklärung noch nicht selbst sein kann. Sie

liefert sie nur, ist also – im Bezug auf die aus ihr hervorgehenden Erklärungs-Ansätze gesehen – auf einer

übergeordneten Ebene anzusiedeln. „Struktur XY ist designt.“ kann wohl kaum als naturwissenschaftliche

Erklärung im eigentlichen Sinne gelten; Vielmehr verlangt ein solches Postulat nach anderen erklärenden

Elementen, wie etwa: „Wo/Wann/Wie/Wozu/Durch wen wurde designt?“

Doch solche Fragen werden von ID nicht beantwortet, da hier kein Bezug auf den jeweils angenommenen

Designer genommen wird. Ohne diese Fragen steht der Ansatz jedoch auch ohne spezifische Erwartungen da und

damit ohne wissenschaftlichen Erklärungswert (siehe Beispiel „Junk-DNA“ oben). Dieses Dilemma lässt sich

auflösen, versteht man das „theory“ in der zitierten Definition etwas umgangssprachlich (im Sinne von: „Wer hat

die Chips gegessen?“ - “Ach, ich habe da so eine Theorie/Idee/einen Verdacht, dass eine Intelligenz

dahintersteckt...“) 9 : ID wäre demnach die „Theorie“, dass gewisse Aspekte des Universums und des Lebens am

besten durch Theorien (diesmal im wissenschaftstheoretischen Sinne) erklärt werden können, welche eine

8 Von: http://www.intelligentdesignnetwork.org/) oder: „The theory of intelligent design holds that certain features of the

universe and of living things are best explained by an intelligent cause, not an undirected process such as natural selection.“

(http://www.discovery.org/csc/topQuestions.php)

9 Beispielsweise, weil die Tüte Chips in einem Tressor verwahrt wurde und ihr ateleologisches Verschwinden nicht erklärt

werden kann.


intelligente Ursache beinhalten. 10 Ebenso, wie der gegenübergestellte ungerichtete Mechanismus ja auch erst noch

spezifiziert werden muss, damit eine Theorie gebildet werden kann („such as natural selection“), gilt dies auch für

die teleologische Position: ID entspricht dem Postulat, demnach manche Aspekte des Universums und des Lebens

am besten durch Theorien erklärt werden können, welche eine intelligente Ursache beinhalten – so wie

beispielsweise eine übernatürliche Schöpfung aller Grundtypen vor wenigen tausend Jahren (vgl. Junker 2005b)

oder eine von Außerirdischen durch „frontloading“ (vgl. Gene 2007) initiierte Evolution (Gerichtete Panspermie,

vgl. Crick & Orgel 1973).

Intelligent Intelligent Design Design – Gegenstück Gegenstück zur zur „Evolution“?

„Evolution“?

Nicht selten wird ID ganz schlicht der „Evolution“ als diametrale Antithese gegenübergestellt. Eine solche

Klassifizierung ist so undifferenziert, wie die Verwendung des Wortes „Evolution“ in den meisten Fällen ist.

Zahlreiche Autoren beider Seiten (beispielsweise Meyer & Keas 2003 und Bowler 1975; Thomson 1982), haben

bereits auf die vielfältigen Bedeutungen dieses Wortes hingewiesen.

Versteht man unter Evolution lediglich die Veränderung der Lebensformen im Laufe der Zeit, so ist diese

Vorstellung sehr gut kompatibel mit der teleologischen Perspektive. Mikroevolutive Abänderungen des intelligent

designten Bauplans der Lebewesen wurden bereits von frühen Vertretern der biblischen Schöpfungslehre (SD-

Modell), wie etwa Carl von Linné anerkannt (Landgren 1993).

Auch wenn unter „Evolution“ die gemeinsame Abstammung auch der höheren taxonomischen Einheiten

verstanden wird, ist sie problemlos kompatibel mit dem Design-Gedanken.

Dass die Vorstellung eines „Baum des Lebens“ nicht unbedingt an ateleologische Mechanismen, die zu seinen

Verästelungen führen, gekoppelt ist, sieht man auch daran, dass auch viele der frühen Vertreter von „common

descent“ die Meinung vertraten, der Mechanismus, welcher für die Transformationen gesorgt haben müsste, sei ein

teleologischer – sie vertraten also den ID-Standpunkt (vgl. Barrow & Tipler 1986). Selbstverständlich gab es auch

Teleologisten, welche einen Entwicklungsgedanken aufgrund spezieller SD-Modelle, ablehnten. Das ist aber noch

nicht in der übergeordneten allgemeinen teleologischen Perspektive begründet.

Auch heute noch gibt es Vertreter der teleologischen Ursprungssicht, welche SD-Anschauungen vertreten, in

denen „common descent“ abgelehnt wird (z.B. Paul Nelson) und solche, welche dieses Element integrieren (z.B.

Michael J. Behe und Mike Gene). Im Rahmen der ateleologischen Perspektive besteht nur eine sehr

eingeschränkte Möglichkeit, den „Baum des Lebens“ abzulehnen: Wenn das Leben ateleologisch entstand und

zwar nicht „einfach so“ von einem Moment auf den anderen, sondern aufgrund eines naturwissenschaftlich

plausiblen Mechanismus, dann müssen sich die einzigen Lebensformen im Grunde unausweichlich auseinander

entwickelt haben. Daher ist im ateleologischen Rahmen-Paradigma nur sehr begrenzt ein Abweichen von dieser

Anschauung möglich (vgl. Doolittle & Bapteste 2007). Ausnahmen (Schwabe 2001; Schwabe & Warr 1984; vgl.

Meyer & Keas 2003, 153) bestätigen die Regeln.

Junker & Scherer (2006, 47) setzen den Begriff der „Abstammungslehre“ mit dem der „Evolutionslehre“ gleich

und begründen das damit, dass die „Vorstellung eine universellen Evolution auch auf philosophischen Grundlagen

und nicht nur auf empirischen Befunden beruht“.

Ich verwende den Begriff der „Evolutionslehre“ ohne Bezug zum Element der gemeinsamen Abstammung der

Lebensgruppen, und bezeichne damit die Auffassung, dass das unsere Welt vollständig auf rein ateleologische

Prozesse zurückzuführen ist. Da der Begriff der „Lehre“ am ehesten für den Inhalt eines weltanschaulichen

10 Um das Chips-Beispiel aufzugreifen: Je nach verdächtigtem Dieb (Designer) ergeben sich ganz verschiedene Aspekte: Hätte

meine Katze die Tüte selbstständig öffnen können? Mag mein kleiner Bruder überhaupt Chips? Und wieso finde ich bei mir

im Zimmer einen Haargummi meiner Schwester?

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Glaubenssystems angebracht ist, könnte man den Begriff der Evolutionslehre wohl am ehesten mit der oben

definierten ateleologischen Position gleichsetzen. Da die ateleologische Perspektive – auf der materiellen Ebene –

jedoch vergleichbar absolut ist, scheint die Bezeichnung auch für dieses Gedankengebäude angemessen.


II. II. Rechtfertigung Rechtfertigung der der teleologischen teleologischen Perspektive Perspektive in in der

der

Diskussion Diskussion um um die die Ursprungsfrage

Ursprungsfrage

Ateleologisches Ateleologisches und und teleologisches teleologisches Postulat Postulat und und Argumentationsstruktur

Argumentationsstruktur

Auf die eingangs diskutierten Definitionen der teleologischen und ateleologischen Perspektive aufbauend, möchte

ich im Folgenden die jeweiligen Postulate und (daraus folgend) die jeweiligen Argumentationsstrukturen

aufzeigen, die sich aus den beiden Ansichtsweisen der Welt ergeben.

Das Postulat der Vertreter der (sich auf alle naturwissenschaftlich diskutierten Ursprünge [Universum, Leben,

Organismengruppen usw.]) ateleologischen Perspektive ist offensichtlich: Es gibt eine ateleologische Erklärung

für den Ursprung und die Entwicklung der Welt einschließlich aller belebten Phänomene. Ein solches Postulat hat

eine positive Grundstruktur, da hier eine verifizierbare Erwartung formuliert wird. Die These könnte durch

experimentelle Bestätigung und mathematische Plausibilitätsabschätzungen leicht untermauert werden:

Beispielsweise würde der Nachweis der Reichweite eines ungerichteten Makroevolutionsmechanismus bis hinein

in die Tiefen der organismischen Komplexität, den Anspruch der ateleologischen Perspektive zumindest für den

Bereich der biologischen Evolution rechtfertigen.

Das Postulat der teleologischen Perspektive hat hingegen eine negative – also negierende – Grundstruktur. Es

widerspricht dem ateleologischen Anspruch vehement und behauptet, die Welt könne nicht auf ateleologische

Erklärungen (ob nun der Real-Historie entsprechend, oder nicht) reduziert werden. Wäre dies nämlich möglich,

läge Pseudo-Ateleologie vor und die teleologische Perspektive wäre nicht mehr aufrecht zu erhalten, das Design

wäre nicht mehr erkennbar. Das Postulat, ‚Es gibt keine ateleologische Erklärung für den Ursprung und die

Entwicklung der Welt, welche auch die belebten Phänomene beinhaltet.‘, kann nicht verifiziert werden, es sei

denn es erfolgt der Negativbeweis, dass eine bestimmte Struktur unmöglich durch alle möglichen ateleologischen

Prozesse entstehen kann. Dieses Postulat macht keine positiven Aussagen bezüglich der Reichweite irgendwelcher

Prozesse. 11 Damit besteht auch keine postulierte Fähigkeit, die man durch Experimente oder mathematische

Modelle nachweisen könnte. Das Postulat ist jedoch sehr leicht falsifizierbar, nämlich durch die Bestätigung des

ateleologischen Postulats. Dieses wiederum ist nur sehr schwer falsifizierbar, da das Versagen eines

ateleologischen Erklärungs-Versuchs nicht beweist, das die Welt auch grundsätzlich nicht ateleologisch erklärbar

ist. Die einzige Möglichkeit das ateleologische Postulat zu falsifizieren, bestünde in dem genannten

Negativbeweis, der alle denkbaren ateleologischen Erklärungsansätze widerlegt und als unzureichend

zurückweist. Damit wäre dann das teleologische Postulat bewiesen, dass nämlich keine ateleologische Erklärung

existiert, woraus folgen würde, dass die korrekte Erklärung nicht-ateleologisch sein müsste – mit anderen

Worten: teleologisch.

Diese Eigenschaften der jeweiligen Postulate („Negativität“ des teleologischen Postulats usw.) sind von großer

Bedeutung und bestimmen die Forschungsmöglichkeiten im jeweiligen Paradigma, wie im Folgenden gezeigt

werden soll.

Von Von der der der Beweislast Beweislast Beweislast und und und der der methodischen methodischen Gesundheit

Gesundheit

Mit den im letzten Abschnitt formulierten Thesen der beiden Parteien, stellt sich nun die Frage nach den

„Spielregeln“, die einen geregelten Wettbewerb der Perspektiven erlauben. Mit anderen Worten: Wer trägt die

Beweislast? Stehen die Ateleologisten in der Pflicht, eine ateleologische Erklärung zu liefern und ist die

teleologische Perspektive so lange gerechtfertigt, bis dies geschieht oder muss man viel mehr von den

Teleologisten fordern, sie müssten zuallererst den Negativbeweis vollbringen um überhaupt eine Berechtigung in

11 Das kann erst geschehen, wenn sich die Frage stellt, ob spezifische teleologische Prozesse aus dem Bereich „ID“ als

Erklärungen in Frage kommen (also im Rahmen von SD).

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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der Diskussion um die Ursprungsfrage zu haben, während die ateleologische Perspektive bis zum Gelingen eben

dieses Beweises die Deutungshoheit inne hätte?

Ich möchte zur Beantwortung dieser Frage zunächst eine kleine Analogie heranziehen. Weltanschaulich weniger

bedeutsam und daher auch weniger kontrovers als der Schluss auf intelligentes Design in der „Schluss auf

Gesundheit“, den wir aus unserem Alltag zu Genüge kennen. „Wie geht es dir?“, wird man da von einem

Bekannten gefragt und antwortet je nach Situation: „Danke der Nachfrage, ich bin momentan kerngesund!“ oder:

„Leider nicht gut, ich bin richtig krank…“. Jeder von uns wird schon mal krank gewesen sein und jeder – so hoffe

ich – auch wieder gesund. Werden wir nach unserem Befinden befragt, wie kommen wir dann zu unserer

Einschätzung? In der Regel antworten wir, wir seien gesund – es sei denn, wir verspüren hier ein Zwicken oder

dort einen Schmerz, oder sonst eine Beschwerde. Wir diagnostizieren Erkrankungen also aufgrund von am

Körper auftretenden Symptomen, wie beispielsweise einer erhöhten Körpertemperatur. Gesund ist eine Person

nach unserem Verständnis, wenn sie keine Krankheit hat und der Organismus ohne Störung funktioniert, also im

Umkehrschluss: keines der Symptome auftritt. Wir gehen auch nicht zum Arzt und lassen uns auf „Gesundheit“

hin untersuchen. Das würde nämlich Gesundheits-Symptome voraussetzen, aber die gibt es nicht: Normale

Körpertemperatur ist lediglich die Absenz eines Krankheits-Symptoms, jedoch kein Nachweis von Gesundheit.

Schließlich kann man auch bei einer Körpertemperatur von 37°C schwer krank sein. Nein, wir lassen uns auf die

Krankheits-Signale hin begutachten. Dabei geht es nicht darum, die Gesundheit nachzuweisen, indem alle denkbaren

Symptome ausgeschlossen werden. Dies wäre ein Negativbeweis, der nicht funktionieren kann, denn: Wer weiß

denn, ob wir alle möglichen Krankheits-Signale kennen und daher auch auf alle überprüft haben? Der Arzt kann

durch seinen Gesundheits-Check (besser: Krankheits-Check) nur nach bereits im Vorhinein bekannten

Symptomen suchen. Auch die beste Untersuchung eines Arztes kann jedoch nicht garantieren, dass es nicht auch

andere Krankheits-Indizien gibt, die nicht bekannt sind und damit nicht untersucht wurden. Damit bleibt der

„Schluss auf Gesundheit“ letztendlich immer ein argumentum ad ignorantiam, er attestiert Gesundheit auf der Basis

nicht nachgewiesener Krankheit. Medizinische Forschung kann jedoch dazu beitragen, dass wir immer mehr der

Gesamtheit denkbarer Krankheits-Signale kennen und die Patienten daraufhin untersuchen können. Je mehr

theoretisch mögliche Symptome bekannt sind und dennoch bei einer Person nicht auftreten, desto plausibler ist

es, ihr zu attestieren, sie sei nicht krank – sprich: gesund. Das Argument ist also kein schlechtes, nur weil es ein

negatives ist.

„Gesundheit“ liefert kein positives, verifizierbares Postulat, „Krankheit“ jedoch schon. Ist letztere einmal

Standard, kann sie jedoch nicht falsifiziert werden. Aus diesen methodischen Gründen setzen wir „Gesundheit“ als

eine Art Nullhypothese voraus, die durch Forschung (Untersuchung des Patienten) als ungültig ausgewiesen

werden kann.

Betrachtet man die Begründungsstruktur der beiden konkurrierenden Thesen zur Ursprungsfrage (s.o.), fällt auf,

dass diese mit denen von „Krankheit und Gesundheit“ identisch sind. Daher soll im nächsten Abschnitt versucht

werden, die Rechtfertigung der Gesundheit auf die teleologische Ursprungsperspektive zu übertragen.

Die Die Die Ursprungsfragenburg

Ursprungsfragenburg

Am 1. Januar 2007 erschien in der japanischen Tageszeitung Sekai Nippo aus Tokyo ein Cartoon von Hiromi

Makita. Darauf ist eine, dem Globus aufgesetzt, Burg, welche mit „The Darwin Castle“ beschriftet ist, zu sehen.

Dementsprechend regiert in diesem Schloss ein mit Königswürden versehener und in die Jahre gekommener

Charles Darwin, der sich jedoch wenig über den bevorstehenden 150sten Geburtstag seines Anwesens freuen

kann, da die Burg von Vertretern der teleologischen Ursprungsperspektive massiv attackiert wird. Darwins

Truppen haben mit den ihnen technologisch weit überlegenen Gegnern und desertierenden (wohl zum Feind

überlaufenden) Soldaten sichtlich Schwierigkeiten.


Dieses – für unsere Zwecke etwas modifizierte – Bild soll im Folgenden herangezogen werden, um die beiden

Perspektiven auf die Ursprungsfrage zueinander in Beziehung zu setzen 12 . Dazu nehmen wir an, es gäbe eine Art

„Ursprungsfragenburg“, die sowohl von den Ateleologisten als auch von den Teleologisten besetzt sein könnte.

Dabei ist jeweils die Partei, welche gerade in der Burg herrscht, im Bezug auf die Ursprungsfrage gut begründet.

Dementsprechend ist ihr Postulat zum jeweiligen Zeitpunkt gut belegt, während die andere Partei die Burg erst

erobern muss, um dies über sich sagen zu können, sie trägt also die Beweislast. Die erste Gruppe bleibt so lange

gerechtfertigt, so lange sie die Angreifer abwehren kann. Dabei ist wichtig, anzumerken, dass diese Burg zu jeder

Seite eine separate Kriegsfront hat: Hier wird um den Ursprung des Universums gekämpft, dort um die

Entstehung des Lebens, daneben um dessen Entwicklung und an der verbliebenen Seite um den Ursprung des

Menschen mit all seinen geistigen Fähigkeiten. Ob es Darwin (1859) gelang, eine dieser Fronten für die

Ateleologisten einzunehmen, ob bereits die ganze Burg und damit alle Aspekte des Universums der

ateleologischen Perspektive zugefallen sind, all das sei dahingestellt (vgl. zu diesen Aspekten das Buch des Nicht-

Teleologisten Berlinski 2008). Wichtiger noch als die Frage, wie die Burg erobert werden kann, ist die Frage, wie

sie erstmalig besetzt werden sollte. Selbst wenn die teleologische Perspektive einmal angemessen war 13 – wie

wurde sie es erstmals begründet? Um diese Fragen beantworten zu können, versetzen wir uns in die – abstrakte –

Situation der erstmaligen Besiedlung der Burg. In diesem konstruierten Urzustand gibt es generell zwei

theoretische Möglichkeiten der Rollenverteilung, beide Fälle sollen im Folgenden besprochen werden.

Erste Erste Möglichkeit

Möglichkeit

Der vorläufige Herrscher der Burg ist die ateleologische Perspektive, also die Annahme, dass ein

naturwissenschaftlich untersuchbarerer, naturalistischer, ungerichteter Mechanismus existiert, der die Evolution

vorantreiben kann. In diesem Fall müsste die teleologische Perspektive positive Belege dafür bringen, dass im

Laufe der Geschichte der Entstehung und Entwicklung der Welt intelligent designt wurde.

Diese Rollenverteilung wirft Probleme auf: Zum einen setzt sie die Existenz eines ateleologischen Mechanismus

voraus, obwohl es doch bei der Ursprungs-Forschung darum gehen sollte, diesen erst noch zu spezifizieren und

nachzuweisen. Während die ateleologische Perspektive eine Existenz postuliert (nämlich die der Möglichkeit

einer ateleologischen Erklärung), verneint der ID-Standpunkt diese. Diese verneinende Argumentation kann

12 Dabei nehme ich nicht an, dass die momentane Situation in der „Scientific Community“ durch den Cartoon realitätsnah

wiedergegeben wird und spreche mich auch nicht für einen aggressiven Kampf um die Ursprungsfrage aus. Im Gegenteil:

Dieser Aufsatz soll einen Beitrag zu einer respektvollen Diskussion liefern, indem durch das Aufzeigen der weltanschaulichen

Abhängigkeit der Perspektiven-Wahl die Möglichkeit eröffnet wird, die abweichende Entscheidung anderer als (in deren

Weltbild) konsequente Schlussfolgerung zu achten.

13 Dass die teleologische Perspektive vor hunderten von Jahren Standard war zeigt nicht nur der geschichtliche Überblick

(Barrow & Tipler 1986), sondern wird auch von den allermeisten Ateleologisten als berechtigt angesehen. So schreibt Dawkins

(1986, 6), dass es Darwin war, der mit der Präsentation seines Mechanismus den Rückgriff auf intelligentes Design unnötig

machte: „[...]Darwin made it possible to be an intellectually fulfilled atheist.“ Das heißt nichts anderes, als dass Darwin

erstmals einen naturalistischen und ungerichteten Mechanismus für ein Ereignis präsentierte, für das es bis dahin keine

Erklärung gab. Zuvor war diese „Erklärungslücke“ durch einen Designer „geschlossen“ worden. Ruse (2003) macht diesen

Verdienst auf folgende Weise klar: „Organisms give the appearance of being designed, and thanks to Charles Darwin’s

discovery of natural selecetion we know why this is true. Natural selection produces artifact-like features [...].“Ayala (2007)

unterstreicht nochmal Ruses Aussage: „It was Darwin’s greatest accomplishment to show that the directive organization of

living beings can be explained as the result of a natural process - natural selection - without any need to resort to a Creator or

other external agent.“ Und Crick (1990, 24f.) schließt sich an, wenn er schreibt: „The second property of almost all living

things is their complexity and, in particular, their highly organized complexity. This so impressed our forebears that they

considered it inconceivable that such intricate and well-organized mechanisms would have arisen without a designer. Had I

been living 150 years ago I feel sure I would have been compelled to agree with this Argument from Design. […] This

compelling argument was shattered by Charles Darwin, who believed that the appearance of design is due to the process of

natural selection.“

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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jedoch erst greifen wenn ein Mechanismus vorgeschlagen wird, der dann kritisiert werden kann. Erst dann, wenn

ein Versuch vorliegt, diese Existenz (eines Krankheits-Symptoms/eines Makroevolutionsmechanismus)

nachzuweisen, kann die Gegenposition überhaupt anfangen zu argumentieren, Evolutionskritik vorzubringen.

Wenn die ateleologische Perspektive Standard ist, ohne die Reichweite eines spezifischen ateleologischen

Mechanismus nachgewiesen zu haben und sogar, ohne einen solchen Mechanismus spezifiziert und benannt zu

haben, dann kann ID rein gar nichts tun. Die teleologischen Truppen sind darauf angewiesen, vor den Toren der

Burg zu lagern und können nichts tun, um die Burg zu erobern und eine Berechtigung zu erhalten. Und sollte

einmal ein Mechanismus präsentiert und von den Teleologisten sofort widerlegt werden, wäre dadurch für sie

nichts gewonnen, denn die ateleologisch Partei ist ja bekanntermaßen auch ohne Mechanismus bereits ausreichend

begründet. Die Evolutionslehre hätte in diesem Fall keinerlei empirische Basis – und würde trotzdem als gültig

dastehen.

Das wäre – auf das Beispiel der Gesundheit übertragen – als würden wir davon ausgehen, dass eine Person krank

ist, ohne je eine Untersuchung gemacht zu haben und Krankheitssignale nachgewiesen zu haben. Und wenn auch

später nie ein solches Signal gefunden würde, würde das doch immer nur heißen, es sei eben noch nicht entdeckt

worden, ohne dass es dem Status „krank“ etwas schaden könnte. Ebenso wenig, wie wenn mal ein Symptom

vorgeschlagen aber sofort von den „Gesundheits-Fanatikern“ widerlegt würde: Nichts würde sich daraus ergeben,

denn die Person kann schließlich auch ohne Symptom als krank gelten, so wäre es schließlich die ganze Zeit

gewesen, von Anfang an.

Die einzige Möglichkeit der Gesundheits-Anhänger bestünde in einem Negativbeweis, von dem nicht klar ist, ob

er überhaupt theoretisch möglich ist. Ebenso haben auch die Teleologisten keine „Waffen“ im Sinne des Cartoons,

sie haben keine positiven Befunde, mit denen ein Sturm auf die Burg begonnen werden könnte. Sie beherrschen

nur defensive Maßnahmen, die ihnen – außerhalb der Burg und ohne etwas, was es abzuwehren gäbe – nichts

bringen.

Weder die Gesundheits-Perspektive, noch die teleologische Ursprungssicht können positive Befunde für die

eigene Position vorbringen, da sie im Gegensatz zur Krankheits- und ateleologischen Perspektive keine

verifizierenden Statements über postulierte Existenzen aufweisen. „Verifizierbar“ ist eine Eigenschaft, die so viel

heißt, wie „grundsätzlich fähig, die Burg zu erobern“ und „falsifizierbar“ so etwas wie „grundsätzlich so

ausgestattet, dass es möglich ist, diese Sache aus der Burg zu werfen“. Daher macht es keinen Sinn, eine nichtfalsifizierbare

nur („noch weiter“) bestätigbare These zum Standard, zur Nullhypothese zu erklären, weil sie es

dann immer bleiben wird und von einer nicht-verifizierbaren Hypothese zu verlangen, dass sie etwas Positives

„nachweist“. Diese „Rollenverteilung“ kann nur vertreten werden, wenn man bezüglich der „Schauspieler“ klare

Präferenzen hat. Ob die Evolutionslehre nun richtig ist oder nicht, einmal diese Rollenverteilung eingenommen,

gibt es kein Zurück. Kein naturwissenschaftlicher Befund könnte die Situation ändern. Wenn wir eingestehen,

dass es zumindest theoretisch auch sein könnte, dass die teleologische Perspektive der Wahrheit näher kommt, als

die ateleologische und wir des Weiteren mit unserem Nachsinnen über die Ursprungsfrage tatsächlich dieser

Wahrheit näher kommen und nicht nur eine bereits vorgefertigte Meinung unter allen Umständen verteidigen

wollen, kann der ateleologischen Perspektive keine Rolle zugeschanzt werden, aus der sie unter keinen Umständen

zu verdrängen ist.

Zweite Zweite Möglichkeit:

Möglichkeit:

Die teleologische Perspektive gilt als Standard, bis die Partei der Ateleologisten Ergebnisse vorlegen kann. Die im

ID-Standpunkt enthaltene These, dass keine ateleologische Erklärung vorliegt, welche das Design unerkennbar

machen würde, ist zumindest zu Beginn, vor jeglicher Forschung, zum Zeitpunkt der erstmaligen Besiedlung der

Burg gegeben. Auch wenn bereits fünf Minuten Laborarbeit zeigen könnten, dass befriedigende ateleologische

Erklärungen existieren und es zum Thronwechsel käme. Das ist möglich, weil im Rahmen der ateleologischen


Weltsicht verifizierbare Aussagen über die Fähigkeiten von Mechanismen möglich sind. Doch bis sie nachgewiesen

sind, bleibt das Einnehmen der teleologischen Perspektive berechtigt.

Im Gegensatz zur ersten Möglichkeit macht die eben geschilderte Variante der Rollenverteilung Sinn: Sollte die

Evolutionslehre Recht haben, wird sie sich ihre Rechtfertigung erkämpfen und die Burg der Ursprungsfrage

einnehmen können – aber eben erst, wenn sie nachgewiesen hat, dass sie dazu in der Lage ist und nicht schon a

priori. Im Falle der Richtigkeit der Idee eines ateleologischen Ursprungs der belebten Welt, wird hier die richtige

Option zum Standard werden (Unintelligentes Design). Sollten jedoch die Teleologisten Recht haben, werden die

Armeen der ateleologischen Ursprungsvorstellung die Burg nie einnehmen können und die zutreffende Option

wäre auch in diesem Fall stets vertretbar. Diese Rollenverteilung garantiert daher – im Gegensatz zur anfangs

genannten Alternative – ein durch Forschung und nicht Dogmatik begründetes Ergebnis.

Diese Rollenverteilung macht zumindest dann Sinn, wenn wir eine ateleologische Perspektive nicht bereits von

Anfang an Voraussetzen wollen. Um ein solches Vorgehen zu unterstützen braucht man kein Teleologist, sondern

lediglich an einer möglichst korrekten Antwort auf die Ursprungsfrage interessiert zu sein. Wie auch die

„Gesundheit“ kann „Intelligent Design“, kann die teleologische Perspektive, also als Nullhypothese betrachtet

werden, die durch die Erkenntnisse der Forschung jedoch schnell hinfällig werden kann. Da die Gründe für den

Status als Nullhypothese methodischer Natur sind, schlage ich vor, ID als methodisch erzwungene (nicht

widerlegte?) 14 Nullhypothese anzusehen.

Positive Positive Hinweise Hinweise auf auf Design Design Design - Das Das Das Unmögliche Unmögliche doch doch möglich?

möglich?

Ich habe in diesem Kapitel erläutert, weshalb die teleologische Perspektive nur negativ argumentieren kann, also

nur vorgebrachte ateleologische Erklärungsversuche widerlegen kann und – so lange ihr das gelingt – aus

methodischen Gründen gerechtfertigt und vertretbar bleibt. Diese Schlussfolgerungen sind aus Überlegungen zum

Postulat der teleologischen Perspektive ableitbar, welche wiederum direkt aus ihrer Definition folgt.

Nun begegnet man in der von Vertretern des ID-Ansatzes verfassten Literatur auch oft der Behauptung, es gäbe

positive Argumente für intelligentes Wirken in der Entstehungsgeschichte unserer heute existierenden Welt.

Aufgrund der oben getätigten Überlegungen zur Natur des Postulats der teleologischen Perspektive dürfte ein

solches Argument eigentlich nicht möglich sein. Tatsächlich offenbart eine detaillierte Analyse der Struktur dieses

angeblich positiven Arguments für intelligentes Design, einen negativen Grundcharakter. Es bestätigt sich die

These, dass positive Argumentation für Design nur im Rahmen von SD möglich ist.

Da diese Diskussion eine gewisse Ausführlichkeit erfordert, aber zugleich nur die Widerlegung eines Einwands

zum hier vorgestellten und diskutierten Konzept darstellt, wurde sie in einen Anhang (ANHANG I) gestellt.

14 Diese Frage zu Entscheiden ist die Aufgabe der Naturwissenschaften. Die teleologische Perspektive ist daher empirisch gut

verankert und mit der aktuellen Forschung verbunden.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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III. III. Perspektivenfindung im Rahmen der vertretenen

Weltanschauung

Weltanschauung

Perspektiven

Perspektiven- Perspektiven

Perspektiven vs. vs. Wahrheitsfindung

Wahrheitsfindung

Im letzten Kapitel habe ich dargelegt, weshalb die teleologische Perspektive auf die Ursprungsfrage legitim ist, so

lange keine ateleologische Erklärung vorliegt und mit deren Auftreten ihre Berechtigung verliert. Das heißt nun

aber gerade nicht, dass die teleologische Perspektive die einzig vertretbare Perspektive ist. Man kann durchaus auch

die ateleologische Perspektive einnehmen und versuchen ihr Postulat als wahr auszuweisen. Entscheidend ist nur,

dass man der Gegenseite die Daseinsberechtigung nicht absprechen kann, so lange dieser Nachweis nicht

geschehen ist. Und selbst wenn eine augenscheinlich hinreichende ateleologische Gesamterklärung formuliert

werden kann, ist die teleologische Perspektive noch insofern einnehmbar, dass sie versuchen kann, durch negative

Argumentation diesen Erklärungsversuch als unzureichend auszuweisen, beziehungsweise neue explananda zu

entdecken, welche sich dem bis dahin durchaus angemessenen ateleologischen Ansatz entziehen. 15

Wir müssen also prinzipiell unterscheiden zwischen der Frage, ob die ateleologische Perspektive gut genug belegt

ist, um die teleologische Perspektive zu verdrängen, sich also als „wahr“ erwiesen hat oder die teleologische

Perspektive noch immer gerechtfertigt ist und der Frage, welcher der beiden Parteien wir uns als Individuen

anschließen sollten. Nochmals: Nur weil die teleologische Perspektive als begrünet ausgewiesen werden kann,

indem auf erhebliche Erklärungsprobleme der ateleologischen Sichtweise verwiesen wird und methodische

Aspekte ins Spiel gebracht werden, heißt das nicht, dass Letztere nicht vertretbar sei. Oder im Bild der

Ursprungsfragenburg gesprochen: Nur weil begründet werden kann, dass ID noch immer über die Ländereien der

Burg herrscht, heißt das nicht, dass jeder Soldat nur zur Truppe der Teleologisten gehören kann. Im Gegenteil:

Ein ganz beträchtlicher Anteil gehört auch zum Heer der Ateleologisten – andererseits könnte dieses schließlich

nicht die Burg attackieren.

In diesem Aufsatz soll es darum gehen, eine Systematik aufzustellen, die als Leitfaden dienen soll, für die

Entscheidungsfindung zwischen den beiden Perspektiven: Mit welchen Voraussetzungen sollte man – um

konsequent auf diese aufzubauen – welcher Perspektive anhängen. Sollte man eher versuchen die Felder der

Ursprungsfragenburg mit teleologischen SD-Modellen zu bestellen, oder sollte man nach ateleologischen

Ansätzen suchen, mit denen eine Eroberung der Burg gelingen könnte?

Systematik ystematik des des Nicht Nicht-Wissens

Nicht Wissens

Scherers Scherers Ansatz: Ansatz: Drei rei Haltungen bei systematischem Nichtwissen

In einem hervorragenden Aufsatz zur Entstehung molekularer Maschinen, weist Scherer (2008) nach, dass die

makroevolutive Generierung eben dieser Konstruktionen bis heute unverstanden ist. Er nennt es „eine Tatsache,

dass wir nicht wissen, wie eine erste Zelle oder ein Bakterienmotor durch Naturprozesse entstanden sein könnte“.

Er stellt jedoch auch die Frage: „Was aber kann man insbesondere aus den Wissenslücken evolutionsbiologischer

Forschung schlussfolgern?“ Mit anderen Worten: Müssen wir auf dieser Basis auf Design schließen?

Grundsätzlich, so Scherer, würde das „Nicht-Wissen zur Forschung motivier[en], in diesem Fall zur

Evolutionsforschung“. Dadurch würden weitere Daten erzeugt, welche die Erklärungslücken schließen könnten.

Geschähe dies, wäre eine ausreichende ateleologische Erklärung vorhanden und der Schluss auf intelligentes

Design unnötig.

15 Ähnlich argumentiert Behe (1996): Der darwinsche Evolutionsmechanismus hätte die Entstehung der im 19. Jahrhundert

bekannten Komplexitäts-Ebenen des Lebens durchaus adäquat erklären können. Die Erkenntnisse der Molekularbiologie aus

der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kämen jedoch einem Öffnen der zur Zeit Darwins noch verschlossenen „Black Box“

gleich und würden im Nachhinein Anforderungen an den Mechanismus stellen, die er – trotz versuchter Erweiterungen –

nicht befriedigen würde.


Es könnte aber sein, dass die neuen Daten keine Lösung bringen. Scherer meint dazu: „[N]un, dann muss eben

weiter geforscht werden. Diesen Zyklus wird man erfahrungsgemäß oft durchlaufen und viele Probleme werden

am Ende einer naturwissenschaftlichen Lösung zugeführt werden. Manche vielleicht aber auch nicht. Im Fall der

Lebensentstehung (und, bisher weniger gut begründet, des Bakterienmotors) hat sich gezeigt, dass die

zunehmende Datenfülle von über 50 Jahren experimenteller und theoretischer Forschung nicht zu einer

Erklärung, sondern im Gegenteil zu einer Verschärfung des Problems geführt hat.“

Von dieser Situation ausgehend, wie sie Scherer wie zitiert für manche Phänomene heute als gegeben erachtet,

meint er drei Haltungen ausmachen zu können:

1. Die naturalistische Haltung: Man glaubt, dass es ganz sicher einen Weg gibt, und früher oder später

werde man ihn finden. Man wird in diesem Fall also erwarten, dass die künftige Forschung das Problem

löst. Das kann man schwerlich ausschließen. Die Möglichkeit, dass tatsächlich „Nicht-Erklärbarkeit“

vorliegt, lässt sich allerdings auch nicht im Vorhinein ausschließen. Wer bei Vorliegen von „Nicht-

Erklärtheit“ die Möglichkeit der „Nicht-Erklärbarkeit“ einer biologischen Struktur grundsätzlich ablehnt,

formuliert einen Glaubenssatz. Wenn es tatsächlich keinen natürlichen Mechanismus zur Entstehung der

ersten Zelle gäbe, würde die naturalistische Haltung in einen unendlichen, ergebnislosen Zirkel führen.

Sie käme in einem gewissen Sinne einem Verzicht auf Erklärung gleich, wenn es sich bei der ersten Zelle

in Wahrheit um eine geschaffene Konstruktion handeln würde.

2. Die ID-Haltung: Sie schließt „aus Nicht-Erklärtheit im Zusammenhang mit designertypischen

Kennzeichen auf Nicht-Erklärbarkeit [....]: Es gibt keinen natürlichen Weg zur Entstehung einer ersten

Zelle, denn sie ist nichtreduzierbar komplex, weist typische Kennzeichen von Design auf und kann daher

nur auf unbekannte Weise von einem Designer konstruiert worden sein. Diese Haltung birgt dann die

Gefahr, auf Wissen zu verzichten, wenn sie dazu führt, dass die Erforschung des Problems deshalb

aufgegeben wird, weil man es für unlösbar hält. Aber wenn es nun doch lösbar wäre? Vielleicht haben

wir in einigen Jahren eine plausible Erklärung für die natürliche Entstehung des Bakterienmotors? Wer

aus dem Befund von ‚Nicht- Erklärtheit‘ auf ‚Nicht-Erklärbarkeit‘ einer biologischen Struktur schließt,

formuliert einen Glaubenssatz. Außerdem besteht die Gefahr (aber das muss nicht notwendig so sein,

und es ist ein theologisches Argument), dass ein Designer als Lückenbüßer dort eingesetzt wird, wo die

derzeitige Wissenschaft (noch?) keine Erklärung hat.“

3. Die abwartende Haltung: „Man kann den Fall nicht entscheiden, es existiert eine Wissenslücke, die

zunächst einfach stehen bleiben muss. Ich kenne eine ganze Reihe von Biologen, die diese Meinung

vertreten. Als Naturwissenschaftler teile ich diese Haltung, doch darf sie nicht in einem resignativen,

agnostischen Sinn verstanden werden. Sonst würde die Gefahr bestehen, dass auf Forschung verzichtet

wird, weil man glaubt, sowieso nichts Sicheres wissen zu können.“

Eigene Eigene Überlegungen: Überlegungen: Quantifizierung Quantifizierung des des „argumentum „argumentum ad ad ignorantiam“

ignorantiam“

Scherer (2008) trifft in mancher Hinsicht meine eigenen Gedanken zu dieser Frage (teilweise publiziert in Heilig

2008a). Ich habe sowohl im zweiten Kapitel des Aufsatzes, als auch im ANHANG I ausführlich dargelegt, weshalb

das ID-Argument letztendlich immer ein argumentum ad ignorantiam (AAI) sein muss, es sei denn es gelingt der

unbestreitbare Ausschluss aller denkbaren ateleologischer Alternativen.

Wenn das ID-Argument ein solcher Negativbeweis wäre, wäre seine Gültigkeit unhinterfragt. Ist es aber (noch?)

ein AAI, stellt sich automatisch die Frage, wie es zu bewerten ist und ab welchem „Grad an Unplausibilität“ der

konkurrierenden Hypothese es zu gelten hat. Oder gar, wie dieser zu messen ist. Wie

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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gut/stark/überzeugend/zwingend ist das AAI der ID-Vertreter? Das heißt: Wie zwingend ist das Einnehmen der

teleologischen Perspektive aufgrund fehlender ateleologischer Erklärungen?

Komplexität Komplexität vs. vs. Unplausibilität

Um eines klar zu stellen: Ein AAI kann durchaus ein gutes Argument sein. Ratzsch (2001, 5) liefert ein Beispiel für

ein rein negatives, aber doch sehr überzeugendes, Argument:

„Suppose that you come home and you find someone flat on the ceiling. According to quantum mechanics, there

is a nonzero chance of the molecules in the person's body suddenly all spontaneously heading straight up, resulting

in the splattering. But although that is both logically and physically possible, we'd never believe that that was the

proper explanation. Before buying that, we'd accept the Weekly World News explanation involving space aliens and

malfunctioning tractor beams.“

Dabei steht der Negativbeweis noch aus, der zeigt, dass es keine bisher verborgenen physikalischen Prinzipien

gibt, die ein solches Ereignis plausibel machen würden.

Auch der Schluss Paleys, die gefundene Uhr sei designt, ist letztendlich ein AAI: Wir können nicht ausschließen,

dass ein uns noch unbekannter Selbstorganisationsprozess existiert, welcher Taschenuhren generieren kann.

Wir dürfen nicht vergessen: Jeder Schluss auf intelligentes und nicht näher spezifiziertes Design ist ein AAI. Auch

wenn Mahner (2007) meint, wir würden nicht die Komplexität des in Frage stehenden Objektes betrachten:

„Wir würden auch einfache Artefakte wie Scherben oder Mauerreste als solche erkennen, wie es Archäologen

ständig tun. Komplexität scheint also bei Paleys Argument [ 16 ; Anm. C. H.] nicht die relevante Analogie zu sein.“

In der Tat ist es nicht die Komplexität des Gegenstandes sondern die Unplausibilität seiner ateleologischen

Entstehung, die zählt – auch wenn (spezifizierte) Komplexität (unter anderen Dingen!) auf eine solche

Unplausibilität hinweisen kann. In diesem Kontext sollte auch das SETI-Programm nicht unerwähnt bleiben.

„SETI“ steht für „Search for Extraterrestrial Intelligence“ und beschäftigt sich folglich mit der Suche nach

außerirdischer Intelligenz, indem nach Radiosignalen aus dem All gesucht wird. ID-Vertreter haben in der

Vergangenheit häufig auf dieses Forschungs-Programm verwiesen und angemerkt, dass es ganz offensichtlich

möglich sei, intelligentes Wirken auf naturwissenschaftliche Art und Weise zu erkennen (vgl. Dembski 2002).

Shostak (2005) verfasste daraufhin einen Artikel, indem er versuchte SETI von ID abzugrenzen. Sein

Hauptargument ist dabei, dass die SETI-Forscher eben nicht nach komplexen Signalen suchen würden, während

der „Komplexität“ in ID-Kreisen das Hauptaugenmerk gelte. Shostak übersieht jedoch, dass die (spezifizierte)

„Komplexität“ lediglich deswegen ein Design-Signal ist, weil sie Schwierigkeiten für ateleologische Erklärungen

bereitet. Bei näherer Analyse der Argumentation Shostaks stellt sich heraus, dass auch die SETI-Argumentation im

Kern ebenfalls negativer Natur ist. Denn auch die SETI-Signale deuten deswegen auf eine Intelligenz hin, weil ihre

ateleologische Entstehung in ihrem jeweiligen Kontext unplausibel erscheint:

„An endless, sinusoidal signal – a dead simple tone – is not complex; it’s artificial. Such a tone just doesn’t seem to be

generated by natural astrophysical processes.“ (Hervorhebung nicht im Original)

Shostak sagst selbst, SETI suche nach „Künstlichkeit“ (artificiality, s.o.). Das könnte bereits ein sehr simples Signal

sein. Aber er sagt auch klar, dass es genau dadurch zum Hinweis auf einen intelligenten Urheber würde, weil es

aus einer astronomischen Umgebung käme, „from which neither it nor anything like it is either expected or

16 Zu Paleys Argument siehe ANHANG I.


observed“. Unplausibilität muss also keinesfalls mit großer Komplexität im deskriptiven Sinne verbunden sein.

Das gilt auch für das von Korthof (2007) zitierte Gegenbeispiel zu Dembskis Argumentation 17 :

„Physicist Mark Perakh asks a seemingly innocent and simple question: If we find pebbles and a perfect spherical

white ball on the beach, which is designed? Nobody needs advanced mathematics to decide which is designed and

which originated by random forces. However, the information content of the spherical white ball can be described

by a very short formula only containing its diameter and colour. Therefore, the algorithmic information content

of the ball is low. Contrary, the algorithmic information content of an arbitrary pebble is very much higher

because a very complex formula is required to describe its irregular surface and colour distribution.“

Perakh (2004, 130) schrieb dazu:

„This example again illustrates that complexity in itself is more likely to point to a spontaneous process of random

events while simplicity (low complexity) more likely points to intelligent design. This is contrary to the definition

of complexity given by Dembski.“

Perakhs Äußerungen machen zumindest eines deutlich: Sein Beispiel ist nicht „komplex“ und es erscheint uns

dennoch als guter Design-Indikator. Entscheidend ist, dass die möglichen ateleologischen Erklärungsansätze für das

diskutierte Objekt unplausibel sind. In diesem Fall etwa die Herausformung der Struktur durch Erosions-

Prozesse.

Perspektive Perspektive vs. vs. Repräsentierende Repräsentierende Theorie

Theorie

Die im letzten Abschnitt diskutierten Beispiele machen einen weiteren wichtigen Punkt deutlich: Wir können

nicht einfach die zwei möglichen Perspektiven miteinander vergleichen: Wie sieht es etwa mit der Unplausibilität

der ateleologischen Option insgesamt aus? Da wir die Gesamtheit ihrer Erklärungen nicht kennen, ein Teil noch

zu entdecken ist, können wir diese Abschätzung nicht vornehmen (das liefe auf die eliminative Induktion hinaus).

Was wir haben sind lediglich vorgeschlagene Erklärungs-Ansätze. Es ist äußerst wichtig, sich vor Augen zu halten,

dass aus Sicht von ID stets nur diese Ansätze kritisiert und evaluiert werden. Diese sind nicht, sondern

repräsentieren lediglich die ateleologische Perspektive. Und das tun sie aus einem guten Grund: Sie stellen die

besten Modelle dar, die derzeit im Rahmen dieser Sichtweise zur Verfügung stehen. Ist einmal die einzig gängige

Evolutionstheorie widerlegt oder zumindest unplausibel gemacht, steht die ateleologische Perspektive zwar ohne

Erklärung dar, aber folgt daraus auch, dass die Perspektive insgesamt aufgegeben werden sollte? Im den folgenden

Abschnitten soll dieser Frage nachgegangen werden.

AAI AAI vs. vs. AAC

Wenn trotz fehlender ateleologischer Erklärung an der zugrundeliegenden Perspektive festgehalten und nach

ersterer weitergeforscht wird, drückt dies eine bestimmte Erwartung aus: Die Erwartung, dass zukünftige

Forschung noch einen Mechanismus offenbaren wird, die das bisher rätselhafte auf ateleologische Art und Weise

erklären kann. Diese Erwartung steht dem AAI, welches davon ausgeht, dass keine solche Erklärung gefunden

werden wird, diametral gegenüber. Die eigentliche Frage ist also, wie wir uns zwischen diesen beiden Optionen

an Erwartungen entscheiden sollen. Das AAI von ID einzunehmen, wäre äußerst schade, wenn noch ein wenig

Forschung tatsächlich den umstrittenen Mechanismus offenbaren würde. Auf der anderen Seite wäre ein

Festhalten an der sich noch manifestierenden Realität einer ateleologischen Erklärung äußerst unfruchtbar, wenn

sich im Bereich von ID gute und produktive SD-Modelle für das in Frage stehende Phänomen finden lassen

würden und alles Weiterforschen in die falsche Richtung Zeitverschwendung wäre. Dembski drückt seine

Motivation, sich für ein AAI zu entscheiden, nach Neuhaus (2002) so aus:

17 Es sei angemerkt, dass es insofern eine sehr schwache Kritik ist, da sie – allerhöchstens – zeigt, dass Dembskis Design-

Indikator „false negatives“ liefert, aber nicht, dass er „false negatives“ generiert, was das eigentlich Entscheidende wäre (vgl.

Dembski 2002, 22-28).

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„An argument from ignorance is still better than a pipe dream in which you’re deluding yourself. I’m at least

admitting to ignorance as opposed to pretending that you’ve solved the problem when you haven’t.“

Sowohl die Annahme, zukünftige Ergebnisse würden Wissenslücken schließen , als auch die Annahme, dies würde

nicht geschehen, sind Einstellungen, die klare Erwartungen an die Zukunft formulieren. Man könnte hier analog

zum AAI (und etwas polemisierend) von einem „Argument aus Leichtgläubigkeit“ (argumentum ad credulitatem =

AAC). 18

Der Der Wert Wert der der Erfahrung: Erfahrung: Das Das Meta Meta-ad Meta ad ad-ignorantiam

ad ignorantiam

Während uns der Blick in die Zukunft die Bedeutung der Wahl zwischen AAI und AAC aufzeigt (schwerwiegende

Folgen der Wahl, s.o.) kann uns ein Blick in die Vergangenheit helfen, den Wert des AAIs und die Plausibilität am

AAC festzuhalten, einzuschätzen. Dieses Element der Erfahrung ist zwar schwer objektivierbar, kann aber doch

zumindest im Einzelfall eine grobe Abschätzung über die Entwicklung der Ausdehnung von Wissenslücken im

Rahmen der ateleologischen Perspektive dienen.

Wir haben also zwei verschiedene Erwartungshaltungen zum selben Gegenstand. Hinzu kommt nun ein Element,

das dem AAI eine gewisse Rechtfertigung verleiht und das AAC zumindest einmal als nicht aus der empirischen

Forschung hervorgehend einordnet: Die genannte Erfahrung. Keine Erfahrung über Design-Vorgänge, sondern die

Erfahrung, inwiefern vergangene Jahrzehnte die Tendenz gezeigt haben, dass fortschreitende Forschung, die

Wissenslücken bzgl. ungerichteter Entstehungsmodelle vergrößerten oder verkleinerten. Diese

Erfahrungskomponente kann das Design-Argument zu einem besonderen AAI, zu einem qualitativ hochwertigen

machen. Waschke (2007) formuliert dies so:

„ID beruht eben nicht auf Wissen, sondern auf den Lücken im vorhandenen Wissen, die man durch mehr

Wissen erst bemerkt. ID basiert sozusagen auf einem ‚Meta-ad-ignorantiam‘[Anm.C.H.: Im Folgenden „MAI“],

zumindest so lange, bis es in der Lage ist, eine konsistente Theorie zu formulieren, die die Forschung weiter

bringt.“

In Anlehnung an Waschke spreche ich von einer MAI-Situation, wenn zum einen keine befriedigende

ateleologische Erklärung existiert und zum anderen die Geschichte zeigt, dass trotz erheblicher Bemühungen diese

zu liefern, die Erklärungslücken nicht geschlossen wurden oder sogar noch weiter aufklafften.

Hier kommt wieder einmal die Komponente der Erfahrung zum Vorschein, die ID zugrundeliegt, das „Wissen“.

Aber eben kein gewonnenes Wissen über die Fähigkeiten menschlicher Intelligenzen (vgl. ANHANG I), sondern

Wissen über die Unfähigkeit ateleologischer Erklärungsansätze und deren geschichtliche Entwicklung. Aufgrund

diesen Wissens entscheiden wir uns für das AAI als kleineres Übel, wenn wir schlussfolgern: Paleys Uhr ist designt

und nicht ateleologisch entstanden.

Synthese:

Synthese:

Wissenslücken im ateleologischen Deutungsmuster sind sowohl nach Scherers Meinung als auch meiner Ansicht

nach nicht automatisch Grund genug, davon auszugehen, eine Erklärung könnte nicht mehr gefunden werden.

18 Diese Leichtgläubigkeit kann zum Teil erstaunliches Ausmaß annehmen. So verkündete ich auf meinem Blog zum 1.April

2007 die scherzhafte Meldung:

„In einer Vorankündigung von PNAS ist zu lesen, dass es einem amerikanischen Forscherteam anscheinend gelang, unter

Evolutionsbedingungen eine Bakterienflagelle entstehen zu sehen.“

Der angegebene Evolutionspfad war absolut unrealistisch und an den Haaren herbeigezogen. Ich hatte mir das denkbar

unwahrscheinlichste Szenario zurecht geschustert gehabt. Evolutionsvertreter sind solche Plausibilitäten aber anscheinend

gewohnt und rechnen fest mit dem Eintreten eben solcher Ereignisse. Zumindest verkündete wenig später der

„Antiteleologist“ (um den von ihm geliebten Begriff des „Antievolutionisten“ aufzugreifen...) Martin Neukamm im

atheistischen Forum Freigeisterhaus den Erfolg für die Evolutionsbiologie im Kampf gegen ID voller Freude ...


Der Zyklus der Unerklärtheit, der über Evolutionsforschung zur erneuten Ernüchterung führt, wird bei mir

durch die MAI-Situation wiedergegeben. Entscheidend ist, dass dieser Zyklus oft und systematisch durchlaufen

wird, wodurch (in Scherers Worten) das „Problem [...] verschärft“ wird. Von dieser MAI-Situation liefert Scherer

erst mal zwei sehr absolute weiterführende Möglichkeiten: Es gäbe entweder „ganz sicher eine naturalistische

Erklärung“ bzw. es existiere „keine natürliche Lösung“ und das bisher nicht erklärte sei generell nicht erklärbar.

Bei zwei derart absoluten Aussagen wundert es nicht, dass Scherer eine „[a]bwartende Haltung“ einführen muss,

die sich nicht festlegt. Ich möchte einen anderen Weg gehen:

Ich denke, dass es durchaus möglich ist, in einer MAI-Situation eindeutige Zuordnungen zu den beiden

Perspektiven ID und UD zu machen. Man muss dann eben eingestehen, dass diese Zuordnungen lediglich

vorläufiger Natur sind und jederzeit durch naturwissenschaftliche Forschung hinfällig werden können, wenn sich

also die MAI-Situation auflöst. Das könnte selbstverständlich geschehen. Ein Risiko besteht also auch, wenn man

sich in der MAI-Situation entscheidet, sie liefert keine Sicherheit. Aber mit dieser ist in der Naturwissenschaft

eben nicht immer zu rechnen. Und sofern die eingenommenen Perspektiven nicht als dogmatische Haltungen

eingenommen werden, sondern als bei der momentanen Datenlage am wenigsten risikoreiche Haltungen mit nur

vorläufigem Charakter aber mit den größten Aussichten auf fruchtbaren naturwissenschaftlichen „Output“, sehe

ich nicht die Notwendigkeit eine abwartende Haltung als dritte Entscheidungsmöglichkeit anzunehmen. Ganz

einfach deshalb, weil die Aussage man könne „den Fall nicht entscheiden“, also nicht objektiv entscheiden, in einer

MAI-Situation von beiden Seiten unterschrieben werden sollte. Wir können es nicht wissen, wie es wirklich ist,

sonst könnten wir das „I“ in der MAI-Situation streichen und es läge keine solche vor. Dass bei Scherer eine dritte,

diplomatische Haltung nötig wird, liegt auch daran, dass bei ihm ohne diese dritte Haltung, die einzige

Möglichkeit weiter zu forschen in der „naturalistischen Haltung“ besteht. Kein Wunder, dass es da noch eine

zusätzliche Haltung braucht, denn was ist mit all den Vertretern der teleologischen Perspektive, welche die

Evolutionsbiologie nicht einfach aufgeben wollen, nur weil sie meinen, am Ende des Forschungsprozesses stünde

ein teleologisches SD-Modell? Dass ein Forschungsprozess in etwas resultieren soll setzt doch eben diesen

Forschungsprozess und nicht nur der Schluss auf „ID“ mit anschließender Stagnation und Forschungsfaulheit

voraus. Eine intensive Evolutionsforschung ist integraler Bestandteil der teleologischen Perspektive (siehe

ANHANG II). Außerdem sorgen Wissenschaftler, welche sich zu ateleologischen Perspektive rechnen, sicher

dafür, dass diese Option nicht einfach vergessen wird. Im Gegenteil: Es ist ja ihr festes Ziel, der teleologischen

Perspektive auf die Ursprungsfrage endlich die Basis zu entziehen. Scherer kreiert sich seine problematische

Entscheidungssituation also in einer gewissen Weise selbst, indem er den Charakter der teleologischen

Perspektive falsch darstellt: Nur weil man sich persönlich dafür entscheidet, dass die teleologische Perspektive die

besseren Zukunftsaussichten hat, wird dadurch schließlich nichts an der Grundstruktur eben dieses

Deutungsrahmens geändert und er ist weiterhin den Angriffen der ateleologischen Gegenbewegung ausgesetzt,

wie bei der „Ursprungsfragenburg“ beschrieben.

Ich fasse die MAI-Situation wohletwas schärfer und die teleologische Perspektive mit weitaus größeren Grenzen

auf als Scherer. Das sind wohl die beiden Hauptgründe, die ihn dazu zwingen, eine dritte Kategorie einzuführen.

Selbstverständlich: Es gibt Unentschiedenheit. Aber diese muss (im richtigen Maß) für jede der beiden

Ursprungsperspektiven gelten, nicht nur für eine dritte, besonders unsichere Partei. Diese Unentschiedenheit

drückt sich in einem Bewusstsein darüber aus, dass eine veränderte empirische Situation einen Perspektiven-

Wechsel erforderlich machen könnte – und zwar jederzeit. Es gibt auch noch eine andere Unentschiedenheit,

schlichtweg nicht zu wissen, welcher Perspektive man sich – auch nur vorläufig – anschließen sollte. Diese

Unentschiedenheit ist (zumindest in meiner MAI-Situation) jedoch keine gesonderte Perspektive, sondern in

meinen Augen lediglich das Resultat nicht komplett konsequenter Anwendung der eigenen Denkvoraussetzungen

auf die Ursprungsfrage.

Bevor wir gegen Ende dieses dritten Kapitels des Aufsatzes auf eine solche Systematik, eine möglichst klare

Zuordnung von vertretener Weltanschauung und einzunehmender Ursprungsperspektive, zurückkommen,

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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möchte ich zuvor ein Element einführen, dass für die Erstellung eben jenes Leitfadens von immenser Bedeutung

ist, in ID-Literatur aber bisher nur wenig bearbeitet und oft sogar entschieden abgelehnt wurde.

Transsubjektiver Transsubjektiver Schluss Schluss Schluss auf auf Design?

Design?

Der Der Der Appell Appell Appell an an an konsequentes konsequentes konsequentes Schlussfolgern

Schlussfolgern

Schlussfolgern

Im ANHANG I wurde Paleys „Appell an konsequentes schlussfolgern“ vorgestellt: Bei derselben empirischen

Situation für eine Uhr und eine Bakterienflagelle, bei derselben Unplausibiliät der ateleologischen

Erklärungsansätze also, solle man doch auch gefälligst in beiden Bereichen auf einen intelligenten Urheber

schließen – nicht nur im technischen. Nach den in diesem Kapitel bisher vorgenommenen Differenzierungen

könnte man das wie folgt umformulieren: Ist nicht jeder rational denkende Mensch „intellektuell verpflichtet“, bei

systematischem Scheitern ateleologischer Erklärungsansätze für die Entstehung und Entwicklung des Lebens, auf

ein intelligentes Design, einen teleologischen Ursprung zu schließen, wenn er es in der hypothetisch

vergleichbaren MAI-Situation der Uhren-Genese auch tut?

Ich denke, dass eine solche Haltung einem übertriebenen Empirismus gleichkommt und unangemessen ist. Zur

Begründung meiner These möchte ich auf ein Element verweisen, das sowohl Paley, als auch Rammerstorfer, als

auch all die anderen Anwälte der teleologischen Perspektive übersehen haben, die von aufgrund unplausibler

ateleologischer Option auf Design getätigte Schlüsse in der Naturwissenschaft ausgehend, argumentieren, ID sei

für den Ursprung des Universums, des Lebens, seiner Entwicklung und dem Auftauchen des Bewusstseins ebenso

zwingend. Wer in diesem Sinne argumentiert, vergisst eines: den potentiellen Designer.

Der Der potentielle potentielle Designer

Designer

Darunter ist jede Instanz zu verstehen, die als Kandidat für den „intelligenten Designer“ in Frage kommt, also

zumindest rein theoretisch fähig zum Design ist und diesem nicht explizit abgeneigt 19 – ein potentieller Designer

eben. Dass dieser so oft vergessen wird, ist eigentlich merkwürdig. Denn im Grunde ist er das entscheidende

Element, bei der Frage, ob für uns aus Nichtwissen bezüglich der ateleologischen Entstehung und der Erfahrung,

dass dieses im Verlauf der Forschung nicht weniger wird, der Schluss auf Design folgt. Der „potentielle Designer“

spielt immer eine Rolle, wenn wir uns überlegen, ob wir in einer MAI-Situation tatsächlich auf einen

teleologischen Ursprung einer Sache schließen, oder doch besser darauf vertrauen sollten, dass es eine

ateleologische Erklärung dafür gibt. Jeder, der Design-Schlüsse zieht, arbeitet mit diesem Element. Ganz gleich,

ob er als Forensiker arbeitet, als Archäologe, als SETI-Wissenschaftler oder als ID-Vertreter. Letztere sind leider

diejenigen, die in der Vergangenheit am meisten geleugnet haben, dass der „potentielle Designer“ für ihre

Schlussfolgerungen von Bedeutung ist. Irgendetwas scheint sich in ihnen gegen das Anerkennen der Wichtigkeit

für ihr Argument zu sträuben. Möglicherweise – um hier einen rein spekulativen Gedanken zu äußern – weil

dieses Element Paleys Forderung nach analogem Schließen bei selber ateleologischer Problemlage zunichte macht,

vielleicht, weil der teleologischen Perspektive auf die Ursprünge von Universum, Leben, neuen Organismen-

Bauplänen und menschlichem Bewusstsein, damit der Aspekt der Objektivität genommen wird, wie er etwa beim

Schluss auf Design im Fall eines Uhr-Fundes vorliegt.

Dabei liegt der potentielle Designer eigentlich recht nahe und Rammerstorfer (2006a, 262) nennt dieses Element

sogar indirekt als eine von drei Voraussetzungen 20 für die „ID-Position“: „Offenheit“. Darunter versteht er:

19 Ein Kandidat für ein Design, der zwar fähig zum Designen ist, aber ausdrücklich nichts mit so etwas zu tun haben will, ist

schließlich kein Kandidat im engeren Sinne.

20 Erkennbarkeit und Skepsis sind die anderen beiden. Letzterer Punkt ist wohl mit meiner MAI-Situation zu vergleichen,

auch wenn diese bei Rammerstorfer schon sehr leicht erreicht ist, nämlich schon wenn „Zweifel an bisherigen naturalistischen

Erklärungen zum Ursprung der Organismenwelt“ vorliegen. Weder muss ein systematisches Scheitern vorliegen, noch kann

hier eigentlich von „Scheitern“ gesprochen werden, da bloßer „Zweifel“ bereits genügt.


„Die Bereitschaft, intelligente Kausation grundsätzlich als mögliche Erklärung in der biologischen Ursprungsfrage

zu akzeptieren.“

Es gäbe sowohl atheistische Konzepte, als auch theistische, die eine solche Bereitschaft fördern. Was fördert diese

Bereitschaft? Rammerstorfers Kommentar zu den atheistischen und theistischen Konzepten legt nahe, dass er an

dasselbe dachte wie ich, es jedoch nicht ausformulierte. Zumindest berücksichtigt er das Element nicht in seinen

beispielhaften Schlüssen auf Design.

Nehmen wir dazu nochmals sein Lotto-Beispiel zur Hand (vgl. ANHANG I). Hier liegt nicht nur statistische

Unwahrscheinlichkeit vor, sondern auch die Möglichkeit der transsubjektiven Voraussetzbarkeit eines

„potentiellen Designers“. Dass eine Instanz einen potentiellen Designer darstellt, kann wie bereits diskutiert,

entweder auf empirischer Basis (Mensch) gezeigt werden (ANHANG I), oder aus logischen Gründen

angenommen werden (z.B. für Gott). Für die SD-Modell-Bildung ist der potentielle Designer äußerst wichtig und

der einzige Bereich in dem Design-Erfahrungen tatsächlich von Bedeutung sind. Aber auch bereits auf der Ebene

des bloßen Erkennens von intelligentem und nicht erst auf der der Zuordnung von spezifischem Design spielt er eine

Rolle.

Wir wissen, dass unsere Welt von intelligenten Wesen bevölkert ist, von potentiellen Designern. Wir brauchen

nicht genau zu wissen, wie man ein Lotto-Spiel manipulieren kann, welche Mechanismen hier am Werke sein

könnten und wer genau seine Finger im Spiel hat, oder gar, wie viele Finger derjenige hat. Aber es gehört zur

Definition intelligenter Instanzen, dass sie in der Lage sind, gegenwärtiges Handeln aufgrund antizipierter

zukünftiger Folgen nach eigenem Ermessen zu gestalten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das bestätigt sich

in vielen Alltagssituationen. Menschen erfüllen ganz offensichtlich das Kriterium der „Intelligenz“. Tritt ein

sechsmaliger Lotto-Gewinn also in einem Kontext (diese Bezeichnung verwendet Rammerstorfer

interessanterweise auch, ohne es zu spezifizieren) auf, der in eine menschliche Gesellschaft integriert ist, so ist

klar, dass potentielle Designer vorhanden sind. Hätte Paley diesen Punkt bedacht, hätte er vielleicht besser

verstanden, weshalb manche seiner Zeitgenossen im Falle der Uhr Design akzeptierten, im Falle des

Wirbeltierauges jedoch nicht. Denn die Existenz der Mitmenschen (im Fall der Uhr) darf man getrost für alle

voraussetzen, die Existenz eines Gottes oder außerirdischen Wesens (im Fall des Wirbeltierauges) jedoch nicht,

da die Entscheidung für oder gegen die Akzeptanz eines solchen Wesens (Außerirdische oder Gott) – des

potentiellen Designers – dem Individuum überlassen ist und zum momentanen Zeitpunkt nicht objektiv und für

alle gültig vorausgesetzt werden kann. Im Rahmen von ID (anders als bei SD) rechnen wir das Design noch nicht

dem Wirken eines spezifischen Designers zu, aber wir müssen bereits vor dem Schluss auf Design wissen, wer

(oder was) denn alles als Urheber in Frage kommt. Dabei kann sich die Anzahl möglicher Designer tatsächlich so

weit einengen, dass wir schon beinahe ein SD-Modell haben, da nur ein ganz spezifischer potentieller Designer

vorliegt (für den Ursprung des Universums beispielsweise nur ein Gott-Wesen; s.u.). Das räumt auch Dembski

(1998c, 15) unfreiwillig ein, wenn er schreibt:

„Whether an intelligent cause operates within or outside nature (i.e., is respectively natural or supernatural) is a

separate question from whether an intelligent cause has operated. For instance, we can reliably infer that a

Shakespearean sonnet has an intelligent cause independently of whether Shakespeare actually lived, whether a

space alien moved Shakespeare's quill, or whether an angel made the sonnet materialize magically.“

Dembski hat Recht, dass wir diese Frage aufgrund von Unwahrscheinlichkeiten entscheiden können, ohne dass

wir wissen, ob Menschen, Außerirdische oder übernatürliche Wesen designt haben. Das muss durch einen

Wettstreit verschiedener SD-Modelle ausgemacht werden. Der muss auch klären, ob Shakespeare der plausibelste

Urheber ist, oder ob das Sonett nicht vielleicht von einem anderen Dichter verfasst wurde. All diese Fragen sind

in der Tat für die Design-Identifikation unerheblich. Tatsache ist jedoch, dass wir beim Schluss auf Design drei

potentielle Designer zur Auswahl haben. Zumindest einer davon – der Mensch – kann für den Zeitraum der

Entstehung des Werks transsubjektiv vorausgesetzt werden. Daher ist der Schluss auf Design hier sehr

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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unproblematisch. Auch schon einige wenige Buchstaben auf einem Stück Papier hätten unter diesen

Voraussetzungen die nötigen Unwahrscheinlichkeiten geliefert, um auf Design zu schließen. Ganz anders im Falle

einer MAI-Situation für den Ursprung des Universums: Sie kann noch so erdrückend sein, lehnt ein Kosmologe

jedes übernatürliche Wesen ab – das zu Beginn unserer Zeit der einzig denkbare potentielle Designer ist – ab (und

dazu hat er als Mensch jedes nur erdenkliche Recht), wird er niemals auf Design schließen: Ohne die Möglichkeit

eines potentiellen Designers ist die ateleologische Entstehung des von ihm beobachteten Universums eine

Notwendigkeit, hat die Wahrscheinlichkeit P=1, ist eine Tatsache – aller Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz.

Von Von Von Steinwerkzeugen Steinwerkzeugen Steinwerkzeugen und und und potentiellen potentiellen potentiellen Herstellern

Herstellern

Herstellern

Meine Anfrage an jeden transsubjektiven Schluss auf Design wird auch vom ID-Kritiker Elliott Sober (2003, 38)

(zumindest in Teilen) geteilt:

„The first premiss in the likelihood formulation of the design argument – that Pr(O |Chance) is very low – is

correct, then the only question that remains is whether Pr (O |Design) is higher. This, I believe, is the Achilles'

heel of the design argument [...].“

Mit anderen Worten: Aus der Tatsache, dass das ateleologische Zustandekommen eines Ereignisses extrem

unwahrscheinlich ist, folgt – an sich – noch nicht, dass die teleologische-Perspektive zutreffend ist. Entscheidend

ist nicht nur, dass die ateleologische Hypothese eine geringe Wahrscheinlichkeit hat, sondern dass die Design-

Hypothese wahrscheinlicher ist. Letzteres hängt – und hier trennen sich meine Einschätzungen von Sobers – aber

vor allem davon ab, ob ein Designer, also eine handelnde Intelligenz, plausibel ist oder, um noch einen Schritt

zurückzutreten, wie plausibel ein potentieller Designer ist.

Am Beispiel von gefunden Steinwerkzeugen aus der Erdvergangenheit lässt sich dieser Punkt gut verdeutlichen: Es

gibt Funde von Steinen aus dem Oligozän bei Boncelles, welche von tasmanischen Ureinwohnern gefertigten

Steinwerkzeugen erstaunlich ähnlich sind (Stephan 2002). Beide Steinstrukturen können, nach allem was wir

wissen, nicht durch ungerichtete Prozesse entstehen. Bei den tasmanischen Werkzeugen ist es keine Frage, dass

sie designt wurden. Nicht nur, dass die ateleologische Option unwahrscheinlich ist, hinzu kommt, dass potentielle

Designer bekannt sind. Natürlich könnten die Werkzeuge auch von Außerirdischen oder Dämonen hergestellt

worden sein – wer weiß das schon. Während letztere Option aber wohl nur für einige wenige Personengruppen

in Frage kommt, besteht bezüglich der ehemaligen Existenz der Tasmanier keine Diskussion. Für die genannten

Artefakte besteht also auf jeden Fall ein potentieller Designer, der nicht nur von kleinen Glaubensgruppen

akzeptiert wird, sondern von der gesamten Menschheit. Im Fall der oligozänen Funde ist die Situation

schwieriger: Cremo & Thompson (1996) weisen nach, dass Ende des 19. Jahrhunderts viele Funde aus

vergleichbaren Schichten bekannt waren und von angesehenen Experten als Artefakte, als Produkt einer

Intelligenz, angesehen wurden. Damals war man sich noch nicht über das evolutionär bedingte, geringe Alter des

Menschen bewusst, es wurde sogar ein dinosaurierjagender Mensch (Homo ooliticus; vgl. Desmond & Moore

1991, 575) diskutiert. Es waren also potentielle Designer, Menschen, angenommen worden und die Funde

wurden als Produkte intelligenten Schaffens eingestuft. Später wurde jedoch klar, dass die Geschichte des

Menschen evolutionsbedingt nur wenige Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückreichen konnte. Die

potentiellen Designer lösten sich in Luft auf und mit ihnen der Design-Status ihrer Produkte. Cremo & Thompson

dokumentieren eine darauf einsetzende Vorgehensweise, die in Einzelfällen äußerst unsaubere Aktionen

beinhalteten. Heute werden die „Werkzeuge“ nur noch von Menschen als solche anerkannt, die es für möglich

halten, dass es schon in diesen frühen Zeiten Wesen gab, welche Fertigkeiten der Menschen aufwiesen, was darin

begründet ist, dass sie ein evolutionäres Szenario (zumindest im Allgemeinen Sinn) für dessen Entstehung

ablehnen (vgl. Stephan 2002; Cremo & Thompson 1996).

Auch im Fall der Biologie ist teleologisches Wirken nicht prinzipiell ausgeschlossen: Ist hier ein potentieller

Designer allgemein akzeptiert – also in jüngster Erdvergangenheit der Mensch – so ist es durchaus möglich, nicht


einmal extrem unwahrscheinliche Ereignisse auf intelligente Urheber zurückzuführen. So beispielsweise die

Veränderung der Schädelform beim Bernhardiner (vgl. Drake & Klingenberg 2008).

Design Design ohne ohne Designer Designer-Kandidat?

Designer Kandidat?

Um Rammerstorfers Lotto-Beispiel (ANHANG I) treu zu bleiben: Nehmen wir an, eine Person habe Schiffsbruch

erlitten und habe sich als einziger der Besatzung auf eine einsame Insel von wenigen Quadratmetern Fläche retten

können. Außerdem gelang es ihm neben einer Flasche Wein und einer Tüte Chips auch eine Lotto-Trommel mit

Zahlenbällen vor dem Untergang zu bewahren.

Während des langweiligen Wartens auf ein vorüberfahrendes Schiff spielt unsere Versuchsperson Lotto.

Tatsächlich gewinnt sie auf Anhieb. Der Schiffbrüchige wiederholt das Spiel und gewinnt erneut und auch ein

drittes mal. Er weiß, dass die Wahrscheinlichkeiten für das eingetretene Ereignis schwindend gering sind und es

noch wesentlich plausibler wäre, dass ihn ein Schiff zufällig finden würde, aber wird unser Freund auf dieser

Grundlage den Schluss wagen, das Ergebnis sei manipuliert? Trotz der unwahrscheinlichen Konstellation wird er

wohl weiterhin an ungerichteten Mechanismen festhalten. Es fehlt der potentielle Designer. So lange er nicht

davon ausgeht, der Mangel an Trinkwasser hätte ihn wahnsinnig werden und das Spiel selbst manipulieren lassen,

im Sand der Insel verberge sich ein heimlicher Betrüger oder Gott wolle ihm mit diesem Ergebnis ein Zeichen

geben, ist kein potentieller Designer vorhanden und damit auch kein Schluss auf intelligentes Design möglich.

Sicherlich erscheint ihm das Geschehene rätselhaft – aber vielleicht liegen dem Ereignis auch verborgene

Gesetzmäßigkeiten zugrunde, die noch zu entdecken sind. Eine für ihn noch unverstandene Verbindung zwischen

ankreuzender Hand und Auswahl der Lotto-Kugeln. So, wie dem andauernden Roulette-Gewinn in „Lockruf des

Goldes“ auch eine mechanische Besonderheit zugrundeliegt und nicht betrogen wurde. Doch was, wenn unser

unfreiwilliger Inselbewohner immer und immer wieder im Lotto gewinnt. Wird er nicht irgendwann, allein auf

der Grundlage der Unwahrscheinlichkeit und ohne einen potentiellen Designer vorauszusetzen, auf intelligentes

Design schließen?

Oder um das Beispiel der Steinwerkzeuge aus tiefliegenden geologischen Schichten zu wählen: Angenommen, ein

Fahrrad würde im Jura gefunden, wäre nicht dann ein Schluss auf Design für jeden rational denkenden Menschen

unausweichlich? Auch wenn er nicht daran glaubt – anders als etwa Vertreter einer biblischen Schöpfungslehre –

dass Menschen schon zur Zeit der Dinosaurier gelebt haben? Könnte ein solcher Fund sogar dazu führen, dass ein

potentieller Designer – der Mensch selbst – für das Jura allgemein anerkannt würde, obwohl dafür im Rahmen

der Evolutionslehre keinerlei Platz ist? Würde sich also aus der extremen Unwahrscheinlichkeit der spontanen

Fahrrad-Entstehung im Jura ein transsubjektiver Schluss auf Design und Designer erfolgen, während die eher

moderate Unplausibilität der Entstehung der Steinfunde nur bestimmte Gruppen, die ohnehin bereits einen

potentiellen Designer für diese Zeit annehmen, zum Schluss auf Design kommen lässt?

Behe (2007, 307) vertritt dies, wenn er schreibt: „Ziehen wir Rückschlüsse auf Design, brauchen wir keinen

Kandidaten für die Rolle des Planers. Ob ein System geplant ist, können wir bestimmen, indem wir das System

selbst untersuchen.“ Er begründet dies mit einigen Beispielen, in denen wir erfolgreich die Schlussfolgerung

Design“ ziehen, in denen „die Identität des Planers nicht erkennbar“ (S. 307) ist. Ohne es zu wollen hat Behe

damit den hier von mir beschriebenen Unterschied zwischen spezifischem Designer bei SD und potentiellen

Designer bei ID herausgearbeitet: Entgegen seiner zuerst zitierten Behauptung denke ich, dass wir einen

„Kandidaten für die Rolle des Planers“ sicherlich brauchen. Irgendeine Intelligenz, die designt haben könnte. Wir

müssen aber in der Tat nicht wissen, wer oder was nun tatsächlich designt hat. In allen Beispielen, die Behe

anführt haben wir die Situation, dass ateleologische Erklärungsansätze unplausibel sind und zugleich ein Kontext

auftritt, in dem mit potentiellen Designern zu rechnen ist. Etwa eine Lianenfalle im Wald oder eine Konstruktion

auf dem Schrottplatz. Wir wissen nicht, wer genau hier designt hat. Aber wir haben eine ganze Menge

potentieller Designer zur Auswahl (Gott, Aliens, Menschen...). Und zumindest ein Teil dieser potentiellen

Designer (Menschen) wird nicht nur von einigen Glaubensgruppen angenommen, sondern von allen

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Wissenschaftlern. Aber nicht in allen Situationen sind die potentiellen Designer so unumstritten. Und genau darin

liegt das große Problem von ID: Nicht, dass Zweifel daran bestünden, dass unter den Sammelbegriff „ID“ auch

Instanzen fallen, die potentielle Designer sind, also designt haben könnten (z.B. Gott, der alles vermag), das

Problem von ID ist, dass diese nicht unbedingt von allen Menschen angenommen werden, sondern nur von

bestimmten Glaubensgruppen. Somit ist der Schluss auf Design oft nur für diejenigen Gruppen nachvollziehbar,

für die ein solcher potentieller Designer Realität ist – nicht jedoch für all die anderen, die aus der Unplausibilität

der ateleologischen Erklärungsansätze lediglich folgern werden, dass noch nicht lange genug nach einer

ateleologischen Antwort geforscht wurde.

Das überzeugendste Beispiel von Behe (2007, 307) scheint noch das Folgende zu sein: Angenommen wir würden

auf einem fernen Planeten, der bis dato von Menschen nicht besucht wurde, „Dutzende von Mausefallen in der

Nähe des Vulkans“ finden. Der Schluss auf Design wäre unausweichlich. Er will damit zeigen, dass der Schluss auf

Design auch ohne „Kandidaten für die Rolle des Planers“ (S.308, s.o.) erfolgen kann. Ich bitte den Leser sich

einmal selbst die aufrichtige Frage zu stellen: Wenn ein Raumschiff auf dem Mars einen Haufen Mausefallen

fände, würden wir auf Design schließen? Ich denke ja. Wir haben hier „keinen Kandidaten für die Rolle des

Planers“? Ich meine: Den haben wir sehr wohl. Ich denke, wir können sogar ein astreines SD-Modell

ausformulieren, wenn wir bedenken, dass Mausefallen bei Mäusen funktionieren, die es bekanntermaßen auf

unserem Planeten gibt. Vielleicht wäre es sogar möglich, einen Aufdruck des (irdischen) Herstellers zu finden?

Würden Sie aufgrund dieser Mausefallen auf ein mysteriöses kosmisches Design schließen? Für mich käme ein

humorvolles und äußerst cleveres Menschen-Design viel eher in Frage: Betrug der „Finder“.

Dass ein Fahrrad einfach so entsteht, wird wohl niemand glauben wollen. Auch nicht, wenn wir es in den

Schichten des Juras fänden. Doch wer sagt denn, dass der potentielle Designer zu Zeiten der Dinosaurier gelebt

haben muss? Sicher, geologische Befunde können starke Indizien dafür liefern, dass das Fahrrad schon zum

Zeitpunkt der Bildung der umgebenden Schicht in dieser existierte. Aber wenn ich es schon nicht mehr schaffe, zu

glauben, dass vielleicht doch noch ein – bisher unentdeckter – Entstehungsmechanismus für das Fahrrad existiert,

kann ich mich doch noch immer damit zufrieden geben, dass unser geologischen Wissen eben noch nicht

ausreicht, um nachweisen zu können, dass das Fahrrad erst sekundär in besagte Schicht kam. Oder ich nehme auch

hier wieder an, dass Entdecker und Konstrukteur dieselbe Person sind.

Ich möchte nicht ausschließen, dass eines Tages eine Möglichkeit gefunden wird, intelligentes Design

nachzuweisen, ohne dazu die Frage nach der Existenz potentieller Designer stellen zu müssen. Die bisher

vorgebrachten Design-Schlüsse belegen aber absolut durchgängig: So ganz unabhängig von einem „Kandidaten“ für

den Designer ist unser Schluss auf Design dann doch nicht, wie bisher von Seiten der ID-Vertreter oft behauptet

wurde.

Kochrezepte Kochrezepte zur zur Perspektiven

Perspektiven-Findung

Perspektiven Findung

Unsere Weltanschauung, die über die Grenzen der Naturwissenschaft hinausgeht, macht wichtige Aussagen über

etwaige potentielle Designer. Und diese wiederum beeinflussen unseren Schluss auf Design erheblich. Eben diese

Zusammenhänge sollen in diesem letzten Unterabschnitt des dritten Teils des Aufsatzes systematisiert werden. Sie

sind von zentraler Bedeutung für die Diskussion um ID und den Ton, mit dem er geführt wird. Ich bin überzeugt,

dass, wären sie Paley bewusst gewesen, sie ihn ruhiger hätten schlafen lassen und sie uns auch heute noch ein

angenehmeres Diskussionsklima schaffen können.

Theisten

Theisten

Teleologische Teleologische Perspektive Perspektive Perspektive oder oder nur nur teleologische

teleologische teleologische Position?

Als Theist vertritt man, das dürfte unstrittig sein und wurde in der Hinführung argumentativ belegt, eine

teleologische Position. Das heißt jedoch noch nicht automatisch, dass man als Theist auch eine teleologische


Perspektive – ID – vertreten muss. Man kann zumindest prinzipiell auch annehmen, der verwirklichte Plan läge

hinter der uns naturwissenschaftlich zugänglichen Welt und könnte nicht erkannt werden.

Ganz zu Anfang meiner Beschäftigung mit der Thematik besuchte ich den Vortrag Was Darwin nicht wissen konnte

von Siegfried Scherer. Er präsentierte dabei eine Abbildung, welche ein atheistisches und ein theistisches Weltbild

als Voraussetzung zeigte und die sich daraus jeweils ergebende Ursprungssicht: Evolution und Schöpfung. Je nach

Wahl des Weltbildes würde eine der beiden Optionen praktisch automatisch folgen. Ich kam nach längerem

Überlegen zu dem Schluss, dass dieses Modell nicht stimmen könnte: Nach der Wahl des Theismus hat man ja

noch immer drei Möglichkeiten offen, von denen nur eine zur Annahme von ID, also einem aktiven Teilhaben des

Schöpfergottes am Entstehungsprozess des Lebens, führt:

Zum einen besteht die Möglichkeit, dass der geglaubte Gott seine Schöpfung nicht nur will, sondern diesen Plan

durch Methoden verwirklicht, die Schwierigkeiten bereiten, wenn man ihre Produkte ohne Zuhilfenahme einer

lenkenden Intelligenz erklären will. Vertritt man als Theist diese Position, so folgt daraus automatisch die

Annahme von ID, also nicht nur die Position, dass designt wurde, also ein Plan hinter der belebten Welt steht,

sondern dass man das auch erkennen kann. Das ist jedoch nur eine von drei Möglichkeiten, die sich einem Theisten

bei dem Versuch der Beantwortung der Ursprungsfrage stellen, weshalb „Christentum“ nicht einfach mit

„Intelligent Design“ gleichzusetzen ist. Zum anderen könnte es ja auch sein, dass der geglaubte Gott die Schöpfung

zwar will, also einen Plan hat, aber er diesen entweder durch innersystemlich ungerichtete Methoden verwirklicht

(Meta-Teleologie), oder aber zwar übernatürlich schafft, jedoch dabei ein Produkt generiert, das auch problemlos

ateleologisch nachvollzogen werden kann (Pseudo-Ateleologie). Gott designt durch Evolution oder erschafft so,

dass alles nach einer ohne seine helfende Hand abgelaufenen Evolution aussieht.

Bei der Frage, für welche der drei Optionen – und damit für welche Perspektive (ID oder UD) sich ein Theist

nun entscheiden sollte, um innerhalb seines Weltbilds konsequente Schlüsse zu ziehen, bestehen zwei

Möglichkeiten bei der weiteren Vorgehensweise. Auf jeden Fall brauchen wir offenbar einen „Input“, weil der

allgemeine Glaube an ein übernatürliches Wesen noch nicht zu spezifischen Details über seine Schöpfungs-

Methode führt.

Input Input durch durch Offenbarung

Offenbarung

Der Glaubensinhalt philosophischer Theisten bezieht sich generell auf ein übernatürliches Gottes-Wesen. Bei der

Frage, wer dieser Gott (oder diese Götter) sein soll(en), gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Manch

einer bezieht sich auf die biblische Offenbarung, andere auf den Koran und wieder andere können ihren Gott gar

nicht beim Namen nennen, glauben nicht, dass er sich in dieser Welt offenbart hat, oder glauben es zwar, können

sich aber noch nicht zwischen den zahlreichen angeblichen Offenbarungs-Büchern entscheiden. Ein „Input“ im

oben genannten Sinn einer Entscheidungshilfe kann auch auf der allgemeinen Ebene eines nicht näher

spezifizierten Theismus erfolgen. Das soll im nächsten Abschnitt geschehen. An dieser Stelle möchte ich mich

zunächst dem Fall eines Theisten widmen, der recht präzise Vorstellungen von seinem Gott hat und diese auf ein

– so von ihm geglaubten – Selbstzeugnis seines Gottes zurückführt. Für uns Christen liegt dieses Zeugnis in Form

der Bibel und dem menschgewordenen Gottessohn Jesus vor. Wie auch Vertreter anderer Offenbarungs-

Religionen müssen wir uns fragen: Gibt diese Grundlage irgendwelche Hinweise darauf, dass Gott sich lediglich

Sekundärursachen bediente, um seine Welt zu erschaffen, die intern nicht als teleologische Wirkweisen erkennbar

sind (Meta-Teleologie)? Generell lässt sich die zumindest tendenzielle Feststellung machen, dass ein sich uns

offenbarender Gott, also ein Gott, der nicht nur von außen auf unsere Welt schaut, sondern aktiv in sie eintritt

und uns Zugang zu ihm ermöglicht – gar in der Superlative der Menschwerdung – und sich zugleich selbst in

seiner Offenbarung als ein nicht aktiv in die Welt eingreifender, sondern indirekte Schöpfungsprozesse

verwendender Gott ausgibt, ein wenig widersprüchlich wirkt. Zumindest mir persönlich – und es mag da andere

Empfindungen geben – scheint ein „passiver Offenbarungs-Gott“ ein Oxymoron zu sein. Daher scheint es mir eine

merkwürdige Rollenverteilung von Christen, die eine teleologische Perspektive vertreten, zu fordern, sie sollten

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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doch erst einmal zeigen, dass der biblische Bericht unmöglich mit Sekundärursachen, mit Meta-Teleologie

übereinzubringen wäre. Vielmehr sind diejenigen in der Bringschuld, welche die zunächst untypisch klingende

Behauptung aufstellen, ein Offenbarungsgott – speziell der Gott der Bibel – würde sich keiner innersystemlichen

Teleologie bedienen (für aktuelle Plädoyers für diese Perspektive, siehe Hemminger 2007; Rhonheimer 2007;

Kummer 2007). Wer würde schon ausschließen wollen, dass Gott nicht auch direkt in seine Schöpfung

eingegriffen haben könnte? Prinzipiell liegt der Gedanke, der in vielen Aspekten aktiv eingreifende Gott (oder

falls man das generell ablehnt: der zumindest dazu fähige Gott) auch tatsächlich in die Geschichte des Lebens

eingegriffen haben könnte – um es vorsichtig zu formulieren – zumindest nahe. Wie es Hafner (2007, 24)

ausdrückt:

„Wenn die Welt, in der wir leben, eine Schöpfung des Gottes ist, der sich uns in der Geschichte Israels und in

Jesus Christus zugewandt hat, dann wird der Gedanke gewiss nicht verkehrt sein, dass man in dieser Welt etwas

von seinem Werk und Wirken wahrnehmen kann. Und das gilt sicher nicht nur für einen besinnlichen Blick über

eine schöne Landschaft und für unser ästhetisches Erleben der Natur, sondern auch bezüglich unserer

wissenschaftlichen Erkenntnisse. Auch sie gehören in den Horizont der Beziehung zu unserem Schöpfer hinein

und können und sollen in diesem Horizont betrachtet werden.“

Der Gott der Bibel verwendet definitiv auch Zweitursachen. Schon im Schöpfungsbericht lesen wir davon, dass

„die Erde […] Gras und Kraut [aufgehen ließ], das Samen bringt“ (Genesis 1, 12; Hervorhebung nicht im

Original). Gott bedient sich bei der Erhaltung seiner Schöpfung auch nach dem Zeugnis der Bibel Ursachen, die

wir ateleologisch beschreiben können. Die Frage ist, wie gesagt, ob eine schlüssige Argumentation möglich ist,

die darlegt, weshalb man als Christ davon ausgehen sollte, dass Gott bei seinem Wirken in der Welt ausschließlich

auf indirekte Kausation zurückgegriffen haben sollte. Schon wer die Wundergeschichten Jesu und seiner Jünger

im Neuen Testament für real-historisch hält, räumt Gott ja bereits einen Spielraum ein, der über dieses

innersystemlich ateleologisch wirkende Handeln hinausgeht. So macht Junker (2008) klar:

„Ein schöpferisches Wirken durch eigengesetzliche, innerweltlich vollständig beschreibbare Zweitursachen würde keine

Offenheit für ein souveränes Eingreifen Gottes lassen. Dass Gott aber auch direkt eingreift, ist nach den

Zeugnissen der Evangelien unzweifelhaft. Man kann dies an den Vollmachtstaten Jesu sehen, der durch sein Wort

Schwerkranke heilte, Tote auferweckte und Wasser in Wein verwandelte. Folgt man diesem Zeugnis des Neuen

Testaments, ist die Sicht von einer kausal geschlossenen Welt hinfällig.“

Wollen wir also auf der Basis der Bibel und des Zeugnisses vom Wirken Jesu eine Entscheidung über die Frage,

ob wir als Christen Teleologisten oder Ateleologisten im Bezug auf die materielle Welt sein sollten, herbeiführen

wollen, hängt es vor allem von unserem persönlichen Verständnis und unserer Herangehensweise an Gottes Wort

ab, wie unsere Entscheidung ausfällt. In einem evangelikalen Textverständnis (vgl. Stadelmann 2005) werden die

als Wunder bezeugten Taten Jesu auch als solche Verstanden. Andere Herangehensweisen an den biblischen Text,

behandeln die Berichte mehr in einem metaphorischen Sinn. Da keine absolute Aussage über das „richtige“

Textverständnis gemacht werden kann (auch wenn hier verschiedene Positionen verschieden gut begründet

werden können), ist es auf der Basis der biblischen Offenbarung nicht möglich, eine eindeutige Entscheidung für

alle Christen zu treffen. Entscheidend ist: Wer zumindest zu Teilen Primär-Wirkursachen Gottes in der

Geschichte der Welt akzeptiert (etwa die Wunderheilungen Jesu), hat im Prinzip bereits seine Bereitschaft

geäußert, auch an anderen Textstellen, diese „beim Wort“ zu nehmen, wenn sie von ihrer Aussageabsicht her

vergleichbar sind. Dies sollten wir uns vor Augen halten, um nicht inkonsequenter weise im einen – nicht so

kontroversen – Fall an wundersames, innersystemlich teleologisches, Handeln Gottes zu glauben und es in

anderen – mit den Naturwissenschaften überschneidenden – Bereichen, kategorisch auszuschließen.

Zusammenfassend ist zu sagen: Generell legt die Existenz einer Offenbarung den Gedanken nahe, dass auch

während des Erschaffungsprozess des Offenbarungs-Gegenübers, nicht nur durch Sekundärursachen agiert wurde.

Wer daher nachweisen möchte, dass eine spezielle Offenbarung mit innersystemlicher Teleologie nicht


übereinzubringen ist, trägt die Bringschuld. Dies ist bisher für die jüdisch-christliche Glaubensgrundlage noch

nicht erfolgt: Oft wurde argumentiert, Gott könnte auch durch meta-teleologische Prozesse seinen Plan

verwirklicht haben, aber dass es nicht sein könnte, dass er auf reale Teleologie zurückgegriffen hat wurde noch nie

gezeigt und wird wohl auch nicht zu zeigen sein. Damit besteht im christlichen Denkrahmen weiterhin zumindest

die Deutungsmöglichkeit des Lebens als das Produkt eines „intelligenten Designs“, das für uns erkennbar ist und es

ist zumindest vertretbar, mit Paulus zu sagen (Römer 1, 20):

„Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus

seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, sodass sie keine Entschuldigung haben.“

Input Input durch durch die die biologische biologische Realität

Realität

Ein philosophischer Theist steht vor der Wahl zwischen der teleologischen Perspektive, Meta-Teleologie und

Pseudo-Ateleologie. Auch die Spezifizierung des geglaubten Theos als der sich in der Bibel offenbarende Gott

kann die erste der hier genannten Optionen nicht ausschließen: Ein allmächtiger Gott mag in der Lage sein, das

Universum durch Sekundärursachen bis zum heutigen Zustand zu leiten. Aber ebenso ist er in der Lage, sich

innersystemlich teleologisch wirkender Prozesse zu bedienen. Die Option der Pseudo-Ateleologie mag für

manche Theisten eine Option sein, für uns Christen ist sie das weniger: Natürlich wäre auch unser Gott rein

theoretisch in der Lage, die Welt zwar zu erschaffen, aber „unerschaffen“ aussehen zu lassen. Doch der Gott, der

uns so hereinlegen – ja betrügen – würde, kann wohl kaum der Gott sein, über den David sagt, seine „Wahrheit

[ist], soweit die Wolken gehen“ (Psalm 36, 6). Gott der Schöpfer? Das bekennt die Bibel, ja. Gott der Trickser?

Nichts liegt ihr ferner.

Wie soll der Christ sich nun zwischen diesen beiden Möglichkeiten, wie der Theist generell – zwischen den sich

ihm grundsätzlich bietenden drei Optionen – entscheiden?

In diesem Abschnitt soll ein „Input“ besprochen werden, der sich nicht auf theologische Diskussionen von

Offenbarungsquellen beruft, sondern auf einer allgemeineren, grundsätzlicheren und übergeordneten Ebene

ansiedeln ist und zwar auf der des nicht näher spezifizierten philosophischen Theismus. Mein Ziel ist es zu zeigen,

dass die teleologische Perspektive schon die natürliche Folge für jeden Theisten ist (zumindest in der MAI-

Situation), auch wenn er an keine spezielle Offenbarungsreligion glaubt. Nun haben wir Christen eine solche

spezifische Offenbarungsgrundlage. Da diese aber wie im letzten Abschnitt gezeigt, die Wahl zwischen

ateleologischer und teleologischer Perspektive nicht nichtig macht, da je nach Schriftverständnis in der Bibel

bezeugtes direktes Eingreifen wörtlich oder metaphorisch verstanden werden kann , gilt die hier vorgestellte

Entscheidungshilfe auch für Christen, die aufgrund ihres Bibelverständnisses nicht zu dem Schluss kommen, Gott

habe sicher innersystemlich-teleologisch erscheinende Schöpfungsprozesse verwendet.

Als Theist glaubt man an einen Gott mit zwei prinzipiellen Eigenschaften: Zum einen wird angenommen, das

übernatürliche Wesen existiere nicht nur, sondern sei auch an unserer Existenz interessiert. Das Wesen will uns.

Zum anderen hat dieses übernatürliche Wesen prinzipiell die Macht, in das Geschehen der Welt einzugreifen. Der

Theos ist also nicht deistisch 21 . Diese Definition zeigt auch, wie es zu der Unsicherheit bezüglich der Wahl der

Ursprungsoptionen bei einem Theisten kommen kann: Schließlich könnte man argumentieren, die Gottheit

müsste von ihrer prinzipiellen Fähigkeit, den Lauf der Dinge aktiv zu beeinflussen, ja nicht unbedingt Gebrauch

gemacht haben. Dieses Argument hat durchaus seine Berechtigung: In einer sehr einfach gebauten Welt, die daher

auch nicht den Eindruck von Design liefert, da ateleologische Erklärungen formuliert werden können, kann man

auch als Theist annehmen, diese Welt sei innersystemlich ungerichtet entstanden, also die Position vertreten, der

Theos habe von seiner Möglichkeit vom schöpferischen, direkten Eingriff eben keinen Gebrauch gemacht (Meta-

21 Die Definition des Deismus wird hier recht streng gehalten. Das hat unter anderem den Sinn, dass etwa

Gottesvorstellungen, wie die von Antony Flew, der annimmt, Gott habe das Leben erschaffen, also doch recht „aktiv“ ist,

nicht in diesen Bereich fallen. Als „Theos“ qualifiziert sich daher mit allergrößter Wahrscheinlichkeit jeder Offenbarungs-

Gott. Offenbarung den Menschen und zugleich tiefstes Desinteresse der Welt gegenüber ist nicht zusammenzubringen.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Teleologie). Eine simpel erscheinende biologische Realität macht diese Position wie gesagt möglich. Und wenn

schon noch nicht alles geklärt ist, die Ursprungsfragenburg noch nicht eingenommen ist, so kann man doch

annehmen, dass die ateleologische Partei auf dem besten Weg ist, die Mauern zu überwinden, wenn man sieht,

wie die ersten Tore splittern. Zur Zeit Haeckels war dies vielleicht noch möglich. Da konnte man die ersten

spontan im Kochtopf entstandenen Lebewesen noch eher direkt erwarten. Heute befinden wir uns zumindest im

Hinblick auf die Lebensentstehung in einer MAI-Situation (Binder et al. 2006; Heilig 2009).

Was also, wenn die vorerst hypothetische Welt, welche unseren hypothetischen Theisten umgibt, so aussieht, als

wäre sie designt? Was, wenn er umgeben ist von grundlegenden Phänomenen, für die es keine ateleologische

Erklärung gibt und die trotz intensiver Forschung unerklärlich bleiben oder sogar immer noch mysteriöser

werden? Wenn er sich in der oben geschilderten MAI-Situation befindet? Dann hat der konsequent denkende

Theist eigentlich eine recht einfache Wahl: Er glaubt an ein Wesen, das designt haben könnte – an einen

potentiellen Designer – und alles um ihn herum sieht aus, als wäre es designt und die Erfahrung zeigt ihm, dass die

Erklärungsschwierigkeiten nicht gelöst werden konnten und keine begründete, also aus der Erfahrung abgeleitete,

Hoffnung besteht, dass sich diese Situation zugunsten der ungerichteten Ursprungserklärung verändern wird

(MAI-Situation). Wenn man an einen potentiellen Designer glaubt und die Welt designt wirkt, ist es nur

konsequent anzunehmen, dass sie es tatsächlich ist.

Selbstverständlich: Eine logisch zwingende Folge ist es nicht – zu sehr spielen auch kulturelle Prägungen eine Rolle,

welche bei dieser Entscheidung hemmend wirken können. So lange der Mensch einen freien Willen hat, kann

auch irrationales Handeln nie ausgeschlossen werden, wenn es um konsequente Entscheidungen geht. Dennoch

denke ich, dass deutlich wird, dass in einem konsequent gelebten, theistischen Weltbild kein intellektuell redlicher

Weg an einer Design-Perspektive vorbeiführt, ist man mit der entsprechenden biologischen Realität konfrontiert.

Viele Theisten machen den Fehler, diesen empirischen Faktor nicht zu bedenken. Man mag gegen „ID“ Vorbehalte

oder noch keine spezifischen Design-Vorstellungen haben, aber in einer MAI-Situation ist es nur konsequent und

intellektuell redlich, die richtigen Schlussfolgerungen aus den vorausgesetzten Glaubensinhalten zu ziehen und

den Ursprung der belebten Welt – so schwierig und unbequem das sein mag – durch eine teleologische Brille neu

zu interpretieren.

Die oben angeführten Vertreter einer ganzheitlich theistischen Evolution scheinen den Aspekt der empirischen

Situation vollkommen zu vergessen und hören auf, wo sie beginnen müssten: Bei dem Benennen der Möglichkeit,

ein Gott könnte ja auch durch eine ungerichtet wirkende Evolution geschaffen haben, ohne zu begründen, warum

er es auch wirklich getan haben sollte, obwohl doch alles gegensätzlich aussieht.

Verlockung Verlockung Meta Meta-Teleologie

Meta Teleologie

Besteht eine MAI-Situation, so steht fest, dass die Option der Meta-Teleologie eigentlich kein konsequenttheistisches

Konzept ist (s.o.). Dennoch genießt eine solche Anschauung großen Zuspruch. Das wird verständlich,

wenn man bedenkt, dass diese Position eine recht „bequeme“ ist. Manche ihrer Vertreter können daher auch

äußerst „unbequem“ gegenüber einer Perspektive werden, welche sie zu einem konsequenten Weiterdenken des

eigenen Weltbilds und damit zu einer Konfrontation mit dem „Mainstream“ auffordern möchte 22 . Dazu kommen

theologische Herausforderungen, wenn man akzeptiert, dass Gott aktiv an der Entstehung unserer Welt beteiligt

war.

22 Dass der Anteil an gläubigen Christen unter den ID-Kritikern gerade im englischsprachigen Raum sehr groß ist, ist eine

äußerst auffällige Tatsache, nur darauf beziehe ich mich hier. Es soll keinenfalls angezweifelt werden, dass Vertreter einer

Theistischen Evolution nicht auch respektvolle Gesprächspartner sein können, die sich aufs Äußerste um intellektuelle

Redlichkeit bemühen wollen. Ich denke, wie hier dargelegt, nicht, dass eine umfassende Theistische Evolution zum

momentanen Zeitpunkt mit einem konsequent gelebten Theismus übereinzubringen ist, das ändert jedoch nichts daran, dass

ich im Hinblick auf so machen Christen, der mir in diesem Punkt nicht zustimmen würde, dankbar dessen freundliche

Diskussionen mit mir betonen muss.


Theodizee

Theodizee

Unter den vehementesten Verfechtern einer naturalistischen und ungerichteten Ursprungssicht und Kritikern der

teleologischen Perspektive findet man daher viele Theisten und auch Christen. Hunter (2001) zeigt auf, dass für

viele – auch für Darwin – in einem unpersönlichen Schöpfungsprozess eine Möglichkeit bestand, Gott von dem

Übel in unserer Welt loszulösen. Überraschenderweise stellt sich in diesen Fällen also die Evolutionslehre als

Versuch der Lösung des Theodizee-Problems heraus. Sehr gut deutlich wird das am folgenden Zitat von Ayala

(2007, 70):

„Consider now the birth canal of women, much too narrow for easy passage of the infant's head, so that thousands

upon thousands of babies die during delivery. Surely we don't want to blame God for this defective design or for

the children's deaths. Science makes it understandable, a consequence of the evolutionary enlargement of our

brain. Females of other animals do not experience this difficulty. Theologians in the past struggled with this issue

of dysfunction, because they thought it had to be attributed to God's design. Science, much to the relief of many

theologians, provides an explanation that convincingly attributes defects, deformities, and dysfunctions to natural

causes.“

Gott als Souverän kann jedoch unmöglich von dem getrennt werden, was er tut – die Methode ist hierbei keine

„Entschuldigung“. Wenn Gott einen ungerichteten Evolutionsprozess verwendet um einen darüber stehenden

Plan zu verwirklichen, dann ist das aus einer übergeordneten Perspektive heraus zweifellos Teleologie (wenn auch

aus unserer nur Meta-Teleologie). Gott bleibt also voll verantwortlich für das, was er schafft. Gleich ob dies

durch Primär- oder Sekundärursachen geschieht. Diese Entkopplung Gottes von seiner Schöpfung kann daher

keine befriedigende Lösung des Theodizee-Problems darstellen.

God God of of the the Gaps?

Gaps?

Oft fürchten sich Theisten auch, den Fehler eines God-of-the-Gaps-Arguments zu begehen, Gott also zum

Lückenbüßer für bisher im ateleologischen Unverstandenes zu machen und damit zu gefährden, dass er aus diesen

Lücken heraus gedrängt werden kann, sobald eine ateleologische Erklärung vorliegt. Was ist von diesem Einwand

zu halten?

Zuerst einmal ist anzumerken, dass er in einer gewissen Hinsicht durchaus berechtigt ist: Wenn bezüglich des

Ursprungs des Lebens eine MAI-Situation vorliegt (Binder et al. 2006, Heilig 2009) und daher der Eingriff eines

Designers angenommen wird, diese MAI-Situation jedoch in der Zukunft aufgelöst werden kann, dann fällt dieses

Ereignis nicht mehr in den Bereich von ID. 23

Auf der anderen Seite ist jedoch sehr wichtig anzumerken, dass das Ereignis dennoch noch immer in den Bereich

der teleologischen Position fallen kann (Meta-Design oder Pseudo-Ateleologie). Gott ist nach Ansichten des

Theisten ohnehin (a priori) „verantwortlich“ für das Ereignis, er hat seinen Plan zugrunde gelegt. Wenn er nun

aufgrund einer MAI-Situation annimmt, er habe dies durch ein direktes Eingreifen verwirklicht, das für uns

erkennbar ist, dann bindet er seinen Gott nicht an diese Lücke und riskiert, dass er bei schließender Wissenslücke

sprichwörtlich in die Enge getrieben wird, sondern macht die – beim momentanen Kenntnisstand – bestmögliche

Aussage über die Frage, wie sein Gott die in Frage stehende Sache erschaffen hat (nämlich durch ID), ohne dass

irgendwie dadurch das ob des Erschaffens an sich in Gefahr kommen könnte 24 . Es ist möglich, dass ein

philosophischer Theist im Laufe aufkommender Forschungsergebnisse erkennen muss, dass die MAI-Situation

nicht haltbar ist und infolgedessen annimmt, sein Gott habe an dieser Stelle eben nicht auf ID zurückgegriffen,

23 Auch wenn weitere Forschung dieses Ergebnis wieder revidieren könnte – Naturwissenschaft bleibt eben immer nur

vorläufig.

24 Auch wenn es in der Tat – auch mich als Vertreter einer teleologischen Perspektive – traurig stimmende Kommentare von

ID-Vertretern gibt, die befürchten lassen, sie würden ihren Glauben an Gott davon abhängig machen, dass er nach

bestimmten Vorstellungen geschaffen habe.

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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sondern hier durch Meta-Teleologie oder Pseudo-Ateleologie seinen Plan verwirklicht 25 . Der Leser möge mir

meine respektlos klingende Anfrage verzeihen, aber: „Na und?“

Wer als Theist sauber auf ID schließt, braucht sich vor Lückenbüßer-Argumenten nicht zu fürchten. Er glaubt

schließlich nicht an einen Gott der Lücken, sondern an einen Gott, der auch über dem steht, was die Lücken

aufweist. Anders sieht es natürlich aus, wenn mit der vorläufigen Einordnung einer Struktur als „intelligentes

Design“ der unredliche Versuch unternommen wird, einen Gottesbeweis zu führen. Dadurch wird die Existenz

Gottes an materielle (und möglicherweise vergängliche) Zustände geknüpft und Gott wird mit allen erdenklichen

Mitteln direkt an einer Lücke festgemacht und an sie gekettet. Dadurch wird er derart unlösbar mit ihr

verbunden, dass er beim sich Schließen der Lücke nicht nur in die Enge getrieben, sondern geradezu „zerquetscht“

wird. Das ist eine unschöne Formulierung, aber sie bezieht sich auch auf ein unschönes Vorgehen, das wir als

Christen auf jeden Fall vermeiden sollten. Ebenso, wie wir uns dafür hüten sollten, ins andere Extrem zu verfallen

und Gott die Möglichkeit abzusprechen, tatsächlich „intelligent designt“ zu haben, wenn etwas danach aussieht.

Ein philosophischer Theist, der seinem Theos Souveränität zutraut, kann der Frage nach dem wie der von ihm

geglaubten Schöpfung völlig gelassen gegenüber stehen. Und diese Gelassenheit muss man heute wohl weniger

mit Verweis auf die Möglichkeit einer vielleicht nur übersystemlich, aber nicht innersystemlich teleologischen

Schöpfung fordern, sondern auch bei der – eigentlich doch wenig aufregenden – Option eines realen,

intelligenten Designs, des für real gehaltenen intelligenten Designers in einer nach derzeitigem Wissensstand real

designt wirkenden Welt...

Ablehnen Ablehnen der der teleologischen teleologischen Perspektive

Perspektive

Eine weitere Frage, die sich in diesem Kontext stellt ist, welche weltanschauliche Position mindestens

eingenommen werden muss, um ID begründet abzulehnen. Dies ist ein Aspekt, der in der gegenwärtigen

Diskussion leider nur sehr ungenügend berücksichtigt wird. Wird die teleologische Perspektive in einer Welt

abgelehnt, die designt wirkt (MAI-Situation), so erfordert dies tiefgreifende, vorangehende, philosophische

Schlussfolgerungen, die leicht übersehen werden können. Wir haben festgehalten: Wer an einen potentiellen

Designer glaubt, der kommt in einer designt wirkenden Welt zu dem konsequenten Schluss, sie sei tatsächlich

designt. Daraus folgt nun aber, dass der Schluss auf echtes Design nicht (begründet) abgelehnt werden kann, so

lange der Glaube an einen potentiellen Designer besteht, da der im Fall der so gestalteten biologischen Realität

automatisch die Annahme von ID bedingt. Das heißt: Um in einer designt-wirkenden Welt den konsequenten

Schluss auf Design zu vermeiden, ist es eine notwendige Bedingung, jeden möglichen Designer auszuschließen. Da

aber jede theistische Gottheit per Definition (s.o.) ein potentieller Designer ist, muss jede theistische

Gottesvorstellung abgelehnt werden, um die ID-Position zu vermeiden. Dass das gerechtfertigte Ablehnen von ID

in einer MAI-Situation atheistische 26 Voraussetzungen benötigt, sollte uns Christen eine Warnung sein, trotz

ateleologischer Erklärungsprobleme und ihrem Größerwerden leichtfertig die Option eines in der Natur für uns

ersichtlichen Plans auszuschließen.

Es zeigt sich aber, dass das Ablehnen von ID in einer MAI-Situation, in einer designt-wirkenden Welt, eine

atheistische Glaubensentscheidung benötigt. Damit zeigt sich auch, dass Scherers Grafik tatsächlich korrekt ist,

wenn man das heutige Bild der biologischen Realität zugrundelegt und diesen „Input“ berücksichtigt. Der Theismus

ist in einer MAI-Situation somit keine notwendige, aber eine hinreichende Bedingung, um die teleologische Perspektive zu

vertreten.

25 Wenn er Gottes innersystemlich-teleologisches Handeln aufgrund einer Offenbarung und einem bestimmten Verständnis

dieser annimmt, wird er eher zur Pseudo-Ateleologie neigen. Der Nachweis einer ateleologischen Erklärungsmöglichkeit darf

nicht mit einem Unmöglichmachen eines Glaubens an eine übernatürliche und wundersame Schöpfung verwechselt werden.

26 Der Deismus s.st. fällt hier in den weltanschaulichen Bereich des Atheismus: A-Theismus grenzt sich vom Theismus und

damit von der Existenz eines Theos ab. Dieser wird sowohl im „klassischen“ Atheismus, als auch im Deismus s.st. abgelehnt.


Atheisten Atheisten

Atheisten

Wahlmöglichkeiten

Wahlmöglichkeiten

Wahlmöglichkeiten

Atheisten haben im Hinblick auf die Ursprungsfrage wirklich die „Qual der Wahl“:

Liegt keine MAI-Situation vor, so hat man es als Atheist sehr einfach: Man braucht sich nicht darum zu sorgen, wo

bei all den ateleologischen Erklärungen irgendeine Gottheit bleibt, die man ungern aus dem Spiel lassen möchte.

Man nimmt die ateleologische Erklärung an und fertig. Ein Atheist, der bei bester ateleologischer Erklärungslage

anfängt, nebulöse Außerirdische oder von ihm abgelehnte übernatürliche Wesen als Erklärung für die ihn

umgebende Welt anzunehmen, hätte wohl das Höchstmaß an Inkonsequenz erreicht.

In einer MAI-Situation hingegen hat der Atheist die Wahl zwischen drei Entscheidungsmöglichkeiten: Da der

Atheist nicht an einen übernatürlichen, potentiellen Designer glaubt, stellt sich zunächst die Frage, ob für ihn

andere potentielle Designer in Frage kommen. Hält er es für plausibler, dass es designende Außerirdische gab, als

dass er die Annahme vertreten könnte, dass doch noch eine ateleologische Erklärung für die Entstehung der

belebten Welt gefunden würde, wird auch er eine ID-Position einnehmen (Fred Hoyle, Leslie Orgel, Francis

Crick usw.). Lehnt er die Möglichkeit von zum Design auf der Erde fähigen Außerirdischen jedoch prinzipiell ab,

so ist diese Person dazu gezwungen, alles Leben auf ateleologische Prozesse zurückzuführen, ID steht also

grundsätzlich gar nicht zur Debatte. Auch wenn er – etwas moderater – Außerirdische nicht generell ausschließen

möchte, aber für ihre Existenz noch weniger Hinweise sieht, als für die Absenz einer ateleologischen Erklärung,

wird die teleologische Perspektive für ihn nicht in Frage kommen.

Der Der „Fall „Fall Flew“ Flew“ und und der der transsubjektive transsubjektive transsubjektive Schluss Schluss Schluss auf auf auf den den den potentiellen

potentiellen

Designer Designer

Designer

Hier wird dem Anspruch mancher (der meisten?) ID-Vertreter auf Transsubjektivität ihrer Schlüsse auf Design

der Riegel vorgeschoben. So unerklärlich die ateleologische Entstehung einer bestimmten Struktur zum

momentanen Zeitpunkt auch sein mag, so wenig Hoffnung die Erkenntnisse der Forschung auch dafür machen

mögen, die Überzeugung, welche sich aus der Vorentscheidung dieser Person ergibt, gibt vor, dass eine

ateleologische Entstehung stattgefunden hat und folglich eine noch zu entdeckende Erklärung dieser Art existiert.

Wie bereits erwähnt: Unter diesen Bedingungen ist ID eine Unmöglichkeit und eine naturalistische Evolution ist

eine Notwendigkeit. Eine Notwendigkeit hat jedoch die Wahrscheinlichkeit P = 1. So ist zu verstehen, dass die

naturalistische Evolution für manche Menschen wirklich eine „Tatsache“ ist, ein Fakt, den man nur „leugnen“, aber

nicht „kritisieren“ kann. Die geschilderte Entscheidungs-Option wird (statistisch gesehen) der Standard sein, es

gibt jedoch auch Ausnahmen. Die prominenteste ist wohl der britische Philosoph Antony Flew, der als einer der

größten atheistischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts galt und zum großen Schrecken seiner weltanschaulich

nahestehenden Mitmenschen zu Beginn des neuen Millenniums verkündete, er würde nun einen philosophischen

Theismus vertreten. Wie kam dieser Atheist von Weltformat zu seiner neuen Überzeugung? Flew & Varghese

(2007) erklären dies. Flews heutiger Standpunkt (S. 88):

„I now believe that the universe was brought into existence by an infinite Intelligence. I believe that this universe’s

intricate laws manifest what scientists have called the Mind of God. I believe that life and reproduction originate

in a divine Source.“

Auf die Frage, weshalb er dies vertrete, antwortet er schlicht, dies sei das Bild, das – soweit er das sähe – aus den

Erkenntnissen der modernen Wissenschaft hervorgehen würde (Seite 89):

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„Science spotlights three dimensions of nature that point to God. The first is the fact that nature obeys laws. The

second is the dimension of life, of intelligently organized and purpose-driven beings, which arose from matter.

The third is the very existence of nature.“

Beruft sich Flew in seinem Buch There IS a God vor allem auf das kosmologische Argument, so spielte laut Carrier

(2004) – siehe dort auch für kritische Anmerkungen – vor allem die Situation in der OOL-Forschung (OOL =

Origin Of Life = Ursprung des Lebens) eine große Rolle:

„My one and only piece of relevant evidence [for an Aristotelian God] is the apparent impossibility of providing a

naturalistic theory of the origin from DNA of the first reproducing species ... [In fact] the only reason which I

have for beginning to think of believing in a First Cause god is the impossibility of providing a naturalistic account

of the origin of the first reproducing organisms.“

Flew war eigentlich nie ein „dogmatischer Atheist“. Liest man seine früheren Schriften, so hebt er sich darin

angenehm von den Teils am Besten als „Hassschriften“ bezeichneten Bücher der „modernen Atheisten“ um Richard

Dawkins ab. Er empfand seine Position stets als durch die Hinweise, die zur Verfügung standen, begründet. Als

diese sich änderten, änderte sich die Position eben mit (S. 89):

„When I finally came to recognize the existence of a God, it was not a paradigm shift, because my paradigm

remains, as Plato in his Republic scripted his Socrates to insist: ‘We must follow the argument wherever it

leads.’“

Flew betont daher den empirisch begründeten Charakter seines Meinungsumschwungs (S. 93):

„I must stress that my discovery of the Divine has proceeded on a purely natural level, without any reference to

supernatural phenomena. It has been an exercise in what is traditionally called natural theology. It has had no

connection with any of the revealed religions. Nor do I claim to have had any personal experience of God or any

experience that may be called supernatural or miraculous. In short, my discovery of the Divine has been a

pilgrimage of reason and not of faith.“

Der „Fall Flew“ lässt eine interessante und wichtige Frage aufkommen: Kann pure Unplausibilität der

ateleologischen Erklärungsoption dazu führen, dass wir Design annehmen und damit einen Designer, obwohl wir

bis dahin nicht an einen potentiellen Designer glaubten? Praktisch nicht nur ein „Schluss auf Design“, sondern auch

ein „Schluss auf einen potentiellen Designer“? Ist dieser Schluss also doch jenseits weltanschaulicher Elemente

möglich?

Ich möchte das bezweifeln und darauf verweisen, dass auch in diesem Fall weltanschauliche Prädispositionen

gefunden werden können, nur eben auf einer übergeordneten Ebene: Was der potentielle Designer für den

Designer ist, ist eine gewisse Offenheit, dass es trotz anderslautender momentaner Meinung doch einen

potentiellen Designer geben könnte, zum besagte Designer-Kandidaten: So wie der Schluss auf einen tatsächlichen

Designer einen potentiellen Designer erfordert, ist die Annahme des letzteren darauf angewiesen, dass ihm eine

gewisse Plausibilität eingeräumt wird. Flew war bezüglich der Existenz eines übernatürlichen Designers nie

dogmatisch 27 . Er hatte sich stets eine Möglichkeit offen gehalten, die von anderen Atheisten generell

ausgeschlossen wurde. Daher war er bezüglich seiner Bereitschaft, an einen Gott zu glauben, nicht sehr viel

weiter entfernt, als ein Theist. Es ist diese Bereitschaft, welche in Kombination mit der MAI-Situation der

Lebensentstehung bei Flew dazu führte, dass er von der Existenz des potentiellen Designers letztendlich

überzeugt wurde. Auch hier sind weltanschauliche Voraussetzungen also entscheidend.

27 Siehe dazu das obige Zitat zu Sokrates’ Leitsatz. Vergleiche zu meiner Einschätzung des „Fall Flew“ Rammerstorfer (2007).


Man kann an dieser Stelle meiner Argumentation kritisch einwenden, dass man immer eine Art übergeordnete

weltanschauliche Voraussetzung ausmachen und damit immer begründen könnte, dass ein Schluss auf Design

aufgrund ateleologischer Unplausibilitäten letztendlich weltanschaulich beeinflusst ist. Diese „metaweltanschaulichen“

Voraussetzungen könnten derart allgemein werden, dass sie im Grunde die ganze

Wissenschaftsgemeinde miteinschließen würde: Beispielsweise kann die „Prädisposition“ eine äußere Realität

anzuerkennen, als naturwissenschaftlich nicht begründbare Glaubensentscheidung herangezogen werden, welche

nötig ist, damit eine Person die Position vertreten kann, es könnte zumindest rein theoretisch sein, dass es einen

potentiellen Designer gibt, was es wiederum wahrscheinlicher macht, dass diese Person ateleologische

Erklärungslücken überhaupt erst deutlich wahrnimmt, wodurch die Plausibilität des potentiellen Designers für

diese Person steigt, bis man im Flew-Stadium vor seinem Frontenwechsel (potentieller Designer hat eine gewisse

Plausibilität) und zuletzt bei seiner heutigen Position landet.

Niemand könnte doch ernsthaft aufgrund solcher minimaler Voraussetzungen argumentieren, der Schluss auf

intelligentes Design sei nicht objektiv. Letztendlich, so könnte man argumentieren, braucht auch der Schluss auf

Design bei Rammerstorfers Lotto- und Paleys Uhr-Beispiel (ANHANG I) weltanschauliche Voraussetzungen, wie

etwa die Anerkennung einer Außenwelt und Ähnliches. Voraussetzungen, die von allen Wissenschaftlern geteilt

werden dürften.

Diesem Einwand ist nichts entgegenzusetzen, ich halte ihn für absolut korrekt. Ich möchte auch überhaupt nicht

ausschließen, dass der Schluss auf Design letztendlich doch einmal für alle Menschen intersubjektiv

nachvollziehbar wird. Tatsache ist: Er ist es heute nicht. Im Wissenschaftsbetrieb sind Vertreter der

teleologischen Perspektive eine klare Minderheit. Zumindest in der gegenwärtigen Situation sind die

ateleologischen Unplausibilitäten also offensichtlich noch nicht groß genug, beziehungsweise die notwendigen

weltanschaulichen Voraussetzungen von solch spezieller Natur, dass sie nicht von allen Wissenschaftlern geteilt

werden, sondern nur von weltanschaulich geeinten Untergruppen (nach meiner Grenzziehung: „Theisten“). Das

Einräumen der theoretischen Möglichkeit eines potentiellen Designers genügt offensichtlich noch nicht. Man muss

den potentiellen Designer schon für recht plausibel halten, um angesichts der gegenwärtigen Erklärungslücken im

ateleologischen System auf teleologische Kausation zu schließen (Beispiel Flew).

Im Folgenden seien einige Aspekte genannt, die meines Erachtens dafür sorgen werden, dass sich diese Situation

in nächster Zeit auch nicht ändern wird:

• Bereitschaft an einen übernatürlichen potentiellen Designer zu glauben, wie bei Flew, ist nicht immer

gegeben.

• Der Kontext der Lebens-Entstehung oder der Entstehung des Universums im Bezug auf natürliche

potentielle Designer ist ein anderer, als der beispielsweise in der SETI-Forschung: Es wirkt plausibler zu

postulieren, es gäbe heute Außerirdische, von denen man Spuren im All finden könnte, als Anzunehmen,

sie hätten schon zum Zeitpunkt der Lebens-Entstehung (oder gar zum Zeitpunkt der Entstehung des

Universums) existiert und durch ungerichtete Prozesse einen derart hohen Zivilisations-Standard

erreicht, dass sie Leben designen konnten. Die Entstehung solcher Außerirdischer wäre naturalistisch

viel schwieriger zu Erklären, als die der Außerirdischen, die momentan durch das SETI-Programm

aufgespürt werden sollen. Da scheint die Entstehung einfacher Lebensformen zur selben Zeit auf der

Erde – trotz aller Schwierigkeiten – noch plausibler. Dementsprechend größer sind bei den Leben

designenden Außerirdischen auch die metaphysischen Hürden.

• Ein weiterer wichtiger Punkt ist der der Überschaubarkeit: Lebewesen sind nicht nur komplex,

Lebewesen sind auch äußerst kompliziert. Ihre Funktionsweise ist nur schwer zu verstehen, vieles ist uns

noch nicht bekannt. Wenn dann auch noch das Element der Geschichtlichkeit hinzukommt, wir also

diese komplizierten Strukturen in einem raumzeitlichen Gefüge verstehen wollen, wird das Ganze sehr

unübersichtlich. „Descent with Modification“ mag zwar keine ateleologische Erklärung für die

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Komplexität und Diversität des Lebens liefern, aber es liefert auf jeden Fall eine gute Tarnung: Der durch

diese Eigenschaft immer dichter werdende Baum des Lebens ist ein undurchdringliches Gestrüpp

geworden. Wer kann schon wirklich definitive Aussagen darüber machen, was im Laufe eines derart

verwobenen und verworrenen Prozesses geschehen kann, der sich zu großen Teilen abspielte, ohne dass

wir ihn direkt beobachten konnten? Uhren sind verstanden, die Statistik auch. Wir können erstens mit

recht großer Sicherheit annehmen, dass es keine verborgenen Selbstorganisationsprozesse für Uhren gibt,

die wir noch nicht kennen und zum zweiten für die bekannten Prozesse recht unkompliziert

Unwahrscheinlichkeiten kalkulieren. Im Bereich des Lebens fehlt jedoch sowohl Sicherheit bezüglich

möglicher Mechanismen als auch die Übersichtlichkeit, die nötig ist, um scharf eingrenzbare

Wahrscheinlichkeitsabschätzungen zu machen.

• Der schon genannte Punkt der Historizität wurde bereits früher für das Jura-Fahrrad angeführt. Wir

beobachteten nicht dessen Einbettung ins Sediment vor zig Millionen Jahren, sondern im besten Fall die

Ausgrabung aus einer Erdschicht, ohne dass wir direkt Beweise darauf finden würden, dass das Fahrrad

nur sekundär in das Sediment geriet. Doch was heißt das schon: Die These, dass vor vielen Millionen

Jahren bereits Fahrrad-Konstrukteure gelebt haben sollen würde den meisten Menschen unplausibler

erscheinen als die Möglichkeit, dass unser Wissen über geologische Prozesse der sekundären Einlagerung

(inklusive Betrug) noch unvollständig ist. Das ateleologische Paradigma widerlegende Befunde würden

sicherlich zunächst mit demselben Skeptizismus begutachtet werden – Paradigmen, noch dazu wenn sie

derart weltanschauliche Elemente aufweisen – gibt man nicht einfach auf, wenn sich einzelne Anomalien

bemerkbar machen.

Die einzige Möglichkeit für einen transsubjektiven Schluss auf Design, die meines Erachtens momentan denkbar

ist, wäre wohl die unzweideutige Offenbarung des Designers. Würden Außerirdische auf unserer Erde landen und

ihre Design-Fähigkeiten vorführen, wäre das sicherlich mehr beeindruckender als ein wenig Radiowellenmüll,

den man im Rahmen von SETI aufspüren könnte.

Im Falle eines übernatürlichen Designers gilt dasselbe – sogar in einem stärkeren Maß. Der christliche Glaube

geht beispielsweise davon aus, dass ein solcher Zustand in dem Gott transsubjektiv erkannt werden wird,

eintreten wird, wenn Jesus wiederkommt (Matthäus 24, 27). Durch eine solche Offenbarung (ob von Gott oder

Außerirdischen) könnte einen potentiellen Designer für den Zeitpunkt der Entstehung des Lebens/Universums

ebenso durchgehend akzeptabel machen, wie der menschliche potentielle Designer für Paleys Uhr und

Rammerstorfers Lotto-Betrug (ANHANG I) vorausgesetzt werden kann.


Sch Schlusswort

Sch usswort

Wie in der Hinführung bereits angemerkt, heißt das lateinische Wort „colore“, von dem sich der Begriff der

Kultur ableitet, in ungefähr so viel wie „das Feld bebauen, pflegen“. Auf den vorangehenden Seiten habe ich

versucht aufzuzeigen, warum eine christliche Weltsicht in bestimmten Situationen (MAI) eine ganz bestimmte Art

und Weise erfordert, mit der wir die „Felder“ der Ursprungsforschung bewirtschaften. Diese spezielle „Kultur“

der teleologischen Perspektive ist durchaus kompatibel mit naturwissenschaftlicher Forschung (vgl. ANHANG II)

und – das hoffe ich gezeigt zu haben – auch mit der christlichen Kultur. Besonders gegen letztere Ansicht

bestehen bisher im christlichen Bereich erhebliche Widerstände. Teilweise durchaus zu Recht: Unsaubere

Argumentation bezüglich der teleologischen Perspektive (oft von den eigenen Vertretern), hat ein Zerrbild

erzeugt, das in der Tat theologisch äußerst fragwürdig ist. Wird die teleologische Perspektive jedoch nicht

überstrapaziert, so treten diese Schwierigkeiten nicht auf und man kann „ID“ als Christ gelassen vertreten, ohne

seinen Glauben von naturwissenschaftlichen Ergebnissen abhängig zu machen. Die Bildung von Modellen

spezifischen Designs (ANHANG II) steht größtenteils noch aus und ist eine spannende Aufgabe, welche die

interdisziplinare Zusammenarbeit christlicher Akademiker erfordert. Wir sollten diese Gelegenheit nicht

verpassen: Es gibt keinen naturwissenschaftlichen, wissenschaftstheoretischen oder theologischen Grund, der uns

zwingen würde, ein ateleologisches Monopol bezüglich Ursprungserklärungen zu akzeptieren.

Sicherlich: Die der teleologischen Perspektive bevorstehenden Aufgaben sind nicht wenige und werden nicht ohne

Probleme gelöst werden. Das sollte jedoch nicht der Grund sein, sich für das Konzept der Meta-Teleologie zu

entscheiden. Umso weniger, da eine solche Perspektive in einer MAI-Situation nicht in einen theistischen

Denkrahmen passt. Dass das Ablehnen der teleologischen Perspektive in einer solchen empirischen Situation

atheistische (bzw. streng-deistische) Voraussetzungen benötigt, sollte uns als Christen und philosophische

Theisten davon abhalten, der Option einer teleologischen Deutung der naturwissenschaftlich zugänglichen Welt

um jeden Preis aus dem Weg zu gehen. Wenn wir dies tun, geben wir einen Teil unserer christlichen Kultur auf

und integrieren nicht-theistische Konzeptionen ins theistische Weltbild. Das stellt nicht nur eine unnötige

Schwächung für dieses dar, es lässt es auch inkonsequent wirken und dadurch abschreckend auf andere. Es ist ja

dann auch nicht mehr in sich schlüssig – aber eben aufgrund unseres eigenen Verschuldens. Wer sich darüber

wundert, dass das Christentum in immer weniger Bereichen unser mitteleuropäischen Kultur eine Rolle spielt,

könnte im hier diskutierten Beispiel der Ursprungsfrage einen der Gründe finden: Das Christentum ist bequem

geworden. Es geht der Konfrontation mit herkömmlichen Ideen der Wissenschaftsgemeinde aus dem Weg und

auch den Mühen und Rückschlägen, die mit dem Vertreten und Ausarbeiten der teleologischen Perspektive

verbunden wären. Nicht nur für sich – auch für Gott – sucht es den einfachsten Weg, indem man ihn von dem

Leid in seiner Schöpfung und damit letztendlich von dieser selbst zu entkoppeln versucht. Dass Gott damit auch in

anderen Bereichen des Lebens an Bedeutung verliert, ist eigentlich nicht sonderlich erstaunlich. Ein Christentum,

das selbst zu bequem ist, eine mühevolle Ursprungssicht einzunehmen, braucht sich nicht wundern, dass es an

Kontur verliert und irgendwann in keinen Fragen (nicht nur in naturwissenschaftlichen) mehr mit dem nichttheistischen

Mainstream aneckt. Das wäre schade, denn der christliche Glaube sollte jede Lebenssituation

durchdringen und auch in gesellschaftlichen Fragen zum Tragen kommen. Christentum und Kultur – gehören aus

der Sicht des Leibes Christi zusammen. Verwirklicht werden kann dies auch im Hinblick auf die Ursprungsfrage,

wenn wir als Christen nicht nur „Position“ beziehen, sondern zudem eine teleologische Perspektive einnehmen.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Dank

Dank

Ich danke Reinhard Junker für unzählige Diskussionen zum Thema „Intelligent Design“, die mich zwangen, meine

Gedanken darzulegen und im Zuge dessen zu überprüfen. Die Menge an Anregungen, Unterstützungen und

konstruktiven Beiträgen, die ich durch ihn bekam, ist unüberschaubar. Des Weiteren möchte ich Theresa Haller

für ihre unermüdliche und gnadenlose Kritik an meinen Ideen danken. Was sich unter dem hier

Niedergeschriebenen Richtiges findet, habe ich von ihr übernommen, was darunter noch falsch ist, habe ich

entgegen ihres Rates in meiner dickköpfigen Art noch nicht geändert.

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ANHANG ANHANG ANHANG I: : : Das Das „positive“ „positive“ Argument Argument „für“ „für“ intelligentes intelligentes Design

Design

Der Der Der „Anschein „Anschein „Anschein von von von Planung“ Planung“

Planung“

Rammerstorfer (2006a) liefert einen Überblicksartikel zum Thema „Intelligentes Design“. Die dort referierten

Behauptungen sind typisch für Literatur der teleologischen Partei, weshalb ich Rammerstorfers Arbeit

exemplarisch diskutiere. Für die von ihm vertretenen Thesen könnte eine große Menge gleichlautender Aussagen

aus anderen ID-Publikationen angeführt werden. Für unsere Zwecke sollte die Diskussion eines repräsentativen

Textes jedoch genügen.

In seinem Aufsatz „Intelligent Design – Jenseits des Schlagwortes“ schreibt er (S. 253), es gehe bei ID darum

„positive Evidenz für Design zu erkennen“ (Hervorhebung im Original). Als Beispiel wählt Rammerstorfer eine

hypothetische Person, die im Lotto gewinnt. Dass sie betrogen habe, sei lediglich eine Denkmöglichkeit. Damit

„positive Evidenz“ für den Betrug (Design) vorliegen würde, bräuchte es aber schon mehr. Beispielsweise würden

wir Design annehmen, wenn die Person sechsmal in Serie gewinnen würde. Wenn Rammerstorfer hier von

„positiven“ Hinweisen spricht, kann er damit jedoch unmöglich die Struktur des Arguments meinen. Viel mehr ist

das „positiv“ wohl wertend gemeint und soll verdeutlichen, dass der Schluss auf Design begründet ist. Das

Argument für Design wäre von der Struktur her selbstverständlich negativ, wie Rammerstorfer praktisch selbst

einräumt, wenn er ausführt, die „extreme Unwahrscheinlichkeit einer solchen Serie würde in diesem Kontext

sicher als positive Evidenz für ID gelten“. Unplausibilität der konkurrierenden Hypothese (hier: Zufall) ist mit

Sicherheit ein negatives Argument, wie wir es im zweiten Teil dieses Aufsatzes kennen gelernt haben. Soweit

findet man bei Rammerstorfer also keine Begründung für das angeblich positive Argument für Design.

Der nächste Abschnitt, „Argumente für Design“, klingt vielversprechend, hilft aber auch nicht weiter. Zunächst

stellt Rammerstorfer das negative Argument für Design vor. Dabei sitzt er dem Irrtum auf, ein negatives

Argument müsse immer mit der Elimination aller denkbarer Möglichkeiten einhergehen, setzt es also mit dem

Negativbeweis gleich. Diese Unterteilung ist nicht sehr praktikabel, weil dadurch auf der Seite der

Argumentationsunterteilung, die „negativ“ ist, nur noch der äußerst problematische Negativbeweis steht und

keine moderateren Formen. In der Realität können die allerwenigsten negativen Argumente auch nur

annäherungsweise den Ausschluss aller anderen Optionen leisten. Evolutionskritik stellt die Unplausibilität

bestimmter Theorien heraus oder kann sie im Einzelfall sogar widerlegen, aber nicht nachweisen, dass eine

bestimmte Struktur unmöglich evolutiv entstand und kein – vielleicht noch nicht entdeckter – angemessener

Makroevolutionsmechanismus existiert. Dennoch liegt mit dieser Kritik zweifellos ein „negatives Argument“ vor.

Im Anschluss an seine Schilderungen des negativen Argumentes geht Rammerstorfer auf das positive Argument

für Design ein (S. 254). Bei diesem gehe es darum, „Hinweise auf das Wirken einer Intelligenz“ aufzuzeigen. Laut

Rammerstorfer sind beide Argumentationswege (negativ und positiv) lediglich „die beiden Seiten derselben

Medaille“. Das begründet er folgendermaßen: Man würde „naturalistische Erklärungen“ (damit meint er wohl

ateleologische) nicht auf ihre Reichweite hin überprüfen (negatives Argument), wenn man nicht schon davor

„einen gewissen Verdachtsmoment auf Design“ hätte. Eben dieser Verdachtsmoment ist nach Rammerstorfer der

positive Aspekt: Er „steht für Sachverhalte, die eine Wertung als positive Hinweise auf einen intentionalen

Ursprung verlangen“. Es stellt sich die Frage, ob man angesichts der weitreichenden Behauptung eines positiven

Arguments für etwas, das eigentlich nur negativ begründet werden kann, nicht mehr vorweisen sollte als nur

„Verdachtsmomente“. Außerdem: Sind nicht auch „Verdachtsmomente“ – beispielsweise im Mord-Szenario – oft

negativer Natur? Es erscheint schlicht unplausibel, dass der sportliche Mitte-30er plötzlich an Herzschwäche stirbt,

nachdem er das nahrhafte Süppchen seiner Schwiegermutter eingenommen hat… Verdachtsmomente als positive

Evidenz für intelligentes Wirken anzuführen, ist nicht nur argumentativ sehr dünn, es ist auch insofern schlichtweg

falsch, da diese von ihrer Struktur her selbst negativ sind.

Besonders deutlich wird das am Beispiel, das Rammerstorfer für einen solchen „Verdachtsmoment“ wählt: Er

meint, die Lotto-Geschichte aufgreifend, hier wäre der positive Aspekt durch „Erfahrungswerte mit

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Glücksspielen[...], die den Verdacht auf betrügerische Aktivitäten erzeugen“ repräsentiert. An diesem Beispiel

wird jedoch deutlich, wie schwierig dieses Postulat eines positiven Arguments für Design zu begründen ist: Was

für Erfahrungen meint Rammerstorfer? Erfahrungen mit Betrügern? Erfahrungen mit bestimmten Trick-

Techniken und Möglichkeiten der Manipulation? Das wären designerspezifische Erfahrungswerte, die eher in den

Bereich von SD gehören, als in den von ID. Außerdem: Auch wenn wir noch nie einen Glücksspiel-Betrug gehabt

hätten – würden wir diesen nicht ganz einfach dessen ungeachtet annehmen, wenn wir einen Spieldurchgang

hätten, bei dem eben dieses Glück überfordert wäre? Könnte es nicht sein, dass die entscheidende Erfahrung, die

Rammerstorfer bemüht, die Erfahrung ist, die wir mit der Reichweite von Zufallsprozessen gemacht haben? Lotto

wird schon eine ganze Weile gespielt, Wahrscheinlichkeitsrechnungen gibt es auch schon lange. Aber noch nie hat

eine Person sechsmal im Lotto gewonnen. Für den Fall, dass so etwas doch einmal geschehen sollte: Ist das nicht

ein deutlicher „Verdachtsmoment“ dafür, dass dann etwas nicht mit „rechten Dingen“ (also auf die bis dahin

übliche, ateleologische, Weise) zugegangen wäre? Das wäre dann aber ganz eindeutig ein negativer Aspekt, wenn

natürlich auch kein schlechter. 28

Der Leser von Rammerstorfers Artikel interessiert sich nun natürlich besonders dafür, wie die positiven

Verdachtsmomente im Bereich der Biologie aussehen sollen und ob es dem Autor gelingt, hier überzeugendere

Beispiele zu finden. Dieser wählt das sogenannte „IC-Argument“, welches auf den Biochemiker Michael J. Behe

(1996) zurückgeht. Er argumentierte, dass viele molekularen Maschinen des Lebens aus zwahlreichen

interagierenden Teilen bestehen, die fein aufeinander abgestimmt sind. Würde man eine Komponente entfernen,

so würde die Funktion des Systems verloren gehen. Behe leitet daraus ab, dass diese Systeme ein Problem für

bisher vorgeschlagene ateleologische Prozesse darstellen, welche stets nur gegenwartsorientiert sind, also bei

einer bestehenden Struktur immer nur den Fortpflanzungserfolg bewerten können, der sich aus ihr ergibt, nicht

jedoch eine noch nicht fertiggestellte Funktionalität, die erst in der Zukunft erreicht werden kann. Eine

„halbfertige“ IC-Struktur bringt also noch keinen solchen Vorteil – es müssen große Sprünge bei der Konstruktion

genommen werden, zwischen denen ein „selektionsfreier“ Raum liegt.

Auf der folgenden Textseite (S. 254 f.) legt Rammerstorfer eben diese Definition der IC-Struktur und das daraus

abgeleitete evolutionskritische Argument, wie hier vorgestellt, dar. Ein besonderes Augenmerk legt

Rammerstorfer auf die Feststellung, dass IC-Strukturen auch innerhalb der Mainstream-Biologie als evolutionäre

Hürden wahrgenommen und Evolutionspfade, welche über diese führen, als unplausibel betrachtet werden.

Rammerstorfer meint, dies liefere „einen subtilen Hinweis darauf, dass evolutionskritische Argumente nach

diesem Muster grundsätzlich zutreffend sind“. Wichtig ist hier das Wort „evolutionskritisch“. Das Argument, das

Rammerstorfer bis zu diesem Punkt beschreibt, ist rein negativ, es geht noch nicht um ein Argument für Design,

wie er selbst schreibt: „[D]ie destruktive, negative Komponente des IC-Arguments [sollte] deutlich werden“ (S.

255). Dann schreibt er auf der nächsten Seite jedoch dazu:

„Würde nur diese negative Komponente des IC-Arguments existieren, wäre IC von vornherein kein

ernstzunehmendes Argument für Design. Denn selbst wenn man damit sämtliche mehr oder weniger

darwinistischen Vorstellungen von Evolution als unplausibel ausschließen kann, so ist dadurch noch nicht gesagt,

daß alle Möglichkeiten einer Entstehung durch ungelenkte Prozesse ausgeschlossen werden können. An dieser

Stelle wird ID-Vertretern gerne die Argumentation untergeschoben, daß das Versagen bzw. die Abwesenheit

einer evolutionären Erklärung das Substrat für den Schluß auf Design liefern würde.“ (Hervorhebung im

Original)

Rammerstorfer meint im Anschluss, auf dieser Basis wäre ID leicht zu kritisieren, da der „Ausschluß aller

Erklärungsmöglichkeiten abseits intelligenter Kausation“ zumindest derzeit nicht möglich wäre (Negativbeweis).

28 Man muss sehr aufpassen, das „negativ“ der Argumentationsstruktur nicht wertend zu verstehen. „Negative“ Komponenten

können starke Argumente abgeben (wie etwa beim Lotto-Spiel von oben).


Diese Ausführungen Rammerstorfers sind von großer Bedeutung. Sie zeigen, dass ID unbedingt eine Begründung

braucht, die über Evolutionskritik hinausgeht. Ich habe im zweiten Teil dieses Aufsatzes versucht aufzuzeigen,

dass dieses „mehr“ in methodischen Aspekten besteht, welche nahelegen, ID als Nullhypothese zu verstehen.

Daher genügt die evolutionskritische Komponente des IC-Arguments auch Vollkommen, um das Beibehalten

einer teleologischen Perspektive zu rechtfertigen.

Rammerstorfer vertritt eine andere Position bezüglich dieses „mehrs“: ID, speziell das IC-Argument, weise auch

eine positive Komponente auf. Im Fall der IC-Struktur zitiert er die ID-Vertreter Meyer & Minnich (2004):

„In all irreducibly complex systems in which the cause of the system is known by experience or observation,

intelligent design or engineering played a role in the origin of the systeme.“

Wir haben also eine Eigenschaft X (in diesem Fall IC), und wir haben die positive Erfahrung, dass diese Systeme in

den uns zugänglichen Fällen allesamt durch intelligentes Wirken entstanden. Daraus können wir den positiven, auf

Erfahrung basierenden Schluss ziehen, dass auch die Fälle, in denen der Ursprung der Struktur nicht beobachtbar

war, Intelligenz eine Rolle gespielt hat. Dieser „Anschein von Planung“ (S. 258) ist es laut Rammerstorfer, der ID

über den Rang bloßer Evolutionskritik hinaushebt:

„Es ist im Kern der teleologische Charakter von IC-Systemen, der den Schluß auf Planung provoziert, nicht das

Fehlen von evolutionären Erklärungen.“ (S. 257)

Und: „IC [beinhaltet] auch als positiv zu wertende Hinweise auf Design.“ (S. 257). Auch wenn der Negativbeweis

(von Rammerstorfer wie gesagt irrtümlicherweise mit dem „negativen Argument“ gleichgesetzt) momentan nicht

möglich ist, gibt es dennoch Gründe, „intelligentes Design als mögliche Erklärung zu diskutieren“ (S. 257). Mit

der letzten zitierten Aussage Rammerstorfers stimme ich überein. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass die

Gründe in der Möglichkeit des negativen Arguments (wenn auch nicht des Negativbeweises) sowie

wissenschaftstheoretischer Vorüberlegungen (die methodischen Aspekte) bestehen und keinesfalls in

irgendwelchen angeblich „positiven“ Hinweisen auf Design.

Empirisches Empirisches Design Design – was es wirklich leisten kann… und was nicht

Das angeblich positive ID-Argument geht auf einen Kerngedanken zurück: Erfahrungen mit Designern. Ganz

speziell heißt das für uns: Erfahrungen mit menschlichen Designern. Menschen erzeugen IC-Strukturen,

Menschen programmieren Software, Menschen verwenden Code, Menschen können teleologisch handeln. Nun

sind Menschen zweifellos intelligente Agenten, sind also dem Bereich des ID und nicht dem des UD zuzurechnen.

Kann man daraus nicht eine positive Aussage bezüglich der Leistungsfähigkeit nicht nur menschlicher sondern

allgemein intelligenter Designer machen?

Uhren Uhren „sind“ „sind“ designt…

designt…

Welche Rolle nehmen diese „Design-Erfahrungen/Beobachtungen“ beim formalen Schluss auf Design ein? Das

von Rammerstorfer und anderen vorgebrachte Argument ist ein Analogieargument: Auf der Basis des Wissens

über den Ursprung von technischen Konstruktionen wird auf den Ursprung organismischer Strukturen

geschlossen, da diese den Strukturen des technischen Bereichs in vielerlei Aspekten ähnlich sind. Beide weisen

einen „teleologischen Charakter“ auf, wie Rammerstorfer es nennt.

Der „teleologische Charakter“ ergibt sich laut Rammerstorfer aus den Eigenschaften, dass bei IC-Strukturen

„mehrere fein aufeinander abgestimmte und koordinierte Komponenten zusammen[wirken] und [...] so die

Erfüllung einer oder mehrerer Funktionen möglich [machen]“.

Teleologisch ist das, weil wir solche Eigenschaften auch aus dem Bereich der Technik und anderen Design-

Bereichen von menschlichen Designern (also aus einem uns bekannten Bereich teleologischen Wirkens) kennen.

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Wir halten also fest: Die Eigenschaft S (Synorganisation) ist uns aus Systemen bekannt, welche die Ursache ID

(intelligentes Design) haben. Beispielsweise aus Konstruktionen wie U (Uhr). Das alleine macht S jedoch noch zu

keinem Indikator für Design. In den Produkten intelligenter Agenten finden wir auch die Eigenschaften F

(Fehlerhaftigkeit) und R (Regelmäßigkeit). Dennoch würden wir F und R nie als „Design-Signale“ kennzeichnen,

da sie eben nicht zuverlässig Design anzeigen, mit diesen Indikatoren hätten wir viele „false positives“, wie etwa

Strukturen bei Lebewesen, die durch degenerative Mikroevolution entstanden sind oder Produkte simpler

Naturgesetzlichkeiten, wie etwa Schneeflocken. Diese falschen Ergebnisse hätten wir also, weil U und F auch

durch die Ursprungsoption UD (unintelligentes Design) generiert werden können. Ein Argumentationsschema

wie dieses würden wir daher nicht als Schluss auf Design akzeptieren (B = Bakterienflagelle):

U hat die Eigenschaft ID.

U und B haben die Eigenschaft S.

Daher hat B die Eigenschaft ID auch.

Erst wenn wir die negative Komponente ins Spiel bringen, werden „false positives“ vermieden, da nun für S nicht

mehr F oder R geschrieben werden könnte:

U hat die Eigenschaft ID.

U und B teilen die Eigenschaft S.

Es ist kein Fall bekannt, in dem S auftrat und sicher nicht von ID begleitet wurde.

Deshalb hat B auch die Eigenschaft ID.

Von entscheidender Bedeutung, um Rammerstorfers Fehlschluss zu verstehen, ist nun die erste Prämisse: „Uhren

sind designt.“ Das heißt nicht nur, dass wir beobachten können, dass menschliche Designer (oder intelligente

Designer allgemein) in der Lage sind, Uhren zu designen, sondern, dass eine Uhr die immanente Eigenschaft hat,

designt zu sein. Das heißt: Wenn wir eine Uhr finden, können wir mit Sicherheit sagen, dass sie einen

intentionalen Ursprung hatte – nicht nur gehabt haben könnte. Das heißt: Wir müssen auch wissen, dass Uhren

nicht durch ungerichtete Prozesse entstehen können. Ansonsten ist die Prämisse „U hat die Eigenschaft ID“ nicht

gegeben. Wenn sich jedoch nichts zur „Designtheit“ der Uhr aussagen lässt, lässt sich aus ihr auch nichts für andere

Strukturen ableiten, gleich ob sie ihr ähnlich sind, oder nicht. Die Design-Beobachtungen alleine reichen also

nicht, um die „Designtheit“ der Uhr zu begründen. Es stellt sich daher die Frage: Können Uhren denn auch

ateleologisch entstehen? Wenn wir das verneinen und festhalten: „Uhren können nicht ateleologisch entstehen.“,

dann können wir jedes Mal, wenn wir eine Uhr sehen sagen: „Diese Uhr ist designt!“

Das Entscheidende ist nun: Wir können dies allein auf der Grundlage des Satzes: „Uhren können nicht

ateleologisch entstehen.“ 29 , weil daraus aus logischen Gründen hervorgeht: Wenn wir dennoch eine Uhr finden,

muss sie einen nicht-ateleologischen, also einen teleologischen, Ursprung haben. Die Design-Beobachtungen

fallen dann komplett weg – sie sind unnötig für den Schluss auf Design.

Um die Uhr dem Bereich „ID“ zuordnen zu können, reicht es, zu wissen, dass die Prozesse aus dem Bereich nicht-

ID nicht ausreichen. Da alle denkbaren Prozesse diesen beiden Bereichen zugeordnet werden können, muss eine

Struktur, die nicht dem Bereich UD zugerechnet werden kann, ihren Ursprung im Bereich ID haben.

29 Wenn wir das nicht so absolut sagen können, ändert sich dementsprechend auch die Stärke der Schlussfolgerung. Das

Grundprinzip ist jedoch das gleiche: „Es ist unwahrscheinlich, dass Struktur X ateleologisch entsteht.“ Ł „Es ist

wahrscheinlich, dass Struktur X nicht-ateleologisch, also teleologisch, entstand.“


Die Erfahrung der Uhrmacher brauchen wir also nicht, um sagen zu können: „Uhren sind designt.“ Diese Prämisse

kann auf einer rein negativen Argumentationsgrundlage getroffen werden. Damit ist jedoch diese Prämisse in

obiger Darstellung keine positive Komponente mehr. Wir schließen bei der Uhr durch ein negatives Argument

auf Design und argumentieren nun, dass Lebewesen möglicherweise dieselbe Unplausibilität im Hinblick auf

ateleologische Entstehungswege aufweisen, weil sie ähnliche Eigenschaften haben (kritisch dazu siehe unten).

Der „teleologische Charakter“, den Rammerstorfer bemüht bedeutet, dass eine Struktur gewisse Merkmale, wie

etwa Synorganisation aufweist. Diese Merkmale können – so die bisherige Erfahrung – ateleologisch nicht

entstehen. Daher sind sie typisch für das Teleologische. Es wundert also nicht, dass die einzigen Bereiche in denen

wir die Eigenschaften sonst noch (außer in der Natur) beobachten können, Bereiche sind in denen intelligente

Agenten (Menschen) wirken. Diese Merkmale wären jedoch – und das ist entscheidend – auch dann typisch für

das Teleologische, wenn alle Spezifischen Designer, die wir kennen (Menschen), nicht „mächtig“ genug wären, sie

zu produzieren. Dann würde uns eben die „Bestätigung“ fehlen dafür fehlen, was wir schon logisch schlussfolgern

können, nämlich dass die besagten Strukturen „teleologisch-typisch“ sind. Das wären sie zweifellos noch immer,

ganz einfach, weil sie ateleologisch nicht produziert werden könnten. Mehr als diese „Bestätigung“ sind unsere

Design-Beobachtungen tatsächlich nicht. Damit ist Rammerstorfers „teleologischer Charakter“ gleichbedeutend mit

dem „Fehlen evolutionärer Erklärungen“ (also mit der Absenz ateleologischer Erklärungen allgemein), dem er ihn

eigentlich ausdrücklich gegenüberstellt (S. 257).

Paley Paley und und Counterflow

Counterflow

Die Frage, woher die Prämisse „Uhren sind designt.“ kommt – ob sie auf unsere Design-Beobachtungen gegründet

werden kann, oder auf unsere Erfahrungen mit den Grenzen von nicht-Design (also UD) ist schon sehr alt und

wurde von William Paley (1802) aufgeworfen. Dieser kreierte das hypothetische Szenario eines Spaziergangs über

eine Heide 30 . Würde er dabei seinen Fuß an einem Stein anstoßen, könnte er es dabei belassen, anzunehmen, er

läge schon immer da. Würde er jedoch eine Uhr fänden, wäre dieser Erklärung sicher unangemessen:

„But suppose I had found a watch upon the ground [...] the inference we think is inevitable, that the watch must

have had a maker-that there must have existed, at some time and at some place or other, an artificer or artificers

who formed it for the purpose which we find it actually to answer, who comprehended its construction and

designed its use.“

Im Anschluss vergleicht Paley die Uhr mit organismischen Strukturen und die „Designtheit“ der Uhr mit der der

Lebewesen.

Dembski (2002, 31) stellt Paleys Argument im oben vorgestellten Schema vor:

„Watches are intelligently designed.

Watches and organisms are similar.

Therefore organisms are also intelligently designed.“

Paley wusste zwar sicher auch, dass Uhrmacher Uhren herstellen können, aber seine Prämisse konnte sicher nicht

lauten: „Uhren sind intelligent designt.“, wie Dembksi behauptet. Vielmehr musste er für den spezifischen Fall der

30 Nicht etwa an einem Strand, wie Graf (2007, 113) behauptet.

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ihm vorliegenden Uhr selbst erst eine Schlussfolgerung über deren speziellen Ursprung ziehen. In einem nächsten

Schritt vergleicht Paley den Schluss mit der Uhr mit dem Schluss bezüglich der Lebewesen. Was Dembski als ein

Argument darstellt, sind in Wirklichkeit zwei, die miteinander verglichen werden. Von ganz entscheidender

Bedeutung ist daher die Frage, wie Paley zu dem Schluss kommt, die Uhr sei designt. Mahner (2007) schreibt dazu

im Bezug auf Flew (1999):

„Paleys Analogie zwischen einer Uhr und der Natur selbst beruft sich auf die Ordnung bzw. Komplexität der

Strukturen. Diese benötigen wir aber gar nicht, um eine Uhr als 'gemacht' zu erkennen, denn wir wissen bereits

aus Erfahrung, dass Uhren Artefakte sind (Flew 1999). Wir würden auch einfache Artefakte wie Scherben oder

Mauerreste als solche erkennen, wie es Archäologen ständig tun. Komplexität scheint also bei Paleys Argument

nicht die relevante Analogie zu sein.“

Die Aussage, wir wüssten „aus Erfahrung, dass Uhren Artefakte sind“, ist sicherlich falsch: Wenn wir lediglich das

Handeln der Uhrmacher betrachten, wissen wir nur, dass sie es sein können. Dass aber jede Uhr, der wir begegnen

auch designt ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Man muss sich also doch wieder auf die Komplexität der Uhr

beziehen und fragen: Kann diese ateleologisch entstehen? Nur wenn dies verneint werden kann, können wir sagen:

„Wir wissen aus Erfahrung (mit ateleologischen Prozessen), dass Uhren designt sind.“ Die Erfahrungen mit

Uhrmachern, die Mahner bemüht, sind dann aber für den Schluss auf Design nicht mehr nötig. Betrachten wir

nochmal das obige Argumentationsschema:

U hat die Eigenschaft ID.

U und B hat teilen die Eigenschaft S.

Es ist kein Fall bekannt, in dem S auftrat und sicher nicht von ID begleitet wurde.

Deshalb hat B auch die Eigenschaft ID.

Es kann hier eine ganze Menge weggestrichen werden, ohne dass es dem Schluss in irgendeiner Weise schaden

würde.

Das Einzige, was für das Argument wegfällt ist die – für den Schluss auf Design – überflüssige Analogie:

U hat die Eigenschaft ID.

U und B hat teilen die Eigenschaft S.

Es ist kein Fall bekannt, in dem S auftrat und sicher nicht von ID begleitet wurde.

Deshalb hat B auch die Eigenschaft ID.


Ratzsch (2001) liefert einen besseren Ansatz als Flew (1999): Er führt den Begriff „counterflow“ ein und meint

damit „things running contrary to what, in the relevant sense, would (or might) have resulted or occured had nature

operated freely“ (S. 5). Um zu erkennen, ob etwas künstlich ist – also ein Artefakt – untersuchen wir Objekte auf

eben diesen Counterflow. 31 Zum Fall Paleys schreibt Ratzsch:

„If, in crossing a heath, we should stumble across a watch, we would immediately recognize it as artifact. We

would recognize that, even if we had no idea how it was produced, who had produced it, what it was for, how it

got there, or how long it had lain there. An object having the observable characteristics of a watch simply will not

be natural.“ (S.8)

Diese „characteristics“ sind die synorganisierten Merkmale, die Paley beschreibt, sie sind der „teleologische

Charakter“, den Rammerstorfer bemüht – sie sind: eine gewisse Menge Counterflow. Sie sind schlichtweg

Merkmale, die von ateleologischen Erklärungsmöglichkeiten (im Fall der Uhr: pure Selbstorganisation bzw.

„Zufall“) nicht angemessen erklärt werden können. Sie sind daher aber auch eines: negativ. Sie beziehen ihre ganze

Gewichtung einzig und allein aus dem Umstand, dass sie ateleologisch nicht erklärt werden können.

Was lässt sich daraus ableiten? Der oben genannte Schluss dieser Form ist irreführend (C=Counterflow):

U hat die Eigenschaft ID.

U und B teilen die Eigenschaft S.

Es ist kein Fall bekannt, in dem S auftrat und sicher nicht von ID begleitet wurde.

Deshalb hat F auch die Eigenschaft ID.

Vielmehr verbergen sich hinter ihm zwei unabhängige, parallel ablaufende Schlüsse:

Und:

U hat die Eigenschaft S.

Aus S folgt eine bestimmte Menge C 32 .

Ateleologische Ereignisse (mit der Eigenschaft UD) weisen diese Menge C nicht auf.

U hat die Eigenschaft nicht-UD (ID).

B hat die Eigenschaft S.

31 Damit ist laut Ratzsch nicht gesagt, dass die Objekte auch designt wurden, also zu einem spezifischen Zweck entworfen

wurden, aber dass sie von Agenten generiert worden sind, die zu solchem teleologischen Handeln fähig sind. Beispielsweise

entstehen bei der Produktion von Steinwerkzeugen „künstliche“ Abschläge, die jedoch im Gegensatz zum erwünschten

Endprodukt kein „intelligentes Design“ im Sinne Ratzschs sind.

32 Also eine bestimmte Unplausibilität der ateleologischen Option.

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Aus S folgt eine bestimmte Menge C.

Ereignisse mit UD weisen diese Menge C nicht auf.

B hat die Eigenschaft nicht-UD (ID).

Man tut Paley unrecht, wenn man ihn auf eine naiv-empiristische Argumentation nach dem Muster Dembskis

reduziert. Vielmehr ist sein Argument als Appell an die Konsequenz seiner Mitmenschen zu betrachten: Wenn wir

zwei Objekte mit derselben Menge Counterflow haben, bei beiden ateleologische Ursprungserklärungen also

gleich unplausibel sind, dann sollten wir doch auch in beiden auf einen teleologischen Ursprung schließen und nicht

im einen (weltanschaulich weniger problematischen Fall) dies tun und im anderen (mit größeren metaphysischen

Implikationen) auf zukünftige ateleologische Erklärungsansätze mit größerer Plausibilität hoffen.

Man kann an Paleys Argumentation trotzdem noch genug kritisieren: So basiert seine Annahme, Uhren und

Organismen würden eine vergleichbare Menge Counterflow aufweisen auf der Grundlage, dass als ateleologische

Erklärungsmodelle nur bloßer „Zufall“ in Frage kommt – sowohl für die Uhr, als auch für das Leben. Am

deutlichsten, wird dies, wenn man bedenkt, dass Paley (1802, 179) argumentiert, es sei ein eindeutiges Zeichen

für einen teleologischen Ursprung des Menschen, dass seine Augen und Füße in dieselbe Richtung zeigen würden.

Denn bei rein zufälliger Ausrichtung dieser Organe und Extremitäten wäre das ja nicht zu erwarten.

Spätestens seit Darwin (1859) hat die ateleologische Perspektive jedoch neben der zufälligen Variation auch noch

die Komponente der natürlichen Selektion vorzuweisen. Es ist eine naturwissenschaftliche Fragestellung, zu

überprüfen, ob die Größe „C“ (also die Unplausibilität ateleologischer Erklärungsansätze) durch die

Errungenschaften der Evolutionsbiologie für den Bereich des Lebens verringert werden konnten. Doch falls dies

nicht der Fall sein sollte, ist Paleys Appell noch immer von großer Bedeutung. Daher soll auf seinen Aufruf nach

Konsequenz in einem späteren Abschnitt nochmal eingegangen werden.

An dieser Stelle möchte ich zunächst die Rückkopplung an die These des positiven Arguments für ID im Sinne von

Meyer, Minnich, Rammerstorfer & Co versuchen:

Der „Anschein von Planung“ bei der Bakterienflagelle ist auf bestimmte Eigenschaften zurückzuführen (IC Ł S),

die uns auch von anderen Objekten bekannt sind. Teilweise wissen wir bei diesen anderen Objekten aus

Erfahrung, dass sie von Menschen designt werden können, teilweise nicht. Unabhängig von dieser Erfahrung,

schließen wir bei diesen Objekten jedoch auf Design, wenn die ateleologischen Erklärungsansätze unbefriedigend

sind, also Counterflow vorliegt. Für die Bakterienflagelle das Wissen um Software-Programmierer und

Uhrmacher zu bemühen ist schon deswegen nicht angebracht, da man diesen Vergleich auch nicht braucht, wenn

man innerhalb der Technik bleibt: Ratzsch (2001, 18) berichtet von technischen Objekten, die ganz offensichtlich

Artefakte sind, deren eventuelle Funktionen aber nicht bekannt sind. Ganz eindeutig weisen sie jedoch

Counterflow auf – bekannte ateleologische Prozesse kommen für ihre Entstehung nicht in Frage und deswegen

werden die Funde als Artefakte eingeordnet. Ein negatives Argument. Ebenso bleibt auch das IC-Argument

negativ. Daran ändert auch der Verweis auf die Synorganisation von irreduzibel komplexen Strukturen nichts.

Ganz einfach deswegen, weil durch den Verweis auf Synorganisation in bekanntermaßen designten Systemen

nichts gewonnen wird: Auch diese werden von uns nur deswegen als künstlich erkannt, weil die Eigenschaft der

Synorganisation mit Counterflow einhergeht – ihre ateleologische Entstehung also unplausibel bleibt.


Abkürzung

Abkürzung Abkürzung und und Umweg Umweg

Ist es also vollkommen unredlich mit der teleologischen Organisation des Lebens, mit seiner synorganisierten,

spezifizierten Komplexität für ID zu argumentieren? Nein. So lange man sich dessen bewusst ist, dass all diese

Merkmale nicht „von Natur aus“ Design-Signale sind, sondern es nur deswegen werden, weil sie ateleologische

Hürden bezeichnen, ist eigentlich nichts dagegen einzuwenden. Man kann in diesem Rahmen die IC-Strukturen

dann beispielsweise als besondere „Marker“ betrachten, die anzeigen, wo im zugrundeliegenden Genom im Laufe

der Stammesentwicklung besonders große mutative Neuerungen nötig gewesen wären. Von einem „IC-Argument

für intelligentes Design“ zu sprechen ist jedoch zumindest irreführend: Als Hinweisschild auf makroevolutive

Problemstellungen ist IC nicht mehr und nicht weniger als jedes andere evolutionskritische Argument auf Basis

unzureichender Makroevolutionsmechanismen.

Wer mit dem „Anschein von Planung“ argumentiert, muss dabei eines immer klar einräumen: Wenn in der Natur

etwas „designt“ wirkt, dann meinen wir, dass es einer Erfahrung aus unserer menschlichen Design-Welt

entspricht. Das ist jedoch noch nicht das Argument für Design! Die eigentliche argumentative Kraft des Verweises

auf den Anschein von Planung in der Natur geht darauf zurück, dass die Eigenschaften, die wir im menschlichen

Bereich als design-typisch erkennen, das dort deswegen sind, weil sie für ateleologische Prozesse untypisch sind (die

irreduzible Organisation der technischen Konstruktion der Mausefalle würde durch Zufallsprozesse nicht

erreicht). Wenn wir nun eben diese „design-typischen“ Merkmale in der Natur wiederfinden, entdecken wir darin

nicht das Vermögen intelligenter Agenten (Menschen) wieder, sondern das Unvermögen ateleologischer Prozesse.

Wenn wir schon im technischen Bereich aufgrund dieser Merkmale auf Design schließen würden (weil sie

Counterflow aufweisen, ateleologisch nur unplausibel erklärt werden können) und wir finden sie in irgendeinem

anderen Kontext wieder, dann nehmen wir auch dort an, die identifizierte Struktur würde Counterflow

aufweisen. Das ist das eigentliche – und ausschließlich negative – Argument mit dem „Anschein von Planung“ in

der belebten Natur. Für Design in der Natur mit Verweis auf Design beim Menschen zu argumentieren, ist also

eine Art „Abkürzung“, welche den Grund für die Design-Identifikation in den Bereichen der Technik, der

Informatik, der Kunst usw. überspringt. Das Argument ist sicherlich gültig, nur eben auch sehr gefährlich: Leicht

übersieht man die negative Grundstruktur und meint, positive Evidenz für ID vorbringen zu können. Des

Weiteren muss man sich dessen bewusst sein, dass eine Eigenschaft in menschlichen Konstruktionen

möglicherweise ateleologisch nicht entstehen kann, aber in der Natur sehr wohl. Dieser Fall könnte durchaus

zutreffen. Schließlich weisen menschliche Konstruktionen (Eingenerationssysteme) und die der Natur

(Mehrgenerationssysteme) auch erhebliche Unterschiede auf, welche letzteren „Descent with Modification“

erlaubt. Die Frage ist also, ob sich aus diesen Unterschieden eine Möglichkeit gibt, die Analogie als zu schwach

auszuweisen (Heilig 2008a). So lange dies nicht gezeigt werden kann, ist die „Abkürzung“ legitim. Neben der

Gefahr beim vielen Verwenden der Abkürzung den ursprünglichen Weg aus den Augen zu verlieren und

irgendwann zu vergessen, dass das Analogieargument nur dadurch funktioniert, dass auch im Bereich des Lebens

erst mal negativ argumentiert wird (also sichergestellt wird, dass die ateleologischen Mechanismen, die in diesem

Bereich wirken, die Eigenschaften S usw. ebenso wenig generieren können, wie die aus dem Bereich der Technik,

also der Uhr), ist eine solche Abkürzung vor allem eines: Unnötig. Wenn das Analogieargument eh nicht (allein

deswegen) funktioniert, weil wir ähnliche Eigenschaften zwischen zwei Bereichen nachweisen, sondern wir auch

noch sicherstellen müssen, dass in beiden Bereichen (nicht nur im Ausgangsbereich der Technik, sondern auch in

der Natur) keine ateleologischen Prozesse existieren, die einen ungerichteten Ursprung plausibel machen, wenn

wir also eh in den Bereich der Natur eindringen und nach Makroevolutionsmechanismen fragen müssen, um zu

überprüfen, ob das Analogieargument gültig ist, wenn wir eh Evolutionskritik aufbringen müssen, um das

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Analogieargument überhaupt vorbringen zu können, wenn seine ganze argumentative Kraft aus diesem negativen

Aspekt hervorgeht – wieso gehen wir dann überhaupt diesen Weg, ist er dann nicht viel mehr ein Umweg? 33

Daher mein Plädoyer an die Vertreter der teleologischen Perspektive – ob diese nun auf den Ursprung der Uhr

oder der Bakterienflagelle gerichtet ist – die im jeweiligen Rahmen in Frage kommenden ateleologischen

Mechanismen auf ihre Reichweite zu untersuchen und dadurch festzustellen ob/wie viel Counterflow die

jeweiligen Strukturen aufweisen. Die einzige Analogie, der einzige Vergleich kann dann erst, auf dieser

Grundlage, erfolgen: Schließen wir in beiden Bereichen bei derselben Menge Counterflow, bei derselben

Unplausibilität der ateleologischen Erklärungsoption analog auf eine intelligente Ursache?

Vorausgesetzt man könnte vergleichbare Mengen Counterflow in beiden Bereichen ausmachen, wäre daraus

durchaus ein Argument abzuleiten – der bereits erwähnte Appell an konsequentes Schließen, wie ihn Paley

aufgestellt hat. Das ist das einzige argumentative Element, das man – unter wohlwollender Betrachtung – der

Analogie zwischen Technik und Leben entnehmen kann. Dass auch dieser Appell seine Schwächen hat, da die

Schlüsse nicht so analog sind, wie man auf den ersten Blick meinen sollte, wird im Kapitel III besprochen.

Spezifisches Spezifisches Spezifisches Design Design Design und und und Design Design-Erlebnisse

Design Design Erlebnisse

Erlebnisse

Für den Schluss auf ID sind „Design-Erlebnisse“ wie gezeigt irrelevant. Deswegen sind sie jedoch nicht komplett

nutzlos für die Diskussion um die Ursprungsfrage: Im Rahmen von SD-Modellen ist der Bezug auf einen Designer

hingegen sieht die Sache jedoch anders aus (siehe zu „SD“ den ersten Teil des Aufsatzes): In diesem Rahmen ist es

legitim, zu fragen, ob der angenommene Designer in der Lage ist, das in Frage stehende Phänomen zu generieren.

Das ist nicht nur ein legitimes vorgehen, sondern ein notwendiges: Nur weil die Ursache aus dem Bereich von ID

kommen muss, da sie nicht aus dem Bereich von UD kommen kann, muss das ja nicht heißen, dass ein ganz

spezifisches SD-Modell aus diesem Bereich in der Lage ist, das zu vollbringen, wozu vielleicht nur für ein

einziges, ganz anders gestaltetes, SD-Modell fähig ist. Angenommen, ein Biologe würde den Standpunkt

vertreten, die Natur wäre intelligent designt. Diese Annahme – sofern keine plausiblen ateleologische

Erklärungen vorliegen – mag angemessen sein. Wenn er jedoch seinen persönlich vertretenen Designer

spezifiziert (und dies ist eine notwendige Bedingung, damit die teleologische Perspektive Eingang in die

Biowissenschaften finden kann) und beispielsweise annimmt, Bienen hätten unsere Welt designt, müsste er sich

anhören lassen, dass diese zwar zu beeindruckenden Bauten fähig sind, aber bisher nicht gezeigt werden konnte,

wie sie als manipulierende Genetiker in Erscheinung treten könnten. Dieses Beispiel mag überzogen sein, aber es

zeigt: Nur weil es für ID zweifellos klar ist, entfällt für einen ID-Vertreter, der seine SD-Vorstellungen

spezifiziert noch lange nicht die Nachweispflicht, dass sein Designer in der Lage ist, Lebewesen zu designen.

Was zeigen uns unsere bisherigen Erfahrungen mit bekannten Designern? SD-Modelle, die sich auf Tiere berufen,

werden wenig Erfolg haben. Und ansonsten? Ansonsten haben wir bisher nur Menschen beim designen direkt

beobachtet (H. sapiens) oder können diese Fähigkeit zumindest aufgrund von Überlieferungen annehmen (H.

33 Im obigen Argumentationsschema finden wir den Zwischenschritt: „Aus S folgt eine bestimmte Menge C“. „S“ steht dabei

wie erwähnt für die Synorganisation der Struktur. Diese Eigenschaft wird hier stellvertreten für den „teleologischen

Charakter“ angegeben. Entscheidend ist nun, dass es nicht reicht, im Bereich des Lebens die Menge an C für S zu bestimmen,

auf Design zu schließen, dann S im Bereich der belebten Welt zu entdecken und per Analogie zu verkünden, auch dort wäre

die Ursache teleologisch. „Aus S folgt eine bestimmte Menge C“ muss für die belebte Welt separat durchgerechnet werden,

da für die Entstehung in den Bereichen ganz verschiedene Prozesse vorliegen. Es mag sein, dass „descent with modification“

die Menge an C im belebten Bereich nicht senken kann, das sei dahingestellt. Aber auch diese Feststellung ist nur möglich,

wenn man den Bereich der Natur explizit untersucht. Der Schluss vom Bereich der Technik in den Bereich des Lebens ist

schlichtweg nicht zulässig – bis gezeigt werden kann, dass hier mit Bezug auf aus S Folgendem C vergleichbare Werte

vorliegen. Damit haben wir aber für den Bereich des Lebens genau das kalkuliert, was wir eigentlich – ohne diesen Bereich zu

analysieren – direkt aus unseren Erfahrungen im technischen Bereich ableiten wollten.


errectus) 34 . Allerhöchstens können wir unsere Erfahrungen wohl auf hypothetische menschenähnliche Wesen

ausweiten und schlussfolgern, dass ein SD-Modell zumindest einen Designer der physiologischen, geistigen und

kulturellen Fähigkeiten des modernen Menschen aufweisen müsste. Immerhin können wir, wenn auch noch recht

beschränkt, bereits Leben manipulieren und nach unseren Vorgaben hin gestalteten (vgl. Gibson et al. 2008).

Hochmoderne Außerirdische, die über Raumschiffe verfügen sollten, mit denen sie unsere Erde besuchen oder

zumindest mit Leben infizieren hätten können, sollten unser Intelligenz-Niveau wohl erreicht haben und können

als ernsthafte Kandidaten für Designer-Theorien, für SD-Modelle gelten.

Die Erfahrung (menschlichen!) Designs ist also durchaus von Bedeutung – jedoch ausschließlich im Rahmen des

Wettbewerbs verschiedener SD-Modelle. Da wir als Christen den Designer im Sinne des biblischen Gottes

spezifizieren und wir nicht von außerirdischen Designern ausgehen, sind für uns die Leistungen menschlicher

Designer recht uninteressant. Dass Gott, der nicht zuletzt über seine Allmacht definiert ist (vgl. Genesis 17, 1),

zumindest theoretisch in der Lage ist, unser Universum mit allem, was sich darin befindet, zu designen, steht

wohl außer Frage. Jeder Atheist würde dem zustimmen, dass Gott die Welt erschaffen hätte können – falls er denn

existiert. Und da scheiden sich die Geister – nicht jedoch unter uns Christen, die wir hier sprichwörtlich „den

selben Geist“ haben, eben diese Existenz als Glaubensinhalt teilen und für alle Christen voraussetzen können.

Das Das Argument Argument „für“ „für“ Design Design ist ist ein ein „argumentum „argumentum ad ad ignorantiam“

ignorantiam“

Warum wird von Seiten der ID-Vertreter derart nachdrücklich ein angeblich positives Argument für Teleologie

vertreten, das es nicht gibt? Wenn ID lediglich in der Lage ist, ateleologische Erklärungsansätze zu kritisieren,

dann folgt daraus unausweichlich, dass ID letztendlich immer ein argumentum ad ignorantiam bleiben muss – es sei

denn, die Elimination aller möglichen ateleologischen Optionen sollte gelingen. Damit trifft auf die Argumentation

der ID-Vertreter genau das zu, was sie bei ihren Kritikern als falsche Unterstellungen ausweisen. So etwa bei

Rammerstorfer (2006a, 256), der Raff (2001, 373) zitiert:

„If it's unexplained, it must be unexplainable by evolutionary biology. If it's unexplainable by evolutionary

biology, it must require an intelligent designer.“

Kritisch ist hier nicht der zweite Teil der Argumentation: Sollte ein Phänomen faktisch nicht erklärbar durch

ateleologische Ansätze sein, dann wäre es ein klarer Fall für Design (eliminative Induktion). Entscheidend ist, dass

aus einer gegenwärtigen ateleologischen Erklärungs-Absenz darauf geschlossen wird, dass es überhaupt keine

Erklärung gibt.

Eine solche Argumentation weckt aus gutem Grund Misstrauen. Mit einem solchen argumentum ad ignorantiam

(AAI) lassen sich nämlich beinahe alle erdenklichen Thesen „untermauern“, die mit Sicherheit empirisch nicht gut

belegt sind. Wer mit naturwissenschaftlichem Skeptizismus der Behauptung entgegentritt, auf der Oberfläche des

Marses wären riesige Käse-Ablagerungen zu finden, kann da schnell mit dem Verweis „Es ist nicht bewiesen, dass

es nicht so ist!“ abgespeist werden. Besteht ein prinzipieller Unterschied zum „Das ist nicht bewiesen!“ der

Teleologisten zum Anspruch der Ateleologisten, es gäbe eine ateleologische Erklärung für die Komplexität des

Lebens?

ID-Vertreter sind bisher mit diesem Kritikpunkt nur unzureichend umgegangen. In der Regel folgt auf diesen

Einwand lediglich der Verweis auf die angeblich positive Komponente von ID. Interessant ist, was Dembski

(2004, 322) zu diesem Thema schreibt 35 . Dembski (1998a, 2002) ist wohl der einzige ID-Vertreter, der sich

34 Für eine Diskussion der Fähigkeiten der Australopithecinen siehe Brandt (2000).

35 Wobei Dembski auch noch ganz andere Äußerungen zum AAI gemacht hat, die recht kurios sind. So schreibt Dembski

(1998, 17):

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bisher darum bemühte, eine formale Antwort auf die Frage zu finden, wie alle ateleologischen Ansätze mit einem

Schlag als unplausibel ausgewiesen werden könnten. Seine Antwort besteht in der Eigenschaft der „spezifizierten

Komplexität“. Darunter versteht Dembski jedes Merkmal, das sogleich spezifiziert ist, also einem unabhängigen

Muster entspricht, und komplex – also „unwahrscheinlich“. Dembski (2002) möchte durch diese beiden

Kennzeichnen seinen Informationsbegriff (Complex Specified Information) von der Shannon'schen Information

abgrenzen, die ein reines Komplexitätsmaß ist und sehr gut auch ateleologisch entstehen kann, da jede

Zeichenfolge – ob sinnvoll oder nicht, ob spezifiziert oder nicht – bereits „Information“ enthält. Der

entscheidende Punkt bei Dembskis Argumentation ist jedoch, dass seine „Unwahrscheinlichkeit“ kein absoluter,

sondern nur ein vorläufiger Wert ist und damit auch keine absoluten, sondern nur vorläufige Schlussfolgerungen

zulässt. So gibt er den Kritikpunkt wieder:

„The argument runs as follows. It starts by noting that if some natural system instantiates specified complexity,

then that system must be vastly improbable with respect to all purely natural mechanisms that could be operating

to produce it. But that means calculating a probability for each such mechanism. This, so the argument runs, is an

impossible task. At best science could show that a given natural system is vastly improbable with respect to known

mechanisms operating in known ways and for which the probability can be estimated. But this omits (1) known

mechanisms operating in unknown ways and for which the probability cannot be estimated, (2) known

mechanisms for which the probability cannot be estimated and (3) unknown mechanisms. Thus, even if it is true

that some natural system instantiates specified complexity, we could never legitimately assert its specified

complexity, much less know it. Accordingly, to assert the specified complexity of any natural system is to argue

from ignorance.“

Dembski hält nicht viel von diesem Kritikpunkt und wehrt ihn mit dem Verweis darauf ab, dass Naturwissenschaft

immer nur gegenwärtiges Wissen berücksichtigen könnte, das sich im Laufe der Forschung selbstverständlich auch

ändern könnte. Dabei übersieht er jedoch eines:

Wenn das ID-Argument eine eliminative Induktion wäre, wäre seine Gültigkeit unhinterfragt. Ist es aber (noch?)

ein AAI, stellt sich automatisch die Frage, wie denn dann begründet werden kann, dass von momentanen Nicht-

Wissen im ateleologischen Erklärungsmodell auf Design geschlossen wird.

Und hier wird dann eine vermeintlich positive Komponente bemüht, welche das Design-Argument retten soll.

Wie oben gezeigt, ist ein solcher Weg nicht gangbar. Vielmehr müssen methodische Gründe dafür angeführt

werden, auf der Basis von bisher fehlenden ateleologischen Erklärungen auf Teleologie zu schließen.

Zwei Zwei Beispiele Beispiele – wie wird der Schluss auf Design getätigt?

Im Folgenden sollen als ergänzende Information zwei Positionen zum Schluss auf intelligentes Design besprochen

werden.

„The world contains events, objects and structures that exhaust the explanatory resources of undirected natural causes and

that can be adequately explained only by recourse to intelligent design. This is not an argument from ignorance.“

Dembski hat Recht, dass der Schluss auf ID tatsächlich empirisch begründet werden kann, indem weitreichende negative

Aussagen über die ateleologische Alternative getroffen werden können. Das hebt den Wert des Arguments – ändert aber

nichts an seiner negativen Struktur als AAI.


Kummer (2007, 92), ein Kritiker der teleologischen Perspektive, beschreibt den Schluss auf Intelligentes Design

wie folgt: Zuerst würde ein „Design in der Natur“ (worunter er „komplexe[...] zweckmäßige[...] Strukturen“

versteht) festgestellt. In einem zweiten Schritt würden dann ateleologische Erklärungsansätze als ungenügend

ausgewiesen. In einem dritten Schritt würde dann ein Analogieschluss bemüht:

„So wie wir bei einem technischen Gebilde zur Erklärung seiner Zweckmäßigkeit die planende Intelligenz eines

Erfinders oder Ingenieurs ins Feld führen, ohne darum wissen zu müssen, wer das im Einzelfall war, sind wir auch

bei einer evolutionär nicht reduzierbaren organischen Zweckmäßigkeit gehalten, allein aus Gründen der Logik

eine entsprechende planende Intelligenz vorauszusetzen, mögen wir sie Gott bezeichnen oder nicht [...].“ (S. 92)

Der Schluss auf ID nach Kummer:

1. Identifikation einer komplexen, zweckmäßigen Struktur.

2. Ausweisen der ateleologische Erklärungsansätze als ungenügend.

3. Analogieschluss aus dem Bereich der Technik auf die Natur.

Kummer merkt des Weiteren an, der zweite Schritt müsse immer ein reductio ad ignorantiam sein. Man könne

nicht zeigen, dass eine Struktur prinzipiell nicht ateleologisch evolvieren kann, sondern nur, „dass wir es bisher

noch nicht wissen“. Auf dieser Grundlage sei der Analogieschluss nicht zwingend.

Junker (2008) diskutiert ganz bestimmte Strukturen: Irreduzibel komplexe (s.o.). Auf Seite 5 gibt er das

Argumentationsschema das sich seines Erachtens daraus für ID ableiten lässt, wie folgt wieder: Zuerst würde man

„nichtreduzierbar komplexe Systeme“ identifizieren. In einem zweiten Schritt müssen ateleologische

Erklärungsansätze auf ihre Plausibilität hin untersucht werden. Als dritten Schritt und unter der Voraussetzung,

dass die Evolutionskritik auf der vorangehenden Stufe Erfolg hatte, stellt er die Frage: „Folgt daraus ein Argument

für ID?“

Der Schluss auf ID nach Junker:

1. Identifikation einer IC-Struktur.

2. Ausweisen der ateleologische Erklärungsansätze als ungenügend.

3. Nicht näher bestimmtes Element, das auf der Basis von 2. den Schluss auf ID erlaubt.

Zum dritten Punkt referiert Junker (2008, 5):

„Der Vorgang der Entstehung einer IC-Struktur wird durch die bekannten ungerichteten evolutionären Prozesse

nicht erklärt. Viele ID-Befürworter betrachten das IC-Argument auch als positives Argument für das Wirken eines

Designers. Sie verweisen auf das Wissen um die ausschließlich planvolle Entstehung von IC im technischen Bereich

und ziehen daraus einen Analogieschluss auf die Entstehung von IC bei Lebewesen.“

Junker legt sich jedoch nicht fest, ob er diese Auffassung teilt, oder nicht.

Junker schreibt jedoch auch (S. 20) – wortwörtlich wie Kummer – der Schluss auf ID auf der Grundlage des

zweiten Schritts sei nicht „zwingend“.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Wie im zweiten Teil des Aufsatzes gezeigt, ist das von Junker referierte „positive“ Element letztendlich Teil eines

negativen Arguments, gehört also im Grunde noch zum zweiten Schritt – ID (ohne methodische

Vorbetrachtungen und auf seine argumentative Stärke allein gestellt) kommt niemals über diese negative Ebene,

niemals über das AAI hinaus, so lange der Negativbeweis nicht gelingt. Kummers dritter Schritt lässt sich ohne

Weiteres in den zweiten überführen. Das ist natürlich ein Problem, denn wenn ID auf der zweiten Stufe

verbleibt, heißt das nach Rammerstorfer (2006a, 256):

„Würde nur die[...] negative Komponente des IC-Arguments existieren, wäre IC von vorneherein kein

ernstzunehmendes Argument für Design.“ (Hervorhebung nicht im Original)

Wie kann man auf dieser Grundlage (ID kann sich nicht durch positive Argumente selbst ins Spiel bringen) den

Standpunkt vertreten, ID wäre noch immer von Bedeutung? Junker (2008, 20) nennt die einzige mögliche Lösung

im Grunde selbst:

„Die Option ID bleibt [...] solange die einzige Erklärung für die Existenz eines IC-Systems, bis ein natürlicher

Evolutionsprozess nachgewiesen ist.“

Demnach wäre ID eine Art Nullhypothese, die so lange begründet ist, bis der Nachweis eines ateleologischen

Makroevolutionsmechanismuses vollbracht wird. Wenn vorgeschlagene ateleologische Erklärungsansätze durch

Evolutionskritik als ungenügend ausgewiesen werden (negatives Argument, AAI, Stufe 2), dann ist ID automatisch

noch immer „im Rennen“. Einen dritten Schritt, ein positives Argument oder dergleichen, wäre dann gar nicht

nötig. Während Junker keine Erklärung dafür gibt, wie man begründen könnte, dass ID eine solche

Nullhypothese darstellen sollte (und nicht etwa die ateleologische Alternative), wurde dies hier im Kapitel II

begründet.

Ein Wort zum Schluss: Zwingend ist der Schluss auf Design auch – beziehungsweise gerade – nach der Darstellung

des vorliegenden Aufsatzes nicht. Weshalb, das wird im Kapitel III eingehend dargelegt. Es handelt sich dabei auch

nicht um einen Nachteil, welcher die teleologische Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes „indiskutabel“

machen würde, sondern um eine prinzipielle Eigenschaft der Ursprungsfrage: Ohne Rückgriff auf

außerwissenschaftliche Elemente ist ihre konkrete Beantwortung nicht möglich.


ANHANG II: Naturwissenschaftliche Forschung Forschung im im Rahmen Rahmen der

der

teleologischen teleologischen Perspektive

Perspektive

Gehört Gehört Gehört die die die teleologische teleologische teleologische Perspektive Perspektive Perspektive in in in den den den Bereich Bereich Bereich der der

Naturwissenschaft?

Naturwissenschaft?

Wer einmal eine teleologische Perspektive für die Ursprungsfrage eingenommen hat, fragt sich natürlich, von

welcher Warte aus er die Welt betrachtet, auf welchem Gelände er steht. Befindet er sich im Bereich der

Naturwissenschaften, oder – wie Manns (2007) meint – ist ID tatsächlich „[n]ichts als Religion“?

Die Die Die designerunabhängige designerunabhängige designerunabhängige teleologische teleologische teleologische Perspektive

Perspektive

Perspektive

Das sogenannte Demarkationsproblem oder Abgrenzungsproblem stellt einen großen Arbeitsbereich der

Wissenschaftstheorie dar: Wie kann man wissenschaftliche Gedankengebäude von nicht-wissenschaftlichen

unterscheiden? Wie pseudo-wissenschaftliche von echt-wissenschaftlichen?

Dass diese Diskussion im Bezug auf die teleologische Perspektive zu einem Streitthema wurde, hängt in meinen

Augen vor allem mit zwei Punkten zusammen: Sowohl die Behauptung, es gäbe einen positiv begründeten Schluss

auf Design, als auch die These, die teleologische Perspektive sei eine naturwissenschaftliche Theorie im Sinne der

erweiterten Synthetischen Evolutionstheorie (Kutschera 2006) haben zu einer Abwehrreaktion unter Philosophen

geführt, die eigentlich nicht verwunderlich ist. Der erste Punkt musste sich zum Reizthema entwickeln, weil

positive Indizien für Design generell nicht designerunabhängig möglich sind (Heilig 2008a). Sobald eine

Argumentation jedoch direkten Bezug auf einen Designer nimmt, rückt dessen Person ins Interesse. Da für

manche Ereignisse (etwa Entstehung des Universums) beispielsweise nur übernatürliche potentielle Designer in

Frage kommen, ist es nicht weiter verwunderlich, dass es für Irritationen sorgte, als diese Elemente in die

wissenschaftliche Modellbildung mit eingeführt werden sollten. Auf der anderen Seite jedoch diese Gedanken als

naturwissenschaftliche Theorien mit transsubjektivem Geltungsanspruch auszuweisen kam ( wenn von ID-Seite

auch immer vermieden wurde, das so auszudrücken) dem Anspruch gleich, objektiv diese speziellen Designer-

Vorstellungen nachgewiesen zu haben. Kritik an einem solchen Vorgehen – welche in großem Maße berechtigt

ist, wie ich finde, soll an dieser Stelle nicht aufgegriffen werden. Das ist Aufgabe derjenigen Vertreter der

teleologischen Perspektive, welche diese über die kritisierten Elemente definieren, also davon ausgehen,

„Intelligent Design“ würde positive Erwartungen formulieren usw. Siehe beispielsweise Meyer 2000 für eine

Diskussion der Demarkationskriterien unter diesen Voraussetzungen).

Die hier vorgestellte teleologische Perspektive ist per Definition weitaus unproblematischer und die allermeiste

Kritik am konventionellen ID-Konzept wird dadurch hinfällig. Die Aussage, der Schluss auf intelligentes Design

im Sinne der teleologischen Perspektive, verletze beispielsweise den methodischen Naturalismus, sei einer

naturwissenschaftlichen Evaluierung nicht zugänglich usw. entfallen: Teleologisten können nur negativ

argumentieren. Damit argumentieren sie aber auch definitionsgemäß designerunabhängig: Es werden die

ateleologischen Mechanismen dieser Welt evaluiert, die naturwissenschaftlich zugänglich sind, und nicht ein

Designer, der – möglicher- aber nicht notwendigerweise – naturwissenschaftlich nicht fassbare Elemente enthält.

Gutmann & Warnecke (2006) weisen in einer überzeugenden Kritik nach, dass es letztendlich kein Argument

„für“ intelligentes Design gibt und Argumente, wie das IC-Argument lediglich vorgeschlagene ateleologische

Erklärungen widerlegen können, nicht jedoch Teleologie ins Spiel bringen (vgl. ANHANG I). Sie schreiben (S.

281f.):

„[D]er Diskurs […][nimmt] die Form einer einfachen Folge von ‚Aussage und Aussage-Bestreitung‘ an. In dieser

Form ist der Diskurs zwar im besten Sinne wissenschaftlich, er ist aber gerade deshalb grundsätzlich

unabschließbar. Methodologisch ist für uns hier zunächst nur bedeutsam, daß der Verteidiger des ID lediglich in

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Opponenten-Haltung fungiert: D. h. er bestreitet – im Einzelfall zu Recht oder zu Unrecht – die Triftigkeit einer

bestimmten Beantwortung einer empirischen Frage. Er fungiert also innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses,

so daß schon hier grundsätzlich ausgeschlossen werden kann, daß aus der Zurückweisung mehr zu gewinnen ist als die

Revision einer Erklärung. Solange aus diesem Patt keine weiteren Schlüsse gezogen werden, ergibt sich weder eine

Rückweisung noch eine Einbeziehung der Frage nach einem Designer – oder Gott; beide Ausdrücke treten

innerhalb wissenschaftlicher Semantik einfach nicht auf.“

Evolutionskritik ist wissenschaftlich. Der Punkt ist nur: Daraus folgt nicht intelligentes Design. So lange also ID

wissenschaftlich bleiben will – kann es nicht auf Design schließen, so Gutmann & Warnecke. Nur weil eine

Erklärung – durchaus auch mal berechtigt – zurückgewiesen würde, würde daraus ja nicht folgen, die in Frage

stehende Struktur sei unerklärbar. Das wäre die von mir bezweifelte Option des Negativbeweises. Bis zu diesem

Punkt besteht also absolute Übereinstimmung zwischen meinen Ausführungen und denen von Gutmann &

Warnecke. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ich dafür argumentiere, dass methodische Gründe dafür

angeführt werden können, weshalb man die teleologische Perspektive als eine Art Nullhypothese betrachten

könnte, die berechtigt ist, so lange sie nicht widerlegt ist. Damit könnte die geglückte „Aussage-Bestreitung“

tatsächlich zu einem „Schluss auf intelligentes Design“ führen. Auch wenn es sich dabei nicht um einen

progressiven Schritt handelt, sondern mehr um eine Rechtfertigung für das konservative Beharren auf dem ID-

Ansatz. Wenn also die „Wissenschaftlichkeit“ des ID-Ansatzes bestritten werden soll, wird dies darauf

hinauslaufen, die Annahme einer teleologischen Perspektive als Nullhypothese in Frage zu stellen.

Kritik aber, wie etwa der methodische Naturalismus würde von Vertretern einer teleologischen Perspektive nicht

gewahrt, ist im Rahmen der hier vorgestellten Konzeption verfehlt, da die Arbeitsweise sich immer nur auf die

vorgeschlagenen ateleologischen Erklärungsversuche bezieht.

Was Was eigentlich eigentlich auf auf Wissenschaftlichkeit Wissenschaftlichkeit hin hin geprüft geprüft werden werden muss

muss

So sehr die Begründung einer teleologischen Perspektive auch empirisch verankert ist, so unbedeutend ist dies für

die Ursprungsfrage: Wir wollen schließlich nicht nur wissen, dass es angesichts der Datenlage noch immer legitim

ist, die Welt teleologisch zu interpretieren. Wir wollen genau diese Interpretationen vorgelegt bekommen. Die

eigentlich entscheidenden wissenschaftstheoretischen Anfragen werden sich daher an die einzelnen SD-Modelle zu

richten haben. Kann ein biblisch-begründetes Kurzzeitmodell (Junker 2005) beispielsweise naturwissenschaftlich

überprüfbare Rahmenbedingungen ableiten? Kann es ein produktives Forschungsprogramm generieren? Was ist

mit anderen christlichen SD-Modellen? Jedes SD-Modell muss für sich geprüft werden – sowohl im

wissenschaftstheoretischen, als auch im empirischen Sinn. Generelle Klassifizierungen (auf der Ebene von ID,

ohne eine genauere Betrachtung der einzelnen SD-Modelle) sind hier nicht möglich, weil eine ganz wichtige

Komponente bei dieser Prüfung durch den im Einzelfall postulierten Designer und seine Natur gestellt wird.

Wissenschaftstheoretische Betrachtungen, die vom intelligenten Agenten ausgehen, sind bisher eine Seltenheit

und bieten noch viele Möglichkeiten für zukünftige Diskussionen. Eine Ausnahme stellt das Buch von Del Ratzsch

(2001) dar, das die Frage nach der Legitimität übernatürlicher Design-Konzepte stellt. Sind SD-Modelle, deren

Designer nicht innersystemlich sind, anders als etwa bei der „gerichteten Panspermie“, von vorneherein

„unwissenschaftlich“? Ratsch (2001) weist nach, dass dies nicht der Fall ist und SD-Modelle mit übernatürlichem

Designer durchaus ihre Legitimation haben könnten. Wie gesagt: Die Argumentation muss hier für den

individuellen Fall erfolgen und kann schon deswegen nicht in diesem Aufsatz geliefert werden, der lediglich einen

groben Überblick über die Diskussion zur Ursprungsfrage geben möchte und kann. Wenn lediglich individuell

argumentiert und evaluiert werden kann, ist damit aber auch klar, dass Kritik an der teleologischen Perspektive,

welche sie verallgemeinernd als „unwissenschaftlich“ ausweisen will, nicht gerechtfertigt ist.

Weltanschauliche Weltanschauliche Motivationen Motivationen und und Implikationen

Implikationen

Wie im dritten Teil des Aufsatzes gezeigt, ist der Schluss auf intelligentes Design nicht transsubjektiv begründbar,

da er durch Faktoren beeinflusst wird, die eben genau auf das Individuum zurückgehen. Hat ein Gedankengebäude,


dessen Akzeptanz derart von nicht-objektivierbaren Parametern bestimmt wird, überhaupt einen Platz im

Rahmen der Naturwissenschaften? Wenn ID schon keine Religion ist und nicht auf Offenbarungen angewiesen ist,

also nicht das als Schlussfolgerung aufweist, was bereits weltanschaulich vorausgesetzt wird 36 , was ist dann davon

zu halten, dass Religion durchaus ein Faktor sein kann, welcher den Schluss auf Design fördert? Und was ist davon

zu halten, dass der Schluss auf Design auch metaphysische Implikationen hat? Schließlich scheint ein intelligentes

Design einen Gott doch zumindest nahezulegen, wenn auch nicht zu beweisen?

Der Der Der Urknall Urknall

Urknall

Ich möchte auf diesen Themenkomplex eingehen, indem ich einen meines Erachtens ähnlich gelagerten Fall

diskutiere: Die Uhrknalltheorie. Diese Theorie wurde nicht umsonst von einem römisch-katholischen Priester aus

Belgien begründet: Georges Lemaître. Und schon 1951 akzeptierte sie die Päpstliche Akademie der Wissenschaften,

während noch viele Wissenschafts-Kollegen Lemaîtres die Theorie ablehnten – und das nicht etwa aus

wissenschaftlichen Gründen. Wie diese Situation zu Stande kommen konnte, wird vielleicht klar, wenn man das

folgende Zitat des Nobelpreisträgers Penzias (1978) bedenkt:

„The best data we have [concerning the Big Bang] are exactly what I would have predicted, had I nothing to go on

but the five books of Moses, the Psalms, the bible as a whole.“

Die Vorstellung eines abrupten Anfangs der Welt, aus dem Nichts heraus, erinnerte einfach zu sehr an eine

Schöpfung „ex nihilo“, wie sie die jüdisch-christliche Tradition überliefert hat. Der frühere Herausgeber der

Wissenschaftszeitschrift Nature, John Maddox (1989) bezeichnete den Urknall als „philosophically unacceptable“,

weil er einen letztendlichen Ursprung unserer Welt impliziere und Kreationisten damit jede Rechtfertigung für

ihre Überzeugungen verschaffen würde. Maddox steht hier in einer langen Tradition, wonach sich ein plötzlicher

Anfang unserer Welt und eine materialistische Weltsicht nicht gut vertragen. Schon Friedrich Engels (1910, 14)

hatte gefragt:

„Hat Gott die Welt erschaffen, oder ist die Welt von Ewigkeit da? Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet

wurde, spalten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes

gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen,

[...]bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den

verschiedenen Schulen des Materialismus.“

Und auch Hawking (2000, 62) kann Maddox’ Unbehagen nachvollziehen:

„Vielen Menschen gefällt die Vorstellung nicht, dass die Zeit einen Anfang hat, wahrscheinlich weil sie allzu sehr

nach göttlichem Eingriff schmeckt.“

Und Sir Arthur Eddington, der allerdings Quäker war, (1931, 450) gesteht (zitiert nach Lennox 2006, 56):

„Philosophisch ist der Begriff von einem Anfang der gegenwärtigen Ordnung der Natur abstoßend. [...]Ich würde

gern ein wirkliches Hintertürchen finden.“

Wie bei ID war auch im Falle der Urknalltheorie die Motivation derjenigen Wissenschaftler, welche anfangs diese

Theorie vertraten, eindeutig religiöser Natur und die durch die Theorie nahegelegten Implikationen ebenso.

Dennoch setzte sich die Theorie im Laufe der Jahrzehnte innerhalb der Wissenschaftsgemeinde durch, weil klar

wurde, dass sie weder eine bestimmte religiöse Auffassung forderte, noch sich diese aus der Annahme des

Wahrseins dieser Theorie zwingend ergab. Dabei hatte Maddox in seinem Artikel noch prophezeit, die Theorie

würde das nächste Jahrzehnt nicht überleben. Sie tat es jedoch und ging gestärkt aus all den Jahren hervor und

36 Vorausgesetzt wird nur der potentielle Designer, nicht der Design-Vorgang. Ob es zu diesem kam oder nicht, hängt wie

gesagt auch von einer empirischen Komponente ab: Sind wir in einer MAI-Situation? Die teleologische Perspektive ist daher

durchaus empirisch verankert.

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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gewann immer mehr Unterstützung. Auch von Wissenschaftlern, die keine Theisten waren. Diese

Wissenschaftler, welche die von der Theorie favorisierte weltanschauliche Position nicht vertraten, entwickelten

Zusatzhypothesen, welche die Implikationen der Theorie abschwächen sollten. Schmidt-Salomon (2005)

erwiderte in einer Diskussion mit William Lane Craig, welcher die Position eines intentionalen Ursprungs des

Universums vertrat:

„Craig meint, dass das Universum eine Erstursache haben müsse, die größer sei als das Universum selbst. Diesen

kreativen Ursprung nennt er Gott. Natürlich kann er das Problem der Erstverursachung durch diesen Kniff nicht

lösen, er verlagert es bloß um eine Stelle nach hinten. Eigentlich müsste man jetzt fragen: Was ist der Ursprung

Gottes? Diese Frage aber hält Dr. Craig für unzulässig, da er Gott als ein ewiges Wesen definiert, das in sich selbst

seine Ursache habe. Was Craig auf diese Weise ‘Gott’ zubilligt, könnte man natürlich ebenso gut für das

Universum einklagen. Auch das Universum könnte als ewig existent und in sich selbst begründet definiert

werden. Um dieses elegante Argument abzuwenden, behauptet Craig, dass die Theorie des Urknalls dem Postulat

eines ewig seienden, aus sich selbst entstandenen Universums widersprechen würde. Hier jedoch irrt er gewaltig!

Die Mehrheit der Forscher geht heute nämlich davon aus, dass vor dem sogenannten Urknall ein möglicherweise

ewig existentes Vakuum vorherrschte, dessen Energiefluktuationen zu jenem inflationären Ereignis führten, das

wir heute als Big Bang beschreiben. Das heißt: Auch wenn wir den Urknall als Auslöser der Entstehung des uns

bekannten Kosmos begreifen können, so war er doch keinesfalls ein Anfang ohne entsprechende physikalische

Voraussetzungen. Ein göttlicher Erstverursacher zur Erklärung des Urknalls ist also keineswegs vonnöten.“

Durch diese Zusatzannahme werden die weltanschaulichen Implikationen des Urknalls (auf den ersten Blick)

abgeschwächt und der Schöpfungsgedanke drängt sich nicht mehr gar so penetrant auf. Selbstverständlich kann

darüber gestritten werden, inwiefern diese Zusatzannahmen ihren Zweck erfüllen, oder sie das Problem, dessen

Existenz so eindringlich auf einen Schöpfungsakt hindeutet, nur weiter zurückdrängen, aber nicht lösen. Es kann

beispielsweise darauf hingewiesen werden, dass nun die Existenz und das Zustandekommen des Quanten-

Vakuums erklärt werden müsste. Einer Erklärung für eine naturalistische Entstehung von „etwas“ aus „nichts“ sei

man also noch kein Stückchen näher gekommen. So schreibt Lennox (2006, 60):

„Der Ausdruck ‘Quantenvakuum’ kann für jemanden, der mit der Terminologie der Physik vertraut ist,

irreführend sein. Denn das Wort ‘Vakuum’ vermittelt gewöhnlich die Vorstellung, dass überhaupt nichts da ist.

Ein Quantenvakuum ist ein Begriff, den Physiker für ein Quantenfeld in seinem Grund- oder niedrigsten

Energiezustand verwenden. Es ist also sicherlich nicht ‘nichts’. Damit sich ein Feld in seinem Grundzustand

befinden kann, muss es eindeutig zuerst mit seinen Masse-, Energie- u.ä. Eigenschaften da sein.“

Die angebotene Lösung des Dilemmas stellt sich also lediglich als eine Ausflucht heraus, die es um einen Schritt

weiter in die Ferne rücken lässt. Auch im Rahmen des ID-Konzepts gibt es die Möglichkeit, die metaphysischen

Implikationen zu umgehen, wenn ein innersystemlicher Designer angenommen wird. Doch ebenfalls hier lässt

sich dieselbe Gegenkritik formulieren, was die außergewöhnliche Analogie zwischen Urknalltheorie und

Intelligent Design weiterhin stärkt: Auch die Aliens erklären letztendlich nicht, wie „Leben“ ateleologisch

entstehen konnte. Sie erklären zwar unser Leben, bedürfen aber ja selbst wiederum eine Erklärung. Um nicht in

einen unendlichen Regress zu verfallen, müsste angenommen werden, dass die Entstehungsbedingungen für

Leben irgendwo im Kosmos günstiger sind, als auf unserer Erde. Da es eine Tendenz in der Physik zu geben

scheint, physikalische Gesetze nicht mehr als unveränderliche und absolute Faktoren, die immer und überall im

Universum gleich wirken, zu geben scheint, könnte sich in dieser Entwicklung das „Hintertürchen“ verstecken,

das sich Eddington für den Beginn des Universums wünschte, denn „what we long regarded as absolute and

universal laws might not be truly fundamental at all, but more like local bylaws. They could vary from place to

place on a mega-cosmic scale“ (Davies 2007).

Die Die So Sonderstellung So nderstellung der Ursprungsfrage


Gutmann & Warnecke (2009) meinen:

„Wir erörterten folglich, ob die sogenannte ‚Theorie’ des ID eine wissenschaftliche Alternative zu konkreten

evolutionsbiologischen Ansätzen darstellt (innerwissenschaftliche Konkurrenz) – oder aber einfach ‚nur’ einen

komplementären Ansatz zur wissenschaftlichen Evolutionsbiologie per se (Konkurrenz zur wissenschaftlichen

Erforschung der evolutionären Veränderung des Lebendigen). Dies ist ein methodologisches Herangehen

insofern, als es uns eben nicht darum ging zu belegen, dass ‚die ID-Theorie’ faktisch falsche (oder falsche faktische)

Aussagen über die Entstehung und Veränderung von Lebewesen liefert (ein empirisches Unterfangen, ggf. von

Biologen und Paläontologen zu besorgen), sondern wir vielmehr darlegen wollten, dass sie keine Ergebnisse

liefert, für die das Prädikat ‚wissenschaftlich’ beansprucht werden kann.“ (Hervorhebungen im Original)

Die teleologische Perspektive stellt sicher keine „Alternative“ zu neodarwinistischen Evolutionstheorien dar –

ganz einfach, weil sie auf einer übergeordneten Ebene anzusiedeln ist. Vielmehr ist sie direkt mit der

ateleologischen Perspektive vergleichbar. Es ist richtig, dass die teleologische Ursprungsicht in einem hohen Maß

durch außerwissenschaftliche Voraussetzungen aus dem Bereich der Meta-Physik bestimmt ist. Dasselbe gilt

jedoch auch für eine ateleologische Perspektive, wird diese in einer MAI-Situation beibehalten. Die Absenz der

fehlenden Transsubjektivität ist kein Merkmal der teleologischen Perspektive – es kommt ebenso bei deren

Antagonisten vor, da ein philosophischer Atheismus auch nicht objektiv vorausgesetzt werden kann, wie ein

übernatürlicher potentieller Designer. Es scheint also eine immanente Eigenschaft der Ursprungsfrage selbst zu

sein, dass szientistische Versuche ihrer objektiven Beantwortung, letztendlich scheitern müssen. Die

Ursprungsfrage – auch in der Kosmologie und Biologie – ist nicht ohne weltanschaulichen „Input“ zu

beantworten, sie ist eingewoben in ein Fragengeflecht, das über die engen Grenzen der Naturwissenschaft

hinausgeht. Die ateleologische Perspektive ist im selben Maße weltanschaulich, wie die teleologische Weltsicht.

Sicherlich sollten in unseren Schulen im Naturwissenschafts-Unterricht die besten naturwissenschaftlichen

Theorien gelehrt werden, die momentan existieren – natürlich auch zur Ursprungsfrage. Und wenn diese zum

momentanen Zeitpunkt nun einmal ateleologisch sind, so wird damit niemandem Unrecht getan.

Sensibel sollten wir jedoch sein, wo nicht nur ateleologische Erklärungsmodelle und ihre Reichweite besprochen

werden, sondern die ateleologische Perspektive selbst vermittelt wird. Das wäre so wenig naturwissenschaftlich,

wie es stattdessen unfair wäre.

Wer die teleologische Perspektive (wohlgemerkt nicht automatisch alle SD-Modelle, die aus ihr folgen) aufgrund

der weltanschaulichen Elemente und der fehlenden Transsubjektiv gerne aus dem Bereich der Naturwissenschaft

ausgliedern und zu dem der Geisteswissenschaften stellen möchte, kann dies tun. Er sollte dabei aber nicht

vergessen, dass er damit auch die ateleologische Perspektive (nicht notwendigerweise alle ateleologischen

Erklärungsversuche) und Ansätze wie die Urknalltheorie in dieselbe Position verweist.

Zum Zum wissenschaftstheoretischen wissenschaftstheoretischen Format Format der der teleologischen teleologischen Perspektive

Perspektive

Die teleologische Perspektive ist keine naturwissenschaftliche Theorie – darauf wurde bereits im ersten Teil

dieses Aufsatzes hingewiesen. Problematisch ist dabei weniger die Feststellung der Naturwissenschaftlichkeit,

sondern vielmehr der Anspruch eine erklärende „Theorie“ zu liefern, welche als Alternative zu den momentan

gängigen ateleologischen Erklärungsansätzen vertreten werden könnte. Wenn ID keine „Theorie“ ist, sondern nur

einen Rahmen für SD-Modelle bietet, welche diesen Namen verdienen könnten, wie sollte man die teleologische

Perspektive dann klassifizieren? Welches Format nimmt die teleologische Perspektive im Bezug auf die

Naturwissenschaften ein?

Collins (2006a) spricht in diesem Zusammenhang von ID als einer meta-wissenschaftlichen („meta-scientific“)

Hypothese im Kontrast zu einer rein naturwissenschaftlichen. Dies sei ID zumindest dann nicht, wenn man an

eine naturwissenschaftliche Erklärung die Anforderung stellen würde, sie sollte eine „scientifically explicable

Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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Intelligentes Design oder Theistische Evolution? | Christoph Heilig

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explanation of natural phenomena“ liefern. Meta-naturwissenschaftliche Hypothesen sind nach Collins auch

Darwins 37 und Freuds Gedankengebäude. Collins vergleicht die meta-naturwissenschaftliche Hypothese mit dem,

was der Wissenschaftsphilosoph Imre Lakatos (1974) den „harten Kern“ eines Forschungsprogramms nennt.

Dieser harte Kern ist nach Lakatos „never directly tested or involved in explanation and prediction [is], but rather

serves to suggest various lower-level hypotheses that are testable and that can be used in explanation and

prediction.“

Die Bezeichnung der „meta-wissenschaftlichen Hypothese“ hat ihre Vorteile: Sie weist auf den besonderen

Charakter der ateleologischen und teleologischen Perspektive hin, unterstreicht aber dennoch deren empirischnaturwissenschaftlichen

Bezug.

Meta-naturwissenschaftliche Hypothesen müssen sich laut Collins daran messen lassen, ob sie sich eignen,

naturwissenschaftliche Forschung anzuregen. Im Fall der teleologischen Perspektive heißt das also, dass die Frage

gestellt werden muss, ob es gelingt, schlüssige und heuristisch fruchtbare SD-Modelle zu entwerfen

beziehungsweise sich andere naturwissenschaftlich beantwortbare Fragestellungen geben. Mögliche

Forschungsrichtungen im Rahmen der teleologischen Perspektive sollen im Folgenden besprochen werden.

Forschungsinhalte

Forschungsinhalte

Evolutionsforschung

Evolutionsforschung Evolutionsforschung – The The The Edge Edge Edge of of of Evolution Evolution

Evolution

Eine teleologische Perspektive einzunehmen, würde nicht dem Verzicht auf Evolutions-Forschung gleichkommen.

Das exakte Gegenteil ist der Fall: Im Sinne einer negativen Argumentation fordert die teleologische Perspektive ja

gerade die Frage nach den Grenzen ( und damit nach den Reichweiten!) ateleologischer Erklärungsansätze: Das

Buch von Behe (2007) heißt nicht umsonst „The Edge of Evolution“: Variationsvorgänge in der Natur werden

nicht geleugnet, es wird lediglich festgestellt, dass sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht die Gesamtheit der

biologischen Komplexität erklären können. Für viele Evolutionsbiologen scheint das jedoch – oder zumindest die

Überzeugung, dass diese Komplexität zumindest prinzipiell auf ateleologische Prozesse zurückgeführt werden

kann, auch wenn diese vielleicht noch nicht entdeckt sind – jedoch eine Art Voraussetzung für ihre Arbeit zu sein.

Sie arbeiten in diesem Sinne „top-down“: Obwohl noch nicht einmal die grundlegenden Mechanismen einer

ateleologischen Makroevolution bekannt sind, wird schon wild im Einzelfall spekuliert (vgl. Pallen & Matzke

2006). „ID-Evolutionsbiologie“ hingegen arbeitet genau entgegengesetzt: Was ist bereits ateleologisch erklärbar?

Wie können wir damit konkrete Einzelphänomene erklären und wie weit lässt sich diese Grenze der Evolution,

diese Grenze des Ateleologischen ausweiten? Möglicherweise soweit, dass am Ende tatsächlich keine

Notwendigkeit besteht, sich auf eine intelligente Ursache zu beziehen – doch bis dahin wird „bottom-up“

geforscht.

Der Der breitere breitere Rahmen und die die Modellbildung

Die teleologische Perspektive „erlaubt“ mehr Phänomenen die Existenz, als die ateleologische Perspektive: Die

denkbaren Ursachen aus dem ersten Bereich sind schlichtweg vielfältiger (und teilweise mächtiger), als die des

zweiten. Generell ist vieles – wenn nicht alles – im Rahmen einer teleologischen Perspektive möglich. Damit ein

solches Phänomen aber auch zu erwarten ist, muss es zur SD-Modellbildung kommen: Ein spezifischer Designer –

oder zumindest bestimmte Rahmenbedingungen und Eigenschaften – werden benannt und aus ihnen

überprüfbare Erwartungen abgeleitet. Das können wie gesagt Erwartungen sein, die im ateleologischen Rahmen

eigentlich nicht möglich sind. Wichtig ist hier: Dass Strukturen gefunden werden, die sich einer ateleologischen

Erklärung entziehen, kann eine teleologische Perspektive rechtfertigen. Aber damit ist die Arbeit nicht getan: In

37 Während die ateleologische Perspektive die Bezeichnung als „metascientific“ im selben Maß verdient, wie die

ateleologische Perspektive, halte ich diese Bezeichnung für Darwins konkreten Erklärungsversuch für unangebracht: Darwin

legte durchaus eine erklärende Theorie vor.


einem Folgeschritt muss nach spezifischen Erklärungen für das Phänomen gesucht werden, müssen spezifische

Modelle präsentiert werden, die das Auftreten der besagten Strukturen vermuten lassen. Collins (2006b) meint

zur meta-naturwissenschaftlichen Hypothese :

„Such an hypothesis can influence science by affecting how we think the world is likely to be structured. Taking

seriously the possibility of design opens science up to investigate, instead of simply dismissing, various hypotheses

about the nature of the physical world that postulate ‘designlike’ patterns at a fundamental level.“

Die teleologische Perspektive eröffnet Möglichkeiten, doch damit ist es nicht getan. Es gilt, SD-Modelle zu

entwerfen, die diese erwarten und erklären.

Potentielle Potentielle Potentielle Komplexität

Komplexität

Komplexität

Beispielhaft möchte ich das „designlike“ Beispiel der „potentiellen Komplexität“ (Junker & Rammerstorfer 2005)

erwähnen, demnach die Lebewesen mit einem genetischen Potential ausgestattet sind, das ihnen in zukünftigen

Situationen nützlich sein könnte. Eine extreme Form dieses Merkmals wäre in einem ateleologischen Rahmen

schlichtweg nicht zu erwarten, weil ateleologische Prozesse per Definition nicht zukunftsorientiert sind. Diesen

Fehler beging Christian Schwabe (s.o.) der laut George (1984) behauptet, „in der Ursuppe [seien][...]sämtliche

theoretisch möglichen genetischen DNS-Strukturen entstanden, und es hätten somit bereits potentiell nützliche

Bauanleitungen für alle jemals entstandenen und künftigen Lebensformen vorgelegen“. Danach, so Schwabe, sei es

nur noch zu einem Ausselektieren der weniger variablen Stränge gekommen. Ausgestorbene Tiergruppen hatten

einfach keine noch nicht verwirklichte Information in sich. Die Trilobiten und Saurier „starben aus, weil das

genetische Programm, das sie einmal auf den langen Entwicklungsweg mitbekommen hatten, erschöpft war“.

Schwabes Kollegen halten denkbar wenig von dieser „Genomic Potential Hypothesis“, welche im ateleologischen

Rahmen schlichtweg keinen Sinn ergibt. Die von Schwabe geforderte Menge an Information, welche noch in der

Ursuppe entstanden sein soll, sprengt jeden vernünftigen Rahmen. Dementsprechend harsch war die Rezeption

unter Schwabes Fachkollegen (vgl. Korthof 2002). Vom teleologischen Standpunkt aus, könnte ein solches

Szenario hingegen plausibel sein. Im Rahmen von ID gibt es Erklärungen, welche solche extreme potentielle

Komplexität erklären könnten. So prägt beispielsweise Gene (2007) den Begriff des „frontloadings“ für einen

Evolutionsverlauf, der lediglich auf der Ausprägung bereits früher injizierter Information beruht. Er liefert also

eine Design-Methode, welche potentielle Komplexität erwarten lässt. Diese könnte beispielsweise im spezifischen

Kontext der „gerichteten Panspermie“ eingebaut werden, wodurch ein schon recht vollständiges SD-Modell

gebildet würde.

Luxusstrukturen, Luxusstrukturen, Verspielte Verspielte Verspielte und und Detaillierte Detaillierte Detaillierte Komplexität

Komplexität

Die in der Überschrift genannten Begriffe bezeichnen allesamt Strukturen, die unter dem Aspekt der bloßen

Zweckmäßigkeit bisher nicht zu verstehen sind. Sie weisen Elemente auf, die für ateleologische Erklärungsansätze

nur schwer zu begründen sind und stellen damit ein negatives Argument dar. Auf der anderen Seite kann im

Rahmen der Spezialisierung des Designers gefragt werden, ob der jeweils postulierte solche Strukturen erwarten

lässt. Ein Außerirdischer, der lediglich daran interessiert ist, seine Gene möglichst effektiv zu verbreiten, würde

rein ästhetische, aber im Sinne des Fortpflanzungserfolgs „zwecklose“ Strukturen beispielsweise nicht erwarten

lassen. Gerade im Bereich der Botanik finden sich viele „gewitzte“ Strukturen, die viel komplizierter sind, als ihr

Zweck es erfordern sollte (Junker & Wiskin 2002). Und viele Tarnungs-Strukturen der Lebewesen (etwa beim

Wandelnden Blatt) sind viel „perfekter“ und detailgetreuer – ästhetischer – als man es auf der Basis von

Anpassungsvorgängen erwarten könnte (Heilig 2008b). Solche Strukturen sind nicht nur evolutionskritische

Argumente, sie liefern auch wichtige Elemente für die SD-Modellbildung. Junker (2008) spezifiziert den Designer

beispielsweise als übernatürlich und menschenähnlich und leitet daraus die Erwartung solcher Strukturen ab.

Umso mehr ergeben diese Strukturen in SD-Vorstellungen Sinn, die den Designer mit dem Gott der Bibel in

Verbindung bringen: Passen sie nicht gut zu einem Gott, der nicht nur an die Verbreitung unserer Gene denkt,

sondern seine Geschöpfe im „Überfluss“ beschenkt (vgl. Sacharja 1, 17; Joel 2, 24; 5. Mose 28,11; Johannes 15,

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11)? Und wenn Jesus laut Lukas 12, 27 über die Lilien sagt, „[a]uch Salomo in aller seiner Herrlichkeit [ist] nicht

gekleidet gewesen […] wie eine von ihnen“, unterstreicht er diesen Eindruck.

Die SD-Modellbildung kann durchaus auch außerwissenschaftliche Wege gehen, so lange am Ende prüfbare

Erwartungen bezüglich der biologischen Realität stehen (Laudan 1996, 210-230).

Eine Eine Eine „Generaltheorie“ „Generaltheorie“ „Generaltheorie“ intelligenten intelligenten intelligenten Designs Designs? Designs Designs

Das Konzept der SD-Modelle entstand ursprünglich als Reaktion auf einen Vorschlag von Rammerstorfer (2006b,

119ff.), der die sogenannte „GTID“ (Generaltheorie Intelligenten Designs) zum Inhalt hat (vgl. Heilig 2008a).

Wie auch das SD-Konzept ist auch Rammerstorfers Vorschlag durch die Erkenntnis motiviert, dass es zum

momentanen Zeitpunkt keine „Design-Theorie“ gibt, welche testbare Voraussetzungen macht, die sich direkt aus

ihrem Rahmen ergeben. Selbst der „Vater“ der ID-Bewegung, Philipp Johnson, räumt laut D’Agnostino (2006)

ein:

„I also don’t think that there is really a theory of intelligent design at the present time to propose as a comparable

alternative to the Darwinian theory, which is, whatever errors it might contain, a fully worked out scheme. There

is no intelligent design theory that’s comparable.“

Daher sei es auch nicht sinnvoll, mit ID in die Schulen drängen zu wollen, es gäbe ganz einfach kein Produkt

anzubieten, das bereit sei für „competition in the educational world“. Eine positive Theorie auszuarbeiten sei eine

noch ausstehende Arbeit. Das sei „the job of the scientific people that we have affiliated with the movement. Some

of them are quite convinced that it’s doable, but that’s for them to prove ...“.

Und auch Nelson (2006) unterstrich die noch anstehende Arbeit, als er sagte:

„Easily, the biggest challenge facing the ID community is to develop a full-fledged theory of biological design. We

don’t have such a theory right now, and that’s a real problem. Without a theory, it’s very hard to know where to

direct your research focus. Right now, we’ve got a bag of powerful intuitions and a handful of notions such as

irreducible complexity and specified complexity, but as yet, no general theory of biological design.“

Rammerstorfer greift dies auf und bestätigt, dass ID das Muster des Lebens 38 nicht erklären würde. Ein Umstand,

der sinngemäß auch schon, Rammerstorfers Ansicht nach berechtigt, von ID-Kritikern festgestellt wurde (vgl.

Korthof 2004, 47). ID suche zwar in diesem Muster des Lebens nach Hinweisen auf Planung, aber ID liefere keine

Erklärung für seine Entstehung und dafür, warum das Muster so sei, wie es eben ist. Diese Problematik läuft laut

Rammerstorfer letztendlich darauf hinaus, dass nach einem „Modus des Designs“ gefragt wird, nach einem

einheitlichen Schöpfungsplan. Erste Überlegungen in diese Richtung stammen von ReMine (1993) und Junker

(2002). ReMine und Rammerstorfer sind sich einig, dass eine GTID, welche diesen einheitlichen Plan

identifizieren und daraus Erwartungen ableiten und einem Test unterziehen möchte, „from the data“ her

begründet werden müsste, also auf eine empirische Basis aufgebaut. Eine GTID müsse auf Naturbeobachtungen

beruhen, und nicht wie Schöpfungslehren auf Offenbarungen, also auf angenommenen Eigenschaften eines

spezifischen Designers.

Was ist von der GTID zu halten? Ist sie dem Wettstreit zwischen vielen SD-Modellen vorzuziehen? Ich denke

nicht. Ich denke, dass sie sogar absolut unmöglich ist. Die GTID ist im Grunde der Superlativ der Schwächen des

ID-Konzepts: Während hier noch immer kein Bezug zum Designer bestehen darf, sollen positive Erwartungen zu

seinem Design formuliert werden. Das konnte ID schon nicht leisten, noch viel weniger wird es GTID können.

38 Laut Rammerstofer (2006, 119): „Das Muster des Lebens: Vom Aufbau auf mikroskopischer und makroskopischer Ebene

bis hin zur Ebene des Verhaltens; die Unterteilung des Lebens in Gruppen und daran geknüpfte Baupläne, die Ähnlichkeiten

und Unterschiede zwischen diesen – und die fossile Überlieferung des Lebens in der Vergangenheit.“


Rammerstorfer räumt das im Prinzip selber ein und verweist auf die Notwendigkeit von SD-Modellen, wenn er

schreibt:

„Im Ganzen wird das auch darauf hinauslaufen, dass man sich über die Intentionen

der planenden Instanz Gedanken macht.“ (S. 120)

So etwas ist weder im Rahmen von ID noch im Paradigma der GTID auch nur im Ansatz möglich. Mit diesem

Zitat widerspricht er sich selbst: Um etwas über die Intentionen aussagen zu können, muss man sich einig sein

über die Person des Designers, seinen Charakter, seine Pläne (wie eben im Rahmen einer Designer-Theorie, die

mit SD arbeitet). Das ist innerhalb des ID-Paradigmas schon deswegen unmöglich, weil hier ganz verschiedene

Vorstellungen von der Person des Designers bestehen. Der Designer wird dabei sehr häufig mit einer Gottheit

und ihrer entsprechenden Offenbarung identifiziert, ist also ganz extrem von der Weltanschauung und dem

Glauben des Einzelnen abhängig. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was Rammerstorfer als Grundlage für eine

GTID fordert.

Von ihrer inneren Widersprüchlichkeit abgesehen, die GTID schon theoretisch unmöglich macht, sehe ich bei ihr

einen weiteren schwerwiegenden – diesmal praktischen – Nachteil gegenüber dem Wettbewerb zwischen

verschiedenen SD-Modellen darin, dass das „Muster des Lebens“ selbst, je nach angenommenem Designer, auf

ganz unterschiedliche Art und Weise erklärt werden muss. Während im Rahmen biblisch orientierter

Schöpfungslehren die Ähnlichkeitsverteilung oberhalb der Grundtypenebene nicht durch eine gemeinsame

Abstammung erklärt werden kann und das direkte Werk des Designers sein müssen, schreibt im Gegensatz dazu

Behe (2007), der Designer zeichne nur für Unterschiede verantwortlich, Gemeinsamkeiten seien auf Gemeinsame

Abstammung zurückzuführen.

Die Verteilung der Merkmale unter den Lebewesen ist einfach zu sehr mit der jeweiligen Design-Methode und

somit mit einem spezifischen Designer verbunden, als dass es möglich wäre, hier eine gemeinsame Basis aller ID-

Vertreter zu finden. Noch dazu haben Behe (2007) und Gene (2007) mit ihren Büchern 39 bereits begonnen, ihre

speziellen Vorstellungen zu beschreiben, in welchem Rahmen Design ihrer Meinung nach auftritt und im Falle

Behes auch, wie dies in einem größeren Kontext (Kosmologie, Geologie usw.) einzuordnen ist. 40

39 Wissenschaftler wie Fred Hoyle und Francis Crick haben das schon vor Jahrzehnten getan. Allerdings hatten diese auch von

Anfang an ihr ganz spezifisches Design-Modell ganz klar benannt. Gerade bei Behes „The Edge of Evolution“ sind die

gemachten Designer-Bezüge jedoch deswegen bedeutend, da Behe und Kollegen für gewöhnlich deutlich betonen, dass sie im

Rahmen von ID ohne Bezug zum Designer argumentieren. Umso mehr spricht es für die Richtigkeit der SD-Konzeption,

wenn nun schon „Urgesteine“ der ID-Bewegung Designer-Bezüge herstellen. Sie merken wohl: Anders geht es letztendlich

nicht.

40 Aus der Ankündigung: „With The Edge of Evolution, the theory of intelligent design finally has its masterwork, a

comprehensive scientific statement that draws the line between random and non-random mutation in nature; defines the

principles by which Darwinism evolution can be distinguished from design; fits design theory together with the findings of

cosmology, chemistry, and physics into an overarching theory of the universe; and lays out a research program, with

predictions, to counter the failed predictions of Darwin’s enthusiasts.“

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