Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Hand und weißem Turban auf dem verhältnismäl^ig zu mächtigen Kopfe. Sein weinrot gt=

fütterter Mantel erglänzt in einem höheren Rot als das des Mantels der Jungfrau. Hinter ihm,

die linke Seite des Hintergrundes füllend, die kleine Figur eines Reiters, der mit der Peitsche

auf einen Schimmel einhaut. Der Kopf des Pferdes gleicht dem eines Esels oder Dromedars,-

der Meister war kein Tiermaler. Auffallend klein steht, die Rechte segnend erhoben, genau

im Mittelpunkt der Tafel ein Begleiter mit Turban, der wohl ein Bildnis darstellen mag.

Zugleich scheint er in seiner gewollten Bescheidenheit der Stifter des Werkes zu sein und

einige Ähnlichkeit mit dem Abte Trithemius zu haben,- es ist der gleiche tiefernste Blicic und

Mund, wie wir sie auf der Tafel mit der Himmelskönigin und dem Grabsteine zu erkennen

glauben, ohne aus derartigen gefährlichen Anklängen irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Rechts

von ihm erhebt sich ein roh dareinblidtender Knecht auf einem Pferde oder Dromedar mit einer

Standarte, derselbe, in dem Leitschuh eine Ähnlichkeit mit dem Sebastian^Grünewald erkennen

will. Im Mittelgrunde rechts erhebt sich ungewöhnlich groß der Mohr Baltasar mit dicken Lippen

und umfangreicher Kopfbedeckung. Er steckt in schwarzem, reich mit Pelz besetztem Rock und

roten Stiefeln. Der obere Teil des Körpers wendet sich nach links, der untere nach rechts, um

sich der Jungfrau zu nähern. Eine letzte Figur des Hintergrundes zeigt ein Stück des beliebten

Weinrotes. Im Vordergrunde steht hart am unteren Rande der Tafel und zusammenhanglos

ein Säulenstumpf mit der Jahreszahl 1514.

Wer ist der Urheber dieser Tafeln, und welche Bedeutung kommt ihr zu?

Auch hier kehren eine Menge von Namen wieder,- bald wird an Schongauer erinnert, bald an

Holbein d. Ä.,- Dürer fehlt so wenig wie Grünewald. Roßert Visdjer zieht bei der An=

betung der Könige einen Woßfgemut nahestehenden Meister heran, Tßode spricht sie einem

unbekannten Meister der Übergangsrichtung zu, der aber ^ein Nürnberger gewesen sei. Auch

LeitsSußs wortreiche und nicht eben klare Ausführungen bringen uns nicht weiter^"'. Urkund^^

liehe Hinweise fehlen ebenfalls,- Leitschuhs Behauptung, die Tafeln hätten zu einem Hochaltar

des Neumünsters mit Schnitzfiguren gehört, bleibt unbelegt. Wahrscheinlich ist sie nicht,- viel-

mehr dürften sie mit der Himmelskönigin der Grabgedenktafel des Abtes Trithemius 1825 aus

der Sdiottenkirche hierher verbracht worden sein.

Alles in allem sind wir berechtigt, unter den gegebenen Umständen anzunehmen, dal) die

Tafeln auf Würzburger Boden von einem dort ansässigen Meister verfertigt worden sind. Wer

der Meister war, darüber fehlt jeder Anhaltspunkt, und erst wenn wir imstande sein werden,

überhaupt einen der hervorstechenden Meister von Würzburg, LIphart oder Simon, Ditmar

oder Klaus urkundlich und stilistisch einwandfrei mit einem noch vorhandenen Werke sicher zu

verknüpfen — ein Zeitpunkt, der vielleicht nie kommen wird, weil die Zahl des Erhaltener gar

so gering ist — werden wir mit einiger Sicherheit auch vielleicht über die Herkunft der Tafeln

des Neumünsters urteilen können.

Allein, hierauf kommt es für uns nicht ausschließlich an. Wir haben uns vielmehr zu fragen, ob

nidht Fäden von diesem Werke zu Meister Mathis von Würzburg führen könnten, die beide

miteinander auf Würzburger Boden verknüpfen?

In der Tat darf man so weit gehen zu sagen, dal) es nichts Widersinniges hat, wenn man sich

den Verfertiger der Tafeln im Neumünster als einen ersten Lehrmeister des jungen Mathis

vorstellen will.

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