Gegen den Trend 2011: hier und jetzt - Initiative Grundeinkommen ...

grundeinkommen.osnabrueck.de

Gegen den Trend 2011: hier und jetzt - Initiative Grundeinkommen ...

hierund jetzt

– was kommt dann ?

Gegen den

Trend 2011

aejn – Arbeitsgemeinschaft

der Evangelischen Jugend

in Niedersachsen e.V.

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft


klimaneutral

gedruckt

hierund jetzt

Zertifikatsnummer:

072 - 53326 - 1210 - 1192

www.climatepartner.com

– was kommt dann ?

Soziale Gerechtigkeit • Nachhaltigkeit • Zukunft

Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Niedersachsen (aejn) e. V.

Postfach 265 • 30002 Hannover • Telefon: 0511 1241-572/-571 • Fax: 0511 1241-492

aejn.ev@kirchliche-dienste.de • www.aejn.de

Redaktion:

Wolfgang Blaffert, Benjamin Börchers, Cornelia Grothe, Christine Ingrid Kiem, Sabine Richter

Satzerfassung:

Christine Ingrid Kiem

Layout:

Steffen Neubauer

Druck:

BWH Buchdruckwerkstätten Hannover GmbH

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier, Recycling

Hannover, im Januar 2011


AutorInnenverzeichnis

Volker Austein

Diakon und Dipl.-Religionspädagoge,

Theologe und musikwissenschaftler,

m. a., Kreisjugenddienst ammerland,

Jugendkulturarbeit

Carina Bargmann

Jugendkammer- und aejn-Delegierte der

Ev. Jugend in der Ev.-luth. landeskirche

in Braunschweig

Martin Bauer

Dipl.-Religionspädagoge, Kirchenkreisjugendwart,

Kirchenkreis Nienburg

Wolfgang Blaffert

Pastor, Referent für Theologie, Jugendforschung

und Fortbildung, landesjugendpfarramt

Hannover

Benjamin Börchers

Ba Wirtschaftswissenschaften und

Germanistik, master of Education in

Wirtschaftspädagogik, oldenburg

Matthias Braunholz

Dipl.-Sozialpädagoge, leiter der Beratungs-

stelle für arbeitslose der aSG e. V. Hannover,

Referent für Sozialberatung und

Sozialrecht

Fredo Eilts

Diakon, Dipl.-Theologe, Pädagoge, Notfallseelsorger

THW Nds., landwirt und

Imker, Jever

Cornelia Grothe

magistra artium in Erziehungswissenschaften,

Europäischer Ethnologie und

Gender Studies, Geschäftsführerin

der aejn e. V., landesjugendpfarramt

Hannover

Florian Hübner

Dipl.-Sozialwirt, Evangelische Jugend in der

Ev.-luth. landeskirche in Braunschweig,

mitglied im Vorstand der aej, Referent

für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen

Nationalkomitee des lutherischen Weltbundes

(DNK/lWB), Hannover

Dr. Veit Laser

Referent für entwicklungsbezogene

Bildung, arbeitsgemeinschaft der Evangelischen

Jugend in Deutschland e. V.

(aej), Hannover

Ole Martens

Student der Sonderpädagogik, ehrenamtliche

Tätigkeit in der Kirchengemeinde

Edewecht

Angelika Pfeiler

Diakonin und Dipl.-Religionspädagogin,

RPP-multiplikatorin, Bildungsreferentin

im landesjugendpfarramt der Ev.-luth.

Kirche in oldenburg

Sonja Reichmann

landesjugendring Niedersachsen e. V.,

Projektleiterin Jugendserver Niedersachsen,

Dipl.-Sozialpädagogin,

Informationsdesignerin, systemische

Familientherapeutin

Sabine Richter

Dipl.-Sozialpädagogin, Geschäftsführerin

der Ev. Jugend in der Ev.-luth. landeskirche

in Braunschweig

Mirjam Schmale

Pastorin im Kirchenzentrum Kronsberg,

St. Johannis Bemerode und St. martin

anderten, Hannover

Karin Schüttendiebel-Treczokat

EC Niedersachsen

Volker E. Stöckel

Dipl.-Volkswirt (uni), mitbegründer der

Initiative Grundeinkommen osnabrück e. V.

Daniela Wesely

Dipl.-Sozialpädagogin, Projekt „Schulnahe

Jugendarbeit“, Ev. Jugenddienst

Hameln-Pyrmont

Christine Ingrid Kiem

Satzerfassung

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_3

GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Inhaltsverzeichnis

1_ Impressum

2_ AutorInnenverzeichnis

8_ Vorwort der Nds. Ministerin

für Soziales, Frauen, Familie,

Gesundheit und Integration

9_ Vorwort des Redaktionsteams

Die Aktion

Wolfgang Blaffert

11_ Die aktion und ihr Thema

13_ Darstellung der Themen in sieben Schritten

SOZIALE GERECHTIGKEIT

HARTZ IV

matthias Braunholz

14_ Fakten zu HaRTZ IV – Sicherung

des Existenzminimums?

17_ Soziale Sicherung in Deutschland

von der Frühzeit bis zur Gegenwart

19_ Das SGB II – Erste Eindrücke und

Entwicklung bis heute

21_ um glücklich zu sein, braucht es eine

aufgabe, die über die eigene Situation

hinausgeht

22_ Die Beratungsstelle für arbeitslose der

arbeits- und Sozialberatungsgesellschaft

(aSG) e. V.

23_ Theologische Betrachtung: Vom

Humankapital zum Bruttonationalglück

24_ Visionen & neues Denken:

Thesen für heute und die Zukunft

26_ literatur/links

Säkulare

Verteilungsgerechtigkeit

„We don´t only need good workers

– these days are over.“

Volker E. Stöckel

29_ Kein auslaufmodell: der mensch als mensch

29_ Gedanken und Theorien zur

gerechten Güterverteilung

31_ Die Gaben der Welt nicht sinnlos

verschwenden

32_ Die „maslowsche Bedürfnispyramide“

34_ Das BGE: Kein abgesang auf die

Erwerbsarbeit

35_ literatur

Das Bedingungslose

Grundeinkommen (BGE)

für Deutschland Eine Wirtschaft,

die dem Menschen dient

Volker E. Stöckel

37_ Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) –

die ermöglichte neue Gesellschaft

37_ Bedingungsloses Grundeinkommen

38_ Verständnislose Empörung!

40_ auf den Grund gegangen

44_ Filme zum Grundeinkommen

44_ Nur ein Vorläufer

45_ Zehn Thesen zum BGE

45_ literatur

4_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Chancengleichheit

und Gesundheit Die Situation

von Kindern und Jugendlichen

Wolfgang Blaffert

47_ Eine momentaufnahme

47_ Ein widersprüchliches Bild

48_ Die Situation in der Bundesrepublik –

Konsequenzen

49_ literatur

Chancengleichheit

und Bildung

Benjamin Börchers

51_ Exemplarische Ergebnisse aus PISa-Studien

53_ oECD Bericht: Bildungsausgaben

54_ Bildungsungerechtigkeit: zwei Vorschläge

zur spielerischen umsetzung in einer

Gruppenstunde

54_ materialien

55_ literatur

Nachbar statt nur nebenher

Über die Wahrnehmung von Armut

in der ganz normalen Jugendarbeit

einer Kirchengemeinde

Volker austein

57_ Das Bewusstsein für armutsrisiken von

Kindern stärken – es muss gehandelt werden!

57_ Persönliches – Sensibilisiert für das leben

mit wenig Geld

59_ Theologisches – Zuspruch aus der Bibel?

60_ Städtische Jugendarbeit und heraufziehende

armut

61_ ländliche Jugendarbeit – „Bürokratenblick“

63_ um ein Kind zu erziehen und die armut zu

bekämpfen braucht es ein ganzes Dorf –

Perspektiven für die Jugendarbeit

64_ armut im globalen Dorf

65_ literatur

Inhaltsverzeichnis

Integration durch Interaktion

Deutsch-russisches Roulette

– ein Projekt aus der

Kirchengemeinde Edewecht

ole martens

67_ ausgangslage

67_ Projektbeschreibung

68_ Schwierigkeiten

69_ Fazit

Kirche und Schule

– Hand in Hand

Schulnahe Jugendarbeit an der

Elisabeth-Selbert-Schule im

Kirchenkreis Hameln-Pyrmont

Daniela Wesely

71_ Die Vision

72_ Zielsetzungen

72_ Die Situation

72_ Bisherige Projekte

73_ Selbstgebrannte mandeln

NACHHALTIGKEIT

Globales Lernen Bildung

für nachhaltige Entwicklung

Dr. Veit laser

75_ Erdbeeren im Januar – Ein Überblick über

Inhalt und Konzept globalen lernens

76_ Globales lernen – eine pädagogische

antwort auf wachsende Komplexität

77_ Globales lernen – Inhalt, Ziel

und methoden

80_ Globales lernen – eine Regelpraxis

80_ Globales lernen als religions- und

gemeindepädagogische aufgabe

82_ Praxisbaustein „Globales lernen“

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Inhaltsverzeichnis

Gestärkt durchs

Leben gehen Gedanken

zu einer nachhaltigen Bildung

angelika Pfeiler

85_ Wie können wir Jugendliche nachhaltig

fördern, so dass sie ihr Potenzial entdecken

und entfalten können?

86_ Welche Ressourcen brauchen Jugendliche

für ein gelingendes leben?

86_ Was Jugendliche bewegt

88_ mit Jugendlichen unterwegs

89_ Religionspädagogische Praxis (RPP) – ein

Weg ganzheitlicher, nachhaltiger Bildung

90_ Nachhaltige Wirkungen der RPP

91_ Der Weg als Symbol

92_ umsetzung einer religionspädagogischen

Einheit zu Johannes 14,6 „Ich bin der Weg,

die Wahrheit und das leben“

95_ literatur und links

Deine – Meine

– Eine – Welt Nachhaltigkeit auf

Freizeiten, Seminaren und

Projektveranstaltungen der

Evangelischen Jugend

Carina Bargmann & Sabine Richter

97_ Nachhaltigkeit umzusetzen heißt für uns

diskutieren, meinung vertreten und auch

zurückstecken können

97_ Nachhaltigkeit, was ist das?

98_ Von Beginn an „grün“

99_ Wir als Evangelische Jugend wollen...

100_ Die Ballonreise, ein praxisorientiertes

Diskussionsspiel

103_ Was sagt die Bibel?

103_ und wie geht es weiter?

104_ materialien und literatur

Jugendliche am „Kronsberg“

– ein Konzept für die

Jugendarbeit

mirjam Schmale

109_ Ein Konzept für die Jugendarbeit –

vier aspekte

113_ unser erstes Projekt: Eine „junge Krippe“

entsteht (Praxisbeispiel 1)

116_ methodik: „Ein Spaziergang durch Berlin –

wir gedenken der opfer“ (Praxisbeispiel 2)

117_ literatur

Das Projekt ELF: Essen

– Lernen – Freizeit Ein Projekt

zur Nachhaltigkeit in Jugendarbeit

und Schule:

martin Bauer

119_ Nachhaltigkeit hat Konjunktur

120_ Skepsis im Vorfeld des Projekts

120_ Wie kann Evangelische Jugend ein

diakonisches Profil entwickeln?

121_ Ärmel hoch und los geht´s!

122_ Win-Win-Situation für alle Beteiligten

124_ Glaube ist Handeln

125_ Wie geht es nach dem einen Jahr der

Projektförderung weiter?

Von Sonne, Wind

und Bienen Gedanken und

Impulse zur Nachhaltigkeit

Fredo Eilts

127_ Was ist das mit der Nachhaltigkeit?

128_ Fragen und antworten zur Nachhaltigkeit

128_ „Drei praktische anregungen“ oder „Von

Sonne, Wind und Bienen – Vor ort ist alles,

was du wissen musst!“

130_ anleitung zum Bau einer Windenmühle

131_ Erfahrung in den alltag einfließen lassen

6_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

ZuKuNfT

Wer steuert hier

eigentlich wen? Wirtschaft

versus Politik – und die

Evangelische Jugend?

Florian Hübner

133_ „Wenn jeder an sich selbst denkt, geht´s

allen gut“ – Ein fiktives Interview mit der

unsichtbaren Hand

135_ und was machen wir? – Eine persönliche

Betrachtung von lobbyismus ... Nimmt die

Wirtschaft illegitim Einfluss auf die Politik?

Internet

Sonja Reichmann

139_ Die 90er Jahre

140_ Heute: Kulturraum Internet

141_ Jugendarbeit im Netz

142_ Drei Ideen zur Förderung von Potenzialen

(incl. möglichkeiten zur praktischen

umsetzung)

145_ links & lesenswertes

145_ literatur

Was kommt nach

der Zukunft?

Wolfgang Blaffert

147_ Die Geschichte von Paul K.

147_ Vor der Zukunft

148_ Die Entdeckung der Zukunft

150_ Nach der Zukunft

150_ Eine alternative

153_ Was kommt nach der Zukunft?

Auf welche Zukunft

treffen wir? Ein subjektorientierter

Ansatz zur Erhebung von

Zukunftsvorstellungen Jugendlicher

Werbung für ein Makroprojekt aus dem

Förderprogramm „Generation 2.0“

Wolfgang Blaffert

155_ ausgangspunkt

155_ Ziele

156_ Vorgehen

157_ Zielgruppen

157_ Erwartete Projektergebnisse

157_ Einladung

„In 15 Jahren werde

ich 28 Jahre alt sein“ Meine

Zukunft in 15 Jahren – eine

Umfrage bei Siebtklässlern

Karin Schüttendiebel-Treczokat

Inhaltsverzeichnis

Zukunftsbilder – Visionen von

Schülerinnen und Schülern

einer Grundschulklasse

172_ Informationen über die Arbeit der aejn e. V.

174_ Veröffentlichungen „Gegen den Trend

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Vorwort der Niedersächsischen Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration

Jede Generation hat den auftrag und die Chance,

diese Welt zu gestalten, Verantwortung in unserer

Gesellschaft zu übernehmen und ihre Talente und

Stärken an der richtigen Stelle einzusetzen.

Wir stellen heute die Weichen für unsere eigene

Zukunft und die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.

Diese Erkenntnis ist der Schwerpunkt der

Fastenaktion 2011 der arbeitsgemeinschaft der

Evangelischen Jugend in Niedersachsen. Es ist

wichtig, dass gerade junge menschen begreifen,

dass schon heute die Entscheidungen darüber fallen,

wie gesund wir morgen leben, welche Technologien

zukunftsfähig entwickelt werden oder

wie wir alle dazu beitragen können, dass unsere

Gesellschaft auch in Zukunft zusammenhält.

Die vorliegende arbeitshilfe für Schule und Jugendarbeit

greift Fragen nach sozialer Gerechtigkeit,

Nachhaltigkeit und Zukunft auf und stellt sie sinnvoll

in einen Zusammenhang. Sie beschäftigt sich

beispielsweise mit der Frage nach einem menschen-

würdigen Grundeinkommen und greift damit eines

der zentralen Themen der Gegenwart und der Zukunft

auf. Gleichzeitig macht sie darauf aufmerksam,

dass wirklich Wichtiges für kein Geld dieser

Welt käuflich ist: Glück, Gesundheit, Sinn, liebe,

Einklang mit uns selber und dem, was uns umgibt.

Gerechtigkeit im Sinne von Nachhaltigkeit ist immer

auch eine Frage der Generationengerechtigkeit.

Sie bedarf der antworten zum Verhältnis der

Generationen miteinander und der antworten mit

Bedacht für die Generationen nach uns. Dabei wird

besonders auf eine gerechte Teilhabe an den zur

Verfügung stehenden Ressourcen einzugehen sein.

Eine der wichtigsten Ressourcen, die wir haben,

ist die Bildung. Bildung eröffnet Teilhabechancen.

Sie befähigt den menschen, sein Schicksal selbst

in die Hand zu nehmen und etwas aus seinem

leben zu machen. Bildung ist der vielleicht wichtigste

Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit in unserer

Welt. und deshalb ist es elementar, dass alle

menschen Zugang zu guter Bildung haben. In einer

immer komplexeren und sich immer schneller

verändernden Welt kommt dem globalen lernen

eine immer stärkere Bedeutung zu. Dadurch wird

ökonomisch, ökologisch und sozial verantwortbares

Handeln gestärkt.

Die Broschüre „hier und jetzt – was kommt dann?

Soziale Gerechtigkeit – Nachhaltigkeit – Zukunft“

bietet vielfältige Beiträge und anregungen zur

konstruktiven auseinandersetzung mit den Chancen

und Risiken beim Hineinwachsen in unsere globalisierte

Welt. Über einen regen und engagierten

Gebrauch der arbeitshilfe würde ich mich sehr

freuen und wünsche allen, die sich an der aktion

der arbeitsgemein-schaft der Evangelischen

Jugend Niedersachsen beteiligen, spannende

Diskurse und positive orientierungen für eine

gelingende Zukunft.

aygül Özkan

Niedersächsische ministerin für Soziales,

Frauen, Familie, Gesundheit und Integration

8_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Hier und jetzt

– was kommt dann?

• Soziale Gerechtigkeit

• Nachhaltigkeit

• Zukunft

als wir uns im Frühjahr 2010 dafür entschieden,

gleich drei Themenkomplexe aufzugreifen, ahnten

wir nicht, wie brandaktuell diese im Herbst sein

würden. Der sogenannte atomkompromiss und

die Endlagerfrage, das neue Hartz IV sowie Stuttgart

21 – alles Themen aus den Bereichen Soziale

Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Zukunft. Dazu

passt auch der veröffentlichte Bericht des WWF

„living Planet“, der unseren maßlosen Ressourcenverbrauch

anprangert. 2030 brauchen wir eine

zweite Erde, wenn wir so weitermachen.

Es ist wichtiger denn je, „Gegen den Trend“ zu

denken und zu handeln. Die Welt ist verletzbar

geworden. Eine lebenswerte Zukunft wird es nur

geben, wenn sich soziale Gerechtigkeit und ein

nachhaltiger umgang mit den Ressourcen in allen

Bereichen durchsetzen. Dazu gehört, sich von konventionellen

ansichten zu lösen und den eigenen

Überlegungen alle Freiheiten zu erlauben. Nichts

muss so (schlecht) bleiben, wie es ist. Gerade im

Glauben findet sich ein widerständiges Element,

das sich mit den jeweiligen Gegebenheiten nicht

begnügt, sondern mehr will: alles! Das unmögliche!

Die utopien des Glaubens sind menschenfreundliche

utopien, notwendige Korrektive gegen

die Stupidität des „immer weiter so“.

In dieser arbeitshilfe finden sich grundlegende

Theorienetwürfe neben sehr praktisch orientierten

Handlungsmodellen. Beides ist wichtig. Visionen

ohne Bodenhaftung sind ausreden, nichts zu tun.

Vorwort des Redaktionsteams

Vom 14. bis 29. oktober 2010 tagt im japanischen

Nagoya eine uN-Konferenz zum Schutz der artenvielfalt.

Knappe zwei Wochen wird man dort um

ein abkommen ringen, das Tempo des artenverlustes

zumindest aufzuhalten. Die Erwartungen,

dass tatsächlich etwas erreicht werden kann,

sollten nicht allzu hoch geschraubt werden.

Die liste solcher meldungen ließe sich leicht-

händig verlängern. Die Weichenstellungen der

Elterngeneration prägen das leben ihrer Kinder.

Die jungen menschen von heute werden die Haupt-

betroffenen von morgen sein. Sie müssen mit

den Konsequenzen leben, die den heutigen Entscheidungen

(zwangsläufig) folgen werden.

Wie reagieren Jugendliche auf die gegenwärtigen

Entwicklungen?

Die jüngste Shell-Studie zeichnet das Bild einer

optimistischen und hoch motivierten Jugend-

generation, die den Herausforderungen des alltags

flexibel begegnet. Im Zentrum steht der persönliche

Erfolg in einer Gesellschaft, die leistung

und Konsum besonders groß schreibt. Die persönliche

berufliche Zukunft hat dabei einen hohen

Stellenwert. Scheinbar bleibt für den Blick über

den privaten Zaun hinaus wenig Raum.

Wer in solchen Studien mehr sieht als das Erfassen

einer bestimmten Grundströmung, gerät tatsächlich

in Erklärungsnot. Die Fakten sprechen jedoch eine

andere Sprache:

am 11. September 2010 lud der landesjugendring

Niedersachsen zur neXTkonferenz 2.0 ein, die sich

sehr differenziert mit wesentlichen Zukunftsthemen

auseinandersetzte. Die Evangelische Jugend war

an dem Tag stark vertreten neben vielen Jugendlichen

aus anderen Gruppierungen und Verbänden.

Ein bloßer Blick ins auditorium hätte gereicht, um

das Bild einer widerstandsfreien Generation zu

widerlegen.

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_9

GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Vorwort des Redaktionsteams

Das breit angelegte Projekt für die Zukunft der

Jugend und der Jugendarbeit in Niedersachsen,

neXT 2020, geht weiter. Die Entwicklung der

Themeninseln kann im WIKI unter www.next2020.de

verfolgt werden. am 21.01.2011 wird die aejn-Themeninsel

„Soziale Gerechtigkeit“ Forderungen für eine

gerechtere Gesellschaft an Vertreterinnen und

Vertreter der Politik überreichen.

In vielen Gegenden Niedersachsens werden von

und mit Jugendlichen soziale Projekte durchgeführt.

Trotz zunehmenden Drucks und geringer

werdender Freizeit ist die Bereitschaft junger

menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren,

weiterhin sehr hoch.

Die Shellstudie beschreibt die jetzige Jugend-

generation vor allem als pragmatisch. Das ist

eine notwenige Eigenschaft. utopien brauchen

Übersetzungen ins alltägliche, wenn sie wirksam

werden sollen.

Nicht unterschlagen wollen wir ein weiteres

Ergebnis der Shell-Studie. Jugendliche mit

bildungsarmem Hintergrund schätzen ihre

persönliche lage und die allgemeine Situation

negativ ein. Die abgehängten fühlen sich chancenlos

und befinden sich an der Schwelle zur

Resignation. Immerhin betrifft dies 10 % aller

Jugendlichen Die sozialen milieus driften weiter

auseinander, das ist besorgniserregend! Hier

ist unsere Phantasie gefragt, diese Gruppe von

den Rändern in die mitte der Gesellschaft

zurückzuholen. Schon kleine Schritte können

viel bewirken.

Hier und jetzt – was kommt dann? Die vor-

liegenden artikel skizzieren sehr verschiedene

möglichkeiten und weiten den Blick. Wir hoffen,

dass diese ausgabe mit dazu beitragen kann,

kritisch und phantasievoll die Zukunft zu

gestalten: nachhaltig und sozial gerecht.

Wolfgang Blaffert

Benjamin Börchers

Cornelia Grothe

Sabine Richter

10_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Die Aktion und ihr Thema

Fasten ist eine art von Entfesselung. Es gibt

so vieles, was uns normalerweise bindet und

beeinflusst. Im Fasten lösen wir uns aus dem

Verbindungsgeflecht von Warenwelt und alltagsgewohnheiten.

Wir treten aus diesen Zusammenhängen

ins Freie und konzentrieren unsere

Beziehungen auf das Grundlegende. Für einen

gewissen Zeitraum scheiden wir uns von der Welt

ab, um einen veränderten Bezug zu ihr zu gewinnen,

um zu erkennen, dass sich nicht alles um uns dreht.

Im Buch des Propheten Jesaja ist überdeutlich

formuliert, dass Fasten kein spirituelles Feuerchen

entfacht, an dem sich die eigene Seele gemütlich

wärmen lässt. Es geht um etwas anderes: um

(Selbst-)Befreiung:

5 So spricht der Herr: Ist das vielleicht ein Fasttag,

wie ich ihn liebe, wenn ihr auf Essen und Trinken

verzichtet, euren Kopf hängen lasst und euch im

Sack in die asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten,

das mir gefällt?

6 Nein, ein Fasten, wie ich es haben will, sieht anders

aus! löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt

das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den

misshandelten die Freiheit und macht jeder unterdrückung

ein Ende!

7 ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die

obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in

lumpen herumlaufen, etwas zum anziehen und

helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!

8 Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am

morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten

Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit

folgt euch als starker Schutz.

(Jesaja 58, 5-8)

Die Aktion und ihr Thema

Die aktion „Gegen den Trend“ nimmt diesen

Impuls auf, indem sie sich immer von neuem quer

stellt. Ziel ist, nicht einfach mitzulaufen, sondern

eigene Ideen und aktionen zu entwickeln.

In der diesjährigen Fastenzeit ist noch einmal der

Faden „Soziale Gerechtigkeit“ aus dem vorangegangenen

Heft aufgenommen und weitergesponnen.

Die Problematik ist (leider) unerschöpflich. armut

plündert menschen aus: seelisch, physisch, materiell.

Sie nimmt ihnen ihre Kontakte, ihre Fähigkeiten,

ihr Selbstbewusstsein. Die vorgestellten

Praxisprojekte zeigen auf, dass man dem nicht

hilflos gegenüberstehen muss.

Viel Platz ist der Beschreibung eines Gerechtigkeitsmodells

gewidmet, das unsere Gesellschaft

komplett verändern würde: das Bedingungslose

Grundeinkommen. Der Verfasser ist Volkswirtschaftler

und steht damit nicht im Verdacht, keine

Kenntnis von den harten Fakten zu haben.

Daneben haben wir zwei neue Themenräume

eröffnet: „Nachhaltigkeit“ ist das Gebot der Stunde

und reicht über einen schonenden umgang mit

den natürlichen Ressourcen weit hinaus. Sie lässt

sich auf viele Bereiche übertragen und kann bereits

in frühem alter eingeübt werden. Globales

lernen macht sensibel für die Zusammenhänge

der Welt. Kein Tun bleibt heute ohne Folgen! Das

betrifft auch unser eigenes arbeiten. Wie kommen

wir über eine bloße „Eventisierung“ hinaus? Wie

können wir Impulse geben, die nicht sofort wieder

verpuffen? auch für Jugendarbeit und Bildung ist

Nachhaltigkeit ein Prüfstein geworden, auf den

man nicht mehr verzichten kann.

Der dritte Themenraum gehört dem Feld „Zukunft“.

Darüber lässt sich durchaus etwas sagen, ohne dass

man die berüchtigte Kristallkugel bemühen muss.

Die Zukunft unterliegt nicht unseren Planungen,

sondern bleibt in vieler Hinsicht unberechenbar.

Sie stößt uns aber auch nicht einfach zu. menschen

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_11

GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Die Aktion und ihr Thema

können mit ihren Entscheidungen ganz bestimmte

Weichen stellen für Entwicklungen, die sich künftig

vollziehen. Darüber hinaus zeichnet sich gegenwärtig

ein verändertes Zukunftsverhältnis ab. Wir

stehen an einer Wende.

Wie tief die neuen medien unser Kommunikationsverhalten

beeinflussen und welche Chancen sich

dadurch bieten, ist ein weiterer wesentlicher

Themenpunkt. Die Entwicklungen der letzten 15

Jahre sind atemberaubend.

Den abschluss bilden Zukunftsbilder von Schülerinnen

und Schülern mehrerer Grundschulklassen. Es

lohnt sich, auch die entsprechenden Kommentare

dazu zu lesen.

Wie immer spiegeln die einzelnen Texte die

meinung ihrer autorinnen oder autoren wieder.

Sollte sich bei der einen leserin oder dem anderen

leser Widerspruch regen, so ist genau das gewünscht.

Ziel der arbeitshilfe ist es, Diskussionen

anzuregen und eigene Standpunkte zu finden

oder zu überdenken.

Weiterhin gilt, was manfred Neubauer in der

vorigen ausgabe von „Gegen den Trend“ formuliert

hat: „Diese arbeitshilfe ist vorrangig für die

Hand des Gruppenleiters/der Gruppenleiterin, des

lehrers/der lehrerin bestimmt. Natürlich – so hofft

die Redaktion – werden auch interessierte Jugendliche

anregendes und Interessantes darin finden,

aber die lektüre und Bearbeitung der jeweiligen

Themen und ihrer materialien erfordert trotz aller

redaktioneller Sorgfalt doch noch eine menge

an Eigenarbeit, an Reflexion und an persönlicher

Entscheidung darüber, was mit welchem material

gemacht und wie es eingesetzt werden soll.“

Wolfgang Blaffert

12_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Darstellung der Themen

in sieben Schritten

Vor acht Jahren wurde in der Projektgruppe erstmals

ein Siebener-Schritt verabredet und umgesetzt,

der in der Folge immer wieder variiert und

den Gegebenheiten angepasst wurde.

auch in dieser ausgabe haben wir beschlossen,

grundsätzlich daran festzuhalten. mehreren autorinnen

und autoren fiel es jedoch schwer, dieser Vorgabe

zu folgen und sie baten darum, sich davon lösen

zu dürfen. Wir sind diesen Bitten nachgekommen,

weil wir in keinen Schematismus verfallen wollten.

Vielleicht ist die Zeit reif für Neues. Darüber werden

wir für die ausgabe 2012 intensiv nachdenken.

Grundsätzlich ist der Siebener-Schritt wie folgt

strukturiert:

Erste Einfälle zum Thema

Was sagen andere? (Fundsachen, assoziationen,

Kontexte)

Die Aktion und ihr Thema

Zuspitzung – Thema entfalten unter einem

Blickwinkel

Farbe bekennen (meinungen, Überzeugungen,

Ideen aus der Sicht der Verfasserin/des Verfassers)

Transfer, Vermittlung, umsetzung (Projektbeschreibungen,

Praxisbeispiele, Gottesdienste,

Gruppenstunden, Stunden-Entwürfe)

Theologische Betrachtung

Weiterführende Fragestellungen

materialien und literatur

am wichtigsten bleibt natürlich der Ertrag für die

eigene Praxis und das eigene Nachdenken.

Wir wünschen uns, dass das neue „Gegen den

Trend“ wieder zu einer Fundgrube werden kann für

alle, denen die arbeit mit Kindern und Jugendlichen

am Herzen liegt.

Wolfgang Blaffert

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_13

GEGEN DEN TREND ’2011


HARz IV

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

HARTZ IV

Das Gesetz und dessen umsetzung isoliert zu

betrachten, wird dem Thema nicht gerecht.

Es steht vielmehr im gesellschaftlichen und

geschichtlichen Kontext und berührt die Themen:

• Das Gesetz, Begrifflichkeiten und die

praktische Umsetzung

• Armut früher und heute

• Hilfeleistungen, auch im geschichtlichen

Wandel

• Gesellschaftliche und individuelle

Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit

• AktuelleEntwicklungenundThesenfürdie

Zukunft

1. Fakten zu HARTZ IV – Sicherung des

Existenzminimums?

Ursprung und Begrifflichkeiten

Das, was im Volksmund als „Hartz IV“ bezeichnet

wird, heißt offiziell „Viertes Gesetz für moderne

Dienstleistungen am arbeitsmarkt“. am 01.01.2005

trat es in Kraft und schuf das „Zweite Sozialgesetzbuch“

(SGB II) mit dem Titel „Grundsicherung für

arbeitsuchende“. Hauptleistung des SGB II ist das

neue arbeitslosengeld II und das Sozialgeld (für

Kinder bis 14 Jahre und nicht erwerbsfähige mitglieder

der Bedarfsgemeinschaft).

Namensgeber war Peter Hartz, damaliges Vorstandsmitglied

der Volkswagen aG. (Peter Hartz wurde

2007 wegen untreue gegenüber seinem arbeitgeber

verurteilt.) Im Jahr 2002 wurde er vom Bundeskanzler

Gerhard Schröder als Vorsitzender einer Expertenkommission

eingesetzt, die Ideen und Vorschläge für

Reformen zum abbau von arbeitslosigkeit entwickeln

sollten. Viele Ideen wurden umgesetzt in den ersten

bis vierten „Gesetzen für moderne Dienstleistungen

am arbeitsmarkt“. Diese wurden in den medien Hartz

I , II, III und IV genannt.

HARTz IV

Vieles aus diesen Gesetzen wurde sang- und

klanglos wieder eingestampft, weil es nicht als

sinnvoll angesehen wurde, zu teuer, nicht umsetzbar

war oder es kaum Effekte am arbeitsmarkt

zeigte. Beispiele hierfür sind die „Ich-aG“ oder die

Personal-Service agenturen (PSa).

Das SGB II sollte eine einheitliche Grundsicherung

für alle Erwerbsfähigen und deren angehörige bieten.

Bis 2004 sah das soziale System in Deutschland

das arbeitslosengeld und die arbeitslosenhilfe für

arbeitslose vor. Wenn diese leistungen nicht ausreichten,

um den Bedarf zu decken oder wenn kein

anspruch auf andere leistungen bestand, konnte

Sozialhilfe beantragt werden. Erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger/innen

mussten beim Sozialamt

den lebensunterhalt beantragen und sich gleichzeitig

beim arbeitsamt arbeitsuchend melden. mit

Einführung des SGB II sollte jetzt nur noch ein amt

zuständig sein. Für viele damalige arbeitslosenhilfeempfänger

allerdings bedeutete es eine Verringerung

der leistungen. Sie hatten meist weniger Geld auf

dem Konto als zuvor.

Sicherung des Existenzminimums

Das Grundgesetz bildet die Grundlage des deutschen

Staates. Dies sieht vor:

art. 1

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. […]“

art. 2 abs. 1

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner

Persönlichkeit, […]“

art. 2 abs. 2

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche

Unversehrtheit. […]“

Hieraus leitet sich die gesetzliche Verpflichtung

ab, die Existenz auch finanziell schwacher Personen

und Haushalte zu sichern, indem für das

Existenzminimum gesorgt wird.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

Doch wie stellt man das Existenzminimum fest?

Was braucht ein mensch, eine Familie oder ein

Kind als Existenzgrundlage? unzweifelhaft gehören

dazu ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und

ausreichender Schutz vor der Witterung (z. B. Wärme

und Kleidung). Doch gehören hier auch eine

monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr, eine

Waschmaschine, ein Fernseher, eine Videokamera,

ein Fahrrad oder sogar ein auto dazu?

Betrachtet man mönche, die sich der askese verschrieben

haben, sehen wir, dass es nur wenige

Dinge zum leben braucht. auch im leben von obdachlosen

finden sich nur wenige materielle Güter.

Zum leben als odachlose/r oder als asketischer

mönch kann und soll aber niemand verpflichtet

werden.

Politik und Justiz orientieren sich bei der Festlegung

des Existenzminimums an den herrschenden

lebensgewohnheiten mit einfachem Standard.

Dies bedeutet, dass ein Stuhl, ein Tisch und ein

Bett dazu gehören. Über viele weitere Gegenstände

wird teils heftig gestritten. Ein Kühlschrank gehört

zum Existenzminimum, auch wenn einige noch gar

nicht so alte Gerichtsurteile einem alleinstehenden

Hilfeempfänger die Kosten für einen gebrauchten

Kühlschrank verweigerten und ihm zumuteten, im

Winter seine Nahrungsmittel auf der Fensterbank zu

kühlen. aber eine Waschmaschine zählt für alleinstehende

nicht dazu, wenn Waschcenter in erreichbarer

Nähe sind.

Neben dem physischen ist auch das soziokulturelle

Existenzminimum sicherzustellen. Hierzu gehört die

Teilhabe am kulturellen leben. Zur Informationsbeschaffung

ist ein Fernseher notwendig, nicht aber

eine Tageszeitung. Denn diese kann bei Bedarf in

einer Bücherei gelesen werden.

Es ist nach geltendem Recht zumutbar, Hilfebedürftige

auf Gebrauchtwaren zu verweisen. Dies

gilt unter anderem bei möbeln und Haushaltsgeräten,

welche auch als Sachmittel gewährt werden

können. Beim Bekleidungsbedarf scheidet aber

ein Verweis auf Gebrauchtbekleidung aus Kleiderkammern

aus.

Arbeitslosengeld II und Sozialgeld

Wie beim früheren Bundessozialhilfegesetz wird

bei der Ermittlung des arbeitslosengeld II (alG II)

erst der Gesamtbedarf ermittelt und dann das zu

berücksichtigende Einkommen abgezogen. Dies

bedeutet, dass auch Vollzeitbeschäftigte ergänzend

leistungen erhalten, wenn das Einkommen

nicht ausreicht um den Bedarf zu decken.

Der Bedarf setzt sich zusammen aus:

• der Regelleistung für Ernährung, Bekleidung,

Strom, Fahrtkosten, Reparatur und Ersatz-

beschaffung von möbeln und vielem mehr

• dem mehrbedarf z. B. für alleinerziehende

den anerkannten Kosten für unterkunft und

Heizung

Flankiert wird die monatliche Bedarfsdeckung in

2010 durch einmalige leistungen, u. a.:

• Kosten für notwendigen umzug

• mehrtägige Klassenfahrten

• angemessene Erstausstattung für den Haushalt

• angemessene Erstausstattung bei Schwangerschaft

und Geburt

Die monatliche Regelleistung 2010: siehe Tabelle

alleinstehende Partner Kinder im alter von

14 – 24 Jahre 6 – 13 Jahre 0 – 5 Jahre

Regelleistung 359,00 € 323,00 € 278,00 € 251,00 € 215,00 €

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Wie viel oder wie wenig dies eigentlich ist, wird

erst deutlich, wenn man einzelne Positionen betrachtet,

wie zum Beispiel die Ernährung:

• Für mittagessen und abendessen inklusive

Getränken steht einem 5-Jährigen jeweils

ca. 1 € zur Verfügung, für Frühstück 0,50 €.

• Ein alleinstehender kann je ca. 1,68 € für

mittag- und abendessen ausgeben, für das

Frühstück sind es 0,75 €; jeweils mit

Getränken!

Weitere Beispiele:

• Kinder von 6 - 13 Jahren haben laut Regelsatzverordnung

für die anschaffung eines Fahrrades

monatlich 0,43 € zur Verfügung. Das entspricht

5,16 € im Jahr!

• Für Spielwaren und Hobbys einschließlich

Weihnachtsgeschenken stehen 0,89 € im monat

zur Verfügung. Im Jahr sind dies 10,68 €.

• Der/Dem 14- bis 24-jährigem Jugendlichen

steht monatlich 5,74 € für Essen und Getränke

in Gaststätten, Kneipen und Imbissen zur Verfügung.

Falls ein urlaub geplant ist, soll hiervon

aber auch die Übernachtung gezahlt werden.

• Ein/e alleinstehende/r Erwachsene/r hat

monatlich 12,82 € für Fahrkarten. Ein Tagesticket

in Hannover kostet aktuell 4,20 €. an drei Tagen

im monat können somit Fahrten unternommen

werden, wenn es keine Ermäßigungen gäbe

(mit dem ermäßigten Tagesticket können in

Hannover monatlich sechs Fahrten finanziert

werden.).

(Die Werte sind vom Autor ermittelt und können je nach

Berechnungsmethode im Cent-Bereich abweichen.)

Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende

Bis 2004 war die Kommune der Kostenträger für

die Sozialhilfe. Die Bundesagentur für arbeit war

der Kostenträger für arbeitslosengeld und -hilfe.

mit der Zusammenführung der leistungen musste

eine andere Kostensplittung eingeführt werden.

Die Kommune ist nun zuständig für die unterkunftskosten,

die Bundesagentur für arbeit für die

Regelleistung, mehrbedarfe und weiterhin für die

Eingliederungsleistungen.

Das SGB II sah vor, dass sich

arbeitsagenturen mit den

Kommunen vor ort als arbeitsgemeinschaft

(aRGE) zusammenschließen

und gemeinsam

eine neue Behörde betreiben

sollten. ausnahmen waren 69

Kommunen (sogenannte

optionskommunen), die eigenständig die gesamte

leistung erbringen konnten.

In den orten, in denen keine Einigung zwischen

den Trägern stattfand, wurden zwei Behörden

geschaffen. Die Hilfesuchenden in diesen orten

müssen also zwei anträge stellen: unterkunftskosten

bei der Kommune und Regelleistung,

mehrbedarf und Eingliederungsleistungen bei der

arbeitsagentur. Die ursprungsidee, mit der damals

das SGB II gepriesen wurde, lautete aber gerade:

„alle leistungen aus einer Hand!“

2. Soziale Sicherung in Deutschland

von der Frühzeit bis zur Gegenwart

Die Geschichte der Armut

Die Wissenschaft unterteilt die Geschichte der

armut häufig in vier Zeitepochen:

• Die Frühzeit (jungsteinzeitliche bis archaische

Gemeinschaften)

• Die klassische antike

• Das mittelalter

• Der Industriekapitalismus

Frühzeit (Archaische Gemeinschaften)

In der Frühzeit lebten die menschen in Gruppen

zusammen. Die gegenseitige unterstützung war

für die Gruppe lebensnotwendig und durch direkte

soziale Kontrolle sichergestellt. Prof. Dr. Sagebiel

von der FH münchen bezeichnet die gegenseitige

Hilfe als „Gabe“, die den Beschenkten verpflichtete.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

Individuelle Interessen waren gegenüber den Interessen

der Gruppe nachrangig.

als „arm“ kann eine Gruppe bezeichnet werden,

der eine Vorratshaltung nicht möglich war.

Klassische Antike

Teilweise galten ganze Gesellschaften als arm.

Dies löste große Völkerwanderungen aus und

konnte auch zum Räuberwesen führen.

Einzelne arme Personen waren auf die almosen

Reicher angewiesen. Eine öffentliche armenfürsorge

existierte nicht. arme Personen hatten aber

durchaus anteil an der Gesellschaft und waren

nicht ausgeschlossen. Sie wurden in öffentliche

Feste und Veranstaltungen einbezogen. Teilweise

standen armen Personen auch Bürgerrechte zu.

Im antiken Rom hatte diese „revoltefähige masse“

auch politisches Gewicht.

Mittelalter

Im mittelalterlichen Feudalismus galt die ständische

ordnung. Die Gesellschaft war hierarchisch gegliedert.

Die Ständeordnung wurde als gottgegeben

angesehen. anders als bisher gab es wenig

soziale Kontakte zwischen den Schichten. Im

mittelalterlichen Sinne galt als arm, wer seine Existenz

nicht sichern konnte und ohne Schutz und

macht war.

Hilfen wurden innerhalb der Familie und später

in den Städten durch Zünfte, religiöse Bruderschaften

und dergleichen gegeben. Die mitgliedschaft

in einer dieser Gruppen sicherte die

Existenz.

almosen wurden erbettelt. motiviert durch den

auftrag der Nächstenliebe leisteten die Kirchen die

größte Hilfe. Bei den Gläubigen waren almosen

selbstverständlich: Das Geben von almosen wurde

als mittel zur Buße für Sünden gesehen. So konnten

sich Reiche von ihren Sünden „freikaufen“.

Industriekapitalismus – Arbeit als Wertmaßstab

Die große „soziale Frage“ stellte sich erst in dieser

Zeit. Durch die Produktionsentfaltung, die rasche

Bevölkerungsentwicklung und die zunehmende

Verstädterung kam es zum massenelend. Die

nachbarschaftliche und kirchliche Hilfe und die

almosen reichten nicht mehr aus, da die Not unüberschaubar

wurde.

Da die Kapitalbesitzenden auf die arbeitskraft der

kapitalarmen Bevölkerung angewiesen waren, wurde

arbeit als neuer Wertmaßstab gesetzt. Wer arm

war und nicht arbeitete, galt als Parasit und wurde

als arbeitsscheu und als müßiggänger angesehen.

Die armut galt als selbstverschuldet durch unsittliches,

faules Handeln. Somit schwand die Verantwortung

der Reichen für das Wohl der armen und

damit die almosen.

„Das neue Mittel gegen die Armut war die Arbeit.

Die ‚Erziehung zur Arbeit’ wurde zur Kulturmission

im Kaiserreich um Landstreicher, Bettler und Randgruppen

zu disziplinieren.“

(Prof. Dr. Juliane Sagebiel)

Diese Entwicklung fand in vier Stufen statt, die

sich noch heute wiederfinden:

• Kommunalisierung: Die Städte übernahmen die

Hilfevergabe.

• Rationalisierung: Es wurden Kriterien festgelegt,

wer was wann erhielt.

• Bürokratisierung: Es entstanden Institutionen,

welche eine Bedürftigkeitsprüfung vornahmen.

• Pädagogisierung: arme galten als arbeitsscheu

und mussten folglich zur arbeit erzogen werden.

arbeitshäuser wurden als Erziehungsanstalten

gegründet.

Durch diese recht junge Entwicklung wurde die

last der Fürsorge der Stadt bzw. dem Staat

übertragen. Die persönliche, gegenseitige

Selbstverpflichtung zur Hilfe

und Solidarität verschwand.

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Soziale Sicherung in Deutschland 2010

um die soziale Frage zu lösen und um die industrielle

Produktivität zu sichern, wurden in

Deutschland nach und nach Sozialversicherungen

eingeführt:

• 1883 Krankenversicherung

• 1884 unfallversicherung

• 1889 Rentenversicherung

• 1927 arbeitslosenversicherung

• 1995 Pflegeversicherung

Zusätzlich zu den Sozialversicherungen gibt es

heute als soziale Sicherungssysteme u. a.:

• 1962 Sozialhilfe im BSHG; ab 2005 im SGB XII

aufgegangen

• 1970 Wohngeldgesetz

• 2005 Grundsicherung im alter und bei

Erwerbsminderung im SGB XII

• 2005 Grundsicherung für arbeitsuchende

im SGB II

• 2005 Kinderzuschlag im Bundeskindergeldgesetz

Armut in Deutschland

In 2009 galten 14,6 % der Bevölkerung als

armutsgefährdet (weniger als 60 % des

durchschnittlichen Netto-Einkommens der Gesamtbevölkerung).

Die größten Risiken liegen

weiterhin in der arbeitslosigkeit und bei alleinerziehenden.

Im april 2010 bezogen 10,5 % der Bevölkerung

leistungen nach dem SGB II (Hartz IV). Das sind

10,8 millionen menschen in 6,5 millionen Bedarfsgemeinschaften

(Partner und Familien) in Deutschland.

3. Das SGB II – Erste Eindrücke und

Entwicklung bis heute

als ich das SGB II zum ersten mal gelesen habe,

fand ich es sehr schlüssig und einfach zu handhaben.

Doch je tiefer ich einstieg und je mehr Klient/

innen in die Beratung kamen, desto mehr offenbarten

sich handwerkliche Fehler im Gesetzestext

und viele lücken durch nicht berücksichtigte

Bedarfslagen. Im laufe der Jahre wurde so das

neugeschaffene SGB II geändert, korrigiert und

auch durch viele Sozialgerichts- und Verfassungsgerichtsurteile

angepasst. Hier zwei Beispiele:

1. Erst zum august 2009 – als sich die Verfassungswidrigkeit

der Regelsätze abzeichnete – wurde

ein Schulbedarf für Schüler/innen anerkannt und

eine Pauschale von 100 Euro gezahlt. Wer selber

Schulkinder hat, weiß, dass die Kosten je nach

Schulform und Klasse mehrere hundert Euro im

Jahr betragen können.

2. Die ersten Jahre gab es - anders als im bisherigen

Sozialhilferecht - nur zwei Kinderregelsätze: Von 0

bis 13 Jahre und 14 bis 24 Jahre. Ein dreizehnjähriger

Schüler sollte also denselben Bedarf haben wie

ein Neugeborenes!? Erst 2009 wurde eine Zwischenregelleistung

für 6- bis 13-Jährige eingeführt.

Bis Ende 2010 ist die Bundesregierung durch das

Verfassungsgericht aufgefordert, die monatliche

Regelleistung neu zu berechnen. Die Richter

monierten, dass bei der Berechnung des Existenzminimums

vieles „freihändig geschätzt“ wurde:

z. B. dass die Kinderregelleistung nicht berechnet

wurde, sondern pauschal von der Erwachsenen-

regelleistung mit 60 % bzw. 80 % heruntergerechnet

wurde.

und es wurde noch komplexer: Durch die Wohngeldgesetzänderung

zum 01.01.2009 konnten

nun auch einzelne Haushaltsmitglieder Wohngeld

beantragen. Dies führte dazu, dass meist alleinerziehende

Hilfeempfänger/innen aufgefordert werden,

für ihre Kinder Wohngeld bei der zuständigen

Wohngeldstelle zu beantragen.

Bürokratie

Seit der Einführung des arbeitslosengeld II (alG

II) ist immer mehr Hilfe für Behördenangelegenheiten

erforderlich. Die verschiedenen leistungen,

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

Zuständigkeiten und das weiterhin häufig vorkommende

„Von-Behörde-zu-Behörde-rennen“

überfordern, machen hilflos und wütend.

Beispiel einer alleinerziehenden (2010):

• Kindergeld: Bei der Familienkasse beantragen,

auszahlungstermin ist jeweils der 19. des monats.

• unterhaltsvorschuss: Beim Jugendamt beantragen.

• Wohngeld für das Kind: Bei der Wohngeldstelle

jährlich beantragen.

• arbeitslosengeld II: Beim Jobcenter für jeweils

6 monate beantragen.

• Ggf. Elterngeld bei der zuständigen Elterngeldstelle

beantragen.

Die antragsformulare sind umfangreicher denn

je. Die Bescheide und Briefe der Grundsicherungsträger

füllen bei vielen Hilfeempfängern

schon mehrere dicke ordner. Der umfangreichste

leistungsbescheid, der der Beratungsstelle

vorlag, war 47 Seiten lang! Hilfebedürftige mit

wechselnd hohem Einkommen erhalten mindestens

14 Bescheide pro Jahr.

aus den alG II-Bescheiden können selbst Fachleute

einige Berechnungen nicht nachvollziehen, da

diese regelmäßig unvollständig sind. In meinen

Fortbildungen erzählen viele Sozialarbeiter/innen

aus der Familienhilfe, dass sie sich seit „Hartz IV“

hauptsächlich um die Behördenangelegenheiten

ihrer Klient/innen kümmern müssen und nur

wenig Zeit bleibt für die eigentlichen aufgaben

der Stabilisierung und Hilfe im alltag.

Die Situation in den Jobcentern

Die arbeitsbelastung der Sachbearbeiter/innen

in den Grundsicherungsstellen ist sehr hoch. Dies

führt häufig zu Fehlern in den Bescheiden, zu einer

mangelnden telefonischen und persönlichen Erreichbarkeit

und zu weitreichenden Verzögerungen

bei der antragsbearbeitung. Vielfach stehen Hilfebedürftige

in der Beratungsstelle, die seit mehreren

monaten kein

Geld bekommen.

auch für die Sachbearbeiter/innen der Grundsicherungsstellen

ist die materie komplex. Sie

müssen unter anderem die unterschiedlichen

Sozialleistungen anderer Träger kennen, Kenntnisse

aus dem Steuerrecht bei der Berechnung von

Einkommen aus selbständiger Tätigkeit anwenden

und bei getrennt lebenden Elternteilen das unterhaltsrecht

und die Höhe kennen und berechnen.

Dies geht nur mit in ausreichendem maße vor-

handenen qualifizierten mitarbeiter/innen.

Die mangelnde personelle ausstattung der

Grundsicherungsträger wird durch auslaufende

Befristungen vieler arbeitsverträge verschärft.

Eingearbeitete Sachbearbeiter/innen gehen und

nachfolgende müssen neu eingearbeitet werden.

Dies hat Folgen für die Hilfeempfänger/innen.

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Die interne Revision

hat am 21.04.2010 viele mängel festgestellt. Deutlich

wird es bei Klagen vor dem Sozialgericht:

„In fast 40 % der anerkenntnisse [von Sozialgerichtsurteilen

durch die Jobcenter] hätte die

Grundsicherungsstelle schon im Widerspruchsverfahren

erkennen können, dass ein Klageverfahren

verloren gehen würde (z. B. fehlende anhörung

nach § 24 SGB X, missachtetes Individualprinzip).

Fehlerhafte Rechtsanwendung und unzureichende

Sachverhaltsermittlung sind weitere maßgebliche

ursachen […].“ (Geschäftsanweisung der Bundesagentur

für arbeit HEGa 08/10)

auch die hohe Zahl an untätigkeitsklagen

zeigen ein schlechtes Bild: Bis zu 40 % der

anerkenntnisse entstanden durch untätigkeitsklagen,

weil die Jobcenter anträge nicht

innerhalb von sechs monaten und Widersprüche

nicht innerhalb von drei monaten bearbeiteten.

Dies weist auf den hohen Bearbeitungsrückstand

hin.

4. Um glücklich zu sein, braucht es eine

Aufgabe, die über die eigene Situation

hinausgeht

„arbeitslosigkeit ist das Fehlen von bezahlten

Beschäftigungsmöglichkeiten.“ Wikipedia

Viele Hilfebedürftige sehen sich einem großen

Druck ausgesetzt, sowohl von Seiten der Grundsicherungsstelle

als auch von ihrem umfeld und den

medien. Viele Ratsuchende sagen als einen ihrer

ersten Sätze in der Beratung: „Ich gehöre nicht zu

denen, die nicht arbeiten wollen…!“ Nach unserer

Einschätzung wollen 99 % aller bei uns Ratsuchenden

eine sinnvolle und angemessen bezahlte arbeit!

Sie sind aufgrund der hohen arbeitslosigkeit einer

großen Konkurrenz ausgesetzt und weichen, wenn

möglich, aus auf „prekäre arbeitsverhältnisse“:

Zeitarbeit, minijobs und ungewisse selbständige

Tätigkeiten. Viele akzeptieren Niedrigstlöhne,

machen aus angst unbezahlte Überstunden und

akzeptieren unklare arbeitsbedingungen.

Selbst die Bereitschaft arbeitsgelegenheiten für 1

Euro aufwandsentschädigung (sogenannte 1-Euro-

Jobs) anzunehmen ist sehr hoch. motivationen

hierfür sind meist, dass sie etwas Sinnvolles tun

wollen, dass ihnen zuhause die Decke auf den

Kopf fällt oder die Suche nach einem sozialen umfeld

im Rahmen einer Tätigkeit.

auch eine neue Studie des Instituts für arbeitsmarkt-

und Berufsforschung (IaB) belegt dies:

„alG II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen“.

(http://doku.iab.de/kurzber/2010/kb1510.pdf)

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GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

„Arbeitslos sein“ heißt, dass etwas fehlt im Leben.

Nachdem die Erwachsenen im Jahr 2004 „Hartz

IV“ zum Wort des Jahres kürten, haben auch die

Jugendlichen das Wort entdeckt. Das Jugendwort

2009 wurde „hartzen“. Es bedeutet soviel wie

arbeitslos sein, gammeln, sinnlos rumhängen.

Im leben braucht es manchmal eine Pause, sei

es aus gesundheitlichen Gründen oder um neuen

Schwung zu bekommen, ähnlich wie urlaub. Diese

Zeit bedeutet Kreativität.

Wenn es aber ein Dauerzustand wird, vielleicht

unterbrochen von befristeten arbeitsverträgen,

maßnahmen der agentur für arbeit wie Bewerbungstrainings

und arbeitsgelegenheiten (1-Euro-Jobs),

fehlt tatsächlich etwas im leben. um

glücklich zu sein, braucht es eine aufgabe, die

über die eigene Person hinausgeht. Idealerweise

eine aufgabe, die Spaß macht, die reizt und die

einen im leben weiterzieht.

5. Die Beratungsstelle für Arbeitslose der

Arbeits- und Sozialberatungsgesellschaft

(ASG) e. V.

Die Beratungsstelle für arbeitslose der aSG e. V.

Die aSG ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in

Hannover und wurde 1979 gegründet. Ziel des Vereins

ist es, arbeitslosen und von arbeitslosigkeit

bedrohten menschen bei der Bewältigung ihrer

Situation zu helfen und ihre Wiedereingliederung

in das arbeitsleben zu unterstützen. Hierzu unterhält

die aSG eine Jugendwerkstatt (s. artikel in

Gegen den Trend 2010“) und die Beratungsstelle

für arbeitslose. Die aSG ist mitglied im Diakonischen

Werk der Ev.-luth.

landeskirche

Hannovers e. V.

Von 2002 bis

2007 war die Beratungsstelle anerkanntes Eu-modell-

projekt (lIa) zur Verhinderung und Bekämpfung

von langzeitarbeitslosigkeit. Seit 2004 ist die

Beratungsstelle Träger von arbeitsgelegenheiten

für Erwachsene (1-Euro-Jobs), die überwiegend im

Bereich der arbeit mit Kindern und Jugendlichen

angesiedelt sind.

Seit 2005 agiert die Beratungsstelle auch als Fachstelle

für Sozialrecht. Sie führt Trägerberatungen

und zahlreiche qualifizierende Fachveranstaltungen

durch und hat sich als Weiterbildungsstelle für

regionale Institutionen und multiplikatoren angrenzender

arbeitsbereiche etabliert.

Ziel der Beratungsstelle ist die möglichst ganzheitliche

und umfassende Beratung und Betreuung

für Frauen und männer. Die Beratungsstelle

versteht sich als anlaufstelle für alle Fragen und

unterstützungsbedarfe von arbeitslosen und von

arbeitslosigkeit bedrohten Personen. Ziel ist die

Existenzsicherung und die Integration in den ersten

arbeitsmarkt. Hierfür hält die Beratungsstelle

verschiedene angebote bereit, die laufend den

Bedarfen der Klientinnen und Klienten sowie den

Fördermöglichkeiten der Finanzgeber/innen und

Kooperationspartner/innen angepasst wird:

• Existenzsichernde Beratung

• Beratung zu allen Fragen der arbeitsförderung

• Psychosoziale Beratung

• Niederschwellige Beratung zur beruflichen

orientierung und Perspektiven

• Bewerbungshilfen

• Hinführung zur arbeitserprobung und

Sammlung neuer praktischer Erfahrungen

in arbeitsgelegenheiten, Praktika und weiteren

Beschäftigungsmöglichkeiten sowie die sozial-

pädagogische Begleitung während dieser

Tätigkeiten

Die Beratung soll Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen.

Die Beratungsstelle unterstützt die Klientinnen

und Klienten im Sinne des Empowerment,

mehr Klarheit, orientierung und Wissen zu gewinnen

und ihre Ressourcen zu entdecken und

zu erweitern.

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Seit der Einführung des SGB II im Jahr 2005 hat

sich auch die arbeit verändert. Die Nachfrage nach

Beratung ist enorm gestiegen. Es geht primär viel

mehr um die Existenzsicherung als um Fragen

nach Perspektiven und Chancen.

Die Geschichte der aSG ist aber auch eine Geschichte

der dauernden Suche nach Finanzierungsträgern.

Durchgängig hat die landeshauptstadt

Hannover Zuschüsse zu der Beratungsarbeit

geleistet.

Bis 2004 hat sich auch das land Niedersachsen

beteiligt. mit dem Hinweis, dass ab 2005 die

Jobcenter Beratung anbieten, verabschiedete sich

das land Niedersachsen aus der Finanzierung. Im

Jahr 2010 wird die arbeit auch durch die JobCenter

Region Hannover gefördert.

6. Theologische Betrachtung: Vom Human-

kapital zum Bruttonationalglück

Das Wort arbeit kommt vom germanischen Wort

arbai_is und bedeutet mühe, Beschwernis, leiden.

Der Wortursprung beschreibt deutlich den umstand,

dass es um den „Broterwerb“ –also die

Sicherung der lebensexistenz – ging. Heutzutage

leben wir in Deutschland in relativem Wohlstand,

so dass die Grundlagen unserer Existenz weitgehend

gesichert sind. arbeit dient heute nicht nur

dem Broterwerb. arbeit darf Spaß machen und

dient der Selbstverwirklichung. Dies macht sich

unter anderem daran deutlich, dass grundsätzlich

eine freie Berufswahl möglich ist (Jeweils abhängig

von den persönlichen Fähigkeiten, motivationen,

Biographien und den gegebenen Realitäten

wie der Zugang zu Bildungswegen etc.).

arbeit ist allerdings kein Selbstzweck: Der mensch

ist nicht für die arbeit da, sondern die arbeit ist für

den menschen da. Wenn dies nicht erkannt und

umgesetzt wird, kommt es zu ungleichgewichten

im leben und in unserer Gesellschaft.

Beispiele sind:

• Workaholic (arbeitssucht): arbeit wird zum

einzigen beherrschenden Thema im leben.

• Burn-out und Depression: auf der gesell-

schaftlichen Ebene geht es u. a. um die Frage

der arbeitsdichte und arbeitsbelastung.

auf der persönlichen Ebene wird die Sinnfrage

gestellt.

• Die Gier nach finanziellem Erfolg und ansehen:

Sehnsüchte werden auf materielle Werte und

Rollenfunktionen projiziert.

• Die (zugewiesene) Schuld der arbeitslosen an

ihrer lage: Die soziale Verantwortung wird

nicht wahrgenommen, sondern auf Einzelne

abgeschoben.

Im leitspruch des 33. Evangelischen Kirchentages

2011 in Dresden sagt Jesus: „Ihr sollt euch nicht

Schätze sammeln auf Erden, wo sie die motten

und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen

und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel,

wo sie weder motten noch Rost fressen und

wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn

wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

matthäus 6, 19-21

Dies ist kein aufruf zur askese. Es ist ein Weckruf

an die menschen, genau hinzuschauen und hinzuspüren:

Woran hänge ich mein Herz? Was ist mir

wirklich wichtig im leben?

Es ist aber auch ein Weckruf an die Gesellschaft:

Heute werden menschen als „Humankapital“

gesehen und Insolvenzen kleiner Betriebe als

„Peanuts“ abgetan. Wo ist das Herz? Wie kann

soziale Verantwortung in arbeitsbezügen gestaltet

werden?

Genauso ist es ein Weckruf an die politisch Verantwortlichen:

Kontinuierliches Wachstum des Bruttonationalproduktes

ist seit vielen Jahrzehnten die

prägende Grundlage (wirtschafts-)politischer

Entscheidungen.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

Einen deutlichen Kontrapunkt hierzu setzte 1972

der König von Bhutan Jigme Singye Wangchuck.

als die wirtschaftliche Entwicklung Bhutans in der

Financial Times als zu langsam angeprangert wurde,

erschuf er den ausdruck „Bruttonationalglück“

und setzte hierzu eine eigene Staatskommisiion

ein: „Während konventionelle Entwicklungsmodelle

das Wirtschaftswachstum zum herausragenden

Kriterium politischen Handelns machen,

nimmt die Idee des Bruttonationalglücks an, dass

eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung

der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von

materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten

geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken.

Die vier Säulen des Bruttonationalglücks

sind die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts-

und Wirtschaftsentwicklung, Bewahrung

und Förderung kultureller Werte, Schutz der Umwelt

und Errichtung von guten Regierungs- und

Verwaltungsstrukturen.“

(Wikipedia: Bruttonationalglück)

Hartz IV ist die staatliche Hilfe zur Sicherung der

Existenz einzelner Personen und Familien. Dies

darf nicht nur als Kriminalitätsvorbeugung und der

Vermeidung einer „revoltefähigen masse“ unter

dem wirtschaftspolitischen Dogma der Wachstumsorientierung

zu sehen sein.

Wenn wir unsere aufmerksamkeit auf die Steigerung

des Bruttonationalglücks wenden, zeugt eine Grundsicherung

von der Wertschätzung gegenüber allen

menschen und ist so ausdruck der Nächstenliebe.

Jesus sagt: „Das was du einem Geringsten antust,

das tust du mir an.“ In moderner Sprache heißt

dies für mich: Wir sind eine Welt. Das, was ich

meinen Nächsten antue, das fällt auf Jesus und

auch auf mich zurück. Die Wertschätzung, die ich

anderen entgegenbringe, fällt auch auf Jesus und

auch auf mich zurück.

7. Visionen & neues Denken: Thesen für

heute und die Zukunft

Thesen für heute und die Zukunft

Wir brauchen unabhängige, professionelle

Beratungsstellen für Arbeitslose.

• unabhängige Beratungsstellen können wertfrei

und ganzheitlich Hilfebedürftige beraten. Sach-

bearbeiter/innen der verschiedenen Behörden

haben gezielte aufträge.

• unabhängige Beratungsstellen können zwischen

den Hilfebedürftigen und Ämtern vermitteln.

Kommunikationsprobleme können so schnell

ausgeräumt werden.

• Professionelle Berater/innen haben den Über.

blick über die verschiedenen Hilfesysteme und

deren Übergänge. Ehrenamtliche Beratung ist

aufgrund der Komplexität der Themen nur

begrenzt möglich.

• Die anzahl der Sozialgerichtsprozesse wird

verringert und somit werden Kosten gespart.

• Qualitativ hochwertige Beratung erfordert eine

gesicherte Finanzierung. Das jährliche „Bangen“

um die Weiterfinanzierung und das Einwerben

von Geldern bindet Beratungskapazitäten.

Zu den Jobcentern und dem SGB II:

Motivation statt Sanktion: Sanktionen müssen

drastisch eingeschränkt werden.

• Kürzungen bei Hilfebedürftigen schaffen keine

arbeitsplätze.

• Die 100-%-Kürzungen bei Jugendlichen sind

verfassungswidrig. Sie verfehlen auch ihre

abschreckende Wirkung. Vielmehr werden hier-

durch Jugendliche an den Rand der Gesellschaft

in Schwarzarbeit und Kriminalität gedrängt,

anstatt sie hineinzuholen. Betroffen von den

Kürzungen sind dann meist auch die Familien-

angehörigen, die die jungen Erwachsenen

„durchfüttern“ müssen.

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• Individuelle motivation und Stärkung der

Hilfebedürftigen sind die Schlüssel für eine

erfolgreiche arbeitsmarktpolitik auf der

individuellen Ebene. Dies führt zur Erhaltung

der Beschäftigungsfähigkeit, zur Vergrößerung

der Chancen auf dem arbeitsmarkt und zur

Gesunderhaltung. alle drei Dinge sind vor dem

Hintergrund der demographischen Entwicklung

in Deutschland besonders wichtig. Die anzahl

der erwerbsfähigen Personen in Deutschland

wird in Zukunft abnehmen. Erwerbslose bilden

hier die „Reserve“. Können wir es uns leisten,

millionen von Potentialen brachliegen zu lassen?

Die Leistungsbescheide müssen kürzer,

vollständig und verstehbar werden.

• Die meisten Bescheide sind um bis zu 50 % zu

lang. (Der Teil „Einkommensverteilung“ ist für

die Hilfebedürftigen weder relevant noch

verständlich.)

• Die anerkannten unterkunfts- und Heizkosten

werden nur zusammen mit der Gesamthöhe

benannt. Es ist nicht ersichtlich, wie diese

berechnet wurden. Ebenso unvollständig ist die

anrechnung von Erwerbseinkommen. Dies

führt zu unverständnis bei den Betroffenen und

zu einem erhöhten Verwaltungsaufwand, da

diese angaben extra nachgefragt werden

müssen. außerdem widerspricht dies dem

Begründungsgebot (§ 17 SGB X).

• Die Verwaltungssprache muss allgemeinverständlicher

werden. Häufig sehen sich Hilfs-

bedürftige nicht in der lage, die Briefe und

Bescheide der Behörden zu verstehen.

Für migrant/innen sind die Bescheide meist

überhaupt nicht zu verstehen.

Die Jobcenter brauchen ausreichendes und

qualifiziertes Personal.

• Durch viele befristete arbeitsverträge ist die

Fluktuation enorm hoch. Die Qualität der arbeit

der Jobcenter ist nur so gut wie die Qualität der

einzelnen mitarbeiter/innen.

• Die Komplexität des SGB II führt zu enormen

arbeitsanfall, der mit dem bisherigen Personal

nicht in angemessener Zeit zu leisten ist.

Dies führt zu Verzögerungen bei der antrags-

bearbeitung, die für die Hilfebedürftigen

existenziell ist.

Angemessene Regelsätze

• Die Höhe der Hilfeleistung muss angemessen

sein. Bisher (bis Ende 2010) gibt es eine unter-

deckung in vielen Bereichen.

Gesundheitsförderung für Arbeitslose

• arbeitslosigkeit macht krank – Krankheit macht

arbeitslos. obwohl es genug statistische unter-

suchungen darüber gibt, dass arbeitslosigkeit

und Krankheit häufig einhergehen, gibt es

kaum Konzepte und umsetzungsmöglichkeiten

für die Gesundheitsförderung. Die Kranken-

kassen halten sich bedeckt; die Jobcenter

und arbeitsagenturen dürfen grundsätzlich

keine Gesundheitsmaßnahmen anbieten.

andere Finanzträger sind nicht in Sicht.

auf dem freien markt können sich alG II-Empfänger/

innen die angebote kaum leisten. Es bleiben nur

die therapeutischen angebote der gesetzlichen

Krankenversicherungen, wie Psychotherapie und

Kuren. Voraussetzung hierfür ist, dass eine Krankheit

schon vorliegt. Prävention setzt vorher an.

Arbeit:

Arbeit muss sich wieder lohnen: Wir brauchen

flächendeckende Mindestlöhne.

• Die ausweitung des Niedriglohnsektors in den

letzten Jahren führte dazu, dass viele menschen

ihren lebensunterhalt trotz Vollzeitbeschäftigung

nicht decken können und auf Sozialleistungen

angewiesen sind.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

HARTz IV HARTz IV

Arbeit und der Zugang zu Beschäftigungs-

möglichkeiten müssen menschlich sein.

• Die arbeitsdichte ist in den letzten Jahrzehnten

bei den arbeitsplatzbesitzer/innen kontinuierlich

gestiegen. Die anzahl der arbeitsbedingten

psychischen Erkrankungen, wie Burn-out-

Syndrome, ist wesentlich angestiegen. auf der

anderen Seite suchen viele qualifizierte

menschen Beschäftigung.

Wir brauchen eine bessere Verteilung der arbeit.

Arbeitslosigkeit ist das Fehlen von bezahlten

Beschäftigungsmöglichkeiten.

• Vollbeschäftigung ist im System der maximalen

Kapitalertragssteigerung ein märchen.

arbeitslosigkeit ist systembedingt und liegt

nicht an einzelnen menschen!

• Gerne wird die „Schuld“ und Verantwortung

auf den/die einzelne/n arbeitslose/n geschoben.

Die Schuldfrage zu stellen, ist in keinem Fall

zielführend. anderen Schuld zu geben, heißt,

den anderen zu erniedrigen und sich selbst zu

erhöhen.

Wir brauchen keine Erniedrigung, sondern starke,

beschäftigungsfähige, kreative menschen.

Gesellschaft:

Vom Bruttosozialprodukt zum Bruttosozialglück.

• Die Gier nach Geld und Gewinn ist im

psychologischen Sinn der Versuch, die

Sehnsucht nach Glück über das materielle

und dem medium „Geld“ zu erfüllen.

Doch dieses Streben ist fehlgeleitet und

kann letztlich die Sehnsucht nicht stillen.

• Ähnlich der umweltverträglichkeitsprüfung

bei Bauvorhaben brauchen wir eine „Brutto-

sozialglück-Prüfung“ in allen (öffentlichen)

angelegenheiten. Die aufmerksamkeit muss

sich verstärkt weg von der maximalen Kapital-

ertragssteigerung hin zur Steigerung des

Glückes wenden, also zu dem vielleicht

Wichtigsten im leben.

Wir brauchen Visionen und neues Denken.

• Die Welt verändert sich immer schneller.

Globalisierung, endliche Ressourcen,

steigende medizinische Kosten und Klima-

wandel sind nur einige Themen.

Traditionalistisches Denken, Klientel- und

lobbypolitik helfen hier nicht weiter.

Wir brauchen eine breite offene Diskussion

darüber, wie wir leben wollen und wie wir mit

den (absehbaren) Herausforderungen umgehen

wollen.

• Wir brauchen einen Systemwechsel in vielen

Bereichen. Eines davon könnte das bedingungs-

lose Grundeinkommen sein (hierzu mehr:

Gegen den Trend 2010: Soziale Gerechtigkeit –

Gesellschaft im Wandel „Grundeinkommen?

Bedingungslos!“, S. 30 - 42). Der hohe büro-

kratische aufwand entfällt für alle Beteiligten.

Die sozialpädagogischen Hilfen können sich wieder

auf das „Wesentliche“ konzentrieren.

Literatur:

8. Literatur/Links

• leitfaden für arbeitslose, FH-Verlag Frankfurt

• leitfaden zum arbeitslosengeld II, FH-Verlag

Frankfurt

• Soziale Sicherung im Überblick, kostenlose

Broschüre des Bundesministeriums für arbeit

und Soziales www.bmas.de (unter Publikationen)

26_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Internet:

• SGB II

www.harald-thome.de

(u. a. Dienstanweisungen der Bundesagentur

für arbeit)

• Sozialversicherungen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialversicherung

• Statistische Daten Deutschlands:

www.statistik-portal.de/Statistik-Portal

• Berichte zu arbeitslosigkeit und Beruf:

www.iab.de

• Geschichte der armut:

http://de.wikipedia.org/wiki/armut_im_

geschichtlichen_Wandel

http://w3-o.hm.edu/fb11/lehrmaterial/

Sagebiel/material/arm_und_isoliert.pdf

• Bruttosozialglück:

http://thomas-caspari.de/bhutan/gnh/index.htm

Matthias Braunholz

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GEGEN DEN TREND ’2011


SäkulARe

VeRTeIluNGS-

GeRecHTIGkeIT

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

SäkulARe VeRTeIluNGSGeRecHTIGkeIT

Säkulare

Verteilungsgerechtigkeit 1

„We don´t only need good workers –

these days are over.“ 2

Kein Auslaufmodell: der Mensch als Mensch

auf Befehl Kaiser Karls des Großen entstand aus

der sog. „Dreifelderwirtschaft“ für Europa die

Grundlage für ein starkes Bevölkerungswachstum,

das erst durch die Pestwelle in der mitte des

14. Jahrhunderts beendet wurde. abwechselnd

wurden die Felder mit Sommergetreide, Wintergetreide

und als Brachland bewirtschaftet. In

Verbindung mit weiteren Erfindungen konnten die

Ernteerträge so deutlich erhöht werden. Diese mittelalterliche

Form eines technischen Fortschritts

erbrachte bei geringerem aufwand ein Wachstum,

für das kein mensch verantwortlich war. Verantwortlich

war etwas anderes.

am 25.10.2006 gab der damalige arbeitsminister

Franz müntefering auf einer Podiumsdiskussion 3

u. a. mit Kurt Biedenkopf in der osnabrücker

Stadthalle bekannt, warum die Verantwortlichen

das vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen

am arbeitsmarkt (Hartz IV) am 09.07.2004 beschlossen

hatten. Seinen aussagen nach wurden

von 2000 - 2005 jedes Jahr durchschnittlich

350.000 vollzeitäquivalente arbeitsplätze in der

deutschen Wirtschaft abgebaut. Nur 50.000 davon

übersiedelten ins ausland. Die übrigen 300.000

arbeitsplätze wurden durch den technischen Fortschritt

überflüssig. Da es darüber hinaus in diesem

Zeitraum ein Nullwachstum gab, war es nicht

annähernd möglich, die verlorenen arbeitsplätze

durch arbeitsplätze zu ersetzen, die aus Wachstum

neu entstanden. „Wir mussten etwas tun!“ um den

1 Vollständige wirtschaftswissenschaftliche Version unter http://www.vstoeckel.de

2 Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker im Film „Rhythm is it!“

3 osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft 14/2007

Trend aufzuhalten, sahen sie als einziges probates

mittel die Senkung der löhne. Hartz IV war geboren.

Der technische Fortschritt ist ein wesentliches

Element der sog. wirtschaftlichen Entwicklung und

der wichtigste Grund für Wachstum. Dies wird besonders

plastisch in der landwirtschaft deutlich.

Während noch vor hundert Jahren ein/e Bauer/

Bäuerin drei menschen ernähren konnte, gelingt

dies einem gleichen Bauern/Bäuerin heute für

weit über hundert menschen.

Technischer Fortschritt durchdringt nahezu sämtliche

arbeitsbereiche. Schwierig allerdings wird

es, wenn es um menschliche arbeit am menschen

geht. In Japan wird derzeit der Einsatz von Pflegerobotern

erprobt.

In der Produktion wird der mensch zunehmend

überflüssig, weil er sich durch seine Geisteskraft

Werkzeuge (sog. Kapital) geschaffen hat, die

ihm die mühe solcher arbeit durch effizienten

Energieeinsatz mehr oder weniger abnehmen.

Entsprechend nennt max Weber diese Werkzeuge

„Geronnener Geist“ und Karl marx sinngleich

„Geronnene arbeit“ - maschinen, geschaffen durch

menschenarbeit, im Grunde der verlängerte arm

des arbeitenden menschen zu seinem Nutzen,

der nicht Geld ist. Das kann man beklagen. man

kann aber auch darüber nachdenken, was der

mensch mit diesem neu gewonnenen Freiraum

anfängt. Denn als mensch ist der mensch selbstverständlich

kein auslaufmodell.

Gedanken und Theorien zur gerechten

Güterverteilung

Für eine Verteilung stehen eigentlich nur zukünftige

Erträge zur Verfügung, denn Vermögen

sind gesetzlich gewährleistet. Wenn nun aber

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Säkulare Verteilungsgerechtigkeit Säkulare Verteilungsgerechtigkeit

die meisten Zuwächse wie von einer unsichtbaren

Hand über den technischen Fortschritt entstehen,

wer hat dann einen anspruch darauf?

Eine Forderung ist, die Früchte all dessen unter

den menschen leistungsgerecht zu verteilen. Es ist

allerdings sehr diffus, diese leistungsgerechtigkeit

für die Einzelnen zu ermitteln. Nimmt man allein

diese „unbestimmte“ leistung als maßstab, wird

die Entscheidung willkürlich. Einige werden grundlos

gegenüber anderen bevorzugt und, was noch

schlimmer ist, andere werden gegenüber den einen

benachteiligt. Ist das vor allem in den heutigen

Dimensionen gerecht?

Eine andere willkürliche Entscheidung dieser art

ist die Gleichverteilung. Würde die aufteilung zukünftigen

Wachstums so geschehen, dass bei einer

ungleichen Teilung der Gütermengen die ärmere

Hälfte der menschen den größeren Teil bekäme,

so würde dies zwar schrittweise zu einer Gleichver-

teilung führen. Gleichverteilung ist aber nur scheinbar

eine lösung des Gerechtigkeitsproblems.

Beispiel: In einem Raum befinden sich zwei

menschen. Der eine liebt Äpfel und verabscheut

Birnen, der andere verabscheut Äpfel und liebt Birnen.

Nunmehr werden wie von einer unsichtbaren

Hand zwei Äpfel und zwei Birnen in den Raum

gereicht und jedem eine dieser Früchte gegeben.

man sieht leicht, dass damit beide einen Vorteil

und einen Nachteil erhalten haben. Beide lieben

eine ihrer Früchte und verabscheuen die andere

Frucht. optimal wäre die Verteilung, wenn der

apfelliebhabe beide Äpfel bekäme und der Birnenliebhabe

beide Birnen. Wären beide kommunikativ,

so würden sie sich sicher schnell über diese (um-)

Verteilung einig werden. Wird jedoch die Gleichverteilung

durchgesetzt, so ist annähernd die

Halbierung beider Nutzen vorgenommen worden.

mikroökonomisch könnte man sogar den Vorteil

beider mit deren Nachteil verrechnen und käme bei

beiden zu einem Nutzen von annähernd „Null“. Das

Beispiel lässt sich auf beliebig viele menschen und

Güter erweitern. Eine solche Gerechtigkeit würde

das Kind mit dem Bade ausschütten.

In seiner Theorie der Gerechtigkeit ging es dem

amerikanischen Philosophen John Rawls vor allem

darum, dass seine Gerechtigkeitsgrundsätze von

den menschen intuitiv für richtig gehalten werden.

In seinen Sätzen sucht er eine Gesellschaft, bei

der es unter Zulassung von ungleichheiten den

Ärmsten noch am besten geht. Seine zwei Grundsätze

der „Gerechtigkeit als Fairness“ lauten:

1. „Jede Person hat den gleichen unabdingbaren

Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher

Grundfreiheiten, das mit demselben System von

Freiheiten für alle vereinbar ist.“

2. „Soziale und ökonomische Ungleichheiten

müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen

sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die

unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen

offenstehen; und zweitens müssen sie den am

wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft

den größten Vorteil bringen.“

Rawls wollte mit dieser ordnung verhindern, dass

in abgrenzung des von ihm kritisierten utilitarismus

(s. das folgende Kapitel: „Nutzentheorie“) auf

Freiheiten zugunsten materieller Güterverteilung

verzichtet werden darf. Der utilitarismus entwickelte

sich jedoch als wesentliches Verteilungskriterium

materieller Güter, aus dessen logik sich jener Vorschlag

rechtfertigt, den Dahrendorf bezeichnet als

„Fußboden, auf dem alle stehen, eine rechtliche und

sozialökonomische Grundposition, die niemandem

verwehrt, ja die für alle geschaffen wird“ und die

ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist.

lord Ralf Dahrendorf, der langjährige Direktor der

london School of Economics, äußerte sich dementsprechend,

„wenn der Status von menschen

diese in die lage versetzt, die Bürgerrechte anderer

zu beschränken, dann ist das in einer freien

30_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Gesellschaft nicht akzeptabel.“ Deshalb ist eine

gewisse Güterversorgung eines jeden Voraus-

setzung für die Freiheit aller und steht ihr keinesfalls

im Weg. Die ablehnung der gleichen materiellen

Güterverteilung zugunsten der Freiheit ist also

nicht grundsätzlich der richtige Weg.

Die Gaben der Welt nicht sinnlos

verschwenden

Dem entspricht auch das deutsche Grundgesetz

vom 23.05.1949: Ein wesentlicher Sinn ist nicht

das Verteilungsverfahren oder die hieraus entstehenden

Vor- und Nachteile, sondern, die Gaben

der Welt nicht zu verschwenden. Das hierfür

maßgebliche Prinzip ist das Wohlergehen des

menschen. Es schwören dem entsprechend die

höchsten Beamten des Staates:

Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des

deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren,

Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die

Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine

Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit

gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott

helfe. (art. 56 und 64 GG)

Zentral steht die mehrung des Nutzens.

Nutzentheorie

Der Begriff des Nutzens entstand bald nach 1700,

als die Grundprinzipien der mathematischen

Wahrscheinlichkeitsrechnung entwickelt wurden.

Jeremy Bentham, einer der Vordenker des heutigen

Sozialstaates, entwickelte hieraus den sog.

utilitarismus und schrieb dazu: „ mit ´Nutzen` ist

diejenige Eigenschaft einer Sache gemeint, wodurch

sie zur Schaffung von Wohlergehen, Vorteil,

Freude, Gütern oder Glück tendiert“.

Bentham charakterisiert Nutzen mit den vier

Eigenschaften Intensität, Dauer, Sicherheit und

persönliche Nähe.

Es mag dann ein geistesgeschichtlicher Quantensprung

gewesen sein, als der preussische Nationalökonom

Hermann Heinrich Gossen 1854, und nur

wenige Jahre später zeitgleich an anderen orten

die drei Ökonomen Jevons, menger und Walras,

das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (zusätzlichen

Nutzen) erkannten.

1. Gossensches Gesetz

„Die Größe ein und desselben Genusses nimmt,

wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen

fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt

Sättigung eintritt.“

Damit ist deutlich, was eigentlich jedem intuitiv

klar sein dürfte. Das mehr und mehr eines gleichen

Gutes erbringt immer weniger zusätzlichen Nutzen,

bis es Sättigung gibt und darüber hinaus nur noch

Nachteile. Der anstieg des Gesamtnutzens verlangsamt

sich somit. (Paul a. Samuelson)

Beispiel: Der erste Schluck Wasser ist für einen

Durstigen/eine Durstige sehr nützlich, der zweite

auch, doch schon etwas weniger und es nimmt

jeder weitere Wasserschluck an Nützlichkeit und

damit Wichtigkeit für das Individuum ab solange,

bis es gesättigt ist. Darüber hinaus würde der

mensch ertrinken.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Säkulare Verteilungsgerechtigkeit Säkulare Verteilungsgerechtigkeit

Dieses Prinzip gilt für alle Güter, wobei Geld als

mittel die Güter repräsentiert. Die Wichtigkeit

aller Güter bestimmt das Individuum aus seiner

privaten Konstitution, aus seinen Vorlieben

(Präferenzen). Es war dann der Wirtschaftswissenschaftler

John Harsanyi, der das Prinzip auf nicht

materielle Zusammenhänge erweiterte.

Politisch stellen Bentham´s Vorschläge, veröffentlicht

im Jahr 1789 der französischen Revolution,

ein demokratisches maß dar, weil es nicht auf die

Entscheidung eines Souveräns, sondern auf die

individuelle eigene Entscheidung baut. Dementsprechend

handelt es sich beim Nutzen um ein

individuelles Vorteilhaftigkeitsmaß im Gegensatz

zum Geld als kollektives Vorteilhaftigkeitsmaß.

Das Ziel Bentham´s war „das größte Glück für die

größtmögliche anzahl [von menschen]“. Es geht

darum, das Recht aller menschen auf ihren Nutzen

gleich zu behandeln und dabei Verschwendung zu

vermeiden. Wie anders als Verschwendung könnte

man es nennen, wenn z. B. ein unmusikalischer

mensch eine Stradivari besäße und diese dem

musikalischen menschen aus niederen Beweggründen

wie z. B. Gier vor enthielte. und man

erkennt an diesem Beispiel zudem, dass die Ver-

teilung der Stradivari an den musikalischen menschen

Nutzen für alle erbringt, da hierdurch musik in

die Welt gelangt. Diese synergetischen Vorteile der

nutzenorientierten Verteilung sind ihr tieferer ökonomischer

Grund. Danach begründen zahlreiche politische

Denker von heute ihre Gesetzesvorschläge.

Die „Maslowsche Bedürfnispyramide“

Verteilungsgerechtigkeit hängt letztlich nicht von

der bloßen aufteilung von Geld bzw. Gütern ab,

sondern vom individuellen Verhältnis des menschen

gegenüber diesen Gütern (sog. Präferenzen). In einer

Welt der theoretischen mengen kann man sich das

so vorstellen, dass jeder mensch eine Reihenfolge

aller Güter seiner Welt entsprechend derer

Beliebtheit für ihn aufstellt (sog. Bedarf ). Was

jeweils später benannt wird, hat für die betreffende

Person auch einen entsprechend geringeren

zusätzlichen Nutzen.

Eine Verteilung unter Individuen ist dann gerecht,

wenn die anteile für die Individuen die gleiche

Bedeutung haben, d. h., wenn die einzelnen

individuell befriedenden Güter für sie den gleichen

zusätzlichen Nutzen darstellen. Die Vorstellung,

diese individuelle Bedeutung der Güter sei bei

gleichen anteilen gleich, gilt nur für den einen

unmöglichen Fall, dass alle menschen genau

gleich sind. Die Forderung nach gleichen mengen

entspricht deshalb eher dem, was man landläufig

als missgunst bezeichnet. andererseits gewährleistet

die Gleichverteilung, dass man eben

selbst bekommt, was der andere hat; die hierfür

landläufige Bezeichnung ist „Neid“ 4 .

Da die menschen ungleich sind, haben gleiche

Gütermengen eine unterschiedliche Bedeutung für

sie - das heißt, dass ein jedes Gut dem menschen

nur dann ein Nutzenmaximum bereitet, wenn es in

der individuell entsprechenden menge vorgehalten

wird. Dies spricht für die ungleichverteilung

anhand der individuellen Bedarfe und führt damit

zu Gerechtigkeit.

Die für die praktische umsetzung alles entscheidende

Frage ist dabei, wie die individuellen Nutzeneinschätzungen

und also die Bedarfe der menschen

wahrheitsgemäß ermittelt werden können. Denn

natürlich haben die Individuen z. B. in einer

Befragung den anreiz, falsche angaben zu machen,

die ihnen letztlich mehr mittel einbringen würden

als sie wahrhaftig bedürfen. In unserer Zeit der

Nicht-messbarkeit und Nicht-Vergleichbarkeit

von Nutzen, in der ersatzweise über Preise und

individuelle Budgets mittels Geld die Knappheit

4 Die Konzepte Neid und missgunst sind in den ökonomischen Betrachtungen

einer demokratischen Gesellschaft ausgeschlossen, da sie zu

keinen willkürfreien Ergebnissen führen.

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der Güterverteilung funktioniert, kann dieses

Verfahren deshalb nur bedingt umgesetzt werden.

Entsprechend gibt es einen Hinweis aus der

Geschichte: „Schon die Verfassung des antiken

Sparta zwischen 700 und 200 v. Chr. garantierte

jedem mitglied der Gesellschaft die lebensnotwendigen

Güter, unabhängig von erbrachter

arbeitsleistung“ (WaGNER (2009, S. 4)).

Die menschen zeigen einer Wirtschaft die Nützlichkeit

deren Handelns über die Nachfrage. Nach

der vom amerikanischen Psychologen abraham

maslow entworfenen Bedürfnispyramide, die eine

Konkretisierung des o. g. 1. Gossenschen Gesetzes

vom abnehmenden Grenznutzen ist, wird immer

zunächst die Befriedung der allerersten Grundbedürfnisse

nachgefragt. Es geht um die allererste

Bedürfnisbefriedigung, der jeder mensch als erstes

nachgeht, unabhängig davon, ob er/sie reich oder

arm, alt oder jung, krank oder gesund, gebildet

oder nicht gebildet usw. ist. man kann deshalb

hier von den wichtigsten Bedürfnissen oder auch

von Notwendigkeiten sprechen, die unbedingt

sind, die jedes menschliche leben bedingungslos

voraussetzt. Dabei handelt

es sich um die bemerkenswerte

Situation, dass der

Nutzen dieser Güter für die

menschen zwar immer noch

nicht messbar, jedoch für alle

vergleichbar und zudem nutzenmaximal

ist. Folglich gibt es

keine bessere möglichkeit

Ressourcen zu verteilen, als

auf die Befriedung der allerersten

Bedürfnisse das oberste

Gewicht zu legen.

Maslowsche Bedürfnis-

pyramide

Die mittel hierfür entsprechen in der heutigen Zeit

dem täglichen Bedarf an Ernährung, Kleidung,

Wohnung und medizinischer Versorgung und müssen

in einer Kulturgesellschaft um ein mindestmaß

an kultureller Teilhabe ergänzt werden. Diese

bedingungslose Grundversorgung ist in einer

hoch arbeitsteiligen Gesellschaft durch ein ebenso

bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) in ent-

sprechender Höhe verschwendungslos gewährleistet.

Hinweise für ein Bedingungsloses Grundeinkommen:

1. Jeder/Jede braucht in der Gesellschaft Geld, um

zu überleben und jeder/jede bekommt auch Geld.

2. Die Geldverteilung der BGE-Verteilung ist effizient

(im ökonomischen Sinne verschwendungslos).

3. Da die allererste individuelle Bedürfnis-

befriedigung unter Knappheit am vorsichtigsten

erfolgt, können arme mit den mitteln des BGE am

besten umgehen. mit zunehmender Nicht-armut

lässt diese Vorsicht wegen abnehmender Notwendigkeiten

nach; für Nicht-arme, die Reich sind, ist

die freiwillige individuelle Weitergabe des BGEumfangs

aus ihrem Zusatzeinkommen

eine möglichkeit,

in diesem Sinne solche mittel

in kompetente Hände ihrer

Wahl zu übergeben.

Durch das BGE ist in dem

Bereich der allerersten Bedürfnisbefriedigung

nach

Nutzenmaßgabe bis auf

weiteres die Gleichverteilung

das optimale Instrument

und darüber hinaus die ungleichverteilung.

Nach der

Befriedung der allerersten

Bedürfnisse mittels BGE wird

jedes weitere mittel individuell

nutzenmaximal je nach Bedarfsstruktur dann

eingesetzt, wenn die weiteren Güter zu einem

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GEGEN DEN TREND ’2011

Säkulare Verteilungsgerechtigkeit Säkulare Verteilungsgerechtigkeit

Wohlfahrtsgewinn 5 führen. Das heißt, falls ihr

individueller Nutzenzuwachs das arbeitsleid

(Disnutzen) übersteigt, das zu ihrem Erwerb

eingebracht werden muss, aber niemals (außer

irrational) andernfalls; genau diese Situation ist

unter arbeitszwang so gut wie ausgeschlossen.

Verteilungstheoretisch und verteilungspolitisch

wirkt das Sozialstaatsmodell des Bedingungslosen

Grundeinkommens zu den drei Konzepten

der ungleichverteilung (Freiheit), der Gleichverteilung

(Gleichheit) und der nutzenorientierten

Verteilung (Geschwisterlichkeit) verknüpfend als

ein Gewebe, aus dessen Struktur alle menschen

dezidiert, also auf eine eindeutige und bestimmte

Weise, Chancengleichheit erlangen.

Das BGE: Kein Abgesang

auf die Erwerbsarbeit

Eine Befürchtung zum BGE lautet, dass sich daraus

ein sog. Kombilohn ergeben könnte. Damit ist gemeint,

dass löhne generell zum Teil vom Staat getragen

würden und damit der sog. freie arbeitsmarkt

staatlich unterminiert würde (lohnsubvention).

abgesehen davon, dass für Deutschland auch dieses

Problem heute schon durch Hartz IV faktisch existiert:

Preistheoretisch ist es nicht zu begründen, denn in

einer Konkurrenzwirtschaft wird der unternehmer/

die unternehmerin gezwungen sein, durch niedere

löhne erreichte Kosteneinsparungen früher oder

später an die Preise seiner/ihrer Güter weiter zu

geben - er/sie muss also seine/ihre Güterpreise

senken und die Einsparungen also an die Kunden

weitergeben; andernfalls wird dasselbe sonst der/

die jeweilige KonkurrentIn machen und die

Kunden des nicht angepassten mitbewerbers/

der nicht angepassten mitbewerberin für sich

gewinnen. lediglich das „früher oder später“

kann kurzfristige Gewinne erbringen.

Durch ein Grundeinkommen erhält der mensch

und seine Familie je nach ausgestaltung Ver-

handlungsmacht. mit dieser macht hat jeder/jede

entsprechend mehr oder weniger die Kraft, lohnverhandlungen

in seinem/ihren Sinne zu führen.

Was hieraus geschieht, ist allerdings Verhandlungssache

der Individuen.

Im übrigen dürfte es dem menschen egal sein, woher

er/sie sein Einkommen erhält. Zu aller erst ist

wichtig, dass es in einer Zeit der Fremdversorgung

überhaupt ein Einkommen gibt. andernfalls gibt es

zwar einen Bedarf, aber keine Befriedung desselben

und folglich auch keinen Nutzen.

Durchschnittlich kann dies in Deutschland dazu

führen, dass die Differenz zwischen heutigen Bruttokosten

und heutigem Nettolohn nach Steuern,

die sog. Tara, an die arbeitnehmerInnen ausgezahlt

wird anstatt wie heute an den Staat. Den

unternehmerInnen entstehen so keine höheren

lohnkosten und sie haben hierbei die möglichkeit,

diese Nettolöhne ihrer arbeitnehmerInnen

nach Steuern durchschnittlich zu verdoppeln, um

diesen einen anreiz zu bieten, ihre arbeit zu tun

(was diese ja wegen ihres Grundeinkommens nicht

müssten, nur könnten). So bieten sich für arbeitnehmerInnen

lohnverhandlungen an, deren Ergebnis

zwischen einem Nulllohn und durchschnittlich

der Verdopplung heutiger Nettolöhne nach Steuern

liegen. Es ist zu einem großen Teil individuelle

Sache der VerhandlungspartnerInnen, auf welchen

Betrag sie sich einigen. Je nach Ergebnis werden

die Preise der Güter, welche die VerhandlungspartnerInnen

dem markt anbieten, im minimum die

Nichtlohnkosten und im maximum durchschnittlich

den heutigen Preisen entsprechen.

So wenig wie sich ein BGE gegen Erwerbsarbeit

stellt, spricht dadurch nichts gegen Gewerkschaften.

Diese müssten sich allerdings grundlegend

neu ausrichten. Ihr aufgabengebiet würde

5 Wohlfahrt ist die Zusammenfassung der von den menschen empfundenen

Nutzen.

34_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

sich vielleicht auch auf die Interessenvertretung

aller BGE-empfangenden menschen ausweiten

und nicht nur auf die bei ihnen eingeschriebenen

mehr oder weniger Erwerbslohn empfangenden

mitgliederInnen. Die ansprechpartnerschaft in der

allgemeinen arbeitswelt, nicht nur der Erwerbsarbeitswelt,

könnte auf allen Ebenen bereitgehalten

werden, sei es gegenüber den Beschäftigten mit

und ohne lohn, gegenüber dem Staat, den arbeitgebern

oder der sonstigen Öffentlichkeit. auch

allgemeine lohnverhandlungen sind weiter deren

Betracht, jedoch nicht mehr ihre Domäne. Vielleicht

könnten sich kleinere Interessenverbände unter

arbeitnehmern ohne Funktionäre bilden, von denen

jede/jeder sein garantiertes Streikgeld (BGE)

mitbringt. Ein solch neuer Wettbewerb führt zu

neuem ansprüchen. und überhaupt könnten sich

Gewerkschaften gegenüber allen gesellschaftlichen

Problemfeldern engagieren, die ihnen dann oder in

Zukunft auffallen – sie wären weiter eine Interessenvertretung,

dann allerdings demokratisch, wirksam

und ohne künstliche (interessengesteuerte) Grenzen.

Zweidrittel aller arbeit wird heute in Deutschland

zu einem Null-lohn getan. Dies ist z. B. Haus-,

Pflege- und Familienarbeit oder ehrenamtliches,

bürgerschaftliches Engagement. „arbeit“ ist also

längst nicht nur „Erwerbsarbeit“, sondern die

„möglichkeit der Freiheit, zustande zu kommen,

wenn ich als mensch eine stimmige Form hervorbringe“

6 . Das BGE kann nicht nur zu einer größeren

Verteilungsgerechtigkeit beitragen, sondern auch

zu einem neuen Denken: „Denn eines ist ja auf

jeden Fall deutlich: Die Haltung desjehnigen, der

6 Johannes Stüttgen, Beuys-Schüler.

7 Gerhard Wegner in „Wem dient die Wirtschaft? Vorwort zu „Ökonomische

Theorie und Christlicher Glaube“ von andrew Britton und Peter Sedgwick

sich überhaupt vom Wirtschaftsprozess distanzieren

kann, ist auf jeden Fall eine seltene. Sie aber muss

man einnehmen können, wenn man Wirtschaft

konsequent als Instrument für andere als die ihr

eigenen Zwecke formatieren will.“ 7

Literatur

• Britton andrew und Sedgwick Peter:

Ökonomische Theorie und Christlicher Glaube,

Hrsg. Gerhard Wegner, lIT Verlag Berlin 2008,

ISBN 978-3-8258-0162-5 aus Protestantische

Impulse für Gesellschaft und Kirche.

• Dahrendorf Ralf: In dubio pro libertate – Rede

zum Festakt anlässlich des 50jährigen Jubiläums

der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

am 19. mai 2008 von lord Ralf Dahrendorf.

• Krise ohne Ende? Welchen Weg geht die

marktwirtschaftliche Gesellschaft? Podiums-

veranstaltung zum osnabrücker Friedenstag

im Rahmen des Testaktes „20 Jahre osnabrücker

Friedensgespräche“ am 25.10.2006 in der

Stadthalle osnabrück. osnabrücker Jahrbuch

Frieden und Wissenschaft 14/2007 Soziale

Sicherheit und Frieden S. 103 – 122.

• Rawls Ralf: Eine Theorie der Gerechtigkeit.

Reihe Klassiker auslegen, akademie Verlag,

Berlin 1997, 2. aufl. 2006,

• Paul a. Samuelson und William D. Nordhaus

2005 Fachverlag Redline GmbH, landsberg am

lech Volkswirtschaftslehre – Das internationale

Standardwerk der makro- und mikroökonomie

ISBN 3-636-03033-7.

• Wagner, Björn (2009): Das Grundeinkommen in

der deutschen Debatte, in: Friedrich-Ebert-

Stiftung (Hrsg.): WiSo Diskurs, märz. Berlin.

Volker E. Stöckel

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GEGEN DEN TREND ’2011


DAS BeDINGuNGSloSe

GRuNDeINkoMMeN

(BGe) FüR DeuTScHlAND

eine Wirtschaft, die dem Menschen dient

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Das Bedingungslose

Grundeinkommen (BGE)

für Deutschland

Eine Wirtschaft, die

dem Menschen dient

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) –

die ermöglichte neue Gesellschaft

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird

heute von vielen als ein alternatives Sozialstaatskonzept

für Deutschland bzw. als Erweiterung

des hier heutigen Sozialstaates Bismarckscher

Prägung gesehen. Der Grund dafür ist die Zunahme

von armut sowie sog. „prekären Beschäftigungsverhältnissen“

in einem umfang, der gleichsam

ganze Völkerscharen betrifft, etwa wie die Bevölkerung

aus Österreich, Belgien und der Schweiz

zusammengenommen.

Dabei entspricht das Bedingungslose Grundeinkommen

einem vorsorgenden Sozialstaat. Die

heutige Praxis, menschen erst dann zu helfen,

wenn sie sich selbst nicht helfen können, diese

nachträgliche Sorge also, führt trotz allem

bürokratischen Bemühens aktuell zu vier bis fünf

millionen Bedürftigen bzw. Berechtigten, die

durch dieses System überhaupt nicht zur Kenntnis

genommen werden. Dem stellt sich das BGE mit

einem minimum an Verwaltung und der flächendeckenden

Vorsorge für alle menschen alternativ

entgegen. Bei gegebenen mitteln handelt es sich

um das einzige effiziente armutsbekämpfungsprogramm,

weil es niemanden vergisst, d. h. armut

weit umfassend vermindert (Gießkannenprinzip).

Es unterstützt damit die individuelle Kraft des

Einzelnen als Teil der Gemeinschaft bzw. vermeidet

ungenutzte Potentiale.

BGe FüR DeuTScHlAND

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)

Das BGE ist kein mindestlohn für Beschäftigte,

sondern ein mindesteinkommen für jede und

jeden. Das BGE ist ein Einkommen, das von

einem politischen Gemeinwesen an alle seine

mitglieder bedingungslos ausgezahlt wird.

In Deutschland wird zwischen Grundsicherung und

Grundeinkommen unterschieden 1 , darüber hinaus

spricht man von einem emanzipatorischen Grundeinkommen

2 , wenn seine Finanzierung vertikal

von oben nach unten, d. h. von Reich zu arm,

funktioniert und dabei auskommen und Erwerbsarbeit

deutlich entkoppelt sind; politisch wird dies

durch eine angemessene Höhe gefordert und teilweise

mit mindestlohn und ausreichender kostengünstiger

öffentlicher Infrastruktur verknüpft.

Die wesentliche Frage ist der Grad der Bedingtheit.

Während bei einem BGE per definitionem nur die

Bedingung des lebendigen menschseins und die

legale Zugehörigkeit zum politischen Gemeinwesen

Bedingung ist, fordert die Grundsicherung für ihre

auszahlung von den EmpfängerInnen darüber

hinaus leistungen für das politische Gemeinwesen.

Wichtige politische Vorschläge zu einem BGE für

Deutschland stammen aus den Parteien. Dem

zuvorkommend gibt es schon länger Vorschläge

von NGos (= non government organisations),

insbesondere mit versorgendem auftrag, sowie

von Privatpersonen.

1 Vergl. Blaschke Ronald, Garantierte mindesteinkommen – aktuelle modelle von Grundsicherung und Grundeinkommen im Vergleich. 1. aktualisierte und

erweiterte ausgabe Dresden, oktober 2005.

2 Das Dilthey-modell zur ausgestaltung eines emanzipatorischen BGE, 1. auflage 2007, Projekt Jovialismus.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland

Vergleich der wichtigsten sozialsorgenden

Vorschläge für Deutschland

(vgl. Blaschke Ronald, otto adeline, Schepers

Norbert (Hrsg.): Grundeinkommen. Geschichte –

modelle – Debatten/Reihe: Text/Rosa-luxemburg-

Stiftung; Bd. 67), Berlin: Karl Dietz Verlag 2010:

ISBN 978-3-320-02210-5)

Ein aktueller Vorschlag verschiedener namhafter

Institutionen des Bündnisses VamV ist die sofortige

Einführung einer Kindergrundsicherung zur

schnellen Behebung der armut von 2,4 millionen

Kindern in Deutschland in Höhe von 502,- Euro

monatlich für jedes Kind.

Verständnislose Empörung!

Natürlich gibt es Einwände: „Das ist nicht finanzierbar!

Dann geht keiner mehr arbeiten! Die

Gesellschaft wird paralysiert (Alle liegen in der

Hängematte)! Dann kommen alle Ausländer nach

Deutschland, um das BGE zu kassieren!“, sind

die häufigsten Einwände zum BGE. Es ist wie eine

anfechtung. aber das weist darauf

hin, dass man sich selbst nicht sicher

ist, freilich indem durch das halbe

Wissen die eigene unsicherheit zur

ablehnung als berechtigter Worst

Case vor sich selbst kaschiert wird.

Das klingt vernünftig, aber es ist

deshalb nicht die Wahrheit.

allen Gegenargumenten gleich ist,

dass die aufgezeigten Probleme

tendenziell heute schon existieren

und nicht erst durch das BGE entstehen

würden. Da solche Probleme

offensichtlich von unseren bisherigen

demokratischen Stellvertreter-

regierungen seit Jahrzehnten nicht

gelöst wurden und auch keinerlei

lösung in Sicht ist (z. B. arbeitslosigkeit),

bietet dem gegenüber ein BGE

die Chance, dass die BürgerInnen

selbst in ihrem bescheidenen BGE-umfang zu

lösungen beitragen, nicht von oben diktiert,

sondern von unten erwachsen (Subsidiarität).

So wird den BürgerInnen das BGE direkt zu ihrer

demokratischen Funktion beigegeben; in diesem

Sinne handelt es sich um eine Demokratiepauschale.

3 Die angaben beziehen sich bei haushalts-/bedarfsgemeinschaftsgeprüften bzw. veranlagten Grundsicherungen auf alleinstehende Personen.

4 Kdu = Kosten der unterkunft und Heizung, damit werden für die Bedürftige im Gegensatz zum WG = Wohngeld und zum WKZ = Wohnkostenzuschuss

(fast) alle Wohnkosten abgedeckt (nicht Strom). WG und WKZ sind lediglich Zuschüsse zu den Wohnkosten, die im geprüften Bedarfsfall vom zuständigen

amt gewährt werden.

5 Die angabe 860 Euro bezieht sich auf den Fall, dass zusätzlich zu den 500 Euro die gesamten, gegenüber heute erhöhten Kosten der unterkunft und

Heizung übernommen werden. Die auszahlung der Kosten der unterkunft und Heizung an die Transferbeziehenden durch die Ämter reduziert sich bei

steigendem Einkommen.

6 Die Berechnungen beziehen sich um das Jahr 2004 (SoEP 2005) und sind bei allen unzulänglichkeiten zu deflationieren. So zeigte z. B. der DPWV dementsprechend,

dass 2007 der HaRTZ-4-Regelsatz für Erwachsene 415 Euro betragen müsste. Die Regierung hatte also während der ersten drei Jahres bis Ende

2007 den HaRTZ-4-Regelsatz für Erwachsene faktisch um ca. 60 Euro monatlich nicht angeglichen.

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Erst recht ermöglichen sich damit neue Potentiale

synergetisch in Verbindung mit einem Erwerbseinkommen,

welches durch das BGE in keiner

Weise in Frage gestellt ist. mehr Netto vom Brutto

lautet die überdeutliche Folge und weist damit ein

weiteres Gegenargument in die Schranken: Das

lohnabstandsgebot 7 . andere aus dem Zusammenleben

der menschen resultierende Synergieeffekte

werden nicht wie heute monetär vermieden, denn

das gemeinsame Einkommen ist die Summe der

einzelnen Einkommen in der Gemeinschaft; die

Synergieeffekte können bei den BürgerInnen und

damit bei den lebensgemeinschaften bleiben

(Familienförderung).

Die Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften

Friedman, Hayek, meade, Samuelson,

Simon, Tinbergen und Tobin haben sich in den

letzten Jahrzehnten für die Einführung eines BGE

ausgesprochen. Es sind in den letzten Jahren im

deutschsprachigen Raum eine Fülle von Diplom-

arbeiten und Dissertationen zum Thema entstanden

– alle Verfasser sprechen sich für die Einführung

eines BGE aus.

lord Ralf Dahrendorf, einer der FDP-Elder statesman,

forderte in seiner Rede zum 50. Jahrestag

der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“

2008 u.a. vor Bundespräsident Köhler und eher

zum missmut der FDP-mitglieder „ein garantiertes

Grundeinkommen für alle…, das ein minimum an

(Über-)lebenschancen garantiert“. und es war

einer der CDu-ministerpräsidenten, Dieter althaus

(Thüringen), der ein modell vorschlug, das im

auftrag der Konrad-adenauer-Stiftung von zwei

Wissenschaftlern untersucht wurde. auch unter

Einbeziehung der darauf folgenden gewichtigen

Kritik an seinem Konzept eines Solidarischen

Bürgergeldes, u. a. von den sog. Wirtschaftsweisen,

lässt sich zusammenfassend feststellen:

1. Der Gini-Koeffizient als ein maß der ungleichheit

wird mit 0,214 besser sein als in den

skandinavischen Wohlfahrtsstaaten, d. h., die

ungleichheit in Deutschland wird minimiert. Die

deutsche mittelschicht 8 wird massiv gestärkt, die

armutsrisikoquote wird von heute offiziell 13,5 %

auf dann 2,85 % zurückgehen.

2. Ca. 1,2 millionen vollzeitäquivalente arbeitsplätze

werden von den arbeitnehmerInnen mehr

angeboten werden, d. h., in diesem umfang wird

die Bevölkerung mehr arbeiten wollen als heute.

3. Der heutige Sozialstaat besteht aus 37 Dienststellen,

die 155 Sozialleistungen ausreichen 9 .

7 Vergl. mdB Dipl.-Volkswirt Prof. Dr. Strengmann-Kuhn (Bündnis90/Die Grünen)

8 Statistisches zur Wirkung des Solidarischen Bürgergeldes (althaus-Konzept) – Das bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen als messgröße der

Einkommensverteilung von Volker Stöckel und Herbert Wilkens www.grundeinkommen.de

9 Idea.de Das christliche Nachrichtenportal vom 10.05.2008

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland

Durch das althaus-Konzept würden mehr als 100

dieser Sozialleistungen in das Solidarische Bürgergeld

aufgehen. Damit einher geht ein abbau von

Sozialstaatsbürokratie 10 , die heute ca. 27 – 28

milliarden Euro pro Jahr kostet. Hiervon würden

jährlich nach Einführung des Solidarischen Bürgergeldes

ad hoc 4 milliarden Euro, mittelfristig aber

linear interpoliert weitere 15 milliarden Euro Bürokratiekosten

eingespart. Darüber hinaus erbringt

das Solidarische Bürgergeld ca. 46 milliarden

Einsparungen im Staatshaushalt, sodass mittelfristig

durchschnittlich 65

milliarden Euro jährlich

gespart werden können.

Das bedeutet, dass es

unter sonst gleichen

umständen keine Nettoneuverschuldung

mehr

gibt und selbst unter

den Widrigkeiten der

heutigen sog. Finanz- und

Wirtschaftskrise milliarden der deutschen Staatsschulden

zurückgezahlt werden können.

Somit sind im althaus-Konzept mehrere Vorteile

dieses BGE wissenschaftlich dargestellt:

1. Es minimiert die Ungleichheit.

2. Es fördert den Arbeitswillen.

3. Es spart Staatsausgaben.

Zugleich sind drei der häufigsten Einwände gegen

das BGE entkräftet. Die Frage der armut, die Frage

der Zukunft der (Erwerbs-) arbeit (als Produktionsfaktor

sowie als gesellschaftspolitisches

Instrument) und die Frage der Finanzierung.

Diese und weitere Gegenargumente sollen

im weiteren näher betrachtet werden:

Auf den Grund gegangen

Finanzierung

Zur Finanzierung eines Grundeinkommens lassen

sich vor allem drei Formen unterscheiden:

Darüber hinaus ist in manchen ländern (nicht in

Deutschland) die Finanzierung aus den Verkäufen

von Rohstoffen möglich.

Die konkreten Vorschläge zur Steuererhebung für

Deutschland reichen von der sog. Negativen Einkommenssteuer

(z. B. althaus-Konzept) über die

ausschließliche Netto-allphasen-umsatzsteuer

(Werner) bis zur teilweisen Brutto-allphasenumsatzsteuer

(Dilthey) und stellen so ganz oder

teilweise steuersystematische Änderungen dar.

Weitere Konzepte finanzieren das BGE aus dem

10 Das ist ein Hauptargument des Bürgerlichen lagers für ein BGE. So zeigt z.B. Presse, dass ein zweigeteiltes monatliches Grundeinkommen (503,- Euro

für die einkommenschwächsten ca. zwei Drittel der Gesellschaft und 375,- Euro für das einkommenstärkste letzte Drittel der Gesellschaft) innerhalb von

Einkommensklassen zu gleichen Haushaltsbruttoeinkommen pro Person führen würde (Presse S. 112 ff.). Die theoretische Frage, was mit jenen HaushaltsmitgliederInnen

geschieht, die einen höheren Bedarf haben, beantwortet die Grundeinkommensinitiative damit, dass dieser höhere Bedarf zusätzlich gedeckt

wird (vergl. althaus, Werner et al.). Eine empirische Frage hierzu lautet dann, entstehen somit nach abzug der Bürokratiekosten unter sonst gleichen

umständen höhere oder niedere Gesamtkosten. Dem Ergebnis würden dann über eine Kosten-/Nutzenrechnung die Wohlfahrtsveränderung gegenüber

gestellt, um die maßnahme zu bewerten. Eventuell würde sich ergeben, dass wie schon durch das Hartz IV-Gesetz seit dem urteil des BVG vom 09.02.2010

hunderttausende öffentlich Bedienstete über sechs Jahre verfassungswidrige arbeit geleistet haben, weitere hunderttausende öffentlich Bedienstete

verschwendet , d.h. ineffiziente arbeit geleistet haben. Das würde bedeuten, dass schon heute Bürokratie in erheblichem ausmaße überflüssig ist. Dies

ist kein armutszeugnis der deutschen Verwaltung, aber ein armutszeugnis der repräsentativen Demokratie, deren Repräsentativität in weiten Teilen und in

diesem Sinne durch ein BGE zugunsten des Bürgers abgeschafft würde. Es wäre möglicherweise erst dieses BGE, welches die Rechnung aufgehen ließe.

Dann wäre das BGE nicht nur verschwendungsmindernd im o.g. Sinne, sondern zudem wohlfahrtssteigernd und damit wohlstandsfördernd.

11 Das Solidarische Bürgergeld – analysen einer Reformidee S. 52

12 Hierzu gehören Konsumsteuern (mehrwertsteuer, Ökosteuer usf.), Vermögenssteuern, Finanztransaktionssteuer usf

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heutigen Steuersystem.

Überwiegend wird hier

anstatt auf Verrechnen

auf Nehmen gesetzt, was

vermehrt Steuervermeidungsstrategienhervorruft;

es werden teilweise

neue Steuern geschaffen.

Bei der Negativen Einkommenssteuer erhält jede(r)

BürgerIn eine Steuergutschrift z. B. nach althaus

in Höhe von 800 Euro monatlich für Erwachsene

vom Finanzamt, ob Einkommen erzielt wird oder

nicht. Derjenige, der Einkommen erzielt, bezahlt

nur dann aus seinem Erwerbseinkommen Einkommenssteuern,

wenn seine Steuerschuld die

Steuergutschrift übersteigt (sog. Transfergrenze).

Diese Steuerzahler sind ab da netto die Finanzierer

dieses BGE. Es werden bis dahin die zu zahlenden

Erwerbseinkommenssteuern mit dem Grundeinkommensanspruch

(Negative Einkommensteuer)

vom Finanzamt verrechnet – überzählige Steuergutschriften

werden ausbezahlt.

Bei der ausschließlichen Netto-allphasen-umsatzsteuer

werden alle bisherigen Steuern und abgaben

aufgehoben und als Ersatz eine einzige Steuer

in Form der bisherigen mehrwertsteuer eingeführt,

so dass jeder Preis wie bisher zu ca. 50 %

aus Steuern besteht, diese jedoch nicht über das

komplizierteste Steuersystem der Welt, sondern

als einzige Konsumsteuer am Ende der Wertschöpfungskette

eingezogen werden. Würde sich diese

Finanzierungsform durchsetzen, wären die einzusparenden

bürokratischen Kosten in Staat und

Gesellschaft erheblich, da sich u. a. sehr große

Teile des Finanzamtswesens auflösen dürften,

von gleichen und anderen Einsparungen in den

Firmen und bei Privaten ganz zu schweigen.

als zusätzliche Steuer wird in vielen Finanzierungsvorschlägen

eine sog. Tobin-Tax (Finanz-

transaktionssteuer) gefordert.

Bei der Frage der Finanzierung aus Steuern ist zwingend

zu beachten: Niemand in Deutschland darf um

mehr als die Hälfte seiner Einkünfte besteuert werden

(sog. Halbteilungsgrundsatz) . Wichtiger noch:

Es können nicht über Geld Güter verteilt werden,

die nicht da sind, d. h., der Kuchen ist der Kuchen

ist der Kuchen und wird nicht mehr als der Kuchen

sein, bedruckte Geldscheine hin oder her 14 .

Der Kreis repräsentiert die alte nationalökonomische

Betrachtung des Volkseinkommens u. ä.

als Kuchen. als Bruttoinlandsprodukt stellt es

den insgesamten Geldwert aller Güter und Dienstleistungen

dar, die innerhalb der betrachteten

Periode innerhalb der landesgrenzen hergestellt

werden und dem Endverbrauch dienen. Etwa die

Hälfte dieses Güter-Kuchens wird in Deutschland

heute mit dem Verteilungsinstrument Geld vom

Staat verwaltet (nach Prognosen der Finanzbehörden

befinden sich in den Güterpreisen heute

durchschnittlich 53,3 % Steuern).

Würden von diesem Staatsanteil minimal verwaltet

ca. 3/5 als BGE ausgereicht und der Rest (2/5)

wie bisher durch die staatliche Erwerbsarbeit

errungen, so wären im Prinzip damit in Deutschland

ca. 1/3 des gesamten Kuchens an alle gleich

verteilt und ca. 2/3 ungleich verteilt; heute wird

der gesamte Kuchen unter den menschen ungleich

verteilt.

13 Prof. Dr. Wolfgang meyer, Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht, am 26.03.2010 auf einem Vortrag in Bochum zur juristischen Frage der Einführung

eines BGE (modellunabhängig). Die Finanzierung über eine 50%ige Konsumsteuer hält meyer für juristisch problematisch.

14 Grundsätzlich stellt Geld ein Äquivalent dar zu dem, was in unserer Welt an Gütern (im weitesten Sinne) zur Verfügung steht. Zur menge an Gütern, die in

einem Jahr in der BR Deutschland produziert werden, wird über die sog. Zentralbank Deutsche Bundesbank im Europäischen System der Zentralbanken

eine entsprechende menge an Geld zur Verfügung gestellt. Dies ist etwa so, wie zwei Seiten derselben medaille, auf der einen die menge an Gütern, auf

der anderen die menge des Geldes. Geld stellt quasi abstrakt dar, was real an Gütern vorhanden ist. Ein Problem ist es, wenn es mehr Geld als Güter gibt

wie 1923 im Deutschen Reich bekannt als Hyperinflation oder, wenn es mehr Güter als Geld gibt wie 1929 im Deutschen Reich bekannt als Deflation. Die

hieraus resultierenden Probleme sind hinreichend bekannt

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland

Arbeit gesellschaftspolitisch

Nicht grundlos scheint die aussage u. a. von

Schmidt 15 zu der These der Deformierung des

menschlichen Verhaltens zu sein. aber wenn

menschen Probleme haben, ihre Freiheit optimal

auszuleben, dann aufgrund der heutigen Verhältnisse

und der damit verbundenen Erfahrungen.

Vielleicht müssen diejenigen, die in diesem Sinne

geschädigt wurden, zunächst einmal lernen, ihr

eigener Herr zu werden, damit die für eine Deformierung

verantwortlichen argumente über die

Zeit auswachsen. Ganz wesentlich könnte dabei

die ökonomische Bildung des menschen sein,

Vorteile und Nachteile zu erkennen, und zwar in

der menge, der Zeit und der Sicherheit.

Was Politiker nur zu gerne komplett ignorieren,

ist, dass menschliche arbeit ökonomisch vor allem

eines bedeutet: leid! Dementsprechend denken

und sprechen Ökonomen bei arbeit grundsätzlich

von „arbeitsleid“. Damit soll nicht vergessen

werden, dass solche arbeit oft auch positive

aspekte für den menschen bereithält. Zum Beispiel

mag für den Einzelnen seine arbeit Erfüllung bedeuten.

Sie mag auch ein mittel sein, mit anderen

menschen in Kontakt zu kommen usw.. Dies alles

ist nicht zu ignorieren.

Jedoch ist auch nicht zu ignorieren, dass der

mensch jede seiner Sekunden nur einmal zur

Verfügung hat. Er muss sich immer entscheiden,

wie er mit seiner knappen Zeit umgeht. und

jede Entscheidung für eine Verwendung kostet

zugleich eine unendliche Zahl von nicht genutzten

Verwendungen, gegen die sich die Entscheidung

stellt. Diese unendliche anzahl von Verwendungsmöglichkeiten

sind in ihrer möglichen auswirkung

unbekannt. unabhängig davon sprechen Ökonomen

dabei von sog. opportunitätskosten, das sind

Kosten für eine verpasste günstige Gelegenheit.

man stelle sich vor, alle richtigen lottozahlen getippt

zu haben. aber leider hat man vergessen, den

lotto-schein abzugeben. Das, was man durch diesen

Fehler nicht bekommen hat, sind die opportunitätskosten.

und obwohl alle Kosten „schlimm“

sind, sind dieses die schlimmsten aller Kosten,

denn sie hätten leicht vermieden werden können -

sie bergen ein besonders tragisches leid.

Das Hartz IV-Gesetz zwingt menschen eine Entscheidung

auf. Das Kalkül zur Bestimmung der

richtigen Entscheidung muss aber beim individuellen

menschen liegen, denn nur er hat die ihm

entsprechenden Informationen, optimal für sich zu

entscheiden. Damit ist jede Form opportuner privater

sowie gesellschaftlicher Gewinne, die nicht

nur Geld sind, unmöglich gemacht. Die hieraus

entstandenen Wohlfahrtsverluste sind unermesslich.

15 Schmidt, manfred G. 1998: Wohlfahrtsstaatliche Regime: politische Grundlagen und politisch-ökonomisches leistungsvermögen,

in Stephan lessenich/Ilona ostner (Hrsg.), Welten des Wohlfahrtskapitalismus, Frankfurt/m., S. 179-200

42_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Armut

Bereits in „Gegen den Trend 2010“ wurde ausführlich

über die armut in Deutschland berichtet. Die

armutsbekämpfung ist eine wesentliche staatliche

aufgabe und ein wesentliches argument des Sozialstaatsprinzip

art. 20 (1) GG. Es geht dabei nicht

so sehr darum, menschen glücklich zu machen

als darum, Schaden zu vermeiden. allerdings sind

auch dies zwei Seiten derselben medaille.

Ein Hauptargument der besorgten Gegner eines

Grundeinkommens ist, dass man armut nicht

mit einem Geldsegen wie aus einer

Gießkanne bekämpfen kann, sondern

dass der Staat stattdessen gezielt am

Einzelnen ansetzen solle, da armut

viele Gründe hat. Natürlich ist es richtig,

dass besondere Situationen auch ein

besonderes Vorgehen erfordern.

Dabei ignorieren sie aber, dass das

heutige Sozialstaatssystem, welches

gerade versucht, am Einzelnen anzusetzen, massiv

versagt, da es millionen menschen gibt, die nicht

aus der armut geholt werden. Jegliches Bemühen,

dem Einzelnen zu helfen, scheitert hier (warum

auch immer) millionenfach. abgesehen davon

werden immense Verwaltungskosten aufgebracht.

Da es sich somit nicht um ein effizientes armutsbekämpfungsprogramm

handelt, kann man es nur

als ein verschwenderisches Programm bezeichnen,

nicht weil es falsch ist, etwas gegen armut zu tun,

sondern, weil man es effizient tun soll.

Rev. Dr. Martin Luther King schrieb in seinem

letzten Buch 1969:

Zusätzlich zu dem mangel an Koordination und

hinreichender Wirkung haben die (armutsbekämpfungs-)Programme

der Vergangenheit alle einen

gemeinsamen mangel - sie sind indirekt. Ein jedes

will armut beheben, indem zuerst etwas anderes

behoben werden soll. Ich bin heute davon überzeugt,

dass der einfachste ansatz sich eher als

effektiv erweisen wird – die Behebung der armut

durch ihre direkte Beseitigung mittels einer heute

breit diskutierten maßnahme: dem bedingungslosen

Grundeinkommen [wörtl: „dem garantierten

Einkommen“].

Nach dem Gleichheitssatz art. 3 des deutschen

Grundgesetzes ist es verboten, Gleiches ungleich

zu behandeln oder ungleiches gleich zu

behandeln. alle Vorschläge der sozialen Sorge in

Deutschland berücksichtigen deshalb mehr oder

weniger, dass über die Grundausstattung hinausreichende

leistungen

für außergewöhnliche

lebenslagen, z. B.

Schwerbehinderte,

erbracht werden.

Dies gilt auch für die

Konzepte zum BGE.

International

auch hier handelt es sich

um ein Problem, welches bereits besteht, wie z. B.

die abgrenzungspolitik der Eu gegenüber afrika

zeigt. Im übrigen gibt es schon länder mit BGE

jetzt oder in Zukunft, die dieses Problem behandeln,

wie Deutschland und die Eu es ähnlich mit ihren

heutigen Sozialstandards gelöst haben: allgemeine

Sozialleistungen erhält der Einwanderer erst,

nachdem er fünf Jahre ohne unterstützung im

land gelebt hat.

Darüber hinaus ist das BGE in seiner Brisanz

ein weltumfassendes Projekt, wie es auf dem 3.

Grundeinkommenskongress in Berlin 2008 von

den ca. 800 Interessierten und TeilnehmerInnen

zielführend bestätigt wurde. Ähnlich, wie sich

das Bismarcksche modell europaweit ausge-

breitet hat, könnte sich auch das BGE weltweit

ausdehnen – insofern sich aus einem nationalen

BGE Wettbewerbsvorteile für die Wirtschaft

ergeben, wird es zu entsprechenden anpassungen

bei Konkurrenzwirtschaften kommen.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGe) für Deutschland

Filme zum Grundeinkommen

„lektionen zum Grundeinkommen“. Film vom

Projekt Jovialismus (modellunabhängig) unter

youtube.com

„Designing Society“. Film mit Buch von Jördis

Heizmann zum modell der Bundesarbeitsgemeinschaft

der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen

(BaG-SHI).

Grundeinkommen – Kulturimpuls. Film von Daniel

Häni und Enno Schmidt zum modell der Konsumbesteuerung

nach Wirtschaftsprüfer Dr. Benediktus

Hardorp und Prof. Götz Werner.

Giganten im Kornfeld - Von der Sense zum mähdrescher.

Film von Gabriele Holzner zum Technischen

Fortschritt.

Nur ein Vorläufer

Ökonomen denken bei Verteilungsfragen nicht in

Geld, sondern in Nutzen. Das Verteilungsinstrument

Geld ist eigentlich wirtschaftsimmanent,

ähnlich wie seinerzeit der Ecu im europäischen

Währungssystem. lediglich bei nicht menschlichen

Individuen, den Institutionen wie z. B.

Firmen, Staat u. ä., ist Geld und Nutzen gleich, solange

es keinen direkten menschlichen Bezug gibt.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kosten des

Geldes weltweit, also die millionen von Beschäftigten

im Geldwesen, seien es die Finanzintermediäre

wie Banken und Versicherungen,

Vermögensverwalter und Börsen bis hin zu den

Finanzämtern und den anderen staatlichen umverteilungsinstrumenten,

seien es die in der Wirtschaft

tätigen KassiererInnen, BuchhalterInnen,

SteuerberaterInnen usw. usf., oder seien es die mit

Geld arbeitenden in der Konsumgüterindustrie wie

lotterien und Glücksspiel, Kredit- und Insolvenzverwalter

usw., dass die Kosten hierfür weitaus

höher liegen als die weltweiten Rüstungs- bzw.

militärausgaben. Sollte es jemals gelingen, das

Problem der mess- und

Vergleichbarkeit von Nutzen zu lösen, wird das

kollektive Vorteilhaftigkeitsmaß Geld durch das

individuelle Vorteilhaftigkeitsmaß Nutzen abgelöst

werden. Forschungen dazu laufen seit langem,

können weiter führen und werden durch die Fortschritte

der Informationstechnologie befördert.

Indizien zur ablösung des Geldes hin zu einer individuellen

virtuellen Währung „util“ sind annehmbar,

denken wir an die zunehmende Virtualisierung

des Geldes (Geldkarten, PayPal u. ä.), denken wir

an solche abrechnungssysteme wie z. B. das RFID

(Radio Frequency Identification), dass darüber

hinaus hunderttausende Verkäufer und Einzelhandelskaufleute

nicht nur in Deutschland nach

einer markttauglichen Einführung insbesondere

an den „Kassen“ erwerbsarbeitslos machen dürfte

(Technischer Fortschritt). Es werden nach wie vor

Nobelpreise vergeben für Forscher, die auf diesem

Gebiet neues erkennen. Während zur allerersten

Bedürfnisbefriedigung schon erste Hinweise

gegeben wurden (z. B. von Samuelson), benötigt

die weitere Vergleichbarkeit eine Fülle von sog.

Transformationsfunktionen. man sieht hier, dass

das Problem vor allem aufgrund der Informationsasymmetrie

besteht. Die fortschreitende Informationstechnologie

mag hier in Zukunft zu neuen

lösungen führen.

Sollte also als Verteilungsinstrument das Geld

durch Nutzen abgelöst werden können, wird auch

ein BGE sowie der Sozialstaat nicht mehr gebraucht,

da allen menschen unter der Rigide realer

Knappheiten der durch ihr Sein bestimmte maximale

nicht strategische Nutzen in Form des entsprechenden

Güterbündels gegeben werden kann.

Solange aber Geld als Übergangslösung notwendig

ist, ist der einzige verschwendungslose Weg zu

einer nutzenstarken Verteilung in dieser Second-

Best World das Bedingungslose Grundeinkommen.

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Zehn Thesen BGE

Das BGE:

– verhindert armut.

– fördert die Wirtschaft.

– ist Solidarität.

– ist eine uralte Idee.

– bedeutet leben.

– ist ein menschenrecht.

– ist gerecht.

– regt geistige Entwicklung an.

– ist Freiheit.

– macht eine le(ie)benswerte Gesellschaft.

Literatur

• Vanderborght Yannick und Van Parijs Philippe

im Campus Verlag: Ein Grundeinkommen für alle?

• Schmidt, manfred G. 1998:

Wohlfahrtsstaatliche Regime: politische

Grundlagen und politisch-ökonomisches

leistungsvermögen,

in Stephan lessenich/Ilona ostner (Hrsg.),

Welten des Wohlfahrtskapitalismus,

Frankfurt/m., S. 179-200

• Blaschke, Ronald:

Garantierte mindesteinkommen –

aktuelle modelle von Grundsicherungen

und Grundeinkommen im Vergleich.

1. aktualisierte und erweiterte ausgabe Dresden,

oktober 2005

• Blaschke, Ronald; otto, adeline; Schepers,

Norbert (Hrsg.):

Grundeinkommen. Geschichte – modelle –

Debatten/Reihe: Text/Rosa-luxemburg-Stiftung;

Bd. 67), Berlin: Karl Dietz Verlag 2010:

ISBN 978-3-320-02210-5)

• Dahrendorf Ralf: In dubio pro libertate –

Rede zum Festakt anlässlich des 50jährigen

Jubiläums der Friedrich-Naumann-Stiftung für

die Freiheit am 19. mai 2008 von lord Ralf

Dahrendorf.

• Presse, andre: Grundeinkommen – Idee und

Vorschläge zu seiner Realisierung. Schriften des

Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship

(IEP) des Karlsruher Instituts für Technologie

Band 21, KIT Scientific Publishing 2010

ISBN 978-3-86644-485-0

• King, martin luther:

Where do we go from here: Chaos or Community?,

Harper & Row – New York 1967

• opielka, Strengmann-Kuhn,

Das Solidarische Bürgergeld - analysen einer

Reformidee, michael Borchard Hrsg.

Verlag lucius & lucius, Stuttgart 2007

• Sozialbudget 2007, Bundesministerium für

arbeit und Soziales

• Paul a. Samuelson und William D. Nordhaus

2005 Fachverlag Redline GmbH, landsberg am

lech Volkswirtschaftslehre – Das internationale

Standardwerk der makro- und mikroökonomie

ISBN 3-636-03033-7

• Wagner, Björn (2009):

Das Grundeinkommen in der deutschen Debatte,

in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): WiSo Diskurs,

märz. Berlin.

• Stöckel, Volker und Wilkens, Herbert:

Statistisches zur Wirkung des Solidarischen

Bürgergeldes (althaus-Konzept) – Das

bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen

als messgröße der Einkommensverteilung von

www.grundeinkommen.de

Volker E. Stöckel

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GEGEN DEN TREND ’2011


cHANceNGleIcHHeIT

uND GeSuNDHeIT

Die Situation von kindern

und Jugendlichen

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

cHANceNGleIcHHeIT uND GeSuNDHeIT

Chancengleichheit

und Gesundheit

Die Situation von Kindern und Jugendlichen

Eine Momentaufnahme

miriam ist zwölf. Vor wenigen Wochen ist ihre mutter

in eine psychiatrische Einrichtung aufgenommen

worden, wieder einmal. Wer ihr Vater ist, weiß

miriam nicht. Nun lebt sie bei ihrer oma, bis die

mutter zurückkommt. Geld ist kaum vorhanden.

Jeden Tag nach der Schule besucht miriam eine

kleine kirchliche Einrichtung, wo sie eine warme mahlzeit

erhält. 25 Plätze gibt es. Sie bleiben selten leer.

Eine momentaufnahme in einem Stadtteil Hannovers,

in dem miriams Fall keine Besonderheit

darstellt. Viele Kinder und Jugendliche wüssten

dort Ähnliches zu erzählen.

armut zerstört. Sie ist ein angriff auf die gesamte

Persönlichkeit eines menschen, auf seine Fähigkeiten

und möglichkeiten, auf das Netz seiner

Kontakte, auf die Schatzkammer seiner Träume.

armut plündert aus und hinterlässt verbranntes

Gelände.

Vor einem Jahr hat die Bundesregierung ein

Sondergutachten in auftrag gegeben, das den

Zusammenhang von armut und Krankheit näher

untersucht hat. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Ein widersprüchliches Bild

Wer ein Bild der jetzigen Kinder- und Jugendgeneration

zeichnen will, wird auf Widersprüchliches

stoßen: Innerhalb einer Generation hat sich die

lebenssituation von Kindern und Jugendlichen

fundamental verändert. Kinder und Jugendliche

heute sind die ersten selbstverständlichen Nutzer

der multimedialen Revolution. Virtuell ist die Welt

zu einem Dorf geworden, in dem jede und jeder

überall erreichbar ist.

Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf,

die uneindeutig geworden ist und nur noch schwer

durchschaubar. Sie bewegen sich in einem Kosmos

der tausend (scheinbaren) möglichkeiten. multioptionalität

ist zu einem lebensgefühl geworden, zu

einer lebenshaltung.

Verändert hat sich auch der Erziehungsstil im

Elternhaus: er ist mehrheitlich demokratisch geworden

und egalitär. autoritäre Erziehung ist ein

auslaufmodell ebenso wie die anwendung körperlicher

Gewalt, trotz aller Sensationsberichte in der

Presse.

auffällig ist, dass sich die lebensphasen verändert

haben. Die Kindheit ist kürzer geworden, die

Jugendphase insgesamt länger. Das Erwachsenenalter

setzt zusehends erst um die 30 ein.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass

Kinder und Jugendliche heute in vieler Hinsicht

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

chancengleichheit und Gesundheit chancengleichheit und Gesundheit

selbständiger agieren müssen als frühere Generationen.

Diese Eigenverantwortlichkeit ist nicht

ohne Gefahr. man spricht auch von den „riskanten

Chancen“.

auf der anderen Seite lässt sich eine gegenläufige

Strömung beobachten. Kinder und Jugendliche

werden immer stärker einem leistungssystem

unterworfen, das seine anforderungen laufend

verschärft, ohne die Perspektiven wirklich zu

erweitern. auf ihrem Rücken wird eine verfehlte

Bildungs- und Sozialpolitik ausgetragen, die an

den Symptomen doktert anstatt einen tiefgreifenden

Systemwechsel einzuläuten.

Kinder und Jugendliche bewegen sich in einer

Welt, die zunehmend unzuverlässiger wird. Bestehende

(Werte-)ordnungen sind entweder auslaufmodelle

oder bestenfalls orientierungslinien auf

Zeit.

all das sind Faktoren, welche die Gesundheitssituation

von Kindern und Jugendlichen mitbestimmen.

Die psychische Belastung hat sich im

Vergleich zu früheren Generationen komplex

verstärkt und betrifft ausnahmslos alle.

als besonders problematisch erweisen sich die

vielfältigen ausprägungen sozialer Benachteiligung

auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

armut macht krank – psychisch und

physisch.

Der Skandal ist, dass es überhaupt armut in einer

reichen Gesellschaft gibt und dass sie sich vererbt.

Die Situation in der Bundesrepublik –

Konsequenzen

Pro Jahr werden in Deutschland ca. 700 000 Kinder

geboren. Jedes 5. davon wächst mit erheblichen

psychosozialen Belastungen und gravierenden

Defiziten an materiellen und sozialen Ressourcen

auf. Das bedeutet: betroffen sind 140.000 Neugeborene

jährlich!

Die lebenslage der Eltern (arbeitslosigkeit,

schlechter Bildungsstand, alleinerziehung,

migrationshintergrund, psychische Erkrankungen –

verbunden mit materieller armut) überträgt sich

bruchlos auf die lage dieser Kinder und Jugendlichen.

all das sind Wegbereiter für diverse

Erkrankungen und Gefährdungen.

Eine generationenspezifische Gesundheitspolitik

muss 3 Ziele verfolgen:

• die Verminderung, besser Abschaffung

von Armut in all ihren Ausprägungen

• die Vermehrung zielgruppengerechter

Bildungschancen

• soziale Unterstützung

Kinder und Jugendliche haben heute ein deutlich

höheres armutsrisiko als alle übrigen altersgruppen.

15 – 20 % aller Kinder und Jugendlichen sind

von relativer armut betroffen.

Die auswirkungen sind langfristig und in späteren

lebensphasen kaum noch zu beheben. auch

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Gesundheit muss frühzeitig „erlernt“ werden.

„Bereits vor der Phase des pubertären Wachstumsschubs

bilden sich gesundheitsrelevante Einstellungen

und Verhaltensweisen heraus, die sich im

weiteren lebensverlauf verfestigen und nur noch

schwer veränderbar sind.“ (S. 46, „Koordination

und Integration – Gesundheitsversorgung in einer

Gesellschaft des längeren lebens“ Sondergutachten

2009 des Sachverständigenrats zur Begutachtung

der Entwicklung im Gesundheitswesen)

Die Nobelpreisträgerin für Ökonomie, amartya

Sen, hat ein Konzept der Verwirklichungschancen

entwickelt (capability approach), das individuelle

und gesellschaftliche Bereiche integriert:

als Verwirklichungschancen wird dabei Folgendes

verstanden:

die möglichkeiten bzw. umfassenden Fähigkeiten

von menschen, ein leben zu führen, das sie selbst

gewählt haben und ihre Selbstachtung wahrt.

Individuelle Potentiale und gesellschaftlich bedingte

Chancen werden zwar unterschieden, allerdings

ohne, dass ihr Zusammenhang geleugnet wird.

Darin liegt die besondere Stärke dieses ansatzes.

Für eine Sozial- und Gesundheitspolitik ergeben

sich aus diesem modell mehrere Handlungsfelder:

1. Die Gewährleistung eines existenzsichernden

Einkommens und die möglichkeit zur Teilhabe am

gesellschaftlichen leben für alle.

2. Eine motivationsförderung, sich individuell mit

Bildungsangeboten auseinanderzusetzen.

3. Freier und konstanter Zugang zu allen gesellschaftlichen

und staatlichen Systemen (Gesundheit,

Bildung, arbeit, Sozialleistungen, politische

Teilhabe) und Sicherung vor Gewalt, Kriminalität,

umweltverschlechterung)

Internationale Vergleiche machen deutlich, dass

Versuche zur Reduzierung gesundheitlicher

Chancenungleichheiten nur dann nachhaltig greifen,

wenn ein mindestniveau des Einkommens

gesichert ist und „gesamtgesellschaftliche Verteilungsungleichheiten

verringert werden.“ Das

spricht für neue Verteilungssysteme, die allen

menschen in unserem land ein menschenwürdiges

Einkommen garantieren (s. Volker Stöckel,

Eine Wirtschaft, die dem menschen dient).

Jedes konstruktive Vorgehen in der armutsbekämpfung

ist mehrdimensional. Eine wirksame Sozial-

und Bildungspolitik ist damit zugleich immer

auch Gesundheitspolitik und umgekehrt. Isolierte

maßnahmen bleiben wirkungslos.

auch wir JugendarbeiterInnen müssen begreifen,

dass die Jugendarbeit keine Nischentätigkeit ist,

sondern eine gesellschaftliche Signalfunktion

besitzt. Wo immer wir missstände beobachten,

müssen wir auf sie aufmerksam machen. Es wird

schon viel zu viel geschwiegen.

Literatur:

• „Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung

in einer Gesellschaft des längeren

lebens“ Sondergutachten 2009 des Sachver-

ständigenrats zur Begutachtung der Entwick-

lung im Gesundheitswesen

Wolfgang Blaffert

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cHANceNGleIcHHeIT

uND BIlDuNG

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

cHANceNGleIcHHeIT uND BIlDuNG

Chancengleichheit

und Bildung

In einer aufgeklärten und, global betrachtet,

reichen Gesellschaft einer Industrienation wie

Deutschland sollte vollkommen klar sein, dass

alle die gleichen Bildungschancen 1 haben. Durch

die allgemeine Schulpflicht und individuelle Fördersysteme

bekommt jeder die gleiche Chance

einen guten Bildungsabschluss zu erzielen. Ist

dies aber wirklich so? Was sagt die Statistik und

was sagen Forschungsergebnisse dazu? In einer

Gesellschaft, in der man sich wundern muss, dass

nicht jedes tägliche Zähneputzen inzwischen

individuell evaluiert werden soll, wird doch auch

sicher dieser spezielle aspekt auf Verbesserungsmöglichkeiten

hin überprüft worden sein und es

liegen entsprechende Vorschläge auf dem Tisch,

die nur darauf warten, umgesetzt zu werden.

leider ist es in der Bundesrepublik keineswegs so,

dass jeder die gleiche Chance auf einen guten Bildungsabschluss

bekommt. Vielmehr gibt es eine

große abhängigkeit des erreichten Schulabschluss

und der sozialen Schichtzugehörigkeit des Elternhauses.

In kaum einem anderen oECD 2 -Staat ist

der Bildungserfolg derart eng an die soziale Herkunft

gekoppelt wie in Deutschland. Dies soll im

Folgenden zunächst exemplarisch belegt werden:

Exemplarische Ergebnisse aus Pisa-Studien

PISa (Programme for International Student assessment)

ist ein von der oECD initiiertes Programm

zur Erfassung von Kompetenzen von

Schülerinnen und Schülern auf weltweiter Ebene.

PISa wird seit dem Jahr 2000 im dreijährigen Zyklus

durchgeführt und untersucht 15-Jährige in den

teilnehmenden oECD- und Partnerstaaten auf ihre

Fähigkeiten in den zyklisch wechselnden Schwerpunktbereichen

lesen, mathematik und Naturwissenschaften

und ergänzt diese Erkenntnisse

mit einem Kognitiven Fähigkeitstest (KFT) und der

Erfassung der Problemlösekompetenz.

Die bereits angesprochenen Zusammenhänge zwischen

der sozialen Herkunft und der erworbenen

Kompetenz findet man in allen Staaten. unterschiedlich

jedoch ist die Stärke der ausprägung.

Die folgende Tabelle zeigt, dass der soziale Gradient

im internationalen Vergleich in Deutschland

besonders stark ausgeprägt ist:

Tabelle 1: Vergleich des sozialen Gradienten 3 der

mathematischen Kompetenz

Quelle: PISa-Konsortium Deutschland 2004, S. 2

1 In diesem Beitrag geht es vorwiegend um formale Bildungsaspekte, die somit auch das formale Bildungssystem betreffen. Die Tatsache, dass Bildung

auch wesentlich in nonformalen Zusammenhängen wie der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit erfolgt, soll dabei keineswegs vergessen werden.

2 Die organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist eine Internationale organisation mit 33 mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und marktwirtschaft

verpflichtet fühlen.

3 Die Steigung des sozialen Gradienten gibt an, um wie viele Punkte die durchschnittliche mathematikkompetenz steigt, wenn der ESCS um eine Standardabweichung

erhöht wird. Die Bildung des ESCS erfolgt aus den Indizes PaRED (Bildungsjahre der Eltern) und HomEPoS (kulturelle Besitzgüter einer

Familie). PaRED wiederum wird aus dem ISCED gebildet, der sich aus den schulischen und berufsqualifizierenden abschlüssen der Eltern zusammensetzt.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

chancengleichheit und Bildung chancengleichheit und Bildung

Der Zusammenhang von sozioökonomischem

Status und Kompetenzerwerb zeigt sich auch in

PISa 2006 als sehr straff. an Tabelle 2 wird deutlich,

wie intensiv sich dieser Zusammenhang in

Deutschland ausprägt.

Tabelle 2: Soziale Gradienten der naturwissenschaftlichen

Kompetenz im internationalen Vergleich

Quelle: PISa-Konsortium Deutschland 2007, S. 318

obwohl der soziale Gradient nicht signifikant vom

oECD-Durchschnitt abweicht, lässt sich grafisch

jedoch erkennen, dass Deutschland im oberen

Drittel der Skala liegt und die abhängigkeit der

Kompetenz von Hintergrundfaktoren nach wie

vor groß ist.

Diese Ergebnisse sind insofern als exemplarisch

zu betrachten, weil im Ergebnis alle Berichte,

untersuchungen und Studien, die sich mit der Frage

der Bildungsgerechtigkeit beschäftigen, zu der

Schlussfolgerung kommen, dass die Entkoppelung

des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft

nach wie vor im Zentrum bildungspolitischer wie

öffentlicher aufmerksamkeit stehen müssen. man

muss sogar noch weiter

gehen: offensichtlich ist

die der Thematik schon

zukommende aufmerksamkeit

und sind die

bisher eingeleiteten

maßnahmen bei weitem

noch nicht ausreichend.

Jetzt könnte man denken:

„Wo ist das Problem?

Es läuft doch alles! Jetzt

und hier machen sich

lediglich kleinere Problemchen

bemerkbar.

Die gibt und gab es

immer – insgesamt geht

es uns, vor allem global

betrachtet, wirklich

gut. Wir jammern doch

wieder nur auf hohem

Niveau!“ aber eben

genau diese „lediglich

kleineren Problemchen“

sind etwas ganz anderes

– sie sind nämlich schon

heute große soziale

ungerechtigkeiten und somit als sehr großes

Problem anzusehen. Bei unveränderter Praxis in

der Sozial- und Bildungspolitik führen sie sogar

zur nachhaltigen Spaltung der Gesellschaft in zwei

Bildungsschichten – der Schicht, die schon zu

Beginn ihrer Schulzeit weiß, dass ihr weltweit alle

Türen offen stehen und der Schicht, die schon zu

Beginn ihrer Schulzeit weiß, dass sie nur mit mühe

52_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

überhaupt einen Schulabschluss bekommen wird.

Es muss sich etwas verändern. Es kann nicht sein,

dass ein derart großes und zudem noch bekanntes

und mehrfach wissenschaftlich belegtes Problem

nicht grundsätzlich angegangen wird. Zum einen

müsste wesentlich mehr Geld in Bildung investiert

werden. Dies geschieht aber nicht:

OECD-Bericht: Bildungsausgaben

Die Bildungsausgaben sind in Deutschland im

internationalen Vergleich weiter niedrig. Das

geht aus dem neuen Bericht “Bildung auf einen

Blick” der oECD hervor, der im September 2010

vorgestellt wurde. Die gesamten öffentlichen

und privaten ausgaben für Bildungseinrichtungen

lagen laut oECD in Deutschland im Jahr 2007

lediglich bei 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

(vgl. abb. 1). unter den oECD-ländern, für die

entsprechende Zahlen vorlagen, gaben nur die

Slowakei, Tschechien und Italien einen geringeren

anteil der Wirtschaftsleistung für Bildung aus.

Zum anderen bedeutet es aber auch, dass das

Schulsystem als Ganzes überdacht werden muss

und alternative Konzepte ausprobiert, ausgewertet

und bei tatsächlichen Verbesserungen umgesetzt

werden müssen. Das dreigliedrige Schulsystem

mit seinem selektiven Charakter gehört ebenso

auf den Prüfstand wie die Fragen, wie lange man

gemeinsam in Klassenverbunden lernt oder wie

lange man nun genau bis zu einem bestimmten

Schulabschluss brauchen soll oder darf. Diese

aufzählungen sollen bitte als Beispiele verstanden

werden, denn es gehören noch eine menge mehr

Fragen dazu, die hier alle gar nicht aufgezählt

werden können.

Vielmehr muss es doch darum gehen, was getan

werden kann, damit sich etwas verändert. Dies

bedeutet im ersten Schritt, sich das Problem

zu vergegenwärtigen. Zum einen für sich ganz

persönlich, zum anderen aber auch als Teilnehmerin

oder Teilnehmer an einer Jugendgruppe

oder als Ehrenamtlicher oder Ehrenamtliche in

einem Jugendverband.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

chancengleichheit und Bildung chancengleichheit und Bildung

Bildungsungerechtigkeit:

Zwei Vorschläge zur spielerischen

Umsetzung in einer Gruppenstunde

1. Ich habe den Schulabschluss...

– Ich habe keinen Schulabschluss...

Eine möglichkeit, das Thema „Bildungsungerechtigkeit“

in eine Jugendgruppe einzubringen,

könnte folgende methode sein: man schneidet

sich ganz viele kleine Zettel aus, auf die man dann

ganz unterschiedliche Schulformen oder Schulabschlüsse

aufschreibt. auch die möglichkeit, keinen

Schulabschluss zu erreichen, sollte nicht vergessen

werden! am besten beschreibt man genauso viele

Zettel, wie Personen in der Gruppe sind.

Dann mischt man alle Zettel verdeckt und verteilt

an alle jeweils einen Zettel, der aber noch nicht

angeguckt werden soll und den die anderen auch

möglichst nicht sehen sollen. Bevor sich alle ihre

Zettel für sich angucken dürfen, bittet man alle

sich vorzustellen, dass sie in ihrem leben nur

diesen abschluss machen dürfen und sie keine

Chance haben, diese Entscheidung zu verändern.

Jetzt schaut sich jeder seinen abschluss (oder

auch Nicht-abschluss) an und denkt ein paar

minuten darüber nach, ob er oder sie gerne diesen

abschluss machen würde.

Nach der Zeit zum Nachdenken eröffnet man dann

eine Runde, in der alle, wenn sie möchten, sagen

können, was sie empfunden haben, als sie den für

sie vorgesehenen abschluss gelesen haben und

ob sie mit der Zuteilung zufrieden wären. Es muss

nicht jeder etwas sagen aber alle dürfen. Wenn

keiner mehr etwas sagen möchte, kann die Frage

gestellt werden, wie gerecht es ist, dass so etwas,

was sich gerade vorgestellt wurde, tatsächlich in

einem nicht zu unterschätzenden ausmaß passiert,

denn man kann ja genau genommen nichts

dafür, ob seine Eltern Zahnärzte, maurer, lehrer,

Gärtner, Friseure, Richter oder Brunnenbauer sind.

2. Variante: „Wer bin ich?“

Wenn man es etwas spielerischer und nicht so ernst

gestalten möchte, kann man zum Einstieg, also

vor dem Nachdenken über das, was auf dem Zettel

steht, auch das Spiel „Wer bin ich?“ spielen. Jeder

bekommt seinen Zettel, ohne zu sehen, was drauf

steht und klebt ihn sich auf die Stirn. Jetzt muss er

raten, welchen abschluss er bekommen hat. Wenn

falsch geraten wird, ist der nächste in der Reihe

dran. Wenn richtig geraten wird, legt man den Zettel

vor sich hin. man spielt so lange, bis alle richtig

geraten und den Zettel vor sich liegen haben. Dann

wird die Zeit zum Nachdenken gegeben und es folgt

die sich anschließende Gesprächsrunde.

aCHTuNG: Wenn man der meinung ist oder das

Gefühl hat, dass in der Gruppe Personen sind, die

große Probleme in der Schule haben oder die wirklich

unzufrieden wegen ihrer Schullaufbahn oder

ihres abschlusses sind, sollte man sich gut über-

legen, ob man diese methode wirklich nutzen möchte.

Es soll für niemanden unangenehm sein, sondern

es soll Gelegenheit gegeben werden, über diese

Bildungsungerechtigkeit ins Gespräch zu kommen.

Im zweiten Schritt, also nachdem man sich die

Problematik vergegenwärtigt hat, sollte man

überlegen, was man anders machen würde oder

was sich ändern müsste. man sollte gemeinsam

in der Gruppe überlegen und alles Gesammelte

aufschreiben. Wenn man der meinung ist, man

hat viele gute Ideen gesammelt und aufgeschrieben,

kann man die Ideenliste in der eigenen Jugendvertretung

einbringen und dort darüber diskutieren.

Wenn man sich darauf einigen kann, was für

Veränderungen sinnvoll wären, gilt es, diese auf

allen Ebenen politisch einzufordern und voranzutreiben

– in der Gemeinde, der Kommune und

dem Bundesland.

Materialien

• Zettel und Stifte

54_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Literatur

• oECD

(http://www.oecd.org/document/8/0,3343,

de_34968570_34968855_39283656_1_1_1_1,0

0.html Stand: 11.09.2010).

• Zur machbarkeit eines „Chancenspiegels“

im Projekt „Heterogenität und Bildung“

der Bertelsmann Stiftung. Berlin, 15. mai 2009

(http://www.fundacionbertelsmann.org/cps/

rde/xbcr/SID-138F8200-7B367FF7/bst/xcms_

bst_dms_31871_31872_2.pdf,Stand:07.09.2010).

• „Bildung schafft anschluss – evangelische

Wege zur Bildungsgerechtigkeit“ – Beschluss

der 24. landessynode der Evangelisch-

lutherischen landeskirche Hannovers

(http://www.evlka.de/content.php?content

TypeID=18&id=13234&synodeID=25,

Stand: 09.09.2010).

Benjamin Börchers

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GEGEN DEN TREND ’2011


NAcHBAR STATT NuR

NeBeNHeR

über die Wahrnehmung von Armut

in der ganz normalen Jugendarbeit

einer kirchengemeinde

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Nachbar statt

nur nebenher

Über die Wahrnehmung von Armut in der ganz

normalen Jugendarbeit einer Kirchengemeinde

Das Bewusstsein für Armutsrisiken von Kindern

stärken – es muss gehandelt werden!

Dieser Tage schrieb die Nordwest-Zeitung: „In

Niedersachsen sind etwa 20 % aller Kinder von

armut betroffen. auch in ländlichen Regionen wie

im ammerland leben Familien mit so geringem

Einkommen, dass für deren Kinder eine Teilhabe

am sozialen und gesellschaftlichen leben kaum

noch möglich ist.“ 1 um abhilfe zu schaffen verschenkt

der Verein „lachende Kinder“ zur gegebenen

Zeit Schultüten, Weihnachtspakete oder

auch mal Kinogutscheine. außerdem bietet er in

Einzelfällen individuelle Förderung. Im auftrag des

Vereins „Tischlein, deck dich“ zeigt ein Koch den

Bedürftigen, wie man die lebensmittelspenden

nahr- und schmackhaft verarbeitet. Zwei Seiten

weiter kündigt ein umfangreicher Vorbericht

die aktionswoche gegen Kinderarmut an 2 : Ein

frischgebackenes Bündnis für Familien möchte das

Bewusstsein für armutsrisiken von Kindern stärken.

In diesem Sinne werden Schülerinnen und Schüler

eine Zeitung zum Thema armut erstellen. Statistisch

gesehen, dürften die Betroffenen

auch in ihren Klassen sitzen.

Diese lokalen Notizen lassen

verschiedene Schlüsse zu:

allgemein herrscht das Gefühl,

da braut sich etwas zusammen. Es

muss irgendwie gehandelt werden. Damit in

der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass

dem so ist, ruft dann ein in den artikeln anonym

bleibendes „Niedersächsisches Bündnis für alle

1 Nordwest-Zeitung vom 13.09.2010, ammerländer S. 36

2 Nordwest-Zeitung vom 13.09.2010, ammerländer S. 38

NAcHBAR STATT NuR NeBeNHeR

Kinder – niemanden ausgrenzen!“ – zu einer

niedersachsenweiten aktionswoche auf. Ein

Fall für die neuen Familien(service)büros und

karitativen Vereine, die den armen unter die

arme greifen wollen.

Zweitens gehören zu diesem Bündnis offensichtlich

keine Selbsthilfegruppen, die eigene Forderungen

formulieren und Fragen nach Recht und unrecht

der gesellschaftlichen Zustände stellen. Wenn

es sie noch geben sollte, scheinen sie im Themenkomplex

und das ist die dritte Folgerung – ähnlich

bedeutungslos zu agieren wie die Kirche mit

ausnahme des Diakonischen Werkes. Ich fürchte

nicht erst nach der lektüre dieser beiden artikel,

dass man der evangelischen Jugendarbeit hier

wenig Kompetenz zutraut. auch ich selbst wurde

ja nicht wegen meines besonderen Engagements

gegen die armut gebeten, diesen aufsatz zu

verfassen. Er bietet keine innovativen Projekt-

beschreibungen oder Praxisbeispiele, Gottes-

dienste oder Gruppenstunden. meine Erfahrungen

und Reflexionen stehen stellvertretend für viele

andere, die treu und brav hauptamtlich in der

kirchlichen Jugendarbeit tätig sind und der armut,

wenn sie sich zeigt, etwas schüchtern ins Gesicht

schauen. Einzig die Dauer meines arbeitslebens

und ein Teil meiner Biographie, in der ich noch nicht

arm, aber näher dran war als viele Kolleginnen und

Kollegen, könnte den unterschied ausmachen.

1958

Persönliches – Sensibilisiert

für das Leben mit wenig Geld

Ich wurde 1958 in Bremerhaven geboren. aus

der Grundschulzeit im Stadtteil lehe, der heute

zu den sozialen Brennpunkten zählt, ist mir kein

armes Kind in Erinnerung. 1968 zog unsere damals

fünfköpfige Familie aus der Dreizimmerwohnung

ins neue Eigenheim auf dem lande, unweit der

Stadt, wo ich weiter die Schule besuchte. 500 m

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Nachbar statt nur nebenher Nachbar statt nur nebenher

von uns entfernt am Ende des Dorfes holten leute

noch ihr Trinkwasser aus einer Pumpe in der Nähe

ihres Häuschens, das mir unwahrscheinlich klein

erschien. Die waren wohl arm. Ebenso die kinderreiche

Familie, deren zwei gleichaltrige Jungen

mit uns in der Handballmannschaft spielten. man

konnte es an den Sportsachen erkennen. aber wir

redeten nicht über die Schuhe, sondern darüber,

wie wir die mannschaft zusammenkriegen konnten.

Denke ich an meine abiturklasse, fallen mir

eine Handvoll Kinder aus wohlhabenden Familien

ein, aber keine aus armen.

Während des Studiums an der Ev. Fachhochschule

in Hannover wohnten wir Ende der 70er-Jahre mit

mehreren Studierenden in einem unrenovierten

altbau in linden-Nord. Die Wohnungen waren dem

schmalen Geldbeutel angepasst: fließend Kaltwasser

und das Klo eine Treppe tiefer. Geheizt

wurde mit Kohle oder Holzresten, winters froren

die Scheiben zu. Es war kulturelles abenteuer

pur. Wir teilten das Haus mit türkischen und

griechischen Familien und zwei alten Damen, die

dort schon zur Welt gekommen waren.

Diakon

1981 sollte mit dem antritt meiner ersten Diakonen-

stelle in Bremerhaven eigentlich der wirtschaftliche

aufschwung einsetzen. Der verzögerte sich

allerdings infolge meiner Scheidung und der damit

verbundenen nicht nur zwischenmenschlichen,

sondern auch finanziellen Belastungen, um gute

15 Jahre. Ich hatte als alleinverdiener jetzt einen

zweiten Haushalt mit Kindern zu unterhalten,

wurde aber steuerlich gegenüber der normalen

Familie deutlich höher belastet. Das wiederum

blieb angesichts unausweichlicher Diskussionen

über weitere finanzielle Beiträge meinerseits

für Klassenfahrten oder musikunterricht für die

Kinder – vornehm formuliert – nicht ohne aus-

wirkungen auf den zwischenmenschlichen Bereich.

Die Erfahrungen dieser Jahre sensibilisierten für

das Leben mit wenig Geld.

am unangenehmsten habe ich die Dilemmata in

Erinnerung, in die man mit Kindern dann unausweichlich

kommt: Wie können die Kindergeburtstage

gefeiert werden, sodass sie bezahlbar

bleiben? Welche Einladung kann man annehmen?

Welche daraus erwachsenden Verpflichtungen

sind tragbar? Ein Schwimmkurs für die Kinder?

musikunterricht? Solche teuren Sportschuhe sind

nicht nötig! Warum macht man Klassenfahrten

nicht zu kostengünstigeren Zielen? auf was könnte

ich selbst noch verzichten? Doch die Großeltern

fragen, die sich natürlich auch ihre Gedanken über

einen wirtschaftlichen Versager machen? mit ihnen

fuhren die beiden Töchter mehrfach ins ausland,

während sie ihren Vater vor allem bei den Kinder-

und später Jugendfreizeiten begleiteten.

Selbstverständlich bezogen sich Fragen dieser

art auch auf meine Beziehungen zu Freunden

und Verwandten. Es ging um lokal- oder Veranstaltungsbesuche,

Reisekosten, Geschenke zu

unterschiedlichsten anlässen, lauter „Normalitäten“,

die oft genug für innere anspannung

sorgten. und dabei gab es einige Faktoren, die

mir den umgang mit diesen Problemen sehr

erleichterten. Zunächst einmal gab es noch ein

gesellschaftliches umfeld, in dem man über ein

alternatives, konsumkritisches leben ernsthaft

diskutierte und es an verschiedenen Stellen

(wie z. B. im Wendland) tatsächlich praktizierte.

Gleichzeitig arbeitete ich in einem interessanten,

abwechslungsreichen Beruf mit vielen Kontakten

und einem gewissen ansehen, lebte mit einem

Faible für den studentischen lebensstil in einer

Wohngemeinschaft und benötigte in der Stadt kein

auto. Wenn doch, halfen Verwandte oder Freunde.

58_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

und wesentlich entspannend war die Gewissheit,

in ein paar Jahren würde sich alles bessern.

Theologisches – Zuspruch aus der Bibel?

Wie hilfreich waren damals neben den erwähnten

Faktoren die Zusprüche der Bibel?

Die

80er

80er-Jahre waren für mich von der Theologie

der Befreiung geprägt, die von lateinamerika und

den christlichen Gegnern der südafrikanischen

apartheid auch in die Bundesrepublik ausstrahlte

und viele inspirierte. Ernesto Cardenal (Nicaragua),

leonardo Boff (Brasilien), Desmond m. B.

Tutu (Südafrika) und andere gaben einfachen menschen

auf dem land und in den Elendsvierteln der

Städte die Bibel in die Hand. Sie hörten zu, wenn

Stumme und unterdrückte sich selbst in den alten

Texten wieder entdeckten und dabei an

menschenwürde und Handlungsfähigkeit gewannen.

mit den Theologen arbeiteten Pädagogen wie

Paulo Freire oder Künstler wie der Theatermann

augusto Boal.

persönlichen und auch unserer gesellschaftlichen

Situation unangemessen. aber Gottes Zusage an

Jesus „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe

ich Gefallen gefunden“ 4 , in der sich eine besondere

Würde Jesu entfaltet, die wir durch die Taufe auch

auf uns beziehen dürfen, konnte und kann in

unserem gesellschaftlichen Kontext eine wichtige

Rolle spielen. unter dem Stichwort „Würde“

werfen bekannte biblische Texte noch einmal neue

Fragen auf:

So spricht Jesus den Zöllner Zachäus an 5 : „Zachäus,

komm schnell herunter! Denn ich muss heute in

deinem Haus zu Gast sein.“ Natürlich läuft die Erzählung

in ihrer Komposition auf den Satz hinaus:

„Denn der menschensohn ist gekommen, um zu

suchen und zu retten, was verloren ist.“ aber betrachten

wir sie als Begegnung von reich und arm,

so ist bei Jesus eine selbstbewusste Würde vorhanden,

die vielen menschen zusammen mit dem

Geld abhanden zu kommen droht. Der arme lädt

sich nicht selbst ein. Schon bei einer gut gemeinten

Einladung eines Reichen würde er nach einem

Grund suchen, diese abzulehnen, weil es ihm

peinlich wäre, eine Gegeneinladung in die eigenen

vier Wände auszusprechen. Er stünde beim Gastgeber

in der Schuld – als ob seine Gesellschaft,

die klassenübergreifende mahlgemeinschaft,

die er schenkt, kein Wert wäre?

Die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen

sprachen von einer „option für die armen“:

So wie Gott selbst, wollte auch die katholische

Kirche sich an die Seite der armen stellen. Die

Wert

Exodustradition, die Befreiung aus ägyptischer

Sklaverei als Grunderfahrung des Glaubens

entfaltete wie die Propheten der Hebräischen

Bibel neue Kraft im gesellschaftlichen Konflikt.

Das begeisterte trotz der großen Distanz zu südamerikanischen

oder südafrikanischen Gegebenheiten

nicht nur mich und weckte Interesse und

Phantasie für ein sinnerfülltes leben gegen

beherrschende materielle Werte. Ein Jesuswort

wie „Selig, ihr armen, denn euch gehört das

Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn

ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint,

denn ihr werdet lachen.“ 3 empfand ich meiner

3 lukas 6, 20 a und 21 nach der Einheitsübersetzung

4 markus 1, 11 b, Einheitsübersetzung

5 Vgl. lukas 19, 1 - 10

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Nachbar statt nur nebenher Nachbar statt nur nebenher

Tatsächlich ist das Gefühl, sich ständig beschenken

lassen zu müssen – so freundlich es auch gemeint

sein mag – kein besonders angenehmes. 6

Befriedigender ist es, einen eigenen wesentlichen

Beitrag zu leisten. Wir lesen, dass die Würde der

Kinder Gottes bei Jesus eng mit dem Gemeinschaftserleben

7 und den aufgaben verbunden ist,

wie u. a. die Berufung der Jünger und der Text

von der Speisung der Fünftausend 8 zeigen:

Gebt ihr ihnen zu essen! Die Tatsache, dass ihr

im mangel lebt, entbindet euch hier und jetzt

nicht von meinem auftrag.

Erklärt das, warum evangelische Jugendarbeit

bei solchen aktionswochen wie oben beschrieben

nicht gefragt ist? Wir sind keine Fachleute in

Sachen armut, sondern in Sachen Wert und Würde

des menschen.

Städtische Jugendarbeit und

heraufziehende Armut

Von 1981 – 1987 arbeitete ich als Diakon an der

Bremerhavener Kreuzkirche, einer Gemeinde in

der Stadtmitte 9 . Der Normalfall in diesem Wohngebiet

waren Wohnungen in größeren oder

kleineren Blocks, in einzelnen Straßenzügen gab

es Reihenhäuser, für sich stehende Villen mit

Garten waren Raritäten.

D-mark

Hafen

Das Bild der Jugendarbeit war noch geprägt von

verschiedenen Kinder- und Jugendgruppen, die

teils von Ehrenamtlichen, teils auch von mir geleitet

wurden. mein Vorgänger, Stadtjugenddiakon

ludwig Sachweh, hatte auf seine praxisorientierte

Weise in verschiedenen Richtungen auf die

Herausforderungen der armut reagiert.

Einerseits organisierte er mit großzügiger finanzieller

Rückendeckung des Kirchenkreises und der

Stadt Bremerhaven während der Sommerferien

eine vierzehntägige Stadtranderholung. Täglich

wurden bis zu 800 Kinder mit Bussen aus der

Stadt abgeholt und auf dem Freizeitgelände des

Kirchenkreises von 40 Jugendlichen und jungen

Erwachsenen ehrenamtlich betreut. 10 Der Teilnahmebeitrag

von zunächst einer D-mark für

Bus und den traditionellen Becher milch zum

mittag erlaubte es jedem Kind mitzufahren.

andererseits sah er armut auch im weltweiten

Horizont und sammelte mit Hilfe von Jugendlichen,

Konfirmandinnen, Konfirmanden und Bäckern

jedes Jahr während der adventszeit öffentlich

zugunsten von Brot für die Welt. unter dem bereits

erwähnten Einfluss der Befreiungstheologie

diskutierten wir die ungerechtigkeit weltweiter

Handelsbedingungen. als Folge gründete sich

eine Turmcafégruppe von Jugendlichen, die im

Kirchturm einen schlichten Weltladen betrieb und

daneben Konzerte, Vorträge und Seminare mit

Gästen aus Bolivien und Südafrika veranstaltete.

Das Heraufziehen der Werftenkrise, die den

wirtschaftlichen Kern Bremerhavens zu zerstören

drohte, war ein Grund für den Ev. Stadtjugenddienst,

sich in einem Tagesseminar mit Wirtschaftsfragen

zu beschäftigen. In Erinnerung blieb mir

vor allem die Rede von den Rationalisierungsinvestitionen,

die nach aussage des Referenten

den Hauptteil der unternehmerischen Investitionen

ausmachten. Das unternehmen fordert Verzicht

auf lohnerhöhung, um Investitionen zu tätigen, die

dann den arbeitsplatzverlust derjenigen nach sich

6 Drastisch gesagt: Es kann einen auch ankotzen! Ich bin einmal während eines urlaubs, den die Großeltern bezahlten, mit meinen beiden Kindern

„geflohen“, als sie auch noch das teure abendessen in dem Hotel ausgeben wollten.

7 Vgl. auch die Weihnachtsgeschichte lukas 2. mit dem Besuch der Hirten und ausländischen Weisen eben kein Familienfest, sondern herausforderndes

Beispiel für zumindest kurzfristig gelungene Integration.

8 Vgl. lukas 5, 1 - 11 und matthäus 14, 13 - 21

9 Ein Pfarrer, der neu in die Gemeinde kam, war schockiert über die vielen zerschlagenen Flaschen auf den Straßen und meinte, selbst im bürgerkriegsgezeichneten

Beirut, wo er einige Zeit gearbeitet hatte, hätte es nicht so schlimm ausgesehen.

10 Die „Tage im Grünen“ finden noch heute in Drangstedt (bei Bad Bederkesa) statt.

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ziehen, die auf die Erhöhung verzichteten.

Im Zusammenhang mit der Sorge um den

Verlust des arbeitsplatzes ist auf das anwachsen

der Friedensbewegung im Kampf

gegen die sogenannte „Nachrüstung“ 11

hinzuweisen. Die Evangelische Jugend

war bei zahlreichen Demonstrationen,

mahnwachen oder auch bei der Blockade

des Bremerhavener Hafens, der als

Nachschubhafen der uS-army fungierte,

beteiligt. Insofern gehörten Debatten über

die volkswirtschaftlichen Folgen der Überrüstung

oder Forderungen nach Rüstungskonversion

12 zum täglichen Brot.

Zum täglichen Brot gehörten für mich während

der Bremerhavener Zeit auch die Hausbesuche.

als Berufsanfänger besuchte ich

alle Familien meiner Konfirmandinnen

und Konfirmanden – immerhin etwa

30 pro Jahrgang – zuhause. Diese

zeitaufwendigen Visiten schufen

Rahmenbedingungen für persönlichere

Gespräche und ließen mich

wichtige Eindrücke sammeln, zu

denen manchmal auch die armut

in ihren verschiedenen Facetten

gehörte: ein zerschlagener Tisch, Fernsehdauerberieselung

neben der unterhaltung,

beginnende Verwahrlosung.

Ländliche Jugendarbeit –

„Bürokratenblick“

Im Sommer 1987 wechselte ich nach

Edewecht, 15 km westlich von oldenburg gelegen.

Hier war ich bis Ende 2008 als Gemeindediakon

tätig. Seit Januar 2009 arbeite ich bei gleichem

Dienstsitz im Ev. Kreisjugenddienst ammerland.

In der ersten Zeit versuchte ich, die Hausbesuche

beizubehalten. aber das wurde mit wachsender

Zahl der Dienstjahre und zunehmenden

organisatorischen Funktionen

weniger. Damit ging auch dieser „Blick

auf die armut“ verloren. meine Position

zum Thema befand sich mehr und

mehr im Gemeindehaus und im Büro.

letzteres teilte ich mir für einige Jahre

mit dem Berater für arbeitslosigkeit

und Sozialhilfe, der erst angestellter

der Kirchengemeinde, später des

Diakonischen Werkes war. Die Beratungen

fanden natürlich in einem separaten

Raum statt, dennoch bekam ich

am Rande einiges von dem mit, was

die Ratsuchenden bedrückte. Wenn

der Berater außer Haus war, standen

sie manchmal mit ihren Themen vor

mir. Bei vielen war ich schlichtweg

überfordert und froh, auf den Fachmenschen

verweisen zu können.

Teils ging es um auseinandersetzungen

mit dem Sozialamt und dem

arbeitsamt, viele alleinerziehende

Frauen hatten Probleme mit Vätern,

die keinen unterhalt zahlten.

manche erwarteten, hier einen arbeitsplatz

vermittelt zu bekommen, andere hatten einfach

viel Zeit und wollten mit jemandem reden.

Ich bin der Überzeugung, dass die menschen

der Kirchengemeinde über die fachliche

Beratung hinaus im zwischenmenschlichen

Bereich viel zu geben hätte. Eigentlich waren die

Probleme eigentlich nie rein finanzieller

Natur. aber meine Hoffnung, der Besuch

des belebten Gemeindehauses würde

Chancen auf eine Integration in die Kirchengemeinde

eröffnen, erfüllte sich leider

11 Der sogenannte NaTo-Doppelbeschluss antwortete auf die modernisierung sowjetischer mittelstreckenraketen mit der Stationierung von amerikanischen

Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik, um so Verhandlungen zu erzwingen. Die Friedensbewegung fürchtete das auslösen eines Krieges und kritisierte

die aberwitzigen ausgaben für die Fähigkeit, die Erde mehrfach zu vernichten (overkill).

12 Vgl. Jesaja 2

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Nachbar statt nur nebenher Nachbar statt nur nebenher

nicht. mittlerweile wurde die Beratungsstelle in

ein anderes Gebäude ausgelagert. Die anonymität

in ihrer Zweischneidigkeit ist so gewährleistet, und

ich weiß nicht mehr, was die Beratungsstelle macht.

Im Gemeindehaus befindet sich der „Bücherkeller“,

die Evangelische-öffentliche Bücherei. Sie ist

auch ein anlaufpunkt für Kinder aus „belasteten“

Familien. Ein bisschen lesen, ein bisschen spielen,

mal bei mir ins Büro rein schauen. aber ich habe

ebenso wenig Zeit, mich ihnen intensiver zu widmen

wie die Kollegin im „Bücherkeller“. Eigentlich

müssten hier jeden Nachmittag Personen sitzen,

die Zeit für Kinder wie sie haben. 13 Eigentlich,

denke ich dann, müsste meine arbeit weniger

von festen, oft langfristig geplanten Terminen

bestimmt sein.

In der letzten Kindergruppe kamen die mitglieder

armut

aus sehr unterschiedlichen sozialen Situationen.

aber dieses integrierende angebot liegt bereits

zwei, drei Jahre zurück. Gruppen unter leitung

ehrenamtlich mitarbeitender, wie ich sie aus

Bremerhavener Zeiten kannte, gibt es nicht mehr.

Einige der vielfältigen Gründe liegen in der ausbreitung

der Schulzeit in den Nachmittag, die

sowohl die potentielle leitung wie die Teilnehmenden

betrifft. Gleichzeitig konkurriert eine

traditionelle Kindergruppe mit einem gewach-

senen – vor allem kommerziell motivierten –

Freizeitangebot und leidet unter einer unverbindlichen

anwesenheit, zum Schaden vor allem

der motivation der Ehrenamtlichen.

Dabei ist die Zahl der Jugendlichen, die sich zu

mitarbeitenden ausbilden lassen wollen und

bereit sind, anschließend aufgaben zu übernehmen

in dem Bereich, den ich überschauen kann,

nicht gesunken. Die Teilnahme an den mitarbeiterschulungen

und den folgenden Fortbildungen

13 Eine solche Funktion nimmt in Edewecht das Jugendzentrum wahr, es hat sich zum „Kinderzentrum“ entwickelt.

14 Die arbeit in der Küche ist für erfreulich viele Teamerinnen und Teamer attraktiv.

15 Zukünftig sollten bei Renovierungen in möglichst viele Gemeindehäuser Duschen eingebaut werden.

ist für Edewechter Jugendliche seit mehr als zehn

Jahren kostenlos. Jeden Sommer verantworten die

leiterinnen und leiter zwischen 14 und 30 Jahren

neben angeboten in der lokalen Ferienpassaktion

bis zu sechs Freizeiten für Kinder, Jugendliche

und junge Erwachsene. In den vergangenen Jahrzehnten

wurde der Standard in Jugendherbergen

und anderen Freizeithäusern enorm angehoben,

mit den entsprechenden Folgen für die Kosten.

um diese Freizeiten günstig anbieten zu können,

wurde die Selbstverpflegung (übrigens auch

bei Konfirmandenfreizeiten oder mitarbeiter-

schulungen) zum Regelfall 14 . aus Diakoniemitteln

der Kirchengemeinde wird unabhängig vom

Einkommen eine Geschwisterermäßigung von

25 € gewährt. Darüber hinaus erhalten manche

Eltern, insbesondere sind dies alleinerziehende

mütter, auf anfrage weitere Zuschüsse. Für Teilnehmerinnen

und Teilnehmer von Jugendfahrten,

die ins ausland führen, organisiere ich Gelegenheiten,

sich bei Festen oder anderen anlässen

gemeinsam Geld dazuzuverdienen.

aber vor allem geht es darum, mit Hilfe der in einer

Kirchengemeinde vorhandenen Ressourcen viele

angebote zu entwickeln, die nicht mittels des

Preises Ärmere aussortieren oder eine Bitte um

Preisnachlass nötig machen. Schlichtweg billig

sollen sie sein und dennoch bereichernde Erlebnisse

versprechen. Die Radtouren mit Jungen,

die uns in den vergangenen Jahren nach lübeck

(25 €) und Hannover (16 €) führten, und eine Tour

für Jugendliche mit der Bahn nach Hamburg

gehören dazu. Übernachtet wurde mit Schlafsack

und luftmatratze in Gemeindehäusern, die uns

freundlicherweise geöffnet wurden. 15 allerdings

wird es kaum jemanden, der sich mit dem Thema

„armut“ befasst, überraschen, dass diese Veranstaltungen

nicht automatisch auf das Interesse

der „armen“ stießen. mag sein, dass sie gar nicht

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davon lesen oder hören. Warum sollten sie auch

ein solches angebot, das mittlerweile doch

aus dem Rahmen fällt, erwarten? mag auch sein,

dass es am Fahrrad oder anderer ausrüstung

mangelt. mag aber auch sein, dass es schon an

Initiative fehlt, sich der damit verbundenen

unbequemlichkeiten zu unterziehen.

Dennoch soll es in dieser Richtung

weitergehen. möglichst kostenfrei

sollen auch die angebote sein,

die jugendliche mitarbeitende

im Rahmen der aktion

KonfiTüre für Konfirmandinnen

und Konfirmanden

machen, denn die Konfirmandenzeit

bietet die letzte

Chance – und darin besteht gleichzeitig

die große Herausforderung –,

mädchen und Jungen unterschiedlichster

Schichten und Schulen zusammen zu bringen.

Um ein Kind zu erziehen und die Armut

zu bekämpfen braucht es ein ganzes Dorf 16 –

Perspektiven für die Jugendarbeit

Die Diskussionen über ursachen und Bekämpfung

der armut sind interessanterweise nicht neu. Rückblicke

sind wichtig, um zu sehen, ob man vorangekommen

ist. 17 Viele der heute aktuellen Fragen

und Vorschläge standen bereits im England des

19. Jahrhunderts zur Debatte. 18 Die armen wurden

für ihre armut persönlich verantwortlich gemacht.

man warf ihnen vor, arbeitsscheu und betrügerisch

zu sein, bis eine umfangreiche untersuchung über

„life and labour of the People in london“ 19 das

ausmaß des Elends und die strukturellen ursachen

offenbarte. Christlich motivierte männer und

Frauen empfanden eine Schuld des Bürgertums

gegenüber der verarmten Klasse und

riefen im letzten Viertel des Jahrhunderts

die sogenannte Settlementbewegung

ins leben. Für

monate oder Jahre bezogen sie

Quartier in so genannten Settlements.

Der Begriff bezeichnet „eine

Niederlassung Gebildeter in einer

armen Nachbarschaft, die den

doppelten Zweck verfolgen, die

dortigen lebensverhältnisse aus

eigener anschauung kennen zu

lernen und zu helfen“. 20 Rasch

wurde den Siedlerinnen und Siedlern

klar, dass eine Professionalisierung der Hilfe

und eine vernünftige Sozialgesetzgebung nötig

waren. Guter Wille allein genügte nicht, um im

Kampf gegen die armut und den tiefen Riss, der

durch die Gesellschaft ging, voran zu kommen.

Heute haben wir eine relativ ausgebaute Sozialgesetzgebung

21 und die Professionalisierung der

Hilfen. aber in den Städten und auf dem land

merken wir, dies allein reicht nicht. man wird

versuchen, Gesetze und Hilfen zu optimieren. Ich

möchte an den alten Nachbarschaftsgedanken

erinnern, der im ländlichen Raum noch sehr viel

stärker präsent ist als im urbanen Bereich. Denn

16 Derzeit beliebtes afrikanisches Sprichwort - leicht abgewandelt.

17 unter diesem Gesichtspunkt bitte ich die Verweise auf teils recht alte literatur zu verstehen.

18 Vgl. margarete Hecker, Die Entwicklung der englischen Settlementbewegung und der Wandel ihrer arbeitsformen. Erlangen 1968, S.6 ff.

19 Die 17 Bände, herausgegeben im auftrage des Reeders Charles Booth, erschienen in den Jahren 1889 – 1903.

20 Picht, Werner, Toynbee Hall und die englische Settlement-Bewegung. Tübingen 1913, S. 1. Im englischen Vorbild fand der Berliner Theologe und Pfarrer

Siegmund-Schultze (1885 - 1969), was er in seiner Kirche vergeblich suchte: Die Reflexion über die sozialen Probleme, die lebenssituation des Proletariats

und die Rolle des Kapitals und leben in der Nachfolge Jesu. als Sechsundzwanzigjähriger gab er 1911 seine viel versprechende kirchliche Karriere auf und

gründete im Berliner arbeiterstadtteil Friedrichshain ein Settlement. mit Siegmund-Schultze, seiner Frau und seiner Schwester siedelten sich auch drei

Studierende in der Friedenstraße an. Die Zahl der Studierenden im Settlement stieg bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs beständig an. Nach dem kriegsbedingten

Einbruch erfreute sich die arbeit in der inzwischen gegründeten Sozialen arbeitsgemeinschaft Berlin-ost (SaG) während der aufbauphase der

jungen Republik wieder großer Nachfrage.

21 Die sogar regelt, unter welchen Bedingungen Kinder von Hartz-IV-Empfängern ein anrecht auf bezahlten Nachhilfeunterricht haben. Schlechte Noten

reichen da nicht, es muss schon etwas wie ein Todesfall in der Familie oder eine schwere Krankheit der mutter vorliegen! Vgl. „Die armen haben wenig zu

verlieren“ in: Die Zeit, 09.09.2010, S. 24

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Nachbar statt nur nebenher Nachbar statt nur nebenher

ich bin skeptisch, ob Wohltätigkeitsaktionen der

eingangs beschriebenen art die Würde des

menschen stärken, von der ich in den theologischen

Überlegungen gesprochen habe. Zwar sind sie

sehr beliebt und scheinen einen ausweg aus

unserer Hilflosigkeit gegenüber der armut zu

bieten und zugegebenermaßen ist die Frage nach

den strukturellen ursachen der armut mühsam

und zeitaufwendig. aber bevor wir fremde menschen

mit unseren liebesgaben beschenken, wäre

eine etwas gerechte Behandlung nicht schlecht.

Durchaus denkbar wäre, dass ein Kind einen

Zuschuss aus der Diakoniekasse unserer Gemeinde

bekommt, dessen mutter oder Vater mit minimalbezahlung

für den Billiganbieter mailexpress

die Post austrägt, den die Kirchengemeinden des

ammerlandes nun anstelle der Post nutzen,

um Geld zu sparen! Taschengeldjobs für Eltern

sind entwürdigend, für Kinder sinnvoll. Jugend-

arbeiterinnen und -arbeiter oder auch Küster

sollten einen Fonds zur Verfügung haben, aus

dem sie kleinere arbeiten im Büro, in der Kirche

oder in anderen Zusammenhängen bezahlen

können. Das nutzt beiden Seiten und schafft

Bindungen. Das Gemeindezentrum sollte etwas

vom Charakter der vielfach verschwundenen

Bauernhöfe haben. Hier konnten häufig gerade

Kinder und Jugendliche mit besonderen Problemen

etwas Sinnvolles tun, ihre Fähigkeiten und ausdauer

erweitern und sich integrieren.

Der Zeiteinsatz und die Kreativität der Ehrenamtlichen

und anderen interessierten Gemeindemitglieder

gehören zu den besonderen Gaben, die

Kirchengemeinde und Jugendarbeit in der aus-

einandersetzung mit der armut einbringen können.

Sie könnten erst einmal helfen, armut differenziert

wahrzunehmen: Dem einen fehlt Geld, dem anderen

Gesprächspartner, einer die Freundin, der

anderen anregungen, die Zeit zu verbringen,

Nachhilfeunterricht und so weiter und so fort.

arm ist eben nicht gleich arm. Darauf wies die

Familienforscherin uta meier-Gräwe in einem

Interview hin: „Die medien sind fixiert auf die

reine Einkommensarmut.“ 22 Die Nachbarschaft auf

dem lande war nie selbstlos, sondern ein System

mit gegenseitigem Nutzen. Jugendarbeiterinnen

und Jugendarbeiter könnten die Kompetenz haben,

ein solch angedeutetes nachbarschaftliches

System zu erneuern. Vielleicht bleibt dieser

Gedanke in anbetracht um sich greifender Ganztagsschulen

und des Turboabiturs mit seinen auswirkungen

auf die möglichkeiten ehrenamtlicher

Tätigkeit utopisch.

Armut im globalen Dorf

Sehr real dagegen ist, dass wer das Recht wie

Wasser strömen sehen möchte 23 , belastbare

Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge

benötigt, denn für unser Verständnis von Nachbarschaft

im Kampf gegen die armut darf die Rede

vom „globalen Dorf“ keine Floskel sein. an die

Stelle der gierigen Schnäppchenkultur, die auch

in der evangelischen Jugendarbeit ihre Jünger hat,

tritt der Faire Handel. Die Folgen unseres Handelns

für das Klima werden nicht mehr aus Bequemlichkeit

ignoriert. Denn die armut jenseits unserer

Grenzen ist trotz vulkanischer Erscheinung kein

Naturereignis! Zigtausende sind auf dem Weg in

die Festung Europa. Wenige erreichen ihr Ziel und

führen dann häufig ein wahrhaftes Schattendasein

in sogenannter „Illegalität“. Tausende kommen um

oder werden in lagern festgehalten. angesichts

22 Die Zeit, 22.02.2007. meier-Gräwe war zu diesem Zeitpunkt Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der universität

Gießen und beriet u. a. die Bundesregierung in Fragen der armutsprävention.

23 amos 5, 24

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solcher Tatsachen dürfen wir nicht die selbst verdummende

Phrase pflegen, dass alles gut würde,

wenn wir erstmal im Kleinen lieb zueinander sind!

als ob es den Begriff der strukturellen Gewalt noch

zu erfinden gelte! Die „Schutzmaßnahmen“ an den

außengrenzen Europas oder auch der uSa gegen

die bedrohlich erscheinenden Flüchtlingsströme,

kosten nicht nur Tausende das leben, sondern

lassen ganz nebenbei auch unsere Vorstellungen

von mitmenschlichkeit, von geschwisterlichem

Dasein in Gottes Welt im tiefsten Sinn des Wortes

verwahrlosen. Behauptungen, alle menschen

seien als Geschöpfe Gottes gleichviel wert,

werden zum hohlen Geschwätz.

Literatur

• Boal, augusto, Theater der unterdrückten.

• Boff, leonardo, Zärtlichkeit und Kraft.

• Franz von assisi mit den augen der armen

gesehen. Düsseldorf 1985

• Cardenal, Ernesto, Das Evangelium der Bauern

von Solentiname. Wuppertal 1980

• Freire, Paulo, Pädagogik der unterdrückten

Wort

• Hecker, margarete, Die Entwicklung der

englischen Settlementbewegung und der

Wandel ihrer arbeitsformen. Erlangen 1968

• Roth, Jürgen, armut in der Bundesrepublik.

untersuchungen und Reportagen zur Krise des

Sozialstaats. Hamburg 1979

• Schneider, ulrich, armes Deutschland 2010

• Tutu, Desmond, „Gott segne afrika“.

Hamburg 1984

Volker Austein

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GEGEN DEN TREND ’2011


INTeGRATIoN DuRcH

INTeRAkTIoN

„Deutsch-russisches Roulette“ –

ein Projekt aus der

kirchengemeinde edewecht

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Integration

durch Interaktion

INTeGRATIoN DuRcH INTeRAkTIoN

„Deutsch-russisches Roulette” – ein Projekt

aus der Kirchengemeinde Edewecht

Ausgangslage

Die Idee des „Deutsch-russichen Roulettes”

entstand im Jahr 2005 nach einer Diskussion

zwischen unserem Diakon Volker austien und

mir. uns war aufgefallen, dass die Jugendlichen

mit migrationshintergrund (i. d. F. Russland-

deutsche) und die deutschen Jugendlichen ein

sehr ambivalentes Verhältniss pflegten. Wir

sprachen über den respektlosen umgang zwischen

deutschen Jugendlichen und Jugendlichen mit

migrationshintergrund bei uns in der Gemeinde.

Es gab zwar in den Schulen kaum Probleme, die

beiden Kulturkreise zueinander zu führen, doch

im privaten alltag bestimmten Vorurteile und

„Grüppchenbildung” das Geschehen. außerdem

wunderten wir uns schon lange darüber, dass

an den offenen angeboten im Jugendzentrum

des ortes ausschließlich Jugendliche mit

migrationshintergrund teilnahmen und an angeboten

der Kirche nicht. Für „unsere” Teestuben

konnten wir ausschließlich deutsche Jugendliche

als TeilnehmerInnen gewinnen, obwohl das

angebot identisch war. Schließlich beschlossen

wir ein Projekt zu entwickeln, das die Jugendlichen

beider Kulturkreise zusammenführen

sollte, das „Deutsch-russische Roulette”. um

unserem anspruch gerecht zu werden suchten

wir zunächst eine mitstreiterin mit migrationshintergrund.

mit alena Pakalow fanden wir eine

kompetente Gleichgesinnte, der das oben

genannte Problem auch schon aufgefallen war.

Projektbeschreibung

Zunächst haben wir lange über unser Projektziel

diskutiert und waren uns dann einig, dass wir zwei

Kulturen zusammenbringen wollten. unser Ziel

war es, den Jugendlichen klar zu machen, dass

hauptsächlich die Wurzeln der Teilnehmenden

verschieden sind. Da wir allerdings auch innerhalb

des Teams mit Vorurteilen und offenen Fragen

konfrontiert wurden, versuchten wir antworten auf

zum Beispiel folgende Fragen zu finden:

• Was ist eigentlich die korrekte Bezeichnung

für Jugendliche mit russischem migrations-

hintergrund?

• Gibt es einen unterschied zwischen

Deutschrussen und Russlanddeutschen?

• Warum betreiben „alle” jungen männer mit

migrationshintergrund Kickboxen?

Oder:

• Warum haben deutsche Jugendliche weniger

Respekt vor alten menschen?

• Warum heißen „die Deutschen”

überall Kartoffeln?

Natürlich gab es es auch einige Fragen, auf die

keiner von uns eine antwort wusste, aber es war

sehr nützlich, sich im Vorfeld mit diesen Fragen

auseinandergesetzt zu haben.

Schließlich fingen wir an, die Rahmenbedingungen

für das Projekt zu planen. Wir einigten uns darauf,

das Projekt zunächst auf sechs Treffen zu begrenzen,

um bei misserfolg schneller reagieren zu können.

außerdem war uns wichtig, dass zwischen den

Treffen jeweils ca. 3 - 4 Wochen lagen, um den

TeilnehmerInnen ein regelmäßiges Dabeisein

zu ermöglichen. aufgrund von Sportaktivitäten,

Fahrschulunterricht und sonstigen Verpflichtungen

wäre es sonst nicht möglich gewesen, die Jugendlichen

zusammenzuhalten. Ziel war es, eine homogene

Gruppe (bestehend aus fünf Jugendlichen

mit russischem migrationshintergrund und fünf

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Integration durch Interaktion Integration durch Interaktion

deutschen Jugendlichen) zu finden, deren TeilnehmerInnen

im Durchschnitt sechzehneinhalb

Jahre alt waren und die ferner alle Schulformen

abdeckte. Die Themen, die wir während der

Treffen behandelten, sollten für ein besseres

Verhältnis und Verständnis sorgen. Inhalte waren

unter anderem:

• Was und wo ist für mich „zu Hause”?

• Was und wo sind meine Wurzeln?

• Was für Vorturteile habe ich den anderen

gegenüber und welche sind mir über uns

selbst bekannt?

• Wie werden in der anderen Kultur

z. B. Weihnachten, Geburtstage

und Hochzeiten gefeiert?

Nach einer intensiven Vorbereitungsphase mit

kleinen Problemen (s. Probleme) und Werbung

für dieses Projekt kamen wir zum ersten Treffen

im Gemeindehaus zusammen, um uns kennen

zu lernen und uns wurde klar, dass wir bei allen

Beteiligten auf offene ohren stießen. alle TeilnehmerInnen

hatten viel Spaß daran, sich mit den

unterschieden der Kulturen zu beschäftigen und

noch während des ersten Treffens lud uns eine

Teilnehmerin für das nächste Treffen zu sich nach

Hause ein. Die folgenden Treffen fanden daraufhin

bei TeilnehmerInnen zu Hause statt und jede/r

GastgeberIn servierte eine Spezialität der eigenen

Kultur. Nach der Hälfte aller bis dahin geplanten

Treffen wünschten sich die TeilnehmerInnen

bereits eine Verlängerung des Projektes, der wir

gerne nachkamen.

Der Themenschwerpunkt in der zweiten Projekthälfte

war auch nicht mehr auf den unterschieden

zwischen den Kulturen aufgebaut, sondern vielmehr

auf deren Gemeinsamkeiten. Wir behandelten

zum Beispiel folgende Fragen:

• Wie gehen wir Jugendlichen mit alkohol um?

• Was machen wir um eine arbeitslosigkeit

zu verhindern?

• Was können wir machen um in der

Gesellschaft anerkannt zu werden?

aus diesen Themen ergaben sich automatisch

neue Ideen, die die Jugendlichen gemeinsam

entwickelten. Zunächst entstand eine „Inter-

nationale Teestube” im Gemeindehaus, zu der

alle Jugendlichen aus der Gemeinde eingeladen

wurden. außerdem wurde für Kinder mit und

ohne migrationshintergrund eine Übernachtung

im Heu angeboten.

Ein Höhepunkt war sicherlich das Treffen mit den

Ehrenamtlichen einer Nachbargemeinde. Das

Besondere daran war, dass die Ehrenamtlichen

fast alle einen migrationshintergrund hatten,

sodass die deutschen Jugendlichen das beklemmende

Gefühl „in der unterzahl zu sein„ kennenlernen

konnten.

Nach weiteren Treffen, einem ausflug, einer

Wochenendfreizeit und vielen kleinen aktionen

endete nach knapp zwei Jahren und zu unser aller

Zufriedenheit das „Deutsch-Russische-Roulette”.

Schwierigkeiten

Es gab auch Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen

mussten. Besonders alena (die

hier bereits erwähnte mitstreiterin mit migrationshintergrund)

musste Überzeugungsarbeit leisten,

um die Jugendlichen mit migrationshintergrund

aus ihrem umfeld in unser Gemeindehaus zu

bekommen. Das Problem war, dass diese Jugend-

68_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

lichen in ein Gebäude gehen „mussten„, in dem

eigentlich eine andere Kultur (i. d. F. die deutsche)

vorherrschend war. Das Gefühl, sich hier als

Jugendlicher mit migrationshintergrund zu outen,

war laut alena für viele eine Hemmschwelle, die

sie nur schwer überwinden konnten. Die deutsch-

russischen mitstreiter hatten angst, ihren

migrationshintergrund zu offenbaren und befürchteten,

sich mit unwahren und halbwahren

Klischees über ihre Kultur auseinandersetzten zu

müssen. Ich hatte das Gefühl, dass die Jugend-

lichen ohne migrationshintergrund es leichter

hatten sich auf dieses Projekt einzulassen, weil

sie weniger zu verlieren hatten. Dennoch mussten

wir die deutschen TeilnehmerInnen besonders

bewerben und es schien, als wäre ihnen das

Problem eigentlich egal. Die erste Reaktion war

auch bei den Deutschen eine Haltung zwischen

Interesse und Zurückhaltung.

Fazit

Im Rückblick kann ich sagen, dass dieses Projekt

erfolgreicher war als wir vorher gedacht hätten.

Natürlich haben wir es nicht geschafft, alle Vor-

urteile und Klischees abzubauen, aber wir haben

mit dem Projekt erreicht, dass die Jugendlichen

offen miteinander umgehen. Sicherlich war

die Gruppe klein und es gibt noch jede menge zu

erledigen bis alle menschen, egal welcher Kultur,

offen miteinander reden können, doch wir haben

einen ersten Schritt gemacht.

langfristig ist es uns leider nicht gelungen, einige

der teilnehmenden Jugendlichen mit migrationshintergrund

für unsere ehrenamtliche arbeit

zu begeistern und auch Kinder mit miragtions-

hintergrund fahren viel zu selten auf eine unserer

Sommerfreizeiten mit.

Ein tolles integratives Ereignis, welches auch mit

der Öffnung unserer Kirchengemeinde einherging,

fand am 21.10.2007 statt. Einige russlanddeutsche

mütter (TeilnehmernInnen des „Deutsch-Russischen-

Roulettes”) ließen sich in einer Erwachsenen-

konfirmation konfirmieren. Es muss jedoch noch

viel geschehen um alle Ängste und Vorurteile

auszuräumen, aber wir versuchen jeden Tag in

unserer Kirchengemeinde daran zu arbeiten und

damit dem Frieden auf Erden ein bisschen näher

zu kommen.

mich persönlich hat das Projekt einmal mehr

daran erinnert, dass alle menschen und Kulturen

die selben Probleme und Ängste haben und

dass es sich lohnt gegen Vorurteile zu kämpfen.

Ich habe gute Kontakte knüpfen können und

dadurch heute einen anderen Blick auf die

deutsch-russische Kultur.

Ole Martens

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kIRcHe uND ScHule –

HAND IN HAND

Schulnahe Jugend an der elisabeth-Selbert-

Schule im kirchenkreis Hameln-Pyrmont

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

kIRcHe uND ScHule – HAND IN HAND

Kirche und Schule –

Hand in Hand

Schulnahe Jugendarbeit an der Elisabeth-Selbert-

Schule im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont

Das Projekt wurde von der Schulleitung der

Elisabeth-Selbert-Berufsschule und dem Kirchenkreis

Hameln-Pyrmont ins leben gerufen.

Seit dem Schuljahr 2008/09 nehmen jedes Jahr

zwei Schulklassen des Berufsvobereitungsjahres

(BVJ) der Elisabeth-Selbert-Schule an dem sozialraumorientierten

Projekt der schulnahen Jugendarbeit

teil.

Für die arbeit mit den Jugendlichen ist eine

Sozialpädagogin zuständig, die eng mit einem

Schulpastor und den Klassenlehrern der

Klassen zusammenarbeitet.

Die Vision

• Der Bildungsraum „Schule“ wird mit den

möglichkeiten von Jugendarbeit verknüpft

und es entwickeln sich neue Perspektiven

für die SchülerInnen

• Irritation der Systeme Schule und Jugendarbeit

aufgrund der unterschiedlichen arbeitsweisen/

Kooperationswege der Zukunft

• Neue Bildungsprozesse durch Gruppenerfahrungen,

gemeinsame Krisen, Beratung

von Einzelnen und agieren in selbst

gestalteten Freiräumen

• motivation zur Gestaltung der eigenen

Biographie durch initiierte Persönlichkeits-

entwicklung

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

kirche und Schule – Hand in Hand kirche und Schule – Hand in Hand

Zielsetzungen

• Die SchülerInnen fühlen sich angenommen,

wertgeschätzt und in ihrer aktuellen

lebenssituation abgeholt

• Wahrnehmen, erlernen und anwenden von

pro-sozialen Verhaltensweisen, lernen am

Vorbild, Kontaktaufnahme mit engagierten

Ehrenamtlichen zur Begegnung mit anderen

attraktiven und zugänglichen lebensweisen

• Intensivere innere auseinandersetzung

mit der eigenen Biografie durch

Kirche als seelsorgende Partnerin

• Erleben der Klasse als feste und

zusammenhaltende Gemeinschaft

Die Situation

• Das Projekt läuft seit Dezember 2008 in zwei

BVJ-Klassen an der Elisabeth-Selbert-Schule

in jeweils sieben Schulstunden pro Woche

• Die Klassen haben eine Größe von 9 - 14

SchülerInnen

• Die SchülerInnen kommen von Förder- und

Hauptschulen und weisen bisher eine

unstetige Bildungsbiografie auf

• Die Jugendlichen haben die verschiedensten

Nationalitäten und die Problemvielfalt ihres

alltags erstreckt sich von Familienproblemen,

Drogenkonsum, Gewalterfahrungen, Nationali-

tätenkonflikt bis hin zu finanziellen Problemen

• Vielen SchülerInnen fehlt eine individuelle

Freizeitgestaltung/möglichkeit und Ressourcen

werden nicht gekannt

Bisherige

Projekte

• Gestaltung eines eigenen Raumes in der

martin-luther-Gemeinde durch lackier-,

maler- und Dekorieraufgaben

• Erarbeitung verschiedener Themenkomplexe

• Gruppenerfahrungen durch erlebnispädagogische

angebote, Kooperationsspiele

und Sozialübungen

• Einzelgespräche über eigene lebensführung

und aktivierungshilfe bei Bewerbungen,

aushilfsjobs und ehrenamtliches Engagement

• Produktion eines eigenen Films

• Schwarzlichttheater zur „Ich-Stärkung“

• Gestaltung eines Webblogs

• Gemeinsames Kochen und Essen

• auseinandersetzung mit Kulturen und Religionen

• Kooperation mit Jugendeinrichtungen vor ort

zum aufzeigen von außerschulischen angeboten

und abbauen von Hemmschwellen

• Kooperation und Begegnung u. a. mit:

lokalem Radiosender, Freiwilligenagentur,

Kirchengemeinden, ausländeramt

• Problembezogenes, aktuelles Handeln

72_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

um den einzelnen Jugendlichen gerecht zu werden,

wird die methodenwahl für die jeweiligen Klassen

innerhalb des Projekts auf die Klasse abgestimmt

und es werden verschiedene Projekte initiiert.

Im letzten Schuljahr (2009/10) beschäftigten

wir uns in der einen Klasse verstärkt mit dem

Thema „Ich-Stärkung“ anhand der methode des

„Schwarzlichttheaters“. In der anderen Klasse

stand medienpädagogik im Vordergrund. Dies

geschah durch die eigenständige Produktion

eines Films zum Thema Respekt und Gewalt.

Im Rahmen dieser aktionen war es sehr gut

möglich, die genannten Themeninhalte des Projekts

zu bearbeiten. Die Jugendlichen lernten zudem

sich Ziele zu setzen und diese mit unterstützung

zu erreichen. Sie bewiesen ausdauer und er-

lernten den umgang mit Konflikten.

Die detaillierte ansicht der aktionen in nahezu

jeder Woche dokumentierten die Jugendlichen

zudem pro Klasse auf einem für sie eingerichteten

Webblog auf ihrer Schulhomepage:

www.ess-hameln.de/elisabethselbert/bvj-eg-weblog.phpwww.ess-hameln.de/elisabethselbert/bvj-c-weblog.php

Hier ein auszug aus dem

Webblog vom 04.12.2009

04.12.2009

Wir gestalten heute unseren Web-Blog. Nach dieser

anstrengenden arbeit brennen wir uns selber

mandeln in der martin-luther-Gemeinde (weil die

auf dem Weihnachtsmarkt echt teuer sind). Bajram

hat irgendwann die Hand wehgetan, vom vielen

umrühren, aber wir sind uns einig: Das Ergebnis

war echt sehr gut (und ziemlich lecker)! Hinterher

haben wir ein Weihnachtsmarktchaos (Rallye) in

Hameln veranstaltet. Inklusive Infos über die Jugendwerkstatt

und heißem Kakao :) Die mandeln

haben wir natürlich mitgenommen. Das Rezept für

die mandeln

findet ihr hier:

Selbstgebrannte

Mandeln

Zutaten:

200g Zucker

1 Pkt. Vanillezucker

100ml Wasser

200g mandel(n), (ganz)

etwas Zimt

Anleitung:

Zimt, Zucker, Vanillezucker und Wasser zum Kochen

bringen, mandeln zugeben und unter Rühren

weiterkochen bis der Zucker trocken wird. Dann

weiterrühren bis der Zucker wieder leicht zu

schmelzen beginnt und die madeln glänzen.

Ein Backblech mit Backpapier auslegen, mandeln

draufschütten, zerteilen und abkühlen lassen.

Das Projekt ermöglicht es Jugendlichen, die bereits

viele Enttäuschungen in ihrem leben ertragen

mussten, einen neuen, positiven Blick auf sich

selbst und die Welt zu wagen. Sie bekommen die

möglichkeit, sich ganz ungezwungen und häufig

erstmals mit ihrem eigenen Glauben und ihren

Werten auseinander zu setzen.

Die Nachhaltigkeit des Projekts ist jedoch nicht

nur auf die Individuen, sondern auch auf die

Kooperation zwischen Schule und Kirche bezogen.

Diese beiden Institutionen geben durch das Projekt

zu verstehen, dass sie bereit sind, voneinander zu

lernen und es wichtig ist, dass sie sich gemeinsam

mit ihren sehr unterschiedlichen möglichkeiten

und Herangehensweisen für die Zukunft junger

menschen einsetzen.

Daniela Wesely

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GloBAleS leRNeN

Bildung für nachhaltige entwicklung

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Globales Lernen

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Erdbeeren im Januar? – Ein Überblick über Inhalt

und Konzept globalen Lernens

In der slowakischen Version des märchens „Die

zwölf monate“ gelüstet es die hässliche, aber

von ihrer mutter inniglich geliebte Holena an

einem Tag mitten im Januar nach Erdbeeren. Für

die sofortige Befriedigung dieses extravaganten

Wunsches muss maruska, die verhasste und

schöne Stiefschwester von Holena herhalten.

Rücksichtslos wird das mädchen in den verschneiten

Wald geschickt, um frische Erdbeeren

zu holen. Die zwölf monate, denen sie im Wald in

der Gestalt von zwölf männern begegnet, helfen

dem mädchen aus der Not. Der Januar tauscht

seinen Platz mit dem Juni, es wird für kurze Zeit

sommerlich warm und maruska findet Erdbeeren

in Fülle. Erleichtert kehrt sie nach Hause zurück.

Doch die gierige Schwester schickt sie, Veilchen zu

suchen und knackige Äpfel mitzubringen. In ihrer

unersättlichen Gier geht Holena eines Tages selbst

in den Wald, gefolgt von ihrer mutter. Die zwölf

monate durchschauen das Spiel und beschwören

einen Eissturm herauf, aus dem mutter und Tochter

nicht zurückkehren.

Blickt man aus der Perspektive des alten märchens

auf die Welt

21.Jhdt

am Beginn des 21. Jahrhunderts, so

scheint es, als habe sich das märchen nicht nur

auf fantastische Weise erfüllt. Vielmehr bildet es

unsere Realität in geradezu erschreckendem maße

ab. Erdbeeren im Januar sind keine unmöglichkeit.

Ebenso kann man hierzulande Schnittblumen zu

jeder Jahreszeit käuflich erwerben. Die industrialisierte

landwirtschaft, Welthandelsstrukturen

und entsprechende logistik und Transporttechnik

machen es möglich. Doch um welchen Preis? Für

„Wintererdbeeren“ zahlen ihn die umwelt und wir

GloBAleS leRNeN

infolge des umweltbelastenden Energieverbrauchs

bei Produktion und Transport, von den Pestizidrückständen

ganz zu schweigen. Den tatsächlichen

Preis für erschwingliche Blumen zahlen die

Frauen in den Blumenplantagen Kolumbiens. Das

Geschäft mit den Blumen boomt, die arbeitskräfte

sind billig, arbeitsrecht und umweltschutz werden

umgangen, während die miserabel bezahlten

arbeiterinnen an den gesundheitsschädigenden

auswirkungen des Pestizideinsatzes leiden.

Der lebensstil in unserem land ist wie bei Holena

aus dem märchen in starkem maße von einer

grenzenlosen Bedürfnisbefriedigung bestimmt,

wenn es nur jetzt auf der Stelle und vor allem billig

ist. Dass das wie in dem märchen auch nur auf

Kosten anderer menschen und der umwelt möglich

wird, ist bekannt, wird aber meist aus dem Bewusstsein

verdrängt. Ebenso die Tatsache, dass

spätestens durch den Klimawandel und seine auswirkungen

nicht erst den nach uns kommenden

Generationen, sondern uns allen die Rechnung

präsentiert wird. Damit ist der Hintergrund für

globales lernen skizziert.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Globales lernen Globales lernen

Globales Lernen – eine pädagogische Antwort

auf wachsende Komplexität

Zunehmende soziale ungerechtigkeit, Raubbau

an den natürlichen Ressourcen der Erde, umweltverschmutzung,

migrationsprozesse, zunehmende

Gewalt und Krieg sind zentrale Stichworte für die

Herausforderungen, mit denen wir a ngesichts

von Globalisierungsprozessen umgehen müssen.

auf den ersten Blick eröffnet die Globalisierung

bislang ungekannte Chancen und möglichkeiten.

moderne Transporttechnik und Kommunikationstechnologien

sorgen für mobilität und Vernetzung

der menschen in nahezu märchenhaften Dimensionen.

Doch von den Chancen profitiert nur ein verschwindend

kleiner Teil der menschheit, während

der größte Teil der Erdbevölkerung armutsbedingt

ausgeschlossen bleibt. Das Beispiel des durch

Treibhausgase verursachten Klimawandels zeigt,

dass mit dem Zusammenwachsen der Welt in

wirtschaftlicher, finanzieller, ökologischer und

sicherheitspolitischer Hinsicht Gefährdungen

verbunden sind, die die menschheit auf der einen

Erde immer mehr zur Risikogemeinschaft zusammenwachsen

lassen.

Globales lernen ist der Versuch einer pädagogischen

antwort auf die Herausforderungen

des Zusammenlebens der menschen unter den

Bedingungen der Globalisierung. Die damit

verbundenen Probleme sind nicht neu. Neu ist

die gewachsene Komplexität, die eigentliche

Herausforderung, die eine Neuorientierung in

der schulischen wie außerschulischen Bildungsarbeit

erfordert. um diese Komplexitäts-

steigerung zu bewältigen, wurden Didaktik und

methodik globalen lernens in den vergangenen

zehn bis fünfzehn Jahren aus der Theorie und

Praxis entwicklungspolitischer Bildungsansätze

entwickelt.

76_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Komlexität

und globalen Zusammenhängen zu erkennen

Die Komplexitätssteigerung wird

in dreifacher Hinsicht deutlich:

1. Die genannten Risiken und Gefährdungen

zeigen, dass das Überleben der menschheit als

Ganzes auf dem Spiel steht, und markieren

damit die besorgniserregende Dimension der

Probleme und wie dringlich sie zu lösen sind.

2. Fremde und vertraute lebenswelten stoßen

unter globalen Bedingungen unvermittelt

aufeinander. In der Einheitskultur globaler

Großstädte begegnen uns viele Kilometer

von unserem Zuhause entfernt vertraute

aspekte unserer lebenswelt, während das

Fremde unmittelbar vor der eigenen Haustür

zu finden ist. So unterscheidet sich ein

Einkaufszentrum in Johannesburg kaum von

den vertrauten Shoppingmeilen deutscher

Städte, während sich unweit vom evangelischen

Jugendzentrum muslimische migranten zum

Freitagsgebet versammeln.

3. Die rasante Geschwindigkeit der Veränderungen

auf der Erde führt dazu, dass unser Wissen

immer schneller an aktualität verliert und das

individuelle Nichtwissen schneller wächst als

das Wissen. Das stellt lehrende wie lernende

vor eine gemeinsame Herausforderung. Sie

müssen lernen, mit der unsicherheit um-

zugehen, nicht alles wissen zu können und

dennoch vernünftige Entscheidungen zu treffen. 1

Vor diesem Hintergrund zielt globales lernen

auf eine Neuorientierung in der Bildungspraxis ab.

1 Vgl. annette Scheunpflug und Nikolaus Schröck, Globales lernen. Diese

von „Brot für die Welt“ herausgegebene Broschüre ist leider vergriffen.

Sie will menschen dazu befähigen, sich den

komplexen Herausforderungen zu stellen und die

Wechselwirkung zwischen lokaler lebenswelt

und zu verstehen. Globales lernen setzt auf Kompetenzen,

die für eine kritische mitgestaltung

der Welt nötig sind. angesichts der Entgrenzung

gesellschaftlicher Verhältnisse und des Zusammenwachsens

zur Risikogemeinschaft geht es

um die Befähigung zum Denken und Handeln

im Welthorizont, das sich am leitbild einer nachhaltigen

Entwicklung orientiert.

Globales Lernen – Inhalt, Ziel und Methoden

Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2005 bis

2014 zur Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“

erklärt. Das zeigt den Stellenwert der

Bildung als wichtiger Schlüssel für die zukunftsfähige

Gestaltung der Welt. Sie orientiert sich

am leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, das

die uN-Konferenz für umwelt und Entwicklung

1992 in Rio de Janeiro als weltweit normativen

Rahmen des politischen Handelns anerkannt

hat. Nachhaltigkeit umfasst gleichberechtigt die

Dimensionen sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher

leistungsfähigkeit, demokratischer Politikgestaltung

und des ökologischen Gleichgewichts.

Das Konzept globalen lernens kann als wesentlicher

Beitrag zur Gestaltung der schulischen und

außerschulischen Bildungsarbeit im Sinne der

Nachhaltigkeit verstanden werden. So sind die

Inhalte globalen lernens ebenso wie Ziel und

methoden am leitbild einer Bildung für nachhaltige

Entwicklung ausgerichtet.

Inhalt: mit der Bestimmung der Inhalte verbindet

sich die Frage nach dem eigentlichen Gegenstand

globalen lernens. Was ist der lerngegenstand?

als mitglied des Verbandes entwicklungspolitischer

Nichtregierungsorganisationen in Deutschland

(VENRo) weiß sich die arbeitsgemeinschaft

der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Globales lernen Globales lernen

Deutschland e.V. (aej) der Positionierung von

VENRo verpflichtet. 2 Danach steht die Frage der

weltweiten Gerechtigkeit im mittelpunkt globalen

lernens, ohne die anderen Dimensionen des Nachhaltigkeitsleitbildes

zu vernachlässigen.

Für die konkrete arbeit im alltag und bei der orientierung

in einem nahezu unüberschaubaren lernfeld

ist das arbeitsbuch „leben in Einer Welt“ von

Susan Fountain hilfreich. Fountain bestimmt fünf

lernfelder globalen lernens: 3

• wechselseitige Abhängigkeit

• Bilder und Wahrnehmungen

• soziale Gerechtigkeit

• Konflikte und Konfliktlösungen

• Wandel und Zukunft

alle lernfelder sind in Industrie- und Entwicklungsländern

gleichermaßen bedeutsam. Sie stehen

nicht für neue Themenbereiche, sondern sind

Schlüsselbegriffe. Das lernfeld „wechselseitige

abhängigkeit“ will die Verwobenheit aller lebensprozesse

auf der Welt veranschaulichen. Was

wir vor ort tun, hat auswirkungen anderswo und

umgekehrt, wie das Beispiel von den Blumen aus

Kolumbien zeigt. Das lernfeld „Bilder und Wahrnehmungen“

stellt sich der Notwendigkeit, soziale

und interkulturelle Kompetenz zu erwerben, Vorurteile

zu erkennen und zu bearbeiten. Für die Fragen

sozialer Gerechtigkeit will das entsprechende dritte

lernfeld grundsätzlich sensibilisieren und anregen,

Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Die

Dimension von personaler und struktureller Gewalt

und damit verbunden das Thema einer friedlichen

2 Vgl. die arbeitspapiere Nr. 10 und 15, die auf der Website von VENRo zu

finden sind, www.venro.de

3 Vgl. Susan Fountain, leben in Einer Welt. anregungen zum globalen

lernen, Braunschweig, 1996

Zukunft erarbeitet das vierte lernfeld, während

das fünfte lernfeld auf die möglichkeiten abzielt,

die Zukunft unserer Erde nicht sich selbst zu überlassen,

sondern aktiv mit zu gestalten.

Ziel: orientierung, Visionen und Empowerment

können als die zentralen Zielsetzungen globalen

lernens verstanden werden.

Globalisierungsprozesse wirken auf den ersten

Blick unüberschaubar und erschlagend. Es scheint

Expertenwissen erforderlich, um den Zusammenhang

zwischen arbeitsplatzabbau in Deutschland

und nicht eingehaltenen Sozialstandards in

den Weltmarktfabriken lateinamerikas nicht nur

irgendwie zu ahnen, sondern zu verstehen und

entsprechende Forderungen an die Politik zu formulieren.

Die Gefährdungen der Globalisierung

wie die weltweite ungerechtigkeit oder der Klimawandel

erscheinen vor ort als unlösbare Probleme.

Was vermag das individuelle Einsparen von Sprit

schon gegen die übermächtigen Interessen der

automobilindustrie auszurichten? und wer garantiert,

dass das Geld für fairen Kaffee auch wirklich

bei den Produzenten ankommt?

an diesen und ähnlichen Fragen orientiert sich die

Zielsetzung globalen lernens. Globales lernen

motiviert und befähigt menschen, Globalisierung

an sich und ihr eigenes leben in Bezug auf das

vielschichtige Geflecht der Globalisierung

wahrzunehmen und zu verstehen. auf dieser Basis

werden Kompetenzen angeeignet, um einen

78_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

nachhaltigen lebensstil zu entwickeln und sich

an der Gestaltung einer humanen und zukunfts-

fähigen Gesellschaft zu beteiligen. Globales lernen

verbindet die Notwendigkeit, sich in der einen Welt

zu orientieren, mit der Befähigung zu Visionen

für eine gerechtere Welt und weckt Empowerment,

das Potenzial kritischer mitgestaltung.

Die Begriffe orientierung, Visionen und Empower-

Ziel

ment bringen die Ziele globalen lernens auf den

Punkt:

1. Der rasante soziale Wandel und die globalen

Gefährdungen, insbesondere aber die eigene

unsichere Zukunft verunsichern und verängstigen.

Jugendstudien belegen, dass die Familie

und sogenannte konservative Werte wie Fleiß

und ordnung im Zentrum jugendlichen Interesses

stehen. Daran wird vor allem ein wachsendes

Sicherheitsbedürfnis ablesbar. Deshalb ist

orientierung, vor allem eine ethische orientierung

in der Welt von heute dringender erforderlich

als je zuvor. Globales lernen ermutigt, die Welt

zu sehen wie sie ist, ohne augenwischerei aber

auch ohne Horrorszenarien an die Wand zu

malen. Das bedeutet hinzusehen, die augen

vor den Risiken und Gefährdungen nicht zu

verschließen, sondern ursachen zu erkennen,

um zu verstehen und zukunftsfähige Entscheidungen

treffen zu können.

2. Globales lernen erschöpft sich nicht darin,

Wissen und Kenntnisse zu vermitteln, sondern

zielt auf die zukunftsfähige Veränderung der

Gesellschaft ab. Visionen entwickeln zu können

bedeutet, diese Welt nicht so hinzunehmen,

wie sie ist. oft erscheinen gesellschaftliche

und wirtschaftliche Strukturen wie naturgege-

bene Tatsachen. Besonders die mechanismen

des marktes werden oft als unumstößliche

Gesetzmäßigkeiten angesehen. Globales

lernen hingegen befähigt zur analyse der

ursachen und Interessen, die sich einer

nachhaltigen Entwicklung in den Weg stellen.

Globales lernen bedeutet in erster linie ein

kritisches Denken und Handeln im Welthorizont.

Das ist die Voraussetzung, um den Hütern

des status quo die Vision von einer anderen

Welt entgegenzusetzen. „Eine andere Welt

ist möglich!“ lautet das motto von

Globalisierungskritiker(inne)n. Globales lernen

befähigt dazu, diese Vision allen unkenrufen

und Rückschlägen zum Trotz nicht aufzugeben.

Kritisches Weltbürgertum als wesentliches Ziel

bewahrt das Konzept globalen lernens vor

Verwässerung oder der Instrumentalisierung

der Bildung zur anpassung. Globales lernen

meint nicht, die menschen fit für Globalisierung

im Sinne der Wirtschaft zu machen, sondern sie

zur kritischen mitgestaltung einer demokratischen

und zukunftsfähigen Gesellschaft zu befähigen.

3. In diesem Sinne zielt globales lernen auf

Empowerment ab. Das heißt, der lernprozess

erschöpft sich nicht in einer abstrakten

Wissensvermittlung über den ernsten Zustand

der Welt. Globales lernen ermöglicht es den

lernenden, sich als Subjekte des lernprozesses

zu erkennen, der sie in ihren Fähigkeiten

bestärkt, die Geschicke ihres lebens wie der

Welt selbst und gestaltend in die Hand zu nehmen.

methodischer ansatz: Damit liegt die Herausforderung

an globales lernen auf der Hand. als

ganzheitlicher Bildungsansatz bedient sich

globales lernen vor allem handlungsorientierter

und erfahrungsbezogener methoden. Gerade weil

der Zusammenhang von eigenem lebensstil und

weltweiter ungerechtigkeit so komplex und abstrakt

erscheint, ist es wichtig, methodisch einen

persönlichen Zugang zu ermöglichen.

Der Überblick über Ziel, Inhalt und methoden globalen

lernens zeigt, dass diese lernpraxis grundsätzlich

darauf abzielt, Kenntnisse und Fähigkeiten

zu fördern und zugleich Einstellungen zu verändern.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Globales lernen Globales lernen

Globales Lernen – eine Regelpraxis

Im gemeindepädagogischen alltag stößt globales

lernen nicht selten auf Widerstand. Wie soll

angesichts ständig wachsender arbeitsbelastung

ein weiteres lernfeld bearbeitet werden? Was soll

ich meinen Konfis denn noch alles zumuten, die

Zeit bis zur Konfirmation reicht schon ohne globales

lernen kaum aus! Die antwort auf diese Frage:

Globales lernen ist kein neues Fach, das

zusätzlich anzubieten wäre. Globales lernen ist

reformpädagogisch ausgerichtetes

lernprinzip

und eine Regelpraxis.

Natürlich ist der Erwerb

von Wissen und Kenntnissen

über globale

Zusammenhänge

erforderlich. In erster

linie geht es aber

darum, grundsätzlich

die Beziehung zwischen

dem eigenen lern- und

lebensweg und den weltweiten Entwicklungen

zu erkennen und zu verstehen. Es geht darum

in diesem Beziehungsgeflecht einen lebensstil

zu entwickeln, der auf Verantwortung gegenüber

sich selbst und allen menschen auf der einen

Erde abzielt und sich aus der verinnerlichten

Vision eines gerechten und friedlichen miteinanders

der menschen nährt. Gerechtigkeit bleibt

nicht länger eine abstrakte Größe, sondern ein

Wert, dessen Verwirklichung von jeder und jedem

Einzelnen abhängt. ungerechtigkeit ist keine

unabänderliche Gegebenheit, sondern ein Zustand,

der skandalisiert und überwunden werden muss.

Die Sensibilität dafür wach zu halten und junge

menschen dazu zu ermutigen, die Geschicke

unseres Planeten an ihrem jeweiligen ort in die

Hand zu nehmen, ist eine grundsätzliche lern-

herausforderung, die sich nicht in einer Informationsveranstaltung

über den fairen Handel erschöpft. In

diesem Sinne muss globales lernen als Regelpraxis

in alle Bereiche der evangelischen arbeit mit

Kindern und Jugendlichen integriert werden. Globales

lernen als Regelpraxis bedeutet, die Verantwortung

für eine gerechtere Welt nicht allein in

der Nische von Projekttagen am Ende des Schuljahrs

und von Gemeindefesten mit entwicklungspolitischem

Schwerpunktthema abzuhandeln.

„lieber jede Woche zehn minuten als einmal im

Jahr zwei Tage!“ lautet die goldene Regel für das

Praxis

maß globalen lernens, die die aej in ihrer Grund-

satzbroschüre zum entwicklungs-politischen

lernen mit Kindern

bereits in den 1990er

Jahren formuliert hat. 4

Globales lernen ist

nicht irgendein Thema,

das irgendwie auch

noch vorkommen sollte

und das dann doch

angesichts der wachsenden

arbeitsbe-

lastung als vermeidbarer

mehrarbeitsfaktor fallengelassen wird.

Vielmehr sollte globales lernen überall dort zum

Tragen kommen, wo die Themen und Fragen, die

mit Kindern und Jugendlichen im gemeindepädagogischen

alltag bearbeitet werden, Fragen

weltweiter Gerechtigkeit und eines nachhaltigen

lebensstils berühren.

Globales Lernen als religions- und gemeindepädagogische

Aufgabe

Das Stichwort Regelpraxis, vor allem aber die

Ziele orientierung und Visionen verdeutlichen,

dass globales lernen nicht nur eine religions-

pädagogische Herausforderung, sondern eine

genuin gemeindepädagogische aufgabe ist.

4 Globales lernen mit Kindern, Rahmenkonzept für die entwicklungs-

bezogene Bildungsarbeit mit Kindern in evangelischen und katholischen

Jugendverbänden.

80_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Wo, wenn nicht in der evangelischen arbeit mit

Kindern und Jugendlichen wäre der ort zu suchen,

wo wir gemeinsam nach orientierung für das

eigene leben suchen und dabei Visionen für eine

Welt entwickeln, in der kommende Generationen

leben können.

orientierung kommt von orient – osten, dort, wo

Jerusalem liegt und wonach die meisten Kirchen

bei uns ausgerichtet sind. orientiert an der Stadt,

in der die Hoffnung aufblüht, die Vision von einer

Welt, in der alle Tränen abgewischt werden (off. 21).

orientierung und Visionen sind lebensnotwendig

für das Zusammenleben der menschen zu allen

Zeiten, denn ein Volk ohne Visionen geht unter,

wissen sinngemäß die Sprüche Salomos (Spr. 29,18).

aufgabe

In diesem Sinne stellt sich die aufgabe, nach

der inneren Beziehung zwischen den anlässen

für globales lernen im alltag und gemeindepädagogischen

Inhalten zu suchen und zu fragen:

Was bedeutet die Bitte um das tägliche Brot

angesichts täglich verhungernder Kinder? Was

meinen wir, wenn wir um die Vergebung der

Schuld bitten? leben auf der einen Welt ist ohne

Verstrickung in die schuldhaften und ungerechten

Welthandelsstrukturen nicht zu haben. Wie aber

gehen wir mit dieser Schulderfahrung um? Blenden

wir sie aus oder ziehen wir uns in Resignation

zurück, weil man ja doch nichts tun kann?

Diese Fragen zeigen beispielhaft neben vielen

anderen, wie existentiell wir im persönlichen

leben von globalen Zusammenhängen berührt

sind und wie notwendig und hilfreich es deshalb

ist, aus der Perspektive von Glauben und

Spiritualität global zu lernen. angesichts der

globalen Herausforderungen und der mit ihnen

verbundenen Verunsicherung kommen Glauben

und gelebte Spiritualität in ihrer ermutigenden

und entlastenden Funktion zum Tragen. Diesen

orientierung schenkenden Kraftquell mit Kindern

zu entdecken und zu erfahren, ist eine der

gemeindepädagogischen Herausforderungen

globalen lernens.

unser Glaube bliebe leer, würde er keine Wurzeln

in unserer lebensgestaltung schlagen. und

so ist die entscheidende Frage, ob und wie es

uns gelingt, die Bedeutung von Jesu Zuwendung

zu den ausgegrenzten und unterdrückten als

aufgabe für unser leben ernst zu nehmen.

Praktisch betrachtet: Globales lernen im gemeindepädagogischen

Kontext erschöpft sich nicht in

einem plakativen Brückenschlag von einer Geschichte

über Paulus hin zu den Katastrophengebieten der

Erde, den nicht nur Kinder oftmals schwer nachvollziehen

können. Die entscheidende Frage ist, in

welchem Bewusstsein wir als Pädagog(inn)en/

Theolog(inn)en den Kindern von Paulus erzählen.

Paulus war den damaligen Verhältnissen entsprechend

ein global denkender mensch. Er nutzte

die Vernetzungsmöglichkeiten der damals bekannten

Welt, fuhr auf Handelsschiffen und predigte auf den

marktplätzen des römischen Reiches. orientiert an

Christus und im unerschütterlichen Glauben an den

gnädigen Gott, öffnete er unbeirrbar den menschen

die augen für eine Weltsicht, die die Grenzen des

Vorstellbaren und machbaren überschreitet

(1. Kor 1, 23). Paulus zeigt die damals wie heute so

dringend benötigte Fähigkeit, die Welt aus einer

völlig neuen und anderen Perspektive zu betrachten,

als es die vorherrschenden muster zulassen. Eine

Welt, die wir in ihrer Gesamtheit wahrnehmen,

in der wir uns nicht mit allmacht-fantasien überfordern,

alle Probleme auf einmal lösen zu müssen,

und in der wir dennoch unbeirrbar nach Wegen

aus der Resignation angesichts erlittener Rückschritte

suchen.

Dieser aufsatz wurde erstmals publiziert in der

arbeitshilfe „GlobalKids – Globales lernen in der

arbeit mit Kindern und Konfirmand(inn)en“.

Dr. Veit Laser

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Globales lernen Globales lernen

Praxisbaustein

„Globales Lernen“

Was ist Nachhaltigkeit? – Ein Gruppengespräch

zum Einstieg ins Thema

Ziel: Ziel des Gespräches ist es, die Teilnehmer-

(innen) ins Gespräch über das vielschichtige

Thema Nachhaltigkeit zu bringen. Die Teilnehmer-

(innen) entdecken den Bezug des Themas zu ihrer

lebenswelt. Die leitung bekommt einen Überblick

darüber, welche Erfahrungen, Fragen und Ideen

bereits vorhanden sind.

Das Gespräch eignet sich als Einstieg in eine längere

arbeitseinheit zum Thema Nachhaltigkeit.

Teilnehmer(innen)zahl: sechs bis fünfzehn

Dauer: ca. eine Stunde

Material: Sechzehn Kärtchen in mindesten

fünffacher ausführung mit jeweils einer Frage

zum Thema (s. u.)

Erster Schritt

Die leitung führt in das Thema ein und benennt

in einem kurzen Impuls, was Nachhaltigkeit

bedeutet, ohne dabei einzelne aspekte hervorzuheben

(Informationen dazu in diesem Heft zu

finden). Dann wird das folgende Gespräch eingeleitet.

Die Teilnehmer(innen) werden aufgefordert,

ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen mit Hilfe der

ausliegenden Kärtchen ins Gespräch zu bringen.

Zweiter Schritt

In der mitte liegen Karten mit sechzehn Fragen

bzw. aussagen zum Thema (s. u.). Nicht immer

ist der Bezug zum Thema auf den ersten Blick

erkennbar. Das ist absicht, denn es geht um einen

Diskussionsanstoß, nicht um richtige antworten

auf vorgegebene Fragen.

Die Teilnehmer(innen) schauen sich die Kärtchen

an und wählen jede und jeder für sich zwei

Kärtchen aus. Ein Kärtchen mit einer Frage, wo der

Bezug zum Thema Nachhaltigkeit für die jeweilige

Person erkennbar ist. Ein Kärtchen mit einer Frage,

bei der die jeweilige Person keinen Bezug zum

Thema herstellen kann.

Dritter Schritt

Die Teilnehmer(innen) stellen ihre Kärtchen vor.

Sie lesen die Frage bzw. aussage vor, mit der sie

etwas anfangen können, und sagen, wie sie auf

die Frage antworten würden oder was ihnen dazu

einfällt. Sie lesen die zweite Frage vor, bei der sie

den Bezug zum Thema nicht erkennen.

Die anderen Teilnehmer(innen) reagieren. Sei es,

dass sie dasselbe Kärtchen ausgewählt haben

und Ideen ergänzen bzw. sagen, was ihnen zu

einer Frage einfällt, zu der anderen nichts einfiel.

Die leitung hat die aufgabe, das Gespräch in diesem

Sinne zu moderieren.

Vierter Schritt

abschluss des Gesprächs. Gegebenenfalls werden

dabei noch einmal die Schwerpunkte des Gesprächs

benannt mit dem Blick auf die mögliche Weiterarbeit.

Die sechzehn Fragen

auf jeweils ein Kärtchen wir eine der folgenden

Frage geschrieben. Die Notizen in Klammern hinter

den Fragen sind für die leitung bestimmt und

markieren den Hintergrund der Frage. Sie kommen

NICHT auf die Kärtchen. Es sollte von jeder Frage

mindestens fünf Kärtchen geben für den Fall, dass

sich mehrere Teilnehmer(innen) für eine Frage

entscheiden.

(Die Fragen sind im Rahmen der aktion „Blog mal

offline!“ entstanden. Die Reihenfolge stellt keine

Hierarchie dar.)

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Erdbeeren im Januar?

(muss es wirklich obst und Gemüse aus dem

Treibhaus sein, oder kannst du auch regionale

und saisonale Produkte kaufen?)

Künftig nur noch sonntags Braten?

(Hoher Fleischkonsum belastet die umwelt, bei

der Fleischproduktion entstehen die Treibhausgase

Kohlenstickstoffoxyd/Co2 und methan.

Sind Vegetarier umweltfreundlicher?)

Hast du noch Töne?

(Wie oft kaufst du ein neues Handy und wie lange

läuft dein PC?)

Die Zukunft liegt im Kaffeesatz!

(Fair gehandelte Produkte machen die Welt zukunfts-

fähig, weil die Produzent(inn)en faire löhne erhalten.)

Weißt du, wo der Pfeffer wächst?

(auf welche Importprodukte könntest du verzichten

und auf welche nicht? also: Was brauchst du

wirklich, um gut zu leben?)

Ist Mittelmeer mehr Meer als Ostsee?

(Wohin und wie weit verreist du in den Ferien?

Darf’s auch mal die ostsee oder der Harz sein?)

Wie bist du denn unterwegs?

(Das Fahrrad ist Co2-neutral und die Bahn besser

als mofa, auto und Flugzeug.)

Schon getragen und trotzdem hipp!

(Bei der Produktion unserer Kleidung wird sehr

viel Wasser verbraucht. Produzent(inn)en in Billiglohnländern

nähen unter unmenschlichen Bedingungen.

müssen es nur markenklamotten sein?)

Mach mal halb lang!

(Hast du schon einmal über eine „Entschleunigung“

deines lebens nachgedacht? Geht es langsamer

und mit weniger leistungsdruck, geht es

mir auch mit weniger Konsum gut?)

Wenn ich mir was wünschen dürfte!

(Was muss die Politik für Klimaschutz und

Gerechtigkeit tun?)

Pinkeln ohne Wasserlassen!

(Wie sieht es mit deinem Wasserverbrauch aus?

Wo kann und muss gespart werden, denn

Wasser ist kostbar und in vielen Regionen der

Erde äußerst knapp.)

Zehn Euro für ein Wochenende!

(Wie kann ein Wochenende prima sein, auch wenn

das Geld fürs Spaßbad oder das mitternachts-

Shopping nicht reicht?)

Der Letzte macht das Licht aus!

(Strom sparen, Standby aus, Energiesparlampen

rein und den PC herunterfahren! Wo kann noch

Energie gespart werden?)

Wie weit weg ist Abenteuer?

(Kannst du bei dir zuhause auch etwas erleben

oder geht das nur auf Reisen?)

Sauber kann sehr schmutzig sein!

(Wie oft läuft die Waschmaschine, welche Putzmittel

sind verzichtbar und wie viele Kosmetikprodukte

brauchst du?)

Weißt du, was du kaufst?

(Wie viel Co2 hängt an den Produkten, die du

konsumierst und sind sie fair gehandelt?)

Dr. Veit Laser

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GEGEN DEN TREND ’2011


GeSTäRkT DuRcHS

leBeN GeHeN

Gedanken zu einer nachhaltigen Bildung

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Gestärkt durchs

Leben gehen

GeSTäRkT DuRcHS leBeN GeHeN

Gedanken zu einer nachhaltigen Bildung

Wie können wir Jugendliche nachhaltig

fördern, so dass sie ihr Potenzial entdecken

und entfalten können?

In den vergangenen Jahren taucht der Begriff

der Nachhaltigkeit vermehrt auf. Er meint einen

schonenden umgang mit den uns auf dieser Erde

zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen,

so dass sie nicht restlos aufgebraucht werden,

sondern, nachwachsend, sich wieder aufbauen

können und so auch nachfolgenden Generationen

zur Verfügung stehen.

Rechte bei Joachim mohnwinkel

aber wir brauchen in unserem leben nicht nur

diese äußeren, sondern sind auch angewiesen auf

innere Ressourcen, von denen wir zehren können

und die uns in Stress- und Krisensituationen in ausreichendem

maße zur Verfügung stehen müssen.

Der Boden, auf dem diese Ressourcen wachsen

können, wird in der Kindheit und in der Jugendphase

gelegt.

Im darauf übertragenden Sinne bedeutet Nachhaltigkeit

für mich, diese Ressourcen so anzulegen,

dass sie fest verwurzelt sind und dauerhaft zur

Verfügung stehen.

In Bezug auf die Jugendlichen, die mir in meiner

arbeit begegnen, bewegen mich die folgenden

Fragen:

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gestärkt durchs leben gehen Gestärkt durchs leben gehen

Ressource

Hannah arendt nennt alles Handeln des menschen

ein Wagnis. Sie schreibt:

Welche Ressourcen brauchen Jugendliche für ein

gelingendes Leben?

Wie können diese Ressourcen so aufgebaut

werden, dass sie sich nicht erschöpfen, sondern

die Jugendlichen durch das Leben tragen?

Wie können wir Jugendliche nachhaltig fördern,

so dass sie ihr Potenzial entdecken und entfalten

können?

Welche Ressourcen brauchen Jugendliche für

ein gelingendes Leben?

Nach Prof. Dr. Gerald Hüther benötigt der mensch

drei große Ressourcen zur Stressbewältigung:

„... erstens das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten...,

als zweites ... Vertrauen in andere, in

Gemeinschaften, dass man dort aufgehoben ist...

und als dritte Ressource Vertrauen, dass es

wieder gut wird, also ... Vertrauen in die Welt, das

Vertrauen in das Gehaltensein in dieser Welt.“ 1

Eckhard Schiffer spricht von einer „dauerhaften,

innerseelischen Artenvielfalt“, die dem menschen

hilft, Krisensituationen auszuhalten und durchzustehen

und meint damit eine reiche, lebendige

Phantasie, ein Fülle positiver innerer Bilder. 2

„Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis

nur möglich ist, im Vertrauen auf Menschen, das

heißt in irgendeinem, schwer genau zu fassenden,

grundsätzlichen Vertrauen in das Menschliche

aller Menschen.“ 3

Franz Kett nennt die Entwicklung von Grundkompetenzen

„Kräfteschulung“:

„Die ursprünglichste Kraft, die es zu wecken

und zu stärken gilt, da sie für alle anderen Kompetenzen

Grundlage ist, möchten wir mit Daseinslust

oder Daseinsfreude bezeichnen. Sie zeigt sich

im Ja zum Leben.“ 4

maria montessori stellt fest: „Von allen Dingen ist

die Liebe das Wichtigste... Sie ist die größte Kraft,

über die der Mensch verfügt.“ 5

Hubertus Halbfas legt den Schwerpunkt seiner

Erziehung auf die „... Begegnung mit erfahrungsgesättigten,

bildhaften Inhalten, die – verarbeitet,

innerlich und äußerlich bewältigt – ein leben lang

begleiten und sowohl unbewusst wie bewusst

das eigene leben stützen und orientieren.“ 6

Was Jugendliche bewegt

mit großem Vergnügen habe ich für diesen artikel

noch einmal ein bisschen in der Grundsatzliteratur

über die Jugendphase gestöbert und verdanke

dieser „Wieder-holung“ unter dem Focus nachhaltiger

Nutzung innerer Ressourcen eine neue

Sicht auf folgende – zugegebenermaßen arg

komprimierte und dadurch sicher auch verflachte –

1 Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe an der universität Göttingen in einem Interview, zu hören unter www.stark-durch-den-sturm.com

2 Eckhard Schiffer, Psychotherapeut, in seinem Buch „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde“, Beltz, 1995, S. 38

3 Hannah arendt, Publizistin und Gelehrte, zitiert nach: Karl Gebauer/Gerald Hüther: Kinder suchen orientierung, Walter Verlag, 2002, S. 180/181

4 Franz Kett, Dr. theol Robert Koczy: Die religionspädagogische Praxis – ein Weg der menschwerdung, RPa-Verlag, S. 11

5 maria montessori, Pädagogin, zitiert nach: Horst Klaus Berg: montessori für Religionspädagogen, Verlag Katholisches Bibelwerk, 1994, S. 106

6 Hubertus Halbfas, Theologe, in: Das dritte auge, Patmos Verlag, 1992, S. 31

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altbekannte Erkenntnisse:

• Nach Erikson

?

7 ist die adoleszenz die Phase

von Identität und Identitätskonfusion.

Jugendliche fragen: Wer bin ich? Woher komme

ich? Wohin gehe ich? Was kann ich? Was ist meine

aufgabe? Wo ist mein Platz im leben? Was ist der

Sinn des Ganzen? Es bildet sich eine neue, übergeordnete,

zusammenhängende Identität.

• Durch die Forschungen der Neurobiologie

wissen wir, dass die Jugendzeit eine wichtige,

prägende Entwicklungsphase ist, in der sich

entscheidet, wie das Gehirn fortan arbeiten

wird. Besonders der Frontallappen, die Schalt

stelle, vergrößert sich. In ihm entwickelt sich

aus unseren Erfahrungen ein Gesamtbild

des lebens.

• Die Jugendzeit ist stark geprägt von einer

allgemeinen Vertrauenskrise. Jugendliche

fragen sich, ob es etwas (oder jemanden) gibt,

worauf sie vertrauen können. oft haben sie

das Gefühl, niemandem trauen zu können und

machen intensive Erfahrungen von Einsamkeit.

• Jugendliche haben ein eher ideologisches

Weltbild und hängen mit unbedingter Hingabe

an ihren Überzeugungen. Dem gegenüber steht

die ebenso vehemente ablehnung und Infrage-

stellung anderer Einstellungen. Das hat auch

auswirkungen auf ihr Verhältnis zu Religion,

Kirche und Glauben.

7 Erik H. Erikson, Psychoanalytiker, nach: Friedrich Schweitzer,

lebensgeschichte und Religion, Gütersloher Verlagshaus 2001, S. 78

8 ebenda, S. 76

9 Prof. Dr. Gerald Hüther in: Karl Gebauer, Gerald Hüther, Kinder suchen

orientierung, Walter Verlag 2002, S. 23

10 James W. Fowler, Psychologe und Theologe, nach: Friedrich Schweitzer,

lebensgeschichte und Religion, S. 152

11 H.-J. Fraas, Theologe, nach: Friedrich Schweitzer, lebensgeschichte und

Religion, S. 46

• Der ursprung für religiöse Entwicklung liegt in

der frühen Kindheit: im Grundvertrauen, dass

ich geliebt und gewollt bin, gesehen, umsorgt

und behütet werde. Nach Erikson 8 ist diese Zeit

von entscheidender Bedeutung. Neue Erkennt-

nisse der Neurobiologie bestätigen das, weisen

aber auch darauf hin, dass auch in späteren

lebensphasen entscheidende Weichen gestellt

werden und versäumte Erfahrungen bis zu

einem gewissen Grad „nachgeholt“ werden

können 9 .

• Nach Fowler 10 entwickelt sich der Glaube im

Jugendalter vom konventionellen zu einem

persönlich reflektierten und angeeigneten

Glauben. Dabei meint Glaube nicht unbedingt

Glaube an den christlichen Gott, sondern das

grundsätzliche Festmachen an ein „letztes,

Höchstes“ 11 .

• Die Jugendphase ist also eine Zeit intensiver

religiöser Entwicklung. Das alte Gottesbild

wankt, die Fragen „Gibt es Gott überhaupt?“

oder „Wenn es Gott gibt, wie kann er das

zulassen?“ bewegen die Jugendlichen. Sie

sind auf der Suche nach dem, was sie durchs

leben trägt und prüfen, was Bestand hat.

• Sie haben anfragen, Zweifel und Kritik an den

tradierten aussagen und Formen des Glaubens

und äußern diese oft überdeutlich. Sie möchten

damit gehört und ernst genommen werden,

ohne dass ihr Glaube grundsätzlich ange-

zweifelt wird.

• Jugendliche sind sehr auf sich konzentriert; es

geht darum, ihr eigenes Selbst, ihre Einzig-

artigkeit zu entdecken und zu sichern und den

eigenen Platz in dieser Welt zu finden. Neben

diesem Bedürfnis nach unverwechselbarkeit

steht der intensive Wunsch, zu einer Gruppe

dazuzugehören und die anpassung an die

bestehenden Normen dieser Gruppe.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gestärkt durchs leben gehen Gestärkt durchs leben gehen

und noch ein Zitat am Ende dieses Kapitels:

„Alle Kinder, solange sie noch im Geheimnis

stehen, sind ohne Unterlass in der Seele mit dem

einzig Wichtigen beschäftigt, mit sich selbst und

mit dem rätselhaften Zusammenhang ihrer

eigenen Person mit der Welt ringsum. Sucher

und Weise kehren mit den Jahren der Reife zu

diesen Beschäftigungen zurück.“ 12

Mit Jugendlichen unterwegs

Jugendliche kommen also fragend und suchend in

unsere Jugendarbeit. auch wir selbst sind ja immer

noch Fragende und Suchende, unterwegs durch

das leben. Von den Jugendlichen unterscheidet

uns der Zeitraum, in dem wir Erfahrungen gemacht

haben. und bei einem hoffentlich ausreichend vorhandenem

maß an Vermögen zur (Selbst-)reflexion

haben wir einen kleinen Vorsprung, die gelungene

Verarbeitung und Integration dieser Erfahrungen

in unser Bild vom leben betreffend.

Das sollte uns ermutigen, Jugendlichen mit Zuneigung

und Wertschätzung zu begegnen und ihnen

Räume zu eröffnen, in denen sie Erfahrungen mit

sich, mit Gruppe oder Gemeinschaft und mit dem

Glauben machen und reflektieren können.

Erfahrungen, die Jugendliche brauchen für eine

gelingende Identitätsbildung:

• an diesem ort bin ich mit meinen Fragen und

Zweifeln, mit meiner Sehnsucht nach ansehen

und Zuwendung, willkommen und werde

wahrgenommen.

• In dieser Gemeinschaft mit den anderen bin

ich gut aufgehoben; sie gibt mir emotionale

Geborgenheit und Sicherheit.

12 Hermann Hesse, Schriftsteller, nach: Hubertus Halbfas, Das dritte auge, Patmos 1992, S. 187

13H.-J. Fraas, Theologe, nach: Friedrich Schweitzer, lebensgeschichte und Religion, S. 101

14 Friedrich Schweitzer, lebensgeschichte und Religion, S. 215

• Hier sind menschen sensibel für meine Ängste

und leiden, meine Träume und Hoffnungen.

• Ich werde gebraucht. mir wird etwas zugetraut.

meine Kompetenzen sind gefragt und werden

gewürdigt.

• Ich kann mich ausprobieren, Fehler machen,

meine Stärken und Schwächen zeigen. Sie

gehören zu mir.

• Ich bin wertvoll, unabhängig von meiner

leistung, meinem Funktionieren in dieser Welt.

• Ich erhalte Impulse und anregungen, mich

und meinen Glauben weiter zu entwickeln.

• Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen

meinem leben, meinen Erfahrungen und den

Inhalten.

• Die Welt ist kein Chaos, sondern von mir

gestaltbar. Ich kann etwas bewirken.

• Hier kann ich zu Hause sein, hier kann ich in

mir zu Hause sein.

Wenn Jugendliche bei uns und mit uns solche

Erfahrungen machen, können die drei von Gerald

Hüther benannten wesentlichen Ressourcen nachhaltig

gebildet werden. Jugendarbeit wird aktive,

intensive „Biographiebegleitung“ 13 , die auch

über die Jugendzeit hinaus wirkt und ein stabiles,

von Zuversicht geprägtes Selbst- und Weltbild

eröffnet. Jugendliche können ihren lebensweg

gehen in der Gewissheit, dass sie bedingungslos

geliebt werden und ihr leben gehalten wird von

dem „Gott..., dessen Göttlichkeit an der Menschlichkeit

Jesu offenbar wird und dessen Heiligkeit

sich in der Zuwendung zum Heillosen ausdrückt.“ 14

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Religionspädagogische Praxis (RPP) – ein Weg

ganzheitlicher, nachhaltiger Bildung

Eine der besten möglichkeiten, mit menschen

nachhaltig Ressourcen zu entdecken und zu

fördern, die durch das leben tragen, bietet für

mich die Religionspädagogische Praxis, kurz RPP.

Sie wurde in den 70er Jahren von Schwester

Esther Kaufmann und dem Theologen Franz Kett

entwickelt. In ihrer ursprünglichen ausrichtung

diente sie als Grundlage der religiösen Früh-

erziehung in katholischen Kindergärten in Bayern.

In den folgenden Jahren erweiterte sich das

Grundkonzept und mittlerweile spricht die RPP

menschen in allen altersgruppen an, auch in der

evangelischen Kirche.

Kernstück dieses ansatzes, nachhaltig religionspädagogisch

zu arbeiten, sind gemeinsam mit

der Gruppe gestaltete Bodenbilder zu biblischen

Geschichten, legenden oder märchen.

Struktur

Die einzelnen Einheiten der RPP strukturieren sich

in 4 Phasen:

• Die erste Phase ermöglicht den Teilnehmenden,

sich in der Gruppe wahrzunehmen und zu einer

inneren Ruhe zu finden, zum Beispiel durch

lieder, Tänze, kurze Stilleübungen.

RPP-Gestalung „Sonne“, Rechte bei der ejo

• Die zweite Phase führt über die Wahrnehmung

einer äußeren Wirklichkeit zur Entdeckung

eines (biblischen) Textes zum Beispiel durch

die Betrachtung und sinnliche Wahrnehmung

von Wasser, die hinführt zum Jesuswort vom

lebendigen Wasser.

• Die dritte Phase lädt ein, das Erfahrene und

Gehörte mit legematerial umzusetzen in äußere

Bilder und so den inneren Eindruck zu verarbeiten

und ihm ausdruck zu verleihen, etwa, indem

die Jugendlichen zum obigen Beispiel ihre

Vorstellungen vom lebendigen Wasser mit

Tüchern, Bändern, Glassteinen und ähnlichem

legematerial gestalten.

• Die vierte Phase deutet das Erfahrene und

eröffnet jeder einzelnen Teilnehmerin/jedem

einzelnen Teilnehmer Wege, Erlebtes in das

eigene leben zu integrieren und mit dem

Zuspruch der liebe Gottes neu in den lebens-

alltag zu gehen, zum Beispiel durch ein

individuell zugesprochenes Segenswort.

Die vier Phasen sind in der Praxis nicht hart

voneinander abgegrenzt, sondern gehen fließend

ineinander über; Elemente der einen Phase tauchen

auch in anderen wieder auf. Dennoch bietet

die RPP eine deutliche Form, die Halt gibt und die

Konzentration auf das Wesentliche fördert.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gestärkt durchs leben gehen Gestärkt durchs leben gehen

Nachhaltige Wirkungen der RPP

Die RPP setzt auf ein hohes maß an äußerer Beteiligung,

um eine innere Beteiligung zu wecken.

Sie will menschen darin unterstützen, ihr Selbst zu

entdecken und in neue Dimensionen zu entfalten

und so Grundkompetenzen für das leben zu entwickeln.

Wie der Neurobiologe Gerald Hüther geht

sie dabei von drei Ressourcen aus, die wir für ein

gelingendes leben brauchen:

1. Das eigene Dasein bejahen

Die RPP stärkt den „Eigen-Sinn“ 15 der Teilnehmenden.

Jugendliche vergewissern sich der

eigenen Existenz neu – gut, dass es mich gibt! –

und erfahren sich als gewollt und geliebt. Sie

verleihen ihrer Individualität ausdruck und

erleben, dass sie je eigene möglichkeiten und

Grenzen haben. Sie probieren sich aus, machen

Erfahrungen mit sich und im Zusammenspiel

mit der Gruppe. Dabei gewinnen sie mut, ihr

Potenzial auszuschöpfen und Vertrauen in die

eigenen Kompetenzen.

2. Zu einer Gemeinschaft gehören

Die in der RPP gestalteten Bodenbilder sind

immer zugleich ausdruck der Persönlichkeit

jedes einzelnen Jugendlichen als auch der

Gesamtheit der Gruppe. Die Beziehungsfähigkeit

und die achtsamkeit, die Neugier und der

Respekt gegenüber anderen werden gestärkt.

Die Erfahrung „Ich gehöre zu einer Gruppe mit

vielen Gemeinsamkeiten“ geht einher mit dem

Erkennen der andersartigkeit jedes menschen

und mit dem Bejahen dieser unterschiede:

ich bin Teil der Vielfalt und trage bei zum

bunten Bild des lebens. Gemeinsam gestalten

wir dieses leben. Wir sind füreinander da, wir

finden aneinander Halt und stärken uns im alltag

und in Krisensituationen. Ich kann darauf

vertrauen, dass ich nicht allein bin.

3. Den lebens-Sinn entdecken

mit der RPP erfahren junge menschen: Das

leben ist bunt und vielgestaltig. und es ist

mehr, als ich mit meinen Sinnen wahrnehmen

kann. Es gibt etwas, das diese Welt zusammenhält,

es gibt einen tragenden Grund, darauf

kann ich vertrauen.

Die RPP ermutigt Jugendliche, sich mit den

zentralen Fragen des lebens auseinanderzusetzen:

„Wer bin ich?“, „Was ich meine aufgabe

im leben?“, „Woran orientiere ich mich?“,

„Worauf richte ich mein leben aus?“

Dabei vermittelt sie die Erfahrung, dass wir

uns mit anderen ausrichten können auf einen

mittelpunkt, dass unser leben konzentrisch ist.

Die RPP will erlebnisstarke Situationen schaffen,

die die Jugendlichen im Innersten berühren und

15 Eckard Schiffer: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde, S. 31

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RPP-Gestalung „Wasser“, Rechte bei der ejo

nachhaltig Kompetenzen für ein gelingendes,

erfülltes leben vermitteln. Durch die Gestaltung

mit Bodenbildern in der mitte des Kreises wird die

Erkenntnis vermittelt, dass unser leben von

einer mitte her bestimmt wird, in der unsere Vielfalt

geeint ist.

Besonders das legen der Bodenbilder ermöglicht

den Jugendlichen, eigene Gottesbilder zu entwickeln,

sich selber und ihrem Glauben ausdruck

zu verleihen jenseits von Sprache. Der anblick

und der umgang mit den ansprechenden, inspirierenden

legematerialien wecken im Zusammenklang

mit dem Bibeltext innere Bilder und die

lust, diese in ein äußeres Bild umzusetzen. Durch

die Versenkung in den Prozess des Gestaltens

werden andere Zugänge zur Wirklichkeit eröffnet.

Gemeinsam mit den Bildern der anderen Gruppenteilnehmerinnen

und -teilnehmer verbindet sich

das Einzelbild zu einem Gesamtbild, in dem sich

innere und äußere Wirklichkeit

treffen. Dieses

Bild wirkt heilsam zurück

und kann in der Erinnerung

gespeichert werden

als Sinnbild des lebens.

Der Weg als Symbol

In der RPP kommt der

Weg in vielen Gestaltungen

als wesentliches

Symbol zum Tragen. als

Sinnbild für das unterwegs-sein

durch das

leben, die Suche nach

der eigenen Identität

spielt der Weg in vielen

märchen und Bibeltexten

eine große Rolle.

Bekannte biblische

Weggeschichten sind die

von abraham und Sarah,

Jakob, maria und Josef, dem verlorenen Sohn, den

Emmaus-Jüngern usw.

auch Jesus von Nazareth war unterwegs; er verkündete

seine Botschaft von der liebe Gottes

nicht von einem festen Standort aus, sondern ging

zu den menschen, um ihren Standpunkt kennenzulernen

und ihre Sicht auf das leben. So konnte

er ihnen neue Wege aufzeigen, die ins leben

führen. mit ihm unterwegs waren seine Jüngerinnen

und Jünger. Nach ihm machten sich Petrus,

Paulus und viele andere auf den Weg. und auch

wir wagen Schritte des Glaubens und lebens in

dem Vertrauen, dass wir unterwegs sind auf

ein Ziel hin und dass wir ankommen werden im

Haus Gottes. So tragen wir bei zur Nachhaltigkeit

unseres Glaubens.

Das Bild des Weges greift viele aspekte der Situation

Jugendlicher auf. Die nachfolgende RPP-Gestaltung

geht aus von dem Jesus-Wort in Johannes 14,6.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gestärkt durchs leben gehen Gestärkt durchs leben gehen

Umsetzung einer religionspädagogischen

Einheit zu Johannes 14,6

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“

Material

Filz- oder Satinbänder in verschiedenen Farben,

ein kleines rundes Deckchen oder einen Teller

als Kerzenhalter, verschiedenes Legematerial

(zum Beispiel Chiffontücher, Bänder, Glassteine,

Halbedelsteine, goldene Kettchen, Federn,

Muschelschalen...), Teelichte, Streichhölzer

CD-Spieler, CD mit Musik zum Tanzen

Alle sitzen im Stuhlkreis um eine leere Mitte.

Begrüßung

Rechte bei Joachim mohnwinkel

Einstimmung

Tanz: z. B. Rock’n Roll 16

lieder: z. B. mein Ziel (weitere lieder siehe unten)

Spirale als Lebensweg

Die Leitung gibt einen Korb herum, in dem – durch

ein Tuch verdeckt – einige Bänder liegen. Die Jugendlichen

fühlen und versuchen zu erraten, was

in dem Korb liegt. Das Rätsel wird gelöst, indem

der letzte Teilnehmer/die letzte Teilnehmerin im

Kreis nachsieht, was im Korb ist.

Impuls der leitung (ein Band hochhaltend):

Dieses Band hat einen anfang und ein Ende. Was

kennt ihr, das auch anfang und Ende hat?

Die Teilnehmenden nennen zum Beispiel:

Wurst, Tag, Schlange, Zigarette, Leben...

Möglichst viele Nennungen abwarten! Wenn

„Leben“ nicht genannt wird, kann die Leitung

fragen, ob es neben den konkreten

Gegenständen auch anderes gibt.

Impuls der leitung: Ich möchte mit euch noch

einen augenblick bei dem „leben“ bleiben. Worin

unterscheidet sich dieses Band mit seinen beiden

Enden vom leben?

Feststellen: Anfang und Ende des Bandes sind

jeweils erkennbar. Von unserem Leben wissen

wir nur, wann es begonnen hat. Das Ende ist uns

verborgen.

Die Leitung gibt nun die Bänder im Kreis linksherum

weiter, dabei knotet sie sie jeweils aneinander

zu einem langen Band. Dieses Band reicht etwa zu

zwei Drittel im Kreis herum.

Impuls der leitung: Das Band reicht nicht ganz für

alle im Kreis. Wie schaffen wir, dass es alle einbezieht?

Die Teilnehmenden nennen Lösungswege und

probieren diese aus.

(Zum Beispiel Stühle enger zusammenrücken,

aufstehen...)

Die Lösung „aufstehen und zusammenrücken“

wird Grundlage für den weiteren Verlauf.

leitung: Danke für eure kreativen Vorschläge. Ich

lade euch ein, jetzt noch einmal aufzustehen und

das Band so weiterzureichen, dass alle sich daran

16 Volker Hahn, Warm-up, Spiele und Übungen für die Gruppenarbeit, Zentrum Verkündigung der EKHN, Band 103, S. 154

92_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

festhalten können und mein Nachbar/meine Nachbarin

zur Rechten das zweite Ende in der Hand hält.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen auf,

stellen sich zu einem engen Kreis und geben das

Band entsprechend durch.

Impuls der leitung: Wir sind durch das Band

miteinander verbunden, eine Bande sind wir. Was

verbindet uns?

Teilnehmende nennen Gemeinsamkeiten, die sie

untereinander verbinden.

(Zum Beispiel: Wir sind alle Menschen, Teilnehmende

einer Freizeit, leben in einer Stadt...)

leitung: Ich möchte mit euch tanzen. Bitte haltet

das Band mit der linken Hand fest und stellt euch

so hin, dass eure linke Schulter zur Kreismitte zeigt.

Leitung erklärt den Pilgerschritt: mit rechts beginnend

drei Schritte vor, dann mit links einen Schritt

zurück. Länger üben, bis alle den Pilgerschritt

einigermaßen können!

Zu langsamer Musik im Viervierteltakt im Kreis

tanzen. Dabei sollte die Leitung sich nach einiger

Zeit spiralförmig weiter zur Mitte hin bewegen,

bis sie den Mittelpunkt ungefähr erreicht hat. Die

Spirale sollte nicht zu eng sein. 17

Leitung fordert die Teilnehmenden auf, das Band

langsam auf dem Boden abzulegen und bittet

anschließend die vorderste Teilnehmerin/den vordersten

Teilnehmer, die Gruppe (im Pilgerschritt)

langsam aus der Spirale wieder hinauszuführen,

bis alle wieder im Kreis stehen. Weitertanzen im

Pilgerschritt, bis das Lied zu Ende ist. Dann setzen

sich alle wieder.

leitung: Den mittelpunkt unserer Spirale markieren

wir mit einem kleinen Deckchen.

Leitung geht den Spiralweg bis zur Mitte und legt

dort das Deckchen ab.

Den Text auslegen

leitung erzählt: Die Bibel erzählt uns in vielen

Geschichten, wie menschen Jesus begegnen. Sie

merken, dass er ein besonderer mensch ist. und

immer wieder fragen sie sich: Wer ist das, dieser

Jesus?

In ihm spüren sie Gottes liebe. „Wer bist du?“,

fragen sie.

„Ich bin das licht.“ antwortet Jesus.

17 geeignete musikstücke finden sich zum Beispiel auf der CD: Tanz der Schöpfung, erschienen im RPa-Verlag, landshut

Leitung entzündet eine große Kerze, und gibt sie

weiter, so dass die Kerze im Kreis von Hand zu

Hand wandert. Der/Die letzte Teilnehmende geht

mit der Kerze in die Mitte und stellt sie auf das

Deckchen. Dabei ist darauf zu achten, dass der

Spiralweg sowohl auf dem Hin- als auch auf dem

Rückweg gegangen wird.

leitung: „Ich bin das licht.“, sagt Jesus. „Ich

bringe Wärme und licht in diese Welt, in euer leben.“

als Zeichen dafür wollen wir lichter an dem

Jesuslicht entzünden und sie in unseren Spiralweg

stellen. Ihr seid eingeladen, nacheinander den

Spiralweg langsam zur mitte zu gehen. Nehmt ein

Teelicht mit und entzündet es an der großen Kerze.

auf eurem Rückweg durch die Spirale stellt ihr das

licht dort ab, wo ihr mögt.

Die Teilnehmenden holen sich Licht von der Kerze

und stellen es am Spiralweg ab, eventuell mit Hintergrundmusik.

Wer nicht möchte, muss natürlich

nicht!

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gestärkt durchs leben gehen Gestärkt durchs leben gehen

leitung: Ein anderes mal antwortet Jesus auf die

Frage „Wer bist du?“: „Ich bin der Weg, die Wahrheit

und das leben.“ So können wir es in der Bibel

nachlesen.

Leitung bittet eine/n Teilnehmende/n, die Bibel in

die Mitte zur Kerze zu legen.

leitung: „Ich bin der Weg.“, sagt Jesus.

und immer wieder macht er sich auf den Weg. Er

geht neue Wege, andere Wege: Wege der liebe,

des Friedens, der Gerechtigkeit. Jesu Weg führt ihn

durch Dörfer und Städte, durch Wüsten und Berge.

aber alle seine Wege führen ihn zu den menschen.

Er wendet sich ihnen zu, den leidenden, den

Traurigen, denen, die nach dem Weg suchen, nach

ihrem lebensweg. Er hört ihnen zu, er sieht sie

an, er kommt den menschen nahe und verändert

ihr leben. Er bringt ihnen lebensfreude und

Hoffnung auf ein gutes, erfülltes leben. In Jesus

kommt Gottes liebe ganz nah zu den menschen.

Sie vertrauen auf ihn, ändern ihr leben, gehen mit

ihm neue Wege. Jesus hinterlässt so seine Spuren

auf den lebenswegen der menschen. Wer möchte,

sucht aus dem legematerial etwas aus und legt es

an unseren Spiralweg als Zeichen für die Spuren Jesu.

Die Teilnehmenden schmücken den Weg nach

eigenen Vorstellungen.

leitung: „Ich bin der Weg.“, sagt Jesus. auf diesem

Weg finden wir Wahrheit und wahrhaftiges leben.

Jesu Weg ist ein Weg der Fülle, ein Weg zu einem

erfüllten leben. „Ich bin der Weg, die Wahrheit

und das leben.“, sagt Jesus.

Gebet

Guter Gott, ich danke dir, dass du mich so wunderbar

gemacht hast. Ich atme, ich lebe. meine

Stärken hast du mir gegeben, aber auch meine

schwachen Seiten. und auch dafür danke ich dir:

ich bin nicht allein.

Danke, dass wir hier zusammensein können. mit

unseren Fragen und Zweifeln, unseren Hoffnungen

und Träumen kommen wir zu dir. In deiner Nähe

suchen wir nach antworten und Wegen für unser

leben. Sei du bei uns, wohin wir auch gehen.

Begleite und stärke uns. amen.

Es bietet sich an, vor dem Segen die Auslegung

mit einem stillen Umgang um die Spirale herum

zu würdigen.

Segen

So segne uns Gott, der Vater, der uns nahe ist,

wohin wir auch gehen.

So segne uns Jesus Christus, der uns Wege des

Friedens und der liebe eröffnet.

So segne uns der Hl. Geist, der uns Kraft gibt,

unseren Weg Schritt für Schritt zu gehen. amen.

liedvorschläge

(die lieder nach Bedarf einbauen)

1. mein Ziel (Text und musik: andi Weiss,

zu hören auf: de.cross.tv/21398)

2. Das wünsch ich dir (Text und musik: martin

Buchholz, Felsenfest musikverlag)

3. Na Nzela Na lola/Solange wir gehen...

(original aus Zaire; deutscher Text

von Werner Eichel/R. Höcker)

4. Du bist der Weg und die Wahrheit (T: Christoph

Zehender m: Johannes Nitsch, Hänssler Verlag)

5. Caminando va (T: Thomas laubach, m: Pe Irala,

tvd-Verlag)

6. Bewahre uns Gott (T: Eugen Eckert, m: anders

Ruuth, Strube Verlag)

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Literatur und Links

• Eckhard Schiffer:

Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde.

Beltz Quadriga, 1995.

• Karl Gebauer/Gerald Hüther:

Kinder suchen orientierung.

Walter Verlag, 2002

• Karl Gebauer/Gerald Hüther:

Kinder brauchen Wurzeln.

Walter Verlag, 2001

• Franz Kett, Dr. theol. Robert Koczy:

Die Religionspädagogische Praxis.

Ein Weg der menschenbildung.

RPa Verlag, 2009

• martin Schneider:

Religionspädagogische Praxis als

Weg ganzheitlicher Erziehung.

RPa Verlag, 1996

• Hubertus Halbfas:

Das dritte auge.

Patmos, 1992

• Franz Kett:

Jahrbuch 2010.

Franz Kett- Verlag GSEB, 2010

• Friedrich Schweitzer:

lebensgeschichte und Religion.

Gütersloher Verlagshaus, 2001

• Horst Klaus Berg:

montessori für Religionspädagogen.

Verlag Katholisches

Bibelwerk, 1994

• www.rpa-verlag.de

• www.franzkett-verlag.de

• www.franz-kett.de

• www.igsp-rpp.net

• www.sinn-stiftung.eu

• www.stark-durch-den-sturm.com

• www.gerald-huether.de

Angelika Pfeiler

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GEGEN DEN TREND ’2011


DeINe–MeINe–

eINe–WelT

Nachhaltigkeit auf Freizeiten,

Seminaren und Projektveranstaltungen

der evangelischen Jugend

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Deine – Meine – Eine – Welt

Nachhaltigkeit auf Freizeiten, Seminaren

und Projektveranstaltungen der

Evangelischen Jugend

Nachhaltigkeit umzusetzen heißt für uns

diskutieren, Meinung vertreten und auch

zurückstecken können

„Bei allem was man tut das Ende zu bedenken,

das ist Nachhaltigkeit“, hat Eric Schweitzer gesagt.

Das Ende zu bedenken, heißt für uns, auf ein

gutes „Ende“ hinzuarbeiten. Ressourcen nicht nur

zu verbrauchen sondern sich auch zu überlegen,

wie die folgenden Generationen leben können und

ihnen die gleichen möglichkeiten zu geben, die wir

jetzt haben.

Nachhaltig leben, nachhaltig denken, das sollten

wir in unserem täglichen leben, bei allem, was wir

tun. In der Evangelischen Jugend haben wir das

Thema „Nachhaltigkeit“ angesprochen, besprochen

und diskutiert. Wir wollen unsere aktivitäten

„nachhaltiger“ gestalten. auf Ökostrom umsteigen

ist ein Schritt, beim Einkaufen auf „fairtrade“

und „bio“ zu schauen sowie regionale Produkte zu

bevorzugen, ist ein Teil von der umsetzung.

Für uns als Teamende/mitarbeitende bestehen

aktivitäten mit der Evangelischen Jugend vor allem

aus Freizeiten, Seminaren, Jugendkammersitzungen

und dem jährlichen landesjugendtreffen.

Welt

DeINe – MeINe – eINe – WelT

Nachhaltigkeit, was ist das?

Der von der Bundesregierung berufene "Rat für

Nachhaltige Entwicklung" fasst die Grundideen

für nachhaltiges Handeln mit den Worten zusammen:

„Nachhaltige Entwicklung heißt, Umwelt-gesichtspunkte

gleichberechtigt mit sozialen

und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen.

Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet

also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern

ein intaktes ökologisches, soziales und

ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das Eine

ist ohne das Andere nicht zu haben."

auf dem Evangelischen landesjugendtreffen (ElT)

2010 mit dem motto „abschalten – damit es noch

ein morgen gibt“ hatte jede/jeder, die/der gefragt

wurde, eine Vorstellung, was Nachhaltigkeit für

sie/ihn bedeutet. ob nun gezwungenermaßen

oder freiwillig, mit diesem Wort wurde inzwischen

jeder einmal konfrontiert. und die antworten der

Jugendlichen haben gezeigt, dass sie dem Konzept

der Nachhaltigkeit allgemein positiv gegenüber

stehen. Es ginge schließlich nicht nur um ferne

Zukunft und Kinder, die wir noch gar nicht haben.

Es ginge um uns, begründet eine der Befragten.

Es geht um die Zukunft, die unsere Gegenwart

sein wird. Wir wollen noch möglichkeiten haben,

Entscheidungen zu treffen, was die Ressourcen

unserer Welt betrifft und nicht im Zugzwang sein,

weil vor uns die Ressourcen aufgebraucht wurden.

Deshalb sind wir bereit, die Verantwortung zu

tragen und es uns auf die Fahne zu schreiben, dass

auch wir so leben wollen. Die nachfolgenden Generationen

sollen ebenso die möglichkeit haben,

sich mit den Ressourcen noch frei zu entfalten.

Jetzt können wir etwas in unserer Welt und an unserer

eigenen Einstellung ändern, später müssen wir

und die folgenden Generationen die Konsequenzen

davon tragen, stellt ein ElT-Gast fest.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Frei

zeit

Deine – Meine – eine – Welt Deine – Meine – eine – Welt

Nachhaltigkeit ist eine Herausforderung an

Wissenschaftler, die alternative Energieformen

finden müssen, es ist eine Herausforderung für

die Wirtschaft und es ist eine Herausforderung

für jeden Einzelnen, immer wieder aufs Neue.

Wir leben im Hier und Jetzt, aber wir müssen an

morgen denken. Das sind aussagen vom ElT, die

spontan auf das Stichwort „Nachhaltigkeit“ fielen.

Wir müssen verantwortungsvoll mit der uns anvertrauten

Schöpfung umgehen, damit auch nach uns

noch etwas kommen kann.

allerdings gaben die Jugendlichen auch zu bedenken,

dass sie nicht auf alles verzichten wollen. Es wird

weiterhin warm geduscht und auch mal in den

urlaub geflogen. Dafür kann aber der Fernseher

nicht nur in den ‚standby‘, sondern ganz ausgeschaltet

werden. Der unnötige Verbrauch an

Strom und Wasser soll zuerst gestoppt werden.

Dann kann man sich noch bemühen, die Bio-

Äpfel beim Bauern auf dem markt zu kaufen und

öfter mit dem Fahrrad zu fahren, anstatt das auto

zu nehmen. Damit wäre immerhin schon ein

anfang gemacht. mehr geht natürlich immer,

aber dafür braucht man dann auch mehr Zeit, wie

manche feststellen, die auch gerne öfter mit

dem Fahrrad fahren würden oder beim Einkaufen

nicht immer auf die marken der Produkte in

ihrem Einkaufswagen achten.

Dafür kann Nachhaltigkeit manchmal auch die

Kreativität wecken. Die Tetra-Pak-Taschen,

die man nicht nur kaufen, sondern auch selber

basteln kann, liegen gerade total im Trend.

anleitungen findet man im Internet, das material

hat man meistens schon da. und der Fantasie

sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie zwei

ElT-Teilnehmende mit einer selbstgebastelten

Tasche und einem Portemonnaie aus Tetra-Packs

demonstrieren können. Hier kann Nachhaltigkeit

dann richtig begeistern.

Von Beginn an grün

auf einer Freizeit fängt das Bedenken um das

Thema Nachhaltigkeit vom ersten Planungstag an.

In welches Haus wollen wir fahren? Wie weit soll

es überhaupt gehen und wie „nachhaltig“ ist die

unterkunft? Fahren wir als Selbstversorger oder

lassen wir uns bekochen? Können wir Einfluss auf

die verwendeten Nahrungsmittel nehmen?

Bei der Selbstversorgung müssen wir uns um den

Speiseplan und den Einkauf kümmern. Wie viel

Fleisch ist nötig? müssen wir jeden Tag einkaufen

fahren oder können wir so planen, dass höchstens

an jedem zweiten Tag gefahren wird? Wie weit

ist es zum nächsten Supermarkt, der auch Biolebensmittel

anbietet? Welche marken kaufen

wir ein? Sind die Produkte vielleicht besser, weil

sie „bio“, „fairtrade“ und regional sind? Welche

Produkte sollten wir nicht kaufen?

Hier ist es schon nicht mehr möglich, alles „richtig“

zu machen. Perfektionisten müssten an der aufgabe

schier verzweifeln und aufgeben, oder den

ganzen Spaß an der Freizeit verlieren, weil sie sich

nur noch mit marken, Planung und Rechnung, gegen

einander abwägen und Tabellen beschäftigen

müssten. Das ist nicht Sinn und Ziel einer Freizeit.

auf eine Freizeit wollen wir fahren, weil es uns

Spaß macht. Der Einkauf steht dabei sicher nicht

so im mittelpunkt, dass man sich darum so viele

Gedanken machen will. Es geht darum, mit Kindern

oder Jugendlichen etwas zu erleben, an das

man sich später gerne erinnert. Würde das Team

den Spaß verlieren, wäre die Freizeit zudem alles

andere als nachhaltig: Nur, wenn die Teamer/innen

Spaß auf der Freizeit hatten, haben sie auch

im nächsten Jahr wieder lust, mitzufahren und

motivieren jüngere, ehemalige Teilnehmende und

Freunde dazu, auch mitarbeitende zu werden.

Sonst ist die Ressource „Teamer/innen“ schnell

aufgebraucht. Das gleiche gilt gleich doppelt für

98_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

die Teilnehmenden. Sie mit dem Thema

„Nachhaltigkeit“ auf einer Freizeit zu

konfrontieren, macht manchmal mehr,

aber auch manchmal weniger Sinn.

aber es geht darum, ihnen das Thema

näher zu bringen und „schmackhaft“ zu

machen, nicht, sie abzuschrecken. Das

bedeutet auch, dass durch den Versuch,

eine Freizeit oder ein Seminar nachhaltiger

zu gestalten, keine großen zusätzlichen

Kosten für die mitmachenden entstehen

dürfen. Das macht es den Einzelnen

unmöglich, mitzufahren oder erschwert

zumindest die Entscheidung für die Teilnahme

an einer Freizeit erheblich, was auf gar

keinen Fall passieren sollte.

auf unseren Freizeiten müssen wir einkaufen, aber

wir haben keine unbegrenzten mittel. Wir können

nicht pro mahlzeit dreißig bis fünfzig Prozent

täglich mehr ausgeben, um nur noch „fairtrade“-

und „bio“-Produkte zu kaufen. Trotzdem gibt es

viele Bereiche der „Nachhaltigkeit“, die uns auf

einer Freizeit begegnen und bei denen wir uns

bewusst – oder auch unbewusst – für die „nachhaltigere“

Variante entscheiden können.

Nachhaltigkeit auf Freizeiten und Seminaren hat

also definitiv ihre Grenzen.

grün

Wir als Evangelische Jugend wollen...

• eine gerechte Zukunft für nachfolgende

Generationen

• mit den Ressourcen unserer Erde so umgehen,

dass die nachfolgenden

• Generationen die möglichkeit haben, sich mit

diesen Ressourcen ebenfalls frei

• entfalten zu können

• verantwortungsvoll an die Zukunft denken

und im ‚Jetzt‘ danach handeln

• verantwortungsvoll miteinander umgehen

• sinnvolles umgehen mit materialien aller art

• einen verantwortlichen umgang mit unserer

gesamten Schöpfung

• selbst verantwortungsvoll leben, um der

Zukunft noch viel Raum zu geben

• Nachhaltigkeit bedeutet für uns an morgen

zu denken!

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Deine – Meine – eine – Welt Deine – Meine – eine – Welt

Die Ballonreise, ein

praxisorientiertes Diskussionsspiel

Tatsächlich ist der Versuch, eine Freizeit nachhaltiger

zu gestalten, immer von dem Team abhängig.

Wenn dies keine lust auf Nachhaltigkeit hat,

dann funktioniert es nicht. Nur, wenn sie gemeinsam

dahinter stehen, kann etwas bewegt werden.

Deshalb muss plausibel argumentiert werden.

Wir empfehlen hierzu das

praxisorientierte Diskussionsspiel

die „Ballonreise“.

Jeder mensch muss sich die

Frage stellen, wie viel ist mir

mein eigener Genuss wert?

Überall gibt es Grenzen, die

auch einfach keinen Sinn

machen, überschritten zu

werden. Es geht bewusst

um „nachhaltiger“ und

nicht um „nachhaltig“, weil

eine positive Veränderung

zu vorher angestrebt und

kein utopisches Ziel gesetzt

werden sollte. Das würde

nur frustrieren.

Je nachdem wie hoch der

Standard von „vorher“ war,

kann eine Verbesserung

schon sehr schwierig oder

noch sehr einfach ausfallen.

Die Verbesserungen dann

zum Standard werden zu

lassen, das ist das Ziel und

somit wird eine Freizeit, ein

Seminar oder ein Projekt

„nachhaltiger“. und

oft genug werden durch

solche Projekte tolle

Ideen entwickelt.

Die Bastelangebote mit Tetra Paks oder alten

Dosen, die auf dem landesjugendtreffen stattgefunden

haben, waren günstig, nachhaltig und

zudem meistens mit Spaß und ansehnlichen

Ergebnissen

Spiele

verbunden.

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Wie machen wir das Thema

Nachhaltigkeit interessant?

Ideen, die dabei entstanden sind:

• Nachhaltigkeit muss sich berühren lassen

• nachhaltig zu arbeiten muss Spaß machen

• die Betroffenheit muss von uns mehr in die

Öffentlichkeit getragen werden, dabei

darf aber weder angst noch Druck erzeugt

werden, Handlungsoptionen müssen

aufgezeigt werden

• umsetzung von neuen Strategien, Strukturen,

Systemen, Prozessen, Änderung von

Verhaltensweisen

• alle Kanäle der Öffentlichkeitsarbeit nutzen,

wobei die Informationsvermittlung

allgemeinverständlich sein muss

• Entwicklungen von praktischen aktionen

in der Jugendarbeit

Im Folgenden geben wir anregungen zur

Entwicklung eines Planspieles „rentabel &

ökologisch“.

Anregungen zur Entwicklung eines

Planspiels „rentabel & ökologisch“

für Jugendliche ab 15 Jahren

Zielgruppe

Jugendliche, die Interesse an ökologischen und

wirtschaftlichen Zusammenhängen haben.

Ziel des Planspiels

...ist es, die Teilnehmenden mit den vielfältigen

Wechselwirkungen zwischen unternehmen und

Wirtschaft vertraut zu machen:

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Deine – Meine – eine – Welt Deine – Meine – eine – Welt

• Wie passt sich ein einzelnes unternehmen

unterschiedlichen gesamtwirt-schaftlichen

Situationen an?

• Welche aktionsparameter stehen dem

unternehmen dafür zur Verfügung?

• Wie reagieren marktpartner/innen

(Wettbewerber/innen, Verbraucher/innen)

auf bestimmte unternehmensentscheidungen?

• Welche gesamtwirtschaftlichen auswirkungen

sind von den un-ternehmensentscheidungen

zu erwarten?

Spielregeln

Es können drei Gruppen gebildet werden, die miteinander

konkurrierende unternehmen darstellen.

aufgabe ist, eine unternehmerische Zielsetzung

zu formulieren und diese dann zu versuchen in

entsprechende Planungen und Entscheidungen

umzusetzen.

Planung und Entscheidungen sollen sich auf

die art und den umfang der Produktion, auf

Investitionen und deren Fi-nanzierung durch

Eigen- ggf. Fremdmittel (Hypotheken), auf

arbeitskapazität (anzahl der mitarbeitenden),

Nachfragesituation und die Verkaufspreise

beziehen. Die rechtzeitige Investition in umweltschutzmaß-nahmen

sollen eine große Rolle

spielen. Es gilt, ein positives Firmenimage aufzubauen

und den Börsenkurs attraktiv zu halten.

Jede/r Bewirtschafter/in hat eine eigene

Bewirtschafternummer und aus Bewirtschafternummer

und Haushaltsstelle ergibt sich das

jeweilige Sachbuchkonto. Es ist durchaus möglich,

dass mehrere Bewirtschaftende eine Haushaltsstelle

bewirtschaften. Sie bekommen dann

jeweils Teilbeträge zur Verfügung gestellt. So lässt

sich theoretisch der Verbrauch an Kugelschreibern

für jede abteilung aus dem Haushaltsplan ablesen

(nur theoretisch, in der Praxis wird Büromaterial

zentral beschafft).Die Entscheidungen der Planspielunternehmen

können im anschluss an jede

Spielrunde durch den/die Spielleiter/in ausgewertet

und die Ergebnisse in Form eines Geschäftsberichtes

ausgedruckt werden.

Dieser ist die Grundlage des Soll- und Ist-Vergleiches

zu Beginn der folgenden Spielrunde.

Es sollen auch Vorstände gebildet werden, die

von der Geschäftsführung über die verfolgte

Strategie informiert werden und die wiederum

die möglichkeit haben, ihre Entscheidungen im

nächsten Geschäftsjahr zu korrigieren. Das Planspiel

kann von externen Beratenden begleitet

werden, die durch Tipps zwischen den einzelnen

Spielrunden die abteilungen beraten.

08:30 uhr Begrüßung

08:45 uhr unternehmensziele und unterneh-

mensorganisation festlegen

09:45 uhr Beratungspause

10:00 uhr Einführung in das Planspiel

12:00 uhr mittagspause

13:00 uhr Festlegung der unternehmensziele,

14:30 uhr Pause

anschließend Spielbeginn

14:45 uhr Fortführung der Spielrunde

17:50 uhr bis ca. 18.30 uhr abgabe der

unternehmensentscheidungen,

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Bilanz und Erfolgsrechnung und

abschlussbesprechung

Was sagt die Bibel?

Warum toben die Völker,

warum murren die Nationen?

Die Könige der Erde lehnen sich auf,

die Herrscher verschwören sich

gegen Gott und seinen Gesalbten:

„Lasst uns ihre Fesseln zerbrechen

und von uns werfen ihre Stricke.“

Psalm 2, 1 - 3

Wer geht voran im Tun von Recht und Gerechtigkeit?

Wer verteilt die Ressourcen dieser Erde? Die

mächtigsten? Wer ergreift dann für die Benachteiligten

Partei? Wer beschützt die Schwachen, wer

setzt sich für die unterdrückten ein? Viele negative

Nachrichten stürzen heutzutage auf uns ein.

unsere Gedanken kreisen, oft jagt eine Sorge die

andere. Eine große unruhe erfasst uns, wo

sollen wir anfangen, um die Schönheit und Schätze

unserer Erde zu schützen? Wir benötigen oft erst

einmal Ruhe, müssen uns besinnen, wir müssen

uns Zeit nehmen die Natur und unsere umwelt

wahrzunehmen. Wir müssen achtsam sein, wir

müssen uns füreinander interessieren, uns

gegenseitig unterstützen in der Bewahrung der

Schöpfung, der gerechten Verteilung von Boden,

Wasser und Nahrung. und wir müssen an die

möglichkeit glauben, dass wir durch gemeinsames

konsequentes Handeln die ökonomischen

und sozialen Probleme mildern können.

und so endet der Psalm 2 mit den Worten:

Wohl allen, die auf ihn trauen!

Und wie geht es weiter?

Zentral für uns alle ist die Hoffnung, dass

die Menschheit noch Chancen hat

Durch ein auf die Zukunft bezogenes gemeinsames

Handeln aller Nationen könnten wir die

lebensqualität für die Benachteiligten erheblich

verbessern und eine Gesellschaft im weltweiten

Gleichgewicht schaffen, die Bestand für Generationen

hat. Wir brauchen einen Gleichgewichtszustand,

der den Bedürfnissen der heutigen

Generation entsprechen soll, ohne die möglichkeiten

künftiger Generationen zu gefährden.

Jede Einzelne/Jeder Einzelne von uns ist aufgefordert,

bei der nachhaltigen Gestaltung unserer

Gesellschaft selbst aktiv zu werden. Dabei

spielen u. a. der Ressourcenverbrauch sowie

der eigene Konsum eine wichtige Rolle. um die

Ziele, die wir uns für eine nachhaltige Entwicklung

gesteckt haben, zu überprüfen, bedarf es Indikatoren,

die Nachhaltigkeit "anzeigen". Wir müssen

uns Beurteilungskriterien überlegen und wir müssen

uns in unserem Tun überprüfen können.

Nachhaltigkeit als Bildungsinhalt

Nachhaltigkeit muss Bildungsinhalt auf allen Ebenen

der Jugendarbeit werden!

Wir müssen die nächsten Jahre konsequent daran

arbeiten, dies in die Wirklichkeit umzusetzen.

Nächstes Ziel ist es, einen Nachhaltigkeits-Check

für Seminare und Freizeiten zu entwickeln, um

herauszufinden, wie weit wir in der lage sind,

Nachhaltigkeit in die Realität umzusetzen.

Die Jugendverbände, Kirchen und

kirchennahen Verbände

sind aufgefordert, eine noch aktivere Rolle in

diesem Thema und auch Verantwortung für sich zu

übernehmen. Ziel muss sein, die Öffentlichkeit mit

einer breiten Informationspolitik einzubeziehen,

damit eine Willens- und Wertebildung entsteht.

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_103

GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Deine – Meine – eine – Welt Deine – Meine – eine – Welt

Fair Feels Good Nachhaltigkeitsrat

Materialien und Literatur

• www.evangelische-jugend.de Globales lernen

evangelische Jugend

unter Praxistipps für aktive im Fairen Handel:

Bereich für aktionsgruppen auf der Webseite

der GEPa Kategorie: "Wegweiser für aktionsgruppen

im Fairen Handel" von GEPa und FaIR

Handelshaus Bayern gibt es jetzt auch als aktualisierte

online-ausgabe unter www.gepa.de.

Germanwatch

• http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/

kologischer_fussabdruck_733.htm Der

Ökologische Fußabdruck

Er bezieht sich auf die leistungsfähigkeit des

Systems Erde und sagt aus, wie viel Biokapazität

gemessen in Hektar bereitgestellt werden

muss, um die Ressourcen für eine Nation, eine

Region, einen Haushalt, eine Person bereitzustellen

und ihre abfälle aufzunehmen. Damit

fungiert der ökologische Fußabdruck als ein

Indikator der Nachhaltigkeit oder Nicht-Nach-

B.a.u.m. e.V.

haltigkeit im Falle ökologischer Defizite.

• B.a.u.m. e.V. www.baumev.de

Die 450 mitglieder der B.a.u.m. e. V. verfolgen

einen Ehrenkodex, der den verantwortlichen

umgang mit Ressourcen und die Vermeidung

umweltgefährdender maßnahmen erfordert.

• leonardo DiCaprio: www.leonardodicaprio.org DiCaprio

Deutsche umwelthilfe

• Deutsche umwelthilfe: www.duh.de

Die Deutsche umwelthilfe versteht sich als Gemeinschaft

für umweltorganisationen, Politiker

und Entscheidungsträger aus der Wirtschaft.

Sie verfolgt das Ziel, mit Hilfe von nachhaltigen

Wirtschaftsmodellen und umweltfreundlichen

Produkten, gemeinsam ökologische und zukunftsfähige

Weichenstellungen zu entwickeln.

• Fair Feels Good: www.fair-feels-good.de

Die Informationskampagne zum fairen Handel

„Fair Feels Good“ wird von der Verbraucher-

Initiative e. V. in Kooperation mit TransFair e. V.

und dem Weltladen-Dachverband getragen. Sie

informiert über alle aspekte des fairen Handels,

von anbietern entsprechender Produkte in

Deutschland bis zu den ökonomischen auswirkungen

in den unterstützten Partnerländern.

• Germanwatch: www.germanwatch.org

Die organisation Germanwatch engagiert sich

für den Erhalt der lebensgrundlagen und für

die Nord-Süd-Gerechtigkeit. unter anderem

verfasst sie Studien zu Verbraucherschutz und

Klimaschutz, Nach-haltigkeit in der Wirtschaft

oder Entwicklungspolitik.

• Greenpeace: www.greenpeace.de

Greenpeace engagiert sich seit 1971 für den

Schutz der lebensgrundlagen.

Der Hollywood-Schauspieler leonardo DiCaprio

engagiert sich als passionierter umweltschützer

mit seiner gleichnamigen Foundation für umweltprobleme

unserer Zeit und den Klimaschutz.

Die dazuge-hörige Website ist eine der

informativsten und besten zu diesem Thema.

• lohas Deutschland: www.lohas.de

lohas

lohas bedeutet „lifestyles of Health and Sustainability“,

was auf Deutsch umschrieben

werden kann mit „ausrichtung der lebensweise

auf Gesundheit und Nachhaltigkeit“. Es

ist das erste, große und deutsche Portal mit

Studien, Nachrichten, Terminen, Presseschau

und Netzwerkangeboten zum Thema.

104_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

• Nachhaltigkeitsrat: www.nachhaltigkeitsrat.de Bilanz von Produkten und Dienstleistungen

aus Bereichen wie: Wohnen, Essen & Trinken,

Dieser Rat setzt sich aus mehreren Köpfen

Hose, Hemd & Co., Fernsehen & Co. oder

der Wirtschaft, des Staates und Nicht-Regierungsorganisationen

zusammen und engagiert

sich gemeinsam mit Privatleuten größtenteils

für Bildungsprojekte für die Jugend.

Geld anlegen.

Der Nachhaltigkeitsrat bemüht sich um den Informationen zu hofspezifischen Gesamtna-

„nachdenklichen Konsumenten, der durch sein turschutzplänen, die Biobetriebe dabei unter-

Kaufverhalten in eine verantwortungsbewusste stützen sollen, mehr Naturschutzmaßnahmen

Richtung gelenkt werden soll“.

in ihren Betrieb zu integrieren.

oxfam Deutschland e.V.

• oxfam Deutschland e. V.: www.oxfam.de

Die Bioland-Beratung führt das Projekt »Kulturlandpläne

– umsetzung von mehr Naturschutz

oxfam Deutschland

Ecogeek

e. V. ist eine unabhängige auf Biobetrieben« 2009 als Entwicklungs- und

Hilfs- und Entwicklungsorganisation. Das Ziel Testprojekt durch. Im anschluss an die Test-

von ox-fam ist eine gerechte Welt ohne armut, phase soll die Kulturlandplan-Beratung bun-

in der die Grundrechte jedes menschen g esichert desweit angeboten werden.

sind. oxfam Deutschland e. V. ist mitglied von

oxfam International, dem einflussreichen Ver- • www.ecogeek.org – eine englischsprachige

bund von oxfam-orga-nisationen weltweit.

Transfair e.V.

• TransFair e. V.: www.transfair.org

Die Siegelorganisation TransFair arbeitet mit

Internetseite zu aktuellen umweltthemen

und Neuheiten.

factorY

• www.factory-magazin.de – Das magazin

für nachhaltiges Wirtschaften.

dem Ziel, benachteiligte Produzentenfamilien

in afrika, asien und lateinamerika zu fördern

und durch den fairen Handel ihre lebensund

arbeitsbedingun-gen zu verbessern. Zu

ihren aufgaben gehören auch das auszeichnen

von Produkten mit dem Fairtrade-Siegel nach

• www.utopia.de

utopia

– Eine internationale Plattform,

die dazu beitragen möchte, dass menschen

ihr Konsumverhalten und ihren lebensstil

nachhaltig verändern.

umweltbundesamt

Blauer

international festgelegten Kriterien und das • www.umweltbundesamt.de

Engel

– Für mensch und

Informieren über Faihandels-Re-geln, das

umwelt, so lautet der leitspruch des uBa –

Siegelmarketing und die Bildungs-, Öffentlich- der zentralen deutschen umweltbehörde.

keits- und lobbyarbeit.

• www.blauer-engel.de – Das bekannteste

• Eco Top Ten: www.ecotopten.de

und älteste umweltzeichen, das 1978

Die Eco Top Ten wird vom Bundesbildungs- und

Eco

Forschungsministerium

Top

sowie vom

Ten

Bundesministe-rium

für Ernährung, landwirtschaft und

Verbraucherschutz gefördert. Sie gibt konkrete

Empfehlungen und informiert über die Öko-

aDFC

auf Initiative des Bundesminister des Inneren

ins leben gerufen wurde. Informationen für

Verbraucher/innen und Produktübersicht.

• www.adfc.de – allgemeiner Deutscher

Fahrrad Club (aDFC)

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_105

Kulturpläne

• Projekt "Kulturlandpläne" www.kulturlandplan.de

GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Deine – Meine – eine – Welt Deine – Meine – eine – Welt



Natur und umweltbildung (aNu)

www.bund.net - Bund für umwelt und

Naturschutz Deutschland (BuND)

www.bbu-online.de – Bundesverband

Bürgerinitiative umweltschutz (BBu) BuND

• www.wind-energie.de – Bundesverband

Windenergie

BBu

• www.umweltbildung.de – arbeitsgemeinschaft

Bundesverband Windenergie

DGS

• www.dnr.de – Deutscher Naturschutzring

• www.dbu.de – Deutsche Bundesstiftung

umwelt (DBu)

• www.dgs-solar.de – Deutsche Gesellschaft

für Sonnenenergie (DGS)

• www.deutscheumweltstiftung.de –

Deutsche umweltstiftung

Deutscher Naturschutzring

• www.zukunftsenergien.de – Forum

für Zukunftsenergien

Forum für Zukunftsenergien

• www.greenpeace.de – Greenpeace

Klimabündnis

• www.klimabuendnis.org – Klimabündnis

• www.umwelt.org – mensch-umwelt-Technik e. V.

• www.naturdetektive.de – Naturdetektive

SFV

• www.sfv.de – Solarenergie-Förderverein

• www.umweltschulen.de – umweltschule

• www.wwf.de – World Wide Fund for Nature (WWF)

Carina Bargmann & Sabine Richter

umweltschulen

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aNu Deutsche umweltstiftung

greenpeace

mensch umwelt Technik e.V.

Naturdetektive

WWF

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GEGEN DEN TREND ’2011


JuGeNDlIcHe AM

„kRoNSBeRG“ –

eIN koNzePT FüR

DIe JuGeNDARBeIT

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Jugendliche

am „Kronsberg“ –

ein Konzept für

die Jugendarbeit

JuGeNDlIcHe AM „kRoNSBeRG“

Der „Kronsberg“ ist jung. Das

Wohngebiet wurde gebaut zur

EXPo 2000, der Weltausstellung

in Hannover und gehört

zum hannoverschen Stadtteil

und zur Kirchengemeinde

Bemerode. In diesem Jahr feiert

das Kirchenzentrum Kronsberg

sein zehnjähriges Jubiläum. Es

gibt keine alten und geprägten

kirchlichen Traditionen. alles

ist noch relativ neu. auch von der Bevölkerungsstruktur

ist der „Kronsberg“ jung. Von den ca.

1900 Christen dort sind 550 unter zwanzig Jahre.

Deshalb bin ich vor fünf Jahren damit beauftragt

worden, die arbeit mit jungen menschen dort

aufzubauen und auszubauen.

Ich begann mit drei Jugendlichen, die gerade

konfirmiert worden waren und einer ehrenamtlich

mitarbeitenden jungen lehrerin. Wir entwickelten

miteinander ein Konzept, wie junge menschen

diese junge Gemeinde mitgestalten können und

welche leitlinien dabei wichtig sind. aus den

folgenden Konfirmationsjahrgängen beteiligen

sich mittlerweile ca. 60 Jugendliche in zwei

Gruppen, die sich regelmäßig treffen.

jung

Mein Konzept für die Jugendarbeit

gründet sich auf vier Aspekte:

1. aspekt

„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte,

und siehe, es war sehr gut“ (1. mose 1, 31)

oder – „Junge menschen finden Heimat

bei menschen und in Gebäuden

Wenn ich mit jungen menschen gemeinsam ein

Stück Weges gehen will, dann kommt es in erster

linie darauf an, wie ich diese jungen menschen

sehe. Sehe ich sie aus der Perspektive, wie Gott

zuerst seinen ersten menschen sah, nämlich

„sehr gut“? Wenn junge menschen sich so gesehen

fühlen, wie Gott sie sah, dann finden sie Heimat

bei menschen, die sie so betrachten, und in

Gebäuden, die den anspruch haben, diese Sichtweise

zu repräsentieren, in Kirchen.

Ich habe von dem Pädagogen Janusz Korczak

sehr viel gelernt, dem arzt, der in Polen Waisenhäuser

geleitet und 1942 „seine“ Kinder auf ihrem

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Jugendliche am „kronsberg“ Jugendliche am „kronsberg“

letzten Weg in das Todeslager Treblinka begleitet

hat. Ich habe von ihm gelernt, dass Kinder – und

ich beziehe das auch auf Jugendliche – nicht erst

zu menschen werden, sondern es von Geburt an

Heimat

schon sind. Deshalb benennt Janusz Korczak „21

Rechte der Kinder“. Eines davon heißt: „Das Kind

hat das Recht auf achtung.“ 1 Er fordert, dass Kinder

als Kinder ernst zu nehmen sind und das, was

wir ihnen bieten müssen, vor allem Vertrauen und

Wohlwollen ist: „aufgabe des Erziehers (und in

dieser aufgabe sehe ich auch uns als Diakone und

Pastoren) ist es, das Kind leben zu lassen und ihm

zu dem Recht zu verhelfen, Kind zu sein.“ 2

Das Kind, den Jugendlichen, als allererstes als

„sehr gut“ anzusehen, lässt mich diese jungen

menschen ernst nehmen und ihnen wohlwollend

und vertrauend begegnen. Ich versuche, mich

selbst zu fragen: Sehe ich diese jungen menschen,

jeden Einzelnen (mit seinen Fehlern und Schwächen)

als einen „sehr gut“ Geschaffenen? Kann ich ihnen

darüber hinaus vermitteln, dass auch sie sich

untereinander als solche achten? Wenn dies geschieht,

finden Jugendliche Heimat bei menschen,

die sie mögen.

Zur Heimat gehört auch, dass Jugendliche in der

Kirche einen Raum haben, um sich dort niederzulassen.

Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt,

dass die Jugendlichen im Kirchenzentrum Kronsberg

einen eigenen Raum zur Verfügung gestellt

bekamen. Es war ein großes Fest, als wir nach 3

Jahren endlich einen eigenen Raum einweihen

konnten, für den die Jugendlichen möbel ausgesucht,

gekauft und aufgebaut haben, in dem ihre

Fotos von gemeinsamen Erlebnissen hängen, den

sie gestaltet haben mit Erinnerungen.

2. aspekt

„Geh aus deinem Vaterland (...) in ein Land, das

ich dir zeigen will (...). Und ich will dich segnen

und du sollst ein Segen sein“ (1. mose 12, 1 + 3)

oder – „Junge menschen entdecken die Kraft des

Glaubens für ihre eigene lebensgestaltung“

1 Vgl. Betty Jean lifton, Der König der Kinder, Das leben von Janusz Korczak, münchen 1988, S. 463.

2 Janusz Korczak, Das Recht des Kindes auf achtung, Hrsg. Elisabeth Heimpel und Hans Roos, Göttingen 1972, S. 35.

Der Prototyp des ersten menschen, der mit der

Kraft seines Glaubens sein leben zu gestalten

versuchte, war abraham (vgl. Röm 4). abraham

war ein mensch, der auf den Weg geschickt wurde –

und losging, ein mensch, der einen auftrag bekam –

und ihn erfüllte, ein mensch, der gesegnet wurde –

und der ein Segen für andere war.

Jeder mensch wird auf den Weg geschickt, jeder

mensch hat einen auftrag, jeder mensch wird gesegnet

und wird ein Segen. Das muss nicht immer

so radikal sein, dass ein mensch sein Vaterland

und sein Elternhaus verlässt, aber diesen Weg zu

finden und diesen Weg zu gehen, gehört zum Erwachsenwerden

dazu. Junge menschen bei dieser

Suche zu begleiten, gehört zu unserem auftrag als

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evangelische Erzieher/innen. 3 Jungen menschen

deutlich zu machen, dass dies eine lohnende

aufgabe sein kann, bei der sie das Gefühl haben,

gebraucht zu werden, lässt sie die Kraft des Glaubens

für ihre eigene lebensgestaltung erkennen.

Deshalb ruft die arbeit mit jungen menschen nach

einem partizipatorischen Geschehen: „alle Träger

des allgemeinen und gegenseitigen Priestertums

haben (...), indem sie Gemeinde bilden, einen

gemeinsamen auftrag zur Ehre Gottes und zum

Heil der menschen.“ 4 In diesem auftrag hat jeder

Einzelne seinen besonderen auftrag, den er erfüllen

kann mit der je eigenen Gabe. Im Sinne der

paulinischen Charismenlehre hat jeder eine andere

Gabe in dem einen Geist und es gilt, sie zu finden

und auszubauen. Deshalb ist es wichtig, jungen

menschen möglichkeiten aufzuzeigen, wo sie ihre

aufträge finden können, ihnen möglichkeiten zu

geben, ihre Gaben zu entwickeln, einen ort zu

bieten, wo sie sich mit anderen menschen gesegnet

und segen-seiend auf den Weg machen können.

Sie müssen ihre Themen einbringen können,

sie müssen entscheiden können, wie und für wen

sie sich engagieren wollen, sie müssen ihre Stärken

3 Vgl. Hans-martin Barth, Entwurf einer Theorie des allgemeinen, gegenseitigen

und gemeinsamen Priestertums, in: ders. Einander Priester sein –

allgemeines Priestertum in ökumenischer Perspektive, Göttingen 1990

4 aao, S. 193.

einbringen können, sie müssen

sich auf ihre eigenen Wege machen

können voller lebensmut und Zuversicht.

Das funktioniert nur, wenn

ich den jungen menschen vertraue

und ihnen etwas zutraue. Ich feiere

deshalb die Gottesdienste, die von

den Jugendlichen gestaltet werden,

nicht als zielgruppenorientierte

Gottesdienste für andere Jugendliche,

sondern als Gottesdienste für

die ganze Gemeinde. Die Jugendlichen

schreiben die Gebete, halten

die Predigt, musizieren, sind für

die Technik verantwortlich, so dass

wirklich jeder seiner eigenen Gabe

gemäß beteiligt ist und eine ihm entsprechende

aufgabe hat. Das bedeutet, einen genauen Blick

auf die jeweiligen Gaben zu haben, das bedeutet,

dass jeder Gottes-dienst anders ist, weil immer andere

begabte menschen beteiligt sind, das bedeutet

aber auch, dass die Jugendlichen grundsätzlich

mit unserer Gottesdienstform vertraut werden

und vertraut bleiben. So feiern wir mit der ganzen

Gemeinde Gottesdienste, in denen Erwachsene

berührt und bewegt werden von der art, wie junge

menschen ihnen die Kraft ihres Glaubens für ihre

eigene lebensgetaltung verkündigen.

3. aspekt

„Ihr werdet die Wahrheit erkennen und

die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8, 32)

oder – „Bildung und ausbildung in der christlichen

Glaubenstradition“

Wenn wir der Jugend die Botschaft unseres Glaubens

verkündigen wollen, dann müssen wir sie

ihr auch verkündigen. Wenn wir das unterlassen,

dürfen wir uns nicht wundern, wenn die junge

Generation davon keine Kenntnis hat.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Jugendliche am „kronsberg“ Jugendliche am „kronsberg“

In einer Zeit, in der junge menschen nicht

mehr automatisch in ihren Familien den

Glauben kennen lernen, scheint es

mir eine unserer größten kirchlichen

aufgaben zu sein, ihnen die Botschaft

zu sagen, sie mündig zu machen und sie

so teilhaben zu lassen an unserer christlichen

Tradition und Glaubensgestaltung.

Dabei müssen wir ihnen die Botschaft so

sagen, dass sie sie verstehen können, dass

sie für sie konkret wird, sie so bilden und

ausbilden, dass sie in unserer Glaubenstradition

verwurzelt werden und sie

mit ihrer lebenswirklichkeit verbinden

können: „Es wird nicht ohne ein mindestmaß

an theologischem Wissen abgehen,

insbesondere, was den umgang mit

der heiligen Schrift betrifft.“ 5 Das lesen

in der Bibel, das Gespräch mit anderen

Christen, das eigene Nachdenken über

den Glauben versuche ich in Verbindung

zu bringen mit den Themen, die für Jugendliche

wichtig sind. Wenn die jungen

menschen sich ein neues Thema überlegen,

an dem sie arbeiten wollen, dann

weise ich sie vorher darauf hin, dass

jedes Thema, das sie interessiert, von

unserem Glauben aus betrachtet werden

kann. Ich will ihnen vermitteln, dass Beten Kraft

gibt und verändern kann, dass biblische Geschichten

Geschichten von menschen sind, die mit Gott

ihren Weg gegangen sind und diese biblischen Geschichten

dann auch zu ihren lebensgeschichten

werden können.

Zu unseren Treffen gehört auch immer Spaß und

Spiel dazu, weil Spaß und Spiel natürlich gemeinschaftsfördernd

ist. Zu unseren Treffen gehört

aber auch immer das gemeinsame lernen dazu,

wir nennen es, das gemeinsame „Denken“. Diese

mischung aus Spaß und Spiel und Denken wird

5 aao, S, 201.

besonders deutlich während der Fahrten, die

wir gemeinsam unternehmen. Wir unternehmen

in jedem Jahr eine Wochenendfahrt nach Berlin

und eine achttägige Fahrt in den Sommerferien

(Wangerooge, Dänemark, Norditalien). Diese

Fahrten sind nicht offene Reiseangebote, sondern

sie dienen der Stärkung der Gruppe, auch und

nicht zuletzt dadurch, dass wir gemeinsam an

unseren Projekten weiter„denken“. Damit auch

wirklich jede/r mitfahren kann, die/der möchte,

fahren wir nicht lange und nicht weit weg, sondern

vor allem zu einem Preis, der für alle möglichst

erschwinglich ist. Dass das funktioniert, zeigte

sich in diesem Jahr, als wir mit 38 Personen nach

Italien gefahren sind.

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4. aspekt

„Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche

den Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34, 15)

oder – „Junge menschen übernehmen

Verantwortung für die Welt“

oder – „Nosismus“

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass junge

menschen sich verantwortlich fühlen für unsere

Welt und die Gesellschaft, in der sie leben. Sie

wollen und sie können gestalten. Sie wollen und

sie können etwas sagen. auf einer leinwand, die

in unserem Jugendraum hängt, ist die Silhouette

des Kronsbergs zu sehen und ein Wort, das

„Nosismus“ heißt. Ein Jugendlicher hat dieses Bild

gesprayt. Das Wort „Nosismus“ entstand auf einer

unserer Fahrten (Dänemark 2009). Ich hatte den

Jugendlichen Texte von und über menschen gegeben,

die in unserer Zeit Verantwortung für die Welt

als Christen übernehmen. Beim Nach-„Denken“

über diese lebens-Texte sollten sie deren aussage

in wenigen Begriffen benennen. Eine Kleingruppe

nannte das Wort „Nosismus“. Dieses Wort gibt

es natürlich nicht. Sie dachten altsprachlich – auch

da gibt es ja Begabte – und sagten: „Wir reden

vom Egoismus, besser wäre, von Nos-ismus zu

reden. Es geht nicht immer um das eigene Ich, das

Ego, es geht vor allem um das, was uns verbindet

und uns gemeinsam ist. Es geht ums wir, lateinisch

nos. also Nosismus.“

Dietrich Bonhoeffer entwickelte einst in seiner

unvollendeten Ethik den Begriff des „verantwortlichen

Handelns“ 6 . Er hatte nachgedacht über das

Gute und das Tun des Guten. Das Gute, so schrieb

er, ist immer die „gute antwort“, die wir mit unserem

leben auf das gute Wort Gottes geben. In

seinem berühmten Taufbrief für seinen Patensohn

formulierte er dann später im Gefängnis: „...

unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen:

im Beten und im Tun des Gerechten unter den

menschen.“ 7 Gutes Tun war für ihn das gerechte

Tun. mir scheint, dass das Graffiti im Kronsberger

Jugendraum mit seiner Wort-Schöpfung „Nosismus“

etwas analoges meint: Vom Ich zum Wir, vom

Egoismus zum verantwortlichen Handeln, zum

„Nosismus“. Ich halte es für meine aufgabe, den

Jugendlichen im „gemeinsamen Denken“ Hilfestellung

zu solchem gemeinsamen verantwortlichen

Handeln zu geben.

Praxisbeispiel 1

Unser erstes Projekt:

Eine „junge Krippe“

entsteht

6 Dietrich Bonhoeffer, Die Geschichte und das Gute (1. und 2. Fassung) in: ders. Ethik, münchen 1992.

7 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, münchen 1962, S. 328.

Der Gottesdienstraum

im Kronsberger

Kirchen-zentrum ist

ein „junger“ Gottesdienstraum.

Vieles,

was es in anderen

Kirchen gibt, gibt es

hier noch nicht. Zum

Beispiel gab es noch keine Krippe für die Weihnachtszeit.

Ich motivierte die Jugendlichen, eine

eigene/neue „junge“ Krippendarstellung zu entwerfen.

Das sollte unser erstes Projekt werden.

1. Junge menschen finden Heimat bei menschen

und in Gebäuden

Die Jugendlichen standen zunächst selbst modell

für die lebensgroßen Krippenfiguren. Wer die

Jugendlichen kennt, kann sie in ihren scherenschnittartigen

Figuren wiedererkennen und sie

selbst finden sich auch wieder: in ihrer Kirche,

in ihrer Krippenlandschaft. Sie wurden gleichsam

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Jugendliche am „kronsberg“ Jugendliche am „kronsberg“

zu einem Teil der Kirche. Sie entschieden, wer

für welche Krippenfigur modell stehen sollte,

sie malten die Schattenrisse ab, mit Hilfe eines

Tischlers sägten sie die modelle aus Holz aus, sie

selber gestalteten die Holzfiguren in einem künstlerischen

Prozess. Sie stellten dann die Krippen-

figuren in einem adventsgottesdienst der Gemeinde

vor: Junge menschen haben Heimat gefunden bei

menschen und in dem Kirchenraum.

2. Junge menschen entdecken die Kraft des

Glaubens für ihre eigene lebensgestaltung

Die Krippenfiguren sind so gestaltet, dass sie im

Schattenriss aussehen wie maria und Josef und

Jesus, wie die Hirten und die Könige und Engel.

Die oberfläche aber gestalteten

die Jugendlichen

nach menschen, die, wie

einst die Hirten, heute als

außenseiter zu Jesus kommen

oder nach menschen,

die, wie einst die drei

Weisen, heute als Fremde

kommen. Die Jugendlichen

überlegten und entschieden,

welche menschen für

diese Krippe wichtig sind und wie sie diese gestalten

wollten. Jeder konnte gabenorientiert

mitgestalten: detailliert vorzeichnen, großflächig

ausmalen, kreative Vorschläge machen, Denkergebnisse

einbringen, basteln, schreiben,

organisieren. Es waren ihre Ideen, ihre Themen,

ihre Ergebnisse.

3. Bildung und ausbildung in der christlichen

Glaubenstradition

Zur Vorbereitung lasen die Jugendlichen in der

Bibel, welche menschen einst zu Jesus kamen,

welchen menschen Jesus sich zuwandte und was

ihnen an maria, Josef und Jesus wichtig war.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sie Josef als

obdachlosen

(„Denn sie hatten

sonst keinen Raum

in der Herberge.“

lk 2, 7) gestalten

wollten, maria als

Jüdin und Jesus

als Friedefürsten

(Jes 8, 5). Je ein

Hirte wurde zu

einem Kranken,

einem Straftäter

und einem Punk,

je einer der

Weisen wurde zu einem ausländer, einem moslem

und einem Christen. Die gerade Konfirmierten,

die während dieses Projektes in die Jugendgruppe

kamen, hatten während des Konfirmandenunterrichts

an Referaten gearbeitet zu menschen, die

lichtgestalten unseres Glaubens waren und sind.

Ihre Ergebnisse brachten sie für die Gestaltung der

Engel – der lichtgestalten – ein, so waren auch die

Neukonfirmierten gleich beteiligt an dieser Krippe.

und so stehen auf den Engeln Zitate von mutter

Teresa, Hildegard von Bingen, margot Käßmann,

Xavier Naidoo und anderen.

4. Junge menschen übernehmen Verantwortung

für die Welt

Bevor es an die künstlerische arbeit ging,

beschäftigten sie sich mit den menschen, mit

denen sie die Krippe gestalten wollten, für die

sie Verantwortung übernehmen wollten.

auf einer Freizeit in Berlin suchten sie mahnmale

für den Frieden (s. Praxisbeispiel 2, methodik:

„Ein Spaziergang durch Berlin - Wir gedenken

der opfer“)

mit einer Fotocollage von diesen mahnmalen für

den Frieden gestalteten sie die Jesus-Figur als

Friedefürsten.

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Für maria, die ja Jüdin war und Jüdin blieb, Tabletten, Spritzen, die sie an seinem Hirtenstab

suchten sie jüdische Symbole; für Josef, den befestigten und informierten sich über Hilfs-

obdachlosen, sprachen sie mit dem leiter eines organisationen, deren Symbole unter dem Hirten-

obdachlosenheimes; für den Weisen, der für mantel hervorlugen, einen Hirten bemalten sie

die moslems stehen sollten, besuchten sie eine als Punk und für den Hirten, der für die Straftäter

moschee in Hamburg, redeten dort mit einem steht, schrieben sie Fehler, die sie selbst schon

Imam, wünschten sich ein Wort aus dem Koran, einmal gemacht haben, auf Zettel und gipsten

das für ein miteinander steht und übersetzten diese in die oberfläche ein, so dass auf dem Hirten

das Wort „Respekt“ in viele verschiedene Spra- die Dellen unserer Fehler im unschuldigen Weiß

chen (dieses Wort war den Jugendlichen wichtig, zu sehen sind.

weil es ihnen gerade in der Begegnung mit muslimen

Praxis

nicht um missionierung ging, sondern darum, Bei der arbeit in verschiedenen Projekten

dass wir uns gegenseitig in unserem Glauben lernen sich die jungen menschen kennen und

respektieren); für den Weisen, der für die aus- gegen-seitig schätzen. Sie können sich mit ihrer

länder steht, malten sie die Fahnen von über je eigenen Begabung einbringen und lernen, die

40 ländern auf die Figur; für den Weisen, der für Glaubens-inhalte auf ihr leben zu übertragen. Vor

das miteinander mit menschen anderer Haut- allem aber merken sie: Sie können etwas auf die

farben steht, nutzten sie den Besuch aus unserer Beine stellen, was andere inspiriert. Sie werden

Partnergemeinde aus Äthiopien, um miteinander in unserer Kirche gebraucht, sie haben etwas zu

ins Gespräch zu kommen; für den Hirten, der für sagen, sie können von unserem Glauben erzählen

die Kranken steht, sammelten sie Pflaster,

und ihn gestalten.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Jugendliche am „kronsberg“ Jugendliche am „kronsberg“

Praxisbeispiel 2

Methodik: „Ein Spaziergang durch Berlin –

Wir gedenken der Opfer“

am uferweg der Spree stehen auf der linken Seite

Tafeln mit Paragraphen. 1949 entstand das deutsche

Grundgesetz, in dem nach den Erfahrungen

mit dem Nationalsozialismus die Grundrechte

aller menschen in Deutschland gesetzlich geregelt

werden. Gerade das Gedenken an die opfer von

Verfolgungen fließt hier in die Gesetze ein. Wenn

wir diese Gesetze wirklich ernst nehmen, gibt es

vielleicht in der Zukunft keine neuen opfer,

derer wir gedenken müssten: Dann, wenn allen

menschen das Recht auf leben gegeben wird.

Fotografiert bitte das mahnmal

0 aus einer liegenden oder knienden Perspektive

0 mit einem wirkungsvollen Hintergrund

0 von oben

(Bitte ankreuzen)

Fotografiert bitte ein Detail dieses mahnmals

Überlegt Euch bitte jeweils ein Wort, das ihr

mit dem Gedenken an diese opfer verbindet!

Vielleicht fällt euch ja noch ein mensch, ein

Baum oder ein Gegenstand auf, mit dem ihr

Gedenken verbindet. Dann fotografiert auch

das und notiert bitte, was es ist.

Wenn ihr von dem uferweg einige Treppenstufen

zur Spree hinuntersteigt, seht ihr dort

Kreuze. Hier gedenken wir der opfer an der

ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Die mauer war fast drei Jahrzehnte das sichtbare

monument der Teilung Deutschlands.

allein an der Berliner mauer kamen über 230

menschen ums leben, an der innerdeutschen

Grenze waren es über 1000. Sie wurden von

DDR-Grenzsoldaten erschossen, sie ertranken,

sie starben an Fahrzeugsperren, sie stürzten

aus selbst gebauten Fluggeräten oder von

Dächern in den Tod.

Wort: __________________________________

auf dem Platz vor dem Haupteingang in den

Bundestag findet ihr Steine. Sie erinnern an die

Volksvertreter, die zu den ersten opfern des

Nationalsozialismus gehörten.

mitglieder des Reichstages wurden aus dem

land verwiesen, verhaftet oder ermordet. Zum

Beispiel Julius leber. Der Chefredakteur einer

sozialdemokratischen Zeitung wurde 1924 für

die SPD in den Reichstag gewählt. Schon in der

Nacht zum 1. Februar, also nur einen Tag nach

der „machtergreifung“, wurde er nach einer

von der Sa provozierten Schlägerei erstmals

verhaftet. Im mai wegen „Raufhandels“ zu 20

monaten Gefängnis verurteilt, hielt das Regime

ihn bis mai 1937 immer wieder in Konzentrationslagern

fest. Nach seiner Entlassung knüpfte er

Kontakte zu Widerstandskreisen – nach einem

Sturz des Regimes war er als Innenminister

vorgesehen. Noch vor dem attentat verhaftet,

wurde leber im oktober 1944 zum Tode

verurteilt und am 4. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee

hingerichtet.

Wort: __________________________________

Stellt euch zwischen Bundestag und das mahnmal

und geht dann geradeaus durch den

Tiergarten (der Park, der vor euch liegt).

Ihr kommt zur „Straße des 17. Juni“. Der Straßenname

erinnert an einen Volksaufstand am

17.06.1953, als DDR-Bürger nach mehreren

unruhen gegen die russischen Besatzer und

116_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

gegen den Sozialismus protestierten. Dieser

Tag wurde in Westdeutschland nationaler

Gedenktag.

auf dem mittelstreifen steht ein „Rufer“, der

in den Krieg hinein zum Frieden aufruft. Damit

erinnert er uns alle an die opfer aller Kriege.

Wort: __________________________________

Früher war das Brandenburger Tor das Stadttor

Berlins in Richtung Brandenburg. Die National-

sozialisten feierten mit einer Parade durch

dieses Tor ihre machtübernahme. als die Berliner

mauer 1963 gebaut wurde, stand das Tor mitten

im Sperrgebiet und konnte weder von osten

noch von Westen durchquert werden. 1989

wurde es wieder geöffnet. Das Brandenburger

Tor erinnert uns an die Teilung Deutschlands,

aber auch an den Frieden. Denn wahrscheinlich

ist die Göttin, die den Wagen lenkt, Eirene – die

Friedensgöttin.

Wort: __________________________________

Im Torbogen ist ein Raum der Stille eingerichtet.

Geht einmal hinein. Dort ist ein Gebet von

einem berühmten Pastor zu finden, der gegen

die Nationalsozialisten Widerstand geleistet

hat. außerdem steht dort ein wichtiges Wort

in allen möglichen Sprachen, das uns das Ziel

benennt, warum wir uns an opfer immer wieder

erinnern müssen.

Fragt bitte, ob ihr fotografieren dürft.

Gebet: _________________________________

_______________________________________

_______________________________________

_______________________________________

Vom Pariser Platz geht links die Wilhelmstraße

ab. Biegt dort ein und geht in Richtung Spree.

an der Brücke, auf die ihr direkt zulauft, ist eine

Gedenktafel für die opfer der märzrevolution

von 1848.

Damals hatten sich menschen gegen die

adeligen erhoben, um deren macht einzuschränken.

Sie strebten nach dem, was wir

heute haben, nach einer Demokratie. Sie

wollten frei sein von den herrschenden

Reichen. und sie wollten nicht mehr an Hunger

und armut sterben. Dieser aufstand wurde

blutig niedergeschlagen.

Wort: __________________________________

Literatur

• Bonhoeffer, Dietrich, Ethik, münchen 1992

• Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und

Ergebung, münchen 1970

• lifton, Betty Jean, Der König der Kinder,

Das leben von Janusz Korczak, münchen 1988

• Korczak, Janusz, Das Recht des Kindes auf

achtung, Hrsg. Elisabeth Heimpel und Hans

Roos, Göttingen 1972

• Barth, Hans-martin, Entwurf einer Theorie

des allgemeinen, gegenseitigen und

gemeinsamen Priestertums, in: ders.

Einander Priester sein – allgemeines

Priestertum in ökumenischer Perspektive,

Göttingen 1990

Mirjam Schmale

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GEGEN DEN TREND ’2011


DAS PRoJekT elF:

eSSeN – leRNeN –

FReIzeIT

ein Projekt zur Nachhaltigkeit in

Jugendarbeit und Schule

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Das Projekt ELF:

Essen – Lernen – Freizeit

Ein Projekt zur Nachhaltigkeit

in Jugendarbeit und Schule

Nachhaltigkeit hat Konjunktur

Nachhaltigkeit ist ihrem ursprung nach ein forstwirtschaftlicher

Begriff und hat hier auch heute

noch zentrale Bedeutung. Kein anderer relevanter

Wirtschaftszweig hat sich über Jahrhunderte

(und unabhängig vom jeweils herrschenden Zeitgeist)

ähnlich zielführend mit Blick auf die Bedürfnisse

kommender Generationen verhalten. Dieses

spiegelt sich auch im heutigen Selbstverständnis

der Forstwirtschaft wider, wird aber zum Teil auch

idealisiert.

Da andere Wirtschaftszweige nicht in Produktionszeiträumen

von Jahrhunderten denken, wird es

dort oft als betriebswirtschaftlich unverantwortlich

angesehen, sich „nachhaltig“ zu verhalten.

aufgrund seiner Popularität dient der Begriff Nachhaltigkeit

anderen Wirtschaftszweigen dennoch

DAS PRoJekT elF

oft als ein marketinginstrument. Die Grenzen

zwischen nachhaltiger und nicht-nachhaltiger

unternehmensführung sind jedoch unscharf. Es

existieren in nahezu allen Bereichen Konzepte

und Beispiele zur nachhaltigen Entwicklung,

welche den Konzeptionen der Forstwirtschaft

grundsätzlich entsprechen.

Darüber hinaus gilt der Begriff der Nachhaltigkeit

seit einigen Jahren als leitbild für eine zukunfts-

fähige Entwicklung ("sustainable development")

der menschheit. Insbesondere die agenda 21 und

die lokale agenda 21 setzen zur lösung gegenwärtiger

und zukünftiger umweltprobleme auf

das Prinzip der Nachhaltigkeit.

Es hat einige Jahre intensiver Vorarbeit bedurft, um

sich auf dieses leitbild weltweit zu verständigen.

Noch schwieriger erscheint es, die daraus erwachsenden

anforderungen zu konkretisieren und

diesen gerecht zu werden. Künftig soll sich also

alles Wirtschaften unter Berücksichtigung sozialer

und ökonomischer Dimensionen an den Grenzen

der Tragfähigkeit des Naturhaushaltes orientieren.

aber gibt es wirklich die Nachhaltigkeit oder

versteht vielleicht jeder hierunter etwas anderes?

Was also ist Nachhaltigkeit? Der Begriff

"sustainable development" wird im

Deutschen zumeist mit "nachhaltiger

Entwicklung" übersetzt. Wenn ich

von der allgemeinen Bedeutung des

Wortes „Nachhaltigkeit“ ausgehe,

dann meint es eigentlich Dauerhaftigkeit

und längerfristigkeit in Bestand

und Wirkung. Nachhaltigkeit hat Konjunktur

angesichts des beschleunigten

Wandels unserer sozialen, kulturellen

und technischen Welt.

auf das Projekt „ElF“ angewandt verstehe

ich dann unter Nachhaltigkeit die

möglichen auswirkungen des Schul-

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

ElF

projektes ElF auf weitere Bereiche der arbeit

mit Kindern und Jugendlichen sowie auf die

unterschiedlichen in dieses Projekt involvierten

Institutionen.

Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit

Im Jahr 2008 suchte ich als Kirchenkreisjugendwart

die Idee eines gemeinsamen Projektes von

Schule und Jugendarbeit. unter Beteiligung von

ehrenamtlichen Jugendlichen sollte ein mittagstisch

für Kinder und Jugendliche entstehen, eine

Hausaufgabenbetreuung angeboten werden und

ein Freizeitangebot am Nachmittag stattfinden,

das alles in einer Schule mit anbindung an eine

Kirchengemeinde bzw. Nähe zum Kirchenkreisjugenddienst.

Von früheren kollegialen Kontakten wusste ich

von einem Kollegen, der ein solches Projekt schon

einmal durchgeführt und mit dem Namen ElF bzw.

der Zahl 11 gestartet hatte. Ich rief ihn kurzerhand

an und fragte, ob sein Projekt noch läuft und/

oder der Name geschützt sei. Beides war nicht der

Fall und so übernahm ich den Projektnamen „ElF:

Essen – lernen – Freizeit“ und machte mich an

die Konzeption und auf die Suche nach möglichen

Projektpartnern.

Skepsis im Vorfeld des Projekts

Die Skepsis unter den Kollegen war anfangs sehr

groß, sie stellten mir viele Fragen, hier ein auszug:

• Wie viel an zusätzlicher arbeit kommt da auf

uns zu?

• Wird sich überhaupt eine Schule auf ein

solches Experiment einlassen?

• Werden sich Jugendliche finden, die bereit

sind, die Hausaufgabenbetreuung und das

Freizeitnachmittagsangebot durchzuführen?

• Wer kocht das Essen für 25 Personen?

• Woher kommt das Geld?

• Finden sich überhaupt SchülerInnen, die

das angebot wahrnehmen möchten?

• Gibt es geeignete Räumlichkeiten in der

Schule und in der Gemeinde?

• Wer hilft bei der Essensausgabe?

Wie kann Evangelische Jugend ein

diakonisches Profil entwickeln?

Fragen über Fragen begleiteten mich in der anfangsphase

des Projekts. aber durch diese Fragen

ließ ich mich nicht entmutigen und machte mich

auf die Suche nach Verbündeten. Diese fand ich

zuallererst in der Kirchengemeinde, in der der

Jugenddienst seinen Sitz hat. Die St.-michael-

Kirchengemeinde in Nienburg ist eine Kirchengemeinde

in einem Stadtteil von Nienburg mit

hohem ausländeranteil, älteren Gemeindegliedern

und vielen nicht kirchlich sozialisierten menschen.

außerdem ist der anteil der arbeit suchenden

Familien sehr hoch. Die Kirchengemeinde versteht

sich selbst in ihrer Gemeindearbeit als diakonische

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Gemeinde. Sie bietet einmal monatlich einen

mittagstisch für alleinstehende an, öffnet eine

Weihnachtsstube an Heiligabend und führt

andere diakonische aktionen durch.

So passte die Idee, ein diakonisches Projekt in

Zusammenarbeit mit Schule anzufangen, in das

gemeindliche Profil, d. h.: Räume und 5 Stunden

arbeitszeit (mein Stellenanteil für die Kirchengemeine

pro Woche) standen schon einmal zur

Verfügung. mit dieser Grundausstattung und

der Idee von mittagstisch (Essen), Hausaufgabenbetreuung

(lernen) und Nachmittagsangebot

(Freizeitbeschäftigung) machte ich mich auf den

Weg, eine geeignete Schule im Stadtteil zu finden.

In der Grund- und Hauptschule Nordertor fand

ich eine engagierte Schulsozialarbeiterin und

einen für das Projekt offenen Schulleiter. Erfreut

über eine Kirche, die auf ihn und seine Schule

zukommt, wurden wir uns schnell einig und das

Konzept nahm folgende konkrete Form an:

• 2 x wöchentlich einen mittagstisch für

Grundschüler von 12:30 uhr bis 13:30 uhr

• 2 x wöchentlich Hausaufgabenbetreuung

durch SchülerInnen aus den oberen Klassen

der angegliederten Hauptschule

• 2 x wöchentlich ein „Nachmittagsangebot

Sport und Spiel“

an Räumlichkeiten stellte der Schulleiter einen

Klassenraum als Essens- und Hausaufgabenraum

sowie die Schulküche für die Essensausgabe zur

Verfügung. Für die „Nachmittagsbetreuung Sport“

konnten wir die alte Sporthalle nutzen.

Ärmel hoch und los geht´s!

Nach diesen offenen angeboten ging es daran,

das Projekt auf finanzielle Beine zu stellen und

zu konkretisieren. Ich stellte einen antrag

bei der landeskirche aus dem Fonds „Jugendarbeit

und Schule“.

Dieser antrag beinhaltete

eine Projektbeschreibung

und

einen Finanzplan für

die ausstattung der

Essensausgabe sowie

der ausstattung für

die Freizeitarbeit.

Ebenso gab es einen

Plan über die aufwandsentschädigung

für die Jugendlichen

in der Hausaufgabenbetreuung.

Bei verschiedenen

Stiftungen im Bereich

der Stadt und des

landkreises Nienburg

haben wir unser

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit

Projekt ebenfalls vorgestellt und um einen finanziellen

Zuschuss zur ausstattung des Projektes

mit Spielgeräten usw. gebeten. Ebenso haben wir

uns an die Krankenkassen gewandt und um eine

Spende für einen gesunden und abwechslungsreichen

mittagstisch gebeten.

Weiterhin wurden verschiedene Firmen gebeten,

Sachspenden für die ausstattung der Betreuung

(Spiele, Bälle usw.) zu leisten.

am schwierigsten war es Personen zu finden,

die sich sowohl bei der Hausaufgaben- als auch

bei der Freizeitbetreuung engagieren wollten.

Die Idee, Jugendliche aus der Jugendarbeit der

Evangelischen Jugend des Kirchenkreises in

das Projekt einzubinden klappte insofern nicht,

als dass diese Jugendlichen auf Grund anderer

Schulzeiten an anderen Schulen und anderer

unterrichtsversorgung (vermehrt Nachmittagsunterricht)

für dieses Projekt nicht zur Verfügung

standen. Dann kam in Rücksprache mit der

Schulsozialarbeiterin der Schule die Idee auf, doch

in den oberen Hauptschulklassen zu fragen, ob

Jugendliche bereit wären, für die GrundschülerInnen

eine Hausaufgabenhilfe und Freizeitbetreuung

anzubieten.

Schnell fanden sich Jungen und mädchen, die sich

das vorstellen konnten.

Jetzt blieb nur noch die Frage, wer das Essen kocht

und wie es in die Schule kommt. auch hier war es

von Vorteil, dass der Kreisjugenddienst eine schon

länger bestehende Einrichtung im Rahmen der

Jugendarbeit im landkreis Nienburg ist. So konnten

Kontakte zur Jugendwerkstatt (Bereich Hauswirtschaft)

des landkreises Nienburg geknüpft

werden. Diese suchte nämlich nach einer aufgabe

für den Bereich Hauswirtschaft und war geradezu

froh, als wir auf sie zugingen, um ein angebot für

2 x 25 mahlzeiten pro Woche einzuholen. Schnell

wurden wir uns einig und das Projekt konnte starten.

Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Die umsetzung erfolgte dann in enger Zusammensetzung

mit der Schule. In der Nordertorschule

erhielten wir einen leerstehenden Klassenraum

als Essens- und Freizeitraum. Dieser Raum liegt

unmittelbar neben der Schulküche, die wir

ebenfalls zum abwasch und für weitere küchentechnische

Zwecke nutzen dürften. Für die Hausaufgabenbetreuung

standen uns zwei zusätzliche

Klassenräume und an jedem Tag eine weitere

lehrkraft zur Betreuung der Kinder zur Verfügung.

Die Schulsozialarbeiterin der Schule nahm mit

einem nicht unerheblichen Stundenanteil an

dem Projekt teil. Für den Bereich der Essensausgabe

konnten zwei Frauen aus der zuständigen

Kirchengemeinde gewonnen werden. Für den

Freizeitbereich konnte an einem Tag der Kontaktbereichsbeamte

der Polizeidirektion Nienburg-

Schaumburg eingesetzt werden, der mit den

SchülerInnen ein Selbstbehauptungs- und anti-

aggressionstraining durchführte. Für den Transport

des Essens aus der Jugendwerkstatt in die

Schule (Fahrzeit 8 minuten) wurden Thermobe-

hälter angeschafft, die einen einwandfreien Transport

unter Berücksichtigung aller lebensmittel-

mahl

technischen Bestimmungen (mindestemeperatur

60° C, Hygienevorschriften usw.) gewährleisteten.

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Die SchülerInnen der Grundschule konnten sich

freiwillig (bzw. nur auf Wunsch ihrer Eltern) bei

unserem Projekt anmelden oder aber die betreffenden

KlassenlehrerInnen hatten in Rücksprache

mit den Eltern von sich aus vorab eine Empfehlung

zur anmeldung bei der Hausaufgabenbetreuung

gegeben. So kamen im Februar 2010 25 Kinder aus

den Klassen 1 - 4 zum Betreuungsangebot. aus den

Hauptschulklassen 9 und 10 konnten wir acht jugend-

liche mitarbeitende für die Hausaufgabenbetreuung

und Begleitung des Nachmittagsangebotes gewinnen.

So entstand ein Netzwerk der einzelnen Bereiche,

von dem alle Beteiligten wie auch die Einrichtungen

nur profitierten: Kinder, SchülerInnen und

Schule, Kirchengemeinde und Jugenddienst.

Die SchülerInnen der Grundschulklassen 1 – 4

profitierten vom ELF-Projekt wie folgt:

• Sie bekommen 2 x wöchentlich eine

warme mahlzeit.

• Sie essen in Gemeinschaft und in einem

gestalteten Rahmen.

• Sie haben nach dem unterricht ansprechpartner-

Innen während der gemeinsamen mahlzeit.

• Sie haben zumindest 2 x wöchentlich gesichert

ihre Hausaufgaben gemacht.

zeit

• Sie verstehen den unterrichtsstoff besser

durch die richtigen Hausaufgaben.

• Sie kommen im unterricht besser mit und

haben dadurch mehr Erfolgserlebnisse.

• Sie haben 2 x wöchentlich ein Nachmittagsangebot

in der Gruppe.

• Sie lernen im „anti–Gewalt-Training“

fairen umgang miteinander.

• Im Freizeitbereich lernen sie kreative und

spielerische angebote kennen; auch für

die eigene Freizeitgestaltung.

• Soziales miteinander wird eingeübt,

Konflikte gewaltfrei gelöst.

• In den Pausen treffen die Kinder die jugend-

lichen Hausaufgabenbetreuer aus den oberen

Klassen der Hauptschule und sprechen sie an.

Die BetreuerInnen der Hausaufgabenhilfe und des

Freizeitangebots verzeichnen folgenden Gewinn:

• Die „Großen“ kümmern sich auch außerhalb

des Projektes in den Pausen sowie vor und

nach der Schule um die „ElF–Kinder“.

• Die älteren Schüler bekommen eine pädago-

gische Begleitung durch den KKJD und die

Schulsozialarbeiterin.

• Sie lernen Verantwortung zu übernehmen und

erfahren durch diese aufgabe und die pädago-

gische Begleitung eine anerkennung innerhalb

der Schule.

• Sie erfahren durch ihre Fach- und Klassen-

lehrerInnen eine zusätzliche anerkennung

für ihr soziales Engagement.

• Sie nehmen an JuleiCa-aus- und Fortbildungen

der Evangelischen Jugend auf Kirchenkreis-

ebene teil und lernen so verbandliche Jugend-

arbeit kennen.

• Es ergeben sich Kontakte zu Jugendlichen

anderer Schulformen (Hauptschule –

Gymnasium – Realschule).

• Sie nehmen an Freizeitaktivitäten der Evan-

gelischen Jugend auf Kirchenkreisebene teil

(aktionen, ausflüge, landesjugendcamp usw.).

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit Das Projekt elF: essen – lernen – Freizeit

• Sie gewinnen an Sozialkompetenz und können

diese bei der Berufsbewerbung einbringen.

Die Jugendlichen der Jugendwerkstatt, Bereich

Hauswirtschaft, verbuchen auf der Plus-Seite:

• arbeitsuchende Jugendliche bekommen eine

reale aufgabe.

• Sie erhalten eine anerkennung für ihre

arbeit (das Essen schmeckt allen).

• Sie erwerben fachliche Kompetenzen.

• Sie werden in die angebote der Evangelischen

Jugend einbezogen (Fahrten, aktivitäten,

JuleiCa-ausbildung).

Die Kirchengemeinde...

• ... St. michael erhält ein zusätzliches

diakonisches Profil, da die „ElF-Kinder“

an dem monatlichen Kinderfrühstück der

Kirchengemeinde teilnehmen.

Der Kirchenkreisjugenddienst verzeichnet für sich:

• Deutliches diakonisches Profil

evangelischer Jugendarbeit

• Gelingende Kooperation von Schule

und Jugendarbeit

• Gewinn an Kontakten zu Jugendlichen,

die sonst nicht so leicht herzustellen wären

• Gewinnung von neuen ehrenamtlich

mitarbeitenden

Die Schule kann positiv verzeichnen:

• Ein qualifiziertes angebot in der

Nachmittagsbetreuung

• Zufriedenere SchülerInnen

• Sozialkompetente Betreuer

• Soziales Profil nach außen

• Kooperation mit Kirche und Jugendarbeit

Glaube ist Handeln

Glaube ist Handeln

In der großen Rede vom Weltgericht fasst der

Evangelist matthäus die Grundausrichtung der

Botschaft Jesu noch einmal eindrucksvoll zusammen.

Glaube ist nicht selbstbezogen und nicht

darauf aus, an irgendwelchen frommen Formeln

festzuhalten. Glaube ist Tun! Er wird erst lebendig,

wenn er seine umgebung wahrnimmt und für andere

eintritt. Er ist damit konkrete unterstützung!

Dabei geht es nicht um herablassende mildtätigkeit,

die nur wieder neue Hierarchien schafft. Die

Würde der Hilfsbedürftigen ist dadurch garantiert,

dass Christus sich mit ihnen auf eine Stufe stellt.

Ja, er geht sogar noch einen Schritt weiter, indem

er sich unmittelbar mit ihnen identifiziert. In jedem

menschen, der sich selbst nicht helfen kann, ist

er gegenwärtig. So wird jede Begegnung mit den

unterlegenen zu einer Christusbegegnung:

„Was ihr an einem von meinen geringsten Brüdern

oder an einer von meinen geringsten Schwestern

zu tun versäumt habt, das habt ihr an mir versäumt.“

(matthäus 25, 45, Die Gute Nachricht)

Ein solches Tun entscheidet zugleich über die

eigene Zukunft. Wer nicht so vorgeht, verliert Gott

aus den augen. Das eigene leben wird „gottlos“

und heillos. Ganz drastisch redet matthäus davon,

dass dann das eigene leben „verflucht“ sei.

Glaube hat immer einen direkten Bezug. Es geht

nicht um lehrsätze. Es geht um menschen! Glaube

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ist Zuwendung, unterstützung, Parteinahme. Der

Evangelist matthäus denkt stark handlungsorientiert.

Im Vordergrund steht für ihn das praktische

Einschreiten.

In der Rede vom Weltgericht werden 5 Grundmängel

aufgeführt: Hunger, Durst, Nacktheit,

Krankheit, unfreiheit. Die Zuwendung zielt darauf

ab, diese mängel zu beheben (Hunger, Durst,

Nacktheit) bzw. in ihrer Härte abzuschwächen

(Krankheit, unfreiheit). Es wird jedenfalls nicht

vorausgesetzt, dass sich an dieser lage nichts

ändern lässt. Im letzten zielt alle Hilfe darauf ab,

den Betroffenen wieder ein vollwertiges leben

zu ermöglichen. Sie sollen ihre Selbständigkeit

zurück gewinnen.

Davon haben wir uns auch in unserem Projekt

leiten lassen. Es ging uns um die handfeste

Verbesserung einer bestimmten Situation.

Die „Not“ der Kinder in diesem Stadtteil, ohne

mittagstisch, ohne begleitete Hausaufgaben und

ohne ein pädagogisches Nachmittagsangebot war

vorhanden und erwartete eine antwort. Die „Not“

der Schule, mit den wenigen SchulsozialarbeiterInnenstunden

dieses auch noch abzudecken zu

wollen, war offensichtlich. Die Kirchengemeinde

und die Jugendarbeit im Kirchenkreis haben diese

„Not“ erkannt und es sich zur aufgabe gemacht

hier unterstützend und ergänzend tätig zu werden.

Der Gewinn liegt, wie oben beschrieben, auf beiden

Seiten und ist in seiner Vielfalt kaum einzugrenzen.

Wie geht es nach dem einen Jahr

der Projektförderung weiter?

leider ist das Projekt in der Förderung der landeskirche

nur auf ein Jahr angelegt. Wie kann es also

weitergehen?

Im vergangenen Jahr hat das Projekt in Zusammenarbeit

mit der Freikirchlichen Gemeinde in Nienburg,

die ein ähnliches Projekt in ihrer Gemeinde

mit einem freien mittagstisch für Kinder betreibt,

eine Spendenveranstaltung durchgeführt. Hierfür

stellte der Bürgermeister das Foyer des Rathauses

in Nienburg zur Verfügung. Die Veranstaltung stand

unter dem motto „Kirche am Zug“. In Zusammenarbeit

mit einem modellbahngeschäft und verschiedenen

anderen anbietern von modellbahnen konnte

eine vorweihnachtliche Benefizveranstaltung auf

die Beine gestellt werden, die Dank verschiedenster

Sachspenden namhafter modellbaufirmen sowie

einem Kaffee- und Kuchenverkauf einen Reinerlös

von 850 € je Projekt einbrachte. außerdem konnten

wieder Spenden von Krankenkassen und Stiftungen

für das Projekt eingeworben werden. Somit steht

einer Weiterführung des Projekts „Essen – lernen –

Freizeit“ im Schuljahr 2010/2011 nichts im Wege!

ELF im Zusammenhang von Ganztagsschule

Für das kommende Schuljahr 2011/2012 plant die

NTS Ganztagsschule zu werden und möchte die

guten Erfahrungen von Jugendarbeit und Schule

weiter ausbauen. So soll eine JuleiCa-ausbildung

an der Schule integriert werden und die Einrichtung

von Ku 4 ist ebenfalls geplant.

Durch meine Weiterbildung zum Schulseelsorger

besteht die möglichkeit, an dieser Grund- und

Hauptschule als Schulseelsorger tätig zu werden

und ein Schülerpausencafé zu errichten.

Martin Bauer

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GEGEN DEN TREND ’2011


VoN SoNNe, WIND

uND BIeNeN

Gedanken und Impulse zur Nachhaltigkeit

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Von Sonne, Wind

und Bienen

Gedanken und Impulse

zur Nachhaltigkeit

Was ist das mit der Nachhaltigkeit?

Der Begriff Nachhaltigkeit wird eigentlich in der

Forstwirtschaft verwendet: Holz soll nur soweit

geschlagen werden, dass der Wald ausreichend

Ressourcen entwickeln kann und somit den nachfolgenden

Generationen zur Verfügung steht. aber

nicht nur für den menschen, auch für alle Tiere

und Pflanzen in einem ausgewogenem Ökosystem.

mit dem sauren Regen und dem Waldsterben in

Europa entstand in den achtziger Jahren eine völlig

neue Diskussionsgrundlage in Deutschland. Durch

die Diskussion über nachhaltige Entwicklung (Bericht

der Brundtland-Kommission 1987, Erdgipfel

in Rio de Janeiro 1992) wurde dieser Begriff reaktiviert

und erweitert. So hat sich in den letzten 25

Jahren langsam etwas getan und der Begriff Nachhaltigkeit

ist heute viel umfassender zu verstehen.

unter Nachhaltigkeit verstehen wir jetzt:

• Ökonomisches Wachstum kann nur dann

dauerhaft gelingen, wenn ökologische und

soziale Rahmenbedingungen gleichzeitig

beachtet werden.

VoN SoNNe, WIND uND BIeNeN

• Nachhaltige Entwicklung zu fördern, beinhaltet

langfristiges Denken für umwelt und mensch,

nicht nur für ein Jahrzehnt, sondern für die

nächsten hundert Jahre und darüber hinaus.

Es müssen Rahmenbedingungen, wie z. B.

atomenergie, Erdölverbrauch, Klimawandel,

Wasserversorgung und die Situation der

Regenwälder sowie zahlreiche andere Faktoren

berücksichtigt und ausgewertet werden

um Nachhaltigkeit für die nachfolgenden

Generationen umzusetzen.

Darauf haben sich alle Nationen mit mehr oder

weniger großer Beteiligung und Begeisterung

eingelassen und Nachhaltigkeit auch als das

dringlichste Thema der aktuellen Menschheitsgeschichte

bewertet. Schwieriger wird es immer

dann, wenn es darum geht, wie die zu beachtenden

Rahmenbedingungen konkret aussehen. Ein

Versuch zur Definition der ökologischen Rahmenbedingungen

stellen die Nachhaltigkeitsregeln

der Enquete-Kommission des 13. Deutschen Bundestages

dar. Diese lauten:

• Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe soll

deren Regenerationsrate nicht überschreiten.

• Nicht erneuerbare Naturgüter dürfen nur in

dem maße genutzt werden wie ihre Funktionen

nicht durch andere materialien ersetzt werden

können.

• Die Freisetzung von Stoffen oder Energie

darf auf Dauer nicht größer sein als die

anpassungsfähigkeit der Öko-Systeme.

• unvertretbare Risiken für die menschliche

Gesundheit durch anthropogene (durch

menschen verursachte) Einwirkungen sind

zu vermeiden.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Von Sonne, Wind und Bienen Von Sonne, Wind und Bienen

Im folgenden möchte ich auf lange theoretische

ausführungen verzichten und stattdessen einen

anderen Weg einschlagen, der meiner meinung

nach eher „beeindrucken“ kann. Ich setze an bei

der persönlichen Erfahrung im alltag:

„Fragen und Antworten zur Nachhaltigkeit“ oder

„Du und deine Welt“

1. Wie viele liter Wasser benötigt man zur

Herstellung eines Computers?

antwort: 20.000 l

2. Wie viel Wasser verbraucht durchschnittlich

ein mensch pro Tag in Deutschland?

antwort: 135 l, davon alleine 40 l

für Körperpflege.

3. Wie viel Kg Fleisch verbraucht ein mensch

in Deutschland durchschnittlich pro Jahr?

antwort: 83 Kg

4. Wie viel Kg Fleisch verbraucht ein mensch

in einem Entwicklungsland im Jahr?

antwort: 30 Kg

5. Welche Geräte haben in einem Haushalt

den höchsten Stromverbrauch?

antwort: Kühlschrank, PC und Fön

6. Wie viel Treibstoff verbraucht ein müllwagen

am Tag?

antwort: 63 l Diesel

7. Stimmt es, dass allein ein Kernkraftwerk benötigt

wird, um in Deutschland alle geschalteten

Standby-Geräte mit Energie zu versorgen?

antwort: Die aussage stimmt, es werden hierfür

bis zu 80 % der Energie eines Kernkraftwerkes

benötigt (und das ist sehr viel!).

8. Was kostet es, 5 minuten zu duschen?

antwort: 1,08 Euro

nachhaltig

Viele Fragen und eine Menge Antworten –

oder ein schlechtes Gefühl?

Die Zukunftsaussichten auf unserem Planeten sind

bei über 6 milliarden menschen erdrückend und

machen nicht nur Sorge und große angst. Viele

menschen fühlen sich machtlos und leben nach

dem motto: „augen zu und nach mir die Sintflut!“

Hier im Heft „Gegen den Trend“ geht es darum,

dem Trend der Gleichgültigkeit (oder etwas moderater

gesagt, dem Hang zur unbeschwertheit und

Gelassenheit einer hochtechnisierten menschheit)

etwas entgegenzusetzen. Die Natur selbst bietet

eine Reihe von möglichkeiten, sich anschaulich

und praktisch den zwingenden Fragen zur Nachhaltigkeit

zu stellen. „Natura non facit saltus“

(„Die Natur macht keine Sprünge“, G. W. leibniz).

„Drei praktische Anregungen“ oder

„Von Sonne, Wind und Bienen –

Vor Ort ist alles, was du wissen musst!“

Die Sonne

unsere Sonne ist das Zentrum

für jegliche Energieumwandlung.

In ihr liegen die möglichkeiten umweltfreundlicher

und effektiver Stromerzeugung. Hierzu gibt es eine

ganze Reihe Solarversuche und Experimente, die

mit Kindern und Jugendlichen ausprobiert werden

können (z. B. Solarschiffe und -fahrzeuge zu bauen).

Solarzellen können bereits kostengünstig in

Baumärkten gekauft werden. Beim Bau von Fahrzeugen

sollte aber darauf geachtet werden, dass

z. B. Sperrmüll, alte Dosen oder Baudämmstoffe

verwendet werden.

Führend in den Experimenten für alternative Energie

ist die Niedersächsische lernwerkstatt für solare

Energiesysteme am Institut für Solarenergieforschung

in Hameln (www.inovatives Niedersachen.de).

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auf deren Internetseite sind brauchbare Bauanleitungen

und Beschreibungen. auch die Spiel-

warenindustrie hat längst die Solarenergie

als Feld für lern- und Erlebnisspiele entdeckt.

Wichtig in der Nachhaltigkeitsdiskussion ist

es, dass Kinder und Jugendliche die gemachten

Erfahrungen zu Hause in ihrer konkreten lebens-

situation einbringen und mit den Eltern

erörtern können (z. B. die anschaffung einer

Photovoltaikanlage).

Der Transport von Informationen lässt sich immer

wieder gut rückkoppeln an die zuvor genannten

„Fragen und antworten zur Nachhaltigkeit“.

Der Wind

Der Wind, eine unsichtbare aber sehr spürbare

Kraft, birgt seit Jahrzehnten die möglichkeit

alternativer Energieerzeugung. Überall in Niedersachsen

stehen unzählige Windkraftanlagen,

doch die wenigsten wissen etwas über deren

Effektivität. Windradbesichtigungen bei landwirten

oder Nachfragen beim landvolk lohnen sich

(nicht nur) für Gruppen immer, denn ein solcher

Besuch stellt neben einer thematischen auseinandersetzung

auch Öffentlichkeit her (ähnliches

gilt z. B. auch für eine Biogasanlage).

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Von Sonne, Wind und Bienen Von Sonne, Wind und Bienen

Anleitung zum Bau einer Windenmühle

um die arbeitsweise eines Windrades vereinfacht

nachzuvollziehen, kann beispielsweise aus einer

Kunststoffflasche eine Windenmühle wie folgt

gebaut werden:

1. man benötigt eine Kunststoffflasche (z. B.

0,75-l-Wasserflasche). Durch den Flaschen-

hals führt man einen 20 cm langen Spieß

(Haushaltsspieße). Hierzu bohrt man zuvor

mit kleinem Schraubensteher (oder Nagel,

den man über einem Feuerzeug erwärmt)

löcher in den Flaschenhals.

2. an einem Ende setzt man zwei Perlen auf dem

Spieß fest, diese haben nur 3 mm abstand

voneinander, ähnlich einer Seilwinde und dort

befestigt man eine dünne Schnur in einer

länge der Kunststoffflasche.

3. am anderen Ende des Spießes befestigt man

ein Windrad (im Spielwarenhandel erhältlich).

Dieses Windrad löst man vom Stiel und setzt

das Rad ebenfalls mit zwei Perlen auf dem

Spieß fest. Die Perlen verklebt man am besten

mit einer Heißklebepistole (der Spieß ist die

achse, und das Windrad muss die achse bei

Wind drehen können).

4. Dann füllt man die Kunststofflasche mit Wasser

aus. Bei gutem Wind kann dann eine kleine

last an der Schnur befestigt sein. anhand

des lastenzuges kann die Stärke und Wirkung

des Windes gesehen werden. Fotos und

anleitungen können im regionalen umwelt-

zentrum Schortens (www.ruz.de) erfragt werden.

Erfahrung in den Alltag einfließen lassen

auch hier sollten Eltern/Erwachsene einbezogen

werden, um den Transport von eigenen Erfahrungen

in den alltäglichen umgang mit Energie einfließen

zu lassen. Dieses Einfließen ist der Grundzug

jeglicher pädagogischer arbeit zum Thema Nach-

haltigkeit. Wind hören und spüren, am Strand

im Wald und auf der Flur: Dies löst tiefe und

archetypische Gefühle aus und jene Gefühle sind

es, die so wichtig für ein neues oder verändertes

Bewusstsein sind. Es sind die Grundelemente

selbst, die beständig den menschen ergreifen,

wenn er darauf stößt und sich einlassen kann.

„Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen

geschieht, sondern, was er daraus macht.“

(a. l. Huxley)

Die Biene

Seit Jahrtausenden beeindruckt die Biene mit

ihrem Fleiß und den möglichkeiten von Nektarumwandlung.

Ein kleiner Honigtropfen durchwandert

vierzig Bienenmägen.

In einem Bienenstock befinden sich ca. 10.000

Bienen und erzeugen dort um die 25 Grad Wärme.

Der Kauf von echten Bienenwachskerzen unterstützt

nicht primär den Imker, sondern fördert

einen echten umweltgerechten Gedanken.

Bienen laden ein, über die möglichkeit von umwandlung

und Effektivität nachzudenken, dies

auch sehr ruhig und umsichtig. Viele Kerzen sind

chemisch hergestellt und bestehen aus künstlichem

Wachs. Deshalb lohnt sich ein Besuch bei

einem Imker immer, nicht allein wegen des Honigs.

Die Bienen zeigen die umwandlung von Energie.

am Beispiel der Biene wird sehr deutlich, welche

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möglichkeiten die Gesetze der Natur beinhalten:

Die Gewinnung von Wachs und Honig sowie eine

eigene Wärmeerzeugung im Bienenstock. ohne

die Biene hätten wir kaum eine Vermehrung von

Pflanzen. Ein Besuch in einer Imkerei könnte

Impulse geben, sich näher mit den Eigenarten der

Naturgesetze zu beschäftigen.

Zum Abschluss!

Die drei Beispiele „Sonne, Wind, Bienen“ sollen

Impulse geben, sich dem Thema Nachhaltigkeit

zu stellen und anregungen und Ideen selbst zu

entwickeln. auch die Besichtigung einer Windkraftanlage

oder einer Biogasanlage verschafft

einen tiefen aber auch kritischen Einblick in die

aktuellen technischen möglichkeiten zur Energiegewinnung.

Nicht alles stößt auf positive

Resonanz, denn es ist immer wieder der wirtschaftliche

Zwang und das Geld, das sich den

Weg in das Gewissen des menschen bahnt, wie

der Strom aus der Steckdose, doch dort können

wir den Stecker ziehen, nicht aber in den Köpfen

der menschen. oder wie der englische Theologe

Samuel Johnson sagt: „Die Fesseln der Gewohnheit

sind zu leicht, als dass man sie spürte, bevor

sie zu fest sind, um sie noch abzuschütteln.“

auch die vorgenannten „Fragen und antworten

zur Nachhaltigkeit“ können zum Nachdenken und

effektiven Handeln anregen. Die eigene Kreativität

ist hier gefragt!

Fredo Eilts

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WeR STeueRT HIeR

eIGeNTlIcH WeN?

Wirtschaft versus Politik – und

die evangelische Jugend?

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

WeR STeueRT HIeR eIGeNTlIcH WeN?

Wer steuert hier

eigentlich wen?

Wirtschaft versus Politik –

und die Evangelische Jugend?

Die Frage ist alt, aber stets aktuell: Wer ist

eigentlich für das verantwortlich, was in unserer

Welt passiert? Wer hat was zu sagen und wie

schafft er oder sie das? Ein Interview zum thematischen

Übergang von Nachhaltigkeit zu

Zukunft und eine annäherung an die lobbyfrage…

„Wenn jeder an sich selbst denkt,

geht’s allen gut“ – Ein fiktives Interview

mit der unsichtbaren Hand

Gegen-den-Trend-Redaktion (R): Sehr geehrte…

äh… sehr geehrter…

Hand: Es heißt DIE unsichtbare Hand. Sie dürfen

mich aber auch gerne mit „Frau“ anreden!

R: Also, sehr geehrte Frau Hand...

Hand: Wenn ich es mir recht überlege ist mir

„Hand“ eigentlich doch lieber!

R: Also gut. Sehr geehrte Hand! Vielen Dank,

dass Sie heute Zeit für dieses Interview mit uns

gefunden haben. Sie müssen doch zurzeit sehr

viel zu tun haben?

Hand: Nein, eigentlich nicht, wieso?

R: Naja, in Zeiten der Finanzkrise, Wirtschaftskrise,

Klimakrise… müssten Sie doch viel zu tun haben?

Hand: Ach wissen Sie, ich bin schon so lange in

dem Geschäft, da macht sich das meiste mit

links. (Interviewer versucht vergebens, seinen

Gesprächspartner näher anzuschauen.) Und ich

bitte Sie, versuchen Sie nicht, mich mit diesen

ganzen Krisen in Verbindung zu setzten.

Damit habe ich nichts zu schaffen!

R: Nun, aber Sie stehen doch dafür, dass, wenn

jeder mit seinem Kapital den meisten Gewinn

zu erwirtschaften versucht, dies gleichzeitig das

Beste für die Gesamtgesellschaft ist. Frei

formuliert: Wenn jeder an sich selbst denkt,

geht’s allen gut. Sie wollen mir doch nicht

erzählen, dass dies mit unseren schönen

Krisen nichts zu tun hat?

Hand: Natürlich!

R: Wie bitte?

Hand: Natürlich nicht! Sie können doch eine

Theorie nicht für die Gier der Menschen verantwortlich

machen! Sehen Sie, ich bin nur aus

dem Wesen der Menschen entstanden und bilde

ihre ökonomischen Motivationen und Aktionen

ab. Sicher, die Finanz- und Wirtschaftskrise hat

mit diesen Motivationen der Menschen zu tun,

aber zusätzlich auch mit dem ökonomischen

und politischen

System, das die Menschen aufgebaut haben.

R: Und das wäre?

Hand: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat im

Wettstreit der Systeme der pluralistische

Kapitalismus gewonnen…

R: Schade, dass kein Mensch gewonnen hat!

Hand: Nun mal langsam, schauen Sie sich doch

selbst mal an! Vor 60 Jahren hätte Sie noch jeder

um Ihren Lebensstil beneidet. Lassen Sie mich

raten: Sie sind Anfang 20, studieren gerade

etwas so Sinnvolles wie westorientalische Kulturanthroposophie

kombiniert mit finno-ugrischer

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Wer steuert hier eigentlich wen? Wer steuert hier eigentlich wen?

Linguistik – dem Bachelor sei dank zwar in einer

40 Stunden Woche - dennoch wohnen Sie in einem

18-m2-Altbau-WG-Zimmer, teilen sich eine Biokiste

und zahlen natürlich keine GEZ. Dank Muttis und

Vatis Beamtenbesoldung müssen Sie auch nur

in den Semesterferien arbeiten und auch nur,

damit der nächste All-Inclusive-Urlaub in der

Türkei gesichert ist. Wo Sie sich im Übrigen auf

Englisch mit der Spanierin von nebenan bestens

verstehen, die im nächsten Jahr ein Praktikum

in Deutschland machen will. Sie tauschen Handynummern

aus – nein, besser noch, befreunden

sich gleich bei Facebook.

R: Moment, ich bin gar nicht bei Facebook…

Hand: Na, da haben Sie aber etwas verpasst.

Wo wollen Sie denn sonst Ihre Karriere

vorbereiten? Mal vorausgesetzt, Sie lassen

nicht jedes Sauffoto von sich verlinken!

R: Entschuldigung, ich weiß wirklich nicht, worauf

Sie hinauswollen! Eigentlich interviewe ich Sie!

Bitte nehmen Sie mir nicht das Gespräch aus

der Hand!

Hand: Wie könnte ich! Ich meine nur, es geht

Ihnen doch gut! Ihnen persönlich: Welche junge

Generation vor Ihnen hatte denn solche

Möglichkeiten? Und alles Dank des Kapitalismus.

Worüber beschweren Sie sich eigentlich?

R: Ich habe ja den Kapitalismus nicht gewählt.

Schauen Sie doch nur auf die Schattenseiten:

Der Kapitalismus, also Sie, ist schuld daran,

dass in Afrika Kinder verhungern!

Hand: Plakativer ging’s wohl nicht mehr? Aber

gut! Wieso meinen Sie, ich wäre für den Hunger

und das Leid auf der Welt verantwortlich?

R: Machen wir es konkret: Deutsche Firmen

exportieren Hühnerteile, die in Deutschland nicht

gegessen werden, tiefgefroren nach Kamerun.

Hand: Natürlich, und das ist doch gut so!

Die Deutschen mögen nun mal am liebsten ihr

Hühnerbrustfilet und ab und an auch noch mal

einen Schenkel: Flügel, Krallen, Kopf und

Innereien sind aber nicht so ihr Ding. Dann ist

es doch gut, wenn diese anderen Bestandteile

des Huhns…

R: Reste.

Hand: …diese anderen, restlichen Bestandteile

des Huhns noch einem guten Zweck zugeführt und

nicht vernichtet werden. Sie wären doch der Erste

der aufschreien würde, wenn diese Reste

verfeuert würden. Und betrachten Sie es doch

einmal so, dass die unterschiedlichen Konsumneigungen

dazu führen, dass in Afrika und

Asien billige Hühnerteile angeboten werden, die

in Deutschland sonst nicht gegessen würden.

Wann haben Sie denn das letzte Mal Hühner-

krallen gegessen? Sehen Sie!

R: Nur das Problem, das Sie übersehen, sind die

Auswirkungen auf den kamerunischen Markt.

Seit Jahrhunderten werden in Kamerun lebendige

Hühner auf den Marktplätzen verkauft, die von

den Käufern gänzlich verwertet werden. Und die

Hühnerzüchter verdienen sich durch Zucht und

Verkauf ihren Lebensunterhalt. Durch die Dumping-Hüherreste

wird das ganze Kaufverhalten

umgewandelt, da Preis und Komfort die ganzen

Hühner unattraktiv erscheinen lässt. Obwohl,

nebenbei bemerkt, mir ein frisches, lebendiges

Huhn in Kamerun deutlich lieber wäre, als die

halb aufgetauten Hühnerflügel, auch wenn sie

noch so billig sind. Haben Sie schon mal einen

Gefrierschrank auf einem kamerunischen

Dorfmarkt gesehen? Nein, ich auch nicht!

Hand: Nun aber halblang. Das ist ja sicher traurig

um die Hühnerbauern, aber nicht unsere Schuld.

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Ökonomisch ausgedrückt haben halt die

Deutschen einen komparativen Vorteil in der

Hühnerproduktion. Dafür können die Kameruner

vielleicht etwas anderes billiger produzieren,

ich weiß nicht, vielleicht Rastahüte. Und wenn

sie in stabilere Kühlketten investierten, wäre auch

die Hygienefrage gelöst und langfristig würde

es sich für uns alle lohnen: billige Hühnchen für

Kamerun aus Deutschland und halt etwas

anderes aus Kamerun, das nach Deutschland

exportiert wird.

R: Das meinen Sie ernst, nicht wahr? Nur weil

es insgesamt vielleicht billiger ist, Hühner in

Massenproduktion in Meck-Pomm herzustellen,

sie durch die halbe Welt zu schicken – Kühlschiffen

sei Dank – muss es auch so gemacht werden?

Die Auswirkungen auf die Tiere, die Umwelt und

die lokale Esskultur spielt in Ihrer globalen

Kostenminimierung keinerlei Rolle?

Hand: Na mal halblang! Wer ist denn daran

Schuld, dass die Hühnerreste auch noch im Ausland

zu Geld gemacht werden müssen? Sie,

der erstens keine Hühnerkrallen isst, zweitens

jeden Tag in der Woche Fleisch essen will und

drittens kaum etwas dafür bezahlen will. Meinen

Sie, wir könnten die ganze Welt auf dem

deutschen Lebensstandard mit Bioprodukten

ernähren? In Wirklichkeit können wir nicht mal

mit konventionellen Methoden die gesamte

Menschheit auf den deutschen Lebensstandard

hieven.

R: Aber was kann ich denn schon tun?

Hand: Nur weil Sie sich dieses System nicht

bewusst ausgesucht haben leben Sie trotzdem

mit und in dem System. Aber Sie haben Glück

neben dem wirtschaftlichen System des Kapitalismus

haben Sie ja auch das politische System

der Demokratie.

R: Genau, da oben sollte mal jemand etwas gegen

Sie und diesen Kapitalismus unternehmen.

Hand: Das ist gut! Schieben Sie die Verantwortung

immer schön auf andere. Dann bin ich beruhigt,

dass es mir so schnell nicht an den Kragen gehen

wird. Meinen Sie ernsthaft, Ihre Regierung

kommt auf die Idee, Ihnen das Hühnerbrustessen

zu verbieten?

R: Na, nicht so lange, wie die da oben von den

Lobbyisten der Hühnerindustrie gelenkt werden

oder am besten gleich die Hühnerbosse zu

MinisterInnen machen. Ne, auch dieses politische

System ist doch kaputt. Jeder versucht nur das

Beste für sich rauszuholen. Ekelig finde ich dieses

Einflussnehmen, Interessen lenken, schwieriges,

ekliges Arschkriechen!

Hand: Und was machen Sie?

Und was machen wir? – Eine persönliche

Betrachtung von Lobbyismus

Ist es so? Sind beide Systeme kaputt oder

„besser noch“ sogar korrupt? Nimmt die

Wirtschaft illegitim Einfluss auf die Politik?

Zwei Platten laufen häufig: Wir hätten ja gar nichts

zusagen. Die da oben machen ja sowieso was sie

wollen. Wer sind die obigen, von denen immer so

abfällig gesprochen wird? meist redet man so über

PolitikerInnen, meist abgeordnete. Sie hätten sich

von ihrem Volk entfernt, würden weder die Sorgen

eines normalen menschen noch den Preis einer

Tafel Schokolade kennen. Kurzum – total abgehoben

treffen sie Entscheidungen in Berlin und

Brüssel jenseits jedes Realitätsbezugs.

Die andere Platte zeichnet ein anderes Schreckensgespenst.

Das ministerium XY beschäftige

massenhaft „Experten“ aus der Wirtschaft, in

Berlin gäbe es mehr lobbyisten als menschen, im

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Gesetzesentwurf könne man klar die Handschrift

des großen Pharmakonzerns aB erkennen. und

ganz plötzlich sind die Politikschaffenden gar nicht

mehr die so Bösen. Den Parlamentariern wird

dann immer ganz schnell die Handlungshoheit entzogen

gesehen. Sie seien nur Instrumente im Spiel

der großen Wirtschaftsunternehmen, würden ja

sowieso nur machen, was das Geld will.

Das hört sich jetzt ziemlich kompliziert an? Ist

es auch! Ist es auch, wenn man sich von dem

populären bis populistischen Niveau entfernt und

mit Verstand auf die Tatsachen schaut. Kurz

zur Politik: Nach Rechtslage ist klar, dass das

Parlament die Gesetze verabschiedet, damit

macht es aber nicht automatisch die Politik! Die

weit überwiegende mehrheit der verabschiedeten

Gesetze wird nämlich von der Regierung in den

Bundestag eingebracht und entstammt nicht „der

mitte des Bundestages“. So sehen wir schon im

Zusammenspiel von Parlament und Regierung,

dass die Praxis häufig anders aussieht als die

geschriebene Theorie.

Wie sieht es nun mit lobbyismus aus? Nun, man

könnte sagen, die Sache ist anders, da lobbyismus

nicht in den Verfassungstexten vorgesehen

ist. Es stimmt, die legitimation der Regierung ist

höher als die von lobbyisten. aber mit Verstand

betrachtet: Kann eine Gesellschaft ohne lobbyismus

funktionieren?

aber erst einmal noch einen Schritt zurück: Was

ist eigentlich lobbyismus? man stellt sich leicht

einen dicken mann mit Hut und Zigarre vor oder

einen geschniegelten managertypen im anzug.

automatisch denken wir nämlich an Wirtschaftslobbyisten.

man kann lobbyismus aber auch auf

einer anderen Ebene erkennen und erklären,

nämlich der individuellen. Will das Kind am Samstag

länger aufbleiben, spricht es mitunter schon in

der Woche die Eltern darauf an und bringt gute

argumente: man sei ja auch schon groß, der Film,

§ arbeit

Wer steuert hier eigentlich wen? Wer steuert hier eigentlich wen?

den man sehen will, hätte ja auch was mit Kultur

und Bildung zu tun usw. und vielleicht stellt man

sich mit seinem Verhalten auch auf die Eltern ein,

um sie sich in guter laune zu halten. ohne die

Übertragung weiter zu strapazieren: lobbyismus

ist Interessenvertretung. Ich habe ein Interesse,

ein Ziel, eine meinung und ich habe einen Gegenüber,

der eine gewisse macht hat, die in meinem

Interesse gewinnbringend eingesetzt werden

kann. Daher versuche ich ihn zu beeinflussen.

Das ist lobbyarbeit.

Zurück zur großen Politik und den Wirtschafslobbyisten:

Die Wirtschaft hat unzweifelhaft mächtig

Interessen und die Politik mächtig macht. und die

Wirtschaft hat auch noch mächtig Geld um sich

professionelle Interessenvertretung zu leisten, um

nicht zu sagen einzukaufen. Keine Frage, dass die

Wirtschaft hier eine besondere Stellung einnimmt,

aber auch alle anderen gesellschaftlichen Gruppen

und akteure betreiben lobbyismus. manche professioneller

als andere, manche merken es nicht

mal oder würden es weit von sich weisen. aber

es ist auch gut und richtig, dass alle lobbyismus

betreiben. Warum? Weil in einer pluralistischen

Demokratie möglichst viele meinungen (Interessen)

in die politische Willensbildung einfließen

sollen und müssen. Nebenbei bemerkt ist politische

Willensbildung nämlich ein kontinuierlicher

Prozess, der nicht bei Wahlen aufhört. man darf

auch eines nicht übersehen:

Durch den lobbyismus wird Fachwissen und Kompetenz

in den politischen Prozess eingespeist.

Halten wir politische Bürokratie häufig für so riesig

und manchmal auch aufgeblasen, verpassen wir

doch kaum eine Gelegenheit darzulegen, dass von

unseren Spezialgebiet ja nun keine ahnung habe.

lobby

136_HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT

Hier nähern wir uns schon unserer Rolle, also der

der Evangelischen Jugend. Wir sollten nämlich

wieder einmal nicht nur an die große Wirtschaft

denken, ein Generika-Zulassungbeschränkungsbefreiungs-Gesetz

zum Beispiel.

Wie empört sind wir, wenn landtags- oder Bundestagsabgeordnete

jugendliche Computerspieler

pauschal zum potentiellen Gewalttäter abstempeln

oder die ministerialbürokratie mit Verwaltungsverordnungen

komplett an den Realitäten

von Jugendgruppen und -verbänden vorbeizielt.

Wir sind nämlich gar nicht so anders als der Wirtschaftslobbyist

mit Hut und Zigarre: als FunktionsträgerInnen

der Jugendverbände besitzen wir

Spezialwissen von den lebenswirklichkeiten von

Kindern und Jugendlichen. Wir sind erfahrene

ErmöglicherInnen und DurchführerInnen von

Jugendarbeit und wissen, was Jugendliche wollen,

was sie können und wo Politik an ihnen vorbei gemacht

wird. Kurz gesagt, wir kennen die Interessen,

Ziele und meinungen von Jugendlichen auf der

mikro- und der makroebene – oder denken sie

zumindest zu kennen.

Wenn wir als VerbandlerInnen dann sagen, wir

setzen uns für die Jugend ein, heißt das genau,

dass wir lobbyismus für Kinder und Jugendliche

machen wollen, ihre Interessen und meinungen

in den politische Prozesse einbringen wollen und

versuchen, ihr Ziel der Verwirklichung näher zu

bringen. und genau für diesen Zweck gibt es ja

gerade Zusammenschlüsse von Gruppen und

organisationen, die mit und für Jugendliche

arbeiten. Wir nennen sie heute Jugendverbände.

unbenommen entwickeln solche organisationen

auch ihr Eigenleben: Interessen, die der Jugendliche

von nebenan gar nicht als seine bezeichnen

würde. Im Zentrum der aktivität steht aber eine

Statthalter-, eine Vertretungsfunktion für Jugendliche

und Jugendarbeit in der Gesellschaft: Weil

Jugendliche eben nicht alle möglichkeiten von

Erwachsenen haben – Geld, Zugang, Erfahrung

usw. Dafür veranstalten wir Feierabendgespräche,

telefonieren mit PolitikerInnnen und Beamten und

auch dafür tragen wir das Kugelkreuz auf dem

T-Shirt oder am Revers.

Was lobbyarbeit für Jugend aber ausmacht, sind

zwei Dinge. Erstens machen wir keine lobbyarbeit

für eine enge Gruppe mit ausgeprägten Eigeninteressen.

Natürlich wollen wir für unsere Gruppe

(Jugend) gute Entscheidungen herbeiführen, aber

nicht dem individualistischen, deutlich abgrenzbaren

Nutzen wegen. Zweitens - und für mich fast

wichtiger - ist die Jugend nie nur objekt, sondern

auch handelndes Subjekt der lobbyarbeit. man

kann Jugendinteressenvertretung auch mit 60

noch erfolgreich machen, original ist es dann aber

nicht und gut nur, wenn man trotz seiner großen

Erfahrung und Kompetenz Jugendliche als Subjekte

einbindet. Hier ist auch die große Chance

von der Jugendlobby: Sie ist jung, lebendig, nicht

immer konform und zielt nicht auf enge Einzelinteressen

ab - man stelle sich das einmal bei der

Tabaklobby vor.

und so schließt sich ein Kreis. Erst waren wir auf

einmal gar nicht so unterschiedlich wie die Wirtschaftslobbyisten

und am Ende sind wir plötzlich

doch ganz anders – oder auch nicht?

Florian Hübner

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GEGEN DEN TREND ’2011


INTeRNeT

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Internet

Die 90er Jahre

1998: larry Page und Sergei Brin gründen Google

als ich meinen ersten Internetanschluss bekam,

versuchten die Radiosender gerade, ihre Programme

mit Hinweisen auf die begleitenden Internetseiten

zu verbinden: „mehr Informationen finden Sie

unter www. …” Die Betonung lag auf dem www.

und dem abschließenden de. Das war 1998 und

mein erster anschluss war langsam und wenig

vernetzt, mit einem 56K-modem und einer

kostenlosen GmX-E-mail-adresse. Irgendwann

fiel mir eine großflächige Infografik in die Finger,

ein Fahrplan durchs World Wide Web. mit diesem

Posterfahrplan konnte ich endlich alles besuchen,

von dessen Existenz ich bislang nur gehört hatte.

Denn so richtig gefunden hatte ich bis zu diesem

Zeitpunkt noch nicht viel. In der Folge habe ich

dann immer mehr festgestellt, dass die Grenzen

des Internets die Ränder des Plakates bereits

bei Weitem übertrafen. Schon damals färbte sich

meine Erkenntnis mit dem Gefühl, etwas verpasst

zu haben. Ein Freund empfahl mir wenige Zeit

später die neue Suchmaschine Google und meinte,

diese absurd einfache weiße Seite mit einer einzigen

Eingabezeile „wird richtig gut werden…”.

So oder anders gibt es wohl zahlreiche persönliche

Einstiegsgeschichten der living Digitals

(Digital Beginners) in das weltweite Datennetz,

dessen technologischer ursprung (elektronisches

Datennetz) in die 60er Jahre zurückreicht. aber

erst Tim Berners-lee, der autor des ersten Hypertextprogramms

und Begründer des Netzes der

www.

INTeRNeT

.com

Netze schaffte 1990 die technische Voraussetzung

für das World Wide Web. Zahlreiche akteur-inn-e-n

versuchten sich nachfolgend an der Programmierung

von Computerprogrammen zum Betrachten von

Webseiten. mitte der 90er Jahre gelang der Firma

Netscape eine fast 90%-abdeckung mit ihrem

gleichnamigen Browser. Die Jahre 1995 und -96

bezeichnen auch die Geburtsstunde zahlreicher

bunter Webseiten; Web-Designer-innen machten

die Informationen mit Frames, Tabellenlayouts,

mulitimediainhalten und Farbhintergründe zu

bunten, blinkenden Homepages. 1997 gelang es

microsoft, bis dahin noch mit der Entwicklung von

Betriebssystemen wie mS DoS und mS Windows

beschäftigt, ihren Browser Internetexplorer 4.0 auf

den markt und zu Bedeutung zu bringen. Durch

die Verknüpfung mit dem eigenen Betriebssystem

gelang microsoft die großflächige Verbreitung

ihrer Browsertechnologie. Die Firma apple, die

noch 1985 den meistverkauften Personal Computer

vertrieb, durchlitt die 90er krisengeschüttelt, bis

1996 die Übernahme der Steve Jobs-Firma neXT

den Grundstein für die weiteren Generationen von

apple-Betriebssystemen und apple-Rechnern zu

legen begann. Bis heute beziehen sich die meisten

merkmale und Prinzipien grafischer Benutzeroberflächen

(WYSIWYG – what you see is what you get)

auf apple-Entwicklungen.

1995: Zwischen BTX und T-online

Die Debatte um die neuen medien (Fluch oder

Segen?) hatte im landesjugendring bereits 1984

begonnen und in manchen Tagungen und aktivitäten

der Jugendverbände ihren Niederschlag

gefunden. Den Start in die online-Welt vollzog die

niedersächsische Jugendarbeit dann 1997 mit dem

Kommunikationskonzept PRokom des lJR. Begleitend

zu einer umfrage innerhalb der mitgliedsverbände

im landesjugendring Niedersachsen e.V.

initiierte dieser das sogenannte „ljr-dorf”, ein mailbox-System,

basierend auf modem bzw. ISDN-Card

mit dem Ziel, die Vernetzung der Verbände untereinander

und der arbeitsgemeinschaft zu fördern.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Internet Internet

Bis dahin waren

lediglich die Supportleistungen

sozial, die Inhalte

im Netz präsentierten

sich statisch

und verfolgten

vorwiegend den

Informations- und

Präsentationsgedanken.

mit dem 1999 veröffentlichten Cluetrain-

manifest „märkte sind Gespräche” wurden erst-

mals 95 Thesen für die digitale (unternehmens-)

Kultur formuliert, die noch heute aussagekräftig

den Weg unserer digitalen Kommunikation bereiten.

Demnach prägen vor allem die Beziehungen der

menschen untereinander das digitale Kommunikationskonzept.

Was damals im statischen

Web 1.0 technisch kaum möglich war, hat im

sogenannten Web 2.0 ganz andere Formen von

Interaktion und Beteiligung angenommen.

Heute: Kulturraum Internet

Das Internet ist heute nicht mehr aus unserer

lebenswelt wegzudenken. Es gibt keinen on/off-

Schalter, sondern der digitale Informationsraum

dockt an unseren alltäglichen und gesellschaftlichen

lebensraum an, verlängert ihn und ergänzt

unseren Kulturraum. unzählige lebensströme

erfahren digitale Erweiterungen, das Netz optimiert

das berufliche Standing, vernetzt private Kontakte

und ist dabei zunehmend altersegal und querschnittlich

verankert.

mit den Funktionen des Web 2.0 verändert sich

die konsumierende Haltung in eine produzierende

Teilhabe am Netz. Dies funktioniert insbesondere

durch die Gewährleistung folgender Voraussetzungen:

die Transparenz der Strukturen, den

Gestaltungsraum der Plattformen und die Qualität

der kollektiven Bewertung. „95 % würden DaS

ihren Freund-inn-en empfehlen”; dieses Denken

setzt auf persönlich verifizierte Empfehlungslinks

und bedeutet eine anforderung an zukünftige

Such- und Werbungsmechanismen. „Tue Gutes

und rede darüber” wird mit Friendcasting zu

einem Werkzeug im digitalen lebensraum.

mit der Technik des Internets entstehen möglichkeitsräume,

deren Zustandekommen von der

aktivität ihrer Nutzerinnen und Nutzer abhängt.

menschen gestalten mit ihren Inhalten das

medienangebot im Web 2.0; dessen anwendungsumgebungen

werden daher grundsätzlich sozial.

2009 fiel mir das Frank-Schirrmacher-Buch „Payback”

in die Hände, ich erkannte schnell den dort

beschriebenen Zustand der Informationsüberflutung,

das Gefühl, mein Gehirn krakenhaft in

leere Enden kriechen zu lassen, kam mir vertraut

vor. Über monate schien ich vergesslich und mühte

mich, abschweifende Konzentration zu kompensieren…

bis ich lernte, die Informationen zu unterscheiden

und sie gegenseitig zu überprüfen…

Heute erkenne ich die wichtigen Informationen

schon von Weitem an ihren Codes oder ich mache

die Informationen für mich wichtig.

Gerade für Heranwachsende bietet das Internet

Basisfunktionen zur Kommunikation, organisation,

unterhaltung, Beteiligung und Beschaffung von

Informationen. Nach der JIm-Studie 2009 nutzen

98 % der 12-19-Jährigen das Internet mehrmals

täglich, über 50 % davon in sozialen Netzwerken.

Dabei platzieren 80 % Informationen über ihre

Hobbys und Dinge die sie mögen oder nicht mögen,

knapp 70 % zeigen eigene Fotos und Filme, 50 %

präsentieren Fotos und Filme von Freund-inn-en

und Familie. Über 95 % der befragten Jugendlichen

haben ein eigenes Handy, die Studie spricht hier

von Vollversorgung. ob die Verabredung nach der

Schule über Schüler-VZ oder aIm stattfindet – auf

jeden Fall stehen soziale Netzwerke und digitale Kanäle

für „die neuen Pausenräume und Schulhöfe”,

auf denen die Kommunikation und der Kontakt im

jugendlichen lebensraum stattfinden.

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Jugendarbeit im Netz

Im 21. Jahrhundert ist mit weltweit über 1,5 milliarden

Internet-Nutzerinnen und -Nutzern jeder fünfte

mensch online. Bildung, Status, alter und Region

entscheiden nach wie vor über die Teilhabe und

sind Kriterien der Digital Divide. Für die Industrienationen

sind sozialer Status, Bildung und alter

allerdings verblassende aspekte der digitalen

Teilung; das Netz entwickelt sich zunehmend zu

einem medium der massen. Hardware ist kaum

noch ein ausstattungskriterium, Software

verlagert sich zentral ins Netz. Das Web 2.0 stellt

unzählige Produktionswerkzeuge zur Verfügung,

die direkt abrufbar sind. Die digitalen Endgeräte

verändern sich rasant, werden handlicher, bedienungsfreundlicher

und vor allem mobil, sie ergänzen

unseren alltag, reisen mit zu Veranstaltungen und

begleiten Gruppenstunden.

Dabei ist der Boom der sozialen medien durch ihren

gemeinsamen Gebrauch zustande gekommen.

Web 2.0-umgebungen brauchen menschen, die

sie nutzen. Jugendliche nutzen die digitale Infra-

struktur vor allem, um sich innerhalb ihrer Peergroup

auszutauschen. Dabei fördert die multidirektionalität

des Internets weitere Netzwerkeffekte:

mit der Freundschaftsbestätigung auf einem

Facebookprofil ist man Teil des Freundesnetzwerkes

von anderen. Die erweiterte anzahl von

Kontakten bedeutet auch eine größere anteilnahme

und Feedback untereinander. In dieser neuen

Öffentlichkeit findet organisierte Jugendarbeit

bislang kaum Platz. Dabei bieten sich ihr per se

unzählige Chancen: Denn Jugendarbeit ist von

ihrem Wesen und per Definition dem Netz verwandt.

Die Basis der Jugendarbeit ist dezentral organisiert,

knotenartig vernetzt, basiert auf Partizipation und

Netzwerkstrukturen, mitbestimmung und Teilhabe.

Basisdemokratische Strukturen entscheiden

über Inhalte und Werte innerhalb der Gruppen.

Jugendarbeit im Netz setzt genau auf diese Kernkompetenzen

und fördert ihre Potenz im Netz.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Internet Internet

Grass-Root-Aktionen – wie kann Jugendarbeit

erfolgreich im Netz handeln?

Jugendliche benutzen das Netz als Verlängerung

ihrer Körperlichkeit. Sie entdecken neue Kom-

munikationstools, sind teilweise exzessive Nutzer-

innen und bewegen sich vorwiegend in Peer-to-

Peer-Netzen. Die sogenannten Digital Natives

verknüpfen die digitale Ebene mit ihrem Erreichbarkeitsstatus

- ich bin on, also da, und off,

beschäftigt mit anderem.

Drei Ideen zur Förderung von Potenzialen

Die Jugendarbeit in Niedersachsen stellt vielfältige

umgebungen bereit, in denen ein austausch

unterschiedlicher Funktionsträger stattfinden kann.

Verbandsübergreifend steht in Niedersachsen zum

Beispiel die mitmach-Plattform www.jugendserver-

niedersachsen.de für digitale Information und

austausch als Wissensarchiv und unterstützungspool

für multiplikator-inn-en der Jugendarbeit zur

Verfügung. Jugendleiter-innen finden im Netzwerk

myjuleica.de eine themenorientierte, nichtkommerzielle

Community-Ebene mit allen gewohnten

Social-media-Funktionen, die die ansprache

und organisation ihrer Jugendgruppen digital

visualisiert. Jugendarbeit aktiviert damit Ideenträger,

die Informationen in ihre eigenen Peer-to-

Peer-Netzwerke tragen.

Jugendarbeit transferiert geeignete Codes bzw.

Symbolik und bietet sich damit erkennbar als

ansprechpartner an bzw. vernetzt über ihre Träger

weitere angebote im Netz. So kann z. B. das

maskottchen die hauptamtlichen pädagogischen

ansprechpartner-innen visualisieren, ein Patch

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auf dem eigenen Community-Profilbild weist auf

weitere jugendpolitische aktivitäten hin.

Es ist wichtig, Räume zu gestalten und Ideenträger

zu finden, Informationen abzugeben und sie zu

dezentralisieren. Der digitale Kommunikationsraum

ist kein PR-Raum, sondern ist Seismograph der

Bewegungen an der Basis. Jugendarbeit diskutiert

mit, es gilt, angebote dort zu machen, wo sich

Jugendliche im Netz austauschen. Der Erfolg bildet

sich durch die erzielte Resonanz im Netz ab.

Jugendarbeit kann viral werden, wenn ihre angebote

innerhalb der Peer-to-Peergruppe anschlussfähig

sind, d. h., sie müssen von Jugendlichen

adaptierbar sein, veränderbar sein und damit

abzugeben sein.

Jugendarbeit im Netz schafft möglichkeitsräume

Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich

mit dem Internet und seinen anwendungsumgebungen

auf. Zeitgleich werfen die digitalen

Erfahrungsräume Fragen zur Neubewertung

gesellschaftlicher Vereinbarungen auf. Das Internet

ist kein rechtsfreier Raum, die spezifische

Technik setzt jedoch analoge modalitäten

vor einen neuen Bewertungshintergrund. Die

möglichkeit der Vervielfältigung von Daten

(Kopie), der Verknüpfung von Daten (mashup)

und der Neugestaltung von Daten (Remix)…

bestimmen die Diskussion um urheberrecht,

Privatheit und Datenschutz.

Jugendliche müssen an dieser Diskussion beteiligt

sein. Jugendarbeit bietet eine jugendgerechte

aneignung der relevanten Themen auf Grundlage

von medienkompetenzerwerb. Die Vermittlung von

medienkompetenz muss dabei zwangläufig an der

lebenswelt Jugendlicher andocken, jugendweltbezogene

Handlungsszenarien qualifizieren und

Jugendliche zur auseinandersetzung in der gesellschaftlichen

Diskussion befähigen.

Jugendarbeit ist eine wichtige Sozialisationsinstanz

und trägt zu Entwicklung von Wert- und

Sozialkompetenzen bei. Es gilt, den digitalen

lebensraum in das Erlernen von Social-Skills mit

einzubeziehen, modelle zur Vermittlung zu konzipieren

und verantwortungsbewusstes Handeln

in unserem lebensraum zu initiieren. Virtualität

meint nicht den Gegensatz von Realität, sondern

entbehrt nur ihre physische Form. Die Eigenschaft

einer Sache bleibt im Wesen und in ihrer emotionalen

Wirkung gleich.

Jugendleiter-innen können medienkompetentes

Verhalten in jugendlichen lebenswelten oft besser

vermitteln als viele lehrer-innen und Eltern. Die

Jugendverbände spielen deshalb eine herausragende

Rolle bei der medialen Sozialisation von

Kindern und Jugendlichen. Denn medienkompetenz

ist soziale Kompetenz.

Jugendarbeit verlängert ihre flachen organisationsstrukturen

im Netz und nutzt die Netzstruktur

zur Beteiligung und zur Verbreitung. Dabei qualifiziert

sie ebenso das Wissen an den Rändern

und bezieht akteur-inn-e-n mit ein. Gerade in

der projektorientierten Jugendarbeit dient das

online-Netzwerk dem austausch, der Wissensarchivierung

und der Beziehungspflege; mit den Erkenntnissen

von schwachen Bindungen erweitert

sie so ihren aktionsradius.

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GEGEN DEN TREND ’2011


GEGEN DEN TREND ’2011

Internet Internet

Jugendarbeit im Netz qualifiziert medienpädagogisch

(möglichkeiten zur praktischen umsetzung)

mit neXTmedia - medienkompetenz in der Jugend-

arbeit – ist es dem landesjugendring Niedersachsen

und der Niedersächsischen landesmedienanstalt

gelungen, ein lebensweltorientiertes angebot

zum medienkompetenzerwerb in der Jugendarbeit

zu etablieren. Qualifiziere dich vor anderen –

unter diesem motto sind alle angebote kostenfrei

und von anerkannten Trägern der Jugendarbeit

buchbar. Die Kooperation bietet 4 Bausteine, die

im Folgenden kurz skizziert werden. aktuelle

Informationen zu Workshops und Buchungsanfragen

können online unter neXTmedia.ljr.de abgerufen

bzw. gestellt werden.

Der Baustein [media-juleica] bietet medienpraktische

Workshops in der Juleica-ausbildung.

Gemeinsam mit einem/einer Teamer-in der multimediamobile

werden Themen in der Jugendleiterinnen-ausbildung

lebensweltbezogen medial

aufbereitet. So kann aus „meiner Rolle als Jugendleiter-in”

ein Videoclip werden, „Rechte & Pflichten

auf Freizeiten” können auf einer Wikiseite

dokumentiert werden. Die angehenden Jugendleiterinnen

lernen neben dem kompetenten medienpraktischen

umgang auch, die möglichkeitsräume

zu begreifen und für sich einsetzbar zu machen.

Der Baustein [media-projekt] bietet einerseits

medienpraktisches Knowhow für Projekte in der

Jugendarbeit, z.B. Video-Dokumentation eines

lajuCamps, Podacasting mit Zeitzeugen auf dem

IWC Bergen-Belsen und andererseits medienpädagogisches

Knowhow für multiplikator-inn-en, z. B.

über den Einsatz von Handys in der Jugendarbeit,

Computerspiele, Web 2.0-angeboten.

Im Baustein [media-scout] können sich haupt- und

ehrenamtlich Engagierte in 3 Tagen zum zertifizierten

mediascout qualifizieren lassen - die Themen

müssen aktuell erfragt werden!

als Web-2.0-typische arbeitsumgebung bietet

neXTmedia das Netzwerk myjuleica.de. Die

medienpädagogische Community ist speziell auf

die Bedürfnisse von Jugendgruppen und Jugendleiter-inne-n

zugeschnitten. Niedersächsische

Jugendleiter-innen nutzen die Community für die

Öffentlichkeitsarbeit, die Vernetzung und Verwaltung

ihrer Gruppen (online-Vereinsbüro) und

bekommen z. B. in der Spieledatenbank und im

Juleica-Wiki viele Ideen und Tipps für das ehrenamtliche

Engagement.

Das neXTmedia-

Konzept ist

vorab mit

Jugendverbänden exemplarisch erprobt und steht

für medienpädagogik auf gleicher augenhöhe!

Jugendarbeit im Netz verändert Zukunft

Das Internet steigert das Selbstbewusstsein der

Gesellschaft, gewährleistet unverzichtbare und

zukunftsgerechte Basiskompetenzen für ihre

Entwicklung und ist zwingende Voraussetzung für

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unsere wirtschaftliche Überlebensfähigkeit. Das

heißt: Wer heute nicht online ist, ist morgen

abgehängt – und das im mehrfachen Wortsinn.

Die neue Qualität von Bildung, nämlich vernetzt

und nonlinear zu agieren, die mit einer kompetenten

mediennutzung einhergeht, verändert langfristig

auch die Potenziale jedes einzelnen Individuums

und seiner Gemeinschaft. Wir stehen jetzt an

einem Punkt, an dem Regeln und Perspektiven

dieses erweiterten Kulturraums ausgehandelt

werden.

Das Vorrücken sozialer aspekte in unseren

digitalen lebensraum beschleunigt auch dessen

technologische Entwicklung. Im Gegenüber

sozialer Bedürfnislagen nach Kommunikation,

Interaktion und Beziehung wird die Technik

dazwischen zwangsläufig einfacher, intuitiver und

flexibler. Das, was wir heute denken, realisieren

wir morgen.

In der gesellschaftlichen Betrachtung findet die

Generation No-Future aus den 80er Jahren ihre

Sprache wieder, gesellschaftliche Prozesse

werden öffentlich, damit verhandelbar und bilden

neue Handlungsebenen. Die digitale Ebene

reduziert Distanzen und rückt Dinge näher zusammen,

lokale Problemlagen finden im Kontext

globaler Prozesse erweiterte lösungsszenarien.

um fernzusehen, musste ich nicht die Geschichte

des mediums erlernen, sondern das Gleichgewicht

zwischen dem, was mich als mensch zufrieden

machte innerhalb der Werte unserer Gesellschaft.

Die online-Erweiterungen unserer lebenswelt

fordern ebensolches aushandeln, individuell und

auf breiter Basis.

Das Netz ist in unserem alltag angekommen.

Es geht nicht mehr darum, ob man die Technik

nutzen will, sondern darum, Kernkompetenzen

der Jugendarbeit in den Netzen wirksam werden

zu lassen.

Links & Lesenswertes

• http://www.cluetrain.de

• http://www.mpfs.de, die JIm-Studie des

medienpädagogischen Forschungsverbundes

Südwest untersucht jährlich den umgang

von Jugendlichen (12- bis 19-Jährigen)

im medienkontext.

• http://www.initiatived21.de, Studien

und Befragungen zum online-Verhalten

in Deutschland.

• http://www.jugendserver-niedersachsen.de

• http://neXTmedia.ljr.de

• http://www.ljr.de

• http://www.nlm.de

Literatur:

• Stefan münker, Emergenz digitaler

Öffentlichkeiten. Die Sozialen medien

im Web 2.0, Suhrkamp 2009

• Daniel Poli, Digitale Jugendbildung am

Beispiel der Kampagne Watch Your Web, IJaB,

http://www.jugendhilfeportal.de/wai1/show-

content.asp?ThemaID=6159

• Rainer Stadler, Daumen hoch!,

Süddeutsche Zeitung, magazin, 29.08.2000,

http://www.scribd.com/doc/9138682/

-Daumen-Hoch-loesung

Fotos: mark mühlhaus, attenzione-foto.com

Sonja Reichmann

HIER uND JETZT – WaS KommT DaNN? SoZIalE GERECHTIGKEIT • NaCHHalTIGKEIT • ZuKuNFT_145

GEGEN DEN TREND ’2011


WAS koMMT

NAcH DeR zukuNFT?

Soziale Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit

Zukunft

Was kommt

nach der Zukunft?

Die Geschichte von Paul K.

am 13. Juli 2010 ernannte die spanische Gemeinde

Carballiño einen Ehrenbürger der besonderen art.

In den Wochen der Fußballweltmeisterschaft hatte

er sich mit seinen besonderen Fähigkeiten bis weit

in den Strafraum des öffentlichen Interesses gespielt.

Während in Kapstadt, Johannesburg und anderswo

die ausgelobten Kicker-Sterne messiweise

verglühten, ging in der Tiefe des oberhausener

Raumes ein Stern auf, der die massen bewegte wie

kaum ein zweiter. Seine leistung bestand darin,

den ausgang wichtiger Spielbegegnungen korrekt

vorherzusagen.

miginfo / www.pixelio.de

WAS koMMT NAcH DeR zukuNFT?

Das brachte ihm neben Scharen von Bewunderern

auch jede menge Gegner ein. Die machten ihn

nämlich für den jeweiligen Spielausgang persönlich

verantwortlich, wie übrigens die Sieger auch.

Wer in die Zukunft sehen konnte, so meinten

beide Parteien, war auch imstande, sie direkt zu

beeinflussen. Der einzige unterschied bestand

darin, dass die eine Hälfte mit dem Resultat sehr

einverstanden war. Bekanntlich wurde Spanien

Weltmeister. und so beschloss der Gemeinderat

von Carballiño, die liste seiner Ehrenbürger um

einen Tintenfisch zu erweitern: Krake Paul, das

Tentakel-orakel aus einem Ruhrpottaquarium, das

im Finale wieder einmal richtig getippt hatte. man

kann sich über das aufkommen alter magischer

ansichten in unserer Gesellschaft mit allem Recht

lustig machen und den Kopf darüber schütteln.

auf einer tieferen Ebene aber muss einen der ganze

Hype um einen wahrsagenden oktopus zu der

Frage bringen, was im 21. Jahrhundert eigentlich

aus der Vernunft geworden ist. Sie scheint schon

bessere Tage erlebt zu haben.

Trotzdem lässt sich in diesem Irrsinn Erhellendes

beobachten: Die unterschiedlichen Reaktionen der

Fans enthüllen ein zwiespältiges Verhältnis zur Zukunft,

das nicht neu ist. man möchte wissen, was

auf einen zukommt – allerdings nur dann, wenn es

auch den eigenen Wünschen entspricht. Bereits

die frühen orakel der antike rechneten mit dieser

menschlichen Grundhaltung und formulierten ihre

Vorhersagen daher bewusst doppeldeutig. Dahinter

stand immer das Wissen, dass der Versuch,

das Künftige zu entschleiern, sich am Rande einer

Grenzverletzung bewegte. Deshalb ging der Weissagung

ein langwieriges Ritual voraus, das zuerst

das Einverständnis der Götter erkundete und ausschließlich

deren Willen verkündete. Die Zukunft

ist ein Problem – seitdem es sie gibt.

Vor der Zukunft

auch wenn es in manchen ohren seltsam klingen

mag: lange ist man sehr gut ohne Zukunft ausgekommen.

Es gibt kein objektives Zeitverständnis,

das alle menschen miteinander verbindet. Bis

heute existieren unterschiedliche Vorstellungen.

unser Zeitverständnis ist von religiösen, kulturellen,

sozialen, ökonomischen und ökologischen

Faktoren abhängig. Die Folgen sind weitreichend!

Das jeweilig d