Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

liebe für diese Art einer fast diditerisdien Farbengebung erst von den Würzburger Tafeln ab-

gesehen hätte.

Aber die Tatsadie ist da: wir werden keinen unvorsichtigen Schritt tun, wenn wir eine grund-

sätzliche Farbenverwandtschaft beider Meister feststellen: beide kommen von der Glasmalerei

her. Dal) der Meister der Würzburger Tafeln dabei seiner ganzen Kunstgesinnung nach auf

einer früheren Stufe steht als Grünewald, lehrt sdion ein Blick auf die Farbe seiner Bilder, die

noch fast ausschlie{51ich im Dienste der Lokaltöne steht.

Die Schönheit und Sicfierheit eines reicfien Faltenwurfes mul) noch besonders betont werden,auch

darin schwelgt der Meister wie in seiner Freude an perspektivischen Raumkünsten. Es

ist meisterhaft, wie die Faltengebung der Bewegung angepaßt,- wie diese straff und leidenschaft»

lieh ist. Die Schwere des Stoffes wird fühlbar, die Spannung über den nach heftiger Bewegung

schnell zur Ruhe kommenden Gliedern ist natürlich und kunstvoll. Der Körper wird durch die

Gewandung sichtbar,- bei 2 und 3, die durch die Herstellung anscheinend stärker mitgenommen

wurden, ist dies weniger der Fall, wie denn der Meister um so befriedigender ist, je weniger

Figuren er auf seinem Bilde zusammenzufügen hat.

Die Körper der Verkündigung sind stattlich und fallen durch ihre Wohlgestalt um so kräftiger

ins Auge als sie allein stehen. Die figurenreichen Tafeln, bei 3 ist es ein halbes, bei 2 ein volles

Dutzend, beweisen, daß unser Meister keine besondere Begabung für den klaren Aufbau von

Gruppen besitzt,- auch wird er dabei unsicher, und die Köpfe erhalten eine unberechtigte Ver-

schiedenheit in der Grölje. Er ist ein Meister der Einzelfigur, und als solcher wiederum einer

älteren Kunststufe angehörig. Seine Gesichter sind voll und rund, der Mund reichlich klein,

die Nase schmal und lang. Den Kopf des Engels umgeben goldbraune Locken nach der Art

Memlings. Die Gesichtsfarbe ist stark kalkig, mit hellem Rot leicht erhöht. Die Hände sind

wohlgebildet und schlank. Heiligenscheine fehlen ganz.

4. Die Jungjrau der Versündigung hat die übliche deutsche Wendung der schamhaft und

ehrfurchtsvoll Überraschten, die nodb in ihr frommes Beten vertieft sich kaum der unaussprech-

lich heiligen Botschaft zuzuwenden wagt. Der schöne Kopf ist demütig geneigt, voller Anmut.

Vornehm ausdrucksvoll ist diese Haltung: Die romanische Maria wendet sich unbefangen und

freudig ergeben ganz dem Engel zu,- die deutsche bringt es höchstens zu einer leisen Wendung

des Kopfes und Oberkörpers: dort Freude und Glückseligkeit, hier Ehrfurcht und Seelentiefe.

Aus der Tiefe kommende innere Bewegung durchzittert diese Hände, die Blätter des Gebetbuches,

die Falten des Gewandes. Die Taube schwebt herzu: Das höchste göttliche Wunder

der Menschheit ist auf dem Wege des Vollzuges: kann es eine innigere, heiligere, tiefere Er-

regung geben? Das spiegelt die Tafel wider und ist kein geringer Beweis für das Können des

Meisters^'"''.

Die TarBengeSung ist geschmackvoll. Maria hält mit den gespreizten Fingern der Linken die

schweren Falten eines bräunlich-weinroten Mantels, der tief grün gefüttert ist. Das Kleid ist

dunkelblau mit kleinmusterndem Goldbrokat. Eine besondere Rolle spielt das wei()e Kopftuch:

Es ist sozusagen im Begriff, über den Kopf herüber zu fallen, wie es die Tracht der verheira-

teten Frau verlangt. In der Lage, in der es sich befindet, umsäumt es geschickt die weichen,

lang herabflieljenden Haare. Die Hände sind voll, eher gro() als klein. —

Um den unteren Sockelrand und den oberen Rand der Platte des Gebetpultes zieht sich eine

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