Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

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Die Grünewald-Legende, kritische Beiträge zur Grünewaldforschung

alle in Betradit kommenden Grünewaldstätten auf das Sorgfältigste nadi Urkunden über

Mathis Ncithart oder Gothart von Würzburg abgesudit sein werden. Bis dahin müssen wir

uns bescheiden, unsern Weg durdi mehr oder minder wahrsdieinlidie Vermutungen tastend zu

sudien. Was so entsteht, wird mehr auf Dicßtutig denn auf GesAidite Ansprudi madien

können: hoffen wir, daß sie durch innere Waßrßeit glaubhaft und möglich wird!

Mehr als ein Meister jener Tage tritt als vollkommen fertiger Künstler aus dem Dunkel ins

Tagesliciit der Kunstgesdiichte. Am nächsten liegt das Beispiel des älteren HofBein. Mathis

muO frühzeitig mit ihm zusammengetroffen sein: wie war das Verhältnis beider zueinander?

Wir fassen es als das zweier gleichaltriger Weggenossen, die sich gegenseitig beeinflußt haben,

Mathis den Augsburger, indem er ihn mit seinem leidenschaftlichen Feuergeist ansteckte, HoU

bein den Würzburger, indem er ihn in die technischen Feinheiten einweihte, die er auf einer

ersten Wanderfahrt rheinabwärts kennen gelernt hatte. Hätte man Werke Grünewalds zur

Hand, die in der Zeit entstanden wären wie Holbeins Frankfurter Tafeln für die Dominikaner

— eine Kreuzigung, die, nicht wie die Basler, von dem späteren Meister überholt und „aus=

gebaut" wurde — so ist es für jeden, der sich in die Kunst Grünewalds versenkt hat, ganz

unmöglich, sich vorzustellen, dal) solche Werke den gleichen Grad von Befangenheit sollten

gezeigt haben, wie die Holbeinischen Arbeiten es trotz aller Erregtheit tun. Denn diese sitzt

Mathis im Blute,- bei Holbein ist sie von aul)en hineingetragen. Mathis Frühwerke müssen den

dämonisdien Zug seiner großen Kunst von allem Anfang an getragen haben, und ihre Leiden«

sdiaftlichkeit ist von der Art der Pollak und Brauer, malerisch aber bereits von einer Freiheit

in Aufbau und Farbe, wie wir sie von der Münchner Verspottung rückschließend nur ahnen

können.

Mathis hielt sidi gegen Ende der 1400 in Aschaffenburg und Mainz, vielleicht auch schon in

Frankfurt auf: das ist unsere Afwaßme. Hier lernte er die Einflüsse, die von Flandern über

den Rhein eindrangen, kennen und wurde dann von Holbein, den er vielleicht auf dessen erster

(ebenfalls nur auf Schlüssen beruhenden) Rüdtfahrt vom Niederrhein antraf, mit nach dem

Süden Deutschlands genommen ^'\

Die Stätte, die er aufsuchte, und die bereits mit vielen Fäden künstlerischen Einschlags mit

Würzburg verknüpft war, ist Ufm. Abgesehen von den Beziehungen, die im Laufe unserer

Untersuchung mehrfach hervortreten, sind es besonders drei Umstände, die den längeren Aufent;=

halt des Meisters Mathis in Ulm für uns höchst wahrscheinlich machen:

\. Die blühende Holzschnitzerei Schwabens und Ulms mußte für den aus Würzburg kommen^

den Künstler, wo Riemenschneider seine Tätigkeit zu entfalten begonnen hatte, eine große An-

regung bilden: sie zeigt sich im Isen'heimer Altar, dessen Aufbau auf Ulmer Vorbild beruht,

wenn nicht gar Ulmer Schnitzer unmittelbar dabei beteiligt sind.

2. Ulm war vor allem der glänzendste Mittelpunkt der Glasmalerei der Zeit in Deutsdiland,-

es kam also in dieser Beziehung Mathis Begabung besonders entgegen und bestimmte sie,

3. Ulm ist außerdem die eigentliche Wiege der Familie Neitßart.

Auf diese drei Beziehungen müssen wir noch kurz eingehen, ehe wir unsere Untersuchung zum

Abschluß bringen.

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