Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

der unmalerisdien Goldsdieibe gern aus dem Wege — mit Ausnahme des Erasmusbildes, wo

sie ihm sidierlidi vorgescfirieben wurde. Förmlich naA Grünewald sdireiend ist die Art, wie

die zwei Hirten mit starken Fäusten an den Eisenstangen der Anbetung rütteln, um zu dem

Heiland der Welt zu gelangen . . . überall derselbe Geist — dort nach dem Mal)e einer sAönen

Begabung in der Überlieferung befangen, hier frei zum höcbsten Ziele, zum bisher Unerreiditen

und nie wieder Erreichten vordringend.

In der Lehre eines soldien Meisters kann der junge Feuergeist Mathis' sehr wohl seine ersten

technischen Kenntnisse erworben haben, Nehmen wir dazu das aus einem niciit unähnlichen

Geiste entsprungene Wirken des Peter Brauer: so ist nicht einzusehen, warum eine solche Wm.e

gebung nicht eine Begabung wie die des Mathis weiter zu tragen und zu entwickeln vermocht

haben sollte. Ist etwa der Abstand zwischen Wohlgemut und Dürer minder gro^ und auf*

fallend? Man übersetze doch einmal die Neumünster Tafeln in die Sprache Grünewalds, und

man wird erstaunt sein, wie verhältnismäl)ig leicht die Aufgabe dem mit der Kunst Mathis'

Vertrauten gelingt.

Nun könnte man einwenden: der Vergleich sei ja unmittelbar gegeben, und wenn alles das

richtig wäre, was wir von dem Verhältnis des Meisters der Neumünstertafeln zu Mathis aus«

zuführen versuchten, so mü^te sich die Verkündigung des Isenheimer Altars wie eine Über*

Setzung, oder besser, wie eine freie Übertragung der Würzburger Verkündigung ablesen lassen.

Tatsächlich ist dies auch der Fall, und nichts wirkt überzeugender, wenn wir dabei die auf zwei

Tafeln verteilte Verkündigung des Neumünsters in Rechnung stellen, als der Vergleid:i dieser

beiden Werke, von denen das eine das bedeutende Schulbild des im 15. Jahrhundert stecken«

gebliebenen tüchtigen Meisters^ das andere der vollendete Ausdruck höchsten malerischen Kön«

nens eines die Zeiten überragenden Grol)en darstellt, die beide von der gleichen, wesentlich

deutschen Kunstgesinnung beseelt sind — dem Ringen nach farbigem Ausdruck, So gesehen,

steht der Meister der Würzburger Tafeln in einem ganz ähnlidhen Verhältnis zu Meister

Mathis wie Hans Holbein der Altere, dessen Frankfurter Tafeln als lehrreicher Vergleich

dienen mögen; Auch Holbein kam nicht aus dem XV. Jahrhundert heraus, und wenn er

noch weit mehr italienisiert hätte, als er es zu tun versuchte. Und wie Holbein in mancher

Beziehung, so macht auch der Würzburger Meister den Eindruck eines in den Kinderschuhen

steckengebliebenen Grünewald. Wäre nicht die Jahreszahl 1514 — die Zeit des Mathis in

Altkirch und Seligenstadt — und gäbe es einen so geistreichen Geschichtsschreiber der frühen

Malerei Würzburgs wie es Pincfer für die mittelalterliche Plastik der Stadt ist: er würde, glaube

ich, auch hier von einer „Vorahnung" Grünewalds sprechen.

Gewil), es könnte ja auch alles umgekehrt, der Neumünster Meister bei Mathis in die Lehre

gegangen sein! Nur ist das sehr unwahrscheinlich, denn der Neumünstermeister ist im Ver«

hältnis zu Grünewald „archaisch", und es lernt wohl ein vorwärtsstürmender Genius von

einem tüchtigen Alten, selten aber der letztere von dem ersteren, mag er sich auch so heil) bemühen,

wie der Famulus im Faust. —

Auch die schon erwähnte Tafel mit der Himmefs^önigih, das Weihebild des Abtes Tritßemius,

das 1825 aus der Schottenkirche ins Neumünster kam, gehört zu den beachtenswerteren Mal«

werken Würzburgs. Abb. 24, Leider ist es so stark mitgenommen, erneuert und übermalt, dal)

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