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tHOmaS mann

»DeutSCHe anSPraCHe –

ein aPPell

an Die VernunFt«

Nach den

Reichstagswahlen am

14. September 1930, bei

denen die NSDAP die Anzahl

ihrer Mandate im

Reichstag von 12 auf

107 erhöhen konnte,

hielt der jüngst

mit dem Nobelpreis

geehrte Thomas Mann

im Berliner Beethoven-

Saal eine Rede, in der er

seiner Sorge um die

politische Entwicklung

Ausdruck gab.

Mit deutlichen Worten

wandte er sich gegen die

Ideologie der Nationalsozialisten

und

bekannte sich, ebenso

deutlich und deswegen

überraschend, zur

Sozialdemokratie;

nur auf die SPD könne

das Bürgertum ihr

Vertrauen richten.

Entlaufen scheint die Menschheit wie

eine Bande losgelassener Schuljungen aus

der humanistisch-idealistischen Schule des

19. Jahrhunderts, gegen dessen

Moralität, wenn denn überhaupt von

Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen

weiten und wilden Rückschlag darstellt. (...)

Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die

Glieder werfende Unbesonnenheit, die

orgiastische Verleugnung von Vernunft,

Menschenwürde, geistiger Haltung in

irgendeiner Seelenschicht des Deutschtums

wirklich zu Hause? Dürfen die Verkünder

des radikalen Nationalismus sich allzuviel

einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie

gefunden, und ist der Nationalsozialismus

parteimäßig gesehen nicht vielleicht ein

Koloss auf tönernen Füßen?

Thomas Mann am 17. Oktober 1930 in Berlin

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