Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

booksnow2.scholarsportal.info

Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

Sclbstverständlidi soll das nicht heilen, dal) nun hier ein Grünewald im Keime schlummere,

oder umgekehrt, Mathis nichts anderes getan habe als die Bahnen dieses vermutlichen Lehrers

ausbauend weiterzugehen. Wer so die beeinflussende Tätigkeit eines Meisters auf einen Schüler

beurteilt, der hat stets nur eine Durchschnittsbegabung des Lernenden im Auge, nicht aber

rechnet er mit der bahnbrechenden Kunstgesinnung eines Großen, wie es Grünewald war. Wo

immer ein grellerer Schüler von einem Kunstgenossen herangebildet wird, da zeigt sich mit

aller Deutlichkeit die Schule fast gar nicht mehr. Wüljten wir nidit, dal) Dürer bei Michel

Wohlgemut das Handwerk gelernt hat, so würden wir es aus seinen Werken nicht abzuziehen

wagen. Umgekehrt zeigt der mittelmä()ige Künstler stets deutlich den Schulweg, den er gegangen

ist, um so deutlicher, je mittelmäßiger er ist^'l

Hieraus folgt, daß ein so überragender Künstler wie Meister Mathis schon aus allgemeinen

Gründen schwer als der Schüler irgendeines braven Meisters zu fassen ist. In den Tafeln des

Neumünsters finden sich aber eine ganze Anzahl von künstlerisch bedeutsamen Zügen, die an

eine gleichartige Kunstgesinnung bei Grünewald anklingen, so daß sie sich in das Bild, das

wir uns von dem künstlerischen Würzburg aus der Jugendzeit Mathis' zu machen versuchen,

durchaus ansprechend einfügen.

Beiden Meistern gemeinsam ist das Ringen nach Ausdrucii: die seelische Erregung wird mit

allen Mitteln sichtbar zu machen gesucht. Die Hand der Maria liegt auf derselben Linie wie

die Hand des Täufers, das Kopftuch der Jungfrau in seiner Augenblicksdarstellung hat die

gleiche Aufgabe wie die Seile des Sebastian,- die Blätter des Gebetbuches der Maria atmen

die gleiche seelische Erregung wie die des Buches in der Hand des heiligen Cyriacus,- die Falten

des Kleides des leidenschaftlich erregten Engels spiegeln seelische Vorgänge wider wie die des

Gewandes des aufs höchste gepeinigten H. Antonius.

Man vergleiche auch die linke Hand der Stuppacher Gottesmutter mit der Linken der Jungfrau

der Würzburger Verkündigung: es ist fast die gleiche zierliche Spreitzung der langen Finger,

die hier wie immer bei Grünewald das innere Empfinden der ganzen Persönlichkeit in der Be«

wegung eines einzelnen Gliedes zu wiederholen weil). Das göttliche Kind, das auf dem Knie

der Gottesmutter des Neumünsters steht, ist wie eine Vorstufe des auf dem linken Knie der

Stuppadberin tändelnden Kindchens,- die Art, wie das Haar bei der Jungfrau der Verkündigung

fällt, ist ganz der Isenheimerin ähnlich, Landschaft, Baulichkeit, Luft — kurz, jede Einzelheit

schemt wie eine frühe Vorstufe zum Werke des Meisters Mathis.

Gemeinsam ist beiden ferner die Freude an der satten, tieftonigen Farbe, wie sie die Glas«

maierei vermittelt: an den schillernden Ergänzungstönen, die auf den gleichen Ursprung zurück«

geht. Ebendaher nehmen beide auch die gänzlich unbekümmerte Vorliebe für die verschiedenen

Grö()enverhältnisse ihrer Figuren, die sie gleichwohl in eine linear richtige perspektivische Um«

gebung stellen. Unbekümmert um alle „Wirklichkeit" fügen sie hochrotes Steinwerk und Ge«

Wölberippen an grüne Säulen und vereinigen die Kühnheit „expressionistischer" Farben mit

einer vollkommen beherrschten Sicherheit der Linienführung. Die Farben von Luft und Himmel,

in denen der Herrgott der Verkündigung im Fenster der Neumünster Tafel schwebt, erinnern

unmittelbar an die Landschaft, die durdi das Sebastiansfenster des Isenheimer Altars sichtbar

wird. Die Kapelle links ist ganz ähnlich aufgebaut wie die des Engelskonzertes. Die Heiligen

haben keine Heiligenscheine, weder Josef, nodh Maria, noch die Könige. Auch Grünewald geht

^ 60 ;f

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine