Die Vision von DIGITALEUROPE

digitaleurope.org

Die Vision von DIGITALEUROPE

„EINE AGENDA DES WANDELS FÜR DAS DIGITALE ZEITALTER“

Die Vision von DIGITALEUROPE

für das Jahr 2020


„DIE WELT STEHT AN EINEM WENDEPUNKT.

GLEICHES GILT FÜR EUROPA.

EUROPA BRAUCHT IN DIESEN STÜRMISCHEN

ZEITEN EINE AGENDA FÜR DEN WANDEL.“

José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission,

„Eine Vision für die EU im Jahr 2020“, Oktober 2009


DIGITALEUROPE: Kurzporträt

DIGITALEUROPE ist die Stimme der europäischen Digital Economy in den Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnologien

und der Unterhaltungselektronik. DIGITALEUROPE hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wirtschaftlichen

Rahmenbedingungen der europäischen Digitaltechnologie-Branche zu verbessern und den Beitrag dieses

Sektors zu wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Fortschritt in der Europäischen Union zu fördern.

DIGITALEUROPE sorgt für die Mitwirkung der Branche an der Entstehung und Umsetzung von EU-Entscheidungen.

Zu seinen Mitgliedern zählt DIGITALEUROPE 60 weltweit tätige Unternehmen und 40 nationale Wirtschaftsverbände

aus ganz Europa. Insgesamt 10 000 Unternehmen mit 2 Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 1 Billion

Euro sind unter dem Dach der Organisation vereint. Weitere Informationen mit aktuellen Nachrichten und Hinweisen zu

unseren Aktivitäten finden Sie auf unserer Website http://www.digitaleurope.org.

MITGLIEDER

UNTERNEHMEN: Acer, Adobe, Agilent, Alcatel-Lucent, AMD, Apple, Bang & Olufsen, Bose, Brother, Buffalo, Canon,

Cisco, Corning, Dassault Systems, Dell, EADS, Epson, Ericsson, Fujitsu, Hitachi, HP, IBM, Ingram Micro, Intel, JVC,

Kenwood, Kodak, Konica Minolta, Lexmark, LG, Loewe, Micronas, Microsoft, Mitsubishi, Motorola, NEC, Nokia, Nokia

Siemens Networks, Nortel, NXP, Océ, Oki, Oracle, Panasonic, Philips, Pioneer, Qualcomm, Research In Motion,

Samsung, Sanyo, SAP, Sharp, Siemens, Sony, Sony Ericsson, STMicroelectronics, Technicolor, Texas Instruments,

Thales, Toshiba, Xerox.

NATIONALE WIRTSCHAFTSVERBÄNDE: Belgien: AGORIA; Bulgarien: BAIT; Dänemark: DI ITEK, IT-BRANCHEN;

Deutschland: BITKOM, ZVEI; Estland: ITL; Finnland: FFTI; Frankreich: ALLIANCE TICS, SIMAVELEC;

Griechenland: SEPE; Irland: ICT IRELAND; Italien: ANITEC; Litauen: INFOBALT; Niederlande: ICT OFFICE, FIAR;

Norwegen: ABELIA, IKT NORGE; Österreich: FEEI; Polen: KIGEIT, PIIT; Portugal: AGEFE, APDC; Rumänien:

APDETIC; Schweden: IT&TELEKOMFÖRETAGEN; Schweiz: SWICO; Slowakische Republik: ITAS; Slowenien:

GZS; Spanien: AETIC, ASIMELEC; Tschechische Republik: ASE, SPIS; Türkei: ECID, TESID, TÜBISAD; Ukraine:

IT UKRAINE; Ungarn: IVSZ; Vereinigtes Königreich: INTELLECT; Weißrussland: INFOPARK; Zypern: CITEA.

DIGITALEUROPE dankt seinen Mitgliedern für ihre Beiträge zum vorliegenden Weißbuch. Besonderer Dank geht an die

folgenden Mitglieder für deren finanzielle und inhaltliche Unterstützung der Initiative „Die Vision von DIGITALEUROPE

für das Jahr 2020“:


INHALT

7 Executive Summary

24 Kapitel 1: Digitale Technologien als Triebkräfte des Wandels

34 Kapitel 2: Digitale Technologien als Triebkräfte des Wandels: Branchen- und Fallbeispiele

50 Kapitel 3: Die Zukunft des IKT-Sektors in Europa

56 Kapitel 4: Bausteine

70 Empfehlungen: Zur Verwirklichung der digitalen Vision für Europa

P 3


ÜBER das vorliegende

Weißbuch

Mit der Veröffentlichung des vorliegenden Weißbuchs verfolgt

DIGITALEUROPE die Absicht, ein breites Spektrum

an Expertenmeinungen aus Forschung und Analyse aus

einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen zusammentragen

und auf diesem Wege einen ebenso neuartigen wie

überzeugenden Aktionsplan zu entwickeln, der einen im

Zeichen des Erfolgs und der Wettbewerbsfähigkeit stehenden

Weg Europas in das „digitale Zeitalter“ aufzeigt.

Wo immer sich die Möglichkeit dazu bot, haben wir unsere

Einschätzungen mit Belegen versehen. Mit diesem auf

Forschungsergebnissen aufbauenden Weißbuch möchte

DIGITALEUROPE den europäischen Entscheidungsträgern

auf politischer Ebene die wichtigsten Werkzeuge und

Informationen zur digitalen Zukunft Europas und zu den

Voraussetzungen für Wettbewerbsfähigkeit in einer globalisierten

Welt an die Hand geben.

Das Weißbuch gliedert sich in zwei Teile.

Teil I besteht aus den Kapiteln 1, 2 und 3 und zeigt, warum

die Umsetzung der Vision Präsident Barrosos von der EU

im Jahre 2020 in erster Linie davon abhängig sein wird,

das Potential digitaler Technologien als Triebkräfte des

Wandels umfassend zu erschließen.

Teil II, bestehend aus Kapitel 4 und den Empfehlungen,

nennt konkrete Maßnahmen für eine Digitale Agenda zur

Beförderung von wirtschaftlichem Wachstum und Wohlstand

in Europa.

(Ein Wort zu den Begriffen „digitale Technologien“ und

„IKT“, die wir im Folgenden immer wieder verwenden werden:

„IKT“ steht für „Informations- und Kommunikationstechnologien“

und bezeichnet als gängiges Akronym die

auf Informations- und Kommunikationstechnologien – bei

denen es sich inzwischen nahezu ausnahmslos um Digital-Technologien

handelt – aufbauenden Industriesparten.)

P 4


VORWORT EINE AGENDA DES WANDELS FÜR DAS DIGITALE ZEITALTER

VORWORT EINE AGENDA DES WANDELS

FÜR DAS „DIGITALE ZEITALTER“

Die Mitgliedsunternehmen und -verbände von DIGITAL-

EUROPE teilen uneingeschränkt Präsident Barrosos Einschätzung

der Dringlichkeit seines Anliegens und schließen

sich seinem Aufruf zu einer Agenda des Wandels an.

Die in den nächsten Jahren eingeschlagene Richtung wird

zu einem Großteil darüber entscheiden, welchen Platz Europa

in den kommenden Jahrzehnten in der Welt einnehmen

wird. Auch die folgende Einschätzung des Kommissionspräsidenten

findet unsere volle Zustimmung:

„ Einiges von dem, was wir dazu

brauchen, haben wir bereits,

nämlich die verschiedenen von

der EU in den jüngsten Jahren

entwickelten Strategien und

Instrumente. Allerdings wurden all

diese Strategien und Instrumente

separat erarbeitet: Sie bieten keine

ganzheitliche Sicht der Art von

Gesellschaft, die wir für die Zukunft

gestalten wollen.

Wir müssen die gegenwärtige

Lissabon-Strategie überarbeiten,

um auch den Zeitraum nach 2010 zu

berücksichtigen, indem wir aus ihr

eine Strategie für Konvergenz und

Koordinierung machen, damit wir zu

dieser integrierten Vision der EU im

Jahr 2020 gelangen. “

José Manuel Barroso,

Präsident der Europäischen Kommission

Präsident Barrosos Aufruf zur Ausarbeitung einer solchen

Agenda des Wandels und einer integrierten Strategie darf

und wird nicht ungehört verhallen. Nicht wenige einflussreiche

Organisationen und Stimmen werden zweifelsohne

ihre höchstwillkommenen Gedanken und Erfahrungen in

diese gemeinsame Anstrengung einbringen. Die Mitglieder

von DIGITALEUROPE bekennen sich zu ihrer Verantwortung,

auf die Initiative des Kommissionspräsidenten zu

reagieren, beinhaltet doch der „Wendepunkt“, von dem er

spricht, die grundlegenden Elemente, auf denen es eine

europäische Gesellschaft aufzubauen gilt, in der alle am

digitalen Zeitalter teilhaben.

In diesem neuen Zeitalter ist die digitale Technologie bereits

zum Leitmoment des Wandels geworden. Am Anfang

einer ganzheitlichen Sicht, wie sie Präsident Barroso

fordert, muss die folgende Einsicht stehen: Wir leben in

einem Zeitalter, dessen historische Bedeutung sich durchaus

mit dem Gutenberg-Zeitalter des 15. Jahrhunderts

vergleichen lässt, das seinerzeit die Renaissance einleitete,

dem Dampfmaschinen-Zeitalter des 18. Jahrhunderts,

das am Beginn der industriellen Revolution stand, oder

auch mit dem Zeitalter der Erschließung der elektrischen

Energie, das den Beginn der bis heute währenden Epoche

der Wirtschaftsgeschichte markierte. Wie jene Technologien

des Wandels zu ihrer Zeit sind Digital-Technologien

weltweit rasch zu den zentralen neuen Antriebskräften für

Produktivitätswachstum, Innovation und Wissenstransfer

aufgestiegen.

Und dabei stehen wir erst am Anfang. Im digitalen Zeitalter

wird die Entwicklung und sich ausbreitende Nutzung

leistungsstarker Digital-Technologien dem wirtschaftlichen

und sozialen Wandel innerhalb wie außerhalb der Grenzen

Europas einen kräftigen Schub verleihen. Diejenigen,

die sich Digital-Technologien als das zentrale Moment des

Wandels dieses neuen Zeitalters zu eigen machen, werden

prosperieren, die anderen werden an Bedeutung verlieren.

Europa ist hinter den Zeitplan der Lissabon-Ziele

zurückgefallen, weil wir es bislang versäumt haben, der

digitalen Revolution den Stellenwert einzuräumen, der ihr

innerhalb unserer Strategie zukommen muss. Wenn wir

dies erst einmal tun, so wird Europa, um mit Präsident

Barroso zu sprechen, „sein ganzes Potential dazu nutzen

können, in einer Welt voller Herausforderungen als Vorreiter

auf dem Weg zum Fortschritt voranzugehen“.

P 5


Das digitale Zeitalter stellt für Europa keine Bedrohung

dar. Im Gegenteil eröffnet es unendlich viele Möglichkeiten,

unsere Stärken auf neue und produktive Art und Weise

zu unserem Vorteil zu nutzen und so das wirtschaftliche

Fundament, auf dem unser Sozialstaatsmodell ruht, auch

in Zeiten einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung zu

erhalten.

Europa kennzeichnet enorme kreative Energie und schöpferisches

Talent ebenso wie ein tief verwurzeltes Bekenntnis

zu den Menschenrechten, zur Würde des Einzelnen,

zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wir verfügen über

weltweit führende Unternehmen und technische Errungenschaften

in allen Bereichen des industriellen Gefüges.

Wir haben mit großem Erfolg einen sich über den gesamten

Kontinent erstreckenden Binnenmarkt geschaffen.

Die europäischen Unternehmen und Zivilgesellschaften

nehmen großen Anteil an der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen

Entwicklung der Schwellenländer rund um

den Erdball.

Wir stehen bereit, auf dem zu einem Großteil durch Digital-Technologien

geebneten Weg hin zu einer emissionsarmen,

ressourcenschonenden Ökonomie die globale

Führungsrolle zu übernehmen. Als der weltweit führende

Handels- und Exportraum liegt es im vitalen Interesse Europas,

internationale Handelsgespräche zu führen, um einen

freien, ausgewogenen, offenen und fairen Handel als

treibende Kraft für Produktivität, Innovation, gesteigerte

Wettbewerbsfähigkeit und die Schaffung von Arbeitsplätzen

insbesondere im IKT-Bereich und weiteren Technologien

mit Energiesparpotential zu erzielen.

Im Rahmen seiner Vision für das Jahr 2020 unterstreicht

Präsident Barroso: „Die nächste (sic) Europäische Kom-

P 6

Die Europäische Kommission wird

eine Europäische Digitale Agenda

erarbeiten, um die Haupthemmnisse

für einen echten Digitalen Binnenmarkt

zu beseitigen, Investitionen für das

Hochgeschwindigkeits-Internet zu

fördern und eine inakzeptable, digitale

Kluft‘ zu verhindern. “

José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen

Kommission, „Eine Vision für die EU im Jahr 2020,

Oktober 2009

mission wird eine ‚Europäische Digitale Agenda‘ (mit einem

entsprechenden Legislativprogramm) erarbeiten, um

die Haupthemmnisse für einen echten Digitalen Binnenmarkt

zu beseitigen, Investitionen für das Hochgeschwindigkeits-Internet

zu fördern und eine inakzeptable ,digitale

Kluft‘ zu verhindern.“

Die Mitglieder von DIGITALEUROPE begrüßen diesen

Ausgangspunkt der digitalen Programmatik Präsident

Barrosos. Das vorliegende Weißbuch macht sich seine

Zielsetzung zu eigen und vertieft dabei zentrale Elemente.

Bei der Digitalen Agenda geht es um eine Stärkung

der europäischen Industrie insgesamt durch den Einsatz

digitaler Technologien. An allererster Stelle stehen die

flächendeckende Einführung und innovative Nutzung unserer

Produkte und Dienstleistungen in allen Bereichen

von Wirtschaft und Gesellschaft – Hand in Hand mit einer

ebenso flächendeckenden Verbreitung digitaler Qualifikationen

und Fertigkeiten. Wenn auch unser eigenes

Wachstum und unsere eigene Innovationsfähigkeit für die

Zukunft Europas unverzichtbar sind: Die Mitglieder von

DIGITALEUROPE stehen bereit, in Zusammenarbeit mit

den politischen Entscheidungsträgern Europas unser aller

digitale Zukunft zu errichten.


EXECUTIVE SUMMARY DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

EXECUTIVE SUMMARY Kapitel 1

„DIGITALE TECHNOLOGIEN

ALS TRIEBKRÄFTE

DES WANDELS “

Im Mittelpunkt der Strategie für Europa im Jahr 2020 steht zu

Recht die Wettbewerbsfähigkeit als die entscheidende Bedingung

für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen

in der globalisierten Ökonomie des 21. Jahrhunderts.

Wettbewerbsfähigkeit bedarf einer unablässigen Produktivitätssteigerung

und ständiger Innovationen bei Produkten,

Dienstleistungen, Geschäftsprozessen und Geschäftsmodellen.

Die Priorität jeglichen Ziels der Politik für

Europa im Jahre 2020 sollte von daher deren Beitrag zu

beidem widerspiegeln.

Europa muss dringend seinen gegenwärtigen Produktivitätsrückstand

gegenüber führenden Wettbewerbern

verringern, vor allem gegenüber den USA und Japan, inzwischen

jedoch auch gegenüber Indien und China. Angesichts

unserer immer älter werdenden Bevölkerung haben

wir hierzu keine Alternative. Wie die Europäische Kommission

in ihrem 2009 Ageing Report betont: „In zehn Jahren

wird die Arbeitsproduktivität zur wichtigsten Determinante

künftigen Wirtschaftswachstums [Europas] werden.“

Dieser Bericht führt eine Vielzahl an unanfechtbaren Beweisen

ins Feld, wonach der Einsatz von Digital-Technologien

im vorgelagerten Bereich bereits zur führenden

Triebkraft des Wandels geworden ist, die gleichermaßen

Produktivitätswachstum, Innovation und die Schaffung

von Arbeitsplätzen in jedem Markt und sozialen Dienstleistungssektor

der europäischen (wie auch der globalen)

Wirtschaft befördert. Und dies ist erst der Anfang, wächst

das transformative Potential digitaler Technologien doch

seinerseits rasch weiter an.

Die zur Erschließung dieses produktivitätssteigernden Potentials

erforderlichen Bausteine müssen daher den Kern

der Strategie für Europa im Jahr 2020 bilden. Umgekehrt

ist ein durch digitale Technik vorangetriebener wirtschaftlicher

und sozialer Wandel unverzichtbar für die Bewahrung

des europäischen Sozialstaatsmodells und die Ausschöpfung

unseres Potenzials, auf dem Gebiet des Klimaschutzes

die Führungsrolle zu übernehmen.

Zwar deuten die Prognosen auf eine stable Gesamtbevölkerungszahl

bis zum Jahr 2060 hin, doch sind erhebliche

demografische Verschiebungen im Gange. Dem Rückgang

von vier auf zwei Personen im erwerbsfähigen Alter

(15–64 Jahre) auf jeden älteren Mitbürger (ab 65 Jahre)

wird Rechnung zu tragen sein. Will Europa sein Sozialstaatsmodell

bewahren, wird es die Erwerbstätigenquote

und die Produktivität steigern und die in den Bereichen

Altersversorgung, Gesundheitswesen und Langzeitpflege

bestehenden Systeme reformieren müssen. Allein ein

durch digitale Technik vorangetriebener Wandel vermag

dies zu bewerkstelligen. Die Erschließung der „Silver Economy“

wird gleichzeitig in dem Maße, wie die Bevölkerung

Europas immer älter wird, zunehmend vom wirksamen

Einsatz digitaler Technologien abhängen.

Digitale Technologien sind dabei, die Natur der mit dem

Klimawandel einhergehenden Herausforderungen grundlegend

zu verändern – indem sie Wissenschaftlern zu

einem besseren Verständnis der sich stellenden Probleme

verhelfen, branchenspezifische Innovationen fördern,

neue Wirtschaftszweige und Geschäftschancen in der sich

rasch wandelnden „Green Economy“ entstehen lassen,

die Unternehmen wie Privatpersonen eine Senkung ihres

CO2-Ausstoßes ermöglichen sowie Bewusstsein schaffen

und Debatten anstoßen, die die Führungsposition Europas

bis zum Jahr 2020 und darüber hinaus etablieren und

bewahren helfen werden.

P 7


EXECUTIVE SUMMARY Kapitel 2

• Energie: Die drei langfristigen Ziele Europas im Bereich

der Energiepolitik – geringere Abhängigkeit von einzelnen

Energieträgern, verringerte Treibhausgasemissionen

sowie ein wettbewerbsfähiger, sich über den

gesamten Kontinent erstreckender Binnenmarkt – sind

unmittelbar abhängig vom Potential der Digital-Technologien

eigenen Potential, den Wandel zu befördern, vom

Fernleitungsnetz bis hin zur Kontrolle des Endabnehmers

über seinen Verbrauch.

• Produzierendes Gewerbe/Automobilindustrie: Der

Wandel sämtlicher Produktionsbereiche im Sinne einer

kundenseitig geforderten Innovation auf Grundlage einer

nachhaltigen Ressourcennutzung und integrierter

Fertigungszyklen steht und fällt mit einer flächendeckenden

Durchdringung und Nutzung digitaler Technologien.

• Transport und Logistik (T&L): Transport- und Logistikunternehmen

sind dabei, sich von reinen Speditionsunternehmen

zu hoch automatisierten, IKT-gestützten

Lieferketten-Dienstleistern zu entwickeln. Das auf einem

mobilen „Internet der Dinge“ aufbauende Dienstleistungsangebot

ist für den Sektor von besonderer

strategischer Bedeutung, ebenso wie digitale Lösungen

zur Verkehrslenkung, Emissionsreduzierung und den

verkehrsmittelübergreifenden Transport.

P 8

„ DIGITALE TECHNOLOGIEN

ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS:

BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE“

Digital-Technologien werden in zunehmendem Maße die Produktivität, nachhaltiges

Wachstum, Innovation und Beschäftigung in allen Bereichen der europäischen

Wirtschaft auf vielerlei Weise voranbringen. Am deutlichsten lässt sich dies anhand

einer Aufschlüsselung der Ebenen Industriesektoren, Einzelorganisationen und

Selbstbemächtigung zeigen. Europaweite Trends, Fallbeispiele und Erfolgsfaktoren

aus sechs Bereichen helfen dabei, ein Gesamtkonzept für ein produktives,

innovatives digitales Europa im Jahr 2020 zu entwerfen.

• Kleine und mittlere Unternehmen (KMU): Die unternehmerische

Aktivität geht zu 99 % von schätzungsweise

23 Millionen Unternehmen in Europa aus, die zwei

Drittel der Arbeitsplätze im privaten Sektor (75 Millionen)

und, was noch wichtiger ist, rund 80 % der Jobs stellen,

die in den vergangenen fünf Jahren neu geschaffen

worden sind. Die KMU benötigen einen On-Demand-Zugang

zu digitalen Werkzeugen, die bei der Überwindung

von Entfernungen helfen und bei der Bereitstellung von

Dienstleistungen auf Abruf, der Schaffung von virtuellen

Unternehmen und einer vermehrt vernetzten Innovation

Unterstützung leisten.

• Gesundheitsfürsorge: Das traditionelle Modell einer

Gesundheitsfürsorge, die auf einer Behandlung akuter

Erkrankungen aufbaut, wird sich in Zeiten einer zunehmenden

Alterung der europäischen Bevölkerung nicht

länger fortführen lassen. Die umfassende Erschließung

des Digital-Technologien eigenen Potentials, den Wandel

zu befördern, stellt den Schlüssel für den Übergang

hin zu einer „kontinuierlichen Gesundheitsfürsorge“ dar,

während sie zugleich Qualität und Produktivität in dem

Maße steigern wird, wie Praxis und Bereitstellung der

Gesundheitsfürsorge sich weiterentwickeln.


EXECUTIVE SUMMARY DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS:

BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

• Selbstbemächtigung: Demokratische Gesellschaften

werden für die sich über digitale Plattformen kollektiv und

individuell äußernden Bürger ein offenes Ohr haben und

darauf entsprechend reagieren. Selbstbemächtigung ist

in allen Bereichen unserer Wirtschaft wie auch unserer

Gesellschaft ein zentrales Element des transformativen

Potentials digitaler Technologien. In dem Maße, wie digitale

Technologien leistungsfähiger werden, wird auch

die Selbstbemächtigung wachsen.

P 9


EXECUTIVE SUMMARY Kapitel 3

Keine Region der Welt wird ihre Wirtschaftskraft allein

auf Grundlage importierter digitaler Kompetenzen, Produkte

und Dienstleistungen zu bewahren vermögen. Einheimische

Qualifikationen, Innovationen, Produkte und

Dienstleistungen sind für Wachstum und Wohlstand unverzichtbar.

Keiner Region der Welt wird es gelingen, den

benötigten IKT-Sektor zu bewahren, wenn dieser nicht als

zentraler Job- und Wachstumsmotor auch für die internationalen

Märkte funktioniert.

IKT sind heute eines der großen Wachstumssegmente in

Industrie, Technologie und Beschäftigung in Europa. Im

Vergleich zu anderen führenden Regionen zeigt sich jedoch,

dass wir mehr tun können und auch mehr tun müssen.

Insbesondere haben wir unser Augenmerk darauf

zu richten, in diesen von besonders starkem Wachstum

gekennzeichneten Sektoren unsere Leistung zu steigern

und eine Führungsrolle einzunehmen. Die relative Schwäche

Europas auf dem Gebiet der Produktion von IKT-

Hardware muss sich von daher nicht als verhängnisvoll

erweisen, wenn es nur gelingt, unsere Stärken und unsere

Leistungsfähigkeit in den wertschöpfungsintensiven

Bereichen der Wachstumssegmente zu bewahren – jenen

drei Segmenten, in denen unsere Zukunft liegt:

Next-Generation Networks und mobile Breitbanddienste:

Vor uns liegt ein riesiger globaler Markt für mobile

Breitbanddienste, ein Bereich, in dem die bestehende

europäische Führungsposition angesichts einer sich ankündigenden

harten Konkurrenz durch Marktteilnehmer

aus Niedriglohnländern, insbesondere in Asien, sorgsam

gepflegt und wahrgenommen sein will.

P 10

„DIE ZUKUNFT DES

IKT-SEKTORS IN EUROPA “

Europa muss Heimat- und Gastland eines dynamischen IKT-Sektors

werden, der mit Politik, Umwelt, Kultur und Politik eng verwoben ist.

Einheimische IKT sind unverzichtbar und von zentraler Bedeutung für

das neu erstandene digitale Zeitalter.

Software: Die zur Schaffung von Wirtschaftswachstum,

zur Beförderung eines gesellschaftlichen Wandels und

zur Erhaltung unserer Umwelt nötige Innovation hängen

von IKT ab, in deren Mittelpunkt Software steht. Letztere

jedoch wird in zunehmendem Maße weniger als Produkt,

das man einfach nutzt, denn vielmehr als Dienstleistung

wahrgenommen, was für das Wesen der Software nicht

ohne Folgen bleibt. Dieser Paradigmenwechsel, der alle

Marktteilnehmer derzeit vor erhebliche Herausforderungen

stellt, eröffnet der europäischen Software-Industrie

ungeheure Möglichkeiten. In dieser neuen Welt eines

Wettbewerbs mit veränderten Spielregeln muss Europa

seinen Platz finden.

Internet der Zukunft: Viele, wenn nicht gar alle dieser

sich durch Software eröffnenden Chancen erwachsen aus

der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Internets als

der primären Kommunikationsinfrastruktur des digitalen

Zeitalters. Zentrale Begriffe in diesem Zusammenhang

sind das „Internet der Dinge“ und das „Internet der Dienste“.

Die Nutzung der durch dieses „Internet der Dinge“ und

das „Internet der Dienste“ künftig eröffneten grenzenlosen

Chancen wird zu einem zentralen Wachstumsmotor in allen

wissensorientierten Gesellschaften werden.


EXECUTIVE SUMMARY DIE ZUKUNFT DES IKT-SEKTORS IN EUROPA

„ Vor uns liegt ein riesiger globaler

Markt für mobile Breitbanddienste… “

P 11


EXECUTIVE SUMMARY Kapitel 4

„BAUSTEINE

• Digitale Infrastruktur/Next-Generation Networks

• Internet der Zukunft/Next-Generation Services

(Internetdienstleistungen einer neuen Generation)

• Digitaler Binnenmarkt

• IKT-Forschung und -Entwicklung

• E-Skills (Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang

mit neuen Medien)

• Online Trust & Security (Vertrauen und Sicherheit

im Bezug auf Online-Inhalte)

• Handelspolitik

P 12

FÜR DIE ZUKUNFT “

Die praktische Umsetzung der in den vorangegangenen Kapiteln dargelegten

digitalen Vision für Europa verlangt nach einer konzertierten Aktion

zur Etablierung von sieben zentralen Bausteinen, die es umgehend in Angriff

zu nehmen gilt:

• Digitale Infrastruktur/Next-Generation Networks:

Gewinner in der digitalen Welt von morgen werden jene

sein, die flächendeckende Zugangsmöglichkeiten zum

Internet bieten, die 1) die Übertragung großer Datenvolumina

mit hohen Geschwindigkeiten in beide Senderichtungen

gestatten und 2) dies gleichermaßen über

kabelgebundene, drahtlose und satellitengestützte Verbindungen

bewerkstelligen. Diese Fähigkeiten werden

eine Explosion neuer und faszinierender netzwerkgestützter

interaktiver digitaler Dienste bewirken. Europa

ist für eine digitale Infrastruktur bestens positioniert, wir

müssen jedoch bei der Entwicklung und Implementierung

von Technologie weiterhin mit an erster Stelle stehen,

wollen wir die Möglichkeit zur „Überall-Teilnahme“

bieten.

• Internet der Zukunft/Next-Generation Services (Internetdienstleistungen

einer neuen Generation):

Das Internet der Zukunft wird für beinahe alle Branchen

einen Innovationsmotor darstellen und die Zukunft der

Dienstleistungsökonomie formen. Die im Entstehen

begriffenen webgestützten Wirtschaftszweige werden

enorme Chancen für Wachstum und Beschäftigung bieten.

Die USA sind derzeit führend in der Entwicklung von

Internetdienstleistungen einer neuen Generation, andere

Regionen und Länder wie Südkorea und China holen

jedoch rasch auf. Europa muss darauf achten, sowohl

bei der Entwicklung als auch bei der Wahrnehmung solcher

Next-Generation Internet Services zu den führenden

Nationen aufzuschließen. Die marktverändernden

Technologien des „Internets der Dinge“ und des „Internet

der Dienste“ bedeuten für Europa eine riesige Chance,

vorausgesetzt, wir setzen uns an deren Spitze.


EXECUTIVE SUMMARY BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

• Digitaler Binnenmarkt: Es ist an der Zeit, die Schaffung

eines digitalen Binnenmarkts zu einem zentralen

Schwerpunkt der Digitalen Agenda und Vision für Europa

im Jahr 2020 zu machen. Europa hat die meisten

Hemmnisse im grenzüberschreitenden Waren- und

Dienstleistungsverkehr erfolgreich beseitigt. Online-

Kanäle für den Binnenhandel mit denselben Waren und

Dienstleistungen dagegen sind angesichts der national

unterschiedlichen Regelungen in Bezug auf Online-Aktivitäten

in erheblicher Weise durch eine Zersplitterung

des Binnenmarkts gefährdet.

Zu den noch zu überwindenden Hürden und Problemen

zählen: unterschiedliche Handhabung von Nutzungsrechten;

für das digitale Zeitalter ungeeignete

Urheberrechtsabgaben; voneinander abweichende Datenschutzbestimmungen;

unterschiedliche Regelungen

zum Verbraucherschutz; widerstreitende Sichtweisen

zur Providerhaftung; technologieneutrale Normen; eine

mangelnde Harmonisierung der Funkfrequenzen; das

Fehlen eines effizienten Zahlungssystems zur Abwicklung

grenzüberschreitender Transaktionen oder auch

das bislang fehlende europaweite Konzept für ein organisiertes

Recycling in großem Maßstab.

• Forschung und Entwicklung im Bereich IKT: Es

bedarf erneuter und konzertierter europaweiter Anstrengungen

zur Gewährleistung einer produktiven

Forschung und Entwicklung auf Spitzenniveau im IKT-

Bereich, die im internationalen Wettbewerb mitzuhalten

vermag.

• E-Skills (Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang

mit neuen Medien): Wir müssen sowohl unseren IKT-

Sektor vergrößern als auch die Ausbildung von Fachkräften

vorantreiben, die über die auf den verschiedenen

Ebenen der Wertschöpfungskette erforderlichen

Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen. Aktuell bietet sich

diesbezüglich ein alarmierendes Bild dar. Wollen wir die

Chancen nutzen, die das digitale Zeitalter bietet, müssen

wir den gegenwärtigen Trend korrigieren.

• Online Trust & Security (Vertrauen und Sicherheit

im Bezug auf Online-Inhalte) Eine vertrauenswürdige

und sichere Online-Umgebung stellt für die Entwicklung

der digitalen Ökonomie Europas und eines digitalen

Binnenmarktes eine Grundvoraussetzung dar. Im gleichen

Maße, in dem unsere Abhängigkeit vom Internet

wächst, wächst auch die Besorgnis im Hinblick auf

dessen Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit unter allen

Benutzergruppen – Privatpersonen (einschließlich

Kindern), Unternehmen und staatlichen Einrichtungen.

Die absehbare explosionsartige Ausbreitung digitaler

Dienste wird die Nachfrage nach stabilen und sicheren

Netzwerken anwachsen lassen, nicht zuletzt auch nach

einer Rahmenstruktur zur sicheren Abwicklung von Online-Zahlungen.

• Handelspolitik: Die europäische Digitaltechnologiebranche

muss, will sie auf internationaler Ebene erfolgreich

und wettbewerbsfähig agieren, Vorteil aus den

Chancen ziehen, die der internationale Handel bietet.

IKT-Produkte bestehen nicht selten aus Hunderten von

Komponenten, die aus verschiedenen Ländern und von

mehreren Herstellern bezogen werden. Diese Produkte

können und sollten Abnehmer in aller Welt finden. Zur

Gewährleistung eines internationalen Zugangs zu Innovation,

höchster Qualität, den günstigsten Preisen und

den größten Märkten bedarf es eines deregulierten Handelsumfelds.

P 13


EMPFEHLUNGEN zur Verwirklichung der digitalen Vision für Europa

DIGITALEUROPE hofft, dass das vorliegende Weißbuch deutlich vor Augen führt, warum die im Folgenden

aufgeführten Maßnahmen im Mittelpunkt des digitalen Wandels stehen müssen, dem sich

Europa zu unterziehen hat. Dieser Wandel ist das Fundament für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige

Ökonomie und eine erfolgreiche Digitale Agenda für Europa.

Um dem IKT-Sektor den Weg zu ebnen, damit er seine Rolle wahrnehmen kann, ist es erforderlich,

IKT in die Wachstums-, Beschäftigungs- und Mittelstandsförderungspolitik der EU und ihrer

Mitgliedsstaaten aufzunehmen. DIGITALEUROPE möchte der Europäischen Kommission, dem Europäischen

Parlament und deren Mitgliedsstaaten die folgenden Empfehlungen unterbreiten:

1. Förderung der IKT-Infrastruktur

Europa muss sich zum Ziel setzen, bis zum Jahr 2015

weltweite Führung bei der IKT-Infrastruktur durch die

Schaffung einer lückenlosen Breitbandversorgung mit einer

Nutzbandbreite von mindestens 2000 kbit/s für jeden

Anwender zu erreichen und dabei mindestens 30 % der

Infrastruktur auf Lichtwellenleiter zu gründen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Schaffung eines investitionsfreundlichen Rahmens für

Next-Generation Networks (NGN), der unter anderem

- für Rechtssicherheit sorgt,

- Investitionen fördert,

- dem Gebot der Technologieneutralität folgt und

die diesbezügliche Wahl Diensteanbietern, Investoren

und Verbrauchern überlässt und

- einen diskriminierungsfreien Zugang zur Infrastrukturverlegung

vorsieht, den Zugang zu Kabelkanälen

vereinfacht und damit die Hemmschwelle

für Investitionen erheblich senkt.

• Verständigung auf einen europaweiten Pakt zur Implementierung

von Breitbandleitungen unter Inanspruchnahme

des EU-Regionalfonds, öffentlicher und privater

Mittel.

• Einrichtung einer hochkarätigen, mit Branchenexperten

besetzten EU-Task-Force mit dem Auftrag, eine Strategie

für die künftige IKT-Infrastruktur zu entwickeln.

• Vereinfachung der Nutzung der durch freiwerdende

Analogfrequenzen geschaffenen „digitalen Dividende“

für neue mobile Breitbanddienste durch ein harmonisiertes

und technologieneutrales gesamteuropäisches

Konzept, das Einsparungen von erheblichem Umfang

ermöglicht und Interferenzproblemen an

Landesgrenzen ein Ende setzt, ohne den bestehenden

Digital-TV-/HDTV-Empfang in

irgendeiner Weise zu beeinträchtigen.

P 14

Ein Zugang zu Niederfrequenzbändern, deren Ausbreitungscharakteristik

eine großflächige Abdeckung

ermöglicht, ist von entscheidender Bedeutung für die

Schaffung einer Breitbandversorgung außerhalb der

Ballungsräume unter Nutzung von Mobilfunktechnologien,

die insbesondere einen Zugang zu allen erwarteten

Internet-Diensten eröffnen.

• Beschleunigung der Zuweisung und Vergabe sonstiger

für drahtlose Breitbandtechnologien geeigneter Frequenzbänder

durch die Mitgliedsstaaten, insbesondere

im Band zwischen 2,3 und 2,6 GHz.

• Fortführung der Förderung geeigneter Investitionen im

öffentlichen Sektor, öffentlich-privater Partnerschaften

und steuerlicher Anreize für eine verbesserte Breitbandversorgung.

• Umstellung der E-Government-Netzwerke und Serviceangebote

der Mitgliedsstaaten auf IPv6.

• Proaktiver Start von Initiativen im Bemühen, Defiziten

bei E-Skills auf Hochschulebene und im Rahmen der lebenslangen

Weiterbildung zu begegnen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Im Rahmen ihrer Strategie für Europa im Jahr 2020 hat

sich die EU zum Ziel gesetzt, bis 2013 eine flächendeckende

Breitbandversorgung und bis 2020 mindestens

30 Mbit/s für alle sowie 100 Mbit/s für mindestens 50 %

aller Haushalte zu erreichen. DIGITALEUROPE begrüßt

diese Zielsetzung.

• Auf einer technologie- und diensteneutralen Grundlage

und unter Einführung eines flexibleren Frequenzmanagements

sollte ein Frequenzspektrum

zur drahtlosen Breitbandübertragung zur

Verfügung gestellt werden.


EXECUTIVE SUMMARY EMPFEHLUNGEN

2. Ein digitaler Binnenmarkt

Die digitalen Stärken Europas in weltweite Wettbewerbsfähigkeit,

Wohlstand und nachhaltige Beschäftigung umzumünzen,

setzt die Schaffung eines europäischen digitalen

Binnenmarkts voraus, in dem sich Geschäfte online

ebenso problemlos tätigen lassen wie über herkömmliche

Kanäle. Der digitale Binnenmarkt erfordert eine weitergehende,

ressortübergreifende Harmonisierung zur Ausräumung

der Hindernisse, die der Bereitstellung eines

gesamteuropäischen Online-Handels- und Dienstleistungsangebots

derzeit noch entgegenstehen. DIGITAL-

EUROPE drängt die EU daher zu einer horizontalen politischen

Entscheidungsfindung zur Beseitigung zahlreicher

Hürden:

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Rasche Verabschiedung der eingebrachten Verbraucherrechte-Richtlinie,

um der Zersplitterung des Marktes

zu begegnen. 1

• Strenge Durchsetzung der EU-Bestimmungen, namentlich

der Richtlinie zum E-Commerce insbesondere im

Hinblick auf die Providerhaftung.

• Erweiterung des jährlichen Binnenmarktanzeigers im

Sinne einer zusätzlichen Schwerpunktsetzung auf den

digitalen Binnenmarkt bei besonderer Berücksichtigung

der digitalen Indikatoren, die gegenwärtig von der spanischen

Präsidentschaft und der OECD gemeinsam erarbeitet

werden. 2

• Vervollständigung des EU-Patentrechts und Verbesserung

des Europäischen Übereinkommens über Patentstreitigkeiten

im Interesse einer Senkung der Kosten,

einer Verbesserung der Rechtssicherheit und zeitgemäßer

Verfahren und Beschlüsse.

• Verbesserung des aktuellen Systems der IKT-Standardisierung

in Europa mit dem Ziel einer Anerkennung und

Übernahme von Normen, die von globalen Normungsgremien

ausgearbeitet worden sind. Die sich auf EU-

Leitlinien beziehenden IKT-Standards haben dabei neutral

zu sein, was Technologie, Bezugsquellen und die

zugrunde liegenden Geschäftsmodelle anbelangt.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Steigerung der Attraktivität und Zugänglichkeit der digitalen

Inhalte innerhalb des gesamten digitalen Binnenmarktes.

• Sukzessiver Abbau von Abgabesystemen für Privatkopien

auf dem Gesetzeswege.

• Harmonisierung der Frequenznutzung zur Bereitstellung

einer größeren Auswahl an Gerätemarken und

modellen sowie Einsparungen durch Skaleneffekte.

• Verfügbarmachung kostengünstiger und sicherer Zahlungssysteme

gegenüber Internetnutzern in ganz Europa.

• Annahme der Neufassung der Altgeräte-Richtlinie

(WEEE) zur Harmonisierung der Registrierungs- und

Berichterstattungsanforderungen bei gleichzeitiger Minimierung

der im Zusammenhang mit der Einhaltung der

Richtlinie entstehenden verwaltungsbedingten Kosten 3 .

1 Europäische Kommission, Vorschlag für eine Richtlinie über Rechte der Verbraucher, http://ec.europa.eu/consumers/rights/docs/COMM_PDF_COM_2008_0614_F_DE_PROPOSITION_DE_DIRECTIVE.pdf | 2 Spanish Proposal for a Digital Europe:

The Granada Strategy, February 24th 2010, http://www.laquadrature.net/files/Granada_Strategy-For_a_digital_Europe.pdf | 3 Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über Elektro- und Elektronik-Altgeräte,

http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2008:0810:FIN:DE:PDF

P 15


„ Europa muss bei Next-Generation-Internet-Anwendungen und

Diensten eine Führungsrolle erringen. Die Gesetzgebungsreformen

müssen einem verbesserten Schutz geistigen Eigentums im

Hinblick auf Patente, Urheberrecht und die Förderung des

Immaterialgüterrechts im Bereich grüner Technologien

Rechnung tragen. “

3. Förderung von Forschung und Entwicklung im

IKT-Sektor

Europa muss durch eine Kombination von verstärkter

Förderung sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene

und die Ausarbeitung von Gesetzesreformen zur Beseitigung

der Zersplitterung zur attraktivsten Region für IKT-

Forschung und -Innovation werden. Als Minimalziel sollte

Europa bis spätestens zum Jahr 2015 seine Zielsetzung

eines Mindestanteils der Aufwendungen für Forschung

und Entwicklung am BIP von 3 % verwirklicht haben. Diese

Maßnahme ist notwendig, reicht allein jedoch nicht aus:

Auch der Überführung von Forschung und Entwicklung in

kommerziell verwertbare Produkte und Dienstleistungen

ist größere Beachtung zu schenken. Europa muss bei

Next-Generation-Internet-Anwendungen und Diensten

eine Führungsrolle einnehmen. Die Gesetzesänderungen

müssen einem verbesserten Schutz geistigen Eigentums

im Hinblick auf Patente, Urheberrechte und die Förderung

des Immaterialgüterrechts im Bereich grüner Technologien

Rechnung tragen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

Die Europäische Kommission sollte dafür Sorge tragen,

dass das RP8 (RP = Rahmenprogramm) ab 2013 mit

erweitertem Umfang die Nachfolge des RP7 antritt, und

die Mitgliedsstaaten dazu ermuntern, ihrerseits ihre Anstrengungen

zu mehren.

• Nutzung der Dynamik des EIT-IKT-KIC zur aktiven Unterstützung

des integrierten Innovationsprozesses und

Herstellung von Verbindungen innerhalb desselben

Bereichs, z. B. den öffentlich-privaten Partnerschaften

(ÖPP) zum „Internet der Zukunft“, den gemeinsamen

Technologieinitiativen (GTI) ARTEMIS und ENIAC, den

Europäischen Technologie-Plattformen zum IKT-Bereich,

den IKT-Clustern.

• Ausrichtung der Europäischen Investitionsbank auf Innovation

in Bereichen, in denen der Markt augenscheinlich

versagt.

• Konzentration des Europäischen Investitionsfonds auf

P 16

die Einrichtung gesamteuropäischer Fonds: 1) Suche

einer Partnerschaft mit institutionellen Anlegern bei themenbezogenen

Fonds, 2) Unterstützung eines Technologietransfers,

3) Ermunterung zu neuen ÖPP.

• Rasche Implementierung der ÖPP-Kommunikation.

• Verweis auf die GTI Sherpas Group bei Änderungen der

rechtlichen und administrativen Regelungen für bestehende

und künftige GTI als ÖPP von größerem Umfang

in der europäischen Forschung.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

Die Europäische Kommission sollte sich für die Einführung

EU-weiter steuerlicher Anreize zur Stimulation

privater Forschung und Entwicklung – im Interesse einer

Steigerung von deren Bedeutung und zur Gewährleistung

gleicher Wettbewerbsvoraussetzungen – aussprechen

und ferner eine EU-weite Forschungs- und

Entwicklungsstrategie in Bezug auf IKT entwickeln, die

steuerliche Anreize einschließt.

• EU-weite Implementierung des Konzepts einer vorkommerziellen

Auftragsvergabe durch die Mitgliedsstaaten

zur Steigerung der Marktdurchdringung neuer Technologien.

• Bindung eines beträchtlichen Anteils des EU-Strukturfonds

an die Umsetzung innovativer IKT-Lösungen. Engere

Zusammenarbeit zwischen der Generaldirektion

„Regionalpolitik“ (DG REGIO) und den Mitgliedsstaaten

sollten, um zu ermitteln, wie sich durch IKT regionale

Entwicklungsunterschiede ausgleichen lassen.

• Deutliche Steigerung der Zuweisung von EIB-Ressourcen

(European Investment Bank, Europäische Investitionsbank)

und EIF-Ressourcen (European Investment

Fund, Europäischer Investitionsfonds) für Risikokapitalinvestitionen

bei privaten Partnern, um der fehlenden

kritischen Masse an Risikokapital in Europa abzuhelfen.

• Bei neuen finanziellen Perspektiven sollten wachstums-

und beschäftigungsintensive Sektoren Vorrangerhalten.


EXECUTIVE SUMMARY EMPFEHLUNGEN

4. Förderung von E-Skills als die für das 21.

Jahrhundert erforderlichen Fertigkeiten und

Qualifikationen

In Anbetracht einer Korrelation von 85 % zwischen E-

Skills und Wettbewerbsfähigkeit muss Europa sich rasch

um eine Verbesserung der digitalen Kompetenzen und

Fertigkeiten seiner Kinder, Lehrer, Beamten und älteren

Mitbürger bemühen. Europa muss sich für das Jahr 2015

ambitionierte Ziele setzen, darunter eine Halbierung der

im Bereich der Medienkompetenz bestehenden Defizite

und die Garantie, dass alle Primar- und Sekundarschulen

über einen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet

verfügen. Bis 2012 sollte die EU dafür sorgen, dass

Schüler an Primar- und Sekundarschulen Unterricht über

die Gefahren und über die sichere Nutzung des Internets

zuteil wird. Alle Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter

sollten Zugang zu Schulungen erhalten, in denen E-Skills

vermittelt werden.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Von öffentlich-privaten Partnerschaften veranstaltete

Werbekampagnen der Mitgliedsstaaten, die Karrieremöglichkeiten

in die Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften

aufzeigen. Solche Kampagnen sollten

daneben die innerhalb der EU bestehenden Defizite bei

E-Skills in den Blickpunkt rücken und das Spektrum und

die Reichweite der Veranstaltungen im Rahmen der ersten

EU-weiten e-Skills Week in ein mehrjähriges Programm

überführen. 4

• Ausstattung aller Primar- und Sekundarschulen mit einem

Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet bis

zum Jahr 2015, und Unterrichtung aller Schüler in der

verantwortungsbewussten und sicheren Nutzung des

Internets.

• Ausrichtung von außerschulischen Veranstaltungen

wie Laborbesuchen oder Unternehmensbesichtigungen

nach Aspekten der Berufswahl mit Schwerpunkt auf den

Wirtschaftszweigen, in denen die EU weltweit wettbewerbsfähig

ist.

• Ausbau von Praktikumsmöglichkeiten, um den Schülern

eine Orientierung in Sachen „marktnahes Wissen” zu

geben, in zwei wichtigen Altersgruppen: 10 bis 12 und

16 bis 17, also zu jenen Zeitpunkten, in denen Teenager

Entscheidungen im Hinblick auf ihre spätere berufliche

Orientierung und ggf. ihren künftigen Studiengang treffen.

• Förderung von Bildung darin, mit dem Wandel umzugehen,

über privat-öffentliche Partnerschaften, die mit

Lernmethoden wie E-Learning experimentieren.

• Einbindung von Technologie in Unterricht und Praktika

sowie einer differenzierten Beurteilung, Einbeziehung

partizipativer Methoden und des Engagements von

Schülern innerhalb wie außerhalb des Klassenzimmers.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Statistische Erfassung der vorhandenen IKT-Qualifikation

zur näheren Ermittlung der vorhandenen Defizite.

Ausarbeitung jährlicher Eurobarometer-Berichte zur Abbildung

der Einschätzungen der Arbeitgeber in Bezug

auf den E-Skills-Bedarf in den kommenden drei bis fünf

Jahren.

• Schaffung von Anreizen für Lehrer, sowohl ihre eigenen

IKT-Kenntnisse auf den neuesten Stand zu bringen als

auch ihre Lehrmethoden im Sinne einer Rationalisierung

der digitalen Wissensvermittlung und aneignung

zu modernisieren. Einführung einer Zertifizierung für

Lehrer zur Bescheinigung von deren IKT-Qualifikation in

Zusammenarbeit mit dem European Schoolnet (EUN) 5 .

• Ausrichtung und Finanzierung von europaweiten Schulwettbewerben

in Mathematik und Naturwissenschaften

durch die Europäische Kommission zur Förderung von

Spitzenleistungen.

• Anstoß einer Initiative zum Einsatz von Mitteln aus dem

EU-Strukturfonds zur Verbesserung der IKT-Kenntnisse,

insbesondere in Kernbereichen wie Green IT, Cloud

Computing und Trust & Security.

4 Die europäische e-Skills Week 2010 wird von DIGITALEUROPE und dem EUN veranstaltet und von der Europäischen Kommission, GD Industrie und Unternehmen finanziell gefördert. Vgl. http://eskills-week.ec.europa.eu. | 5 Vgl. http://www.

eun.org/web/guest/about/thisiseun

P 17


P 18

5. Stärkung von Trust & Security im Internet

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Bewusstseinsbildung bei den Interessenvertretern in

Bezug auf die von der Industrie bereits unternommenen

Maßnahmen im Bereich Vertrauen, Sicherheit und Datenschutz

und Anstoß eines Dialogs unter den Interessenvertreternrn.

6

• Initiierung von (durch öffentlich-private Partnerschaften

veranstaltete) Kampagnen zur Bewusstseinsbildung auf

Ebene sowohl der EU als auch der Mitgliedsstaaten zur

Hervorhebung der Bedeutung von Datenschutz und Sicherheit

im weiter gefassten Kontext der Medienkompetenz.

6 Response to European Commission Consultation on the Legal Framework for the fundamental right to protection of personal data (Antwort auf eine an die Europäische Kommission gerichtete Anfrage zum gesetzlichen Rahmen bezüglich des

fundamentalen Rechtes auf Schutz der persönlichen Daten), http://www.digitaleurope.org/index.php?id=1070&id_article=393


EXECUTIVE SUMMARY EMPFEHLUNGEN

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Harmonisierung der nationalen Bestimmungen zum

Schutz der Privatsphäre und zum Datenschutz, Verschlankung

der Verwaltungsabläufe und Orientierung

hin zu einer nachträglichen Beurteilung anstelle einer

Vorabkontrolle.

• Überprüfung des gesetzlichen Rahmens zum Datenschutz

in der Weise, dass

- nationale Bestimmungen untereinander harmonisiert

und Verwaltungsabläufe verschlankt werden.

Dies steigert die Berechenbarkeit und stärkt den

digitalen Binnenmarkt. Abweichende Implementierungen

des EU-Datenschutzgesetzes sind dabei zu

vermeiden. Es bedarf der Zusammenarbeit auf internationaler

Ebene zur Schaffung eines vorteilhaften,

konsistenten regulatorischen Umfelds. Künftige

Fortschreibungen der Überprüfung haben dem Umstand

Rechnung zu tragen, dass die Technologieneutralität

einen Grundpfeiler der Datenschutzrichtlinie

darstellt und daher stets gewahrt bleiben muss.

- die Exekutive erst im Schadensfall wirksam aktiv

wird und sich dabei in erster Linie auf nachteilige

Auswirkungen auf den Schutz der Privatsphäre

oder auch der Grundrechte der Bürger Europas

konzentriert.

- die Bestimmungen hinsichtlich der Weitergabe personenbezogener

Daten an andere Länder zu einem

gemeinsamen europäischen System zusammengefasst

wird, und dies in einem globalen Kontext, um

das globale Wesen des Internets zum Ausdruck zu

bringen. Ein auf Rechenschaftspflicht gründendes

Datenschutzmodell könnte sich hierbei als hilfreich

erweisen.

• Verbesserung der Sicherheit durch

- die Einrichtung einer öffentlich-privaten Partnerschaft

zur Gewährleistung einer ausreichenden

Belastbarkeit der betriebswichtiger Infrastrukturen,

wobei diese ÖPP einen Austausch über Best

Practices im Umgang mit Ausfällen solcher Infrastrukturen

(auch infolge von Naturkatastrophen)

ermöglicht, der die Partner in die Lage versetzt,

ihre Bemühungen strategisch auf einen proaktiven

Ansatz zur Steigerung der Belastbarkeit zu konzentrieren.

- die Unterstützung und Fortführung des öffentlichprivaten

Dialogs im Bereich Security & Trust im Allgemeinen.

- die Umwandlung der Europäischen Agentur für

Netzwerk- und Informationssicherheit (European

Network and Information Security Agency, ENI-

SA,) in eine ständige Agentur der Europäischen

Kommission. Diese wäre auch bestens dafür positioniert,

die Einrichtung und Geschäftstätigkeit der

oben beschriebenen ÖPP unterstützend zu begleiten.

- Förderung öffentlich-privater Zusammenarbeit zur

Bekämpfung der Internetkriminalität.

6. E-Health

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Ermöglichung einer weltweiten Standardisierung und

Interoperabilität unter technischen, semantischen und

Sicherheitsaspekten. Mit einer Standardisierung der

diesbezüglichen IT befasste Gruppen aus dem Gesundheitswesen

sollten die Möglichkeit erhalten, zu den formellen

europäischen Normierungsprozessen beizutragen.

• Standardisierung von ID-Management und Zugangskontrolle

mit dem Ziel einer sicherere Praxis der Personalisierung

von Dienstleistungen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Erweiterung des Gesundheitswesens um Mobilität:

- Europäische Rahmenpläne, die die Weitergabe bewährter

Techniken auf dem Gebiet einer besseren

Patientenbehandlung durch die Anwendung von

IKT fördern.

- Pilotprojekte und Finanzierungsmodelle, die die

Einführung eines Echtzeitzugangs zu Informationen

im Bereich des Gesundheitswesens unterstützen.

• Verpflichtung der Gesundheitskassen zur Einrichtung

von Teledienstleistungen im In- und Ausland.

• Gesetzliche Zulassung IKT-gestützter Workflows zur

Durchführung von Diagnosen außerhalb der Praxisräume.

• Notfalldienste:

- Effektive und abgestimmte Nutzung des terrestrischen

Funkfrequenzspektrums zur nahtlosen

grenzüberschreitenden Kooperation der Notfalldienste.

P 19


7. Energie

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Ermunterung der Mitgliedsstaaten zur Ausarbeitung nationaler

Roadmaps hinsichtlich der Nutzung von IKT zur

Steigerung der Energieeffizienz und Verringerung der

Emissionen in allen Bereichen der Wirtschaft und der

Gesellschaft.

• Unterstützung der Schaffung geeigneter Anreize zur

weitergehenden Einführung energieeffizienter Technologien

und einer nachhaltigen Beschaffungspraxis, z.

B. Entwicklung und Förderung öffentlich-privater Partnerschaften

bei Bemühungen um Energieeinsparungen;

Entwicklung innovativer Finanzierungsinstrumente wie

der Finanzierung nach dem Co-Investment-Modell zur

Steigerung der Zahl an „Smart“ oder „Intelligent Cities“;

Ausarbeitung von Richtlinien für Behörden in Bezug auf

die Implementierung nachhaltiger IKT.

• Werbung für die Nutzung des Internet-Protokollls (IP)

als dem zentralen offenen Vernetzungsstandard bei der

Schaffung intelligenter Netze.

• Ermunterung der Mitgliedsstaaten dazu, mit gutem Beispiel

voranzugehen und die nachhaltige Nutzung von

IKT auf allen Ebenen der Regierungstätigkeit, etwa bei

der Liegenschaftsverwaltung, durch verminderte Reisetätigkeit,

Flexibilisierung der Arbeitszeit usw., vorzuleben.

• Versorgungsunternehmen, die intelligente Netze implementieren,

sollte die Möglichkeit gegeben werden, CO2-

Zertifikate nach dem EU-Emissionshandelssystem (EU-

ETS) zu erhalten.

P 20

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Zielgerichtete Forschung und Regionalförderung zur

beschleunigten Verbreitung CO2-emissionsarmer Technologien.

Steigerung der Mittelzuweisung für Forschung

und Entwicklung sowie steuerlicher Anreize zur Schaffung

intelligenter Netze der Umweltforschung. Ermunterung

der Mitgliedsstaaten zum Ausbau steuerlicher

Anreize für die Entwicklung energieeffizienter Produkte

und deren Implementierung, einschließlich intelligenter

Versorgungsnetze.

• Förderung politischer Rahmenbedingungen für eine

beschleunigte Einrichtung von intelligenten Netzen in

Europa, die insbesondere regulatorische Probleme und

Normierungsfragen lösen.

• Ausbau der Breitbandversorgung zur Förderung

von Telearbeit, Tele-/Video-Conferencing und Entmaterialisierung

einer Vielzahl von Abläufen und

Dienstleistungs¬angeboten.

• Nutzung von IKT als Informationskanäle für eine größere

Verbreitung energiesparender Verhaltensweisen im

Wohn- und Geschäftsbereich.

• Forcierte Harmonisierung der energierechtlichen Bestimmungen

weltweit.


EXECUTIVE SUMMARY EMPFEHLUNGEN

„ Europa sollte sich um die Schaffung eines

integrierten, IT-gestützten Transportnetzwerks

bemühen, das Multimodalität, Transparenz

und Kostenersparnisse ermöglicht. “

8. Transport und Logistik

Bis zum Jahr 2015 sollte die EU durch einen wirksamen

Einsatz von IKT eine 10-prozentige Verringerung der

durch Transport und Logistik (T&L) verursachten CO2-

Emissionen erzielen. Zugleich sollte sich Europa um die

Schaffung eines integrierten IT-gestützten Transportnetzes

bemühen, das Multimodalität, Transparenz und Kostenersparnisse

ermöglicht.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

Die Europäische Kommission sollte Ergebnisse aus

bestehenden Initiativen wie dem Trans-Europäischen

Netzwerk für Transport (TEN-T), dem europäischen

Satellitensystem Galileo oder dem Intelligenten Transport-System

(ITS) im Hinblick auf die Schaffung einer

Roadmap für ein Integriertes Netzwerk für das Speditionswesen

konsolidieren.

• Im Kontext der öffentlich-privaten Partnerschaft für das

„Internet der Zukunft“ sollte ein Teilprojekt für die T&L-

Branche definiert und implementiert werden.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

Die Europäische Kommission sollte in IKT-Forschung in

Form von Leuchtturmprojekten investieren, insbesondere

auf dem Gebiet der verkehrsmittelübergreifenden

Transport- und Logistikoperationen entlang der gesamten

Lieferkette.

• Auf verschiedenen Ebenen des T&L-Sektors sollte ITgestützte

Nachhaltigkeit einschließlich Überwachung

und Berechnung des Energieverbrauchs, der Treibhausgasemissionen

und der CO2-Bilanz implementiert

werden.

Die Europäische Kommission sollte sich zum Anwalt

einer Harmonisierung, Standardisierung und Schaffung

von Interoperabilität zwischen Informationen, Prozessen

und Technologien innerhalb eines weltumspannenden

Netzes von T&L-Diensteanbietern machen.

P 21


9. E-Government (elektronische Behördendienste)

Ein effektiver Einsatz von IKT kann signifikante Kostensenkungen

bewirken und die Qualität des öffentlichen

Dienstleistungsangebots verbessern. Die EU sollte sich

darum bemühen, bis zum Jahr 2015 eine weltweite Führungsposition

bei elektronischen Behördendiensten zu

erreichen. Die Ziele könnten dabei lauten, EU-weit sämtliche

öffentlichen Dienstleistungen online verfügbar zu machen

und die Wahrnehmung öffentlicher Dienstleistungen

durch Unternehmen und Bürger um 50 % zu steigern. Die

EU sollte dabei über einen uneingeschränkt funktionierenden

Binnenmarkt für E-Government-Serviceangebote

verfügen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Wirksame Implementierung der EU-Dienstleistungsrichtlinie

zur Verringerung des Verwaltungsaufwands

sowie als Referenzfall für künftige grenzüberschreitende

E-Government-Services. 7

• Verabschiedung eines EU-weiten Aktionsplans zum E-

Government, der für den Zeitraum bis 2015 klare Prioritäten

setzt. Definition von Kennzahlen (Key Performance

Indicators, KPI) zur Messung des Fortschritts

unter Einbeziehung von Indikatoren der Verfügbarkeit

und Nutzung von E-Government-Services; Erfassung

von deren allgemeiner Auswirkung auf Wirtschaft und

Gesellschaft (Öffentlichkeit, Wert, soziale Eingliederung,

Verringerung des Verwaltungsaufwands, Nachhaltigkeit

usw.). 8

• Schaffung eines EU-weiten gemeinsamen Rahmens für

einen elektronischen Identitätsnachweis bis 2015.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Initiierung von Strukturreformen innerhalb der öffentlichen

Verwaltung, die für eine Nutzung aller mit IKT

einhergehenden Vorteile unverzichtbar sind: Implementierung

von E-Government-Projekten, Förderung der

Nutzung innovativer Technologien und Infrastrukturen,

beispielsweise serviceorientierte Architekturen, Business-Intelligence,

Shared-Service-Center und Cloud

Computing bei öffentlichen Serviceangeboten. Hierzu

Ausbau von CIP (Competitiveness and Innovation

Framework Programme, Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit

und Innovation) und ICT PSP (ICT Policy

Support Programme, IKT-Förderprogramm).

• Weiterentwicklung der E-Skills von Mitarbeitern, die zur

wirksamen Umsetzung elektronischer Behördendienste

benötigt werden.

• Ergreifen maßgeblicher Schritte zur Schaffung eines

wirklich funktionierenden Binnenmarkts für E-Government-Anwendungen

durch eine Harmonisierung nationaler

Bestimmungen und die Verabschiedung europäischer

Normen gemäß EIF 2.0. Schaffung eines

EU-weiten gemeinsamen Rahmens für einen elektronischen

Identitätsnachweis bis 2015.

• Sicherstellung, dass die Beschaffungsrichtlinien der Mitgliedsstaaten

den Geboten der Fairness folgen und mit

der EU-Transparenzrichtlinie im Einklang stehen. Insbe-

P 22

sondere haben die Beschaffungsrichtlinien der Behörden

neutral zu sein, was Technologie, Bezugsquellen

und die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle anbelangt.

• Benennung von Bereichen, in denen ein nachweislicher

Bedarf an grenzüberschreitenden E-Government-

Services besteht; Festlegung dieser Services in enger

Abstimmung mit der Verbraucher-IKT-Branche sowie

geschäftlichen und privaten Nutzern.

• Förderung der Nutzung von Web-2.0-Technologien im

Sinne einer stärkeren Bürgerbeteiligung bei Entscheidungsfindung

und der Definition öffentlicher Serviceangebote.

• Gewährleistung von Datenschutz und sicherheit durch

einen weitergehenden Einsatz von Technologien zum

Schutz der Privatsphäre (privacy-enhancing technologies,

PET) und auf dem Wege der Durchführung freiwilliger

Privacy-Impact Assessments (PIA, Folgeabschätzungen

für die Privatsphäre) vor einer Einführung neuer

Serviceangebote, insbesondere in einer Web-2.0-Umgebung.

• Förderung der Nutzung innovativer Technologien und

Infrastrukturen, beispielsweise serviceorientierte Architekturen,

Business-Intelligence, Shared-Service-Center

und Cloud Computing bei öffentlichen Serviceangeboten.

Hierzu Ausbau von CIP und ICT PSP. Initiierung von

Strukturreformen innerhalb der öffentlichen Verwaltung,

die für eine Nutzung aller mit IKT einhergehenden Vorteile

unverzichtbar sind.

10. Handelspolitik

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Fortführung des Diensteangebots mit gleicher Priorität

in EU-Handelsgesprächen auf Ebene der Welthandelsorganisation

(World Trade Organization, WTO) wie der

Marktzugang für nichtlandwirtschaftliche Erzeugnisse

(Non-Agricultural Market Access, NAMA) und die Landwirtschaft,

und dies nicht nur im Kontext der laufenden

Doha-Verhandlungen, sondern ebenso bei künftigen

Verhandlungen, wobei den verschiedenen IKT-Sektoren

gebührende Beachtung zu schenken ist.

• Fortsetzung und Abschluss der WTO-NAMA-Verhandlungen

zu sowohl tarifären als auch nichttarifären Handelshemmnissen

(non-tariff barriers, NTB) im IKT-/Elektronik-Sektor.

Die Verhandlungsführer sollten den im

Kontext der Doha-Runde geführten Verhandlungen dem

Elektronik-Sektor besondere Aufmerksamkeit schenken

und daneben versuchen, durch die Schaffung einer

ständigen Plattform zur Erörterung von NTB-Problemen

die administrativen Belastungen für den IKT-Sektor zu

minimieren.

• Umsetzung des Informationstechnologie-Übereinkommens

der WTO und Ausbau des Abkommens im Hinblick

sowohl auf den Produktumfang als auch auf die geografische

Ausdehnung. Erforderlich ist ein „intelligenter und

schneller“ Modernisierungsmechanismus zur Beseitigung

und Verhütung von NTB. Auf diese Weise lässt

7 Richtlinie 2006/123/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Dezember 2006 über Dienstleistungen im Binnenmarkt, http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32006L0123:DE:NOT | 8 Mitteilung der

Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen – E-Government-Aktionsplan im Rahmen der i2010-Initiative – Beschleunigte Einführung elektronischer

Behördendienste in Europa zum Nutzen aller, http://eur-lex.europa.eu/smartapi/cgi/sga_doc?smartapi!celexplus!prod!DocNumber&lg=en&type_doc=COMfinal&an_doc=2006&nu_doc=173)


EXECUTIVE SUMMARY EMPFEHLUNGEN

sich dafür sorgen, dass alle Bürger weiterhin Zugang zu

den besten Produkten zum geringstmöglichen Preis erhalten.

9

• Sicherstellung, dass alle Märkte ihren Verpflichtungen

nach der WTO-TRIPS-Vereinbarung (Trade Related Aspects

of Intellectual Property Rights, handelsbezogene

Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum) nachkommen.

10

• Bei Verhandlungen über bilaterale oder regionale Abkommen

sollten der IKT/CE-(consumer electronics,

Unterhaltungselektronik) und TK-Dienstleistungssektor

als Schlüsselfaktoren für Wettbewerb und Wachstum in

allen Bereichen der Wirtschaft im Vordergrund stehen.

Die Europäische Kommission sollte sich IKT-Richtlinien

von Drittländern widersetzen, etwa Standards, die

marktfremde Konditionen vorschreiben, undurchsichtige

Zuwendungen und Beschaffungspräferenzen vorsehen,

auf die Förderung der einheimischen Wirtschaft in

einem Umfang zielen, der ungleiche Voraussetzungen

schafft, einen funktionierenden und fairen Wettbewerb

unmöglich macht und europäische IKT-Anbieter vom

betreffenden Markt ausschließt.

• Sicherstellung, dass auf allen Märkten ausnahmslos die

international vereinbarten Richtlinien zu Exportkrediten

eingehalten werden, um einen unfairen Wettbewerb innerhalb

der Märkte der EU sowie von Drittstaaten zu

vermeiden.

• Bedeutende Handelspartner der EU praktizieren noch

immer restriktive Praktiken bei der Vergabe öffentlicher

Aufträge, die lokal entwickelte Innovationsprodukte bevorzugen.

Solche Praktiken, die Anbieter aus der EU

diskriminieren, gilt es anzufechten, noch ehe sie in konkrete

Politik umgesetzt werden. In Abwesenheit bilateraler

Abkommen sollte die EU, obwohl sie für eine Politik

der Liberalisierung des Handels eintritt, erwägen, im

Gegenzug am Verhandlungstisch gezielte Zugangsbeschränkungen

zum EU-Beschaffungsmarkt zu präsentieren,

um unsere Partner zur Öffnung von deren Märkten

und zur Schaffung gleicher Spielregeln auf diesem

Gebiet zu bewegen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Das Rahmenabkommen zur Telekommunikation des

GATS (General Agreement on Trade in Services, Allgemeines

Abkommen über den Dienstleistungsverkehr)

sollte weiter umgesetzt werden und eine Aktualisierung

erfahren. Das Handelssystem muss auch weiterhin im

Dienste der Rechtssicherheit und der Absicherung von

Dienstleistungen und Investitionen stehen und die Beseitigung

von Hürden für ein IKT-Wachstum fördern,

damit Länder aus dem, was der Sektor bietet, Vorteil

ziehen können. 11

Die Informationsgesellschaft sollte in den EU-Delegationen

weltweit stärker vertreten sein, um unseren

diesbezüglichen Interessen im Ausland mehr Gehör zu

verschaffen. WTO-Absichterklärungen und Freihandelsabkommen

(Free Trade Agreements, FTA) stellen in die-

sem Zusammenhang willkommene Instrumente dar. Die

IKT-Branche ist lebhaft daran interessiert, die Vertreter

der Europäischen Kommission in den betreffenden

Weltmärkten an ihrem Know-how teilhaben zu lassen,

verfügen doch nicht wenige IKT-Unternehmen über lokale

Vertretungen, die Informationen aus erster Hand zu

den Zugangsbedingungen zu den lokalen Märkten und

regulatorischen Problemen beizusteuern vermögen.

11. Governance

Der Digitalen Agenda für Europa muss eine von der Europäischen

Kommission ausgearbeitete Governance-Struktur

zugrunde liegen. Diese sollte

• einen horizontalen Ansatz innerhalb der Europäischen

Kommission gewährleisten, der die Digitale Agenda

über ihre gesamte Breite erfasst,

• dafür sorgen, dass die Mitgliedsstaaten sich die Ziele der

Digitalen Agenda in Gestalt von individuellen Zielsetzungen

zu eigen machen, die zusammengenommen den

europäischen Zielsetzungen gerecht werden,

• neue, umfassende Kennzahlen zur Messung des Fortschritts

und der Leistung gegenüber anderen globalen

Akteuren bieten, die dabei nicht allein die Breitbandversorgung

und sonstige unmittelbar digitale Faktoren

erfassen, sondern ebenso die vermehrte Nutzung digitaler,

den Wandel vorantreibender Technik in wirtschaftlichen

und sozialen Schlüsselbereichen,

• ein jährliches europäisches Gipfeltreffen zur Digitalen

Agenda beinhalten, das die politischen Entscheidungsträger

aus den europäischen Institutionen und Mitgliedsstaaten

mit führenden Vertretern aus Wirtschaft und

Gesellschaft zusammenführt und als Brennpunkt sind

als Ort des Erfahrungsaustauschs für das Governance-

System dient.

Ohne eine solche Struktur wird die Digitale Agenda für Europa

auch weiterhin aus einer Vielzahl an untereinander

nicht abgestimmten, ungerichteten Initiativen bestehen,

von denen nicht wenige für sich genommen wertvoll und

produktiv sein mögen, die sich insgesamt jedoch als nicht

in der Lage erweisen, einen wirtschaftlichen und sozialen

Wandel in dem Umfang herbeizuführen, dem sich Europa

unterziehen muss, will es auch im digitalen Zeitalter prosperieren.

9 Ministerial Declaration on trade in information technology products (Ministererklärung über den Handel mit Waren der Informationstechnologie), Singapur, 13. Dezember 1996, http://www.wto.org/english/docs_e/legal_e/itadec_e.pdf | 10 Uruguay

Round Agreement: TRIPs Part I — General Provisions and Basic Principles (Abkommen der Uruguay-Runde: TRIPs Teil I – Allgemeine Regeln und Grundsätze), http://www.wto.org/english/docs_e/legal_e/27-trips_03_e.htm | 11 http://www.wto.org/

english/tratop_e/serv_e/s_negs_e.htm

P 23


„DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS

TRIEBKRÄFTE DES WANDELS “

„IKT wird die Welt in diesem Jahrhundert ebenso ändern, wie dies vor 100 Jahren die

Nutzung der elektrischen Energie getan hat. Die Welt aus derzeit noch lediglich ein paar

Milliarden Netzzugängen wird zu einer Welt aus 50 Milliarden untereinander vernetzter

Geräte werden ... Wir stehen gerade einmal am Anfang eines riesigen Umbruchs.“

Johan Bergendahl, Chief Marketing Officer, Ericsson

Überblick

Im Mittelpunkt von Präsident Barrosos Vision von der EU

im Jahr 2020 steht zu Recht die Wettbewerbsfähigkeit

als entscheidende Bedingung für Wirtschaftswachstum

und die Schaffung von Arbeitsplätzen in der globalisierten

Ökonomie des 21. Jahrhunderts. 12 Die Strategie zur

Schaffung von Wettbewerbsfähigkeit in der EU erstreckt

sich mittlerweile über eine so breite politische Agenda,

dass die strategischen Ziele und damit die Prioritätensetzung

kaum mehr zu erkennen sind. Es ist an der Zeit,

eine Digitale Agenda zu verabschieden, die den aktuellen

wie auch künftigen Bedürfnissen der Geschäftswelt

und der europäischen Gesellschaft gerecht wird und die

Wettbewerbsfähigkeit Europas in einer immer stärker von

digitalen Techniken und Inhalten bestimmten Welt auch in

Zukunft sichert.

DIGITALEUROPE ist der Überzeugung, dass Wettbewerbsfähigkeit

sich am besten durch die beiden Bedingungen

beschreiben lässt, die ihr zugrunde liegen: kontinuierliches

und nachhaltiges Produktivitätswachstum

und ebenso kontinuierliche Innovationen bei Produkten,

Dienstleistungen, Geschäftsprozessen und modellen.

Die Priorität jeglichen Ziels der Politik für Europa im Jahre

2020 sollte von daher deren Beitrag zu beidem widerspiegeln.

Die Vielzahl der im vorliegenden Weißbuch angeführten

Beweise lässt keinen Zweifel zu, dass der Einsatz von Digital-Technologien

im Upstream-Bereich der Wertschöpfungskette

längst zum führenden Antriebsmoment des

Wandels geworden ist, das sowohl Produktivitätswachstum

als auch Innovationstätigkeit in jedem Bereich der

Marktwirtschaft und des Sozialstaats in Europa (wie auch

weltweit) befördert. Im Gefolge der jüngsten Wirtschafts-

P 24

Kapitel 1

krise hat die Forschung ihrerseits damit begonnen, das

Potential im Hinblick auf kurz- ebenso wie auf längerfristige

Wachstums- und Beschäftigungseffekte zu erfassen,

das Investitionen in digitale Kommunikationsinfrastruktur

zu eigen ist.

Dies ist jedoch erst der Anfang. Das transformative Potential

digitaler Technologien ist seinerseits in starker Expansion

begriffen, vor allem aufgrund des nicht nachlassenden

Wachstums der Rechen-, Übertragungs- und Speicherkapazitäten

und der exponentiellen Auswirkungen dieses

Wachstums auf die Netze. Das Internet der kommenden

Generation und neue Technologien wie Cloud Computing

werden einer Vielzahl neuer Anwendungen und Serviceangebote

den Weg bereiten.

Eine Betrachtung der Beziehung zwischen digitaler Ursache

und sozioökonomischer Wirkung macht die Bedeutung

der Rolle digitaler Technologien und ihres Potentials, den

Wandel zu befördern, offensichtlich. Die Digitale Agenda

muss im Mittelpunkt der Strategie für die EU im Jahr EU

2020 stehen. Die Erledigung dieser Aufgabe duldet keinen

Aufschub. Was alles auf dem Spiel steht – an erster

Stelle im Hinblick auf die Bewahrung des europäischen

Gesellschaftsmodells und unsere Führungsrolle beim Klimaschutz

– lässt sich nicht ansatzweise ermessen.

12 „Wir brauchen einen neuen Ansatz für unsere Industriepolitik – mit Schwerpunkt auf den für die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie auf den Weltmärkten notwendigen Aspekten, d. h. Nachhaltigkeit, Innovation und Qualifikation.“,

http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/09/1272&language=DE


KAPITEL 1 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

Digitale Technologien befördern Produktivitätssteigerung

und Innovation

„IKT wird allgemein als innovationskritische Komponente

angesehen. Für Produktivitätswachstum und

die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen ist

sie unverzichtbar. IKT stellt den Unterbau für viele

neue Infrastrukturen dar.“

Gabrielle Gauthey, Senior VP Public Affairs Worldwide,

Alcatel-Lucent

Um den Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Paul Krugman zu zitieren: „Auf lange Sicht hängt beinahe

alles von der Produktivität ab. Das Vermögen eines Landes,

den Lebensstandard im Laufe der Zeit zu steigern, ist

nahezu vollständig von seiner Fähigkeit abhängig, die Arbeitsproduktivität

seiner Beschäftigten zu steigern.” 13 Die

Europäische Kommission gelangt in ihrem Bericht über

die demografische Alterung 2009 zu der gleichen Einschätzung:

„In zehn Jahren wird die Arbeitsproduktivität

zur wichtigsten Determinante künftigen Wirtschaftswachstums

(Europas) werden.“ 14

Nach Jahrzehnten hoher Wirtschaftsleistung ist die Produktivität

seit 1995 gesunken und hinter den entsprechenden

Werten sowohl der USA als auch Japans zurückgeblieben.

Überdies sind Produktivitätszuwächse in den

führenden Schwellenländern mittlerweile viel höher als innerhalb

Europas. Will Europa seine wirtschaftliche Stärke

bewahren, so müssen wir bei der Produktivität zur übrigen

Welt aufschließen. Dies macht eine Rückkehr zu höheren

Produktivitätswachstumsraten im Vergleich zu anderen

bedeutenden Wirtschaftsräumen erforderlich.

Durchschnittliche jährliche Wachstumsraten: EU-15 und USA,

1950–2006

Wachstum:

Des Des BIP Des BIP pro

BIP pro Kopf Arbeitsstunde

1973–1995 EU-15 2,0 1,7 2,4

US 2,8 1,8 1,2

1995–2006 EU-15 2,3 2,1 1,5

US 3,2 2,2 2,3

Quelle: Bart van Ark, Mary O’Mahony und Marcel P. Timmer: The Productivity

Gap between Europe and the United States, Trends and Causes

Vergleich der Arbeitsproduktivität (2008)

BIP pro

Std.

(US-$)

in Prozent

ggü. den

USA

BIP pro

Kopf

(US-$)

in Prozent

ggü.

USA 54,9 100 % 46.622 100 %

Kanada 43,1 78,5 % 39.242 84 %

Japan 38,2 69,7 % 34.209 73 %

EU-15* 47,4 86,3 % 34.302 74 %

EU-27** 41,1 74,9 % 30.815 66 %

Quelle: The Conference Board: Total Economy Database on Output

and Labor Productivity. * Bezogen auf die Staaten, die der EU zum 30.

April 2004 angehörten. ** Bezogen auf alle Mitgliedsstaaten der EU

einschließlich Bulgarien und Rumänien

Wachstum der Arbeitsproduktivität (BIP pro Kopf im Jahresdurchschnitt

in Prozent)

Brasilien Russland Indien China

1987–1995 0,2 % -6,8 % 3,8 % 6,2 %

1995–2008 1,0 % 4,3 % 4,7 % 7,7 %

Quelle: The Conference Board: Total Economy Database on Output and

Labor Productivity

13 Paul Krugman, The Age of Diminished Expectations: US Economic Policy in the 1980s, MIT Press, Cambridge, 1992. | 14 Europäische Kommission, Bericht über die demografische Alterung 2009, http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.

do?uri=CELEX:52009DC0180:DE:NOT

P 25


Eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten lässt keinen

Zweifel daran, dass die „digitale Intensität“ einer

Volkswirtschaft in zunehmendem Maße an Produktivitätszuwächse

gekoppelt ist.

• Eine 2009 im Auftrag der Europäischen Union durchgeführte

Studie hat gezeigt: „Die IKT-Durchdringung korreliert

mit dem Wachstum der Gesamtfaktorproduktivität

– einer zentralen Quelle für langfristiges Wachstum.“ 15

• Eine im Jahr 2009 von den Statistischen Ämtern von 13

Mitgliedsstaaten durchgeführte wegweisende Untersuchung

der Auswirkungen von IKT auf die Produktivität

von Wirtschaftsunternehmen hat ergeben: „Die ausgeprägten

Produktivitätssteigerungen in IKT-intensiven

Branchen leisteten einen wichtigen Beitrag zum Produktivitätszuwachs

der USA in den Jahren 1995–2004.” 16

• Weitere in jüngerer Zeit durchgeführte Forschungsarbeiten

gelangen zu dem gleichen Ergebnis. 17

Sämtliche auf diesem Feld betriebene Forschung erkennt

an, dass die Mechanismen, durch die Digital-Technologien

Produktivitätsverbesserungen – über bloße Effizienzsteigerung

hinausgehend – vorantreiben, mächtig und

komplex sind. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber,

dass die Netzwerkeffekte – die Fähigkeit von Organisationen

und Individuen zur Teilnahme in Echtzeit an weitaus

verzweigteren und heterogeneren internen wie externen

Wertschöpfungsketten – einen wesentlichen Faktor darstellen.

Aktuelle Forschungsergebnisse lassen ebenfalls wenig

Zweifel daran, dass ein Großteil des durch Digital-Technologien

angetriebenen Produktivitätswachstums sich

den immensen Chancen verdankt, die diese in beinahe

allen Bereichen des Wirtschaftslebens eröffnen. Die bereits

zitierte Untersuchung der Statistischen Ämter von 13

Mitgliedsstaaten aus dem Jahr 2009 bestätigt die wechselseitige

Verstärkungswirkung von Netzwerkeffekten und

Innovation, indem sie feststellt: 18

• „Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der

Nutzung von Hochgeschwindigkeits-Internetzugängen

durch Mitarbeiter in den Unternehmen und der Fähigkeit

zur Innovation durch die Umsetzung von Ideen, die

außerhalb des Unternehmens und der Lieferkette ihren

Ursprung haben.“

• „[Die Innovationsfähigkeit von Unternehmen kann zurückzuführen

sein auf] Netzwerkeffekte beim Wissensmanagement,

die Effektivität, mit der Firmen in der Lage

sind, Wissen in neue Produkte und Dienstleistungen zu

P 26

überführen, und die Schnelligkeit, mit der sie diese zu

kommunizieren vermögen.“ IKT-intensive Branchen in

Europa zeigen die in den USA beobachtete Tendenz,

dass erfolgreiche Unternehmen Innovationen, die ihnen

zusätzliche Marktanteile sichern, über Produktions- und

Vertriebsnetze hinweg rascher replizieren.“

Über die Förderung von Innovation innerhalb der Prozesse,

Produkte und Dienstleistungen der bestehenden

Branchen hinaus schafft die sich weltweit rasch weiterentwickelnde

digitale Infrastruktur – vor allem die dem Internet

eigenen und darin geschaffenen Möglichkeiten – die

Grundlage für völlig neue Servicezweige, die wiederum

das Produktivitätswachstum in ihren Abnehmerbranchen

voranzutreiben vermögen. Die aktuellen Suchmaschinen

stellen hierfür ein Musterbeispiel dar, sind jedoch erst der

Anfang unserer Fähigkeit zur Beschaffung und Auswertung

von Informationen über das Internet.

Gleichzeitig stimmen alle Kommentatoren darin überein,

dass, wenngleich die Nutzung digitaler Werkzeuge zum

entscheidenden auslösenden Faktor sowohl für Produktivitätssteigerungen

als auch für Innovation geworden ist,

diese allein nicht ausreichen dürfte. Die von den 13 Mitgliedstaaten

in Auftrag gegebene Studie stellt fest, dass

„dies möglicherweise von den regulatorischen Strukturen

und dem politischen Umfeld einer Region sowie der Flexibilität

und Offenheit ihrer Unternehmenskultur abhängt.“ 19

Auf Branchenebene bestehe eine möglicherweise Abhängigkeit

von Arbeits- und Organisationsstrukturen. Sämtliche

im IKT-Bereich unternommenen Anstrengungen sind

wiederum in großem Umfang abhängig vom Vermögen,

qualifizierte IKT-Mitarbeiter zu rekrutieren und zu schulen

–etwa Informatiker und Computertechniker. Eine weitere

Studie postuliert, dass „Branchen, die von IKT intensiveren

Gebrauch machen, die schnellsten Fortschritte dabei

verzeichnen, in Sachen Best Practices zur ‚Productivity

Frontier‘ in Wirtschaftsbereichen vorzustoßen, in denen

eine größere Arbeitsflexibilität besteht“. 20

Die Botschaft ist eindeutig: Europa muss die geeigneten

Rahmenbedingungen schaffen, um einer größeren Verbreitung

und einer wirksameren Nutzung von IKT in der

gesamten Wirtschaft Vorschub zu leisten, will es das Potential

der IKT im Hinblick auf künftige Produktivitätszuwächse

und Innovationen vollständig erschließen. Derzeit

unterscheiden sich diese Rahmenbedingungen zwischen

den Ländern Europas noch erheblich. Alle Interessenvertreter,

auf allen Ebenen, sind daher gehalten, sich an der

Ausarbeitung und Umsetzung der Digitalen Agenda für

Europa zu beteiligen, damit gewährleistet ist, dass diese

15 Professor Michael Burda PhD: The Impact of ICT on Employment, 2. Dezember 2009. | 16 Mark Franklin et al.: ICT impact assessment by linking data, Economic & Labour Market Review / Vol 3 / No 10 / October 2009, UK Office for National Statistics.

http://econpapers.repec.org/article/palecolmr/v_3a3_3ay_3a2009_3ai_3a10_3ap_3a18-27.htm | 17 Weitere Erkenntnisse, die besondere Beachtung verdienen: • Ein im Jahr 2002 unter dem Titel Changing Gear Productivity, ICT and Services

Industries: Europe and the United States veröffentlichter Bericht des Conference Board gelangte zu dem Schluss, dass „die Unterschiede (bei der Produktivität Europas) gegenüber den USA über Unterschiede beim Verbreitungsgrad neuer Technologien

hinausgehen. Gleichwohl hat dieser erheblichen Anteil daran. IKT findet in Europa wohl Verbreitung, jedoch nicht so rasch wie in den USA, besonders, wenn man die zweite Hälfte der Neunzigerjahre betrachtet.” http://www.conference-board.org/

economics/workingpapers.cfm?pdf=E-0009-02-WP • In einem Bericht aus dem Jahr 2006, i2010 High Level Group / Work Programme for 2006/2007 (April 20, 2006), wurde festgestellt, dass rund die Hälfte aller europäischen Produktivitätszuwächse

in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre bis zur ersten Hälfte unserer aktuellen Dekade IKT verdanken sind. http://ec.europa.eu/information_society/eeurope/i2010/docs/high_level_group/work_programme.pdf • In einer Studie aus dem Jahr 2008 ICT,

Innovation, and Economic Growth in Transition Economies / An infoDev publication prepared by ECORYS Nederland B.V.in collaboration with TNO and IDEA 2007, des IKT-Wachstums in Schwellenländern wurde gezeigt, dass IKT eine bedeutende

Rolle bei der Modernisierung und der Steigerung der Wirtschaftsleistung zukommt. http://www.infodev.org/en/Document.553.html • In einer Studie aus dem Jahr 2009, Mobile Broadband for the Masses (McKinsey & Company, February, 2009), wurde

eine positive Korrelation zwischen der IKT-Bereitschaft eines Landes und dessen wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit festgestellt. Breitbandnetze können sich danach für Schwellenmärkte von weit reichendem Vorteil erweisen. http://www.mckinsey.

com/clientservice/telecommunications/mobile_broadband.asp • Eine Studie aus dem Jahr 2005, Productivity: Information Technology and the American Growth Resurgence (Dale W. Jorgenson, Mun S. Ho, Kevin Stiroh MIT Press, 2005), belegte,

dass Branchen, die IKT nutzen oder produzieren, überproportional positiv zum Wachstum der US-Wirtschaft seit1995 beigetragen haben. http://mitpress.mit.edu/catalog/item/default.asp?ttype=2&tid=10717 | 18 Das Statistische Amt des Vereinigten

Königreichs, a. a. O. | 19 Ebenda | 20 Mark Franklin, Peter Stam und Tony Clayton: ICT impact assessment by linking data across sources and countries, Das Statistische Amt des Vereinigten Königreichs, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/

page/portal/ver-1/information_society/methodology/ICT_IMPACTS_Summary_Report.pdf


KAPITEL 1 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

jenes Maß an Produktivitätszuwächsen und Wirtschaftswachstum

zeitigt, das wir erzielen müssen.

Der Preis rechtfertigt die Mühe. Wie es die vormalige EU-

Kommissarin für die Informationsgesellschaft Viviane Reding

ausdrückte: „Der Anteil der IKT am Gesamtproduktionszuwachs

der Wirtschaft in den Jahren 1994–2004

belief sich auf vierzig %.“ 21 „Würde sich Europa das neuen

Technologien innewohnende Potential im gleichen Umfang

zunutze machen wie die USA, ließen sich bis zu 60

% des BIP-Wachstums aus IKT herleiten.“ 22

Investitionen in digitale Infrastruktur befördern

Wachstum und Beschäftigung

Die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas wird

durch Investitionen in beispielsweise Breitbandnetze

anstelle von Investitionen in andere physische

Infrastrukturen eine erhebliche Verbesserung

erfahren.“

Heikki Norta, Senior VP Corporate Strategy, Nokia

Im Gefolge der jüngsten weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen

muss Europa Wachstum und die Schaffung von

Arbeitsplätzen sowohl kurz- als auch langfristig stimulieren.

Jüngste in verschiedenen Ländern durchgeführte

Studien bestätigen die Wirksamkeit von Investitionen in

digitale Infrastruktur, sowohl, was das Wachstum als auch

die Schaffung von Arbeitsplätzen auf kurze oder lange

Sicht anbelangt, die nicht allein aus der Errichtung der

Infrastruktur selbst resultieren, sondern ebenso aus sich

unmittelbar einstellenden, ausgeprägten und lang anhaltenden

Multiplikator-Effekten vermehrter digitaler Möglichkeiten

in allen Bereichen der Wirtschaft, insbesondere bei

KMU.

• In einem Bericht zum Weltwirtschaftsforum 2009 wurde

festgestellt, dass eine solche Infrastruktur „sowohl den

Upstream-Bereich der Wertschöpfungskette im IKT-

Sektor (Forschung und Entwicklung, Produktgestaltung,

Anwendungsentwicklung) als auch den Downstream-

Bereich (Implementierung in der Logistik, im Gesundheitswesen,

in Form intelligenter Stromversorgungsnetze

usw.) stimuliert und hierdurch als Multiplikator für

wirtschaftliches Wachstum wirkt.“ 23

• In einer von Micus Management Consulting im Auftrag

der Europäischen Kommission durchgeführten und im

Jahr 2008 veröffentlichten Studie wurde festgestellt,

dass eine weitergehende Einführung von Breitbandnetzen

innerhalb der Europäischen Union im Zeitraum

zwischen 2006 und 2015 bei konservativer Schätzung

mehr als eine Million Arbeitsplätze schaffen und eine

Wirtschaftstätigkeit in einem Volumen von 849 Milliarden

Euro generieren würde. 24

• Allein in Deutschland würde, einem Szenario für den

Zeitraum 2010–2020 zufolge, eine entschlossen vorangetriebene

flächendeckende Versorgung mit Breitbrand-

und Ultra-Breitbandnetzen bei Kosten von rund 37 Milliarden

Euro direkte und indirekte Beiträge zum BIP im

Umfang von 170 Milliarden Euro generieren und schätzungsweise

968 000 Arbeitsplätze schaffen würde. 25

21 Viviane Reding: Internet of the Future: Europe must be a key player. Rede zur Initiative „Die Zukunft des Internets“ des Rates von Lissabon, Brüssel, 2. Februar 2009. Viviane Reding, ICT Research and Telecoms: Europe’s Opportunity to Lead

Global Competition. Rede im European Policy Centre in Brüssel am 3. Oktober 2008 | 22 Viviane Reding: Growth and ICT: An Opportunity for Greece, Open Forum for Competitiveness and Growth, Rede in Athen, 5. Dezember 2008. 23 World

Economic Forum, Davos, 2009, ICT for Economic Growth: A Dynamic Ecosystem Driving the Global Recovery. http://www.weforum.org/pdf/ict/ICT%20for%20Growth.pdf | 24 The Impact of Broadband on Growth and Productivity: A Study on Behalf

of the European Commission, Micus Management Consulting, 2008. Zu beachten ist dabei, dass diese Projektion von einer konstanten Einführungsrate entsprechend dem europäischen Durchschnittwert in den Jahren 2004-2006 ausgeht. http://

ec.europa.eu/information_society/eeurope/i2010/docs/benchmarking/broadband_impact_2008.pdf | 25 Drs. Katz et al. The Impact of Broadband on Jobs and the German Economy, June 2009. http://www.enter.ie.edu/cms/en/documento/7092/1

P 27


• Eine 2009 von der Unternehmensberatung McKinsey

durchgeführte Studie ist zum Ergebnis gelangt, dass

eine Verbesserung der Breitbandversorgung in den weniger

entwickelten Märkten Mittel- und Osteuropas 60–

80 Milliarden Euro an zusätzlichem BIP und 900 000 bis

1,3 Millionen zusätzlicher Jobs hervorbringen könnte. 26

• Im April 2009 hat die Information Technology and Innovation

Foundation (ITIF) festgestellt, dass ein in die britische

IKT-Infrastruktur (in breitbandige Datennetze, intelligente

Transportsysteme und intelligente Stromnetze)

investierter Betrag von 15 Milliarden Pfund Sterling ungefähr

700 000 Arbeitsplätze im Vereinigten Königreich

schaffen würde, mehr als die Hälfte davon in KMU. 27

• Im Januar 2009 rechnete die ITIF hoch, dass eine Investition

im Umfang von 30 Milliarden Dollar, zu gleichen

Teilen aufgeteilt zwischen Breitband-, Gesundheits- und

intelligenten Stromnetz-Infrastrukturen, in den USA die

Schaffung von 949 000 Arbeitsplätzen bedeuten würde

– davon über 500 000 im Mittelstand. Dabei wurde

festgestellt, dass eine solche Investition „(1) unmittelbar

zu einer direkten wie indirekten Schaffung von Arbeitsplätzen

in erheblichem Umfang in unserer Wirtschaft

beiträgt; (2) in der gesamten Wirtschaft einen ‚Netzeffekt‘

mit sich bringt, der in manchen Fällen die Zahl der

unmittelbar geschaffenen Jobs noch einmal verdoppelt,

und (3) eine Grundlage für längerfristigen Nutzen

schafft, darunter Einsparungen bei den Verwaltungskosten,

wirtschaftsweite Zuwächse bei der Produktivität sowie

eine verbesserte Lebensqualität der US-Bürger“. 28

Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass all diese Projektionen

(mit Ausnahme eines Teils der deutschen Studie)

auf Investitionen in die derzeitige Generation digitaler

Technologien und Breitbandkapazitäten beruhen. Die

Netzwerke einer neuen Generation (Next-Generation

Networks) und künftige digitale Werkzeuge dürften in den

nächsten zehn Jahren den Multiplikatoreffekt noch verstärken.

Digital-Technologien im Dienste der Bewahrung unseres

Gesellschaftsmodells

Das zunehmende Vermögen digitaler Technologien, Produktivitätswachstum,

Innovation und Beschäftigung Vorschub

zu leisten, entfaltet seine ganze Bedeutung erst im

Kontext der immer älter werdenden Bevölkerung Europas.

Die Herausforderungen und Chancen, die in dieser demografischen

Realität begründet liegen, werden im Verlauf

der kommenden Dekade immer deutlicher werden.

Dass Europa altert, ist nichts Neues. In ihrem jüngsten

Bericht zur Alterung der Gesellschaft aus dem Jahre

P 28

2009 gelangt die Europäische Kommission zur folgenden

Prognose: „Es kann davon ausgegangen werden, dass

angesichts niedriger Geburtenraten, einer wachsenden

Lebenserwartung und des anhaltenden Zustroms von Migranten

die Gesamtgröße der in der EU lebenden Bevölkerung

bis zum Jahr 2060 nahezu unverändert bleibt, die

Bevölkerung dabei jedoch im Mittel deutlich älter wird, was

bedeutet, dass die EU sich darauf einstellen muss, dass

künftig auf jede Person im Alter von über 65 Jahren nicht

mehr vier, sondern nur noch zwei Personen im erwerbstätigen

Alter (15–64) kommen.“ 29

Die Kommission fährt fort, das Offensichtliche in Worte zu

fassen: „Bei einem abnehmenden Arbeitskräfteangebot

muss die Quelle künftigen Wirtschaftswachstums die Produktivität

sein. Eine vorsichtige Annahme wäre, dass sich

das Wachstum der Arbeitsproduktivität in den Mitgliedstaaten

langfristig bei einem historischen EU-Durchschnitt

von 1,75 % einpendelt – ein Niveau, das ungefähr dem

langfristigen Anstieg der Arbeitsproduktivität in den Vereinigten

Staaten entspricht. Das jährliche potentielle BIP-

Wachstum würde infolgedessen deutlich abnehmen. Eine

abnehmende Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird

sich hemmend auf das Wachstum und auf das Pro-Kopf-

Einkommen auswirken.“ Schätzungen der OECD zufolge

wird das europäische BIP pro Kopf im Jahr 2050 um 18 %

niedriger sein, als dies bei einem gleichbleibenden Altersabhängigkeitsquotienten

der Fall wäre. 30

Es versteht sich von selbst, dass die Fähigkeit, unser Gesellschaftsmodell

zu bewahren, von unserer Fähigkeit abhängt,

diese Projektionen deutlich zu übertreffen und unsere

langfristigen Produktivitätszuwächse im Durchschnitt

somit deutlich über den von der Europäischen Kommission

angenommenen Wert von 1,75 % anzuheben.

Vor fast einem Jahrzehnt verabschiedeten die Mitgliedsstaaten

der EU eine klare dreiteilige Strategie im Bemühen,

dieser demografischen Realität Rechnung zu tragen:

31

1. rascher Abbau der Schuldenlast,

2. Steigerung von Erwerbstätigenquote und Produkti

vität,

3. Reform der Altersversorgungs-, Krankenversiche

rungs- und Pflegesysteme.

Der jüngste krisenbedingte Anstieg der öffentlichen Verschuldung

macht es schwieriger, das erste Ziel zu erreichen,

und damit die Verfolgung der beiden anderen umso

dringlicher. Digital-Technologien werden sich hierbei als

von entscheidender Bedeutung erweisen.

26 McKinsey & Company, a. a. O. | 27 Jonathan Liebenau et al.: The UK’s Digital Road to Recovery, The Information Technology and Innovation Foundation, April 2009. http://www.itsa.org/itsa/files/pdf/digitalrecovery.pdf | 28 Robert D. Atkinson et

al.: The Digital Road to Recovery: A Stimulus Plan to Create Jobs, Boost Productivity and Revitalize America, http://www.itif.org/files/roadtorecovery.pdf | 29 Europäische Kommission, a. a. O. | 30 Trends in Immigration and Economic Consequences,

OECD 2001. http://www.oecd.org/dataoecd/44/45/2086160.pdf | 31 Presidency Conclusions, point 47, Stockholm European Council 23-24 March 2001, http://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/pressData/en/ec/00100-r1.%20ann-r1.

en1.html


KAPITEL 1 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

Steigerung von Beschäftigungsquote und Produktivität


die digitale Dimension

Das Erreichen beider Ziele wird für die Bewahrung des

Pro-Kopf-Leistungsniveaus unverzichtbar sein. Das Potential

digitaler Technologien, Produktivitätszuwächsen

Vorschub zu leisten, wurde bereits hervorgehoben. Ebenso

förderlich werden sie sich indes auch für die Steigerung

der Beschäftigungsquote in Europa erweisen.

Die Europäische Kommission berichtet: „Fast alle Mitgliedsstaaten

haben die zu erfüllenden Anforderungen

für die Anwartschaft auf eine staatliche Rente verschärft,

insbesondere durch eine Anhebung des Rentenalters

und die Beschränkung des Zugangs zur Frühverrentung.

Zwar ist so die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer

in den zurückliegenden Jahren angestiegen, es bleibt

jedoch noch viel Spielraum für weitere Fortschritte. Nur

rund die Hälfte der in der EU lebenden erwerbsfähigen

Bevölkerung befindet sich im Alter von 60 Jahren noch in

einem Beschäftigungsverhältnis.” 32 Gleichzeitig erwartet

die Kommission für die EU insgesamt, dass die Beschäftigungsquote

(also der Anteil derer, die tatsächlich einer

Arbeit nachgehen) von 70,5 % im Jahr 2007 bis 2060 auf

74 % ansteigen, die Zahl der Beschäftigen an sich unterdessen

um rund 19 Millionen Menschen schrumpfen wird.

Legt man somit die Annahme einer unveränderten Gesamtbevölkerungsgröße

zugrunde, so muss das Ziel

lauten, die Beschäftigungsquote deutlich über 74 % anzuheben

und auf diese Weise den Schwund bei der erwerbsfähigen

Bevölkerung im größtmöglichen Umfang

auf unter 19 Millionen zu begrenzen. Vor dem Hintergrund

einer Anhebung des gesetzlichen Rentenalters müssen

sich die Anstrengungen daher auf die Erschließung des

erheblichen Potentials richten, das die Anhebung der Beschäftigungsquote

unter den über 60-Jährigen birgt (was

zugleich die Zahl der älteren Transferleistungsempfänger

und die durch diese verursachten Kosten für den Staat

verringern würde). Gleichzeitig muss sich das Augenmerk

weiterhin auf eine Steigerung der Beschäftigungsquote

jüngerer Europäer richten – insbesondere solcher, die

Gefahr laufen, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden.

Jüngste Forschungsergebnisse bestätigen, dass der

Zugang zu immer leistungsstärkeren digitalen Netzen und

Werkzeugen in Verbindung mit der Fähigkeit, diese auch

einzusetzen, diesen Anstrengungen zugute kommen wird:

In einem von der britischen Regierungsbeauftragten für

digitale Alphabetisierung (Champion for Digital Inclusion)

in Auftrag gegebenen Bericht, der im Oktober 2009 veröffentlicht

wurde, wird festgestellt: „10,2 Millionen Erwachsene

(21 % der Bevölkerung im Vereinigten Königreich)

haben das Internet bislang noch nie genutzt, darunter 4

Millionen Erwachsene (9 %), die sowohl digital als auch

sozial ausgegrenzt sind. Eine größere Verbreitung von digitalen

Fertigkeiten und Online-Angeboten für Arbeitssuchende

kann Beschäftigung und Erwerbsfähigkeit insbesondere

unter behinderten und älteren Menschen deutlich

steigern.“ 33

Eine Steigerung der Beschäftigungsquote bedeutet, einer

größeren Zahl an Beschäftigungslosen zu Arbeit zu verhelfen.

Digitale Werkzeuge und Plattformen bieten bereits

Zugang zu weitaus größeren Arbeitsmärkten und steigern

in erheblichem Umfang die Chancen eines Beschäftigungssuchenden,

Arbeit zu finden. 34

32 Europäische Kommission, a. a. O. | 33 The Economic Case for Digital Inclusion, PriceWaterhouseCoopers, Oktober 2009. http://raceonline2012.org/node/18 | 34 Eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme zum aktuellen Stand der Arbeitssuche

über das Web bietet: Dr. Katharine Hansen: The Long, Slow Death March of Job Boards – and What Will Replace Them: A Quintessential Careers Annual Report 2009, http://www.quintcareers.com/job-board_death_march.html

P 29


P 30

„ Wir stehen bei der

Erschließung des Potentials

digitaler Technologien

gerade einmal am Anfang “


KAPITEL 1 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

Die digitale Dimension der Reform der Renten-, Kranken-

und Pflegeversicherung

In ihrem Bericht aus dem Jahr 2009 zur Alterung der Gesellschaft

stellt die Europäische Kommission fest: „In den

Bereichen Renten, Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege

wird die Kommission die Mitgliedstaaten weiterhin

bei ihren Bemühungen unterstützen, Effizienz und Effektivität

der Sozialausgaben zu steigern.“ 35

Eine Verbesserung der Effizienz und Effektivität insbesondere

der Gesundheitsversorgung wird einen positiven

Kreislauf altersbezogener Vorteile in Gang setzen. Um

wiederum die Europäische Kommission zu zitieren: „Eine

Bevölkerung, die sich einer besseren Gesundheit erfreut,

wird im Alter länger arbeiten können, womit sich Produktivität

und Erwerbsquote erhöhen können, und wird weniger

auf Gesundheitsleistungen angewiesen sein, was letztlich

den Druck auf die öffentlichen Finanzen reduziert. Der Anstieg

der Lebenserwartung bei guter Gesundheit wird ein

entscheidender Faktor dafür sein, mehr Menschen in Beschäftigung

zu bringen und im Arbeitsmarkt zu halten.“ 36

Wir stehen bei der Erschließung des Potentials digitaler

Technologien zur Steigerung der Produktivität und Qualität

der Gesundheitsversorgung gerade erst am Anfang. In

einer von kurzem von der EU und der OECD gemeinsam

durchgeführten Studie heißt es: „Verglichen mit anderen

Wirtschaftszweigen haben IKT in das Gesundheitswesen

der OECD-Staaten bis dato in nur begrenztem und dabei

sehr unterschiedlichem Umfang Eingang gefunden. 37 Gegenwärtig

trifft man die meisten ausgereiften IKT-Anwendungen

in Buchhaltung und Verwaltung an. Die Digitalisierung

von Laborbefunden und Ergebnissen radiologischer

Untersuchungen hat in vielen Ländern ebenfalls bereits

weithin Einzug gehalten. Im Vergleich dazu hat sich die

Einführung von Anwendungen, die Qualität und Zeitnähe

der Patientenversorgung zum Ziel haben, bislang erst

langsam vollzogen.“ 38

Die „Silver Economy“ – durch Digital-Technologien

eröffnete Chancen im Alterungsprozess der Gesellschaft

Die Alterung der europäischen Bevölkerung schafft nicht

nur Probleme, wie auch die Europäische Kommission anerkennt:

„Gesellschaften, in denen die Menschen länger

leben, bieten Chancen zur Entwicklung neuer Produkte

und Dienstleistungen. Die Wachstumsmöglichkeiten auf

diesen künftigen Märkten sind beträchtlich, und da das

Phänomen des Anstiegs der Lebenserwartung nicht auf

Europa begrenzt ist, können die entwickelten Lösungen,

Produkte und Dienstleistungen in Drittländer exportiert

werden und dort neue Märkte erschließen.“ 39

Die Wahrnehmung dieser Chancen wird in zunehmendem

Maße von der Leistungsfähigkeit digitaler Technologien

abhängen, wie sich beispielsweise an neuen Produkt- und

Serviceinitiativen ersehen lässt, die innerhalb des unlängst

gegründeten Silver Economy Network of European

Regions (SEN@ER) ergriffen worden sind. 40

35 Europäische Kommission, a. a. O. | 36 Ebenda | 37 Achieving Better Value for Money in Healthcare, Studien der OECD zur Gesundheitspolitik, 2009. http://browse.oecdbookshop.org/oecd/pdfs/browseit/8109171E.PDF | 38 Wir werden

auf diesen Punkt in Kapitel 2 näher eingehen. | 39 Europäische Kommission, a. a. O. | 40 2010 Silver Economy Summit 13./14. Mai 2010 World Trade & Convention Centre Halifax, Nova Scotia, Kanada. http://www.silvereconomy-europe.org/

P 31


Digital-Technologien stärken die Führungsrolle

Europas bei Maßnahmen gegen den Klimawandel

„Klimawandel ist der Bereich, in dem IKT wie in

keinem zweiten zu Lösungen beitragen können.“

Timo Ali-Vehmas, Vice President Compatibility and

Industry Collaboration, Nokia

Europa verfügt über das Potential, bei den weltweiten

Anstrengungen um eine Begrenzung des Klimawandels

die Führungsposition zurückzuerobern. Ob und wie Wirtschaftsbeteiligte

und Einzelpersonen in der Lage sind,

Emissionen zu reduzieren und die Effizienz der Ressourcennutzung

insgesamt zu steigern, hängt entscheidend

vom Potential digitaler Technologien ab, einen Wandel

voranzutreiben – insbesondere von deren wachsender

Fähigkeit, Echtzeitdaten aus dem Alltag zu erfassen, zu

verarbeiten und darauf zu reagieren.

In einer Mitteilung vom März 2009 zur Mobilisierung von

IKT zur Beschleunigung des Wegs hin zu einer energieeffizienten,

CO2-emissionsarmen Wirtschaft betonte die

Europäische Kommission: „Die Informations- und Kommunikationstechnologien

(IKT) haben bekanntermaßen

das Zeug, große Energieeinsparungen zu ermöglichen

und in allen Bereichen der Gesellschaft, Regierung und

Wirtschaft schnell tief greifende Veränderungen herbeizuführen.”

41 Wie die Europäische Kommission feststellte,

verursachen Produktion und Nutzung von IKT-Ausrüstung

zwar rund 2 % des europäischen CO2-Ausstoßes, im Gegenzug

ist indes bis 2020 davon auszugehen, dass IKT

Emissionsminderungen von bis zu 15 % der übrigen 98

% sowie Kosteneinsparungen herbeiführen werden. Dies

soll unter anderem auf den folgenden Wegen gelingen:

• Unterstützung der Wissenschaft bei der Messung

und Beobachtung des Klimawandels: In ihrem ureigenen

Anwendungsfeld tragen Digital-Technologien

wie etwa satellitengestützte Erdbeobachtung dazu bei,

zu einem besseren Verständnis der CO2-Emissionsproblematik

zu gelangen. Hierbei spielen IKT eine an

Bedeutung ständig zunehmende Rolle. So ermöglichen

beispielsweise weltumspannende Telekommunikationssysteme

einen Echtzeitaustausch meteorologischer Daten

und weiterer Informationen zwischen internationalen

und nationalen Forschungszentren. 42

P 32

• Möglichkeit zum Management des eigenen Energieverbrauchs

für Unternehmen wie für jeden einzelnen:

Jüngsten Studien zufolge lassen sich durch eine

digitale Überwachung und digitales Management von

Ressourcen der Energieverbrauch in Gebäuden um

17 % und die durch die Transportlogistik entstehenden

CO2-Emissionen um bis zu 27 % reduzieren. 43

Die durch IKT eröffneten Möglichkeiten der Zusammenarbeit

ersparen Wege: Instrumente wie Telepräsenz,

Online-Besprechungen, Web- und Video-Konferenzen

verfügen über das Potential, die Menge an

Treibhausgas verursachenden Wegen – einschließlich

der täglichen Fahrt zur Arbeit – in jenem drastischeren

Umfang zu reduzieren, wie er aus gesellschaftlichen

und unternehmerischen Gründen geboten ist. 44

• Intelligente Stromversorgung: Intelligente Energievorsorgungsnetze

verfügen über das Potential, die CO2-

Emissionen in großem Maßstab zu verringern. 45 Die EU

hat sich eine 20-prozentige Steigerung der Energieeffizienz

bis 2020 zum Ziel gesetzt. IKT-gestützte Innovationen

stellen eines der kostenwirksamsten Mittel zur

Erreichung dieses Ziels dar.

• Intelligente Mobilität: Sowohl durch intelligente Fahrzeugantriebe

als auch durch eine intelligente Transport-

und Warenumschlagslogistik lassen sich mit IKT enorme

Verringerungen der CO2-Emissionen herbeiführen. 46

41 Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Mitteilung der Kommission über die Mobilisierung der Informations- und Kommunikationstechnologien für die Erleichterung des Übergangs zu einer energieeffizienten, kohlenstoffarmen Wirtschaft,

KOM: (2009) 111 endgültig. http://ec.europa.eu/information_society/activities/sustainable_growth/docs/com_2009_111/com2009-111-de.pdf | 42 ICTs and Climate Change, ITU-T Technology Watch Report #3, ITU, December 2007. http://www.itu.int/

dms_pub/itu-t/oth/23/01/T23010000030002PDFE.pdf | 43 Europäische Kommission, a. a. O. | 44 Smart 2020: Enabling the Low Carbon Economy in the Information Age, Global e-Sustainability Initiative (GeSI). http://www.smart2020.org/ | 45

Europäische Kommission, a. a. O. | 46 Ebenda: „Durch eine Vielzahl an bei Transport und Lagerung geschaffenen Effizienzen ließen sich mit intelligenter Logistik in Europa Einsparungen bei Kraftstoff, Elektrizität und Heizung im Umfang von 225

Mio. t CO2 erzielen. Die Verminderung der weltweiten Kohlendioxidemissionen im Jahr 2020 würde 1,52 Mrd. t CO2 bei Energieeinsparungen im Volumen von EUR 280 Milliarden betragen.“


KAPITEL 1 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS

• Innovation im Bereich nachhaltiger Energie: Die Erschließung,

Kommerzialisierung und Nutzung bedeutender

neuer Quellen für erneuerbare Energie ist ohne

digitale Technik nicht denkbar. So werden beispielsweise

Offshore-Windparks mittels digitaler Lösungen

ferngesteuert, mit denen sich Probleme aus der Ferne

erkennen und beseitigen lassen. 47 Intelligente Stromnetze

ermöglichen eine bessere Verteilung des Stroms aus

Solaranlagen. 48

Alles in allem sind digitale Technologien dabei, die Natur

der mit dem Klimawandel einhergehenden Herausforderungen

grundlegend zu verändern – indem sie Wissenschaftlern

zu einem besseren Verständnis der sich

stellenden Probleme verhelfen, branchenspezifische Innovationen

fördern, neue Industrien und Geschäftschancen

in der sich rasch wandelnden „Green Economy“ entstehen

lassen, die Unternehmen wie Privatpersonen eine

Senkung ihres CO2-Ausstoßes ermöglichen, und außerdem

Bewusstsein schaffen und Debatten anstoßen, die

die Führungsposition Europas bis zum Jahr 2020 und darüber

hinaus stärken werden.

47 EICTA, High Tech, Low Carbon, April 2008. http://www.digitaleurope.org/web/news/telecharger.php?iddoc=762 | 48 Smart Roads, Smart Bridges, Smart Grids, Wall Street Journal, 17. Februar 2009

P 33


Überblick

Das erste Kapitel dieses Weißbuchs hat vor Augen geführt,

dass das Potential digitaler Technologien, den

Wandel zu befördern, in zunehmendem Maße zum Antriebsmoment

für Produktivität, nachhaltiges Wachstum,

Innovation und Beschäftigung in allen Bereichen der europäischen

Wirtschaft wird. Die Vielfalt, in der dies bereits

heute geschieht, lässt sich am deutlichsten anhand einer

Aufschlüsselung der Ebenen Industriesparten, Einzelorganisationen

und Selbstbemächtigung aufzeigen.

Die im vorliegenden Kapitel präsentierten fünf Branchen

und Fallbeispiele wurden ausgewählt, weil sie einen konkreten

Eindruck vom Umfang vermitteln, in dem digitale

Technologien den Wandel vorantreiben können. In der Zusammenschau

tragen sie dazu bei, ein Gesamtkonzept für

ein produktives, innovatives digitales Europa im Jahr 2020

zu entwerfen.

P 34

Kapitel 2

„DIGITALE TECHNOLOGIEN

ALS TRIEBKRÄFTE

DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE“

49 Europäische Kommission, i2020-Zwischenbericht | 50 http://www.manufuture.org/index.html

„Eine einheitliche europäische Internetstrategie käme

der Wirtschaft stärker zugute als ein Ausbau des

Straßen- und Schienennetzes“

Pascal Brosset, Leiter Unternehmensstrategie, SAP

Produzierendes Gewerbe

Die Bedeutung des produzierenden Gewerbes für Europa:

Das produzierende Gewerbe ist noch immer der

Motor der europäischen Wirtschaft. Schätzungen zufolge

hängen bis zu 70 % des innerhalb der EU erwirtschafteten

BIP und der Arbeitsplätze davon ab. Das produzierende

Gewerbe umfasst mehr als 25 Wirtschaftszweige, die

überwiegend mittelständisch geprägt sind: So werden 42

% der europäischen Wertschöpfung von KMU erwirtschaftet,

die mit über 30 Millionen Jobs 18 % der Beschäftigung

in den 27 EU-Mitgliedsstaaten repräsentieren. 49 Zugleich

ist jeder Arbeitsplatz im produzierenden Gewerbe mit zwei

weiteren im Dienstleistungssektor verknüpft – viele davon

ebenfalls in kleinen und mittleren Unternehmen.

Dienstleistungen allein reichen nicht aus, um unsere Wirtschaftskraft

zu erhalten. Wir werden den Fortbestand

von Produktionsunternehmen von internationalem Rang

als Herzstück der europäischen Wirtschaft sichern müssen.

50 Entscheidend wird dabei sein, inwieweit sich diese

mit qualitativ höherwertigen Produkten gegenüber Wettbewerbern

aus Niedriglohnländern behaupten können.

Dreh- und Angelpunkt der europäischen Wettbewerbsfähigkeit

wird zunehmend der Einsatz digitaler Spitzentechnologien

sein.


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

Die Zukunft des europäischen produzierenden Gewerbes:

Im Jahr 2004 hat eine Gruppe von Interessenvertretern

dargelegt, wie sie sich die Umwandlung der europäischen

Fertigung von einem ressourcenintensiven in einen

innovativen, wissensintensiven Sektor vorstellen: 51

„Zur Vermeidung eines Wettbewerbs, in dem allein die

Produktionskosten zählen, muss sich die europäische

Industrie verstärkt auf Produkte und Technologien mit

hoher Wertschöpfung konzentrieren – mit einem erweiterten

Serviceangebot, das den Ansprüchen der Kunden

weltweit in Bezug auf die Produktqualität wie auch

die ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen

gerecht wird. Eine Stärkung der Rolle des Wissens bei

der Fertigung wird mit einem wirtschaftlicheren Einsatz

von Werkstoffen und Energie einhergehen.

Der Ausdruck „produzierendes Gewerbe“ wird künftig

ein integriertes System bezeichnen, das den gesamten

Zyklus aus Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Entsorgung

umfasst – und damit ein System kunden- und

nutzerorientierter Innovation. An die Stelle des aktuellen

in der Regel linearen Konzepts bei Forschung, Entwicklung,

Entwurf, Konstruktion und Montage werden in

allen Bereichen simultane Tätigkeiten treten im Bestreben,

der weltweiten Nachfrage gerecht zu werden und

die Produkteinführungszeit zu verkürzen.“

Die Bedeutung von IKT: Die Autoren eint die Überzeugung,

dass die von den Kunden geforderte Innovation

– auf der Grundlage nachhaltiger Ressourcennutzung

und integrierter Fertigungszyklen – in allen Produktionsbereichen

von einer flächendeckenden Durchdringung

und Nutzung digitaler Technologien abhängt, denen dabei

nicht nur eine Schlüsselrolle bei der Verringerung der

Kosten zukommt, sondern die mehr noch als Werkzeug

dienen, um aktuelle Trends wie die dezentrale Fertigung

oder die Just-in-Time-Produktion in weltweitem Maßstab

wirkungsvoll zu implementieren.

Tatsächlich ist es eben diese Aussicht einer stetig wachsenden

Kapazität und Bedeutung digitaler Technologien,

die – explizit oder implizit – dieser Vision zugrunde liegt,

wie aktuelle Projekte im europäischen Automobilsektor

vor Augen führen: 52

• Auftragsfertigung: Ein europäisches Projektkonsortium

aus Automobilherstellern und Zulieferern hat in den zurückliegenden

fünf Jahren ein Zukunftsszenario für die

Branche ausgearbeitet und diesem dabei die folgende

Prämisse zugrunde gelegt: „Wollen Unternehmen, Einrichtungen

und Arbeitnehmer in der europäischen Automobilindustrie

wirtschaftlich überleben, müssen sie auf

lange Sicht dem Wettbewerbsdruck durch Niedriglohnländer

entgehen.“ 53

Hiervon ausgehend wandte sich das Konsortium den

konzeptionellen und praktischen Aspekten der Bereitstellung

eines Produkts an den Kunden innerhalb von

fünf Tagen nach Auftragserteilung zu, was einen radikalen

Bruch mit dem „Lagerabverkaufs-“ und Massenproduktionsdenken

des 20. Jahrhunderts und die Umstellung

auf eine Auftragsfertigung (Build-to-Order, BTO)

bedeutete, die ohne Lagerhaltung auskommt. Dies

machte die Neuerfindung des vollständigen automobilen

Warenstroms von den Materialherstellern bis zu den

Endabnehmern von Fahrzeugen unter Einsatz eines

kostenoptimierten Systems erforderlich, das unverzüglich

bereitstellt, was der Kunde wirklich will.

Im Mittelpunkt des Projekts standen Zukunftsszenarien

für neue flexible Planungs- und Ausführungsprozesse,

neue Strukturen der Organisation des Versorgungsnetzes

sowie neue unterstützende Technologien für

das Jahr 2015 im Bestreben, das Fünftagesziel zu erreichen.

In einem unabhängigen Artikel zur Beurteilung

des Fortschritts, der auf dem Weg zur Umsetzung der

BTO-Vision erreicht wurde, schätzen drei Hochschulexperten

dessen digitale Dimension folgendermaßen

ein: 54

„Der Schwerpunkt künftiger Entwicklungen innerhalb der

IKT-Systeme der Automobilindustrie wird in Zusammenarbeit,

lückenlosem Informationsfluss und Überwachung

liegen. Neue [IKT]-Technologien werden [BTO]-Prozessen

zum Durchbruch verhelfen. [Das Projektkonsortium]

erkennt in IKT einen wichtigen Wegbereiter für neue

Logistikkonzepte im Rahmen eines flexiblen Produktionsnetzes.

Dies geht Hand in Hand mit neuen Formen

funktionierender Zusammenarbeit zwischen den an der

Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen. Die in

Logistiknetzen erforderliche Flexibilität lässt sich nur

[durch] eine neue Qualität der Zusammenarbeit innerhalb

dieser Netze erzielen.“

51 ManuFuture A Vision for 2020, Report of the High Level Group, November 2004. http://www.manufuture.org/documents/manufuture_vision_en[1].pdf | 52 Über 2,2 Millionen Menschen sind unmittelbar in der Herstellung von Kraftfahrzeugen

und Komponenten hierfür beschäftigt; dies entspricht nahezu 7 % der Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und 1 % der Gesamtbeschäftigung in den 27 EU-Staaten. Unmittelbar und mittelbar hängen über 12 Millionen europäische Jobs vom

Automobilsektor ab. http://www.acea.be/index.php/news/news_detail/economic_turmoil_hits_vehicle_makers_hard/ | 53 http://www.ilipt.org/public/index.html/document_view | 54 Gareth Stone et al. Transformation of the European auto industry:

the future of lean, Stone, Parry, Graves; The Capco Institute Journal of Financial Transformation. http://www.capco.com/files/pdf/66/02_FACTORY/01_Transformation%20of%20the%20European%20auto%20industry%20the%20future%20of%20

Lean%20(Opinion).pdf

P 35


• Das vernetzte Fahrzeug: Das Konzept eines vernetzten

Fahrzeugs basiert auf potentiellen neuen

Service- und Geschäftsmodellen, die durch Ultra-

Breitbandanbindung, eine ständig aufrechterhaltene

Internet-Anbindung, Cloud Computing und Cloud Storage

sowie netzwerkgestützte Mehrwertfunktionen wie

Content-Management, standortbezogene Dienste, Identitäts-,

Sicherheits- und Abrechnungssysteme sowie innovative

Onboard-Hardware und Software¬ ermöglicht

werden. 55 Das Fahrzeug wandelt sich dadurch zu einer

völlig neuen mobilen Plattform für eine neue Klasse von

Anwendungen und Dienstleistungen rund ums Fahrzeug

und ums Reisen, wie Fernwartung, Fahrzeugdiagnose

oder Navigation unter Zuhilfenahme detaillierter

Verkehrs- und Wetterinformationen. Das Zusammenspiel

aus intelligentem Netz, intelligentem Fahrzeug und

gemeinsamen Entwickler-Tools begründet eine völlig

neue Wertschöpfungskette.

Erfolgsfaktoren für Europa: Eine erfolgreiche Umwandlung

der europäischen Produktionsbasis durch den Einsatz

digitaler Technologien wird folgenden Faktoren abhängen.

• IKT-Kompetenz: Obwohl 55 % der IKT-Fachkräfte in

Europa heute außerhalb des IKT-Sektors beschäftigt

sind, sehen sich die europäischen Hersteller mit einem

akuten Mangel an Fachkräften mit erweiterter Managementkompetenz

und technischen IT-Qualifikationen

konfrontiert, wie sie im unternehmerischen Alltag benötigt

werden. Sich allein auf externe IKT-Anbieter zu

verlassen, wird nicht ausreichen. Hierbei handelt es sich

um eine absolute Hürde für die künftige Wettbewerbsfähigkeit

des europäischen produzierenden Gewerbes,

besonders, wenn man an den wachsenden Pool an IKT-

Qualifikationen denkt, aus dem Schwellenländer der

Produktion in Asien schöpfen können.

• IKT-Plattformen, die heterogenen Systemen die Kommunikation

untereinander unabhängig von deren Stellung

innerhalb der Wertschöpfungskette ermöglichen.

• Forschung und Entwicklung auf Spitzenniveau und Innovation

in sektorspezifischen eingebetteten IKT (in

erster Linie Software), die eine enge Zusammenarbeit

zwischen IKT-Anbietern und Anwendern erfordern.

• Flexibilität der Arbeitskräfte auf der Grundlage neuer

Qualifikationen und Rollen.

55 http://www.ngconnect.org/ecosystem/connected-car.htm

P 36


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

„ 2008 war T&L mit 950 Milliarden Euro an unmittelbar erzielten

Umsätzen und damit einem Anteil von rund 7 % am Gesamt-BIP der mit

Abstand bedeutendste Sektor der EU-Wirtschaft. Die Wirtschaft des 21.

Jahrhunderts wird in zunehmendem Maße auf eine erweiterte und

stärker maßgeschneiderte Lieferkette angewiesen sein. “

Transport und Logistik

Bedeutung für Europa: Die Branchen Transport und Logistik

(T&L) – also jene, die für den Güterumschlag (und

die Personenbeförderung) sorgen – sind die Lebensader

der europäischen Wirtschaft.56 Wachstum im Transportgewerbe

und Wachstum der Gesamtwirtschaft sind eng

miteinander verflochten. Die Sparte beschäftigt fast 8 Millionen

Menschen und damit rund 5 % der europäischen

Erwerbsbevölkerung.57 2008 war T&L mit 950 Milliarden

Euro an unmittelbar erzielten Umsätzen und damit einem

Anteil von rund 7 % am Gesamt-BIP der mit Abstand bedeutendste

Sektor der EU-Wirtschaft.58 Die Wirtschaft

des 21. Jahrhunderts wird in zunehmendem Maße auf

eine erweiterte und stärker maßgeschneiderte Lieferkette

angewiesen sein. Diese Dienstleistungen bilden ein

insbesondere für das produzierende Gewerbe und den

Einzelhandel Europas entscheidendes Glied der Wertschöpfungskette.

Die gegenwärtigen Szenarien einer

kundenseitig geforderten Lieferkettenintegration im produzierenden

Gewerbe (wie die Auftragsfertigung im Automobilsektor)

sind undenkbar ohne eine hoch konzertierte

Logistik-Unterstützung beim Umschlag und der Just-in-

Time-Lieferung von Komponenten und Fertigartikeln.

Die Zukunft des europäischen Transport- und Logistiksektors:

In Reaktion auf den zunehmenden Wert und

die dementsprechend wachsende Nachfrage nach solchen

T&L-Dienstleistungen müssen PriceWaterHouseCoopers

zufolge „T&L-Unternehmen, die am Aufbau einer dauerhaften

Geschäftstätigkeit interessiert sind, kontinuierlich

ihren eigenen Mehrwert steigern.“59 Ein Weg dorthin führt

über die Beseitigung des aktuellen Defizits bei der Fähigkeit

zur weltweiten Versorgung mit bewährten und robusten

Systemen und Prozessen sowie über die Nutzung

funktionellerer und flexiblerer Technologie zur Steigerung

der Lieferkettentransparenz. Unterdessen sieht sich die

Branche erheblichen Herausforderungen gegenüber. Im

Vordergrund stehen dabei ein wachsender Druck, die mit

der Wirtschaftstätigkeit verbundene Umweltbelastung und

deren 30-prozentigen Anteil am Gesamtenergieverbrauch

der EU zu reduzieren, eine zunehmende Sättigung und

Alterung der Verkehrsinfrastrukturen sowie eine älter werdende

Erwerbsbevölkerung.60

Bedeutung von IKT: In dem Maße, wie die Geschäftsmodelle

der T&L-Sparte in Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen

und Chancen eine Anpassung erfahren,

entwickeln sich viele Unternehmen von bloßen Beförderungs-

und Lagermanagement¬unternehmen zu hoch

technisierten, IKT-gestützten Lieferkettenanbietern.61

Die Entwicklung eines auf einem mobilen „Internet der

Dinge“ aufbauenden Dienstleistungsangebots ist für den

Sektor von besonderer strategischer Bedeutung, ebenso

wie digitale Lösungen zur Verkehrslenkung, Emissionsreduzierung

und für verkehrsmittelübergreifende Transportsysteme

und Infrastrukturen. Die folgenden Fallbeispiele

veranschaulichen, wie Digital-Technologien bereits heute

die Wettbewerbsfähigkeit zweier weltweit führender europäischer

T&L-Konzerne sichern helfen.

• SmartTruck: Deutsche Post DHL, eines der international

führenden Logistikunternehmen, entwickelt zur Optimierung

von Tourenplanung und Fahrzeugnutzung intelligente

Zustellfahrzeuge. Das „SmartTruck“-Projekt stützt

sich auf RFID-, Geolokalisierungs- und Telematikdaten,

ein dynamisches Tourenplanungs- und Optimierungssystem

sowie Navigations- und Kommunikationstechnologien.

Erste Ergebnissen eines in Berlin durchgeführten

Pilotprojekts lassen erkennen, dass sich mit einem

„SmartTruck“ eine größere Zahl an Zustellungen bei

geringerer Kilometerleistung bewerkstelligen lässt: Die

zurückgelegten Strecken haben sich deutlich verkürzt

(um 10 bis 15 %). Der Kraftstoffverbrauch und damit die

CO2-Emissionen ließen sich um 10 bis 15 % reduzieren,

die Zahl der Zustellvorgänge pro Stunde hingegen um

8 bis 9 % steigern. Vorteil hieraus ziehen durch einen

besseren Service auch die Kunden von DHL. Da zudem

die Pakete mit RFID-Etiketten versehen sind, haben Absender

wie Empfänger die Möglichkeit, die Sendung zu

verfolgen und können sich 30 Minuten zuvor per SMS

von der bevorstehenden Auslieferung mit genauer Angabe

der Zustellzeit benachrichtigen lassen.

56 „Die Industriesparte T&L umfasst eine Vielzahl an Dienstleistern, die alle Transportwege – Luftweg, Straße, Schiene, Wasserweg – sowie damit im Zusammenhang stehende Dienste wie Lagerhaltung, Umschlag, Schiffsverladung, und schließlich

Mehrwertdienste wie Verpackung, Etikettierung, Montage usw. umfasst. Über diese ‚physischen‘ Dienste hinaus beinhaltet T&L sektorspezifische Planungs-, Organisations- und Management-Dienstleistungen der verschiedensten Art. In den letzten

Jahren haben wir einen Konsolidierungstrend hin zu größeren, integrierten Gruppen beobachten können, die in mehr als einem der T&L-Subsektoren tätig sind, was zur Folge hat, dass die Grenzen zwischen Letzteren zunehmend verschwimmen.“

PriceWaterhouseCoopers http://www.pwc.com/gx/en/transportation-logistics/index.jhtml | 57 European Monitoring Centre on Change. http://www.eurofound.europa.eu/emcc/content/source/eu08008a.htm?p1=emcc_dossier&p2=null | 58 Prof.

P. Klaus und Chr. Kille (Hrsg.): The Top 100 of Logistics 2008/2009. DVV Media Group. http://www.bw-invest.de/eng/index_eng_4994.aspx; Europäische Kommission: A Sustainable Future for Transport, 2009. http://ec.europa.eu/transport/strategies/2009_future_of_transport_en.htm

| 59 PriceWaterhouse Coopers, a. a. O. | 60 European Monitoring Centre on Change, a. a. O. | 61 PriceWaterhouse Coopers, a. a. O.

P 37


P 38

„Im Bemühen um weitere Effizienzsteigerungen prüft

das Unternehmen in Form von Pilotprojekten derzeit

die praktische Implementierbarkeit von Track-and-

Trace-Systemen, mit denen sich der Aufenthaltsort

und Status von auf dem Transportweg befindlicher

Fracht kontinuierlich überwachen lässt. “


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

• Das niederländische Unternehmen Samskip: Samskip

ist eines der größten europäischen Container-Transportunternehmen

und transportiert Güter auf dem Land-,

Wasser- und Luftweg. In Reaktion auf die zunehmende

Stauhäufigkeit auf den Straßen hat Samskip damit

begonnen, einen Teil des innereuropäischen Frachtverkehrs

auf kürzeren Strecken per Küstenschifffahrt

abzuwickeln. Angesichts steigender Ölpreise bemüht

man sich ferner darum, einen größeren Teil des Frachtaufkommens

auf dem Schienenweg zu befördern. Im

Bemühen um weitere Effizienzsteigerungen prüft das

Unternehmen in Form von Pilotprojekten derzeit die

praktische Implementierbarkeit von Track-und-Trace-

Systemen, mit denen sich der Aufenthaltsort und Status

von auf dem Transportweg befindlicher Fracht kontinuierlich

überwachen lässt. 62

Erfolgsfaktoren für Europa: Die T&L-Branche des 21.

Jahrhunderts wird allen Gliedern der Wertschöpfungskette

erhebliche Investitionen in IKT abverlangen. Sie

erfordert ferner angepasste EU-politische und regulative

Rahmenbedingungen, die eine beschleunigte Integration

des Sektors in den EU-Binnenmarkt und darüber hinaus

unterstützen sowie dessen zunehmender Abhängigkeit

von IKT-Lösungen Rechnung tragen.

Im Dezember 2008 hat die Europäische Kommission im

Rahmen der „Green Transport Initiative“ einen auf die

Implementierung intelligenter Transportsysteme (ITS) in

Europa zielenden Aktionsplan sowie einen begleitenden

Richtlinienvorschlag verabschiedet, der den Rahmen für

die Implementierung von ITS für den Bereich des Transports

über die Straße und die Schaffung von Schnittstellen

zu anderen Verkehrsträgern absteckt. Die Europäische

Kommission hat im Bemühen um eine Steigerung der

Energieeffizienz der Transportsysteme spezifische Maßnahmen

zur beschleunigten Implementierung von IKT

vorgeschlagen. Ähnliche Anstrengungen werden auch andernorts

in der Welt unternommen. 63 Ein vielversprechender

Anfang ist gemacht, vieles jedoch kann und muss erst

noch getan werden.

62 European Monitoring Centre on Change, a. a. O. | 63 Vgl. dazu z. B. das zukunftsweisende ITS-Programm der US-Bundesregierung, http://www.its.dot.gov/index.htm

P 39


Energie

Bedeutung für Europa: Über die offensichtliche Bedeutung

sicherer und erschwinglicher Energie für alle Bereiche

von Wirtschaft und Gesellschaft hinaus stellt der

europäische Energiesektor auch selbst eine wichtige

Komponente unserer industriellen Basis dar. Nach den

jüngsten Eurostat-Zahlen beschäftigt der aus etwa 22 000

Unternehmen gebildete Energie-Sektor der 27 EU-Mitgliedsstaaten

mehr als 1,2 Millionen Personen und damit

rund 3 % der gesamten Industriearbeitskräfte und erzielte

eine Wertschöpfung von 180 Milliarden Euro – 9 % der gesamten

Industrieleistung. 64 Überdies ist der europäische

Energiesektor eine Quelle starken Wachstums und wettbewerbsfähiger

Leistung: Zwischen 2000 und 2006 stieg

die Arbeitsproduktivität um 57 % (die damit heute den

entsprechenden Wert der europäischen Gesamtindustrie

übertrifft), während zugleich die Gesamtzahl an Energieversorgungsunternehmen

um 52 % anwuchs.

Die Zukunft der europäischen Energie: Die drei strategischen

Ziele der langfristigen europäischen Energiepolitik

sind klar: 1) geringere Abhängigkeit von einzelnen

Energieträgern, 2) verringerte Treibhausgasemissionen

sowie 3) ein wettbewerbsfähiger, sich über den gesamten

Kontinent erstreckender Binnenmarkt. Dieses Szenario

bringt für europäische Energieunternehmen große Herausforderungen

unter Aspekten des Wandels mit sich.

An erster Stelle steht dabei, wie auch Präsident Barroso

in seiner Vision für das Jahr 2020 anerkennt, dass alle

drei genannten Punkte eine vorrangig betriebene Umwandlung

der bestehenden europäischen Strom- und

Gas¬versorgungsnetze in sich über den gesamten Kontinent

erstreckende intelligente Netze voraussetzen. Der

Umwandlung des Stromnetzes kommt dabei entscheidende

Bedeutung zu. 65 Nur mit einem stärker dezentralisierten

intelligenten Stromnetz lassen sich 1) vor Ort vorhandene

erneuerbare Energien aus dezentralen Erzeugungsstandorten

einbinden und deren unregelmäßige Verfügbarkeit

beherrschen, sind 2) Verbraucher in der Lage, ihren Verbrauch

mitzugestalten und am Ende selbst zu Energieerzeugern

zu werden, und lässt sich 3) ein über den gesamten

Kontinent gespanntes Netz überhaupt verwalten.

Bedeutung von IKT: Auch hier wiederum ist die strategische

Vision für Europa unmittelbar abhängig vom Potential

der Digital-Technologien, den Wandel zu befördern –

von unseren Netzinfrastrukturen bis hin zur Kontrolle des

Endabnehmers über dessen Verbrauch. Wie das folgende

Fallbeispiel illustriert, finden Projekte einer Implementierung

intelligenter Stromnetze, die Fernleitungsnetzbetreiber,

Kraftwerksindustrie, Verbraucher und IKT-Akteure an

einen Tisch führen, in Europa bereits zunehmende Verbreitung.

• MeRegio (Minimum Emissions Region) ist ein Projekt

eines intelligenten Netzes zur Senkung des Energieverbrauchs

und zur Minimierung der CO2-Emissionen

durch die Zusammenführung aller Glieder eines Energieversorgungsnetzsystems

– Erzeugung, Verteilung

64 http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-SF-09-072/EN/KS-SF-09-072-EN.PDF | 65 Eines der nächsten großen europäischen Projekte ist die Schaffung eines Supernetzes für Strom und Gas, Barroso, a. a. O.

P 40

und Verbrauch – in einem einzelnen, interaktiven Echtzeitnetzwerk.

Im Rahmen des Projekts wird derzeit eine

Pilotanlage im Raum Karlsruhe-Stuttgart entwickelt, einer

der am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands,

die zugleich als der größte Produktions- und

High-Tech-Ballungsraum Europas gilt.

Das mit dem Projekt verfolgte Ziel besteht im Aufbau

eines optimierten und nachhaltigen Spannungsversorgungsnetzes,

das den Umfang der CO2-Emissionen so

weit wie technisch irgend machbar an Null heranführt –

und auf diesem Wege eine sogenannte Minimum Emissions

Region (MeRegio)schafft.

Die Lösung wird von Solarzellen, Windturbinen, Brennstoffzellen

und weiteren Formen dezentraler Erzeugung

generierte saubere Energie bereitstellen und den Leitungsnetzbetreiber

mit Echtzeitinformationen über das

gesamte Stromnetz zu Lieferangebot und Kundennachfrage

versorgen. Der Betreiber ist dadurch in der Lage,

den Energiefluss vorherzusagen, sich rasch an neue

Gegebenheiten anzupassen, Preissignale an den Kunden

zu senden, um zur Nachfrage oder auch – bei einem

drohenden Versorgungsengpass – zur Zurückhaltung

zu animieren, und einen regionalen Energiemarkt

zu schaffen, der den Endverbraucher mit einbezieht.

Die Verbraucher wiederum erhalten die Möglichkeit,

ihren individuellen Stromverbrauch und CO2-Ausstoß

stets im Auge zu behalten, auf Preissignale zu reagieren,

ihren Verbrauch je nach Preis und Verfügbarkeit anzupassen

und überschüssige Energie aus ihren eigenen

Generatoren dann in das Netz einzuspeisen, wenn die

Preiskonditionen besonders günstig sind.

Erfolgsfaktoren für Europa: Vielversprechende Projekte

wie MeRegio führen das enorme IKT-eigene Potential vor

Augen, den Wandel im Energiesektor zu befördern. Der

Übergang hin zu weiträumigen intelligenten Netzen und

die flächendeckende Einführung intelligenter Strommessgeräte

stellen freilich eine erhebliche Herausforderung

dar. Angesichts einer fehlenden europäischen Umsetzung

weltweiter Standards zeigen Versorgungsunternehmen,

IKT-Branche und Nutzer bislang wenig Bereitschaft, in

entsprechende Hardware und Dienste zu investieren.

Den Fernleitungsnetzbetreibern fehlen oftmals Anreize,

ihre IT-Aufwendungen zur Entwicklung intelligenter Netze

deutlich zu erhöhen. Gleichzeitig machen sich viele Endverbraucher

einfach nicht bewusst, in welchem Ausmaß

moderne Technologien ihre Energiekosten zu reduzieren

vermögen.

Anderseits hat Europa alle Chancen, bei der Entwicklung

solcher intelligenter Netze die weltweite Führungsposition

zu übernehmen. Wie Business Week unlängst berichtete,

ist Italien in weniger als einem Jahrzehnt „der überraschende

Weltmarktführer bei der Entwicklung eines

intelligenteren Stromnetzes geworden. Rund 85 % der

italienischen Haushalte sind mittlerweile mit intelligenten

Strommessgeräten ausgestattet – das ist nicht nur der


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

weltweit größte prozentuale Anteil, sondern auch in absoluten

Zahlen mehr als in den ganzen USA. Versorgungsunternehmen

überall auf der Welt wie etwa die kalifornische

PG&E (PCG) und die FPL Group (FPL) aus Florida

brennen darauf zu erfahren, wie [Italien] diese Revolution

der intelligenten Strommessgeräte in Gang gesetzt hat.“ 66

Satellitengestütztes Management erneuerbarer Energiequellen:

Erneuerbaren Energiequellen kommt bei den

Bemühungen um die Schaffung von Nachhaltigkeit eine

Schlüsselrolle zu. Solche Energiequellen finden sich indes

vielfach in sehr entlegenen Gegenden, in denen eine

Festnetz-Breitbandinfrastruktur nicht zur Verfügung steht.

Dort sind dann zur Schaffung der nötigen Verbindungen

Drahtlos-Technologien wie etwa terrestrische breitbandige

Mobilfunk- oder aber Satellitensysteme erforderlich. Ein

Beispiel hierfür liefert das italienische Unternehmen GSE,

das zur Schaffung der zur Überwachung und Lenkung

solcher erneuerbarer Energieressourcen unverzichtbaren

intelligenten Anbindungen 5000 von Astra zur Verfügung

gestellte Satellitenterminals nutzt.

„ Digital-Technologien eröffnen die Möglichkeit

zur Verwandlung der Netzinfrastrukturen und

verschaffen Endabnehmern die Möglichkeit,

ihren Energieverbrauch zu steuern. “

66 http://www.businessweek.com/globalbiz/content/nov2009/gb20091116_319929.htm

P 41


P 42

„ Digital-Technologien im Gesundheitswesen:

E-Health stellt mit einem geschätzten

Wert von 20 Milliarden Euro oder 2 % der

Gesamtaufwendungen für Gesundheit

das innerhalb der EU am schnellsten

wachsende Segment dar. “


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

Gesundheitswesen

Bedeutung für Europa: Die wirtschaftliche Bedeutung einer

gesunden Bevölkerung für Europa – und vor allem einer

gesund immer älter werdenden Bevölkerung – wurde

bereits angesprochen. Die Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge,

die in Europa derzeit 9 % des BIP ausmachen,

könnten Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2020 innerhalb

der OECD-Staaten auf 16 % steigen. 67 Das umfangreiche

und komplex strukturierte Gesundheitswesen gilt

als der mit Abstand größte Arbeitgeber in Europa: 10 %

der Erwerbstätigen gehen einer Beschäftigung in diesem

Segment nach. Dieser Anteil könnte sich bis zum Jahr

2020 verdreifachen. 68

Innerhalb dieses Sektors stellt E-Health mit einem geschätzten

Umfang von 20 Milliarden Euro oder 2 % der

Gesamtaufwendungen für Gesundheit das innerhalb der

EU am schnellsten wachsende Segment dar. 69 Als solches

wurde E-Health im 2006 erschienenen Bericht Ein innovatives

Europa schaffen als Eckpfeiler des europäischen

Wohlstands gewürdigt. 70

Die Zukunft des europäischen Gesundheitswesens:

In einem maßgeblichen gemeinsamen Arbeitspapier der

EU und der OECD vom November 2009 mit dem Titel

Achieving Better Value for Money in Healthcare heben die

Autoren hervor: „Das Gesundheitswesen gerät angesichts

der steigenden Ansprüche an die Versorgungsqualität in

Zeiten einer alternden Bevölkerung und eines raschen

technologischen Wandels zunehmend unter Druck.“ 71 Sie

gelangen dabei zu dem Schluss, dass die größte Herausforderung,

der sich der Sektor zu stellen hat, in einer Verbesserung

der Pflegequalität bei gleichzeitiger Steigerung

der Produktivität bestehen wird, nicht zuletzt auch angesichts

der ständigen Weiterentwicklung der medizinischen

Praxis selbst:

Die medizinische Praxis hat sich im Laufe der Zeit

grundlegend verändert. Der Schwerpunkt der Gesundheitsversorgung

hat sich nach und nach von einzelnen

niedergelassenen Ärzten hin zu komplex strukturierten,

facettenreichen Institutionen verlagert, die verschiedenerlei

medizinische wie nichtmedizinische Fachkräfte

beschäftigen. Hierdurch steht ein Großteil der medizinischen

Versorgung nicht länger unter der alleinigen

Kontrolle von Ärzten, geschweige denn eines einzelnen

Arztes. Im Lichte dieser Veränderungen sieht sich das

Gesundheitswesen nahezu überall neuen Problemen

bei der Überwachung von Prozessen und Ergebnissen

der Gesundheitsfürsorge gegenüber.“

In engem Zusammenhang mit der zweifachen Herausforderung

durch wachsende Ansprüche an die Versorgungsqualität

auf der einen und eine höhere Produktivität

auf der anderen Seite stehen die Bemühungen um

die Bereitstellung einer medizinischen Grundversorgung

auch außerhalb von Krankenhäusern. Die vielfältigen wirtschaftlichen

und gesundheitsbezogenen Vorteile solcher

Dezentralisierungsstrategien liegen auf der Hand.

Bedeutung von IKT: Der EU-/OECD-Bericht zeichnet

ein überzeugendes Bild der Bedeutung, die IKT auch bei

einer Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung

vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung der medizinischen

Praxis zukommt:

Diese Evolution [sic] hat Bewusstsein dafür geschaffen,

dass es eines umfassenderen und systemischen

Ansatzes zur Erfassung von Gesundheitsdaten bedarf.

Verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen haben IKT

in das Gesundheitswesen der OECD-Staaten bis dato

in nur begrenztem und dabei sehr unterschiedlichem

Umfang Eingang gefunden. Gegenwärtig trifft man die

meisten ausgereiften IKT-Anwendungen in Buchhaltung

und Verwaltung an. Die Digitalisierung von Laborbefunden

und Ergebnissen radiologischer Untersuchungen

hat in vielen Ländern ebenfalls bereits weithin Einzug

gehalten. Im Vergleich dazu hat sich die Einführung von

Anwendungen, die Qualität und Zeitnähe der Patientenversorgung

zum Ziel haben, bislang erst langsam vollzogen.“

Die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien

stellt einen entscheidenden Schritt zur

Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung

dar. Eine automatisierte Datenerfassung und verarbeitung

kann reichhaltige Daten in einer leicht zugänglichen

Form bereitstellen, die ein Benchmarking vereinfacht

und es erlaubt, Möglichkeiten zur Qualitätsverbesserung

zu erkennen. Eine Reihe von Erfolgsgeschichten

legt den Schluss nahe, dass kennzahlengestützte Performance-Management-Programme,

IT-Investitionen

und die Verwendung klinischer Richtlinien den entscheidenden

Unterschied ausmachen können, wenn sie mit

organisatorischen Umstrukturierungen und einer Umgestaltung

des Systems einhergehen.

67 European Commission e-Health Taskforce report 2007, in preparation for the Lead Market Initiative: Accelerating the Development of the e-Health Market in Europe, zitiert in COCIR White Paper, Towards a sustainable healthcare model. http://www.

cocir.org/uploads/documents/-34-cocir_wp_on_sustainable_hc_-_released_on_19_nov._2008.pdf; Price Waterhouse Coopers, HealthCast 2020: Creating a Sustainable Future, zitiert in COCIR, a. a. O. | 68 Ebenda | 69 Aus einer Präsentation der

EU-e-Health-Agenda von Illias Iakovidis der ICT for Health Unit, DG INFSO, auf der von Linklaters organisierten Gesundheitskonferenz „Overcoming the challenges to e-Health“, 17. Juni 2009. | 70 Bericht der unabhängigen Sachverständigengruppe

für FuE und Innovation, Vorsitz: Esko Aho. http://www.eua.be/eua/jsp/en/upload/060119Aho_report_final.1151581421179.pdf | 71 Achieving Better Value for Money in Healthcare, OECD Health Policy Studies, 2009. http://browse.oecdbookshop.

org/oecd/pdfs/browseit/8109171E.PDF

P 43


Die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien

stellt einen entscheidenden Schritt zur Verbesserung der Qualität der

Gesundheitsversorgung dar. Eine automatisierte Datenerfassung und

verarbeitung kann reichhaltige Daten in einer leicht zugänglichen

Form bereitstellen, die ein Benchmarking vereinfacht und es erlaubt,

Möglichkeiten zur Qualitätsverbesserung zu erkennen “

Die heutige phänomenale Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten

eröffnet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten,

dem Bedarf nach einer größeren Standortunabhängigkeit

bei der Dienstleistungserbringung und einer stärkeren

persönlichen Kontrolle bei der Wahrnehmung dieser

Dienstleistungen und damit den sich durch eine immer älter

werdende Bevölkerung stellenden Herausforderungen

gerecht zu werden.

Fernüberwachung und fernmedizinische Untersuchungen,

implantierbare und tragbare Biosensoren sowie

Online-Netzwerke zum Austausch mit Mitbetroffenen eröffnen

neue Modelle der medizinischen Versorgung, mit

denen es trotz angespannter personeller und finanzieller

Ressourcen gelingt, älteren Menschen zuhause eine

stärker auf deren individuelle Bedürfnisse abgestimmte

Pflege und Unterstützung zukommen zu lassen. Die benutzerfreundliche

Möglichkeit zur Videokommunikation

auf Tastendruck bringt verstreut lebende Familien enger

zusammen, ermöglicht kontinuierliche emotionale und

soziale Unterstützung und bietet neue Modelle der Interaktion

für weiträumig verteilte Gruppen mit gemeinsamen

Interessen, einander zu treffen und sich auszutauschen.

72 http://www.health-e-child.org/

P 44

Die folgenden Projekte veranschaulichen, was diese

digitale Vision einer verbesserten europäischen

Gesundheits¬versorgung in der Praxis zu leisten vermag:

• Das Konsortium Health-e-Child Platform befindet sich

(seit Mitte 2009) im Abschlussjahr seiner Arbeit, die darauf

zielt, auf dem Wege einer vertikalen Integration biomedizinischer

Daten, Informationen und Kenntnisse, die

sich über das gesamte Spektrum von der Bildgebung

über genetische bis hin zu klinischen und epidemiologischen

Daten erstrecken, Klinikpersonal einen umfassenden

Überblick über das Thema Kindergesundheit

zu vermitteln. Durch eine intelligente Nutzung des Potentials

digitaler Technologien hat das Konsortium eine

biomedizinische Informationsplattform entwickelt, die

ausgeklügelte und belastbare Such-, Optimierungs- und

Abgleichverfahren heterogener Informationen unterstützt.

Aufbauend auf digitale Netzwerke und Werkzeuge

richtet sich die Arbeit auf die Integration innovativer

prognostischer Krankheitsmodelle, die Visualisierung

komplexer Daten und die Erkennung von Zusammenhängen

mit dem obersten Ziel, bei der klinischen Entscheidungsfindung

in Kardiologie, Rheumatologie und

Neuroonkologie Unterstützung zu leisten. 72

Dem Konsortium gehören 15 Partner aus acht Mitgliedsstaaten

an. Das Projekt bringt vier führende pädiatrische

Kliniken zusammen: NECKER Enfants Malades in Paris,

Ospedale Pediatrico Bambino Gesù in Rom, Istituto

Giannina Gaslini in Genua und das Great Ormond

Street Hospital in London. Auch eine Reihe europäischer

Universitäten und Forschungszentren tragen zu

dieser neuartigen Zusammenführung interdisziplinärer

Erfahrung in informationsgestützter Medizintechnik bei.


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

• Ausdehnung von E-Health auf ländliche Gegenden: Auf

der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung zwischen

dem Generalrat Alpes Maritimes, der Medizinischen

Fakultät der Universität Nizza und Alcatel Alenia

Space hat ein Konsortium aus 19 Unternehmen in dem

im Südosten Frankreichs gelegenen Departement erfolgreich

ein digitales Gesundheitsversorgungssystem

auf die Beine gestellt. Angesichts der problematischen

Topographie mit vier Tälern, die besonders im Winter

erdrutsch- und schneebedingt oft nur schwer zu erreichen

sind, einer immer älter werdenden Bevölkerung

und einer geringen Ärztedichte bot E-Health den einzigen

Ausweg dafür, in der Region eine Gesundheitsversorgung

auf hohem Niveau aufrecht zu erhalten.

Gestützt auf breitbandige Zweiwege-Satellitentechnologie

bietet das Projekt die Möglichkeit zu ärztlicher

Beratung über Internet in Psychiatrie und Gerontologie

sowie zu Ferngutachten und Ferndiagnosen in den Bereichen

Radiologie, Dermatologie und Kardiologie. DI-

COM-Techniken (Digital Imaging and Communications,

digitale Bildgebung und Telematik) gestatten zudem

Augenuntersuchungen von Diabetikern und Ultraschalluntersuchungen.

• Personalisierte Gesundheitsversorgungssysteme für

chronisch Kranke: Um im Bemühen um Kostendämpfung

die Zahl der Krankenhauseinweisungen zu verringern,

ohne dass dabei die Qualität der Gesundheitsversorgung

leidet, hat der staatliche Gesundheitsdienst

NHS in der Region Lothian das bislang größte System

einer ärztlichen Betreuung über Internet in Schottland

initiiert, bei dem 400 Patienten mit langwierigen Erkrankungen

die Vorzüge einer personalisierten medizinischen

Betreuung aus der Ferne zugute kommen sollen.

Das hochmoderne High-Tech-System ermöglicht es

Patienten mit chronischen Erkrankungen wie etwa einer

chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (Chronic

Obstructive Pulmonary Disease, COPD), ihren Gesundheitszustand

tagtäglich zuhause selbst zu überwachen.

Das System mit Touchscreen-Technologie bietet den

Patienten die Möglichkeit zur häuslichen Durchführung

einer Reihe von Gesundheitsuntersuchungen wie u. a.

des Blutdrucks, der Atmung, des Gewichts oder auch

des Glucose- und Sauerstoffgehalts des Bluts. Es eröffnet

darüber hinaus die Möglichkeit, Funkverbindungen

zu medizinischen Geräten wie Peak-Flow-Metern und

Waagen aufzubauen. Erfahrungen mit vorangegangenen

Versuchen vergleichbaren Umfangs in anderen

Ländern haben einen 30-prozentigen Rückgang der

Krankenhauseinweisungen unter den Patienten feststellen

lassen, die an dem Versuch teilnahmen. 73

Erfolgsfaktoren für Europa: Die umfassende Erschließung

des Potentials digitaler Technologien ist fraglos der

Schlüssel zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel

in der europäischen Gesundheitsversorgung. Das traditionelle

Modell einer Gesundheitsfürsorge, die auf der

Behandlung akuter Erkrankungen aufbaut, wird sich in

Zeiten einer zunehmenden Alterung der europäischen

Bevölkerung nicht länger fortführen lassen. Wir müssen

zu einem auf einer kontinuierlichen Gesundheitsfürsorge

gründenden, sich auf digitale Systeme und Dienste stützenden

Paradigma und dabei zu einer größeren Standortunabhängigkeit

bei der Dienstleistungserbringung und

einer stärkeren persönlichen Kontrolle bei der Wahrnehmung

dieser Dienstleistungen gelangen. Dies verlangt ein

weitreichendes Engagement aller Interessenvertreter für

fünf vorrangige Ziele: 74

1. Konzentration auf Krankheitsvorbeugung

2. Stärkung von bewährten patientenorientierten Prozessen

3. Wirksamer Einsatz digitaler Technologie

4. Beschleunigte Einführung neuer medizinischer Verfahren

und Technologien

5. Implementierung wert- und ergebnisorientierter Erstattungssysteme

73 http://www.nhslothian.scot.nhs.uk/news/mediaroom/news_release/09_02_23_tele-Health.asp | 74 Vorgeschlagen vom European Coordination Committee of the Radiological, Electromedical and Healthcare IT Industry (COCIR), http://www.cocir.

org/uploads/documents/-34-cocir_wp_on_sustainable_hc_-_released_on_19_nov._2008.pdf

P 45


„ Wenn es Europa wohlergehen soll,

müssen KMU moderne Informations- und

Kommunikationstechnologien sinnvoll einsetzen. “

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Bedeutung für Europa: Kleine und mittlere Unternehmen

– mit weniger als 250 Beschäftigten – sowie Kleinstbetriebe

machen 99 % der schätzungsweise 23 Millionen Unternehmen

in der EU aus. Die von diesen mittelständischen

Unternehmen gebotenen rund 75 Millionen Arbeitsplätze

entsprechen zwei Dritteln der Gesamtzahl an Jobs im privaten

Sektor. 80 % der im Verlauf der zurückliegenden

fünf Jahre in der EU neu geschaffenen Arbeitsplätze sind

in diesem Segment entstanden. 75 In einigen Industriezweigen

wie z. B. Textil-, Bau- und Möbelindustrie tragen KMU

bis zu 80 % der Beschäftigung bei. 76

Die Zukunft der europäischen KMU: Aus Sicht der Europäischen

Kommission: „Globalisierung ist für Europas

KMU Chance und Bedrohung zugleich, denn sie werden

ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig nur dann aufrechterhalten

können, wenn sie in der Lage sind, auf internationaler

Ebene zu agieren. Doch bislang beschränken die meisten

europäischen KMU ihre Tätigkeit auf das eigene Land.

Aus einem Bericht des Europäischen Beobachtungsnetzes

für KMU geht hervor, dass nur 8 % der EU-Mittelständler

exportieren, nur 12 % der Einsatzgüter eines durchschnittlichen

KMU im Ausland beschafft werden und lediglich

5 % der Unternehmen Einnahmen aus ausländischen Geschäftspartnerschaften

erzielen.“ 77

Die Bedeutung von IKT: Um erneut die Europäische

Kommission zu zitieren: „Wenn es Europa wohlergehen

soll, müssen diese Unternehmen moderne Informations-

und Kommunikationstechnologien sinnvoll einsetzen.“ 78

Während die von einem kleinen oder mittleren Unterneh-

P 46

men konkret umgesetzten digitalen Strategien und angewandten

Werkzeuge in der Regel die jeweiligen branchenoder

marktspezifischen Trends widerspiegeln, werden für

eine wachsende Zahl an KMU vier konkrete Vorzüge dieser

Werkzeuge in allen Bereichen wirtschaftlicher Tätigkeit

immer wichtiger werden:

Die „Cloud“: On-Demand-Zugriff auf digitale Werkzeuge

und Dienstleistungen über das Internet wird unverzichtbar

sein, damit diese beschleunigt Verbreitung auch unter

KMU finden, die nicht über die für Entwicklung und

die Unterhaltung solcher Werkzeuge und Dienstleistungen

im eigenen Haus erforderlichen finanziellen oder

personellen Ressourcen verfügen.

• Beseitigung von Entfernungsbeschränkungen: Im Hinblick

auf die durch die Globalisierung gestellten Herausforderungen

dürfte am wichtigsten sein, dass der

elektronische Geschäftsverkehr Entfernungen zunehmend

bedeutungslos werden lässt und es den KMU ermöglicht,

im riesigen europäischen Binnenmarkt – und

eigentlich in der ganzen Welt – Geschäfte zu tätigen,

ohne ein physisches Netz von Büros und Verkaufsstellen

aufbauen zu müssen. 79

• Virtuelle Organisation: KMU werden immer häufiger

nicht umhin kommen, sich mit anderen kleinen und

mittleren Unternehmen zu Unternehmensnetzwerken

zusammenzuschließen – oftmals über größere Entfernung,

was auch für Kunden gilt –, um ein Endprodukt

auf den Markt zu bringen, wobei dann jeder Teilnehmer

für ein Glied der Wertschöpfungskette die Verantwortung

trägt. Damit ein solches Netzwerk funktioniert, bedarf

es eines Informations¬austauschs über Aufträge,

Geschäftprozesse und den Arbeitsfortschritt unter allen

Beteiligten. Digital-Technologien werden KMU die Möglichkeit

eröffnen, über solche virtuelle Organisationen

gemeinsam mit weitaus größeren und in sich geschlossenen

Unternehmen in Wettbewerb zu treten. 80

• Vernetzte Innovation: Für hochspezialisierte Unternehmen,

die für Neuentwicklungen ergänzende Technologien

oder Qualifikationen benötigen, wird es einfacher

werden, Partner zu finden und unabhängig von deren

geographischem Standort mit diesen zusammenarbeiten.

Die folgenden Fallbeispiele veranschaulichen, welches

Veränderungspotenzial eine zunehmende Verbreitung

von IKT unter europäischen KMU hat.

75 Britische Regierung: The Future of EU Competitiveness: from Economic Recovery to Sustainable Growth, June 2009. http://www.berr.gov.uk/files/file51732.pdf | 76 International Finance Corporation: Micro, Small, and Medium Enterprises: A Collection

of Published Data (MS-Excel-Datei, 17. Mai 2005). http://www.ifc.org/ifcext/sme.nsf/Content/Resources | 77 Europäische Kommission, http://ec.europa.eu/enterprise/e_i/news/article_7001_de.htm | 78 http://ec.europa.eu/information_society/

tl/ecowor/smes/index_de.htm | 79 Ebenda | 80 http://cordis.europa.eu/ictresults/index.cfm?section=news&tpl=article&BrowsingType=Features&ID=57257


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

• Forschungsprogramme der Europäischen Kommission

für KMU: Solche Forschungsprogramme veranschaulichen

anhand zahlreicher Fallstudien, welche Möglichkeiten

sich europäischen KMU durch Vernetzung und

Zusammenarbeit wie auch durch Innovationen bei Produkten

und Dienstleistungen aufgrund eines innovativen

Einsatzes digitaler Technologie eröffnen. 81

Ein repräsentatives Beispiel bietet LEAPFROG (Leadership

for European Apparel Production From Research

along Original Guidelines). LEAPFROG ist eine gemeinsame

Forschungs- und Innovationsinitiative der europäischen

Textil- und Bekleidungsindustrie, die sich der

Technologieförderung in diesem Sektor verschrieben

hat. Sie führt eine große Zahl an europäischen Textil-

und Bekleidungsunternehmen – größtenteils KMU – mit

Forschungszentren zusammen, die das Ziel eint, neue

Formen einer optimalen Stoffvorbereitung für die Bekleidungsproduktion,

automatisierte Bekleidungsherstellung,

virtuelle Entwicklung von Bekleidungsprototypen,

Lieferkettenintegration und kundenindividuelle Massenproduktion

zu entwickeln und zu implementieren. Das

von LEAPFROG verfolgte oberste Ziel ist es, die Produktivität

und Wettbewerbsfähigkeit des europäischen

Bekleidungssektors grundlegend zu verändern und

dessen Abhängigkeit vom Kostenfaktor Arbeit zu verringern.

• Andreas Andresen A/S: Andreas Andresen ist einer der

auf dem dänischen Markt führenden Akteure im Transport

temperaturgeführter Waren und bei Logistiklösungen.

Das 1916 gegründete Unternehmen ist in den

letzten Jahren mit seinen Kunden aus den Segmenten

Nahrungsmittelherstellung und Lebensmitteleinzelhandel

enorm gewachsen. Der Übergang von einer kleinen,

lokalen Firma zu einem Global Player war nicht frei von

Herausforderungen. Zum von Andreas Andresen erfolgreich

vollzogenen Wandel entscheidend beigetragen

haben umfangreiche Investitionen in neue Informations-

und Kommunikationstechnologie zum besseren Schutz

des Transportguts, einer besseren Routenplanung,

einer systemweit optimierten Kommunikation mit den

Kunden und Fahrern und zum besseren Management

der Unternehmensfinanzen. 82

Erfolgsfaktoren für Europa: Europäische KMU werden

in Zukunft nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn sie EUweit

über Next-Generation Networks Zugang zu „Cloud“gestützten

digitalen Werkzeugen und Dienstleistungen

erhalten. Auch wird es erforderlich sein, Bewusstsein,

Verständnis und Qualifikation im nötigen Umfang weiterzuentwickeln,

um dem fortwährenden Entstehen neuer digitaler

Werkzeuge und Dienstleistungen Rechnung zu tragen

und hieraus einen Vorteil zu ziehen. Ebenso wird eine

erheblich größere Beteiligung an Innovationsnetzwerken

wie den oben erwähnten vonnöten sein.

81 Ein diesbezügliches Kompendium bietet: http://ec.europa.eu/research/sme-techweb/index_en.cfm?pg=publications-archive | 82 European monitoring Centre on Change, a. a. O.

P 47


Selbstbemächtigung

Die Bedeutung für Europa: Wie uns Präsident Barroso

in Erinnerung ruft, gründet das sozioökonomische Modell

Europas auf individuelle Freiheiten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit

und die Achtung der Menschenrechte und der

Würde des Einzelnen. Dieses Modell funktioniert insoweit,

wie der Einzelne über die Macht verfügt, seine individuellen

Freiheiten zu nutzen, und über die Einsicht, seinen

gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Die Zukunft der Selbstbemächtigung: Selbstbemächtigung

ist in allen Bereichen unserer Wirtschaft wie auch

unserer Gesellschaft ein zentrales Element des Potentials

von Digital-Technologien, den Wandel voranzutreiben.

Aus diesem Grund gilt es, auch ihr im vorliegenden

Weißbuch besondere Beachtung zu schenken. In

dem Maße, wie digitale Technologien leistungsfähiger

werden, wird auch die Selbstbemächtigung wachsen.

Demokratische Gesellschaften werden für die sich über

digitale Plattformen kollektiv und individuell äußernden

Bürger ein offenes Ohr haben und darauf entsprechend

reagieren.

Die Rolle der IKT: Das Internet erweist sich im Prozess

der demokratischen Erneuerung von wesentlicher Bedeutung.

Blogs, Vlogs und Diskussionsforen bieten

Möglichkeiten zur Meinungsäußerung 83 . Behörden wie

die britischen Power of Information Taskforce haben damit

begonnen, Bürgern die Gelegenheit zu geben, Regierungsdokumente

zu kommentieren.

Durch digitale Technologien vermittelte Selbstbemächtigung

lässt sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen.

Das Ergebnis kann vom spezifischen Zweck und der Art

der Anwendung abhängen – etwa wenn es darum geht,

das Leben junger Menschen zum Besseren zu wenden,

wovon die folgende, von der britischen Regierung berichtete

Fallstudie handelt: 84

83 Dem Öffentlichen Sektor stehen eine Vielzahl von Werkzeugen zur Verfügung, um Bürgern die Möglichkeit zu geben, Gedanken und Vorschläge einzubringen (wie dies etwa die Website http://uservoice.com/?lang=de und viele weitere bereits

umsetzen). | 84 PriceWaterhouseCoopers, a. a. O.

P 48

• Notschool.net bietet vom normalen Schulbetrieb ausgeschlossenen

Jugendlichen im Vereinigten Königreich

außerschulische Bildungsmöglichkeiten. Was als reines

Forschungsvorhaben begann, wurde im Jahr 2000 vom

britischen Department for Children, Schools and Families

in ein landesweites Pilotprojekt ausgeweitet. Über

Internet bietet es jungen Menschen, die weder mit dem

traditionellen Schulsystem noch mit Hausunterricht und

auch nicht mit speziellen Einrichtungen zurechtkommen,

eine alternative Bildungsversorgung. Bis dato haben

5000 Jugendliche an Notschool.net teilgenommen.

Dabei wurden folgende Erfolge erzielt:

- Viele Schüler haben den Teufelskreis aus Unselbständigkeit

und Scheitern durchbrochen: Von den

Teilnehmern des Jahrgangs 2004/2005 haben 50 %

einen Platz an einem College oder in anderen Weiterbildungseinrichtung

gefunden, 26 % sind ein Ausbildungsverhältnis

eingegangen, und weitere 18 %

haben eine Vollzeitbeschäftigung angetreten.

- Offizielle Schulabschlüsse: Von den 916 im Zeitraum

vom 1. April 2004 bis zum 31. März 2005 aktiven Teilnehmern

erzielten mehr als 96 % einen staatlich anerkannten

Part-B-Abschluss, der den GCSE-Grades

D bis G (GCSE: britische Schulabschlussprüfung,

vergleichbar mit der mittleren Reife) oder höher (Level

1) entspricht, mehr als 50 % erzielten eine den

Grades A bis C gleichwertige Qualifikation (Level 2)

und rund 8 % das Äquivalent des A-Level (Level 13).

- Im selben Zeitraum brachen 1,7 % der Teilnehmer

den Ausbildungsweg ab, und 3,6 % erreichten nicht

die Anforderungen eines Abschlusses auf Part-B-

Niveau (national anerkannte Qualifikation).

- Legt man die im Laufe des Erwerbslebens erzielten

Einkünfte zugrunde, so profitiert die britische Volkswirtschaft

von den Kindern, die dank Notschool.net

Level-2- und Level-13-Qualifikationen erworben haben,

in einem finanziellen Umfang von rund 61 Millionen

Pfund Sterling.

Der Regierungsbericht gelangt zu dem Schluss, dass die

erfolgreiche Teilnahme am Programm von Notschool.net

an eine Reihe von Voraussetzungen geknüpft ist – darunter

an erster Stelle Interesse am Lernen und ein positives

Familienumfeld. Das dem Konzept der „Digital Inclusion“

verpflichtete Projekt verfügt über die potentielle Anstoßwirkung,

den Anteil der durch das Raster des Schulsystems

fallenden Kinder, die es zu einem regulären Abschluss

bringen, deutlich zu steigern.


KAPITEL 2 DIGITALE TECHNOLOGIEN ALS TRIEBKRÄFTE DES WANDELS: BRANCHEN- UND FALLBEISPIELE

„ … wie der Einzelne über die Macht verfügt, seine individuellen

Freiheiten zu nutzen, und über die Einsicht, seinen

gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. “

Erfolgsfaktoren für Europa: Der nächste Schritt hin zu

einer Erneuerung der Demokratie besteht in der Entwicklung

von Werkzeugen, die Bürger in die schwierige Aufgabe

einbeziehen, Prioritäten festzulegen und Kompromisse

zu schließen. Diese Werkzeuge werden über die bloße

Eingabe von Text hinausgehen und Wege finden müssen,

Bürgermeinungen im Rahmen einer strukturieren Debatte

zu sammeln. Manches wurde in diesem Bereich bereits

unternommen, vieles indes bleibt noch zu tun und sollte

zu einem Forschungsschwerpunkt gemacht werden. Jegliche

Forschung allerdings bedarf einer Verknüpfung mit

praktischen Experimenten, wobei unterschiedliche Ansätze

zur Anwendung gelangen müssen, da das Problem

nicht in erster Linie in der technischen Herausforderung

besteht, das passende Werkzeug zu schaffen, sondern es

vielmehr um die Entwicklung eines Werkzeugs geht, das

die Menschen wirklich zu nutzen bereit sind und das nützliche

Ergebnisse zeitigt.

Öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP) wird bei den

Bemühungen um Verminderung der „Digital Exclusion“

(Ausgrenzung) und der Förderung der Selbstbemächtigung

eine Schlüsselrolle zukommen.

P 49


Der unverzichtbare Sektor

„Wir müssen in Europa ein Verständnis für die Beziehung

schaffen, die IKT mit Wohlstand verbindet.

Europa wird entweder mit IKT voranschreiten oder

aber ernormen Schaden erleiden. Derzeit sind über

den Erdball eine Milliarde Computer und ein paar Milliarden

Telefone verteilt. In wenigen Jahren werden

es 15 Milliarden Geräte sein.”

Gordon Graylish, Vice President, Intel

Die beiden ersten Kapitel dieses Weißbuchs haben gezeigt,

warum der künftige Wohlstand Europas davon abhängt,

ob es gelingt, das Potential digitaler Technologien,

Produkte und Dienstleistungen in allen Bereichen von

Industrie und Gesellschaft umfassend zu nutzen. Dabei

muss man sich jedoch klarmachen, dass sich diese Vision

nur dann realisieren lässt, wenn Europa selbst zum Heimat-

und Gastland eines dynamischen IKT-Sektors wird,

der mit Politik, Umwelt, Kultur und Politik eng verwoben

ist.

In der Unverzichtbarkeit einheimischer IKT liegt die zentrale

Bedeutung – und knallharte Realität – dieses neu erstandenen

digitalen Zeitalters. Keine Region der Welt wird

ihre Wirtschaftskraft allein auf Grundlage importierter digitaler

Kompetenzen, Innovationen, Produkte und Dienstleistungen

bewahren können. Ebenso wenig wird es einer

Region der Welt gelingen, den benötigten IKT-Sektor zu

erhalten, wenn dieser nicht als zentraler Job- und Wachstumsmotor

von Bedeutung auch für die internationalen

Märkte funktioniert. 85

P 50

Kapitel 3

„DIE ZUKUNFT DES

IKT-SEKTORS IN EUROPA“

Die europäischen IKT heute

Der europäische IKT-Sektor wächst weiter und zeigt sich

dabei ungebremst innovationsfreudig:

• Derzeit gibt es in den 27 EU-Staaten schätzungsweise

680 000 überwiegend im IKT-Produktions- und Dienstleistungsbereich

tätige Unternehmen, die etwa 6 Millionen

Menschen unmittelbar86 (12 Millionen insgesamt87 )

Arbeit geben und eine Gesamtwertschöpfung von nahezu

500 Milliarden Euro88 hervorbringen. Der Sektor

selbst erwirtschaftet 4,5 % des europäischen BIP bzw.

schätzungsweise 6 %, wenn man den in anderen Sektoren

durch IKT erzielten Mehrwert mit einbezieht. 89

• Der Ausblick für den Sektor ist weiterhin positiv. Ungeachtet

des konjunkturellen Abschwungs im Jahr 2009

prophezeit Forrester Consulting dem Sektor eine 7-prozentige

Wachstumsrate für 2010 und ein anhaltend kräftiges

Wachstum auch in den Jahren darnach. 90

• Nach Angaben der OECD zeigt die IKT-Branche das

höchsten Wertschöpfungswachstum innerhalb der Europäischen

Union. 91 Einen weiteren Beleg für die Bedeutung

dieses Sektors für Europa liefert der im Oktober

2009 erschienene Bericht der International Data

Corporation (IDC), der bis Ende des Jahres 2009 ein

EU-weites Steueraufkommen von 265 Milliarden Euro

und Investitionen europäischer Unternehmen in Höhe

von 305 Milliarden Euro in IKT prognostizierte. 92

• Auf IKT entfallen mittlerweile ein Drittel sämtlicher Arbeitsplätze

in der unternehmerischen Forschung, fast

ein Fünftel der Gesamtaufwendungen für Forschung

und Entwicklung durch öffentliche und private Geldgeber

sowie über ein Fünftel aller EU-Patente. 93

85 Es versteht sich von selbst, dass dies Investitionen aus dem Ausland in die europäische IKT-Branche erforderlich macht – auch durch Unternehmen, die nicht in der EU beheimatet sind. | 86 Information Society Research & Innovation: an evaluation

of the Sixth Framework Programme, geführt von Esko Aho, Mai 2008, http://ec.europa.eu/dgs/information_society/evaluation/data/pdf/fp6_ict_expost/ist-fp6_panel_report.pdf | 87 Forrester Consulting, unveröffentlichte Forschungsarbeit für

DIGITALEUROPE, 2009 | 88 Esko Aho, a. a. O. | 89 Eine Strategie für die IKT-Forschung, -Entwicklung und -Innovation in Europa: Mehr Engagement, Europäische Kommission, März 2009. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?ur

i=COM:2009:0116:FIN:DE:PDF | 90 Forrester Consulting, a. a. O. | 91 IKT-Schlüsselindikatoren nach Einschätzung der OECD, wie von Forrester Consulting berichtet, a. a. O. | 92 Aid to Recovery: the Economic Impact of IT, Software and the

Microsoft Ecosystem on the Economy, IDC Oktober 2009. http://download.microsoft.com/download/D/3/3/D3346D96-DBBC-4AC0-B3EF-60BFDA205470/2009_OCT_Global_White_Paper_IDC_2009_Study.pdf | 93 Europäische Kommission, a. a.

O., zitierend aus dem OECD-Bericht 2003 zu IKT und Wirtschaftswachstum. http://www.labs-associados.org/docs/OCDE_TIC.PDF


KAPITEL 3 DIE ZUKUNFT DES IKT-SEKTORS IN EUROPA

• Der vomWirtschaftsinformationsdienst Economist Intelligence

Unit im Dezember 2009 veröffentlichte dritte jährliche

ICT Industry Competitiveness Index vergleicht die

IT-Branchen von 66 Ländern, um zu ermitteln, in welchem

Umfang die Wettbewerbsfähigkeit dieses Sektors

dort gestützt wird, und gelangt zu folgendem Ergebnis:

Die EU-Staaten sind gut aufgestellt, den IT-Sektor zur

Generierung von langfristigem Wachstum zu nutzen.

Bei fünf der zehn Länder, die den Index anführen, handelt

es sich um EU-Mitgliedsstaaten, wobei Finnland

(Rang 2), Schweden (Rang 3), die Niederlande (Rang

5) und das Vereinigte Königreich (Rang 6) besonders

gut abschneiden. Von den 24 im Index aufgeführten EU-

Staaten finden sich bis auf vier alle in der oberen Hälfte.“

94

Während diese Zahlen bestätigen, dass IKT eines der

großen und weiter wachsenden Segmente in Industrie,

Technologie und Beschäftigung in Europa darstellen,

gelangt ein vor kurzem erschienener EU-Bericht, der

die europäischen mit anderen führenden Staaten vergleicht,

zur eindeutigen Botschaft: Wir können und müssen

sehr viel mehr tun. 95

• Das relative Gewicht, das IKT in der Wirtschaft zukommt,

ist in Europa weiterhin geringer als andernorts

in der OECD, besonders im Vergleich zu Südkorea und

Japan – was seine Ursache in erster Linie in dem in Europa

nur schwach vertretenen IKT-Produktionssegment

hat.

• Europa macht ein Drittel des Weltmarkts für IKT mit

einem geschätzten Volumen von 2 Billionen Euro und

einem jährlichen Wachstum von 4 % aus. Der Anteil unseres

IKT-Sektors an der weltweiten Wertschöpfung in

diesem Bereich beträgt indes nur 23 %.

• Relativ gesehen investiert der europäische IKT-Sektor

weniger in Forschung und Entwicklung als seine wichtigsten

Wettbewerber. Dies hat seine Ursache darin,

dass beinahe sämtliches F&E-Wachstum im IKT-Sektor

der EU im Bereich Software und Services stattfindet,

worin sich einmal mehr die Schwäche des IKT-Produktionssegments

widerspiegelt.

• Verglichen mit der EU geben die USA doppelt so viel

für Forschung und Entwicklung im IKT-Bereich aus. Tatsächlich

lassen Unternehmensdaten darauf schließen,

dass unter den Ländern, die am meisten für Forschung

und Entwicklung aufwenden, die Vormachtstellung der

USA allein dem IKT-Sektor zu verdanken ist.

In einer Mitteilung aus dem Jahr 2009 stellt die Europäische

Kommission fest, dass Europa über vergleichsweise

nur wenige weltweit anerkannte IKT-Exzellenzzentren verfüge

und es schwierig sei, Studenten, Forscher und private

Investoren anzulocken: „Allein der US-Bundesstaat

Kalifornien zieht zwei Mal so viel Risikokapital an wie ganz

Europa.“ 96 2008 berichtete die OECD, dass sich im Jahr

2005 die US-amerikanische Gesamtinvestitionssumme in

Risikokapital in den Hightech-Sektoren auf rund das Dreifache

des entsprechenden Betrags in der EU belief. 97

94 Resilience amid turmoil: Benchmarking IT industry competitiveness 2009, aufrufbar unter www.bsa.org/globalindex | 95 JRC (Joint Research Centre): 2009 Report on ICT in R&D in the European Union. http://ftp.jrc.es/EURdoc/JRC49951.pdf

| 96 JRC, a. a. O., zitierend aus Global Venture Capital Insights and Trends 2008, E&Y. http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/IPOs_Global_venture_capitals_trends_report_2009/$FILE/IPOs_Global_venture_capitals_and_trends_report_2009.

pdf | 97 OECD Science, Technology and Industry: Outlook 2008. http://www.oecd.org/document/36/0,3343,en_2649_34273_41546660_1_1_1_1,00.html

P 51


Europäische IKT im Jahr 2020

„Durch eine Umstrukturierung von IKT-Anwendungen

lässt sich der Energieverbrauch in umfangreichen

IKT-Infrastrukturen um 50 Prozent senken.“

Jim Hagemann Snabe,

Co-CEO und Mitglied des Vorstands der SAP AG

Europa hat in wichtigen Bereichen der IKT-Branche Weltmarktführer

hervorgebracht, namentlich in denen der Telekommunikation

und der Herstellung von TK-Anlagen,

eingebetteter und Unternehmenssoftware sowie der Konsumgüter.

Gleichzeitig entwickelt sich die globale IKT-

Branche weg von der Hardwareherstellung als der vorherrschenden

Quelle der Wertschöpfung hin zu Design,

Software, Systemintegration sowie Roll-out und Kundendienst.

Gegenwärtig hat die Herstellung von IKT-Hardware den

geringsten Anteil an der Wertschöpfung und wird von IKT-

Anbietern in zunehmendem Maße an Billiganbieter untervergeben,

die oftmals – wenn auch nicht immer – von

asiatischen und anderen Schwellenländern aus agieren.

Dieser Trend bedeutet, dass die relative Schwäche im

Bereich der Fertigung von IKT-Hardware sich keinesfalls

verhängnisvoll auf die künftige Dynamik und globale Positionierung

unserer IKT-Branche auswirken muss, wenn

es uns nur gelingt, unsere Stärken und unsere Leistungsfähigkeit

in den höherwertigen Funktionsebenen der ausgeprägten

Wachstumssegmente zu bewahren – was ggf.

eine Fertigungspräsenz in hochinnovativen Produktsegmenten

einschließt. In diesem Licht betrachtet werden wir

uns vorrangig den folgenden Sektoren zuwenden müssen:

• Next Generation Networks und mobile Breitbandkommunikation:

„Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu Breitbandnetzen.

Bis 2015 werden fünf Milliarden Menschen

über einen Internet-Anschluss verfügen, und

deutlich mehr als die Hälfte davon wird einen Breitbandzugang

nutzen können. Das Internet wird zum

wichtigsten Medium für Kommunikation und Informationsaustausch.“

Bosco Novak, Leiter des Kundengeschäfts und Mitglied

des Vorstands, Nokia Siemens Networks.

Vor uns liegt ein riesiger globaler Markt für mobile Breitbanddienste,

ein Bereich, in dem es die bestehende europäische

Führungsposition, wollen wir uns der sich ankündigenden

harten Konkurrenz durch Marktteilnehmer

aus Niedriglohnländern insbesondere Asiens erwehren,

sorgsam zu pflegen und wahrzunehmen gilt.

P 52

Mit dem weltweiten Siegeszug des Mobilfunks hat

die europäische Industrie die Führung bei mobiler

Kommunikations¬technologie übernommen. Die Entwicklung

von GSM zu 3G-(UMTS ) und 4G-Standards,

mit denen in den zurückliegenden Jahren Breitbandkapazitäten

Einzug auch in die mobilen Netze gehalten haben,

hat selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen.

Da in absehbarer Zeit eine noch sehr viel größere Vielfalt

an Geräten die Möglichkeit zum Zugriff aufs Internet

bieten wird, wodurch sich die Möglichkeit zu Unmengen

an neuen Anwendungen ergibt, kann kein Zweifel daran

bestehen, dass mobile Breitbandtechnik für Milliarden

internetfähige Geräte die Zugangstechnik der Wahl sein

wird. 98

Von diesem Trend werden auch Nutzer aus dem Bereich

der Notfalldienste profitieren. Erweiterte Breitbandfähigkeiten

werden Zivilschutzeinrichtungen den

Austausch vorfallskritischer Daten- und Videomitteilungen

in rascherer und effizienterer Weise ermöglichen.

Im Hinblick auf diese neuen Kommunikationserfordernisse

werden die Notfalldienste der Verfügbarmachung

weiterer Frequenzbänder bedürfen, um die neuesten

Techniken implementieren zu können, die zur Bewältigung

der sich ständig weiterentwickelnden operativen

Anforderungen erforderlich sind.

Die europäischen Netzwerkbetreiber und Systemanbieter

sind heute weltweit führend auf dem Gebiet der

Entwicklung und Bereitstellung ständig weiter wachsender

Festnetzübertragungskapazitäten. Wir werden

diese Führungsposition über das nächste Jahrzehnt

bewahren müssen, wenn Europa und die übrige Welt

sich von den aktuell asymmetrischen Breitbandnetzen

hin zu Next-Generation Networks mit hohen symmetrischen

Datenübertragungskapazitäten weiterentwickeln

werden. Im Hinblick auf die für künftige Anwendungen

erforderlichen Bitraten wird es neben einer Modernisierung

der Kabelnetze erforderlich sein, Lichtwellenleiter

immer näher an den Endverbraucher heranzuführen –

letzten Endes bis zu dessen Anschlussdose.

98 In Teilen vollzieht der Markt bereits einen Wechsel von DSL-Festnetzanschlüssen hin zu mobilen Breitbandzugängen (z. B. nach dem HSPA-Standard mit Übertragungsraten von bis zu 7,2 Mbit/s). Probleme ergeben sich damit allenfalls bei extremen

Bandbreiteanforderungen (etwa durch mehrere parallele HDTV-Streams). Bereits dieser Tage werden 4G-Systeme mit einer gegenüber HSPA 10 Mal so schnellen Übertragungsgeschwindigkeit kommerziell genutzt, die sich nach Einschätzung von

Ericsson und Nokia Siemens Networks künftig noch einmal wird verzehnfachen lassen. Jedoch auch die existierenden HSPA-Systeme erfahren dieser Tage eine Weiterentwicklung und könnten in Zukunft Datenraten bis zu 100 Mbit/s unterstützen.


KAPITEL 3 DIE ZUKUNFT DES IKT-SEKTORS IN EUROPA

• Software: In einem Kommentar zu einer Umfrage vom

Dezember 2009 stellte die damalige EU-Kommissarin

für die Informationsgesellschaft Viviane Reding fest:

Die Dynamik des europäischen Software-Sektors stellt

weiterhin eine außerordentlich starke Triebkraft für die

Schaffung hoch qualifizierter Arbeitsplätze dar, und die

Investitionen in Forschung und Entwicklung wachsen

noch immer an Umfang.”99 Die im Folgenden wiedergegebenen

Erkenntnisse, die einem vor kurzem erschienenen

Fachgutachten aus der Software-Branche

entstammen, machen deutlich, dass Europa auf dem

Software-Markt noch immer alle Chancen offen hat, sich

bislang jedoch unter Wert verkauft: 100

„Software findet sich heutzutage überall, ihre Schlüsselrolle

für die moderne digitale Ökonomie wird dennoch

vielfach nicht erkannt. Angesichts von Markterlösen im

Umfang von mehr als 200 Milliarden Euro in Europa und

Wachstumsraten zwischen 6 % und 8 % ist Software

das größte und zugleich am schnellsten wachsende

Segment des IKT-Markts. Des Weiteren ist Software

in den meisten der heute von uns genutzten Produkten

in irgendeiner Form enthalten und stellt einen entscheidenden

Treiber von Innovation, Wachstum und

Beschäftigung in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft

dar. Software ist zum Nervenzentrum jeder modernen

Gesellschaft geworden.

Obwohl es in den vergangenen Jahren Zeichen der Konsolidierung

gegeben hat, ist die Branche noch immer in

hohem Maße fragmentiert. Trotz ausgezeichneter Qualifikation

der Mitarbeiter und einer regen Forschungs- und

Entwicklungs¬tätigkeit steigen europäische Unternehmen

in den seltensten Fällen zu Weltmarktführern auf.

Ihre geringe Größe macht es den im Software-Bereich

tätigen europäischen KMU schwer, in einem zunehmend

globalisierten Markt schnell genug zu wachsen,

international zu agieren oder auch Geschäftsbeziehungen

in andere Mitgliedsstaaten aufzubauen.

Unterdessen befindet sich der weltweite Software-Markt

im Umbruch. Die Erwartungen, die der Kunde an Software

stellt, sind dabei, sich zu ändern. Die Infrastruktur

an programmabhängigen Geräten wird immer dichter,

wodurch sich für Software neue Chancen eröffnen.

Technische Entwicklungen wie serviceorientierte Architekturen

(SOA) und Software as a Service (SaaS) sind

dabei, die Art und Weise zu revolutionieren, in der Software

produziert, eingesetzt und genutzt wird. Auf längere

Sicht sind daneben neue Konzepte rund um das

‚Internet der Zukunft‘ im Entstehen begriffen, für die

Software einen Kernbestandteil ausmachen wird.

Die zur Schaffung von Wirtschaftswachstum, zur Beförderung

eines gesellschaftlichen Wandels und zur Erhaltung

unserer Umwelt nötige Innovation hängt von IKT ab, in

deren Mittelpunkt Software steht. Ein neues Marktparadigma

– Software 2.0 – mit einem grundverschiedenen

Wettbewerbsumfeld und einer völlig anderen Marktdynamik

kündigt sich an. Dieser Paradigmenwechsel, der

alle Marktteilnehmer vor erhebliche Herausforderungen

stellt, eröffnet der europäischen Software-Branche

ungeheure Möglichkeiten. In dieser neuen Welt eines

Wettbewerbs, in dem veränderte Spielregeln gelten,

muss Europa sich innovationsfähig zeigen, will es darin

seinen Platz finden.

In der Welt der Software 2.0 wird Software in Form diskreter

(als Dienste bezeichneter) Einzelelemente entwickelt,

bereitgestellt und genutzt werden, die in hoch

personalisierter Weise auf die benutzerspezifischen

Anforderungen zugeschnitten sind. Vom Ballast des

PCs und anderen gängigen IT-Systemen befreit werden

softwaregestützte Dienste auf einer Vielzahl von

Geräten und Anwendungen in Umgebungen der verschiedensten

Art zur Verfügung stehen. Der Markt für

Software 2.0 wird aus mannigfaltigen Serviceangeboten

bestehen, die verschiedenartigen Lizenzbedingungen

und Preismodellen folgen werden – manche werden

kostenlos sein, andere ein Abonnement erfordern, für

einzelne wird pro Nutzungsvorgang eine Gebühr zu entrichten

sein (Pay-per-Use), andere wiederum werden

werbefinanziert sein. Die Benutzer werden darüber hinaus

einen zentralen Bestandteil des Marktökosystems

darstellen, indem Sie sowohl als Kunden als auch als

Koproduzenten agieren.

Die Marktparadigmen ‚Internet der Zukunft‘ und ‚Software

2.0‘ werden eng ineinander verschränkt sein. Software

wird den Motor für die nächste Generation des

Internets darstellen, das unterdessen für unsere Gesellschaft

und Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle spielen

wird.“

Die zunehmende Bedeutung und die innerhalb des Sektors

stattfindenden strukturellen Veränderungen bergen

für europäische Software-Anbieter manche Herausforderung,

ebenso jedoch auch enorme Geschäftschancen.

99 http://www.truffle100.com | 100 Software 2.0: Rebooting Europe’s Software Industry, Bericht einer Branchenexpertengruppe zum Thema einer europäischen Software-Strategie, April 2009. http://www.cepis.org/index.jsp?p=636&n=639&a=1496

P 53


„ Der Weltmarkt für Technologien, Produkte und Anwendungen im

Zusammenhang mit dem zukünftigen ‚Internet der Dinge‘ wird

Prognosen zufolge von 1,35 Milliarden Euro im Jahr 2009 bei

jährlichen Wachstumsraten von fast 50 % bis 2012 auf über

7,76 Milliarden Euro anwachsen. “

• Das Internet der Zukunft: Viele, wenn nicht gar alle

dieser sich durch Software eröffnenden Gelegenheiten

erwachsen aus der kontinuierlichen Weiterentwicklung

des Internets als der primären Kommunikationsinfrastruktur

des digitalen Zeitalters. Zentrale Begriffe in diesem

Zusammenhang sind das „Internet der Dinge“ und

das „Internet der Dienste“.

- Das Internet der Dinge führt das Potential einer an

jedem Ort verfügbaren Netzwerkverbindung mit

modernen Sensor-Verfahren wie die Funkkennung

(Radio Frequency Identification, RFID) zusammen,

um gleichermaßen Objekten wie Personen eine eindeutige

Internet-Adresse zuzuweisen. Angaben zur

Identität, zum Aufenthaltsort und zum Zustand von

Objekten lassen sich auf diese Weise über das Internet

jederzeit und überall zugänglich machen. Überdies

erlangen Objekte dabei die Fähigkeit, miteinander

zu kommunizieren, und können von daher selbst

zu aktiven Teilnehmern in weltweiten Geschäftsprozessen

werden. Das Internet der Dinge wird in vielen

Branchen enorme Effizienzgewinne ermöglichen,

insbesondere dort, wo ihm das Internet der Dienste

zur Seite tritt. Nach Ansicht von Branchenexperten

kann RFID-Technik Effizienzgewinne in einer Größenordnung

von 40 % in der Luxusgüterbranche und

sogar von 100 % im Nahrungsmittelsektor bewirken.

P 54

- Das Internet der Dienste ist dank einer flexiblen, normierten

serviceorientierten Architektur (SOA), die es

ermöglicht, eine riesige Palette an Software-Anwendungen

zu interoperablen Services miteinander zu

kombinieren, in rascher Expansion begriffen. Das

Internet der Dienste stellt in zunehmendem Maße

auch semantische Werkzeuge und Technologien bereit,

die in der Lage sind, Informationen auszuwerten,

und die den Zugang zu digitalen (Video-, Audio-,

Print )Inhalten vereinfachen. Daten, die verschiedenen

Quellen entstammen und in unterschiedlichen

Formaten vorliegen, lassen sich somit einfach zusammenführen

und verarbeiten, was unbegrenzte

Chancen für neue, innovative Webservices eröffnet.

Die Nutzung der durch das Internet der Dinge und das

Internet der Dienste eröffneten grenzenlosen Chancen

wird zu einem zentralen Wachstumsmotor in allen wissensorientierten

Gesellschaften werden, insbesondere für

in allen Branchen vertretene Start-up-Unternehmen und

KMU, von denen auch weiterhin der Löwenanteil des europäischen

Arbeitsplatzangebots ausgehen wird. In Europa

entwickelte, auf dem „Internet der Zukunft“ aufbauende

Dienstleistungen lassen sich über das Internet problemlos

auf den globalen Märkten anbieten.


KAPITEL 3 DIE ZUKUNFT DES IKT-SEKTORS IN EUROPA

Die marktverändernden Technologien des Internets der

Dinge und des Internets der Dienste werden enorme

Chancen auch für den europäischen IKT-Sektor selbst eröffnen.

Zur Veranschaulichung:

- Der Weltmarkt für Technologien, Produkte und Anwendungen

im Zusammenhang mit dem zukünftigen Internet

der Dinge wird Prognosen zufolge von 1,35 Milliarden

Euro im Jahr 2009 bei jährlichen Wachstumsraten

von fast 50 % bis 2012 auf über 7,76 Milliarden Euro

anwachsen. 101

- Das Marktforschungsunternehmen Gartner geht davon

aus, dass der Weltmarkt für Software as a Service

(SaaS, die „Cloud“) – der lediglich eine Dimension des

Internets der Zukunft darstellt und derzeit noch in den

Kinderschuhen steckt – von 4,25 Milliarden Euro im Jahr

2006 bereits bis 2011 auf 13,02 Milliarden Euro angewachsen

sein wird.

- Und natürlich eröffnen wie bereits angemerkt auch die

zugrunde liegenden Netzwerkinfrastrukturen und Rechenzentren

ungeheure Möglichkeiten.

Auch hier wiederum hat Europa keine Wahl: Wir müssen

in allen Dimensionen der weltweiten künftigen Entwicklung

des Internets der Dinge und des Internets der Dienste

eine Führungsrolle übernehmen.

101 Toward a European Strategy for the Future Internet, SAP, 2009. http://www1.sap.com/community/showdetail.epx?ItemID=16580D=16580

P 55


• Digitale Infrastruktur/Next-Generation Networks

• Internet der Zukunft/Next-Generation Services

(Internetdienstleistungen einer neuen Generation)

• Digitaler Binnenmarkt

• IKT-Forschung und -Entwicklung

• E-Skills (Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang

mit neuen Medien)

• Online Trust & Security (Vertrauen und Sicherheit

in Bezug auf Online-Inhalte)

• Handelspolitik

Die von DIGITALEUROPE vertretenen Branchen sind

bestrebt, in jedem dieser Bereiche eine Führungsrolle zu

übernehmen. Damit dies gelingt, bedarf es eines soliden

wirtschafts- und ordnungspolitischen Rahmens für jeden

dieser Punkte sowie einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit

mit einer Vielzahl weiterer Interessensvertreter.

P 56

Kapitel 4

„BAUSTEINE

FÜR DIE ZUKUNFT“

Die praktische Umsetzung der in den vorangegangenen Kapiteln

dargelegten digitalen Vision für Europa verlangt nach einer konzertierten

Aktion zur Schaffung von sieben zentralen Bausteinen, die es umgehend

in Angriff zu nehmen gilt:

1. Baustein: Digitale Infrastruktur/Next-Generation

Networks

Die Verfügbarkeit von Breitbandnetzen lässt sich

am besten mit dem Ausbau des Straßennetzes im 19.

Jahrhundert vergleichen, der seinerzeit ein deutliches

Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand

einleitete. Es geht sozusagen um die Bereitstellung

eines öffentlichen Guts, und es ist die Pflicht der

öffentlichen Hand, die Verfügbarkeit solcher öffentlichen

Güter zu gewährleisten.“

Professor Dr. Dres. h . c. Arnold Picot,

Institut für Information, Organisation und Management,

Fakultät für Betriebswirtschaft, Ludwig-Maximilians-

Universität München

Gewinner in der digitalen Welt von morgen werden jene

sein, die über einen Zugang zu sogenannten Next-Generation

Networks (NGN) verfügen. NGN weisen die folgenden

Definitionsmerkmale auf: 1) die Fähigkeit zum

Transport erheblich größerer Datenvolumina mit sehr viel

höheren Geschwindigkeiten, 2) symmetrische Datenraten

im Sende- und Empfangsbetrieb, 3) die Verfügbarkeit solcher

Übertragungskapazitäten auch über Mobilfunknetze,

4) verbesserte Dienstgüte (QoS): kürzere Latenzzeiten,

verminderte Paketverluste, weniger Netzüberbuchung

und eine gesteigerte Service Continuity (Verfügbarkeit des

Leistungsangebots auch im Falle auftretender Störungen).

Im Zusammenspiel werden diese Qualitäten eine Explosion

neuer und noch einmal deutlich leistungsfähigerer

netzgestützter interaktiver digitaler Dienste bewirken, wie

sie oft als „The Cloud“ bezeichnet werden. Europa ist für

eine Übernahme der Führungsrolle bestens positioniert.

Wir müssen jedoch wachsam bleiben, wenn wir unseren

Platz an der Spitze der Entwicklung und Einführung von

NGN behaupten wollen.


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

Unser zentrales Ziel in diesem Kontext muss lauten, die

hierzu erforderlichen Bandbreiten an jedem Ort verfügbar

zu machen – entwickelt sich die „digitale Spaltung“

doch zunehmend zu einer „Spaltung bei den Zugangsgeschwindigkeiten“.

Glasfasern sind derzeit das bevorzugte

Medium zur Übertragung großer Datenvolumen mit symmetrisch

hohen Übertragungs¬geschwindigkeiten. Unsere

Herangehensweise an NGN sollte sich jedoch nicht auf

ein Übertragungsmedium allein stützen. Vielmehr gilt es,

diejenige Technik zum Aufbau von NGN zu wählen, die für

die geografischen und ökonomischen Bedingungen einer

zu versorgenden Region am besten geeignet ist. Glasfaserkabel,

modernisierte Kupferkabel, mobile Zugänge und

insbesondere Satelliten-Multicast werden bei der NGN-

Entwicklung allesamt eine wichtige Rolle zu spielen haben.

Der nächste Schritt hin zu einer flächendeckenden digitalen

Interaktion wird Netzwerksymmetrie erfordern, die beispielsweise

auch Privatkunden die Möglichkeit eröffnet,

beim Upload von den gleichen hohen Datenraten zu profitieren

wie beim Download aus dem Netz. Bei einer Gesamtbevölkerung

von rund 500 Millionen haben EU-weit

bislang erst gerade einmal 2 Millionen Kunden Zugang zu

symmetrischen, glasfasergestützten Hochgeschwindigkeitsnetzen.

102 Zwar hat die Zahl der Glasfaserleitungen,

die bis in die Haushalte der Teilnehmer reichen (Fibre.

to.the.Home, FTTH), seit Juli 2008 binnen Jahresfrist um

40 % zugenommen, sie kommt jedoch noch immer nicht

über 1,75 % der Leitungen in Europa insgesamt hinaus. 103

Der in Europa mit über 94 Millionen Leitungen vorherrschende

Breitbandstandard DSL (Digital Subscriber Line)

ist nicht symmetrisch.

Zum Vergleich: Japan mit seiner Bevölkerung von 128

Millionen hat den Aufbau eines Lichtwellenleiter-(LWL)-

Netzes zu einem vorrangigen Anliegen erhoben. Inzwischen

verfügen dort über 10 Millionen Kunden über einen

LWL-Zugang. Asienweit beträgt die Größe dieser Gruppe

schätzungsweise 30 Millionen, und in den USA nutzen

rund 8 Millionen einen Breitbandzugang über LWL.

Die Einführung eines an jedem Ort verfügbaren Next-

Generation-Netzwerks wird Investitionen von erheblichem

Umfang – in einer Größenordnung von 300 Milliarden

Euro – erforderlich machen. Der private Sektor wird dabei

die Führungsrolle in den Ballungsräumen übernehmen

müssen, während der öffentlichen Hand die fundamentale

(wenn auch nur ergänzende) diesbezügliche Aufgabe in

den ländlichen Gegenden zukommt. 104 Die Höhe des erforderlichen

Investitionsvolumens mag zunächst erschrecken,

relativiert sich jedoch im Kontext der historischen

Schwelle, an der wir stehen. Sämtliche Forschung kommt

übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass das größere Risiko

darin bestünde, diese Chance ungenutzt verstreichen

zu lassen:

• Nachfrageseitig steht außer Frage, dass die europäische

Bevölkerung eine höhere Bandbreite auch nutzen

wird, sobald diese zur Verfügung steht.

• In einer Studie der Europäischen Kommission aus dem

Jahr 2008 wird die Schätzung geäußert, dass eine raschere

Versorgung mit Breitbandanschlüssen in Europa

bis 2015 eine Million Arbeitsplätze und ein Wachstum im

Umfang von bis zu 850 Milliarden Euro schaffen könnte.

105

• Schätzungen zufolge hat das Internet in den USA bislang

300 Milliarden Dollar an Wirtschaftsaktivität generiert,

und 1,2 Million Menschen arbeiten in Tätigkeiten,

die es vor 20 Jahren noch nicht gab. 106 Und selbst heute

noch wird davon ausgegangen, dass für jeden in (kabelgebundene

wie drahtlose) Breitbandtechnik investierten

Dollar die US-Wirtschaft das Zehnfache erlöst. 107

• Eine weitere Studie hat ergeben, dass das BIP pro Kopf

in entwickelten Ländern um 1,2 % steigen würde, wenn

jeder zehnte Einwohner über einen Breitbandanschluss

verfügte. 108

102 Forrester Consulting, a. a. O. | 103 Broadband Access in the EU: Situation at 1 July 2009, Europäische Kommission. http://ec.europa.eu/information_society/eeurope/i2010/docs/interinstitutional/cocom_broadband_july09.pdf | 104 World

Economic Forum, a. a. O. | 105 Micus Management Consulting, a. a. O. | 106 Interactive Advertising Board and Harvard Business School, Juni 2009 | 107 World Economic Forum, a. a. O., zitierend aus US Congress Committee on Appropriations,

The American Recovery and Reinvestment Act of 2009, Januar 2009 | 108 World Economic Forum, a. a. O., zitierend aus dem Dokument der Weltbank: Economic Impacts of Broadband, Information and Communications for Development 2009,

http://siteresources.worldbank.org/INTMOLDOVA/Resources/IC4D2009_Overview_en.pdf

P 57


Die kommende Generation des

Internets wird eine Vielzahl neuer

Anwendungen und Services

hervorbringen. Das „Internet der

Zukunft“ wird für beinahe alle

Branchen einen Innovationsmotor

darstellen und die Zukunft der

Dienstleistungsökonomie formen.

Die im Entstehen begriffenen

webgestützten Wirtschaftszweige

werden enorme Chancen für

Wachstum und Beschäftigung

bieten. Die USA sind derzeit

führend in der Entwicklung von

Internetdienstleistungen einer neuen

Generation, andere Regionen und

Länder wie Südkorea und China holen

jedoch rasch auf. Europa muss darauf

achten, sowohl bei der Entwicklung

als auch bei der Wahrnehmung

solcher Next-Generation Internet

Services zu den führenden Nationen

aufzuschließen.

2. Baustein: Das „Internet der Zukunft“/Next-Generation

Services (Internetdienstleistungen einer neuen

Generation)

Das „Internet der Zukunft“ wird zu einem zentralen Wachstumsmotor

in allen wissensorientierten Gesellschaften

werden. Besonders Start-up-Unternehmen und KMU wird

es Geschäftsgelegenheiten eröffnen, und namentlich im

Dienstleistungssektor werden hoch qualifizierte Arbeitsplätze

entstehen. Da letzterer im Umfang von zwei Dritteln

zum europäischen BIP beiträgt, steht außer Frage, dass

Europa Wachstum und Wohlstand nur durch die Entwicklung

leistungsstarker Next-Generation Services wird bewahren

können.

Befördert von den jüngsten Entwicklungen im Bereich

von sogenannten Open-Innovation-Modellen und Cloud

Computing schießen Internet-Dienstleistungen dieser

Tage wie Pilze aus der Erde. Cloud Computing senkt in

109 Global Extended Internet Forecast 2006-2012, Forrester Research 2006. http://www.forrester.com/rb/search/results.jsp?SortType=Date&nb=1&dAg=10000&N=133001+70155+11820 | 110 Europäische Kommission: Eine öffentlich-private

Partnerschaft für das Internet der Zukunft. http://ec.europa.eu/information_society/activities/foi/library/fi-communication_de.pdf

P 58

erheblicher Weise die Hürden, die sich Dienstleistern,

insbesondere SME, bei deren Bemühungen in den Weg

stellen, Zugang zum Markt zu finden. Europa sollte Maßnahmen

ergreifen, um Forschung und Entwicklung in

diesem Bereich einen Schub zu verleihen und, was noch

wichtiger ist, die Voraussetzungen für eine EU-weite/weltumspannende

Cloud-Infrastruktur schaffen, die den EU-

Datenschutz¬bestimmungen genügt.

Die kommende Generation von Dienstleistungen wird Europa

in die Lage versetzen, in vielen Bereichen wie intelligente

Netze, Klimaregelung, Transport und Logistik sowie

E-Health die Früchte des „Internets der Zukunft“ zu ernten.

In all den genannten Beispielen werden Next-Generation

Services neue Formen der Dienstleistungserbringung ermöglichen,

die sich auf RFID-Technologie, digitale Sensoren

und Sensornetzwerke zur Datenerfassung in Echtzeit

(oder nahezu in Echtzeit), Navigationssysteme (Galileo),

Schaltelemente und spezielle Hardware und Ausrüstungen

stützen werden.

Die marktverändernden Technologien des Internets der

Dinge und des Internets der Dienste bedeuten für Europa

eine riesige Chance, vorausgesetzt, wir setzen uns an

die Spitze von deren Entwicklung. Der Weltmarkt für das

Internet der Dinge allein mit seinen Sensoren und weiteren

verwandten Technologien, Komponenten und Anwendungssystemen

wird bei durchschnittlichen jährlichen

Wachstumsraten von fast 50 % von 2 Milliarden US-Dollar

bis 2012 auf über 11,5 Milliarden Dollar anwachsen. 109

Nach Prognosen von Gartner werden sich die Märkte für

das Internet der Dienste von 11 Milliarden Euro auf 25 Milliarden

Euro im Jahr 2011 mehr als verdoppeln.

Dem Technologie- und Wissensstandort Europa bietet

sich eine einmalige Gelegenheit, bei der Definition des

Internets der Zukunft maßstabsetzend vorauszuschreiten,

woraus sich in der Folge eine Führungsposition im

Hinblick auf die Vermarktung neuer innovativer Anwendungen

und Dienste ergeben könnte. Will Europa diese

Chance nutzen, muss es seine Kräfte auf allen Ebenen

bündeln, unter anderem auch in Form einer Kooperation

der Mitgliedsstaaten bei Forschungsagenden und

einer Zusammenarbeit bei der Schaffung der Testbed-

Infrastruktur. DIGITALEUROPE begrüßt die unlängst veröffentlichte

Mitteilung der Europäischen Kommission zu

einer öffentlich-privaten Partnerschaft (ÖPP) mit dem Ziel,

die europäischen Forschung und Entwicklung auf diese

Bereich auszurichten. 110 Des Weiteren sollte sich die EU

um die Schaffung eines uneingeschränkt funktionierenden

Markts für Internet-Dienstleistungen einer neuen Generation

bemühen.


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

3. Baustein: Der digitale Binnenmarkt

„Bislang haben wir das Potential Europas noch nicht

zur vollen Entfaltung gebracht. Die Größe unseres

Markts und die komplexe Vielfalt unserer Verbraucher

und Unternehmen bieten ausgeprägte Wachstumschancen.

Es wird uns jedoch nur dann gelingen,

unser volles Potential zum Tragen zu bringen und mit

anderen erfolgreich in Wettbewerb zu treten, wenn

wir uns daranmachen, die verbliebenen regulatorischen

Hürden zu beseitigen, die in Europa noch

immer fortbestehen.“

Reinhard Clemens, CEO, T-Systems

Die Schaffung eines digitalen Binnenmarkts muss einen

der Schwerpunkte der Digitalen Agenda und der Strategie

für ein Europa im Jahr 2020 ausmachen. Voraussetzungen

für den Erfolg der Bemühungen um den Binnenmarkt

1992 waren eine starke Führung durch die EU-Institutionen,

die Identifizierung von Hindernissen für einen grenzüberschreitenden

Handel mitsamt einer spezifischen

Fristsetzung für deren Beseitigung sowie eine wirksame

Zusammenarbeit quer über alle Zuständigkeits- und Verantwortungsbereiche

innerhalb der EU-Institutionen sowie

zwischen EU-Institutionen und Mitgliedsstaaten hinweg.

Nicht anders stellt sich die Lage beim digitalen Binnenmarkt

dar.

Die Europäische Union hat die Gelegenheit, aus der gegenwärtigen

Rezession produktiver, innovativer, wettbewerbsfähiger

und wissensgestützter denn je hervorzugehen.

Will Europa diese Gelegenheit beim Schopf packen,

so muss es einen digitalen Binnenmarkt schaffen, der die

digitalen Stärken Europas umfassend in weltweite Wettbewerbsfähigkeit,

Wohlstand und nachhaltige Beschäftigung

ummünzt. In einem solchen sich über den gesamten

Kontinent erstreckenden Markt müssen sich Geschäfte

zwischen Käufern und Verkäufern online ebenso problemlos

tätigen lassen wie über die traditionellen Kanäle des

Handels.

Während nämlich Europa die meisten Hemmnisse im

grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsverkehr

erfolgreich beseitigt hat, sind Online-Kanäle für den

Binnenhandel mit denselben Waren und Dienstleistungen

angesichts der national unterschiedlichen Regelungen in

Bezug auf Online-Aktivitäten in erheblicher Weise von Zersplitterung

bedroht. Den Verbrauchern wird dadurch eine

größere Auswahl und die Möglichkeit zum europaweiten

Vergleich bei der Suche nach dem günstigsten Preis vorenthalten,

während im Gegenzug dem Einzelhandel ein

hoch kostenwirksamer Zugang zu den 27 Ländern der

Europäischen Union mit 480 Millionen Verbrauchern verwehrt

wird.

Unter dieser Situation leiden besonders die KMU, die „Lokomotive

der Europäischen Wirtschaft“. 111 Sogar noch größer

ist der Schaden für Schöpfer neuer digitaler Produkte

und Dienstleistungen, die sich naturgemäß nur online bewerben,

verkaufen und vertreiben lassen. In einer aktuellen

Studie wurde festgestellt, dass es sich hierbei nicht

etwa um rein hypothetische Kosten handelt: 112

• Aufgrund der Hürden, die sich dem E-Commerce entgegenstellen,

überschreiten von den 150 Millionen EU-

Bürgern, die Einkäufe übers Internet tätigen – also ein

Drittel unserer Gesamtbevölkerung –, gerade einmal 7

% hierbei ihre Landesgrenzen.

• Lediglich 21 % der Online-Händler bieten den Verkauf

in andere EU-Mitgliedsstaaten an, und gerade einmal

20 % des grenzüberschreitenden Handels besteht aus

Dienstleistungen, obwohl deren Anteil an der Wertschöpfung

innerhalb der EU insgesamt 70 % ausmacht.

• 60 % der grenzüberschreitenden Käufe sind blockiert;

im Falle von Computern und elektronischem Gerät

beträgt dieser Wert gar 80 %. 113 Nur in Österreich und

Spanien liegen die Erfolgsraten etwas über 50 %, wogegen

in Rumänien, Bulgarien, Lettland und Belgien

grenzüberschreitende Online-Transaktionen besonders

häufig scheitern.

111 Hierfür ließe sich eine Vielzahl an Referenzen anführen, stellvertretend sei ein unter CORDIS, dem Forschungs- und Entwicklungsinformationsdienst der Gemeinschaft, aufrufbares Dokument genannt: http://74.125.77.132/search?q=cache:t6J58L

L0i1sJ:ftp://ftp.cordis.europa.eu/pub/fp7/ict/docs/enet/fpp-2nd-contributionknet_en.pdf+The+situation+is+particularly+prejudicial+for+SMEs,+the+%E2%80%9Cengine+of+the+European+economy.%E2%80%9D&cd=3&hl=en&ct=clnk | 112 Adriaan

Dierx und Fabienne Ilzkovitz, The Single Market as a Tool to Improve Growth and Adjustment in The European Economy, 2008. http://www.uaces.org/pdf/papers/0801/2008_Dierx_Ilzkovitz.pdf | 113 Europäische Kommission: Report on cross-border

e-commerce in the EU, 2009. http://ec.europa.eu/consumers/strategy/docs/com_staff_wp2009_en.pdf Final report of the Content Online Report, May 2009 http://ec.europa.eu/avpolicy/docs/other_actions/col_platform_report.pdf

P 59


Unser anhaltendes Versäumnis, an dieser Situation politisch

etwas zu ändern, ist im Grunde genommen unfassbar:

Obwohl europäische Käufer und Verkäufer sich seit

zehn Jahren in immer größerer Zahl ins Netz begeben,

scheinen wir vergessen zu haben, dass die Öffnung des

Binnenmarkts für den herkömmlichen Handel im Laufe der

späten achtziger Jahre ein zusätzliches Wachstum um 2,2

% des BIP und zwischen 1992 und 2006 2,75 Millionen

zusätzliche Jobs geschaffen hat. 114 Das gemeinsame Bekenntnis

zur Schaffung eines sich über den gesamten

Kontinent erstreckenden Binnenmarkts war ein entscheidender

Faktor für den weltweiten Erfolg der europäischen

Mobilfunktechnologie, als Europa vor 20 Jahren einen gemeinsamen

GSM-Standard für mobile Telefonie einführte,

für den die Deregulierung des Telekommunikationssektors

den Grundstein gelegt hatte. Demgegenüber hat es Europa

in den vergangenen 10 Jahren offenkundig systematisch

versäumt, sich um die Beseitigung der Hindernisse

zu kümmern, denen die Zersplitterung unserer digitalen

Märkte zuzuschreiben ist.

Die digitalen Innovatoren Europas stoßen die Grenzen

des Cyberspace, die sie daran hindern, in allen 27 Mitgliedsstaaten

der EU mit einem einheitlichen Serviceangebot

aufzutreten. 115

• Insbesondere die Dienstleistungsrichtlinie der EU versagt

dabei, solche Hindernisse einzureißen, da sie das

Herkunftslandprinzip negiert, was für die Anbieter digitaler

Produkte und Dienstleistungen bedeutet, dass sie

sich weiterhin mit 27 unterschiedlichen nationalen Gesetzesrahmen

herumschlagen müssen.

Der GSM-Standard wird vielfach als Beispiel für den Erfolg

europäischer Unternehmen auf dem weltweiten Mobiltelefoniemarkt

angeführt: Die Mobilfunkrichtlinie, der Binnenmarkt

mit gemeinsamen Normen und die Liberalisierung

des Telefonmarkts schufen den europäischen Infrastrukturanbietern,

Handy-Produzenten und Netzbetreibern die

Möglichkeit, vor dem Schritt auf den Weltmarkt zunächst

im Heimatmarkt Volumenumsätze zu erzielen. Dies hatte

sich seinerzeit aus den besonderen Umständen der Zeit

und des Markts ergeben. Was hingegen webgestützte

Technologie anbelangt, stammen nahezu alle bedeutenden

Erfolgsgeschichten aus den USA, wobei die europäische

Industrie lediglich auf den innovativen Impetus

aufsetzt, der von den Unternehmen mit Sitz jenseits des

Atlantiks ausgeht. Unserer Meinung nach liegt ein Teil der

Ursache hierfür in der Größe des amerikanischen Binnenmarkts.

Internet-Unternehmer in der EU sehen sich bei

ihren Bemühungen um einen grenzüberschreitenden Volumenhandel

immensen Hindernissen gegenüber. Da sie

nicht die erforderlichen Volumina erreichen, sind sie nicht

in der Lage, mit größeren Marktteilnehmern zu konkurrieren

und wachsen daher nur selten über ihren Inlandsmarkt

hinaus.

P 60

Ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Entscheidungsfindung

auf europäischer Ebene liefert der Bereich der

öffentlichen Sicherheit. 1996 brachten Entscheidungen

der EU-Gremien eine harmonisierte Zuordnung des Frequenzspektrums

für die öffentliche Sicherheit hervor, woraus

die Einführung europaweiter Kommunikationssysteme

für dieses Segment resultierte. Seit nunmehr über

zehn Jahren sind diese Entscheidungen ein voller Erfolg.

Inzwischen benötigen die Notfalldienste ein zusätzliches

Frequenzspektrum, um die neuesten zur Unterstützung

ihrer Arbeit verfügbaren Technologien nutzen zu können.

DIGITALEUROPE begrüßt es, dass Präsident Barroso

in seinen „Politischen Leitlinien für die nächste Europäische

Kommission“, die dem Europäischen Parlament im

September 2009 vorgelegt wurden, die Notwendigkeit

der Schaffung eines echten digitalen Binnenmarkts und

dessen Aufnahme in die Erklärung von Visby der schwedischen

EU-Präsidentschaft aus dem Jahr 2009 betont

hat. 116 Ein solcher digitaler Binnenmarkt macht es erforderlich,

dass die Staatsführer der Europäischen Union

den Weg einer nachhaltigen Harmonisierung verfolgen,

die sämtliche sich auf Online-Handel und Dienstleistungen

auswirkenden Bereiche erfasst. Es wird eines horizontalen

Politikansatzes bedürfen, um in Bereichen, die

dem Anschein nach nichts miteinander zu tun haben, zu

den Fortschritten zu gelangen, die zur Beseitigung der

bestehenden Hindernisse für einen digitalen Binnenmarkt

erforderlich sind.

114 Adriaan Dierx und Fabienne Ilzkovitz, a. a. O. | 115 DIGITALEUROPE: Contribution to European Commission’s Consultation on the future EU 2020 Strategy, http://www.digitaleurope.org/index.php?id=36&id_article=409 | 116 Präs. Barroso,

a. a. O., http://www.se2009.eu/polopoly_fs/1.22793!menu/standard/file/conclusions%20visby.pdf


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

P 61


„ Bürokratische Vorschriften hinsichtlich der Ex-ante-Compliance

sollten nach und nach durch flexiblere, risikobezogene

Prozesse ersetzt werden, die neuen Informationsmodellen und

Geschäftsprozessen gegenüber offener sind. “

Zur Vollendung des digitalen Binnenmarkts muss die Europäische

Union eine Reihe von Hindernisses ausräumen

wie etwa die von Land zu Land unterschiedliche Handhabung

von Nutzungsrechten; inkonsistente, undurchsichtige

und willkürliche für das digitale Zeitalter ungeeignete

Urheberrechtsabgaben; voneinander abweichende Datenschutzbestimmungen;

unterschiedliche Regelungen

zum Verbraucherschutz; widerstreitende Sichtweisen

zur Providerhaftung; Verzögerungen bei der Umsetzung

von Neuerungen der IKT-Normungspolitik; eine mangelnde

Harmonisierung der Funkfrequenzen; ineffiziente

Zahlungssysteme zur Abwicklung grenzüberschreitender

Transaktionen oder auch das bislang fehlende EU-weite

Konzept für ein organisiertes Recycling in großem Maßstab.

P 62

• Urheberrecht:

Der Zugang zu legalen digitalen Inhalten muss in einem

digitalen Binnenmarkt einfacher und attraktiver gemacht

werden. Dieser Prämisse folgend ist bei den Regelungen

zum digitalen Urheberrecht besonders darauf zu

achten, dass 1) ein Klima begünstigt wird, in dem sich

ein lebendiger und blühender Markt für den Vertrieb

rechtmäßiger digitaler Inhalte über Geschäftsinitiativen

entwickeln kann, die darauf zielen, dem Verbraucher die

Möglichkeit zum Online-Zugriff auf legale und freigegebene

kommerzielle Inhalte zu verschaffen, 2) auf einem

solchen Markt für alle Teilnehmer die gleichen Voraussetzungen

gelten, 3) der Kunde gebührend informiert

ist, 4) das digitale Urheberrecht dem kulturellen Reichtum

und der einzigartigen kulturellen Vielfalt Europas

Rechnung trägt und 5) dieses ebenso kompromisslos

Schwarzkopien keine Chance gibt.

• Gesetze zu den Verbraucherrechten

DIGITALEUROPE unterstützt die eingebrachte Verbraucherrechte-Richtlinie

der Europäischen Kommission als

ein in diesem Sinne wirksames Instrument. Insbesondere

stimmen die Mitglieder von DIGITALEUROPE darin

überein, dass es auf ein „Höchstmaß an Harmonisierung“

ankommen wird.

• Providerhaftung

Es ist zwingend erforderlich, dass die Bestimmungen

der E-Commerce-Richtlinie zur Providerhaftung in nationales

Recht umgesetzt und EU-weit in einheitlicher

Weise angewandt werden. Unterschiedliche Rechtspositionen

zur Haftung wirken demotivierend auf Internet-

Akteure, die ihre Geschäftstätigkeit auf andere Länder

und möglicherweise die ganze EU ausweiten möchten.

Dies gilt in besonderem Maße in der Online-Welt, in der

die Teilnehmer ihren Platz finden können, indem sie

eine Vielzahl an Märkten bedienen.


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

• Funkfrequenzen

Drahtlose Breitbandkonnektivität ist für die moderne

Informationsgesellschaft unverzichtbar. Die Verbraucher

werden von einer EU-weit harmonisierten und

technologieneutralen Nutzung des Frequenzspektrums

profitieren. Die darin begründeten Skaleneffekte für die

Hersteller werden Einsparungen bei den Geräte- und

Infrastrukturkosten ermöglichen, die an die Kunden weitergegeben

werden können. Zudem vereinfacht eine

Harmonisierung der Frequenznutzung das grenzüberschreitende

Roaming. Was einen verbesserten Schutz

des Lebens und der Gesundheit der Bürger sowie von

deren Hab und Gut anbelangt, wird ein harmonisiertes

Spektrum die Grundlage dafür schaffen, dass im Bereich

der öffentlichen Sicherheit europaweit auf besonders

zuverlässige mobile Breitbanddienste zugegriffen

werden kann.

• Standardisierung

Die EU benötigt ein IKT-Standardisierungssystem, das

die Anerkennung und Übernahme von Normen gestattet,

die von globalen Normungsgremien ausgearbeitet

worden sind. Jeglicher im Zusammenhang mit EU-Politik

stehende Gebrauch von IKT-Standards hat dabei

neutral zu sein, was Technologie, Beschaffungsquellen

und die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle anbelangt.

• Schutz der Privatsphäre und Datenschutz

Zur Beförderung des digitalen Binnenmarkts sind die

nationalen Bestimmungen zum Schutz der Privatsphäre

und zum Datenschutz zu harmonisieren, die Verwaltungsabläufe

zu verschlanken, und es ist von einer

Vorabkontrolle zu einer nachträglichen Beurteilung

überzugehen. Bürokratische Vorschriften hinsichtlich

der Ex-ante-Compliance sollten nach und nach durch

flexiblere, risikobezogene Prozesse ersetzt werden, die

neuen Informationsmodellen und Geschäftsprozessen

gegenüber offener sind. Eine einheitliche Vollzugspraxis

sollte akute Bedrohungen abwehren und sich dabei

in erster Linie auf Beeinträchtigungen der Privatsphäre

oder der Grundrechte der Bürger Europas konzentrieren

und sich zu einem stärker ergebnisorientierten System

bewegen, anstatt sich allein auf den Input zu konzentrieren.

Die Bestimmungen hinsichtlich der Weitergabe

personenbezogener Daten an andere Länder sollten

vereinfacht und zu einem gemeinsamen europäischen

System zusammengefasst werden – und dies in einem

globalen Kontext –, um das globale Wesen des Internets

zum Ausdruck zu bringen. Des Weiteren muss, was den

internationalen Datenaustausch anbelangt, die bewährte

„Safe Harbour“-Vereinbarung zwischen der EU und

den USA fortgeführt bzw. im Sinne einer Beseitigung

administrativer Hindernisse verbessert werden. Ein auf

Rechenschaftspflicht gründendes Datenschutzmodell

könnte sich hierbei als hilfreich erweisen.

• Zahlungssysteme

Kostengünstige und sichere Zahlungssysteme sind

den Internet-Nutzern europaweit verfügbar zu machen,

damit diese das Online-Angebot an Waren und Dienstleistungen

auch nutzen können. Die Zahlungssysteme

der Anbieter müssen zwischen den verschiedenen EU-

Staaten übereinstimmen, um einen möglichen reibungslosen

grenzüberschreitenden Handel zu ermöglichen.

• WEEE-konformes Recycling von Altgeräten

In der Mitteilung der Europäischen Kommission zum

grenzüberschreitenden Business-to-Consumer-E-Commerce

wurde hervorgehoben, dass auf Grundlage der

Altgeräterichtlinie (WEEE) unternommene nationale

Alleingänge in Sachen Recyclingsysteme den grenzüberschreitenden

Handel mit elektrischem und elektronischem

Gerät zum Erliegen bringen können. Der

Vorschlag für eine Neufassung der Altgeräterichtlinie

bemüht sich um eine Harmonisierung bestimmter Elemente

des Systems, insbesondere der Registrierungs-

und Berichterstattungs¬anforderungen, bei gleichzeitiger

Bewahrung und Verbesserung der proportionalen

Verteilung der Zuständigkeiten.

P 63


4. Baustein: IKT-Forschung und -Entwicklung

„Europa muss sich weiterentwickeln, um eine neue

Klasse von Investoren hervorzubringen.“

Jonathan Legh-Smith, Leiter Strategische Forschung,

British Telecom

Nur durch eine dauerhafte, produktive europäische IKT-

Forschung und -Entwicklung auf Spitzenniveau in einem

Umfang, der sich mit anderen weltweit führenden Regionen

messen kann, lassen sich Wachstum und weltweite

Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IKT-Branche

auch in Zukunft gewährleisten. Um dieses Ziel zu erreichen,

wird es einer neuerlichen europaweit konzertierten

Anstrengung bedürfen.

Auf die EU entfällt derzeit ein Viertel der weltweiten Ausgaben

für IKT-Forschung und -Entwicklung im privaten

Sektor, ein Drittel aller Arbeitsplätze in Forschung und

Entwicklung sowie ein Fünftel aller Patente. Öffentlicher

und privater Sektor der EU investieren Jahr für Jahr gemeinsam

mehr als 40 Milliarden Euro in F&E im Bereich

IKT, und das Wachstum der Aufwendungen der in der

EU ansässigen IKT-Unternehmen übertrifft trotz der Wirtschaftskrise

gegenwärtig das der Unternehmen mit Sitz

außerhalb der EU. 117 Und dennoch ist dies gerade einmal

die Hälfte dessen, was die USA Jahr für Jahr hierfür ausgeben.

118

Eine der Ursachen für die geringeren europäischen Investitionen

in Forschung und Entwicklung ist in der fortbestehenden

Zersplitterung des Markts für digitale Waren

und Dienstleistungen zu suchen, die eine nur zögerliche

Entwicklung von Wachstumsunternehmen aus dem KMU-

Segment zur Folge hat. Eine weitere Ursache liegt in der

Zersplitterung der in Europa im Bereich IKT betriebenen

F&E selbst, die trotz der etwa durch die Gemeinsamen

Technologie-Initiativen (GTI) der EU innerhalb des Siebten

Rahmenprogramms für Forschung und technologische

Entwicklung (RP7) geleisteten Pionierarbeit fortbesteht

und doppelten Aufwand, fehlende kritische Masse,

Probleme beim gemeinsamen Herangehen an Herausforderungen,

denen sich alle gegenübersehen, und damit

letzten Endes unbefriedigende Erträge aus den Investitionen

in F&E zur Folge hat. 119

Eine weitere Folge der relativen Schwäche Europas im

F&E-Bereich besteht in einem zunehmendes Defizit an

Bewerbern für F&E im Bereich IKT, die über die geforderten

umfassenden Qualifikationen verfügen – mit dem Ergebnis,

dass mehrere hunderttausend Stellen unbesetzt

bleiben, und einer vergleichsweise geringen Zahl an weltweit

anerkannten IKT-Exzellenzzentren, die für Spitzentalente

attraktiv sind. 120 Dabei ist eine Konzentration auf

Talente dieser Art der Magnet für F&E-Investitionen: Allein

der US-Bundesstaat Kalifornien zieht zwei Mal so viel Risikokapital

an wie ganz Europa. 121

117 Europäische Kommission: Bürgerinfo / Europäische Forschungs- und Innovationsstrategie für digitale Technologien, 2009. http://ec.europa.eu/information_society/tl/research/key_docs/documents/citizens_summary_de.pdf, The EU Industrial R&D

Investment Scoreboard 2009, JRC. http://ftp.jrc.es/EURdoc/JRC54920.pdf | 118 Ebenda | 119 Europäische Kommission: Eine Strategie für die IKT-Forschung, -Entwicklung und -Innovation in Europa: Mehr Engagement, März 2009, http://eur-lex.

europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2009:0116:FIN:DE:PDF | 120 Ebenda | 121 Ebenda | 122 Nanotechnologie könnte zum Beispiel für das 21. Jahrhundert ähnliche Bedeutung erlangen wie Stahl für das frühe 20., einstweilen jedoch

ist sie von einer Kommerzialisierung noch weit entfernt. 52 % der europäischen Forschung im Bereich Nanotechnologie werden aus öffentlichen Mitteln finanziert, der private Sektor steuert 43 % bei und Risikokapitalgeber die übrigen 5 %. The Atlantic

Century: Benchmarking EU and US Innovation & Competitiveness, European-American Business Council 2009. http://www.itif.org/index.php?id=226 | 123 Ebenda. Schweden und Frankreich führen mit Ausgaben, die (als prozentualer Anteil am BIP)

selbst noch die der USA um 17 % bzw. 5 % übertreffen. Am anderen Ende liegen das Vereinigte Königreich und Spanien mit Werten, die 75 % unter dem US-Niveau liegen. | 124 Europäische Kommission, a. a. O. http://eur-

P 64

Zwar machen die öffentlichen Ausgaben lediglich ein Drittel

des europäischen Gesamtvolumens aus, gleichwohl

spielen sie eine entscheidende Rolle durch die geleistete

Unterstützung der risikobehafteten Grundlagen- und Anwendungsforschung,

aus der sich in der Regel kein unmittelbarer

kommerzieller Nutzen ziehen lässt. 122 Auch hier

wiederum hinkt Europa den USA hinterher: Was die staatliche

Forschung und Entwicklung, ausgedrückt in Prozent

am BIP angeht, liegt das Niveau in der EU bei 85 % der

US-Ausgaben, wenn man die EU-15 betrachtet, hingegen

lediglich bei 47 % in den Ländern der EU-10. Auf Ebene

der Mitgliedsstaaten bietet sich ein wechselhaftes Bild. 123

Die Summe der bereitgestellten öffentlichen Mittel dürfte

in den kommenden Jahren anwachsen, allein schon deshalb,

weil die jährlichen Zuwendungen für gemeinsam betriebene

F&E im Bereich IKT von 1,1 Milliarden Euro im

Jahr 2010 nach dem RP7 bis 2013 auf 1,7 Milliarden Euro

steigen werden. Zugleich hat die EU die Mitgliedsstaaten

dazu aufgefordert, diese Budgetsteigerungen zum Anlass

zu nehmen, ihre nationalen Programme hierauf abzustimmen,

indem sie die eine oder andere bestehende öffentliche

Ressource umwidmen und nach neuen Möglichkeiten

suchen, öffentliche und private Gelder für diesen Zweck

zu sichern. 124

Wir befinden uns auf dem richtigen Weg, bedürfen jedoch

noch einer festen Benchmark-orientierten Zielsetzung und

Strategie sowie eines Programms, das die Lücke schließt,

die uns von den USA und anderen führenden IKT-Zentren

trennt.

Eines der Schlüsselinstrumente hierfür besteht in konzertierten

Anstrengungen um eine Verbesserung der EU-

Rahmenbedingungen für den Schutz geistigen Eigentums,

insbesondere im Hinblick auf vereinheitlichte Regelungen

zur Austragung von Patentstreitigkeiten sowie die Schaffung

eines einheitlichen EU-Patents. Diese dürfen jedoch

keine isolierte Zielsetzung oder lediglich eine politisch opportune

Lösung darstellen, sondern müssen das aktuell

bestehende System in signifikanter Weise verbessern.

Auch sollten Schritte unternommen werden, um KMU den

Zugang zum Schutz der Rechte am geistigen Eigentum

(RGE) zu eröffnen, den territorialen Urheberrechtsrahmen

in Europa zu überprüfen, für eine angemessene Durchsetzung

der RGE auf den globalen Märkten zu sorgen und

um RGE auch im Bereich grüner Technologien die ihnen

zukommende Achtung zu verschaffen.


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

„ Will Europa wettbewerbsfähig bleiben, muss es sich nicht nur um ein

größeres Angebot an qualifizierten Fachkräften bemühen, sondern

auch das Niveau von deren digitalen Kompetenzen steigern. “

5. Baustein: E-Skills (Fähigkeiten und Fertigkeiten im

Umgang mit neuen Medien)

„Karriere zu machen und zu Wohlstand zu gelangen,

ist ohne ein vernünftiges Maß an e-Skills im Marktund

Geschäftsumfeld von heute nahezu unmöglich

geworden.“

Erik van der Meijden, CEO, Getronics

E-Skills fördern die weltweite Wettbewerbsfähigkeit. 125

Die Wirtschaftshochschule INSEAD (Institut Européen

d‘Administration des Affaires) schätzt die Korrelation zwischen

digitalen Kompetenzen und Wettbewerbsfähigkeit

auf bereits 85 %. 126 Die Botschaft ist eindeutig: Die Fähigkeit

Europas, sowohl seinen IKT-Sektor zu erweitern

als auch digitalen Technologien zu einer weitergehenden

Durchdringung der gesamten Industrie und Gesellschaft

zu verhelfen, wird im Wesentlichen von der Verfügbarkeit

von Fachkräften abhängen, die über die auf allen Ebenen

der Wertschöpfungskette erforderlichen Kenntnisse und

Fertigkeiten verfügen. Was dieses Ziel anbelangt, ist der

gegenwärtige Ausblick alarmierend. Wollen wir die Chancen

nutzen, die das digitale Zeitalter bietet, müssen wir

den bestehenden Trend korrigieren.

In allen Bereichen leidet Europa weiterhin unter einem

chronischen Mangel an digitalen Kompetenzen, besonders

jedoch in Schlüsselindustrien wie der Software- und

der Computerbranche. 127

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass auf dem europäischen

Arbeitsmarkt bei einer veranschlagten Gesamtzahl

zwischen 4,95 und 5,26 Millionen (gegenüber derzeit 4,7

Millionen) bis 2015 möglicherweise bis zu 384 000 IKT-

Fachleute fehlen werden. Je nach fachlicher Ausrichtung

wird dieses Defizit zwischen 1,7 % und 13 % der Gesamtnachfrage

ausmachen. 128

Überdies neigt Europa dazu, sich bei seinen Bemühungen

um digitale Wettbewerbsfähigkeit auf die IKT-Branche

selbst zu konzentrieren. Indes unterscheiden sich wegen

der weltweiten Verfügbarkeit dieser Technologien die digitalen

Produkte und Dienstleistungen und Arbeitsplätze

in diesen Segmenten international kaum voneinander. 129

Dies hat zur Folge, dass der globale Wettbewerb sich

nicht mehr nur auf Produkte und Dienstleistungen, sondern

längst auch auf die Jobs erstreckt – von denen viele

von entsprechend qualifizierten Kräften (wiederum dank

digitaler Netze und Werkzeuge) an jedem Ort der Welt

ausgeübt werden können.

Will Europa wettbewerbsfähig bleiben, muss es sich nicht

nur um ein größeres Angebot an qualifizierten Fachkräften

bemühen, sondern auch das Niveau von deren digitalen

Qualifikationen steigern. 130 (Es wurde bereits die Sorge

geäußert, dass die „Generation iPod“, die dieser Tage ins

Arbeitsleben eintritt und im Umgang mit technischen Spielereien

großes Geschick zeigt, deshalb nicht unbedingt

auch versteht, wie man mit diesen Technologien arbeitet

und sie im geschäftlichen Kontext anwendet.) Im Europa

von heute erfordern nur noch 14 % der vorhandenen Arbeitsplätze

keine digitale Kompetenz. Bis 2015 werden

ganze 90 % aller Beschäftigungsverhältnisse in Europa

branchenunabhängig zumindest ein gewisses Maß an

Kenntnissen im Umgang mit IKT voraussetzen. 131

Die Schwächen Europas erstrecken sich auf alle drei Arten

von E-Skills, auf die eine wettbewerbsfähige und der

Chancengleichheit verpflichtete Gesellschaft nicht verzichten

kann: 1) Lesefähigkeit und Grundkenntnisse in

EDV, Mathematik und Naturwissenschaften, 2) die für den

Arbeitsmarkt erforderliche, schulisch und in zunehmendem

Maße auch „on the Job“ vermittelte berufliche Qualifikation,

3) die typischen Kompetenzen von Mitarbeitern

einer Wissensökonomie wie die Führungsqualitäten und

analytischen Fähigkeiten, die für Innovation von entscheidender

Bedeutung sind.

125 Who cares? Who dares? – erarbeitet für den Europäischen Wirtschaftschaftsgipfel von INSEAD mit Unterstützung durch Microsoft, Shell und den Belgischen Unternehmerverband (Federation d’Entreprises Belges, FEB). http://www.insead.edu/

discover_insead/docs/WhocaresWhodares.pdf | 126 Ebenda | 127 Nach Schätzungen des CEPIS (Council of European Professional Informatics Society) könnten Europa im Jahr 2010 bis zu 70 000 IKT-Fachleute fehlen. http://www.cepis.org/

| 128 After the crisis, the e-Skills gap is looming in Europe, empirica und IDC, e-Skills Monitor, 3. Dezember 2009. http://www.eskills-monitor.eu/2009-12/after-the-crisis-the-e-skills-gap-is-looming-in-europe/ | 129 Der Bedarf an digitalen Qualifikationen

erstreckt sich mittlerweile auf alle Beschäftigungssektoren und ebenen: Bürotätigkeiten werden längst in erster Linie an Computern und portablen Geräten ausgeübt, und Beschäftigte in Einzelhandel und Logistik nutzen Mobilfunkgeräte zur

Bestandskontrolle und zur Verfolgung von Lieferungen | 130 Europäische Kommission: IKT-Kompetenzen für das 21. Jahrhundert: Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung fördern, 2007. http://ec.europa.eu/enterprise/sectors/ict/e-skills/

index_de.htm | 131 Post Crisis: e-Skills are needed to Drive Europe’s Innovation Society, IDC 2009. http://pressmedia.microsoft.at/GetDocument.ashx?ID=fdd9d70e-96eb-4f00-8b7f-fc10e1d3fb7f

P 65


Zwar geht es Europa, was Grundfertigkeiten und Berufsbildung

angeht, besser als vielen seiner Wettbewerber, doch

tut es sich umgekehrt auch in keiner der drei genannten

drei Arten unverzichtbarer E-Skills hervor. INSEAD gibt

Europa in Sachen Grundfertigkeiten und Berufsbildung jeweils

die Note B (die Bestnote wäre A) und bei der Befähigung

zum weltweiten Wissensaustausch die Note C. 132 Es

gibt keinen Grund, warum Europa sich als Ganzes nicht

hervortun können sollte. Derzeit nehmen Finnland, Dänemark

und Schweden die drei Spitzenplätze ein.

Während lebenslanges Lernen ein wesentliches Element

der Lösung ausmachen wird, liegt der entscheidende

Schüssel woanders: Die europäischen Ausbildungssysteme

von der Primarstufe bis zur Hochschulebene – bedürfen

eines systematischen Wandels im Sinne einer besseren

Integration des Themas Medienkompetenz in den

Unterricht. Ein solcher Wandel wird eine enge Zusammenarbeit

zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen,

die Einsicht in den Bedarf nach grundlegenden Reformen

sowie ein erheblich gesteigertes Investitionsvolumen erfordern.

Im Durchschnitt gibt Europa, betrachtet man den

prozentualen Anteil am BIP, gerade einmal halb soviel für

tertiäre Bildung aus wie die USA und Japan. 133

Ein unlängst veröffentlichte Studie der Economist Intelligence

Unit benannte als diejenigen Länder, die ihrer Aufgabe

der IKT-Talentförderung am besten nachkommen,

die USA, Singapur, das Vereinigte Königreich, Irland und

Südkorea. Nach Einschätzung des Wirtschaftsinformationsdienstes

besteht der Schlüssel für den Erfolg dieser

Länder darin, dass sie den tertiären Bildungssektor nicht

zuletzt im Bereich Wissenschaft und Technik konsequent

ausgebaut haben. Daneben unterhalten sie Universitäten

und technische Hochschulen von internationalem Rang,

an denen den künftigen Ingenieuren längst nicht mehr

nur fachliche Inhalte, sondern auch Wirtschafts- und

Management¬kenntnisse vermittelt werden. 134

132 Who cares? Who dares? a. a. O. | 133 Ebenda | 134 How technology sectors grow, Benchmarking IT industry competitiveness 2008, Economist Intelligence Unit des britischen Wirtschaftsmagazins The Economist. http://www.eiu.com/site_info.

asp?info_name=bsa_tech_2008&page=noads&rf=0 | 135 http://www.internetworldstats.com/stats4.htm | 136 Ebenda | 137 Champion for Digital Inclusion, PriceWaterhouseCoopers 2009 | 138 Europäische Kommission, e-Skills for the 21st

Century: Fostering Competitiveness, Growth and Jobs, 2007. http://ec.europa.eu/enterprise/sectors/ict/files/comm_pdf_com_2007_0496_f_en_acte_en.pdf

P 66

Bei einer breiteren Betrachtung sind die Vorteile einer die

Gesamtbevölkerung erfassenden Vermittlung digitaler

Kompetenzen für den Einzelnen wie für die Gesellschaft

mannigfach erwiesen, und dennoch sind noch immer rund

48 % der Bürger Europas digital ausgegrenzt. 135 Diese

Zahl verbirgt dabei ein Nord-Süd-Gefälle, denn während

in den Ländern Skandinaviens und in den Niederlanden

mittlerweile nahezu 80 % das Internet nutzen, sind es in

Ländern wie Griechenland und Portugal bislang erst gerade

einmal 40 %. Besonders hoch ist der Anteil der Personen,

die das Internet nicht nutzen (können), unter Behinderten

(60 %) und den über 65-Jährigen (62 %). 136 51 %

der Personengruppe, die über keine erweiterte Schulbildung

verfügt, bleiben bei der Internet-Nutzung außen vor.

Allein für das Vereinigte Königreich wird der potentielle

wirtschaftliche Vorteil einer Nutzung des Internets durch

die Gesamtbevölkerung auf 22 Milliarden Pfund Sterling

veranschlagt. 137

Vor über zwei Jahren wurden in einer Mitteilung der Europäischen

Kommission die zu ergreifende Strategie dargelegt

und die erforderlichen Schritte bezeichnet, die es

zur Überwindung unseres aktuellen Defizits an digitalen

Kompetenzen zu tätigen gilt. 138 Wir wissen, was zu tun ist.

Nun müssen wir es nur noch angehen.


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

6. Baustein: Trust & Security

„Das größte Hindernis, das einer weitergehenden

Verbreitung neuer IKT-gestützter Lösungen unter

Verbrauchern und Unternehmen entgegensteht,

stellen wahrscheinlich Sicherheitsbedenken dar. Die

Verbraucher werden diese neuen Angebote nicht

eher nutzen, als dass sie davon überzeugt sind, dass

diese neuen Formen der Interaktion und Datenübermittlung

sicher und vertrauenswürdig sind.“

Thomas Spreitzer, Vice President, T-Systems

Eine vertrauenswürdige und sichere Online-Umgebung

stellt für die Entwicklung der digitalen Ökonomie Europas

und eines digitalen Binnenmarktes eine Grundvoraussetzung

dar. Schutz der Privatsphäre und Sicherheit sind für

Vertrauen und Kontrolle unverzichtbare Elemente und

gehören als solche zum Fundament eines wachstumsorientierten

regulatorischen Rahmens. Diese universellen

Kriterien gelten für alle Branchen und Anwendungen.

Gewerbebetriebe und Verbraucher müssen neue Geschäftsmodelle

und Technologien zunächst verstehen und

Vertrauen in sie gewinnen. Dies gilt besonders für die Verwendung

und den Schutz personenbezogener Daten. Risikobezogene

Rahmenregelungen, die den Schwerpunkt

auf politische Steuerung und Rechenschaftspflicht legen,

sollten bei der Implementierung neuer Technologien und

Geschäftsmodelle in gebührender Weise in Betracht gezogen

werden.

Im gleichen Maße, in dem unsere Abhängigkeit vom Internet

zunimmt, wächst auch die Bedeutung von Vertrauenswürdigkeit

und Sicherheit für alle Benutzergruppen:

Privatpersonen, Unternehmen und staatliche Einrichtungen.

Die absehbare explosionsartige Ausbreitung digitaler

Dienste wird zu einer verstärkten Nachfrage nach stabilen

und sicheren Netzwerken führen und nicht zuletzt auch

nach einem Rahmen für die sichere Abwicklung von Online-Zahlungen.

Der Gebrauch des Internets hat, sowohl was die Zahl der

Nutzer als auch was die Art der Nutzung anbelangt, in den

letzten Jahren stetig zugenommen. Diesen positiven Entwicklungen

zum Trotz nutzen manche Bevölkerungsgruppen

die neuen Technologien nur sehr zögerlich, und viele

Nutzer hegen Bedenken, was den Schutz der Privatsphäre

und die Datensicherheit im Netz anbelangt.

139 Ibid.

In manchen Fällen entsteht Vertrauen aus Erfahrung und

Vertrautheit. Die Eurobarometer-Umfrage des Monats Mai

2009 hat ergeben, dass die Gruppe derer, die das Internet

täglich nutzen, sich viel selbstsicherer im Netz bewegt als

Gelegenheitsnutzer (62 % ggü. 48 %) 139 , und sich gleiches

für Personen mit höherem Bildungsgrad gegenüber jenen

feststellen lässt, die lediglich über eine elementare Bildung

verfügen (64 % ggü. 48 %). Diese Erkenntnisse lassen darauf

schließen, dass die Überwindung der verbraucherseitigen

Sicherheitsbedenken nicht allein sicherere Systeme,

sondern auch Investitionen in die Vermittlung von digitaler

Kompetenz erfordert – die den Verbrauchern nebenbei

den auch eine Vielzahl von Vorteilen aus der Nutzung des

Internets erschließt.

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Datenschützern und

Sicherheitsverantwortlichen auf der einen Seite und Kriminellen

und anderen Akteuren mit üblen Absichten auf der

anderen macht den Bereich Netzwerksicherheit zu einem

hochinnovativen Terrain. Ohne fortwährende Anstrengungen

zum Erhalt und zur Vermittlung der den Nutzern von

Online-Diensten zur Verfügung stehenden Schutzvorrichtungen

und der ihnen eigenen Rechte (und angesichts

des nicht von der Hand zu weisenden Zusammenhangs

zwischen digitaler Partizipation und individuellem Wohlstand)

besteht die Gefahr, dass die kundenseitig gehegte

Skepsis eine weitergehende Verbreitung innovativer internetgestützter

Dienstleistungsangebote wie etwa E-Health,

die auf ein breites Spektrum an vertraulichen personenbezogenen

Daten angewiesen sind, verzögert wird. Auch

könnte sich dieses Skepsis nachteilig auf die Akzeptanz

öffentlicher Serviceangebote im Rahmen des E-Government

wie die Übermittlung von Steuerklärungen oder die

Beantragung von Genehmigungen über Internet auswirken.

Einer größeren Verbreitung des Cloud Computing

könnte, obwohl es sich auf bestehende Technologien und

Geschäftsmodelle stützt, entgegenstehen, dass Unternehmen

und Einzelpersonen sich über die Technologien

und die Nutzung ihrer Daten im Unklaren sind oder auch

die neuen Anbieter solcher Dienstleistungen noch nicht

kennen. Vertrauen ist eine Frage von Reputation und Markenimage,

und ähnlich wie in den frühen Tagen des Internets

müssen die Verbraucher bei der Auswahl von Anbietern

von Cloud Computing und damit in Zusammenhang

stehenden Dienstleistungen erst zu einer Beurteilung dieser

Faktoren finden.

Eine Optimierung der Datenschutzbestimmungen innerhalb

der EU ist entscheidend für einen besseren Schutz

von Nutzerrechten im Online-Umfeld und einen souveräneren

Zugriff auf Online-Dienste durch die Nutzer. Die

Implementierung der EU-Richtlinie zum Datenschutz in

die Datenschutzbestimmungen der EU-Mitgliedsstaaten

sollte eine weitergehende Harmonisierung erfahren, einiges

an Verwaltungsaufwand sollte beseitigt werden, und

die bestehende Gesetzgebung auf diesem Gebiet besser

umgesetzt und gegenüber den Internet-Nutzern besser

kommuniziert werden.

P 67


Gleichzeitig ist es zwingend erforderlich, dass Netz- und

Informationssicherheit in Europa weiter gestärkt werden

und die Netzwerke Bedrohungen gegenüber weniger

empfindlich werden, ganz gleich, ob diese nun von Naturkatastrophen

oder Cyberattacken ausgehen. Wir begrüßen

daher Präsident Barrosos Ankündigung einer „großangelegten

Initiative zur Verbesserung der Sicherheit der

Netze“ seitens der neugewählten Europäischen Kommission.

Eine größere digitale Katastrophe – beispielsweise eine

physische Beschädigung kritischer digitaler Netze (wie

nach dem Erdbeben in Italien, als Satelliten rasch die

Breitbandversorgung wiederherstellten), eine großangelegte

grenzüberschreitende Cyberattacke (wie in Estland

im Jahr 2007) oder ein Vorfall massiven Betrugs mit der

Folge der Schädigung der Kunden – würde bei einer unzulänglichen

Reaktion das Vertrauen der Verbraucher in

das Internet beschädigen, was angesichts der für den digitalen

Wandel der europäischen wie der globalen Wirtschaft

unverzichtbaren massenhaften Hinwendung zum

Online-Handel fatale Folgen hätte. 140 Wenn man auch

Naturkatastrophen nicht entgehen kann und Cyberattacken

sich kaum verhindern lassen, so werden doch bewährte

Systeme zur Wiederherstellung des Geschäftsbetriebs

und koordinierte Notfalldienste die beschädigte

Infrastruktur kurzfristig zu ersetzen vermögen. Wir sind

daher überzeugt, dass Dialog und Partnerschaft unter

allen maßgeblichen Interessenvertretern – in erster Linie

zwischen Industrie und Behörden – entscheidend dafür

sein werden, diese Herausforderungen für die Netz- und

Informations¬sicherheit erfolgreich zu bewältigen. Die ihm

eigene Dynamik und Flexibilität positionieren den Markt

optimal dafür, die für eine wirksame Reaktion auf die sich

qualitativ immer weiter entwickelnden Attacken erforderliche

Innovations¬geschwindigkeit aufzubieten. In den

Mitgliedsstaaten besteht bereits eine Vielzahl an öffentlich-privaten

Partnerschaften, die Dienstleister, staatliche

Sicherheitsbeauftragte und maßgebliche Anbieter zusammenführen.

Sie bilden den grundlegenden Pfeiler für die

Netz- und Informations¬sicherheit in der EU. Auf EU-Ebene

ergriffene Initiativen wie beispielsweise die demnächst

geschlossene EP3R (European Public-Private Partnership

for Resilience) sollten diese Strukturen unterstützen

und deren Entwicklung in allen Mitgliedsstaaten fördern.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet werden sich zahlreiche

Vorteile aus den drahtlosen Breitbandtechnologien in den

Bereichen Zivilschutz und Katastrophenbekämpfung ergeben,

was beispielsweise auch die Nutzung von Drahtlostechnologien

einschließt, wie sie für die tagtägliche Arbeit

von Organen der öffentlichen Sicherheit, eine weiträumige

Katastrophenbekämpfung oder auch lokale Notfallmeldeund

Rettungssysteme unverzichtbar sind.

7. Baustein: Handelspolitik

„Der Freihandel muss ein Mittel zur Schaffung von

Wohlstand, Stabilität und Entwicklung sein. Wird er

von vernünftigen Bestimmungen und Institutionen

getragen, erbringt der Freihandel Nutzen für alle

Beteiligten. Eingebettet in ein umfangreiches Maßnahmenbündel

entfaltet er im Hinblick auf die Propagierung

von europäischen Werten außerhalb unseres

Kontinents wie etwa nachhaltige Entwicklung und

Achtung der Menschenrechte eine mächtige Hebelwirkung.

Die Offenheit unserer Märkte begünstigt

zudem Innovation und Kreativität daheim und stellt

die beste Art und Weise dar, kraft unseres Gewichts

im Welthandel für ähnliche Offenheit auch außerhalb

Europas zu sorgen.“

Karel De Gucht, parlamentarische Anhörung,

12. Januar 2010

Die europäische Digitalbranche muss sich auf vorteilhafte,

zuverlässige und nachhaltige Handelsbedingungen in

der weltweiten digitalen Ökonomie verlassen können. Die

EU sollte einen freien, ausgewogenen, offenen und fairen

Handel als treibende Kraft für Produktivität, Innovation, Beschäftigung,

verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und Servicequalität

zu einem zentralen Anliegen machen.

Die europäische Digitalbranche muss, will sie auf internationaler

Ebene erfolgreich und wettbewerbsfähig agieren, in

der Lage sein, Vorteile aus den vom internationalen Handel

gebotenen Chancen zu ziehen.

140 Swedish Presidency of the EU 2009: A Green Knowledge society. http://www.se2009.eu/en/meetings_news/2009/9/14/the_report_a_green_knowledge_society_is_delivered_to_the_minister_for_communications

P 68


KAPITEL 4 BAUSTEINE FÜR DIE ZUKUNFT

IKT-Produkte bestehen nicht selten aus Hunderten von

Komponenten, die aus verschiedenen Ländern und von

mehreren Herstellern bezogen werden. Diese Produkte

können und sollten auch Abnehmer in aller Welt finden.

Zur Gewährleistung eines internationalen Zugangs zu Innovation,

höchster Qualität, den günstigsten Preisen und

den größten Märkten bedarf es eines deregulierten Handelsumfelds.

Keine Produktentwicklung oder Lieferkette befindet sich

in einem stationären Zustand: Vielmehr ist alles in ständiger

Bewegung. Produkte und Dienstleistungen erfahren

ständig Erneuerungen und Fortentwicklungen. Der Wettbewerb

und die relativ freien Marktbedingungen bieten europäischen

Unternehmen immer wieder die Gelegenheit,

zu lernen, sich zu verbessern, ihre Marktposition auszubauen,

innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln

und diese als Teil weltumspannender Lieferketten

überall auf dem Globus zu wettbewerbsfähigen Konditionen

zu vertreiben. All dies erfordert ach außen orientierte

Unternehmen und einen deregulierten Marktzugang.

Nachdem allerdings die internationalen Handelsgespräche

(Doha-Runde) der Welthandelsorganisation (World

Trade Organization, WTO) ohne Ergebnis geblieben sind,

besteht eine zunehmende Gefahr der Entstehung eines

Flickenteppichs unterschiedlicher Anforderungen als

Folge bilateraler Handelsabkommen. Dies gilt es – etwa

durch die Anwendung international anerkannter Normen

– zu vermeiden. Europa sollte es sich zu einem zentralen

Anliegen machen, die Doha-Runde möglichst rasch zum

Abschluss zu bringen und das Vertrauen in die WTO als

einem bedeutenden Akteur im Handel wiederherzustellen.

Sodann wird es entscheidend darauf ankommen, eine

Agenda für die Zeit nach Doha auszuarbeiten, die der

WTO eine zentrale Rolle bei der künftigen Liberalisierung

des Handels einräumt.

Jedoch auch innerhalb Europas besteht Verbesserungsbedarf.

Das derzeitige System zur Lösung von Handelsstreitigkeiten

ist umständlich, undurchsichtig und zeitraubend.

Von daher besteht Bedarf nach einem System

einfacher, zeitnaher und transparenter Zollentscheidungen,

die EU-weit Anerkennung finden und auf die sich alle

Wirtschaftbeteiligten in gleicher Weise beziehen können.

Die Welt ist in zunehmendem Maße internationalem organisiertem

Verbrechen, Attentaten durch Terroristen

und weiteren Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit

ausgesetzt. Nicht von der Hand zu weisen ist daher die

Notwendigkeit, Fragen der öffentlichen Sicherheit stets im

Auge zu behalten. Sowohl Zollkontrollen als auch den von

den Wirtschaftsbeteiligten ergriffenen Maßnahmen kommt

im Bemühen um Sicherheit in der Lieferkette eine wichtige

Rolle zu. Angesichts der Bedeutung, die Frage der öffentlichen

Sicherheit erfolgreich anzugehen, ist eine verbesserte

und gerechtere Partnerschaft zwischen Behörden und

Wirtschaftsbeteiligten zur Herstellung von Ausgewogenheit

unverzichtbar.

Die digitale Ökonomie der nächsten Generation eröffnet

der EU in Sachen Wachstum und Beschäftigung, Produktivitätszuwächsen,

Wettbewerbsfähigkeit und der Verminderung

der CO2-Emissionen gewaltige Chancen.

Mit den genannten Punkten im Hinterkopf sollten die folgenden

Handelsziele verfolgt werden:

Außenmarkt:

• Beseitigung tarifärer wie nichttarifärer Handelshemmnisse

weltweit in einem nachhaltigen, multilateralen, auf

Regeln beruhenden Handelssystem, das einen maximalen

Zugang zu den Märkten bei einem Minimum an

Hemmnissen ermöglicht.

• Gewährleistung der Anwendung international anerkannter

Normen und Standarddatensätze in bilateralen

Vereinbarungen, gleichermaßen im Kontext von Handelsabkommen

wie der Sicherheit weltumspannender

Lieferketten, in der gleichen Weise, wie dies auch in

multilateralen Abkommen der Fall wäre.

• Eine international anerkannte Roadmap und ein Zieldatum

für die Erweiterung des Informationstechnologie-

Übereinkommens (Information Technology Aggreement,

ITA) der WTO. Das ITA bedarf sowohl in Produkt- als

auch in geographischer Hinsicht der Erweiterung, und

es muss einen intelligenten und schnellen Aktualisierungsmechanismus

erhalten und die Beseitigung und

Verhütung nichttarifärer Handelshemmnisse vorsehen.

Binnenmarkt:

• Angleichung nationaler an internationale Normen.

• Einrichtung eines Europäischen Zollgerichtshofs, der

an die Stelle des aktuellen Systems einer Verbindlichen

Zolltarifauskunft (VZTA) tritt und die Austragung von

Zollstreitigkeiten vor nationalen Zollbehörden und gerichten

hinfällig macht.

• Fortführung und Verbesserung von Partnerschaften zwischen

Industrie und Behörden, um zu gewährleistden,

dass die erforderlichen Schutzmaßnahmen implementiert

und eine sichere Umfelds geschaffen werden.

P 69


EMPFEHLUNGEN

ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION

FÜR EUROPA

DIGITALEUROPE hofft, dass das vorliegende Weißbuch deutlich vor Augen führt, warum die

im Folgenden aufgeführten Maßnahmen im Mittelpunkt des digitalen Wandels stehen müssen,

dem sich Europa zu unterziehen hat. Dieser Wandel ist das Fundament für eine nachhaltige und

wettbewerbsfähige Ökonomie und eine erfolgreiche Digitale Agenda für Europa.

Um dem IKT-Sektor den Weg zu ebnen, damit er seine Rolle wahrnehmen kann, ist es erforderlich,

IKT in die Wachstums-, Beschäftigungs- und Mittelstandsförderungspolitik der EU und ihrer

Mitgliedsstaaten aufzunehmen. DIGITALEUROPE möchte der Europäischen Kommission, dem

Europäischen Parlament und deren Mitgliedsstaaten die folgenden Empfehlungen unterbreiten:

1. Förderung der IKT-Infrastruktur

Europa muss sich zum Ziel setzen, bis zum Jahr 2015

weltweite Führung bei der IKT-Infrastruktur durch die

Schaffung einer lückenlosen Breitbandversorgung mit einer

Nutzbandbreite von mindestens 2000 kbit/s für jeden

Anwender zu erreichen und dabei mindestens 30 % der

Infrastruktur auf Lichtwellenleiter zu gründen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Schaffung eines investitionsfreundlichen Rahmens für

Next-Generation Networks (NGN), der unter anderem

- für Rechtssicherheit sorgt,

- Investitionen fördert,

- dem Gebot der Technologieneutralität folgt und die

diesbezügliche Wahl Diensteanbietern, Investoren

und Verbrauchern überlässt und

P 70

- einen diskriminierungsfreien Zugang zur Infrastrukturverlegung

vorsieht, den Zugang zu Kabelkanälen

vereinfacht und damit die Hemmschwelle für Investitionen

erheblich senkt.

• Verständigung auf einen europaweiten Pakt zur Implementierung

von Breitbandleitungen unter Inanspruchnahme

des EU-Regionalfonds, öffentlicher und privater

Mittel.

• Einrichtung einer hochkarätigen, mit Branchenexperten

besetzten EU-Task-Force mit dem Auftrag, eine Strategie

für die künftige IKT-Infrastruktur zu entwickeln.

• Vereinfachung der Nutzung der durch freiwerdende

Analogfrequenzen geschaffenen „digitalen Dividende“

für neue mobile Breitbanddienste durch ein harmonisiertes

und technologieneutrales gesamteuropäisches

Konzept, das Einsparungen von erheblichem Umfang

ermöglicht und Interferenzproblemen an Landesgren-

zen ein Ende setzt, ohne den bestehenden Digital-TV-/

HDTV-Empfang in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen.

Ein Zugang zu Niederfrequenzbändern, deren

Ausbreitungscharakteristik eine großflächige Abdeckung

ermöglicht, ist von entscheidender Bedeutung für

die Schaffung einer Breitbandversorgung außerhalb der

Ballungsräume unter Nutzung von Mobilfunktechnologien,

die insbesondere einen Zugang zu allen erwarteten

Internet-Diensten eröffnen.

• Beschleunigung der Zuweisung und Vergabe sonstiger

für drahtlose Breitbandtechnologien geeigneter Frequenzbänder

durch die Mitgliedsstaaten, insbesondere

im Band zwischen 2,3 und 2,6 GHz.

• Fortführung der Förderung geeigneter Investitionen im

öffentlichen Sektor, öffentlich-privater Partnerschaften

und steuerlicher Anreize für eine verbesserte Breitbandversorgung.

• Umstellung der E-Government-Netzwerke und Serviceangebote

der Mitgliedsstaaten auf IPv6.

• Proaktiver Start von Initiativen im Bemühen, Defiziten

bei E-Skills auf Hochschulebene und im Rahmen der lebenslangen

Weiterbildung zu begegnen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Im Rahmen ihrer Strategie für Europa im Jahr 2020 hat

sich die EU zum Ziel gesetzt, bis 2013 eine flächendeckende

Breitbandversorgung und bis 2020 mindestens

30 Mbit/s für alle sowie 100 Mbit/s für mindestens 50 %

aller Haushalte zu erreichen. DIGITALEUROPE begrüßt

diese Zielsetzung.

• Auf einer technologie- und diensteneutralen Grundlage

und unter Einführung eines flexibleren Frequenzmanagements

sollte ein Frequenzspektrum zur drahtlosen

Breitbandübertragung zur Verfügung gestellt werden.


EMPFEHLUNGEN ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION FÜR EUROPA

2. Ein digitaler Binnenmarkt

Die digitalen Stärken Europas in weltweite Wettbewerbsfähigkeit,

Wohlstand und nachhaltige Beschäftigung umzumünzen,

setzt die Schaffung eines europäischen digitalen

Binnenmarkts voraus, in dem sich Geschäfte online

ebenso problemlos tätigen lassen wie über herkömmliche

Kanäle. Der digitale Binnenmarkt erfordert eine weitergehende,

ressortübergreifende Harmonisierung zur Ausräumung

der Hindernisse, die der Bereitstellung eines

gesamteuropäischen Online-Handels- und Dienstleistungsangebots

derzeit noch entgegenstehen. DIGITAL-

EUROPE drängt die EU daher zu einer horizontalen politischen

Entscheidungsfindung zur Beseitigung zahlreicher

Hürden:

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Rasche Verabschiedung der eingebrachten Verbraucherrechte-Richtlinie,

um der Zersplitterung des Marktes

zu begegnen. 141

• Strenge Durchsetzung der EU-Bestimmungen, namentlich

der Richtlinie zum E-Commerce insbesondere im

Hinblick auf die Providerhaftung.

• Erweiterung des jährlichen Binnenmarktanzeigers im

Sinne einer zusätzlichen Schwerpunktsetzung auf den

digitalen Binnenmarkt bei besonderer Berücksichtigung

der digitalen Indikatoren, die gegenwärtig von der spanischen

Präsidentschaft und der OECD gemeinsam erarbeitet

werden. 142

• Vervollständigung des EU-Patentrechts und Verbesserung

des Europäischen Übereinkommens über Patentstreitigkeiten

im Interesse einer Senkung der Kosten,

einer Verbesserung der Rechtssicherheit und zeitgemäßer

Verfahren und Beschlüsse.

• Verbesserung des aktuellen Systems der IKT-Standardisierung

in Europa mit dem Ziel einer Anerkennung und

Übernahme von Normen, die von globalen Normungsgremien

ausgearbeitet worden sind. Die sich auf EU-

Leitlinien beziehenden IKT-Standards haben dabei neutral

zu sein, was Technologie, Bezugsquellen und die

zugrunde liegenden Geschäftsmodelle anbelangt.

141 Vgl. Fußnote 1 | 142 Vgl. Fußnote 2 | 143 Vgl. Fußnote 3

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Steigerung der Attraktivität und Zugänglichkeit der digitalen

Inhalte innerhalb des gesamten digitalen Binnenmarktes.

• Sukzessiver Abbau von Abgabesystemen für Privatkopien

auf dem Gesetzeswege.

• Harmonisierung der Frequenznutzung zur Bereitstellung

einer größeren Auswahl an Gerätemarken und

modellen sowie Einsparungen durch Skaleneffekte.

• Verfügbarmachung kostengünstiger und sicherer Zahlungssysteme

gegenüber Internetnutzern in ganz Europa.

• Annahme der Neufassung der Altgeräte-Richtlinie

(WEEE) zur Harmonisierung der Registrierungs- und

Berichterstattungsanforderungen bei gleichzeitiger Minimierung

der im Zusammenhang mit der Einhaltung

der Richtlinie entstehenden verwaltungsbedingten Kosten

143 .

P 71


3. Förderung von Forschung und Entwicklung im

IKT-Sektor

Europa muss durch eine Kombination von verstärkter

Förderung sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene

und die Ausarbeitung von Gesetzesreformen zur Beseitigung

der Zersplitterung zur attraktivsten Region für IKT-

Forschung und -Innovation werden. Als Minimalziel sollte

Europa bis spätestens zum Jahr 2015 seine Zielsetzung

eines Mindestanteils der Aufwendungen für Forschung

und Entwicklung am BIP von 3 % verwirklicht haben. Diese

Maßnahme ist notwendig, reicht allein jedoch nicht aus:

Auch der Überführung von Forschung und Entwicklung in

kommerziell verwertbare Produkte und Dienstleistungen

ist größere Beachtung zu schenken. Europa muss bei

Next-Generation-Internet-Anwendungen und Diensten

eine Führungsrolle einnehmen. Die Gesetzesänderungen

müssen einem verbesserten Schutz geistigen Eigentums

im Hinblick auf Patente, Urheberrechte und die Förderung

des Immaterialgüterrechts im Bereich grüner Technologien

Rechnung tragen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010¬–2011

Die Europäische Kommission sollte dafür Sorge tragen,

dass das RP8 (RP = Rahmenprogramm) ab 2013 mit

erweitertem Umfang die Nachfolge des RP7 antritt, und

die Mitgliedsstaaten dazu ermuntern, ihrerseits ihre Anstrengungen

zu mehren.

• Nutzung der Dynamik des EIT-IKT-KIC zur aktiven Unterstützung

des integrierten Innovationsprozesses und

Herstellung von Verbindungen innerhalb desselben

Bereichs, z. B. den öffentlich-privaten Partnerschaften

(ÖPP) zum „Internet der Zukunft“, den gemeinsamen

Technologieinitiativen (GTI) ARTEMIS und ENIAC, den

Europäischen Technologie-Plattformen zum IKT-Bereich,

den IKT-Clustern.

• Ausrichtung der Europäischen Investitionsbank auf Innovation

in Bereichen, in denen der Markt augenscheinlich

versagt.

• Konzentration des Europäischen Investitionsfonds auf

P 72

„ Europa muss bei Next-Generation-

Internet-Anwendungen und Diensten

eine Führungsrolle einnehmen. “

die Einrichtung gesamteuropäischer Fonds: 1) Suche

einer Partnerschaft mit institutionellen Anlegern bei themenbezogenen

Fonds, 2) Unterstützung eines Technologietransfers,

3) Ermunterung zu neuen ÖPP.

• Rasche Implementierung der ÖPP-Kommunikation.

• Verweis auf die GTI Sherpas Group bei Änderungen der

rechtlichen und administrativen Regelungen für bestehende

und künftige GTI als ÖPP von größerem Umfang

in der europäischen Forschung.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

Die Europäische Kommission sollte sich für die Einführung

EU-weiter steuerlicher Anreize zur Stimulation

privater Forschung und Entwicklung – im Interesse einer

Steigerung von deren Bedeutung und zur Gewährleistung

gleicher Wettbewerbsvoraussetzungen – aussprechen

und ferner eine EU-weite Forschungs- und

Entwicklungsstrategie in Bezug auf IKT entwickeln, die

steuerliche Anreize einschließt.

• EU-weite Implementierung des Konzepts einer vorkommerziellen

Auftragsvergabe durch die Mitgliedsstaaten

zur Steigerung der Marktdurchdringung neuer Technologien.

• Bindung eines beträchtlichen Anteils des EU-Strukturfonds

an die Umsetzung innovativer IKT-Lösungen. Engere

Zusammenarbeit zwischen der Generaldirektion

„Regionalpolitik“ (DG REGIO) und den Mitgliedsstaaten

sollten, um zu ermitteln, wie sich durch IKT regionale

Entwicklungsunterschiede ausgleichen lassen.

• Deutliche Steigerung der Zuweisung von EIB-Ressourcen

(European Investment Bank, Europäische Investitionsbank)

und EIF-Ressourcen (European Investment

Fund, Europäischer Investitionsfonds) für Risikokapitalinvestitionen

bei privaten Partnern, um der fehlenden

kritischen Masse an Risikokapital in Europa abzuhelfen.

• Bei neuen finanziellen Perspektiven sollten wachstums-

und beschäftigungsintensive Sektoren Vorrangerhalten.


EMPFEHLUNGEN ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION FÜR EUROPA

4. Förderung von E-Skills als die für das 21.

Jahrhundert erforderlichen Fertigkeiten und

Qualifikationen

In Anbetracht einer Korrelation von 85 % zwischen E-

Skills und Wettbewerbsfähigkeit muss Europa sich rasch

um eine Verbesserung der digitalen Kompetenzen und

Fertigkeiten seiner Kinder, Lehrer, Beamten und älteren

Mitbürger bemühen. Europa muss sich für das Jahr 2015

ambitionierte Ziele setzen, darunter eine Halbierung der

im Bereich der Medienkompetenz bestehenden Defizite

und die Garantie, dass alle Primar- und Sekundarschulen

über einen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet

verfügen. Bis 2012 sollte die EU dafür sorgen, dass

Schüler an Primar- und Sekundarschulen Unterricht über

die Gefahren und über die sichere Nutzung des Internets

zuteil wird. Alle Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter

sollten Zugang zu Schulungen erhalten, in denen E-Skills

vermittelt werden.

Unmittelbarer Nutzen: 2010-2011

• Von öffentlich-privaten Partnerschaften veranstaltete

Werbekampagnen der Mitgliedsstaaten, die Karrieremöglichkeiten

in die Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften

aufzeigen. Solche Kampagnen sollten

daneben die innerhalb der EU bestehenden Defizite bei

E-Skills in den Blickpunkt rücken und das Spektrum und

die Reichweite der Veranstaltungen im Rahmen der ersten

EU-weiten e-Skills Week in ein mehrjähriges Programm

überführen. 144

• Ausstattung aller Primar- und Sekundarschulen mit einem

Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet bis

zum Jahr 2015, und Unterrichtung aller Schüler in der

verantwortungsbewussten und sicheren Nutzung des

Internets.

• Ausrichtung von außerschulischen Veranstaltungen

wie Laborbesuchen oder Unternehmensbesichtigungen

nach Aspekten der Berufswahl mit Schwerpunkt auf den

Wirtschaftszweigen, in denen die EU weltweit wettbewerbsfähig

ist.

• Ausbau von Praktikumsmöglichkeiten, um den Schülern

eine Orientierung in Sachen „marktnahes Wissen” zu

geben, in zwei wichtigen Altersgruppen: 10 bis 12 und

16 bis 17, also zu jenen Zeitpunkten, in denen Teenager

Entscheidungen im Hinblick auf ihre spätere berufliche

Orientierung und ggf. ihren künftigen Studiengang treffen.

• Förderung von Bildung darin, mit dem Wandel umzugehen,

über privat-öffentliche Partnerschaften, die mit

Lernmethoden wie E-Learning experimentieren.

• Einbindung von Technologie in Unterricht und Praktika

sowie einer differenzierten Beurteilung, Einbeziehung

partizipativer Methoden und des Engagements von

Schülern innerhalb wie außerhalb des Klassenzimmers.

144 Vgl. Fußnote 4 | 145 Vgl. Fußnote 5

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Statistische Erfassung der vorhandenen IKT-Qualifikation

zur näheren Ermittlung der vorhandenen Defizite.

Ausarbeitung jährlicher Eurobarometer-Berichte zur Abbildung

der Einschätzungen der Arbeitgeber in Bezug

auf den E-Skills-Bedarf in den kommenden drei bis fünf

Jahren.

• Schaffung von Anreizen für Lehrer, sowohl ihre eigenen

IKT-Kenntnisse auf den neuesten Stand zu bringen als

auch ihre Lehrmethoden im Sinne einer Rationalisierung

der digitalen Wissensvermittlung und aneignung zu modernisieren.

Einführung einer Zertifizierung für Lehrer

zur Bescheinigung von deren IKT-Qualifikation in Zusammenarbeit

mit dem European Schoolnet (EUN) 145 .

• Ausrichtung und Finanzierung von europaweiten Schulwettbewerben

in Mathematik und Naturwissenschaften

durch die Europäische Kommission zur Förderung von

Spitzenleistungen.

• Anstoß einer Initiative zum Einsatz von Mitteln aus dem

EU-Strukturfonds zur Verbesserung der IKT-Kenntnisse,

insbesondere in Kernbereichen wie Green IT, Cloud

Computing und Trust & Security.

P 73


5. Stärkung von Trust & Security im Internet

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Bewusstseinsbildung bei den Interessenvertretern in

Bezug auf die von der Industrie bereits unternommenen

Maßnahmen im Bereich Vertrauen, Sicherheit und Datenschutz

und Anstoß eines Dialogs unter den Interessenvertreternrn.

146

• Initiierung von (durch öffentlich-private Partnerschaften

veranstaltete) Kampagnen zur Bewusstseinsbildung auf

Ebene sowohl der EU als auch der Mitgliedsstaaten zur

Hervorhebung der Bedeutung von Datenschutz und Sicherheit

im weiter gefassten Kontext der Medienkompetenz.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Harmonisierung der nationalen Bestimmungen zum

Schutz der Privatsphäre und zum Datenschutz, Verschlankung

der Verwaltungsabläufe und Orientierung

hin zu einer nachträglichen Beurteilung anstelle einer

Vorabkontrolle.

• Überprüfung des gesetzlichen Rahmens zum Datenschutz

in der Weise, dass

- nationale Bestimmungen untereinander harmonisiert

und Verwaltungsabläufe verschlankt werden.

Dies steigert die Berechenbarkeit und stärkt den

digitalen Binnenmarkt. Abweichende Implementierungen

des EU-Datenschutzgesetzes sind dabei zu

vermeiden. Es bedarf der Zusammenarbeit auf internationaler

Ebene zur Schaffung eines vorteilhaften,

konsistenten regulatorischen Umfelds. Künftige Fortschreibungen

der Überprüfung haben dem Umstand

Rechnung zu tragen, dass die Technologieneutralität

einen Grundpfeiler der Datenschutzrichtlinie darstellt

und daher stets gewahrt bleiben muss.

P 74

- die Exekutive erst im Schadensfall wirksam aktiv

wird und sich dabei in erster Linie auf nachteilige

Auswirkungen auf den Schutz der Privatsphäre oder

auch der Grundrechte der Bürger Europas konzentriert.

- die Bestimmungen hinsichtlich der Weitergabe personenbezogener

Daten an andere Länder zu einem

gemeinsamen europäischen System zusammengefasst

wird, und dies in einem globalen Kontext, um

das globale Wesen des Internets zum Ausdruck zu

bringen. Ein auf Rechenschaftspflicht gründendes

Datenschutzmodell könnte sich hierbei als hilfreich

erweisen.

146 Vgl. Fußnote 6

• Verbesserung der Sicherheit durch

- die Einrichtung einer öffentlich-privaten Partnerschaft

zur Gewährleistung einer ausreichenden

Belastbarkeit der betriebswichtiger Infrastrukturen,

wobei diese ÖPP einen Austausch über Best Practices

im Umgang mit Ausfällen solcher Infrastrukturen

(auch infolge von Naturkatastrophen) ermöglicht, der

die Partner in die Lage versetzt, ihre Bemühungen

strategisch auf einen proaktiven Ansatz zur Steigerung

der Belastbarkeit zu konzentrieren.

- die Unterstützung und Fortführung des öffentlichprivaten

Dialogs im Bereich Security & Trust im Allgemeinen.

- die Umwandlung der Europäischen Agentur für

Netzwerk- und Informationssicherheit (European

Network and Information Security Agency, ENISA,)

in eine ständige Agentur der Europäischen Kommission.

Diese wäre auch bestens dafür positioniert,

die Einrichtung und Geschäftstätigkeit der oben beschriebenen

ÖPP unterstützend zu begleiten.

- Förderung öffentlich-privater Zusammenarbeit zur

Bekämpfung der Internetkriminalität.


EMPFEHLUNGEN ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION FÜR EUROPA

6. E-Health

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Ermöglichung einer weltweiten Standardisierung und

Interoperabilität unter technischen, semantischen und

Sicherheitsaspekten. Mit einer Standardisierung der

diesbezüglichen IT befasste Gruppen aus dem Gesundheitswesen

sollten die Möglichkeit erhalten, zu den formellen

europäischen Normierungsprozessen beizutragen.

• Standardisierung von ID-Management und Zugangskontrolle

mit dem Ziel einer sicherere Praxis der Personalisierung

von Dienstleistungen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Erweiterung des Gesundheitswesens um Mobilität:

- Europäische Rahmenpläne, die die Weitergabe bewährter

Techniken auf dem Gebiet einer besseren

Patientenbehandlung durch die Anwendung von IKT

fördern.

- Pilotprojekte und Finanzierungsmodelle, die die Einführung

eines Echtzeitzugangs zu Informationen im

Bereich des Gesundheitswesens unterstützen.

• Verpflichtung der Gesundheitskassen zur Einrichtung

von Teledienstleistungen im In- und Ausland.

• Gesetzliche Zulassung IKT-gestützter Workflows zur

Durchführung von Diagnosen außerhalb der Praxisräume.

• Notfalldienste:

- Effektive und abgestimmte Nutzung des terrestrischen

Funkfrequenzspektrums zur nahtlosen grenzüberschreitenden

Kooperation der Notfalldienste.

„ Mit der IT-Standardisierung im Gesundheitswesen befasste

Gruppen sollten die Möglichkeit erhalten, zu den formellen

europäischen Normierungsprozessen beizutragen “

P 75


7. Energie

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Ermunterung der Mitgliedsstaaten zur Ausarbeitung nationaler

Roadmaps hinsichtlich der Nutzung von IKT zur

Steigerung der Energieeffizienz und Verringerung der

Emissionen in allen Bereichen der Wirtschaft und der

Gesellschaft.

• Unterstützung der Schaffung geeigneter Anreize zur

weitergehenden Einführung energieeffizienter Technologien

und einer nachhaltigen Beschaffungspraxis, z.

B. Entwicklung und Förderung öffentlich-privater Partnerschaften

bei Bemühungen um Energieeinsparungen;

Entwicklung innovativer Finanzierungsinstrumente wie

der Finanzierung nach dem Co-Investment-Modell zur

Steigerung der Zahl an „Smart“ oder „Intelligent Cities“;

Ausarbeitung von Richtlinien für Behörden in Bezug auf

die Implementierung nachhaltiger IKT.

• Werbung für die Nutzung des Internet-Protokollls (IP)

als dem zentralen offenen Vernetzungsstandard bei der

Schaffung intelligenter Netze.

• Ermunterung der Mitgliedsstaaten dazu, mit gutem Beispiel

voranzugehen und die nachhaltige Nutzung von

IKT auf allen Ebenen der Regierungstätigkeit, etwa bei

der Liegenschaftsverwaltung, durch verminderte Reisetätigkeit,

Flexibilisierung der Arbeitszeit usw., vorzuleben.

• Versorgungsunternehmen, die intelligente Netze implementieren,

sollte die Möglichkeit gegeben werden, CO2-

Zertifikate nach dem EU-Emissionshandelssystem (EU-

ETS) zu erhalten.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Zielgerichtete Forschung und Regionalförderung zur

beschleunigten Verbreitung CO2-emissionsarmer Technologien.

Steigerung der Mittelzuweisung für Forschung

und Entwicklung sowie steuerlicher Anreize zur Schaffung

intelligenter Netze der Umweltforschung. Ermunterung

der Mitgliedsstaaten zum Ausbau steuerlicher

Anreize für die Entwicklung energieeffizienter Produkte

und deren Implementierung, einschließlich intelligenter

Versorgungsnetze.

• Förderung politischer Rahmenbedingungen für eine

beschleunigte Einrichtung von intelligenten Netzen in

Europa, die insbesondere regulatorische Probleme und

Normierungsfragen lösen.

• Ausbau der Breitbandversorgung zur Förderung

von Telearbeit, Tele-/Video-Conferencing und Entmaterialisierung

einer Vielzahl von Abläufen und

Dienstleistungs¬angeboten.

• Nutzung von IKT als Informationskanäle für eine größere

Verbreitung energiesparender Verhaltensweisen im

Wohn- und Geschäftsbereich.

• Forcierte Harmonisierung der energierechtlichen Bestimmungen

weltweit.

P 76


EMPFEHLUNGEN ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION FÜR EUROPA

8. Transport und Logistik

Bis zum Jahr 2015 sollte die EU durch einen wirksamen

Einsatz von IKT eine 10-prozentige Verringerung der

durch Transport und Logistik (T&L) verursachten CO2-

Emissionen erzielen. Zugleich sollte sich Europa um die

Schaffung eines integrierten IT-gestützten Transportnetzes

bemühen, das Multimodalität, Transparenz und Kostenersparnisse

ermöglicht.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

Die Europäische Kommission sollte Ergebnisse aus

bestehenden Initiativen wie dem Trans-Europäischen

Netzwerk für Transport (TEN-T), dem europäischen

Satellitensystem Galileo oder dem Intelligenten Transport-System

(ITS) im Hinblick auf die Schaffung einer

Roadmap für ein Integriertes Netzwerk für das Speditionswesen

konsolidieren.

• Im Kontext der öffentlich-privaten Partnerschaft für das

„Internet der Zukunft“ sollte ein Teilprojekt für die T&L-

Branche definiert und implementiert werden.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

Die Europäische Kommission sollte in IKT-Forschung in

Form von Leuchtturmprojekten investieren, insbesondere

auf dem Gebiet der verkehrsmittelübergreifenden

Transport- und Logistikoperationen entlang der gesamten

Lieferkette.

• Auf verschiedenen Ebenen des T&L-Sektors sollte ITgestützte

Nachhaltigkeit einschließlich Überwachung

und Berechnung des Energieverbrauchs, der Treibhausgasemissionen

und der CO2-Bilanz implementiert

werden.

Die Europäische Kommission sollte sich zum Anwalt

einer Harmonisierung, Standardisierung und Schaffung

von Interoperabilität zwischen Informationen, Prozessen

und Technologien innerhalb eines weltumspannenden

Netzes von T&L-Diensteanbietern machen.

P 77


Die EU sollte danach streben, bis zum Jahr 2015 eine weltweite

Führungsposition bei elektronischen Behördendiensten zu erreichen “

9. E-Government (elektronische Behördendienste)

Ein effektiver Einsatz von IKT kann signifikante Kostensenkungen

bewirken und die Qualität des öffentlichen

Dienstleistungsangebots verbessern. Die EU sollte sich

darum bemühen, bis zum Jahr 2015 eine weltweite Führungsposition

bei elektronischen Behördendiensten zu

erreichen. Die Ziele könnten dabei lauten, EU-weit sämtliche

öffentlichen Dienstleistungen online verfügbar zu machen

und die Wahrnehmung öffentlicher Dienstleistungen

durch Unternehmen und Bürger um 50 % zu steigern. Die

EU sollte dabei über einen uneingeschränkt funktionierenden

Binnenmarkt für E-Government-Serviceangebote

verfügen.

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Wirksame Implementierung der EU-Dienstleistungsrichtlinie

zur Verringerung des Verwaltungsaufwands

sowie als Referenzfall für künftige grenzüberschreitende

E-Government-Services. 147

• Verabschiedung eines EU-weiten Aktionsplans zum E-

Government, der für den Zeitraum bis 2015 klare Prioritäten

setzt. Definition von Kennzahlen (Key Performance

Indicators, KPI) zur Messung des Fortschritts

unter Einbeziehung von Indikatoren der Verfügbarkeit

und Nutzung von E-Government-Services; Erfassung

von deren allgemeiner Auswirkung auf Wirtschaft und

Gesellschaft (Öffentlichkeit, Wert, soziale Eingliederung,

Verringerung des Verwaltungsaufwands, Nachhaltigkeit

usw.). 148

• Schaffung eines EU-weiten gemeinsamen Rahmens für

einen elektronischen Identitätsnachweis bis 2015.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Initiierung von Strukturreformen innerhalb der öffentlichen

Verwaltung, die für eine Nutzung aller mit IKT

einhergehenden Vorteile unverzichtbar sind: Implementierung

von E-Government-Projekten, Förderung der

Nutzung innovativer Technologien und Infrastrukturen,

beispielsweise serviceorientierte Architekturen, Business-Intelligence,

Shared-Service-Center und Cloud

Computing bei öffentlichen Serviceangeboten. Hierzu

Ausbau von CIP (Competitiveness and Innovation

Framework Programme, Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit

und Innovation) und ICT PSP (ICT Policy

Support Programme, IKT-Förderprogramm).

147 Vgl. Fußnote 7 | 148 Vgl. Fußnote 8

P 78

• Weiterentwicklung der E-Skills von Mitarbeitern, die zur

wirksamen Umsetzung elektronischer Behördendienste

benötigt werden.

• Ergreifen maßgeblicher Schritte zur Schaffung eines

wirklich funktionierenden Binnenmarkts für E-Government-Anwendungen

durch eine Harmonisierung nationaler

Bestimmungen und die Verabschiedung europäischer

Normen gemäß EIF 2.0. Schaffung eines

EU-weiten gemeinsamen Rahmens für einen elektronischen

Identitätsnachweis bis 2015.

• Sicherstellung, dass die Beschaffungsrichtlinien der Mitgliedsstaaten

den Geboten der Fairness folgen und mit

der EU-Transparenzrichtlinie im Einklang stehen. Insbesondere

haben die Beschaffungsrichtlinien der Behörden

neutral zu sein, was Technologie, Bezugsquellen

und die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle anbelangt.

• Benennung von Bereichen, in denen ein nachweislicher

Bedarf an grenzüberschreitenden E-Government-

Services besteht; Festlegung dieser Services in enger

Abstimmung mit der Verbraucher-IKT-Branche sowie

geschäftlichen und privaten Nutzern.

• Förderung der Nutzung von Web-2.0-Technologien im

Sinne einer stärkeren Bürgerbeteiligung bei Entscheidungsfindung

und der Definition öffentlicher Serviceangebote.

• Gewährleistung von Datenschutz und sicherheit durch

einen weitergehenden Einsatz von Technologien zum

Schutz der Privatsphäre (privacy-enhancing technologies,

PET) und auf dem Wege der Durchführung freiwilliger

Privacy-Impact Assessments (PIA, Folgeabschätzungen

für die Privatsphäre) vor einer Einführung neuer

Serviceangebote, insbesondere in einer Web-2.0-Umgebung.

• Förderung der Nutzung innovativer Technologien und

Infrastrukturen, beispielsweise serviceorientierte Architekturen,

Business-Intelligence, Shared-Service-Center

und Cloud Computing bei öffentlichen Serviceangeboten.

Hierzu Ausbau von CIP und ICT PSP. Initiierung von

Strukturreformen innerhalb der öffentlichen Verwaltung,

die für eine Nutzung aller mit IKT einhergehenden Vorteile

unverzichtbar sind.


EMPFEHLUNGEN ZUR VERWIRKLICHUNG DER DIGITALEN VISION FÜR EUROPA

10. Handelspolitik

Unmittelbarer Nutzen: 2010–2011

• Fortführung des Diensteangebots mit gleicher Priorität

in EU-Handelsgesprächen auf Ebene der Welthandelsorganisation

(World Trade Organization, WTO) wie der

Marktzugang für nichtlandwirtschaftliche Erzeugnisse

(Non-Agricultural Market Access, NAMA) und die Landwirtschaft,

und dies nicht nur im Kontext der laufenden

Doha-Verhandlungen, sondern ebenso bei künftigen

Verhandlungen, wobei den verschiedenen IKT-Sektoren

gebührende Beachtung zu schenken ist.

• Fortsetzung und Abschluss der WTO-NAMA-Verhandlungen

zu sowohl tarifären als auch nichttarifären Handelshemmnissen

(non-tariff barriers, NTB) im IKT-/Elektronik-Sektor.

Die Verhandlungsführer sollten den im

Kontext der Doha-Runde geführten Verhandlungen dem

Elektronik-Sektor besondere Aufmerksamkeit schenken

und daneben versuchen, durch die Schaffung einer

ständigen Plattform zur Erörterung von NTB-Problemen

die administrativen Belastungen für den IKT-Sektor zu

minimieren.

• Umsetzung des Informationstechnologie-Übereinkommens

der WTO und Ausbau des Abkommens im Hinblick

sowohl auf den Produktumfang als auch auf die geografische

Ausdehnung. Erforderlich ist ein „intelligenter und

schneller“ Modernisierungsmechanismus zur Beseitigung

und Verhütung von NTB. Auf diese Weise lässt

sich dafür sorgen, dass alle Bürger weiterhin Zugang zu

den besten Produkten zum geringstmöglichen Preis erhalten.

149

• Sicherstellung, dass alle Märkte ihren Verpflichtungen

nach der WTO-TRIPS-Vereinbarung (Trade Related Aspects

of Intellectual Property Rights, handelsbezogene

Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum) nachkommen.

150

• Bei Verhandlungen über bilaterale oder regionale Abkommen

sollten der IKT/CE-(consumer electronics,

Unterhaltungselektronik) und TK-Dienstleistungssektor

als Schlüsselfaktoren für Wettbewerb und Wachstum in

allen Bereichen der Wirtschaft im Vordergrund stehen.

Die Europäische Kommission sollte sich IKT-Richtlinien

von Drittländern widersetzen, etwa Standards, die

marktfremde Konditionen vorschreiben, undurchsichtige

Zuwendungen und Beschaffungspräferenzen vorsehen,

auf die Förderung der einheimischen Wirtschaft in

einem Umfang zielen, der ungleiche Voraussetzungen

schafft, einen funktionierenden und fairen Wettbewerb

unmöglich macht und europäische IKT-Anbieter vom

betreffenden Markt ausschließt.

149 Vgl. Fußnote 9 | 150 Vgl. Fußnote 10 | 151 Vgl. Fußnote 11

• Sicherstellung, dass auf allen Märkten ausnahmslos die

international vereinbarten Richtlinien zu Exportkrediten

eingehalten werden, um einen unfairen Wettbewerb innerhalb

der Märkte der EU sowie von Drittstaaten zu

vermeiden.

• Bedeutende Handelspartner der EU praktizieren noch

immer restriktive Praktiken bei der Vergabe öffentlicher

Aufträge, die lokal entwickelte Innovationsprodukte bevorzugen.

Solche Praktiken, die Anbieter aus der EU

diskriminieren, gilt es anzufechten, noch ehe sie in konkrete

Politik umgesetzt werden. In Abwesenheit bilateraler

Abkommen sollte die EU, obwohl sie für eine Politik

der Liberalisierung des Handels eintritt, erwägen, im

Gegenzug am Verhandlungstisch gezielte Zugangsbeschränkungen

zum EU-Beschaffungsmarkt zu präsentieren,

um unsere Partner zur Öffnung von deren Märkten

und zur Schaffung gleicher Spielregeln auf diesem

Gebiet zu bewegen.

Mittelfristige Maßnahmen (2015):

• Das Rahmenabkommen zur Telekommunikation des

GATS (General Agreement on Trade in Services, Allgemeines

Abkommen über den Dienstleistungsverkehr)

sollte weiter umgesetzt werden und eine Aktualisierung

erfahren. Das Handelssystem muss auch weiterhin im

Dienste der Rechtssicherheit und der Absicherung von

Dienstleistungen und Investitionen stehen und die Beseitigung

von Hürden für ein IKT-Wachstum fördern,

damit Länder aus dem, was der Sektor bietet, Vorteil

ziehen können. 151

Die Informationsgesellschaft sollte in den EU-Delegationen

weltweit stärker vertreten sein, um unseren

diesbezüglichen Interessen im Ausland mehr Gehör zu

verschaffen. WTO-Absichterklärungen und Freihandelsabkommen

(Free Trade Agreements, FTA) stellen in diesem

Zusammenhang willkommene Instrumente dar. Die

IKT-Branche ist lebhaft daran interessiert, die Vertreter

der Europäischen Kommission in den betreffenden

Weltmärkten an ihrem Know-how teilhaben zu lassen,

verfügen doch nicht wenige IKT-Unternehmen über lokale

Vertretungen, die Informationen aus erster Hand zu

den Zugangsbedingungen zu den lokalen Märkten und

regulatorischen Problemen beizusteuern vermögen.

P 79


11. Governance

Der Digitalen Agenda für Europa muss eine von der Europäischen

Kommission ausgearbeitete Governance-Struktur

zugrunde liegen. Diese sollte

• einen horizontalen Ansatz innerhalb der Europäischen

Kommission gewährleisten, der die Digitale Agenda

über ihre gesamte Breite erfasst,

• dafür sorgen, dass die Mitgliedsstaaten sich die Ziele der

Digitalen Agenda in Gestalt von individuellen Zielsetzungen

zu eigen machen, die zusammengenommen den

europäischen Zielsetzungen gerecht werden,

• neue, umfassende Kennzahlen zur Messung des Fortschritts

und der Leistung gegenüber anderen globalen

Akteuren bieten, die dabei nicht allein die Breitbandversorgung

und sonstige unmittelbar digitale Faktoren

erfassen, sondern ebenso die vermehrte Nutzung digitaler,

den Wandel vorantreibender Technik in wirtschaftlichen

und sozialen Schlüsselbereichen,

• ein jährliches europäisches Gipfeltreffen zur Digitalen

Agenda beinhalten, das die politischen Entscheidungsträger

aus den europäischen Institutionen und Mitgliedsstaaten

mit führenden Vertretern aus Wirtschaft und

Gesellschaft zusammenführt und als Brennpunkt sind

als Ort des Erfahrungsaustauschs für das Governance-

System dient.

Ohne eine solche Struktur wird die Digitale Agenda für Europa

auch weiterhin aus einer Vielzahl an untereinander

nicht abgestimmten, ungerichteten Initiativen bestehen,

von denen nicht wenige für sich genommen wertvoll und

produktiv sein mögen, die sich insgesamt jedoch als nicht

in der Lage erweisen, einen wirtschaftlichen und sozialen

Wandel in dem Umfang herbeizuführen, dem sich Europa

unterziehen muss, will es auch im digitalen Zeitalter prosperieren.

P 80

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