Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

klären. Ebensowenig ist die handwerklidie Malweise die gleiche, wennsdion hier das Vor^

herrschen einer von einem großen und eigenwilligen Meister geführten Werkstatt eine gewisse

Gleichartigkeit der Ausführung sichert. So ergibt sich dann von selbst als Kennzeichen einer

Schule die Nachahmung eines Großen durch viele Kleine, und daß audh diese Vielheit in Würz«

bürg fehlt, ist ebenso bedauerlich wie unüberwindlich. Für Würzburg fehlt daher eine solche

auf Grund der Überlieferung herausgebildete, gleichmäßig entwicicelte Malweise und Kunst«

gesinnung so gut wie ganz, und es ist auch kein grol)er Meister vorhanden, der sie ausschlage

gebend beeinflußt und für weniger begabte und eigenwillige Künstler handwerksmäßig festgesetzt

hätte. Die reichste und beste Auskunft gibt unter diesen Umständen die Auffassung der Land*

Schaft im Bilde, zumal hier das Gegenständlich^Heimatliche ein gewichtiges Wort mitzureden

weiß. Anderseits ist die Landschaft noch ein so vollkommen nebensächlich erst am Anfange

seiner Entwicklung stehender Teil des Bildes dieser Zeit, daß audi hier alle Vorsicht geboten

ist, um nicht zu einer falschen Schlußfolgerung zu gelangen.

Trifft es sich also, daß man auf ein Werk stößt, das in heimatlicher Landschaft die Geschichte

eines örtlich von Jedermann gekannten und im Leben der Gemeinschaft volkstümlichen Heiligen

in einer Weise entwickelt, der auch die Beobachtung von Licht und Luft, Menschen und Um«

weit vollkommen entspricht, so steht — vorausgesetzt, daß nicht auch dann urkundlich oder

stilkritisch fremde Herkunft tiaSweisBar ist — nichts im Wege, ein solches Werk zur Grund«

läge einer örtlichen Schule zu machen.

Dieser Fall liegt vor in dem Dreiblatt der Würzburger Universitätssammlung, das die Er^

mordung des ß. Kifian und seiner Genossen Kofonat und Totnam darstellt^'*.

Auf einem Platz, der nach dem Maine zu im Mittelgrunde durch eine niedrige Ufermauer ab«

gegrenzt ist, geht die Ermordung der drei Heiligen durch den von der Herzogin Gailana an«

gestifteten Koch und den Haushofmeister des Frankenherzogs Gozbert vor sich: damit wird

ein weiter Ausblidk auf den mit getreulicher Gewissenhaftigkeit abgezeichneten Marienberg und

die vorgelagerte ehrwürdige Kirche von St. Burkard frei"''". Der umfangreiche Torbogen mit

dem winzigen Dachgiebel eines als Kulisse schräg rechts in den Mittelgrund gestellten Hauses

gibt Raum zur Darstellung weiterer Vorgänge aus dem Leben des Heiligen"". Der H. Kilian

liegt mit abgeschlagenem Kopfe, dem ein Blutstrom entcjuillt, im Vordergründe,- das offene

Gebetbuch vor ihm auf einer Bank, die, wie die Hauskulisse, sichtlich zur Raumbildung in die

Tiefe bestimmt ist. Hierbei kommt der Künstler dadurch naturgemäß ins Gedränge, daß er die

zweite Gruppe, ,die Ermordung des einen Genossen durch den Koch, in gleicher Größe wie

den Hauptheiligen darstellt, während auch die noch weiter im Hintergrunde befindliche Gruppe

der Ermordung des anderen Genossen durch den Haushofmeister auch nicht viel kleiner ge«

raten ist. Wir stehen noch in den Anfängen des Kampfes um die Raumtiefe durch die dar«

gestellten Persönlidikeiten. Die Zeichnung ist bestimmt und verrät die handwerklich geschulte

Hand/ die Bewegung ist lebhaft bis zur Heftigkeit und vermeidet keine Schwierigkeiten. St. Kilian

ist zusammengebrochen, dem einen Begleiter wird der Kopf in die Höhe gerissen, um den Hals

für den Hieb des Mordmessers frei zu machen. Dazu hätte freilich der Heilige die umgekehrte

Stellung haben oder aber sein Kopf nach unten gedrückt werden müssen: da indes der Kunst«

1er die Gesichter der Heiligen dem Beschauer frei zeigen mußte, so half er sich so gut es ging

und unbekümmert um den Widersinn, daß der Mörder die Gurgel des Opfers frei macht und

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