Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

glorreich sAmerzensrelcii freudenrelAer Jungfräulicfikeit, die der zwölf Artikel herbe Sprache

zerrll), gewaltige Töne mischen konnte". Also als den Künstfer vor allem, den I'Art pour

I'Art Mann, dem kein Religionsartikel das Künstlertum zerstören kann, und — der eine ganze

Bibliothek lutherlsdier Scharteken gleichmütig mit katholischen Sinnzeichen in seine Truhen

sAliel^t.

Das hellet doch wohl die ungeheure Bewegung, die mit der Reformation das deutsche Volk aufs

tiefste ergreift, ganz ebenso verkennen wie den feinfühligen Künstler, dessen Lebenswerk aufs

engste damit verknüpft, am Ausgange des Mittelalters und an der Schwelle einer neuen Zeit

steht! Dem widerspricht aber auch vor allem der Reichtum der Religionssciiriften in Mathis'

Besitz. Der Mann, der zahlreiche Schriften des Reformators, 27 seiner Predigten anschafft, sie

des Einbindens für wert erachtet, das Neue Testament und die zwölf Artikel ebenfalls sorgllcii

gebunden im Besitz hat, der kann nicht gleichgültig an der Lehre von der Erlösung durch das

Evangelium vorbeigegangen sein, zumal, da sich die katholiscben Kultgegenstände ganz wie

die grüne Frauenschürze aus Arras und die welschen Frauenketten als Kostümutensilien eines

Malers erklären lassen. Und dal) er sie nicht mit nacii Halle nahm? Man pflegt auch heute noch

nidit das, was einen am meisten wissensdbaftlidi oder anders beschäftigt, mit auf die Reise zu

nehmen, aus dem elnfadien Grunde, weil man weil), dazu nicht die nötige Ruhe und Einsam*

kelt zu finden. Mathls sollte dem, was seinem ganzen bisherigen Lebenswerk den Todesstof)

gab, gleichgültig gegenübergestanden haben?. . . Für

uns ist es undenkbar, daß er nicht mit der

letzten Faser seines Denkens daran teilgenommen hätte. Mehr als das: Er trat zur neuen

Leßre üBer, und die Folge war, nlciit nur, dal) er alle seine Beziehungen zu seinen alten Freuns'

den und Gönnern einbüf)te, sondern sie zerbrach auch sein inneres Künstlertum. Er ging nun

nach Halle, nidit mehr als Maler im Dienste seines alten Brotherrn, sondern als Techniker im

Dienste eines Stadtwesens . . . Dort

war die alte — hier die neue Zeit. Ihr Sturm hat auch ihn

bis in die tiefsten Seelengründe durchrüttelt und hat das im Alten wurzelnde Künstlertum zer*

brochen. Vorbei sind die Heiligenbilder von Isenheim und Halle, vorbei die Versuchungen und

Zwiegespräche weltabgeschiedener Heiligen, die Engelchöre, die Marien und das Kind in der

Krippe grüljen, vorbei die Muttergottes selber mit all ihrem frommen Zauber und ihrer un*

endlich reichen Q,uelle poetischen und künstlerischen Schaffens. Vorbei selbst der zermarterte

Gekreuzigte, den nur noch Maria und der Täufer um* und verstanden . . . Vorbei sind aber

auch die Zwiespradien zwischen dem Kurfürsten und seinem Hofmaler, und wie die Heiligen«

bilder und lutherischen Scharteken, so bleiben auch die roten Hofgewänder in der Lade, um

nie wieder daraus hervorgeholt zu werden. Mathls stand am Grabe einer auf immer verlorenen

Vergangenheit, am Grabe auch seiner Kunst und seines ganzen künstlerischen Denkens: darum

legte er sich in Halle hin zu sterben, ohne nur die „Wasserkunst" dort haben vollenden zu

können. Das ist die Tragik seines Lebens, deren Folge die Vergessenheit . . , Der

Knabe aber,

in dessen Talent er vielleicht seine Gefolgsdiaft gesehen hatte, stand allein und war in der neuen

Zelt bei einem vom Bildschnitzer zum „Tischler" gewordenen Handwerker in der Lehre. So

hat die Reformation auch Mathls' Leben in zwei Teile zersciinitten, zwischen denen ein unüber*

brückbarer Abgrund klafft: hinter Ihm liegen Mittelalter und Spätgotik, vor ihm Luthertum

und „Renaissance": darin ist er nicht mehr heimisch geworden. Wie konnte es anders sein nacfi

dem, was er jener Welt, und was sie ihm gewesen?

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