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Cabaret

Musical von John Kander und Fred Ebb

V O L K S T H E A T E R

R O S T O C K


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Herzlichen Dank der Stadtwerke Rostock AG, mit deren freundlicher Unterstützung das Bühnenbild

hergestellt wurde. Unter dem Motto »Lichter der Großstadt« förderte das Unternehmen die Bereitstellung

moderner Beleuchtungstechnik.

Weiterhin bedanken wir uns bei der Firma ABAC GMBH und bei den

Freunden und Förderern Volkstheater Rostock e.V.

Mechthild Mannewitz,

Jazz-Drummer, 1970


Cabaret

Musical in zwei Akten · Pause nach dem 1. Akt

Buch von Joe Masteroff nach dem Stück »Ich bin eine Kamera« von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood

Gesangstexte von Fred Ebb · Musik von John Kander · Deutsch von Robert Gilbert

Aufführung in der reduzierten Fassung von Chris Walker 1997 · Originalproduktion am Broadway unter Leitung von Harold Prince

Uraufführung am 20. November 1966, Broadhurst Theatre in New York

Die letzte Inszenierung am Volkstheater Rostock hatte ihre Premiere am 27. Februar 1988.

Premiere 16. Januar 2010, 19:30 Uhr · Großes Haus

Musikalische Leitung Manfred Hermann Lehner

Inszenierung & Choreografie Stephan Brauer

Ausstattung Andrea Eisensee

Choreinstudierung Ursula Stigloher

Choreografische Assistentin Katja Taranu

Dramaturgie Bernd Hobe

Studienleitung Hans-Christoph Borck

Musikalische Einstudierung Teodora Belu,

Petra Leupold-Elert,

Jewgeni Potschekujew

Regieassistentin Babette Bartz

Inspizientin Renate Nitsch

Souffleuse Christiane Blumeier-Braun

Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge

* Student der Hochschule für Musik und Theater Rostock

** Mitglieder des Kinderchores der Singakademie Rostock · Einstudierung: Ronald Monem

Opernchor des Volkstheaters Rostock · TanzTheater Bronislav Roznos

Norddeutsche Philharmonie Rostock

Kurzbiografien der Künstler können Sie im Internet auf www.volkstheater-rostock.de lesen.

Conférencier Gabriele Schwabe

Sally Bowles Martina Dorothea Rumpf

Clifford Bradshaw Matthias Zajgier*

Fräulein Schneider Rosita Mewis

Herr Schultz Franz Mewis

Ernst Ludwig Titus Paspirgilis

Fräulein Kost Anke Lüder

1. Girl Liliana Grillo/

Akane Matsui,

2. Girl Antje Luckstein/

Annegret Voigt

Kinder Michael Keßler**

Rieke Osterkamp**

Jenny Richter**

Technischer Leiter: Peter Martins · Werkstattleiter: Dirk Reincke · Bühneninspektor: Holger Fleischer · Bühnenmeister: Rolf Ihre · Leiterin der Kostümabteilung:

Jenny-Ellen Fischer · Kostümanfertigung: Kornelia Junge, Erika Scheufler · Chefmaskenbildnerin: Beatrice Rauch · Maske: Iris Hohol, Michaela Schroeckh

Leiter der Beleuchtung: Andreas Lichtenstein · Beleuchtung: Andreas Lichtenstein · Leiter der Tonabteilung: Michael Martin · Ton: Michael Martin · Leiter der

Requisite: Klaus Radziwill · Requisite: Katja Schönberg · Herstellung der Dekoration in den Werkstätten des Volkstheaters Rostock

Das Fotografieren sowie Film- und Tonaufnahmen während der Vorstellung sind nicht gestattet.

Photographing, video recording and sound recording during the performance are prohibited.

Aufführungsrechte beim Verlag Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin

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W i l l ko m m e n , b i e nve n u e , We l c o m e .

Schön, dass Sie da sind.

ich war einmal reich, mein reichtum ist

spurlos entschwebt.

m a m a m u s s n i c h t w i s s e n ,

dass man mich hier bestaunen kann.

Das unberechenbar seltsame girl –

und der einmalig herrliche mann –

d i e ve r b r i n g e n z u z we i t

eine absolut himmlische Zeit.

nichts wäre mir so lieb,

wie die ananas für mich.

D i e We l t d e r trä u m e w i e g t

halb so schwer.

Die HanDlung

erster akt

Der Conférencier begrüßt die Gäste des Kit-Kat-Klubs und

stellt die Kit-Kat-Girls vor.

Silvester 1929 fährt der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw von

Paris nach Berlin und lernt im Zug den Deutschen Ernst Ludwig kennen. Indem

er seine Aktentasche als diejenige von Cliff ausgibt, benutzt Ernst Cliffs

amerikanische Staatsangehörigkeit zum Schmuggeln. Ernst lädt Cliff zur Silvesterfeier

im Kit-Kat-Klub ein und empfiehlt ihm als Wohnmöglichkeit die

Pension von Fräulein Schneider.

»Fremder, Étranger, Stranger«

Cliff zieht bei Fräulein Schneider ein und macht Bekanntschaft mit seinen

Mitbewohnern: mit der Prostituierten Fräulein Kost, die sich über zu kaltes

Wasser beschwert, und dem jüdischen Obstverkäufer Herr Schultz, der Fräulein

Schneider auf ein Glas Cognac zum Jahreswechsel eingeladen hat.

Auf der Silvesterfeier des Kit-Kat-Klubs wird die englische Sängerin Sally

Bowles auf Cliff aufmerksam, kommt mit ihm ins Gespräch, küsst ihn und

erfährt seine Adresse.

Am Neujahrstag 1930 nimmt Ernst bei Cliff gerade Englischunterricht, als

Sally hereinstürzt und mitteilt, dass sie bei Cliff wohnen wird. Für einen angemessenen

Preis akzeptiert Fräulein Schneider ihren Einzug. Cliff ist verblüfft,

wirft Sally aber nicht hinaus. Nebenbei erfährt er von ihr, dass Ernst

bei Schmuggeleien für »irgendeine politische« Partei viel Geld verdient.

»Two Ladies und nur ein Mann – c’est moi! Ja!«

Weil Fräulein Kost allzu offensiv ihren Herrenbesuch empfängt, gerät sie mit

Fräulein Schneider in Streit. Herr Schultz schenkt Fräulein Schneider ein

sehr kostbares Obst: eine Ananas.

»Sammelt euch alle, ein Sturm ist nah! Der morgige Tag ist mein!«

Sally ist schwanger. Als sie es Cliff sagt, entscheiden beide sich trotz der schwierigen

Umstände gegen eine Abtreibung. Sallys Auftritte im Kit-Kat-Klub sollen

von nun an der Vergangenheit angehören. Ernst bietet Cliff an, dass er mit


Schmuggelreisen nach Paris leicht Geld verdienen könne. Zögerlich geht er auf

das Angebot ein.

»Money makes the world go around.«

Fräulein Schneider und Herr Schultz entschließen sich zu heiraten. Sally

schlägt eine Verlobungsfeier vor. Diese soll in Herrn Schultz‘ Obstladen stattfinden.

Zur Verlobungsfeier kommt Cliff aus Paris zurück und übergibt Ernst,

der gerade auf einer Parteiversammlung der Nazis war, das geschmuggelte

Geld. Es wird getanzt. Herr Schultz trägt ein Lied mit dem jiddischen Namen

»Miesnick« vor. Daraufhin will Ernst die Feier verlassen. Fräulein Kost gelingt

es, ihn zum Bleiben zu bewegen, indem sie ein Lied anstimmt, das nach

seinem Geschmack ist.

Zweiter akt

»Säht ihr sie mit meinen Augen, würdet ihr alles verstehn!«

Fraulein Schneider löst die Verlobung aus Furcht vor den immer zahlreicher

werdenden Nazis. In Herrn Schultz‘ Obstladen wird ein Fenster mit einem

Ziegelstein eingeworfen.

Sally hofft, mit Cliff glücklich zu werden. Cliff findet keine Arbeit, möchte

aber auch nicht, dass Sally wieder im Klub auftritt. Fräulein Schneider gibt

den beiden ihr Verlobungsgeschenk zurück. Cliff will mit Sally Deutschland

verlassen. Weil Sally in Berlin bleiben möchte, entzündet sich ein Streit, der

damit endet, dass sie wütend den Raum verlässt. Auf der Suche nach Sally

kommt Cliff in den Klub. Dort trifft er Ernst. Auf dessen Frage, ob es mit dem

Juden zu tun habe, weshalb er nicht mehr nach Paris fahren wolle, kommt

es zur Auseinandersetzung. Zwei von Ernsts Parteifreunden schlagen Cliff

zusammen. Sally tritt wieder im Klub auf.

Herr Schultz wird ausziehen und verabschiedet sich von Cliff. Sally kommt.

Sie hat das Kind abtreiben lassen. Verzweifelt packt Cliff seine Koffer und

macht sich auf die Reise über Paris nach Amerika. Im Zug beginnt er seine

Erlebnisse in Berlin aufzuschreiben.

Oh, wie wunderbar,

nichts ist so, wie‘s war.

m i e s n i c k , h ö r t e s a n ,

das märchen von dem miesnick!

Oh Vaterland, zeig uns den Weg!

maybe this time i‘ll be lucky.

D i e Z e i t e i l t vo r b e i ,

wie geht es weiter?

ein Cabaret ist unsre Welt.

Drum geh ins Cabaret.

n i c h t t r ü b s e l i g s e i n !

Sag der Vernunft adé!

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Berlin, Ecke Friedrichstraße / Taubenstraße, um 1930

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen,

und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!

Doch tut es rasch. Ihr müsst euch beeilen.

Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Erich Kästner, 1930


Der Schriftsteller Christopher William Bradshaw Isherwood wurde am

26. August 1904 im Nordwesten Englands geboren. In Cambridge und London

studierte er Geschichte und Medizin (ohne Abschlüsse). Seinem Kollegen und

Freund W. H. Auden folgte Isherwood 1929 nach Berlin. Vier Jahre lebte er

dort und arbeitete als Journalist und englischer Sprachlehrer. Seine Berliner

Erlebnisse verarbeitete er in dem Roman Goodbye to Berlin (Leb wohl, Berlin),

1939, und Mr. Norris changes train, 1935, die zusammen 1946 unter dem

Namen The Berlin Stories veröffentlicht wurden. Nach längeren Aufenthalten

in Dänemark und China siedelte Isherwood 1939 in die USA über. Er starb

1986 in Santa Monica.

Christopher isherwood

auszüge aus gOODbye tO berlin (leb WOHl, berlin)

II Sally Bowles (1930/31)

Eines Nachmittags, Anfang Oktober, war ich bei Fritz Wendel zu

schwarzem Kaffee eingeladen. Fritz lud immer zu »schwarzem

Kaffee« ein, wobei der Nachdruck auf »schwarz« lag. Er war sehr

stolz auf seinen Kaffee. Man behauptete, es wäre der stärkste in

Berlin. Fritz trug wie gewöhnlich bei seinen Kaffee-Einladungen

einen sehr dicken weißen Segelsweater und leuchtend blaue Flanellhosen.

Er begrüßte mich mit dem etwas süßlichen Lächeln

seiner vollen Lippen. »Tag Chris!« »Guten Tag, Fritz. Wie geht’s?«

»Prächtig.« Er beugte sich über die Kaffeemaschine; sein weiches

schwarzes Haar löste sich dabei und fiel ihm in reichlich

parfümierten Locken über die Augen. »Das verfluchte Ding geht nicht«, fügte

er hinzu. »Was machen die Geschäfte?« fragte ich. »Furchtbar lausig.« Fritz

feixte breit. »Or I pull off a new deal in the next month or I go as a gigolo.«

»Either... or...«, verbesserte ich berufsmäßig. »Ich spreche jetzt ein lausiges

Englisch«, knautschte Fritz sehr selbstzufrieden. »Sally sagt, sie will mir

vielleicht ein paar Stunden geben.« »Wer ist Sally?« »Ach – ich vergaß. Du

kennst Sally nicht. Zu blöd von mir. Eventuell kommt sie heute nachmittag

CHriStOPHer iSHerWOOD

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mal vorbei.« »Ist sie hübsch?« Fritz rollte seine frechen schwarzen Augen und

reichte mir eine rumgetränkte Zigarette aus seiner Patentdose: »Wun-der-bar!«

knautschte er. »Eventuell werde ich noch verrückt nach ihr.« »Und wer ist

sie? Was macht sie?« »Eine junge Engländerin, Schauspielerin. Singt im ›Lady

Windermere‹ – scharfe Sachen, sag‘ ich dir.« »Das klingt nicht sehr nach junger

Engländerin, muss ich sagen.« »Eventuell hat sie ein bisschen was Französisches.

Ihre Mutter war Französin.«

Einige Minuten später kam Sally selbst. »Habe ich mich schrecklich verspätet,

Fritz, mein Liebling?« »Nur eine halbe Stunde, glaube ich«, knautschte

Fritz und strahlte vor Besitzerstolz. »Darf ich vorstellen: Herr Isherwood –

Fräulein Bowles. Herr Isherwood ist allgemein bekannt als ‚Chris‘.« »Stimmt

nicht«, sagte ich. »Fritz ist ungefähr der einzige, der mich jemals Chris genannt

hat.« Sally lachte. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid mit einem kleinen

Cape um die Schultern und auf dem Kopf, keck auf eine Seite gedrückt,

ein Käppchen wie ein Liftboykäppi. »Darf ich mal dein Telefon benutzen,

Süßer?« »Klar. Rechts von dir.« (...) Als sie die Nummer drehte, stellte ich

fest, dass ihre Fingernägel smaragdgrün gefärbt waren – eine unglücklich gewählte

Farbe, denn sie lenkte die Aufmerksamkeit auf ihre Hände, die vom

Zigarettenrauchen verfärbt und schmutzig wie bei einem kleinen Mädchen

waren. Sie war so dunkel, dass sie Fritzens Schwester hätte sein können. Ihr

Gesicht war lang und hager und totenblass gepudert. Ihre auffallend großen,

braunen Augen hätten etwas dunkler sein können, um mit ihrem Haar und

mit ihrem Augenbrauenstift übereinzustimmen. »Hallo«, girrte sie und spitzte

ihre leuchtend kirschroten Lippen so, als wollte sie die Telefonmuschel küssen:

»Ist das du, mein Liebling?« Ihr Mund öffnete sich zu einem albernen

Lächeln. Fritz und ich sahen ihr wie bei einer Theatervorstellung zu. »Was

wollen wir machen, morgen abend? Oh, wie wunderbar... Nein, nein, ich werde

bleiben heute abend zu Hause. Ja, ja, ich werde wirklich bleiben zu Hause...

Auf Wiedersehen, mein Liebling...« Sie hing den Hörer ein und wandte sich

triumphierend zu uns: »Das ist der Mann, mit dem ich letzte Nacht geschlafen

habe«, verkündete sie. »Er ist großartig im Bett. Als Kaufmann ist er einfach

genial, außerdem ist er schrecklich reich...« Sie setzte sich neben Fritz auf das


Sofa und sank mit einem Seufzer in die Kissen. »Gib mir Kaffee, Liebling, ja?

Ich sterbe einfach vor Durst.« (...)

Dann rief Sally, wie versprochen, an und lud mich zum Tee. (...) »Ach –

guten Tag, Chris, mein Liebling!« rief Sally an der Tür. »Wie süß, dass du

kommst! Ich fühle mich so schrecklich einsam. Ich habe an Frau Karpfs Busen

geweint. Nicht wahr, Frau Karpf?« Sie wandte sich an die Kröten-Wirtin:

»Ich habe geweint auf dein Brust.« Frau Karpfs Busen schütterte unter einem

krötenartigen Kichern. »Möchtest du lieber Kaffee oder Tee, Chris?« fuhr

Sally fort. »Du kannst beides haben. Nur kann ich den Tee nicht sehr empfehlen.

Ich weiß nicht, was Frau Karpf damit macht; ich glaube, sie schüttet das

ganze Spülwasser in einen Topf und kocht die Teeblätter darin auf.« »Also

Kaffee.« »Frau Karpf, mein Liebling, willst du sein ein Engel und bring zwei

Tassen von Kaffee?« Sallys Deutsch war nicht schlechthin falsch, es hatte

eine ausgesprochene eigene Note. Sie sprach jedes Wort besonders fremdartig

aus. Allein von ihrem Ausdruck hätte man darauf schließen können, dass sie

eine fremde Sprache sprach. (...) »Wie schmeckt dir der Kaffee, Chris, mein

Liebling?« »Besser als der von Fritz«, sagte ich ausweichend. Sally lachte. »Ist

Fritz nicht wunderbar? Ich liebe ihn; ich liebe es, wenn er sagt ›Verfluchter

Mist!‹« »›Teufel nochmal, verfluchter Mist!‹« Ich versuchte Fritz nachzumachen.

Wir lachten. Sally zündete sich noch eine Zigarette an: sie rauchte die

ganze Zeit. (...) »Komisch«, fügte sie nachdenklich hinzu: »Ich habe nie mit

Fritz geschlafen, weißt du.« Sie machte eine Pause und fragte dann interessiert:

»Dachtest du, ich hätte?« »Nun ja, ich dachte wohl.« »Nein, nicht ein

einziges Mal...«, gähnte sie. »Und jetzt glaube ich nicht, dass ich es jemals tun

werde.« Einige Minuten rauchten wir schweigend. Dann fing Sally an, von

ihrer Familie zu erzählen. Sie war die Tochter eines Mühlenbesitzers in Lancashire.

Ihre Mutter war ein Fräulein Bowles und hatte ein Vermögen geerbt.

Als sie Herrn Jackson heiratete, behielten sie beide Namen bei: »Papa ist ein

schrecklicher Snob, tut aber so, als wäre er keiner. Mein richtiger Name ist

Jackson-Bowles; aber auf der Bühne kann ich mich unmöglich so nennen; die

Leute würden mich für verrückt halten.« »Ich dachte, Fritz hätte mir gesagt,

dass deine Mutter Französin sei?« »Nein, natürlich nicht!« Sally schien ganz

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ärgerlich zu sein. »Fritz ist ein Idiot. Immer denkt er sich etwas aus.« (...)

An dem Nachmittag, an dem Sally zum Tee zu mir kam, war Fräulein

Schröder außer sich vor Aufregung. Sie zog zu dieser Gelegenheit ihr bestes

Kleid an und ondulierte ihr Haar. Als es klingelte, riss sie die Tür mit einem

Schwung auf. »Herr Issyvoo,« verkündete sie sehr laut mit einem vertraulichen

Zwinkern, »da ist eine Dame für Sie!« (...) »Hast du etwas dagegen,

wenn ich mich auf dein Sofa lege, Liebling?« fragte Sally, sobald wir allein

waren. »Nein, natürlich nicht.« Sally legte die Kappe ab, schwenkte ihre kleinen

Samtschuhe auf das Sofa, öffnete ihre Tasche und begann sich zu pudern:

»Ich bin fürchterlich müde. Ich habe die letzte Nacht kein Auge zugetan.

Ich habe einen wunderbaren neuen Freund.« Ich begann Tee einzuschenken.

Sally sah mich von der Seite an: »Bist du entsetzt, wenn ich so rede, Christopher,

mein Liebling?« »Nicht im geringsten.« »Aber du magst es nicht?« »Es

geht mich nichts an.« Ich reichte ihr das Teeglas. »Oh, um Gottes Willen!« rief

Sally. »Nun kehr bloß nicht den Engländer heraus! Was du denkst, geht dich

natürlich etwas an!« »Nun gut, wenn du es wissen willst: es langweilt mich

ziemlich.« Das ärgerte sie noch mehr, als ich beabsichtigt hatte. Sie änderte

den Ton und sagte kühl: »Ich dachte, du würdest es verstehen.« Sie seufzte:

»Aber ich vergaß – du bist ja ein Mann.« »Tut mir leid, Sally. Ich kann es natürlich

nicht ändern, dass ich ein Mann bin... Aber sei mir bitte nicht böse. Ich

meinte bloß, wenn du so redest, ist es in Wirklichkeit nur Nervosität. Von Natur

aus bist du Fremden gegenüber wahrscheinlich recht schüchtern, so bist

du auf diesen Trick verfallen und versuchst, sie mit Gewalt dazu zu bringen,

dich anzuerkennen oder abzulehnen. Ich weiß das, weil ich selbst es manchmal

versuche... Nur wünschte ich, du würdest es nicht bei mir versuchen, weil

es doch gar nicht wirkt und mich in Verlegenheit bringt. Wenn du mit jedem

Mann in Berlin ins Bett gingest und mir jedesmal davon erzähltest, so würdest

du mich doch nicht davon überzeugen, dass du eine Kameliendame wärst

– weil du es nämlich wirklich und wahrhaftig nicht bist.« »Nein... bin ich

wohl nicht!« Sallys Stimme war sorgfältig auf einen unpersönlichen Ton gestimmt.

Sie begann diese Unterhaltung zu genießen. Es war mir gelungen, ihr

auf eine neue Weise zu schmeicheln. »Was bin ich denn wirklich, Christopher,


Leipziger Straße, 1928

mein Liebling?« »Die Tochter von Herrn und Frau Jackson-Bowles.« Sally

schlürfte ihren Tee: »Ja... ich verstehe wohl, was du meinst... Vielleicht hast

du recht. Du denkst also, ich sollte die Liebhaber samt und sonders aufgeben?«

»Keineswegs. Solange du sicher bist, dass du dich wirklich amüsierst.«

»Natürlich«, sagte Sally ernst nach einer Pause, »dürfte die Liebe niemals

meine Arbeit stören. Die Arbeit geht über alles... Aber ich kann nicht glauben,

dass eine Frau eine große Schauspielerin sein kann, wenn sie nicht ein

paar Liebschaften hinter sich hat...« (...) »Ich muss dir etwas beichten, Chris,

mein Liebling... Ich weiß nicht, ob du es verstehst.« »Bedenke, dass ich nur

ein Mann bin, Sally!« Sally lachte: »Eine höchst idiotische Kleinigkeit. Aber

irgendwie wäre es mir schrecklich, wenn du sie herauskriegtest, ohne dass ich

sie dir erzählte... Neulich sagtest du doch, Fritz hätte dir erzählt, dass meine

Mutter Französin wäre?« »Ja, ich erinnere mich.« »Und ich sagte, er müsse

das erfunden haben. Also – er hat es nicht erfunden... Sieh mal, ich habe ihm

erzählt, sie wäre Französin.« »Aber warum in aller Welt?« Wir fingen beide an

zu lachen. »Weiß der Himmel«, sagte Sally. »Wahrscheinlich wollte ich Eindruck

bei ihm schinden.« »Aber was ist denn Großes dabei, eine französische

Mutter zu haben?« »Ich bin manchmal ein bißchen verrückt, Chris. Du musst

Geduld mit mir haben.« »Schön, Sally, werde ich.« »Und du schwörst mir bei

deiner Ehre, Fritz nichts davon zu erzählen?« »Ich schwöre es.« »Wenn du es

erzählst, du Schwein«, rief Sally, lachte und nahm von meinem Schreibtisch

den Papierdolch, »dann schneide ich dir die Gurgel durch!«

ein miesnick ist hässlich... ein miesnick ist unansehnlich... ein miesnick ist... na ja... Herr Schultz, 1. akt, 12. bild

Miesnick oder Miessnik m. (jiddisch) hässlicher, garstiger Mann oder Junge, jiddisch »miess« (von hebräisch

»miuss«) bedeutet ekelhaft, hässlich, abstoßend. Der aus dem Polnischen kommende Suffix -nik wird benutzt für

Personen männlichen Geschlechts. Mit ihm ist es im Jiddischen möglich, quasi jede Eigenschaft einer Person zuzuschreiben,

sodass sie geradezu zur wesenhaften Verkörperung dieser Eigenschaft wird. Bis heute ist Miesnick

ein gängiges Wort. In den 1920er Jahren waren solche Wörter in Berlin bekannter als heute und wurden nicht nur

von Juden benutzt. Der Ausdruck ist direkt ins Deutsche eingegangen, z. B. es geht einem mies; eine miese Tour,

Miese auf der Bank haben oder Miesmacher und Miesepeter.

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JOHn Van Druten (1901-1959)

FreD ebb (1928-2004)

Der in London geborene, englische Dramatiker und Theaterdirektor studierte

Jura an der dortigen Universität. 1951 kam am Empire Theatre in New York

sein auf Christopher Isherwoods The Berlin Stories basierendes Schauspielstück

I Am A Camera heraus, auf dessen Grundlage Joe Masteroff, Fred Ebb

und John Kander das Musical Cabaret entwickelten. Der Titel I Am A Camera

(Ich bin eine Kamera) leitet sich aus dem ersten Kapitel Berliner Tagebuch

(Herbst 1930) von Goodbye to Berlin her:

Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur,

denke nichts. Registriere den Mann, der sich am Fenster drüben rasiert,

und die Frau im Kimono, die ihr Haar wäscht. Eines Tages werde ich alle

diese Bilder entwickelt, sorgfältig kopiert und fixiert haben.

Später als amerikanischer Staatsbürger in den USA lebend, starb van Druten

im Alter von 58 Jahren in Kalifornien.

Der in New York Geborene entstammte einer jüdischen Familie. Ebb, der später

aus seinem Geburtsjahr ein Geheimnis machen sollte, erwarb an der Columbia

University in New York einen Master in Englischer Literatur. Eine der

ersten Arbeiten in seiner Karriere als Liedtexter war 1953 der Song Heartbroken,

den Judy Garland, die Mutter von Liza Minelli, interpretierte. Anfang

der 1960er Jahre begann Ebb mit dem Komponisten John Kander eine über

Jahrzehnte sehr ergiebige und erfolgreiche Zusammenarbeit. Nach anfänglichen

Songs, die auch von Barbra Streisand interpretiert wurden (My Colouring

Book und I don‘t care much) entstanden bis 2004 knapp 20 Musicals. Den

erfolgreichen Auftakt bildete 1965 Flora, the Red Menace (Flora, die rote Gefahr)

– mit Liza Minelli in der Hauptrolle –, gefolgt von ihrem größten Erfolg

Cabaret. Die Arbeit Chicago (1975) dürfte einem größeren Publikum wegen

der Verfilmung im Jahr 2002 mit Richard Gere, Renée Zellweger und Catherine

Zeta-Jones bekannt sein. Herausragend auch das Musical Kiss of the

Spider Woman (Kuss der Spinnenfrau) von 1992 mit Chita Rivera. Im Alter

von 76 Jahren starb Ebb an den Folgen eines Herzinfarktes. Das mit Kander

begonnene Projekt Curtains konnte er nicht mehr vollenden.


Der Schauspieler und Dramatiker wurde in Philadelphia, Pennsylvania geboren.

Dort studierte er an der Temple University. Nachdem er im 2. Weltkrieg

bei der US Air Force gedient hatte, setzte er von 1949 bis 1951 seinen Ausbildungsweg

bei der Theatervereinigung American Theatre Wing in New York

fort. Mit The Prescott Proposals hatte er 1953 als Schauspieler sein Broadway-Debüt.

The Warm Peninsula war 1959 sein erstes eigenes Broadway-

Stück. Der Rechteinhaber von van Drutens I Am A Camera, Harold Prince,

beauftragte Masteroff 1966 das Buch für Cabaret zu schreiben. Eine weitere

Zusammenarbeit mit John Kander und Fred Ebb folgte 1971, das Musical

70, Girls, 70, womit der Erfolg von Cabaret allerdings keine Neuauflage erleben

konnte.

In Kansas City, Missouri, geboren, besuchte der Komponist das Oberlin College

in Ohio und machte einen Master an der Columbia University in New

York. Seine Broadway-Karriere begann Kander als Repetitor bei der Aufführung

von Leonard Bernsteins West Side Story.

Die Musik zu Cabaret schrieb Kander größtenteils im Stil der späten 1920er

Jahre. Bei der Uraufführung des mit acht Tony Awards erfolgreichsten Musicals

des Duos Kander/Ebb spielte Lotte Lenya, die Witwe Kurt Weills, Fräulein

Schneider und Joel Grey den Conférencier. Harold Prince führte Regie.

Bekannt ist die mit acht Oscars ebenso erfolgreiche Verfilmung von Bob Fosse

aus dem Jahr 1972 mit Liza Minnelli als Sally, wiederum Joel Grey als Conférencier

und dem deutschen Schauspieler Fritz Wepper. Die Musical-Handlung

wurde dafür wesentlich verändert, Cliffs Bisexualität, 1966 noch zu riskant

für die Bühne, deutlich gezeichnet. Kander schrieb für den Film drei neue

Songs Money, Maybe This Time und Mein Herr. Diese sind für Theaterproduktionen

freigegeben und werden Ihnen bei der Rostocker Aufführung nicht

vorenthalten.

Sie dürfen nie Fragen an mich stellen. Wenn ich ihnen etwas erzählen will, dann tue ich es von selbst.

Sally zu Cliff, 1. akt, 4. bild

JOe maSterOFF (*1919)

JOHn KanDer (*1927) & Cabaret

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W i r t S C H a F t K r i S e n u n D D e m O K r at i e –

Fünf Fragen an Herrn Prof. Dr. alexander gallus, universität rostock

Die Handlung von Cabaret beginnt am Silvesterabend des Jahres 1929, in

einer Zeit der Krise. Zwei Monate zuvor hat der Zusammenbruch der Börsenkurse

in New York die Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Heute, im Jahr

2010, leben wir auch in einer Zeit, die durch eine ernste Krise des globalen

Finanz- und Wirtschaftssystems geprägt ist. Wo sehen Sie die Hauptunterschiede

der Krisen von 1929 und 2008?

Wirtschaftshistoriker betonen vor allem die Unterschiede zwischen den Krisen.

So seien beispielsweise die internationalen Finanzbeziehungen heute

eher von kooperativem Handeln gekennzeichnet, während damals – nicht

zuletzt mit Blick auf Kriegsfolgen und Reparationsproblematik – von Misstrauen

und Feindschaft geprägte Beziehungen dominierten. Wichtiger als auf

einzelne ökonomische Indikatoren und Mechanismen einzugehen, erscheint

mir hingegen die gewachsene Akzeptanz und größere Krisenresistenz der

westlich-pluralistischen Demokratie in Deutschland heute im Vergleich mit

der Zwischenkriegszeit zu betonen. Gerade in den zurückliegenden zwei Jahren

war die Vokabel »Weimar« wieder häufiger zu vernehmen. »Bonn ist nicht

Weimar« heißt die 1956 von dem Schweizer Publizisten Fritz René Allemann

geprägte Formulierung, die paradoxerweise auch noch gelegentlich in der so

genannten Berliner Republik als Stereotyp der Selbstberuhigung dient. Auch

wenn man die allzu lineare, »volkspädagogisch« anmutende Erzählung einer

bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte ablehnt, hat sich die west- und

später gesamtdeutsche Demokratie doch zu einem stabilen, in den Augen der

Bürger überwiegend begrüßenswerten politischen System entwickelt (wobei

die demoskopisch messbare politische Systemzufriedenheit weiterhin im

Westen des Landes deutlich größer als im Osten ist). Das war Ende der 1920er,

Anfang der 1930er Jahre noch ganz anders, als das »System« von Weimar, wie

es abfällig hieß, von links bis rechts geschmäht wurde und es an einem breiten

Konsens überzeugter Demokraten fehlte. Vor diesem Hintergrund zeitigte die

Weltwirtschaftskrise nach 1929 fatale Wirkungen und hob die gesamte poli-

alexanDer galluS

wurde 1972 in Berlin geboren.

Als Stipendiat der Studienstiftung

des deutschen Volkes

studierte er Geschichte und

Politikwissenschaft in Berlin

und Oxford und promovierte

an der TU Chemnitz, wo er

mehrere Jahre als Wissenschaftlicher

Mitarbeiter beschäftigt

war. Seit 2006 ist Gallus

Juniorprofessor an der

Universität Rostock und erhielt

2008 den Förderpreis der Deutschen

Gesellschaft e.V.

Im Februar 2010 erscheint bei

Vandenhoeck & Ruprecht in

Göttingen das von ihm herausgegebene

Buch »Die vergessene

Revolution von 1918/19«.

Am Potsdamer Platz, um 1935


Karstadt am Hermannplatz, 1929

C l i ff ,

hast du arbeit gefunden?

– trä u m we i te r,

nicht nach dem börsencrash.

Sally und Cliff, 2. akt, 4. bild

tische und gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln. Heutzutage sind wir

hierzulande weit entfernt von einer »Schönwetterdemokratie«, die von einem

wirtschaftlichen Tief leicht hinweggefegt werden könnte.

1929 gab es in Deutschland durchschnittlich 1,9 Millionen Arbeitslose, 1930

waren es 3,1 Millionen – eine Zahl, die 1932 auf über 6 Millionen ansteigen

wird. Wie haben die Menschen die Krise während der Zeit um den Jahres-

wechsel 1929/1930 zu spüren bekommen?

Die relativ besten Jahre Weimars zwischen 1924 und 1929 erlebten einen

deutlichen Ausbau der Sozialversicherungssysteme. Hervorzuheben ist insbesondere

die Einführung einer Arbeitslosenversicherung im Jahr 1927. Dies

war an sich ein beachtlicher sozialpolitischer Fortschritt, wie er sich während

der Zwischenkriegszeit sonst nur noch in Großbritannien vollzog. Doch diese

Sozialversicherung war von Anfang an nicht richtig gegenfinanziert. Im Jahr

1930 war sie das entscheidende Streitthema, an dem die Große Koalition unter

SPD-Kanzler Hermann Müller-Franken zerbrach. Damit endete im Grunde

das parlamentarische System der Weimarer Republik. Nun begann die

Phase der autoritären Präsidialkabinette. Unter Reichskanzler Heinrich Brüning

kam es zu Kürzungen von Sozialleistungen. Er hieß im Volksmund bald

»Hungerkanzler«. Noch wichtiger als das materielle Leid waren vermutlich

die psychosozialen Auswirkungen. Es machte sich ein Klima der Desorientierung,

Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit breit; die innergesellschaftlichen

Spannungen nahmen zu. Die Zahl der Eheschließungen und Geburten

ging deutlich zurück; dagegen wuchsen Kriminalitäts- und Selbstmordraten

an.

Ein Zusammenhang von volkswirtschaftlichem Einbruch und dem Aufstieg

der NSDAP besteht zweifellos. Wie dieser Zusammenhang genau aussieht

und inwieweit das Erstarken der Nazis auch anderen Faktoren, z.B. den

Bedingungen des Versailler Vertrags, zu zuschreiben ist, wollen wir an dieser

Stelle nicht erörtern. Wie präsent und einflussreich war die NSDAP im

Berlin der Jahre 1929 und 1930?

1929 und 1930 gewann die NSDAP von Wahl zu Wahl an Stimmen. Vor allem

die Reichstagswahlen vom September 1930, als sie 18,3 Prozent der Stimmen

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erringen konnte, markierten den politischen Durchbruch der Partei. Besonders

beunruhigend war, wie wir seit einigen Jahren durch die historische

Wahlforschung wissen, dass die Nazipartei im Grunde von allen Bevölkerungsschichten

Stimmen erhielt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise gelang es

der NSDAP stärker als anderen Gruppierungen, Grenzen traditioneller politischer

Lager und gesellschaftlicher Milieus zu durchbrechen und in gewisser

Weise zu integrieren. Zu den zentralen Herausforderungen der Weimarer

Republik gehörten daneben natürlich die Straßenkämpfe ab 1929/30, woran

die seitdem stark Mitglieder gewinnende SA maßgeblich beteiligt war. Aber

nicht nur die Gewaltsamkeit extremer Parteien an den politischen Flügeln

links wie rechts, auch die Angst vor dem Bürgerkrieg und entsprechende Vermeidungsstrategien

entfalteten eine eigene Dynamik. Spätestens 1932, als die

Wahl- und Straßenkämpfe einen Blutzoll bis dahin ungekannten Ausmaßes

forderten, avancierte »Bürgerkrieg« zum zentralen politischen Schlagwort. In

dieser angespannten Situation kam deutlich das mangelnde Selbstbewusstsein

des ersten demokratischen Verfassungsstaats der deutschen Geschichte

zum Ausdruck.

Die beiden Hauptfiguren des Stückes, die englische Sängerin Sally Bowles

und der amerikanische Autor Clifford Bradshaw, sind in Berlin Ausländer.

Wie international und multikulturell war die Stadt zur Zeit der Weimarer

Republik?

Die Kultur der Weimarer Republik war von vielfältigen Ambivalenzen und

Widersprüchen geprägt. Der Begeisterung für Josephine Baker hier stand die

Schmähung von »Negermusik« da gegenüber. Gerade Berlin stellte während

der »Goldenen Zwanziger« eine unvergleichliche, moderne »Weltbühne« dar.

Die Begeisterung für Jazz war groß, und er wirkte etwa auf ein zeitgenössisches,

bis heute populäres Musiktheaterstück wie die »Dreigroschenoper« ein.

Doch mit der kulturellen Blüte jener Zeit, die als eine beschleunigte wahrgenommen

wurde, und der internationalen Offenheit gerade auch in der Populärkultur,

die von Charlie Chaplin über den Charleston bis zu den »Tiller-Girls«

reichte, gingen tiefgreifende Ängste vor Wandlungsprozessen einer kaum

noch steuerbar erscheinenden modernen Welt einher. Im politisch-kulturellen

i c h h a b e g e s e h e n ,

d a s s m a n d i e s e

n a t i o n a l s o z i a l i ste n n i c h t

l ä n g e r i g n o r i e re n ka n n .

We i l s i e a u f e i n m a l

m e i n e F re u n d e u n d

m e i n e n a c h b a r n s i n d .

u n d w i e v i e l e s i n d ‘ s n o c h ?

u n d – we n n d a s s o i st –

i st iec s h nh iac bh t e ag ue csh e hm eön g, l idc ah s, s m a n

d a sd s i es si e an n a td iioe n a l s o z i a l i s te n n i c h t

regierung l ä n g e r i gkommen? n o r i e r e n ka n n . We i l

Fräulein s i e Schneider, a u f e i n m1. akt, a l m2. ebild i n e F r e u n d e

u n d m e i n e n a c h b a r n s i n d . u n d

w i e v i e l e s i n d ‘ s n o c h ? u n d –

w e n n d a s s o i s t – i s t e s n i c h t

auch möglich, dass sie an die

regierung kommen?

Fräulein Schneider, 1. akt, 2. bild

Josephine Baker, um 1928


Friedrichstraße, um 1930

Conférencier

(weibl. Conférencieuse)

Die Bezeichnung leitet sich

aus dem französischen

Maître de Conférence her.

Im Englischen ist der

Master of Ceremonies, (M.C.) der

Moderator einer Veranstaltung,

der die Künstler ankündigt und

durch seine Zwischeneinlagen

das Programm am Laufen hält.

Der Begriff kommt aus der

frühen Kirche, wo der

Zeremonienmeister für den

korrekten Ablauf der Rituale

und liturgischen Feiern

verantwortlich war. Ihren

Höhepunkt erreichten

die Conférenciers in den 1920er

und 1930er Jahren, der Blütezeit

der Varietés, Kabarette und

Revuen. In der Hip-Hop-Kultur

lebte die Bezeichnung

ab den 1970ern durch

MC oder emcee wieder auf.

Bereich stand nicht zuletzt in »konservativ-revolutionären« Denkzirkeln die

hymnisch gepriesene »deutsche Kultur« einer mit Schmähungen und Hass

überzogenen »westlichen Zivilisation« gegenüber. Im Falle der massenkulturellen

Entwicklung Weimars von Amerikanisierung zu sprechen, mag einiges

für sich haben; für die politische und mentalitätsgeschichtliche Ebene konnte

sich die amerikanische Demokratie indes kaum als Vorbild durchsetzen.

Christopher Isherwood, der englische Schriftsteller, auf dessen Erzählungen

der Stoff des Musicals zurückgeht, war homosexuell. Während seiner

Zeit in Berlin arbeitete er am 1933 geschlossenen Institut für Sexualwissenschaft

von Magnus Hirschfeld. Wie tolerant war das Berlin dieser Zeit

Homosexuellen gegenüber?

Insgesamt erlebte Deutschland während der Weimarer Republik einen offeneren

Umgang mit Sexualität als zuvor. Doch Homosexualität blieb ein Tabu.

Das Strafgesetzbuch (§ 175) stellte männliche homosexuelle Handlungen unter

Strafe. Das galt demnach nicht für weibliche Homosexualität, die weniger

verpönt war und sich vergleichsweise offen zeigen durfte, galt sie doch häufig

eher als Spielerei denn Perversion. Freilich machte die Sexualwissenschaft

während der Weimarer Republik Fortschritte. Ein Pionier in dieser Hinsicht

war Magnus Hirschfeld, der sich stark in der Homosexuellenbewegung engagierte.

Im Jahr 1929 erschien sein Grundlagenwerk »Sexualgeschichte der

Menschheit«. Einen tatkräftigen wie wortgewandten Mitstreiter fand der von

Rechtsradikalen und Antisemiten angefeindete Hirschfeld mit Kurt Hiller in

einem der bekanntesten Weimarer Publizisten. Gemeinsam mit Hirschfeld

kämpfte der promovierte Jurist im »Wissenschaftlich-humanitären Komitee«

für die Rechte Homosexueller und kritisierte den Strafrechtsparagraphen

175 als »Schmach des Jahrhunderts«.

Herr Prof. Gallus, vielen Dank.

Die Fragen stellte Musiktheaterdramaturg Bernd Hobe.

Für das Programmheft musste das Interview gekürzt werden.

Die vollständige Version können Sie im Internet auf www.volkstheater-rostock.de nachlesen.

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tHOmaS mann

»DeutSCHe anSPraCHe –

ein aPPell

an Die VernunFt«

Nach den

Reichstagswahlen am

14. September 1930, bei

denen die NSDAP die Anzahl

ihrer Mandate im

Reichstag von 12 auf

107 erhöhen konnte,

hielt der jüngst

mit dem Nobelpreis

geehrte Thomas Mann

im Berliner Beethoven-

Saal eine Rede, in der er

seiner Sorge um die

politische Entwicklung

Ausdruck gab.

Mit deutlichen Worten

wandte er sich gegen die

Ideologie der Nationalsozialisten

und

bekannte sich, ebenso

deutlich und deswegen

überraschend, zur

Sozialdemokratie;

nur auf die SPD könne

das Bürgertum ihr

Vertrauen richten.

Entlaufen scheint die Menschheit wie

eine Bande losgelassener Schuljungen aus

der humanistisch-idealistischen Schule des

19. Jahrhunderts, gegen dessen

Moralität, wenn denn überhaupt von

Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen

weiten und wilden Rückschlag darstellt. (...)

Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die

Glieder werfende Unbesonnenheit, die

orgiastische Verleugnung von Vernunft,

Menschenwürde, geistiger Haltung in

irgendeiner Seelenschicht des Deutschtums

wirklich zu Hause? Dürfen die Verkünder

des radikalen Nationalismus sich allzuviel

einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie

gefunden, und ist der Nationalsozialismus

parteimäßig gesehen nicht vielleicht ein

Koloss auf tönernen Füßen?

Thomas Mann am 17. Oktober 1930 in Berlin


Das Brandenburger Tor, 1936

i c h h o f f e ,

S i e h a t te n e i n e n

a n g e n e h m e n a u f e n t h a l t

i n D e u t s c h l a n d ,

mister bradshaw.

Ko m m e n S i e b a l d

wieder?

Zollbeamter, 2. akt, 7. bild

1933 hatten etwa

100 000 Menschen

Deutschland verlassen;

diese Zahl stieg bis

1939 auf etwa 500 000.

Die Anzahl der

aus Deutschland

emigrierten Künstler,

Wissenschaftler,

Politiker und

Journalisten beläuft

sich auf etwa 20 000.

bertOlt breCHt SteFan ZWeig tHOmaS mann HeinriCH mann FranZ WerFel arnOlD SCHönberg geOrg KreiSler alFreD Döblin

J O S e P H r O t H a l b e r t e i n S t e i n a n n a S e g H e r S b i l ly W i l D e r m a r l e n e D i e t r i C H Wa lt e r g r O P i u S e r i C H m a r i a r e m a r q u e C a r l Z u C K m ay e r

max reinHarDt Kurt Weill lOtte lenya ernSt buSCH liOn FeuCHtWanger Kurt tuCHOlSKy Walter benJamin eriC KanDel

Herausgeber: Volkstheater Rostock · 115. Spielzeit 2009/2010 · Intendant: Peter Leonard · Kommissarische Verwaltungsdirektorin:

Christine Scheel · Redaktion und Texte: Bernd Hobe · Gestaltung: Christiane Scholze · Druck: Stadtdruckerei Weidner GmbH.

Das Bild auf S. 2 ist der Graustufen-Abdruck des Gemäldes »Jazz-Drummer« von Mechthild Mannewitz, 1970, Öl auf Leinwand, 100x85 cm,

aus dem Bestand der Kunsthalle Rostock (Inv. Nr. 72775). Dank an: die Kunsthalle Rostock, Herrn Dr. Jörg-Uwe Neumann und Frau

Heike Heilmann, für die freundliche Zusammenarbeit, an Andrea Eisensee für die Bereitstellung von Figurinen, an Frau Prof. Dr. Marion

Aptroot von der Universität Düsseldorf/Institut für jüdische Studien und Herrn Dr. Gideon Botsch von der Universität Potsdam/Moses-

Mendelssohn-Zentrum für fachkundige Beratung. Die Fragen beantwortete Prof. Dr. Alexander Gallus am 6. Januar 2010.

Texte: Erich Kästner, Ein Mann gibt Auskunft, Berlin 1930; Christopher Isherwood, Goodbye to Berlin, Richmond (Hogarth Press) 1939,

dt. Übs. (Leb wohl, Berlin) von Susanne Rademacher, Berlin 2004; Thomas Mann, Deutsche Ansprache, Berlin 1930.

Bilder: Janos Frecot und Klaus-Jürgen Sembach, Berlin im Licht – Photographien der nächtlichen Stadt, Berlin 2002; Rainer Metzger,

Berlin - Die Zwanzigerjahre, München 2006.

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