Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Kinn und einen Backenbart, der sidi mit großer Regelmäßigkeit um das GesiAt legt und ihm

einen sehr unköniglichen Ausdruck verleiht.

Aus alledem ergibt sicfi zunächst, dal) ein Zusammenhang mit der Werkstatt, deren Arbeiten

wir der Würzburger Scfiule zugrunde zu legen versuAten, nicfit vorhanden ist. Die Entstehung

wird wohl gegen Ende der 1400 anzunehmen sein,- vielleiAt auch später, da hier ansdieinend

fcrnabliegende Provinzkunst eine Rolle spielt, ja, es hat den Ansdiein, als ob jede Figur nacfi einem

anderen Vorbilde zu der Gruppe zusammengestellt und von einem nidit sehr begabten Meister in

diePuppenstube gebannt worden wäre. Worauf die Maria sitzt, ist niAt zu erkennen,- ebensowenig,

woher das Licht fällt. Der Hauptteil kommt wohl von rechts. Dann ist aber nidit recht zu be-

greifen, warum der Kopf des knienden Königs, der dunkel sein müßte, ebenso licht, ja lichter

ist als die übrigen. Es ist diese wunderliche Verteilung des Lichtes, die der Tafel etwas un«

gewollt Lustiges gibt: in Wirklichkeit würde den Mittelpunkt der Tafel ein dunkles Loch ge-

bildet haben. Da stimmt es heiter, statt dessen ein lichtes und fröhliches Dasein zu erblicJ^en,

mit dem der Künstler uns ganz unbefangen beglüciit Er mag mit Jörg Stochers nicht hoher

Kunst irgendwie zusammenhängen.

Die stark verkürzte schöne gotische Kirche links," ^iz Knapp hervorhebt, ist schwer zu finden;

sie kann daher auch nicht zur Sicherstellung der Ortlichkeit dienen. Alles in allem ist das Bild

ein Rätsel, leider aber kaum bedeutend genug, um die große Mühe einer Lösung zu lohnen.

Unserer ersten Gruppe näher stehen die Flügel eines Schnitzaltars der von Mariaßurgßauseu

bei Haßfurt nach Würzburg und vermutlich aus der schon 1582 verweltlichten ehemaligen

Zisterzienserinnenkirche St. Johannes des Täufers gekommen ist^''^ Die Außenseiten der Flügel

tragen links den Engel, rechts die Jungfrau der Verkündigung. Der Zustand der Tafeln ist

unbefriedigend,- immerhin ist so viel zu erkennen, daß Faltenwurf, Gesichtsform, Heiligenschein

und insbesondere die Bildung der Hände nach Art der Greiffinger Jörg Stochers die Tafeln

dem Kreise unserer Würzburger Werkstatt nahebringen \ — Ahnlich sind auch zwei nicht sehr

über handwerkliche Kunst hinausgehende Flügel in Hasfocß'^'^^ zu beurteilen.

Ein lehrreiches Beispiel der Schwierigkeiten, Eigenart und Grenze einer Künstlerwerkstatt, einer

altdeutschen „Schule" festzulegen, und der Unsicherheit einer nur auf Stilkritik gegründeten

Bestimmung ist Micßaef Woßfgemutß und seine Nürnberger „Schule". Nachdem es der StiU

kritik gelungen ist, aus dem von Dürer sehr geschätzten Meister und Lehrer und dem „guten

künstfichen Maler und Reil)er" des alten Neucförfer einen armseligen Stopsler zu machen, müht

man sich vergeblich, die gemeinsamen Merkmale der aus seiner Werkstatt hervorgegangenen

Werke festzulegen. Das Wenige aber, das urkundlich feststeht, und daher unanfechtbar sein

sollte, wie der Zwic^auer Aftar von 14J9,

gibt der berechtigten Kritik eine ganz besondere

Handhabe. Denn gerade der Zwickauer Altar weist zwei so verschiedene Hände auf, daß sie

unmöglich dem gleichen Künstler angehört haben können: Die Mariengeschichten sind von einem

durchaus andern Maler als die Leiden des Herrn, in denen sich „ein ganz anderes Leben auf«»

tut"^"". Das „aufgeregte Wesen, die hastig ausfahrenden Bewegungen finden an keiner Stelle

sonst innerhalb der gleiAzeitigen Nürnberger Malerei" ein Gegenstücke. Hier war also im

Dienste des Meisters ein Künstler tätig, der zu ihm im Verhältnis des Beauftragten zum Unter/«

nehmer stand. Ein solches Verhältnis ist auch für einen fertigen und selbständigen Künstler

jener Zeit nichts Ungewöhnliches und trat, wie schon einmal bemerkt wurde, jedesmal dann

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