Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

in seinen Nacken hinein den tödlichen Streich führt. Dem anderen Begleiter setzt der Mörder

den Fu^ auf den Hals, zerrt ihn an einem Strick mit der Linken zu sich heran und erhebt die

Rechte, um mit mächtigem Dolchstoß das schon halb erwürgte Opfer, das krampfhaft die Hand

an den eingeschnürten Hals legt, zu töten. Der Faltenwurf ist überliefert und ohne durch be-=

sondere Natürlichkeit aufzufallen sicher hingesetzt. Ebenso handwerklich ist die Farbengebung,-

die Lokalfarben stehen lebhaft neben einander. Karminartiges Rot , Grün ,

Grau ,- die Henker gelb, rot und viel weif). Das Fleisch ist von einem gleichmäf^igen

kühlen Rot. Gesicht und Hände sind plastisch, aber ohne viel Ausdruck. Die Hände haben

lang gezogene „vornehme" Finger, die an den Wurzeln leicht voneinander abstehen. Sie sind

meist bis an die Spitze von gleicher Stärke und bekommen dadurch, daf) sie zwischen den Ge^

lenken dünner zu werden scheinen, das Krallenhafte, das bei Jörg Stocker von Ulm hervor.^

gehoben wird. Der Mund der Märtyrer ist, da er edel sein soll, klein, ebenfalls schablonenhaft,-

ganz wie die Augenbrauen, die hoch sitzen und meist nur einen Bogenteil darstellen. Schablonen^

halt ist auch das lockige Haar der Heiligen und das gemein^wollige der Henker. Keiner der

Blutzeugen hat einen Heiligenschein,- sie werden geschichtlich gefaßt.

Die Landschaft mit dem Main, St. Burkart und dem Marienberge ist sichtlich naturgetreu und

um der Deutlichkeit willen perspektivisch zu groß geraten. Auch sie ist von geübter Hand,

ebenfalls etwas schablonenhaft, aber nicht ohne Beachtung der Eigenart. So der Saum einzelner

gegen die Luft gestellter Bäume auf sanftem Hügelzuge: das ist ganz „unterfränkisch". Der

Himmel ist, wie auf allen Bildern, die wir als unterfränkisch ansprechen möchten, ganz lichtgelb

und geht nur wenig in einen Streifen hellen Blaus über. Die Luftlinie liegt dabei immer sehr

hoch. Der Gesamtton von Boden und Bauten ist braunlehmig — im Anklang an den schweren

Boden Unterfrankens.

Die zugehörigen Flügel sind außen stark beschädigt. Rechts wird St. Jakob als Pilger aus^

schreitend auf einem perspektivisch verlaufenden, mit viereckigen Steinplatten belegten Boden

dargestellt. Hinter ihm spannt sich eine dunkle Brokatwand mit Goldsaum,- darüber eine mit

regelmäßigen Sternen besetzte schwarzblaue Fläche, eine Anordnung, der wir in Würzburg

mit Vorliebe begegnen. Als Gegenstück befindet sich links außen ein jugendlicher St. Georg in

langen Locken, in der Rechten die Georgsfahne, unter den Füßen den erlegten Drachen. Fuß=

boden und Hintergrund ganz wie sein Gegenstück. Beider Heiligenscheine sind runde Scheiben,

die nur am Rande innen mit leichtem Zierat versehen sind. Die Hand ist die gleiche wie die

des Mittelstückes.

Weit besser erhalten sind die beiden Heiligen auf der Innenseite der Flügel,- links Johannes der

Täufer, alt und würdig, reichlich spießig mit hagerem, hölzernen Asketengesicht auf cjuadriertem

Fußboden in Graugelb und Hellbraun. Den Hintergrund bildet ein grüner großmusternder

Brokatteppich, darüber ein starkleuchtendes gleichmäßiges Hellblau'"''. Das Schaf zu Füßen des

Täufers steht auf sehr hölzernen Beinchen und zeigt dasselbe schabionisierte Leben wie die

Menschen. Rechts als jugendliches Gegenstück Johannes der Evangelist mit starkem Haarwulst,

der sich in kurzen, dickwollig und schablonenhaft geformten Locken wie eine künstliche Haar»

tracht um den kindlichen ausdruckslosen Kopf legt. Die Rechte ist segnend über dem in der

Linken gehaltenen Sakramentsbecher erhoben. Die Haltung ist sicher und bestimmt: der linke

Fuß stellt sich rechtwinklig der Zeitmode entsprechend vor den rechten. Das Untergewand mit

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