Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Puppenstube. Der Raum Ist für die in der vorderen Ebene entwicicelten Figuren, die daher

aul)en davor zu stehen sdieinen, viel zu eng. Durch das gotische Tor sieht man auf einen FIu^

am Ful^e eines Hügels, der sich mit anderen sanften Höhen durch die Dachsparren bis zum

Goldgrunde des Himmels erhebt. Links durdi die Sparren und über dem wunderlich verzeich^

neten Daciie wird ein anscheinend kirchliches Gebäude sicfitbar mit romanisch anklingenden

Fenstern. Die Wände des Gebäudes sind grau, das Dadi dunkelbraun, die Landschaft frisch^

grün, einfadi, von dünner Farbe.

Links sitzt die Gottesmutter, die mit beiden Händen das Kind nicht, wie sie offenbar beabsich«

tigt, auf dem Schote, aber audi niciit frei hält, Sie ist in einen blauen Mantel über einem eben=

solchen Untergewande gekleidet. Kind und Mutter haben unverhältnismäßig große Goldscheiben

als Heiligenscheine, die außen herum zwei vertiefte Kreise tragen. Der des Christkindes hatte

ursprünglicfi nodi eine Kreuzverzierung. Der Mantel fällt, um der Falten willen, in reidilichen

Falten schwer herab. Das Gesidit Mariens ist ohne Ausdruck sehr jugendlich und erinnert in

seiner Mädchenhaftigkeit an RafFaels Granduca. Es ist ebenso glatt, wenig modelliert, licht in

der Farbe,- die Nase lang und dünn, die Augen stehen im Bogen, die Brauen sind durch zwei

zarte Bogenlinien angedeutet,- das rechte Ohr sitzt tief und ist formlos,- das Haar ist dunkeU

blond und fällt in langen sorgfältig ausgeführten Lociten herab. Der Mund wirkt durch den

etwas heraufgezogenen rechten Mundwinkel etwas lebendiger als das übrige. Aucii die Hände

sind leblos und hölzern. Die der Gottesmutter und des Königs, der ein kugelförmiges Gefäß

hält, haben stark geschwollene Rücken, aus denen die Finger wie Möhren herauswachsen. Die

Nägel sind mit dunkeln Linien scharf umrissen. Angstlich scheut der Künstler schwierige Kopf«=

Wendungen: zwei der Könige, darunter der Mohr, sind scharf in Seitenlinie gesehen, Maria

ganz von vorn, das Kind und der König im Hintergrunde nur wenig zu ihrer Linken gewen=

det, ein Verfahren, um Schwierigkeiten zu vermeiden, das auch bei Jörg Stocher deutlich sidit^

bar ist. (Anbetung der Könige im Augsburger Dom — 1484'"". > Auch die Formen des knien^

den Königs sind hölzern und ungelenk,- das Ohr ist stark verzeichnet und sitzt ebenso wie beim

Mohren und dem Kinde ungewöhnlicfi weit nach hinten — wie bei Stocker. Der Mund des von

der Seite gesehenen Königs ist zu groß geraten. Seine Kleidung ist ein roter Mantel, aus dem

die Ärmel und der Schoß eines rotgoldenen Brokatrockes hervorstehen, rote Strümpfe, weißes

Futter an sparsamen Stellen, und ein breiter weißer Pelzkragen. Rechts von ihm steht breite

spurig, das linke Bein in niederem Ochsenmaulschuh, straff vorgestellt der Mohr, von oben bis

unten in Weiß, nur der Unterärmel ist grün mit gelber Schillerfarbe, Ärmel und Scfioßfassung

rot, Hände und Gesicht braun. Auf dem Kopfe trägt er eine Art phrygischer Mütze mit Gold^

trottel und gerändert mit einem Reifen von Goldblättern auf Flechtwerk. Das mit einem großen

Ringe versehene Ohr ist umfangreich und sitzt unmöglidi weit nacfi hinten und tief Das Ge«*

sieht müht sich, mit knolliger Nase, breitwulstigem Munde und dem Weiß des Augapfels den

Neger vorzustellen. Die Stirn ist trotzdem auch bei ihm sehr hoch. Die Mitte der Gruppe bildet

der dritte König, der vor dem gotischen Tore steht. Josef fehlt. Dieser König hat roten Rode

und breiten Goldschmuck als Halskette,- auf dem breitgesichtigen Kopfe sitzt ein schwarzer

Filzhut mit Goldmetallkranz. Das Gesicfit von vorn gesehen hat dieselbe dünne Nase, kleinen,

aber nicht ausdruckslosen Mund, kleine Augen wie Maria. Für diese Teile aber ist das Gesicht

selbst viel zu weiträumig, und dieser Eindruck wird nodb verstärkt durch ein sehr ergiebiges

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