Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

wie das Maintal und die anderen Flul^täler Unterfrankens umsäumen — diese Landsdiaft hat

allerdings nichts Auffallendes, aber dodi ihre Eigenart und ist im Zusammenhang mit der

Färbung des Bodens und des Himmels mit „würzburglsch" treffend genug bezeichnet. Denn

darüber legt diese Malerwerkstatt stets den gleichen liditen gelblicfien Himmel wie 165, und

auch dieser Himmel lä(5t aufmerksame Beobachtung unschwer als unterfränklscfie Eigenart wohl

erkennen . . . Eine durcii die Fensteröffnung über den hereinschauenden Hirten sichtbare Halde

zeigt den Hirten mit seiner Herde und den die frohe Botschaft bringenden Engel. Statt des

einen hölzernen Sdiafes vom Flügel der Kilianstafel haben wir hier eine ganze Herde von der

gleichen Steifheit Nürnberger Spielzeugs. Im Gemäuer Stieglitze, unten im Vordergrunde ein

Eisvogel als die farbenrelchisten Vertreter der helmisciien Tierwelt. Auf den Blumen der Fliesen«

\ü(ke. wiegt sich ein Kohlweil^ling , . . Das Streben des Meisters, Personen und Dinge so in

den Raum und diesen in die Landschaft zu stellen, dal) sie eine Einheit bilden, ist nicfit ge*

lungen,- es liegt im Streite mit dem Ringen nacfi Ausdruck, der vor allem die Bedeutung der

Einzelheiten im Auge behalten mu(). Die dadurch gescfiaffenen Widersprücfie, die Gröl)e der

Maria, vor der zu einem winzigen Kästchen zusammengeschrumpften Krippe mit puppenhaften

Ochsen und Esel und vieles Ahnliches springen in die Augen. Was bei der Kilianstafel sich

in mäßigen Grenzen hielt, es mag als Fortschritt gedeutet werden, tritt hier in vergröbertem

Maj^stabe deutlich zutage . . . Die

Formgebung von Gesichtern ist von der gleichen Bestimmt«

heit, der Ausdruckt womöglich noch lebloser und formelhafter. Die Fleischfarben wirken ein«

förmiger denn je,- die Formel tritt unangenehm deutlich hervor: bei der Jugend rosige, glatte

Farben über runden Flächen, beim Alter flächige holzgeschnitzte Furchen. Die Brauen werden

zu Halbkreisen, die mit dem Zirkel gesdilagen ersdielnen. Sellscher Ausdruck, Lieblichkeit und

Vornehmheit werden durcfi eine unnatürliche Kleinheit des Mundes zu erreichen gesucht, das

Gegenteil mit umgekehrten Mitteln.

Die Farben stehen mit groI)en leuditenden Flächen in scharfen Lokaltönen bunt nebeneinander,-

es sind die gleichen wie auf der Kilianstafel: Rot, Grün, Blau,Weiß und Gelb. Als zusammen«

fassender Grundton ein helles und dunkles lehmiges Braun.

Alles dies wiederholt sich bucfistäblicfi in anderem Zusammenhange auf dem Gegenflügel mit

der AtiBetutig der H. Drei Könige: dasselbe schadhafte, zur Andeutung verkleinerte Dach,

die zerbrocfine Bodenplatte mit Blumen, die Farbengebung: Rot, Blau, Weiß, Goldbrokat. Die

Freude am Rot tritt aucfi hier hervor. Das Brokat scheint nicht aus eigener Anschauung, son«

dem aus zweiter Hand zu stammen. Die Köpfe umgeben dieselben wolligen Wülste wie auf

der Kilianstafel. Der Ausdruck ist noch weniger betont. Das grol)e Format ist dem Meister

ganz über den Kopf gewaciisen. Das gleiche gilt für die Landschaft, die lieblos und summariscfi

den Hintergrund bis hodi hinauf füllt, um ein kleines Stück hellen und farblosen Himmels sieht«

bar zu machen. Hätte man nicht zu sparen brauchen und Gold verwenden dürfen: sicherlich

hätte unser Meister einen schön punzlerten Goldgrund vorgezogen.

Die ganze Kunst, deren er fähig ist, offenbart er auf der Seite der Flügel, wo Einzelheilige ihn

jeder Schwierigkeit des Aufbaus überheben. Links Sanctus Paulus Martir et . ., wie es im

Heiligenschein mit schönen Buchstaben heißt '"^ rechts Sanctus Johannes Martir — der eine ein

alter Asket mit Schwert und Palme, der andere in ausgesprochener Gegensätzlichkeit, wie sie

der nicht tiefe, aber wohl geordnete Kunstsinn des Meisters liebt, der jugendlich schöne Edel*

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